Skip to main content

Full text of "Zeitschrift für Bücherfreunde"

See other formats


This is a reproduction of a library book that was digitized 
by Google as part of an ongoing effort to preserve the 
information in books and make it universally accessible. 

Google“ books 

https://books.google.com 




Google 


Über dieses Buch 

Dies ist ein digitales Exemplar eines Buches, das seit Generationen in den Regalen der Bibliotheken aufbewahrt wurde, bevor es von Google im 
Rahmen eines Projekts, mit dem die Bücher dieser Welt online verfügbar gemacht werden sollen, sorgfältig gescannt wurde. 

Das Buch hat das Urheberrecht überdauert und kann nun öffentlich zugänglich gemacht werden. Ein öffentlich zugängliches Buch ist ein Buch, 
das niemals Urheberrechten unterlag oder bei dem die Schutzfrist des Urheberrechts abgelaufen ist. Ob ein Buch öffentlich zugänglich ist, kann 
von Land zu Land unterschiedlich sein. Öffentlich zugängliche Bücher sind unser Tor zur Vergangenheit und stellen ein geschichtliches, kulturelles 
und wissenschaftliches Vermögen dar, das häufig nur schwierig zu entdecken ist. 

Gebrauchsspuren, Anmerkungen und andere Randbemerkungen, die im Originalband enthalten sind, finden sich auch in dieser Datei - eine Erin¬ 
nerung an die lange Reise, die das Buch vom Verleger zu einer Bibliothek und weiter zu Ihnen hinter sich gebracht hat. 


Nutzungsrichtlinien 

Google ist stolz, mit Bibliotheken in partnerschaftlicher Zusammenarbeit öffentlich zugängliches Material zu digitalisieren und einer breiten Masse 
zugänglich zu machen. Öffentlich zugängliche Bücher gehören der Öffentlichkeit, und wir sind nur ihre Hüter. Nichtsdestotrotz ist diese 
Arbeit kostspielig. Um diese Ressource weiterhin zur Verfügung stellen zu können, haben wir Schritte unternommen, um den Missbrauch durch 
kommerzielle Parteien zu verhindern. Dazu gehören technische Einschränkungen für automatisierte Abfragen. 

Wir bitten Sie um Einhaltung folgender Richtlinien: 


+ Nutzung der Dateien zu nichtkommerziellen Zwecken Wir haben Google Buchsuche für Endanwender konzipiert und möchten, dass Sie diese 
Dateien nur für persönliche, nichtkommerzielle Zwecke verwenden. 

+ Keine automatisierten Abfragen Senden Sie keine automatisierten Abfragen irgendwelcher Art an das Google-System. Wenn Sie Recherchen 
über maschinelle Übersetzung, optische Zeichenerkennung oder andere Bereiche durchführen, in denen der Zugang zu Text in großen Mengen 
nützlich ist, wenden Sie sich bitte an uns. Wir fördern die Nutzung des öffentlich zugänglichen Materials für diese Zwecke und können Ihnen 
unter Umständen helfen. 

+ Beibehaltung von Google-Markenelementen Das "Wasserzeichen" von Google, das Sie in jeder Datei finden, ist wichtig zur Information über 
dieses Projekt und hilft den Anwendern weiteres Material über Google Buchsuche zu finden. Bitte entfernen Sie das Wasserzeichen nicht. 

+ Bewegen Sie sich innerhalb der Legalität Unabhängig von Ihrem Verwendungszweck müssen Sie sich Ihrer Verantwortung bewusst sein, 
sicherzustellen, dass Ihre Nutzung legal ist. Gehen Sie nicht davon aus, dass ein Buch, das nach unserem Dafürhalten für Nutzer in den USA 
öffentlich zugänglich ist, auch für Nutzer in anderen Ländern öffentlich zugänglich ist. Ob ein Buch noch dem Urheberrecht unterliegt, ist 
von Land zu Land verschieden. Wir können keine Beratung leisten, ob eine bestimmte Nutzung eines bestimmten Buches gesetzlich zulässig 
ist. Gehen Sie nicht davon aus, dass das Erscheinen eines Buchs in Google Buchsuche bedeutet, dass es in jeder Form und überall auf der 
Welt verwendet werden kann. Eine Urheberrechtsverletzung kann schwerwiegende Folgen haben. 


Über Google Buchsuche 


Das Ziel von Google besteht darin, die weltweiten Informationen zu organisieren und allgemein nutzbar und zugänglich zu machen. Google 
Buchsuche hilft Lesern dabei, die Bücher dieser We lt zu entdecken, und unterstützt Au toren und Verleger dabei, neue Zielgruppen zu erreichen. 
Den gesamten Buchtext können Sie im Internet unter http : //books . google . com durchsuchen. 




HHMMRhBhH 
































































































































































































































































Digitized by 



LIBRARY 

8CH00L 


































Digitized by 


Googl 



Digitized by LjOOQle 



ZEITSCHRIFT FÜR BÜCHERFREUNDE. 


Digitized by LjOOQle 



Digitized by 



ZEITSCHRIFT 


FÜR 


BÜCHERFREUNDE 


Monatshefte für Bibliophilie und verwandte Interessen. 


Herausgegeben 


FEDOR VON ZOBELTITZ. 


Achter Jahrgang. — 1904/1905. 
Erster Band. 



Bielefeld und Leipzig. 
Verlag von Velhagen & Klasing. 


Digitized by LjOOQle 







Digitized by LjOOQle 




Inhaltsverzeichnis. 

VÜL Jahrgang 1904/1905. — Erster Band. 


Grössere Aufsätze. 

Seit« 

Bass, Alfred: Die Nenien und andere Einzeldrucke zimbrischer Sprache der „Setti 


Comuni“ von Vizenza.167 

Beer, Rudolf: Zur Geschichte der Eskorial-Bibliothek. 

L Mit einem Faksimile und einem Porträt.191 

II.218 

Börckel, Alfred: Der Buchdrucker und Sprachmeister Johann Friedrich Schiller. Mit 

4 Abbildungen und einer Handschriftprobe. 58 

Degener, H. A. L.: Die Bodleian Library in Oxford. 

L Mit IO Abbildungen. 89 

IL Mit 8 Abbildungen.134 

Engels, Eduard: Die großen Deutschen Verlagsanstalten. Georg Hirth und sein Kunst¬ 
verlag. Mit einem Porträt und 18 Abbildungen.232 

Haebler, Konrad: Gedruckte spanische Ablaßbriefe der Inkunabelzeit 

UI. Mit 5 Abbildungen. 49 

Harrwitz, Max: Die Bibliothek der Marquise vom Pompadour. Mit einem Porträt ... 199 
Hirschberg, Leopold: Otto Friedrich Gruppe. Zur hundertsten Wiederkehr seines Geburts¬ 
tages am 15. April 1904. Mit 4 Abbildungen und 2 Faksimiletafeln. 28 

Kleemeier, Friedr. Joh.: Aus einem alten Buchladen . 205 

Kohn, Maximilian: Selbstankündigungen deutscher Schriftsteller in Hamburger Journalen 80 

zur Linde, Otto: Thomas Edward Brown. 71 

Meisner, Heinrich: BUchertitelmoden. 38 

Müntz, Eugen: Die Porträtsammlung des Paulus Jovius. Beiträge zur Ikonographie des 

Mittelalters und der Renaissance.120 

Perschmann, S.: Aus der Zeit des Bücher-Nachdrucks in Deutschland. 78 

von Schleinitz, Otto: Ein neu veröffentlichter Gesang zu Byrons „Don Juan".203 


63086 » 


Digitized by t^ooQie 






































VI 


Inhaltsverzeichnis. 


Seite 

Schlossar, Anton: Sigmund von Herberstein und seine „Moscovia“. Mit 16 Abbildungen io 
Schmidt, Adolf: Ein unbekannter Grolierband in der Großherzoglichen Hofbibliothek zu 


Darmstadt Mit einer Abbildung.249 

Schneider, L.: Denkwürdige Gebetbücher.163 

Schölermann, Wilhelm: Die Erziehung zur Sehnsucht Ein Beitrag zur Ästhetik des 

modernen Buches. Mit 4 Abbildungen. 81 

Ullrich, Hermann: Der Robinson-Mythus. 1 

Uzanne, Octave: Die französischen Exlibris von heute. Mit 37 Abbildungen.178 


w 


Chronik. 


Seite 

Byrons Don Juan. Herausgegeben von Emest Hart- 

ley Coleridge. (Otto v. Schleinitz). 203 

Conseotlus, Emst: Die Berliner Zeitungen bis zur 

Regierung Friedrichs des Großen. (W. G.) . 251 

Dodgson, Campbell: Catalogue of early German 
and Flemish Woodcuts preserved in the de- 


partment of Prints and Drawings in the British 
Museum. (—g.). 176 

Dfihren, Eugen: Des Marquis de Sade. „Les 120 

Journies de Sodome“ (4). 47 

Ederhelmer, Edgar: Jacob Boehme und die Roman¬ 
tiker. (E. Ebstein). 48 

Eichhorn, Carl: Geschichte der St Petersburger 

Zeitung 1727—1902. (W. G.). 252 

De Poe, Daniel: Glück und Unglück der berühmten 

Moll Flanders. (—bl—). 174 

Fachs, Eduard: Die Karikatur der europäischen 

Völker, (—bl—). 44 

Qnehtfens za Ysentorff, Hermann: Napoleon L im 

deutschen Drama. (A A) . • • .. 175 

Geiger, Ludwig: Aus Adolf Stahrs Nachlaß. (A) . 174 

Heimolt, Hans: Weltgeschichte. (H.). 210 

Hofstede de Groot, C.: Meisterwerke der Porträt¬ 
malerei auf der Ausstellung im Haag 1903. 

(—bl—). 86 

Hohenzoliern-Jahrbach, VH. Jahrgang, (—bl—). . 127 

Hfibl, Albert: Die Inkunabeln der Bibliothek des 

Stiftes Schotten in Wien, (—bl—). 131 

Mohannsen, Theodor: Die Erziehung zur Sehnsucht 

(Wilhelm Schölermann). 81 


Seite 

Jonas, Fritz: Schillers Seelenadel, (—bl—) ... 171 

Jostes, Franz: Westfälisches Trachtenbuch. (— m.) 172 
Katalog der Bibliothek Constantin Huygens* ... 175 

Kautzsch, Rudolf: Die Holzschnitte zum Ritter vom 

Turn. (—bl—). 132 

Langgttth, Adolf: Christian Hieronymus Esmarch 

und der Göttinger Dichterbund. (A K.) . . 173 

Kersten, Paul: Moderne Entwürfe künstlerischer 

Bucheinbände. (—m.). 214 

Llndner, Theodor: Weltgeschichte. (H.). 210 

Pater, Walter: Imaginäre Porträts (Emst Schur) . . 212 

Pelletan, Edouard: Almanach du Bibliophile. 1901. 

(P. Ettinger). 209 

Petzendorfer, L.: Schriftenatlas. Neue Folge. Moderne 

Schriften. (K. E. Graf zu Leiningen-Westerburg) 214 

Schaefer, Emil: Das Florentiner Bildnis. (H.) . . 216 

Schm Id, Ulrich: Otto von Lonsdorf, Bischof von 

Passau. 1254—65. (E. G.). 176 

Schulze, Berthold: Neue Studien über Heinrich 

von Kleist. 170 

Stfimke, Heinrich: Hohenzollerafürsten im Drama. 

(A A). i 74 

Thomae, Walter: Der ehemalige Hochaltar in der 

Karmeliterkirche zu Hirschhorn a. N. (H.) . . 216 

Vespuccl, Amerigo: Mundus novus. Ein Bericht an 
Lorenzo de Medici. Herausgegeben von Emil 
Samow und Kurt Trübenbach. (—bl—)... 132 

Williamson, R. M.: Bits from an old Book Shop. 

(F. J. Kleemeier). 205 

Wukadlnovlc, Spiridion: Kleist-Studien, (—bl—) . 170 


(XX&D 


d’Annunzio, Gabriele: Gesänge. (—m.). 254 

Berichte der Kommission zur Erforschung der Ge¬ 
schichte der Kunst in Polen. VH # 3. (P. E.) 216 
von Biedermanns Goethe-Bibliothek. (—pf.) ... 252 

Bjömson, Björastjeme: Aroljot Gelline. 171 

Boccaccios Dekameron, deutsch von Schaum^—bl—) 171 

Der Buchdrucker und Sprachmeister J. F. Schiller. 

(M. M.). 211 

Bredt, E. W.: Katalog der mittelalterlichen Minia¬ 
turen des Germanischen Nationalmuseums, 
(—bl—). 254 


Brockhaus’ Konversations-Lexikon. Bd. 14—16. (A) 85 

Browning, Robert: Auf dem Balkon. (—m.) ... 171 

— In einer Gondel (— m.). 171 

— Tragödie einer Seele. (—m.). 171 

— Pippa geht vorüber. (—m.). 171 

Englische Prachtwerke über Kunst. (M.) .... 88 

Forbes-Mosse, Irene: Peregrinas Sommerabende. 

(—m.). 172 

Geibel, Emanuel,und Paul Heyse: Spanisches Lieder- 

buch. (—g.).• . 173 


Digitized by LjOOQle 






































Inhaltsverzeichnis. 


vn 


Seite 


Haebler, Konrad: Bibliografla Ibdrica del Siglo XV. 

(—bl—). 254 

Haebler, Konrad: Sammlung bibliothekswissenschaft¬ 
licher Arbeiten. Bd. 17. (—bl—). 253 

Hamsun, Knut: Königin Tamara. 171 

Hartleben, Otto Erich: Liebe kleine Mama ... 171 
— Von reifen Früchten. Meiner Verse 

zweiter Teil. 171 

Hedin, Sven: Im Herzen von Asien. (L.) .... 174 

Hertz, Wilhelm: Gesammelte Dichtungen. (—g.). 173 

Holzschuh er, Hanns: Maria, Traum einer Liebe. 

(—m.). 216 

Janke, Otto: Verlagskatalog, (—bl—). 215 

Kantorowicz, Hermann U.: Goblers Karolinen-Kom- 

mentar und seine Nachfolger. (—bl—) ... 254 

Katalog der Ausstellung des deutschen Reichs auf 

der Weltausstellung in St. Louis, (—bl—) . 128 

Klimschs Jahrbuch. (-g-). 131 

Meister klassischer Kunst. Raffael und Rembrandt. 

(-*). 88 

Meyers Großes Konversations-Lexikon. Bd. 4—5 

(A). 86 

Mitchells, William: Geschenk illustrierter alter Druck¬ 
werke an das British Museum. (O. v. Schleinitz) 84 

Münchener Gold- und Buntpapiere nach Entwürfen 

von Otto Hupp. (—m.). 213 


Seite 

Poeschel, Carl Ernst: Zeitgemäße Buchdruckkunst 


(—“0. 214 

Prdvost, Marcel: Brautnacht. 171 

Raabe, Wilhelm: Erzählungen. 48 

Reichsdruckerei, die Kaiserlich deutsche, auf der 

Weltausstellung zu St Louis, (—bl—).... 129 

Rem er, Paul: Das Ährenfeld. 256 

Schillers sämtliche Werke. Herausgegeben vonEduard 

von der Hellen. (—bl—). 170 

Siewers, W.: Süd- und Mittelamerika. (4) • . . . 255 

Siögren, Arthur: Maskros. (— m.) ....... 130 

Sohnrey, Heinrich: Die Dorfmusikanten. (L.-W.). 256 

Stammbuch für die Freunde von Velhagen & Kla- 

sings Monatsheften .. 255 

Sverdrup, Otto: Neues Land. (L.). 174 


Verhaeren, Emile: Ausgewählte Gedichte. (—m.) 254 

Viebig, G: Das schlafende Heer. (—bl—) ... 131 

Wiener, Oskar: Balladen und Schwänke. (Sg.). . 214 

Wilde, Oskar: Die Ballade vom Zuchthause zu 
Reading, von C. 3. 3 in Memoriam G T. W. 
Weiland Reiter in der Königlichen Leibgarde, 


hingerichtet in Ihrer Majestät Gefängnis am 

7. Juli 1896. (—m.). 130 

Wilde, Oskar: Das Granatapfelhaus. (—m.) ... 172 
Whitman, Walt: Grashalme, übersetzt von Wilhelm 

Schölermann ... .. 256 


(XXSD 


♦Exlibris von Frl. Dolly Friedeberg. (—bl—) . . 131 

♦Exlibris von Franz Stassen. 256 

♦Exlibris von Marie Stüler-Walde, Joseph Sobainsky 

und J. von Dutczyska. (— m.). 88 


Kerstens neue Kunsteinbände. (A.)....... 43 

Miniaturen: Zur Herstellung der mittelalterlichen 

Miniaturen. (M.M.). ... 211 




Beilagen. 

'^Aadrd, Henry: Exlibris Cb. Onlnot. 

Vornderschaftsbrief des Montserrat-Klosters... 

woello: Philipp II. König von Spanien. Nach dem Gemälde im Berliner Museum . . 

vtoartry, Cb.: Exlibris Heniy Livläre. 

«Faksimile des Gedichtes „Vaterland“ in der Handschrift des Dichters 0. P. Groppe . . 

vdansen, Cornelias: Sir Thomas Bodiey... 

«uohanisen, Theodor: Zwei Vollbilder aas „Die Erziehung zar Sehnsucht“. 

vLancret, Nicol: Le Printems. 

VjSchiafelin, H.: Drei Soldaten. 

^Titelblatt der Obersetznng J. P. Schillers von Hawkesworths „Geschichte der Seereisen“ 
v^Voowerman, Ph.: Das Peldlager . 


(S. 180—181) 
(S. 56-57) 
(S. 192-193) 

(S. 184—185) 
(s. 36- 37) 
(S. 92- 93) 
(S. 82- 83) 
(S. 248-249) 
(S. 232-233) 
(S. 58— 59) 
(S. 240-241) 


Beiblatt 

Zu Heft 1—6. Mitteilungen der Gesellschaft der Bibliophilen — Rundschau der Presse von Arthur L. Jellinek — 
Rundfragen — Kleine Mitteilungen — Vom Antiquariatsmarkt — Von den Auktionen — Kataloge — Anzeigen. 


Digitized by LjOOQle 







































Schlagwort-Register 

zur 

Zeitschrift für Bücherfreunde 

VDL Jahrgang 1903/1904 

Band L 

w 


Die kursiv gedruckten Zahlen verweisen auf das Beiblatt. 


A. 


Ablaßbriefe 49 ff. 

Adelung. F. ix. x8. 

Alba, (Herzog) 23 x. 

Alboin 31. 

Aldegrever. H. 246. 

Aldus 109, 250» 

Alexander VI. 5a. 

Alfons X. 193, 222 f. 

Allen, Thomas X35. 

Almanache IV, 8. 

Almanach du Bibliophile 209. 
dell’ Altissimo, Christoforo X24. 
Amman, Tost 240^ 24X. 

Andrt, Henry 178, X79, x8o, 
180/181, x86, X87, x88. 
d'Annunzio, Gabriele 254. 
Antonio, Nicolas 223. 

Apianus. Petrus 225. 

Apout 189. 

Appel. Karl 222. 

Apringius 219. 

Aratus 2x9. 

Arbuthnot, John 2. 

Aretino 124. 

Ashbee, H. J. 183, 187. 
Astronomie 225. 

„Athenaeum“ a, axx. 

Audevoud, £. 190. 

Ausstellungen xa8; /, 74 V, 7. 
Autographen III, 6, 7; /K, 9. 
de Avila, Gaspar 57. 


B. 


Bandinel, Bulkeley 1*7. 
Barloesius, Georg 250. 
Barlow, Thomas 137, X56. 


Besehet, Armand 182. 

Baß, Allred 167 ff 
Bastille 46. 

Bauer, Friedr. X31. 

Bayer, Pirez 221, 223. 

Beattie, Dr. 5. 

Becket, Thomas 91. 

Beer, Rudolf 191 ff, 2x7 ff 
Beethoven ///. 6. 

Beham, Sebald 85. 

Behrens, Peter X29, 246. 

B6raldi, Henri 184. 

Berceo, Gonzalo 22X. 
v. Berlepsch-Valentins, H. E. 129. 
Berlin 28, 251. 

Berliner Kalender 37. 

„Berliner Staffelte“ 3a 
Bibliographisches xoff 254. 
Biagi, Guido 249. 

Bibel 244. 

Bibliothekare 156. 
Bibliothekswesen 89 ff, X33 ff 
19t ff 199 ff 2x7 ff 252, 253. 
v. Biedermann, Wold. 252. 
Bjömson, Bjömstjerae X7X. 
Bindesböll, Theodor 246. 
Bismarck 45; /, 7, IV, 8. 
Bobertag, 0 . II, x. 

Boccaccio X2X, 17z, aox. 

Bode, Joh. Joach. Chr. V, x. 
Bodleian Library 89 ff 133 ff. 
Bodley, Thomas 91, 92, 92/93, 97. 
Boehme, Jacob 48. 
Boektryckeri-Kalender /, 7. 
Bonaparte, Prince Roland 186. 
Bonaventura II, x, 2; IV, 2. 
Börckel. Alfred 58 ff, 2x0. 
Boemer, C. G. /, 6; //, 7} IV, 6. 
Bois, Hans 233. 

Bouvenne, A. 180, x8x, 182, 185, 
x86. 

Bovet x88. 

Bowles, Joseph 157. 


Bowyer, George 14a. 

Brachmann, Luise III, 2. 

Brant, Sebastian xsx. 
Braquemond x8x, 184. 

Braun, Julius III, 2. 

Breda 230, 2ix. 

Bredius, A. 87. 

Bredt, E. W. 254. 

Breslauer & Meyer V, 7. 
v. Bretschneider, E. G. V, x. 
Breydenbach 85. 

Briefe 28, 33: IV, 8. 

British Museum 84 £ 176} III, 7. 
de Brocar, Amad Guillen 51. 
Brockhaus, Konversationslexikon 
85 . 

Brown, Thomas Edward 7z ff 
Browning, Robert 17z. 
Bruderschaftsbriefe <5, 56/57. 
Bruno, Giordano IV, x. 
Buchästhetik 8xff 
Buchdruckergeschichte 78. 
Buchdruckerkunst 2x4. 
Büchereinbande 43 f, xo$, 15z, 
2x4. 2x9 ff; II, 7- 
Bücherliebhaber 203. 
Bücherpreise 88, 200, 206 f. 
Büchersammler 3. 
Büchertitelmoden 38 ff 
Buchhandel 78, 205 ff. 
„Buchhändlerzeitung" 80. 

Buchverzierungen 24x, 

Buffon 20 x, 

Buntpapiere 213. 

Bunyan, John III, 6. 

Bürger, Gottfr. Aug. 8x. 
Burgkmair, H. 235. 

Burgund 230. 

Bums, Robert 207. 

Burton, Robert 135. 

Butsch, J. F. 241. 

Byron 2038! 


c. 

Calmette, F. 187. 

Campe 80. 

Canonici, Matheo Luigi 1x6. 
Capon, Gaston 47. 

Casanova 182. 

Gf. Castiglione 250. 

Castilion, E. x8z. 

Caxton 138, X49. 

Celtes, Konrad 84. 

Chalmers, G. 2. 

Chapront, H. 189. 

Chats noirs 184. 

Cid 220. 

„Ciudad de Dios** 5X. 
de Claye, A. II 7. 

Cohnfeld, A. 44. 

Coleridge, Eraest Hartley 203 ff. 
Coligny (Admiral) 164. 
Consentius, Emst 25z. 

Copp 4 e, Franc. 180, x8z. 
Copyright Act xxi. 

Cortes, Ferdinand 123. 

Cotta, Chr. Fr. 6x. 

Coureau 187. 

Courtry, Ch. 184/185. 

Cousin, Jean 165. 

Coxe, Henry Octavius X50, X58. 
Cranach, L. 85. 243. 
Cruzada-Bullen 49. 


D. 

Dante X2x. 

Darmstadt 240 ff 
Defoe, Daniel xff 174, 206. 
v. Defregger, Franz 252. 
Degener, H. A. L. 89 ff, 133 ff. 


Digitized by LjOOQle 



II 


Schlagwort-Register. VIIL Jahrg. Bd. L 


Delisle, Löopold 19t, 2x9. 
Demengrol, C. 183. 

Demetnus 37. 

„Deutscher Merkur** 42. 

Dibdin 7. 

Dichter-Gedächtnis-Stiftung /, 8. 
Digby, Kenelm 214. 
Dissertationen xxi. 

Dodgson, Campbell 176. 
Dodsworth, Roger 136. 

Don Juan >030: 

Don Quijote ssx. 

Dorbon, L. 189. 

Dreifarbendruck /, 7. 
Druckpreise xxo. 

Dühren. Eugen, 46 ff, 

Dumas, Alex. //. 7. 

Dumont, M. 190. 

I>«w «4. *39» *43- 
v. Dutczyska, J. 87. 

Dziatzko. Karl 253. 


E. 


Ebstein, E. 48. 

Eckmann, Otto 246. 

„Economist** 9. 

Ederheimer, Edgar 48. 

Ehmke, F. H. 256. 

Eichhorn, Carl 252. 

Einzeldrucke 167 ff 
Eliot, George 74. 

Elisabeth, Königin 99. 

Ellis, Henry s. 

Encyclopaedia Britannica 5. 
Engels, Eduard 232 s 
England 88. 

„Englishman, The** 2. 6. 
Entkrist //, 6. 

Erziehung zur Sehnsucht 8x ff 
Escorial 51, 191 ff, 2x7 ff 
Escoube, Dr. 18«. 

Esmarch, Chr. Hieron. 173. 
Estienne, Robert 123. 

Ettinger, P. 2x0. 2x2. 

Eugen (Prinz) 84; IV, 2. 

Ewald, Paul ax8. 

Exlibris 22, 23. 25. 26, 84, 85, 86, 
87. 88, xsS, 177 ff, 255; V, 7. 


Gambetta. L6on 182, 189. 

Ganre, Christian 2xx. 

Gautier, Th. x8x, 185. 

Gavarni x8o, x8x. 

Gebetbücher 264 ff 
Gedon, Lorenz 236. 

Gehrts, Johs. 172. 

Geibel, E. X72, X73. 

Geiger, Ludwig 274. 

Geißler, P. 8. 

Gellius, Job. Gottfir. V, 1. 
„Gentleman's Magazine** 5, 9. 
Geoffroy, A. X79. 

Germanisch. Nationalmuseum 254. 
Gesellschaft der Bibliophilen 
/, x; ///, l; IV, x. 
„Gesellschafter** 30. 

Gesner, Andreas xax. 

Gewey, Franz Xaver //, x ; ///, 2. 
v. Ghelen 79. 

Ghirlandaio, D. 120. 

Gildon, Charles 4, 8. 

Godwin, Charles X42. 

Goldsmith, O. III, 7 j IV, x; V , 
x, 6. 

de Goncourt, E. und J. 180, 181. 
Gonzalez, Feman 222. 

Goethe 37, 252* III. 6; /r, 8. 
Göttinger Dichterburg 173. 
Gottmann, Ernst 2x6. 

Gough, Richard X42. 

Gower, John 293. 

Götz, Job. Nicol. / V, 8. 

Goeze, Johann Melchior 80. 

Gral 224. 

Grasset, Eugen 209. 

Graux, Charles 191, 2x8. 
Grillparzer III, 6. 

Grolier 249®, 

Grob, Christ. Friedr. 252. 
de Grouchy 249. 

Gruppe, Otto Friedrich s8ff 
Gubitz 31. 

Gu£rin 181. 

Guinot, Ch. 180/181. 

Gulbransson, Olaf X7i. 

▼. Günderode, Karoline 37. 
Gutzkow, Karl 28, 29. 


H. 


Hoogstraeten 230, 231. 
Hopf, A. 44. 

Horner, E. III, 2. 
Hoernle, A. F. R. 146. 
Horoskop 220. 

Hübel, Felix 212. 

Hübl, Albert X31. 
Hudson, John 156. 

Hugo, Victor x8t. 
Hultichius X2i. 

Hultzsch, E. 1x8. 
Humphrey, (Herzog) 93. 
Hupp, Otto 213. 

Huygens, Constantin 175. 
Hy de, Thomas 156. 


I. 


Ich-Romane 9. 

Ildefonso 2x8. 

Illustration 242. 

Illustrierte Bücher 84 c 
Inkunabeln 49®, 13z, 254 t II, 6 
Isidoras 2x8. 


J- 


Jaeckel, M. V, x. 

I akobe, Herzogin in Bayern /, x 
am es, Isaac 5. 
ames, Thomas 205, xxo, 156. 
anke, Otto 215. 

ellinek, A. L. /, 2; //, x. a; ///. 
a; IV. 2 $ V . x, 2 { VI. 2. 

i ohannsen. Theodor 8xff 
ohnson 63. 
onas, Fritz X7X. 
ones, R 137. 
ostes, Franz 172. 

„Journal des Luxus und der Mo¬ 
den** 42. 

Jorius, Paulus X2off. 

Juan II. 294, 224. 

„Jugend** 246. 

Julius II. 57. 

Junge, Dr. III , 2. 


F. 


Fairfax, Thomas 136. 

Faksimile 58/59. 232/233, 240/242. 
Fanias-Claret 179. 

Farbendrucke 209. 

Feutry 2. 

Firdusi 31. 

Flinders-Petrie, W. M. 146. 
Florenz 216. 

Frh. v. FÖlkersam. A. 2x2. 

Ford, J. W. III. 7. 
„Formenschatz** 238. 

Förster, Reinhold 62. 

France, Anatole 187. 

Francesillo, Don 227. 

Franklin, Benj. 67. 

Frankreich 177 ff. 

Freund, K. III, 2. 

„Frey- und Anzeigungs- Nach¬ 
richten** 252. 

Friedeberg, Dolly 130, 132. 
Friedrich 1 . 228. 

Friedrioh d. Gr. 47; II. x. 
Friedrich Wilhelm d. gr. Kurf. 
228, 165. 

Friedrich Wilhelm I. 128. 
Frischmann, Christoph 251. 
Frimmel, Theodor 2x9. 

Fröhlich, Max 256. 

Frühdrucke 206. 

Fuchs, Eduard 44. 

Fulrio, Andrea 121. 

Furby 250. 

Furney, Richard 141. 

Fysher, Robert 157. 


G. 


v. d. Gabelenz, Chr. Fr. 59. 
Gachard, 23X, 

Gaehtgens zu Ysentorff, Hermann 
*75- 


Haebler, Konrad 49®, 253, 254. 
Haco, Matthias 220. 

Hager, Julius 2x4. 2x5. 
Hainhofer, Philipp 251. 

Halber, A. 183, x88. 

Hals, Franz 87. 

Hamburg 80 f, 229. 

Hamilton, Lady III. 7. 

Hamsun, Knut i7X. 

Handschriften 36/37, xu, xgxff. 

217ffj /A 6; III, 7; V. 6. 
Harleian Library 3. 

Harley, Robert 2. 

Harrwitz, Max 299 ff; II. n V.’i. 
Hartleben, Otto Erich X7X. 
Haude, A-, u. J. C Spener 58/59. 
Hawkesworth, Johann 58/59. 
Hearne, Thomas 240. 

Heberle, J. M. II. 6. 

Hedin, Sven 174. 

He*el 30, 38. 

Heiltumsbnefe 51. 

Heine, Th Th. 172, 246. 

Heitz, J. H Ed. 232. 

Held, Heinrich II. x. 

Helmolt H, 2x0. 
von der Heist, Barth. 87. 
v. Herberstein, Sigmuna xoff 
Hermes, Joh. Timoth. 38. 
Heroldscne Buchhandlung 80. 
Hertford, Lord 96. 

Hertz, Wilhelm 173. 

Heures 164. 

Heyse, P. 172, 173. 

Hirschberg, Leopold 28 ff. 
Hirschfeld, C. C L. V. 1. 
Hiersemann, Karl W. 49. 

Hirth, Georg 232® 

Hoffmann, E. T. A. II, s. 
Hofsteede de Groot, C. 86. 
Hohensollernfürsten 174. 
Hohenzollern-Jahrbucn 227. 
Holbein 84. 243. 

Holloway, Benj. s. 

Holzhauer, Der. II, x. 
Holzschnitte 176. 

HoLzschuher, Hanns 2x6. 


K. 


Kalender II, 7. 

Kantorowicz, Herrn. A. 253. 

/. 7 t /*. *0. 


225. 

Karl d. Kühne 225. 

Kataloge X28, 232, 251, 199, 2x5, 
227. 

Kaulbach, Wilhelm 44. 

Kautzsch, Rudolf 132. 

Keller, Gottfr. III, 6. 

Keller, Ludwig 227. 

Kersten, Paul 43, 44, 45, 46, 47, 
48, 214. 

Kerver, Thielemann 165. 
de Keyser, Thomas 87. 
Kilmarnock 207. 

Kipling, Rudyard 72. 

Kirman, J. 178. 

Kleemeier, F. J. 208. 
v. Kleist, Heinrich 27a 
Klemt, R. III, 2. 

Klimschs Jahrbuch 23s. 
Klinkhardt, Jul. I, 7. 

Klopstock 79, 80. 

v. Knebel, Karl Ludwig II, x. 

Koberger 85. 

Kohn, Maximilian 80 f. 
Konzil-Akten 219. 

Kopisch, Aug. V, x. 

Koran 135. 

Körner, Chr. Gottfr. 63. 

Körner, Theodor III, 6. 
Korrekturbogen V. 6. 

Kosch, W. IV, x. 

Koser, Reinhold 127. 
Kostümbibliothek /, 7. 

Kreisler, E. III, v, 

„Kreuz-Zeitung** 30. 

Krieger, Bogdan 228. 


Karikaturen 44 f; 
Karl (Kaiser) 32. 
Karl II. xo 5 . 

Karl V. 194, 220, 
Karl VI. 294. 


von Kügelgen, Gerhard IV. «. 
Kürschner,Josef/,6; //, 7; IV, 6 . 


L. 


Lachmann, Karl 28. 

Langbaine, Gerard 235. 
Langguth, Adolf 173. 
v. Laubmann, Gebeimrat I, 2. 
Land, William 134. 

Leb&que, L. 177, 184. 

Leder V, 7. 

Le Gros 182, 189. 

Gf. zu Leiningen-Westerburg, K 
E. 2x4. 

Lenz, Reinhold 38. 

Lepage, A. 180. 

Le Roux de Lincy 249. 

Lessing 38. 

Lieb ermann, Max 245. 
Liepmannssohn, Leo III, 6. 
Lilien, E. M. 254. 
zur Linde, Otto 72® 

Lindner, Theodor 2x0. 

Li vifere, Henry 184, 184/185. 
Lockey, Thomas 156. 
v. Logau, Friedrich /, x. 
v. LonsdorL Otto 176^ 

Lopez de Mendoza, Iniqo 22x. 
Lorentz, Tohaim 252. 

Lossar, f. II, x. 

Loewe, Karl 35. 

Löwenthal, Karl 28. 

Ludwig II. 234. 

Luise (Königin) III, 6. 

Luise Henriette xa6, 165. 
Luschner, Juan 54. 

Luther 78; III, 6. 


M. 


Macaulay 3, 6. 

Mailand 229. 

Mainz 66 ff. 

van Male, Wilhelm 225. 

Malone, Edmund 243. 

Mameranus. Nikolaus 220. 

Mann (Insel) 72. 

Manrique, Jorge 220. 

Maria Stuart 166. 

Marsh, N. 137. 

Marshall, Thomas X37. 

Martin, E. 190. 

Martin, Henri 211. 

Mason, Robert X45. 

Masse x8x. 

Maurenbrecher, Wilhelm 227. 
Ma x i m ilian I. 22, 243. 
v. Medici, Katharine 164. 
de Medici, Lorenzo 132. 

Meisner, Heinrich 38. 

Menzel, Adolf 172, 173. 
de M6rona, Henpr x86. 

„Mercure franpais" 42. 
de Merton, Walter 91. 

M6ry de Vic 252. 

Messias 80. 

Metg, F. 78. 

Meyer, Conr. Ferd. III, 6. 

Meyer von Waldeck 252. 1 
Meyers großes Konversations- 
Lexikon 86. 

Michel, Hermann IV, 2. 
Minde-Pouet, G. II, x. 

Miniaturen 215,2x7 ff, 254; III, 7. 
Miniaturen (Technisches) 2ix. 
Mirabeau 47. 

Mitchell, William 84 f. 

Molüre 20a 

Moeller-Bruck, Arthur 274. 
Montano, Arias 230. 

Montez, Lola 44. 

Montserrat 52, 53 ff. 

..Moscovia** xoff. 

Moye, Marie 178. 

Müller, Gerh. Friedr. 202. 
Müller (Maler) IV, 8. 

München 2x7, 234. 

„Münchener Neueste Nachrich- 
ten** 234. 

Müntz, Eugen xaoff. 

Musen-Almanach, deutscher 37. 
Musikalien 150. 

Muther, Richard 234, 239, 242. 
van Muyden, E. 286, x88. 


Digitized by LjOOQle 



Schlagwort-Register. Vm. Jahrg. Bd. L 


III 


N. 


Nachdruck 4, 7, 78 ff, 8a 
Nagonius, J. M. 2x9. 
Napoleon L 175.' 
Napoleon IIL 45. 

Nauck, Wilh. 30, 32. 
Nelion III, 7. 

Nenien 167 ft 
Nero-Dramen IV, 2. 
Niep ca, Leopold 2x3. 
Nietzsche ///, 6. 

Ninus 37. 

de Nolhac, Pierre 191. 


o. 


Oldy«, Willum j. 

Olive, E. x8x. 

„Original London Post 4 * 7« 
Orsini, Virginio X23. 
d’Orville, f. Ph. xx6. 

Otto von Wittelsbach 37. 
Ovid 109. 

Oviedo «x. 

Owen, Humphrey 157. 
Oxford 89 ff, X33ff 


p. 


Päez de Castro, Juan 194. 

Pagel, Jul. Leop. 47. 

Palleske, Emil 71. 

Pamplona 51. 

Papyrus 146. 
de Passe, Crispin 242. 

Pasternak, L. 2x2. 

Pater, Walter 2x2. 

Paulus Jovius 120 ff. 

Pawluch, j. V, x. 

Pelletan, Edouard 209. 
Pembroke, W. H. 134. 

Penn, Wilhelm 67. 

Penchmann, S. 78 f. 

Perthes, Justus 234. 

St. Petersburg 252. 

Petrarca xao. 

Petzendorfer, L. 213. 

Peudnger 84. 

Philipp II. 191, 192/293, 2x8, 225. 

Picard, Abel x88. 

Pidal, Ramön Menendes 222. 
Piglbeim, Br. 245. 

Pincebourde, Ren6 184. 
Pirkheimer 84. 

Plinius 229. 

Polen 215. 

v. Pompadour, Marquise 199 fr. 
Pope 3. 

Porträts xo, 20, 28, 92, 92/93, 
120ff, 20X, 232, 242. 
Porträtmalerei 86. 
Porträt-Sammlung xaoff. 
Porzellan I, 7. 

Poeschel. Carl Emst 2x4. 
Poulet-Malassis x8i, 184. 
Prachtwerke über Kunst 88. 
Privost, Marcel 17j. 

Price, John 157. 

Price, Philip xo6. 

Purves, W. Laidlaw 2, 7. 


R. 


Racine 200. 

Radcliff-Camera 140, 141. 
Raffael 88. 


Raisin, Fr. 182, 183, x86. 
Ravenna 166. 

Rawlinson, Richard 138. 
R.-Drucker 233. 

Reich, Ph. E. 79. 
Reichsdruckerei X29. 

Reidel, Leo IV, x. 

Reinick, Robert 31. 

Reklame, künstlerische 255. 
Rembrandt 87, 88, 139, 237. 
Reimer, Paul 256. 

R6tif de la Pre tonne 46. 

Richard III. 95. 

Richardson, Samuel 41. 
Robertson, Wilhelm 00, 63. 
Robin, L. 290. 

Robinson Crusoe 8a 
Robinson-Mythus x ff. 

Roe, Thomas X34. 

Rogers, Woodes 5. 

Roman de la Rose 121, 20a 
Romantiker 48. 

Rops, Fllicien 285, 287. 
Rosenbach, Johann 54. 
Rosenthal, Tacques 54. 
Rosenthal, Ludwig II, 6. 
Rosenzweig, Leo II, x. 

Rosner, Karl 24X. 

Rouse, John x<6. 

Rüdiger, Joh. Ändr. 252. 

Ruiz, Juan 2*2. 

Rundschau der Presse /, 2; II, 
2} ///, 2} IV, 2} V, 2 i VI, 2. 
Runge, Christoph 252. 

Rusch. Adolph 253. 

Rußland xo ff 

Ryser, Jevrius 234. 

van Rysselberghe, Th6o 254. 


s. 


de Sade, Marquis 468! 

Sanskrit 146. 

Sarcey, Fr. X82. 

Saraow, Emil X32. 

Satiren 30. 

Savonarola xax. 

Scaliger, Joseph Justus 41. 
Schaefer, Emil 216. 

Schäufelin, H. 232/233. 

Schedel 121. 

Schelling, F. N. J. II, x. 
Schercke, Else 254. 

Schiller 58 ff, X70, 172 j III, 6. 
Schiller, Johann Friedrich 58 ff, 

2X0 

v. Schleinitz, O. 85, 203. 
Schlossar, Anton xoff 
Schmidt, Adolf 249 ff 
Schmidt, Julian 7. 

Schmid, Ulrich X76. 

Schneider, Alfr. 253. 

Schneider, F. 58. 

Schneider. L. 164 ff. 
Schölermann, Wilhelm 8xff, 130, 
256. 

Schotten 231. 

Schriftenatlas 2x3. 

Schroedter, Ad. 33. 

Schubert, K. E. III, 2. 
Schüddekopf, C, /, x; III, x; 
IV, x. 

Schulze, Berthold 170. 
Schumann, Robert 35. 

Schur, Ernst 2x3. 

Scott, Walter 206. 
Scriblerus-Club 3. 

Seidel, Paul 227. 

Seitz, Franz 236. 
Selbstankündigungen 80 ff 
Seiden, John 23$. 

Selkirk, Alexander 2, 3, 5. 


Semiramis III, 2. 

Seneca 223. 

Sezession 245. 

Shakespeare X09,147, 206; III, 6; 

Shelley xa6. 

Sievers, W. 255. 

Simankas 23a 
Simrock, Karl 30; II, 6. 

Siögren, Arthur 130. 

Smith, Adam 63. 

Sobainsky, Joseph 87. 

Sohnrey, Heinrich 256. 

Solar, Felix 182. 

Soliman (Sultan) 13. 

Solis, Virgil 243. 

Sophiens Reise 38. 

Sotheby V, 6. 

Spanien 49 ff, 254. 

„Spectator** 2. 

Spener, J. 58/59. 

Spielkarten 24a 
Springer, Anton 234. 

Stahr, Adolf 174. 

Stammbücher II 7. 

Stassen. Franz 129, 232, 255, 256. 
Stationen Company ixx. 

Steele, Richard 2, 6. 

Stein, Leopold 224. 

Steinhövel, Heinrich 171. 
Steinmeyer, Prof. /, 2. 

Stern, J. I, x. 

Stieglitz, Charlotte 37. 

Stillte, Georg 128. 

Stimmer, Tobias X25, 243, 244. 
Stockdale, John 2 
Strakosch, Gust. 225. 

Studenten IV, x, 2. 
Stüler-Walde, Marie 84, 85, 86. 
Stümcke, Heinrich 174. 
Sunderland, Lord 2. 

Sverdrup, Otto X74. 

Swift, Johnatan 2, 3. 


T. 


Tanner, Thomas J. 237. 
„Tatler“ 2. 
von Tattner 78. 

Teniers, D. 236. 

Teschner, Richard 2x4. 
Thackeray III, 6. 
Theatergeschichte IV, 9. 
Therhoemen, Arnold 39. 
Theudelinde 31. 

Theuerdank 193, 226. 

Thiele, Georg 2x9. 

Thoma, Hans 253. 

Thomae, Walter 2x6. 

Thomas a Kempis X93 j III, 6. 
Thorpe III, 6. 

Tiemann, Walter X71. 
Titelblätter 241. 

Titelmoden 38 ff. 

Tizian 122. 

Toledo 57. 

Tory, Geoffroy 223. 

Totentanz 84. 

Totenzettel 167. 

Trachten 272, 242. 

Trelawny, Edw. John 204. 
Trübenbach, Kurt 132. 

Türck, Hermann 256. 


v. Uhde, F. 245. 

Uehlin, H. IV, x. 

Ullrich, Hermann xff{ IV, x. 
„Unpartheyischer Correspon- 
dent** 80. 

Unterschrift 65. • 

Uzanne, OcUve 277 ff 


V, 


Vasari, Georg 121, 123. 

Vassan, Johann u. Nicolaus 41. 
Vaudeville III, 2. 

Vazquez, Juan 49. 

„Velhagen & Kinsings Monats¬ 
hefte“ 252. 

Venus and Adonis 135. 

Vergil 250. 

Verna er en, Emile 254. 
Verlagskatalog 2x5. 

Veraon, Edward X37. 
Vescovi-Slege, Julius X67. 
Vespucci, Amerigo 232. 

Viebig, Clara 129, 13t. 
de Vinne, Low 39. 

Vischer, G. M. xx. 

Vizenza 167. 

Vogeler, Heinrich 17a. 

Voigt, Georg 220. 

Voigt, Paul 129. 

Voltaire 47, aox. 

Voß, Isaak ax. 

Voß, Joh. Heinr. 80. 

„Vossische Zeitung** 28, 38, 252. 


w. 


Richard III, 6j IV, 8 


Wasserzeichen I~f, 7. 

Wassilij Iwanowitsch 16, za 
Watson 9. 

Watteau, Ant 234; III, 6. 
Weidmanns Erben 62, 
Weisgerber, A. 2x6. 

Wellington III, 8. 
Weltgeschichte 222. 

Weltrich, Richard 58. 

Wemicke, Chr. I, 2. 
Westfälisches Trachtenbuch 17a 
Wharton, Thomas 2. 

Whately 8. 

Whitman, Walt.256. 

Wien 227. 

Wienbarg, Ludwig 28, 29. 
Wiener, Oskar 214. 

Wilde, Oscar 230. 

Wilhelm I. 128. 

Williamson, R. M. 205 ff 
Willis, Browne 142. 

Wilson, W. 5. 

Witkowski, G. /. 2. 
Wohlgemuth 85. 

Wordsworth 73. 

Wouwerman, Ph. 240/24X. 
Wright, Th., 6. 

Wukadinovic, Spiridion 170. 


Wagner, 


u. 

Überschrift oder Epigrammata 

_ 4 a - 

Ubersetzer-Honorare 6a 
Übersetzungen 58 ff, 80^ 224; V, x. 


z. 

Zeitschriften IV, 7. 

Zeitungen 251. 

Zimbrische Sprache x 67 ff 
Zollilcofer, Georg Joachim zxx. 
Zweig, Stefan 254. 



Digitized by ^ooQle 



Digitized by 


Googl 



ZEITSCHRIFT:: l 

.. •: 


FÜR 


BÜCHERFREUNDE. 


Monatshefte für Bibliophilie und verwandte Interessen. 

Herausgegeben von Fedor von Zobeltitz. 

8. Jahrgang 1904/1905. _ Heft 1: April 1904. 


Der Robinson-Mythus. 

Von 

Dr. Hermann Ullrich in Brandenburg. 


H s muß in der Natur des Menschen 
begründet liegen, daß dieser 
geneigt ist, überall eine Kon¬ 
gruenz zwischen geistigen Lei¬ 
stungen und der körperlichen 

vorauszusetzen und sich dabei so oft betrogen 
zu finden. Kommt dazu noch, daß die Lebens¬ 
verhältnisse des geistig hervorragenden Mannes 
nicht zu dem unbestimmten Eindruck passen 
wollen, den die große Masse von einer Geistes¬ 
schöpfung gewonnen hat; gesellt sich dazu 
schließlich noch eine bestimmte Parteistellung, 
die der geistig Hervorragende zu einem großen 
Teil seiner Mitmenschen einnimmt: so wird bald 
die Phantasie, mit dem Egoismus im Bunde, 
geschäftig sein, sei es, die Entstehung jenes 
Meisterwerkes mit ihren Erfindungen zu um¬ 
kleiden, um es und seinen Schöpfer sich ver¬ 
ständlich zu machen oder es in den Staub herab¬ 
zuziehen, vielleicht gar dem Schöpfer sein Werk 
abzusprechen, sofern zu letzterem irgend eine 
Handhabe gegeben ist. 

Wie bekannt, hat Shakespeare in neuerer Zeit 
das Geschick erfahren, — weil sein, die ganze 
damalige Welt umfassendes Wissen in einem 
zu gewaltigen Kontraste zu dem steht, was 


wir über seine (äußere!) Bildungsgeschichte 
wissen — daß ihm die unter seinem Namen 
überlieferten Werke abgesprochen worden sind. 
Ein ähnliches Geschick hat ein Werk be¬ 
troffen, das, obwohl von einem Geringeren her¬ 
rührend, doch — ein echtes Meisterwerk und 
in seiner Art nur einmal in der Weltliteratur 
vorhanden — einen Siegeslauf durch die ganze 
Welt gehalten hat und das wegen der Roman¬ 
form und des allgemein menschlich interes¬ 
sierenden Inhalts auch in Kreise und zu Völkern 
gedrungen ist, die der menschlichen Kultur¬ 
entwickelung noch mehr oder minder fern 
stehen. Es ist der wohl jedem Gebildeten und 
als Kinderbuch auch dem Ungebildeten all¬ 
gemein bekannte „Robinson Crusoe Auch 
um dieses Werk hat sich, obwohl aus anderen 
Gründen, ein Mythenkreis gebildet, der einmal 
seinen Verfasser, sodann die Originalität seines 
Stoffes, weiter die Art seiner Veröffentlichung, 
sodann einzelne Punkte des Stoffes selbst, ferner 
die Auffassung des Ganzen und endlich sogar 
den Ort, wo es entstanden ist, betrifft.* 

Wenn bezüglich der Person des Verfassers 
eine Mythenbildung eintreten konnte, so lag dies 
daran, daß der Roman anonym erschien und 
auch immer wieder, wenigstens bis in das 


1 Ich zitiere hier ein für allemal die hauptsächlichen and deshalb häufiger angeführten Quellen der folgenden 
Abhandlung. Es sind die Biographien Defoes von G. Chalmers (1790), Walter Wilson (1830), W. Lee (1869), 
Th. Wright (1894); sodann die dreibändige Robinsonausgabe, besorgt yon George A. Aitken (1895). 

Z. f. B. 1904/1905. 1 


Digitized by Google 



2 


Ullrich, Der Robinson-Mythus. 


neunte Jahrzehnt jle$ XVtüJ. Jahrhunderts, ohne 
Nakieh : des*•VeHasÄ1^•'gedruckt wurde. Die 
Zeitgenossen freilich waren, wie wir später sehen 
werden, über den richtigen Verfasser nicht im 
unklaren. Aber erst, wie es scheint, die schöne 
Ausgabe des Romans von John Stockdale mit 
Kupfern von Stothard, bezüglich Medland (1790), 
gab dem Verfasser sein Recht, indem sie eine 
Biographie desselben von G. Chalmers, nebenbei 
die erste, hinzufugte. Das war um so nötiger, 
als eben in der Zwischenzeit die Mythenbildung 
über die Person des Verfassers begonnen hatte. 

Es kommen nach meiner Kenntnis nicht 
weniger als drei Männer in Betracht, die man 
zu Verfassern des Buches gestempelt hat: John 
Arbuthnot , Richard Steele und Robert Harley y 
Earl of Oxford . John Arbuthnot, der bekannte 
Satiriker (1665—1735), bekannt geworden be¬ 
sonders durch seine „History of John Bull“, teilte 
mit seinem Freunde Jonathan Swift das Schicksal, 
als Verfasser von Werken zu gelten, die ihm 
nicht gehörten. Zu ihnen zählte auch der 
„Robinson“. Wer diese Vermutung zuerst in 
Umlauf gebracht hat, wissen wir nicht mehr; 
wir kennen nur die Tatsache, wie sie von dem 
ersten Biographen Arbuthnots in der „Biographia 
Britannica“ überliefert ist. 

Auf ebenso schwachen Füßen steht die ver¬ 
einzelt auftretende Behauptung, daß Richard 
Steele (1672—1729) der Verfasser des Romanes 
sei. Konnte man bei Arbuthnot zugunsten der 
aufgestellten Vermutung nur anführen, daß er 
ein überaus begabter Schriftsteller war, so konnte 
man bei Steele schon mit einer gewissen Genug¬ 
tuung auf die genrebildlich wirkenden, auf dem 
Grunde echter Religiosität ruhenden, dem Leben 
treu abgelauschten Aufsätze des „Tatler“ und 
„Spectator“ hinweisen. Außerdem hatte Steele 
zuerst die dem „Robinson“ zweifellos zu Grunde 
liegenden Abenteuer Alexander Selkirks schrift¬ 
stellerisch verwertet in einem Aufsatze seiner 
Zeitschrift „The Englishman“ (London 1713. 
No. 26). Gleichwohl fehlt auch hier jede Spur 
eines äußeren Beweises, und die Behauptung 
ist auch nur an einer einzigen Stelle, noch dazu 
des Auslands ausgesprochen worden, nämlich 
in der Vorrede zur ersten französischen Robinson¬ 
bearbeitung von Feutry (Amsterdam 1766). 


Mit gewichtigeren äußeren Gründen — aber 
nur durch seine Lebensstellung gewichtigeren — 
tritt der dritte Bewerber um die Autorschaft 
des „Robinson“ auf den Plan: Robert Harley, 
erster Earl of Oxford (1661—1724). Doch auch 
in diesem Falle kann die Behauptung unmöglich 
schlechter begründet sein, als sie es tatsächlich 
ist Laut einem Briefe des Literaturhistorikers 
Thomas Wharton 1 sollte diesem im Jahre 1774, 
also 55 Jahre nach dem Erscheinen des „Robin¬ 
son“ und 43 Jahre nach dem Tode Defoes, vom 
Reverend Benjamin Holloway mitgeteilt worden 
sein: er habe wiederholt von Lord Sunder¬ 
land gehört, daß Harley Earl of Oxford während 
seiner Gefangenschaft im Tower den „Robinson“ 
geschrieben und Defoe zur Veröffentlichung 
übergeben (ob auch überlassen?) habe. Man 
überlege: A hört von B, daß C diesem (wieder¬ 
holt) gesagt, daß D etwas getan habe! Man 
sollte nun wenigstens erwarten: daß D seine 
Tat C gegenüber selbst bekannt habe! Nichts 
von dem; die Behauptung von C geht ebenfalls 
nicht über das Nachsprechen eines eitlen Ge¬ 
rüchtes, das Ganze nicht über müßiges Ge¬ 
vatterinnengeschwätz hinaus. Trotzdem müssen 
wir uns noch etwas weiter mit der Widerlegung 
dieses on dit befassen, weil neuerdings ein 
Engländer die Schrulle gehabt hat, es wieder 
aufzuwärmen.* Der Verfasser dieser Artikel, 
W. Laidlaw Purves, geht von richtigen, dem 
Kenner jener Periode und speziell Defoes wohl- 
bekannten Tatsachen aus, nur daß er daraus 
durchaus irrige Schlüsse zieht Robert Harley 
begann seine Laufbahn als ein fanatischer 
Puritaner, der er durch seine Geburt und Er¬ 
ziehung war, und endete als eingefleischter 
Hochkirchenmann und Tory und als Feind der 
Dissenters. Als er im Mai 1704 den Hochtory 
Earl of Nottingham im Ministerium ablöste, 
fand er Defoe im Gefängnis, wohin dieser von 
der hochkirchlichen Partei unter Nottingham, 
und zwar wegen seiner Flugschrift „The Shortest 
Way with the Dissenters“ auf unbestimmte Zeit 
gebracht worden war, nachdem er an drei ver¬ 
schiedenen Tagen am Pranger gestanden und 
eine Geldbuße bezahlt hatte. Harley kannte 
unsem Defoe als „capable man“, wie er ihn 
früher Godolphin gegenüber bezeichnet hatte, 


* Original Letters of Eminent Literary Men. Edited by Sir Henry Ellis. London 1843. Camden Society. 

* The antorship of Robinson Crusoe. By W. Laidlaw Punres. The Athenaenm. Nos. 3940/3941. May 2 
and 9, 1903. 


Digitized by 


Google 



Ullrich, Der Robinson-Mythus. 


3 


und nun, wo er dazu imstande war, fragte er 
bei Defoe an, was er für ihn tun könne. Zwar 
erlangte er die Freilassung des Schriftstellers nicht 
sofort, aber bewirkte, daß die Königin die 
Geldstrafe ersetzte und für seine Familie sorgte. 
Als neun Jahre später Defoe abermals im 
Gefängnis saß, ordnete der Minister bald 
darauf seine Befreiung an, sodaß Defoe jenen 
mit Recht als seinen Wohltäter betrachtete. 
Als dann im folgenden Jahre Harley gestürzt 
wurde, war Defoe zunächst in Verlegenheit, 
welchen Kurs er in seiner politischen Tätigkeit 
einschlagen sollte, und Harley mußte ihn erst 
darüber beruhigen, daß er im unmittelbaren 
Dienst der Königin stehe und seinem, Harleys, 
Nachfolger mit derselben Treue dienen möge 
wie ihm. Diese Beziehungen Defoes zu dem 
Politiker Harley stehen ganz unzweifelhaft fest. 
Mindestens wahrscheinlich ist es auch, daß 
Defoe seinen Wohltäter, als dieser nach seinem 
Sturze, vom Juli 1715 bis zum Juli 1717, unter 
der Anklage des Hochverrats im Tower saß, 
häufig besucht und lange Unterredungen mit 
ihm gehabt hat. Nur muß auf das entschiedenste 
bestritten werden (was der Artikel des „Athe- 
naeum“ behauptet), daß der Verkehr Defoes mit 
dem angeklagten Minister die Literatur zum 
Gegenstände gehabt habe. Es fehlt nämlich 
dafür jede Spur eines Beweises. Purves bringt 
denn auch zur Unterstützung seiner Behauptung 
außer einigen Äußerungen Defoes gegenüber 
Harley, die er fälschlich auf die Literatur be¬ 
zieht, nur die wohlbekannte Tatsache vor, daß 
Harley der Mäcen und Freund verschiedener 
hochangesehener Schriftsteller gewesen sei. 
Wir wissen tatsächlich, daß er Swift, Arbuthnot, 
Pope, Bolingbroke, Prior patronisierte und mit 
ihnen verkehrte, auch ein Mitglied des Scriblerus- 
Club war. Für Harleys eigene Betätigung auf 
dem Felde der Literatur spricht aber schlechter¬ 
dings nichts, Pope zufolge 1 pflegte Harley 
zwar häufig, oft Tag für Tag, an den Scriblerus- 
Club Verse zu senden, aber nach Macaulay 
waren sie schauderhafter als die eines Aus¬ 
rufers. Überhaupt war Harley ein nur mittel¬ 
mäßiger Kopf, der aber Dank einer geheimnis¬ 
vollen Zurückhaltung sich lange das Ansehen 
eines bedeutenden Mannes zu geben wußte. 
Die von ihm patronisierten Schriftsteller durch- 


x Macaulay History of England (Tanchnitz) VTL 275. 


schauten jedoch diese Maske. Als ein Schrift¬ 
steller jener Periode, Mackay, einmal den Minister 
als bedeutenden Redner bezeichnete, machte Swift 
dazu die vertrauliche Randbemerkung: „Eine 
große Lüge!“ Und Pope wußte über Harleys 
Art, selbst über Geschäfte zu sprechen, nur ein 
durchaus absprechendes Urteil zu fallen. Diese 
Bemerkungen über Harleys Geistesanlagen vor¬ 
ausgeschickt, kann nun aber auch bewiesen 
werden, daß Harley während seiner Gefangen¬ 
schaft im Tower schlechterdings nicht die Muße 
und Stimmung gehabt haben kann, ein Buch 
wie den „Robinson“ oder irgend ein andres schön¬ 
geistiges Werk zu verfassen. Nach Lee ( 1 .294) 
war der Earl of Oxford während des größeren 
Teils seiner Haft so ernstlich krank, daß es 
fraglich war, ob er überhaupt den Tag des 
Urteilsspruchs erleben werde, ja daß ihn diese 
Krankheit sogar außer Stand setzte, seine Ver¬ 
teidigung gegen die Anklage des Hochverrats 
mit Nachdruck zu betreiben. Jedenfalls wurde 
auf Harleys mit seiner Krankheit begründetes 
Ansuchen die Untersuchung wiederholt hinaus¬ 
geschoben. Sunderland, sein Nachfolger auf 
dem Ministersessel, von dem die Mitteilung über 
Harley als den Verfasser des „Robinson“ her¬ 
rühren soll, sprach und stimmte während jener 
ganzen Zeit gegen Harley, dem die Strafe des 
Hochverrats drohte. Von irgend einem ver¬ 
traulichen Verkehr zwischen Sunderland und 
Oxford konnte also unter solchen Umständen 
keine Rede sein, und ein etwaiger Verkehr 
Defoes mit seinem Wohltäter kann, sofern dessen 
Krankheit überhaupt einen solchen zuließ, nur 
politische Angelegenheiten betroffen haben. 
Wenn Purves als Beweis für seine Behauptung 
schließlich noch anführt, daß die Abenteuer 
Alexander Selkirks in Gestalt der Flugschrift 
„Providence displayed“ sich in Oxfords Biblio¬ 
thek befunden hätten, so ist das noch weit 
weniger stringent als alles sonst Vorgebrachte. 
Harley war ein bedeutender Büchersammler 
und legte bekanntlich den Grund zu der Biblio¬ 
thek, die jetzt als Harleian Library einen so 
wertvollen Teil der Bibliothek des Britischen 
Museums bildet. Aus ihren Schätzen stellte ein 
Literat der damaligen Zeit, William Oldys, das 
„Harleian Miscellany“ zusammen (1744—1746. 
8 vols.), in das auch jene Flugschrift auf¬ 
genommen wurde. Wer möchte aber so kühn 
sein, aus der bloßen Begeisterung eines Mannes 


Digitized by 


Google 



4 


Ullrich, Der Robinson-Mythus. 


für die Schätze der Literatur auf die eigene 
Fähigkeit, solche zu produzieren, zu schließen — 
und nun gar als „an amusement during his 
confinement?“ Harleys Literaturverständnis ist 
offenbar gerade ausreichend gewesen, das Inter¬ 
essante an jener Publikation, der ersten über 
Selkirk in Buchform, herauszufinden und sie 
darum seiner Bibliothek einzuverleiben. Und 
so verdanken wir ihm allerdings die Erhaltung 
derselben, während sie sonst wahrscheinlich, 
wie sie der Tag geboren hatte, auch wieder 
vom Tage verschlungen worden wäre. 

Gibt es aber nicht auch tatsächliche Be¬ 
weise fiir die Verfasserschaft Defoes? Gewiß, 
äußere wie innere. Und die äußeren stammen 
gerade aus der Zeit des Erscheinens des 
„Robinson“, während die gegnerischen Stimmen 
sich erst zum Teil weit später hervorwagten. 
Ab der „Robinson“ am 25. April 1719 an das 
Licht der Öffentlichkeit trat, war der Beifall 
sogleich so allgemein, daß schon am 12. Mai 
eine zweite, am 6. Juni eine dritte und am 
8. August eine vierte Auflage erscheinen konnte. 
Sofort aber warfen sich die Nachdrucker auf 
die willkommene Beute. Schon zu Anfang des 
August 1719 erschien eine verstümmelte Aus¬ 
gabe des ersten Bandes bei T. Cox at the 
Amsterdam Coffee House, vor der der recht¬ 
mäßige Verleger das Publikum in einer Anzeige 
der „St James Post“ vom 7. August warnte. 
Der Nachdrucker erwiderte darauf in einer ge¬ 
wundenen Erklärung und überhäufte darin den 
Verfasser mit Drohungen und Schmähungen. 
Es bestand also, wie wir schon hieraus sehen, 
zur Zeit seines Erscheinens in eingeweihten 
Kreisen kein Zweifel über den Verfasser des 
Romans. Noch wichtiger ist ein anderes, eben¬ 
falls zeitgenössisches Zeugnis. Gleich nach dem 
Erscheinen des Romans machte sich ein ge¬ 
wisser Charles Gildon zum Sprachrohr der 
zahlreichen Gegner Defoes, indem er folgendes 
Schriftchen veröffentlichte: „The Life and Sur- 
prising Adventures of Mr. D — De F —, 
of London, Hosier, who has lived above fifty 
years by himself, in the Kingdom of North 
and South Britain: the various Shapes he has 
appeared in, and the Discoveries he has made 
for the Benefit of his Country. In a Dia- 
logue between Hirn, Robinson Crusoe, and his 
Man Friday. With Remarks, Serious and Comi- 
cal, upon the Life of Crusoe. London: printed 


for J. Roberts, 1719.“ 48 pp. 8°. — Der Titel 
ist, wie man sieht, eine Parodie des Robinson¬ 
titels und enthält in leichtester Verhüllung, die 
für jeden Kundigen durchsichtig war, den Namen 
des Verfassers und Anspielungen auf seine 
Lebensverhältnisse. DasWerkchenselbst, dessen 
erste 19 Seiten den Dialog enthalten, dem ein 
Brief an Daniel Defoe und ein Postskriptum 
über den zweiten Band folgen, wird uns unten 
noch einmal beschäftigen. 

Aber es gibt auch innere Gründe fiir Defoes 
Eigentumsrecht am „Robinson“. Wenn Purves 
behauptet, dieser Roman sei die erste derartige 
Leistung Defoes, so ist diese Behauptung genau 
so schief wie alle seine früheren. Richtig ist 
nur, daß Defoe bis dahin keinen eigentlichen 
geschlossenen Roman geschrieben hatte. Wohl 
aber lagen damals schon drei Arbeiten vor, die 
genau die gleiche schriftstellerische Eigenart, 
die dem Leben abgelauschte realistische Wieder¬ 
gabe des Details verraten, wie wir sie in seinen 
Erzählungen bewundern. Als 1704 England 
von einem verheerenden Unwetter heimgesucht 
wurde, gab er eine, angeblich nach dem Bericht 
von Augenzeugen abgefaßte anschauliche Schil¬ 
derung desselben (The Storm: or, a Collection 
of the most remarkable Casualities and Disas- 
ters. Which happen’d in the late dreadful Tem- 
pest both by Sea and Land. London 1704). 
Zwei Jahre später hatte er die oft angeführte 
Geschichte des Wiedererscheinens einer verstor¬ 
benen Mrs. Veal veröffentlicht, die schon auf das 
deutlichste seine Kunst zeigt, selbst das Un¬ 
glaubhafte glaubhaft oder doch wahrscheinlich 
zu machen; er hatte endlich im Jahre 1718 
einen vollständig erfundenen Bericht über den 
angeblichen Untergang der westindischen Insel 
St. Vincent gegeben und damit alle seine 
Leser aufs Eis geführt (Imaginary Destruction 
of the Isle of St Vincent Mist's Journal. 
5th July 1718). 

Wenn Purves endlich behauptet, der zweite 
und dritte Band des „Robinson“, die Defoes 
unbestrittenes Eigentum seien, zeigten eine er¬ 
hebliche Verschiedenheit von dem ersten Bande, 
so ist das auch nur bedingungsweise richtig: 
die Verschiedenheit ist nicht größer ab sie der 
Gegenstand bedingt — 

Nicht genug, daß man dem Verfasser sein 
Werk absprach, es bildete sich auch, aber 
wiederum erst nach seinem Tode, eine Mythe 


Digitized by tjOOQle 



Ullrich, Der Robinson-Mythus. 


5 


über die Originalität des Stoffes und des Ver¬ 
fassers Eigentumsrecht an seinem Werke. Es 
ist dies die bekannte, immer noch hier und da 
einmal auftauchende Behauptung, Defoe ver¬ 
danke nicht nur die Anregung zu seinem Roman 
und die Grundzüge desselben den Abenteuern 
des Matrosen Selkirk, sondern habe von diesem 
nach seiner Heimkehr sein Tagebuch über 
seine Erlebnisse erhalten mit dem Aufträge, 
sie in seinem (Selldrks) Interesse zu verwerten; 
Defoe aber habe das ihm brauchbar scheinende 
daraus entnommen und dann Selkirk seine Auf¬ 
zeichnungen als unverwendbar zurückgegeben. 
Dazu gibt es noch die Variante: Defoe habe 
wenigstens den materiellen Ertrag mit Selkirk 
geteilt Wie schon gesagt, dachte zu Defoes 
Lebzeiten niemand, dachten nicht einmal seine 
ärgsten Gegner daran, ihm die Originalität 
seines Stoffes zu bestreiten. Wußten doch sogar 
die letzteren, daß Defoe mindestens in seinem 
Privatleben von unantastbarer Ehrenhaftigkeit 
war und hatten das z. B. bei seinen mehr¬ 
fachen Bankerotten, weil er trotz gerichtlicher 
Auseinandersetzung seine Gläubiger voll be¬ 
friedigte, sobald er in bessere Umstände kam, 
öffentlich bezeugt Jene Beschuldigung wurde 
erst später gegen ihn erhoben; zuerst von En- 
tick in seiner „Naval History“ (1757), aber ohne 
jeden Versuch eines Beweises. Trotzdem wurde 
sie wiederholt von Watson in seiner „History of 
Halifax“ (1775) und leider auch dem ehrwür¬ 
digen Dr. Beattie in seinen „Dissertations, Moral 
and Critical“ (1783). Letzterer drückt sich aber 
doch schon sehr vorsichtig aus: „Selkirk was 
advised to get his story put in writing and 
published. Being illiterate himself, he told every 
thing he could remember to Daniel De Foe, a 
professed author of considerable note, who in- 
stead of doing justice to the poor man, is said 
to have applied those materials to his own 
use, by making them the groundwork of Robin¬ 
son Crusoe, which he soon öfter published, 
and which being very populär, brought him a 
good deal ofmoney . I am willing to believe that 
De Foe shared the profits of this publication 
with the poor seaman: for there is an air of 
humanity in it, which one could not expect front 
an atdhor who is an arrant cheat. — I have 
no authority to affirm any thing on either side.“ 
Man beachte die im Druck kursiv wiederge¬ 
gebenen Worte. Zunächst weiß er nichts von 


einem Tagebuche, sondern nur Erinnerungen 
des Matrosen, die niederschreiben und drucken 
zu lassen man ihm geraten hatte. Sodann weiß 
er nicht, daß der „Robinson“ erst sechs Jahre 
später veröffentlicht wurde, verwechselt den 
Gewinn von Defoes Verleger mit dem des 
Schriftstellers, der notorisch sehr bescheiden 
war, spricht von einem armen Seemann, 
während doch Selkirk von seinen, seiner Be¬ 
freiung folgenden Beutezügen die Summe von 
800 Pfund mitgebracht hatte, und hebt durch 
seine Schlußbemerkung, daß, von dem Charakter 
des Buches auf seinen Verfasser zu schließen, 
man diesem eine Unehrenhaftigkeit eigentlich 
gar nicht Zutrauen könne, alle die vorher vor¬ 
gebrachten Beschuldigungen wieder auf. Gleich¬ 
wohl wurde die Verleumdung 1787 und 1788 
vom „Gentleman’s Magazine“, sodann von der 
„Encyclopaedia Britannica“ und endlich auch von 
Isaac James, von letzterem in seinem gewissen¬ 
haften Buche: „Providence displayed: Or, the 
Remarkable Adventures of Alexander Selkirk“ 
etc. (Bristol 1800) wiederaufgewärmt, von letz¬ 
terem freilich auch wieder als jeder Begründung 
entbehrend, mündlich, nämlich dem Defoebio- 
graphen W.Wilson gegenüber, zurückgenommen. 1 
Unter denen, die eine Rettung Defoes unter¬ 
nommen haben, sind zu nennen: Dr. Towers 
(in der Biographia Britannica), G. Chalmers 
(Life of Defoe), der Kapitän Bumey (im 4. Bande 
seiner Voyages and Discoveries), Isaac d’Israeli 
(Curiosities of Literature, Vol. US) und John 
Howell (The Life and Adventures of Alexander 
Selkirk. Edinburgh 1829). 

9*4* 

Wie steht es nun mit den Argumenten für 
und gegen Defoe bezüglich der Originalität 
seines Buches? Daß dem „Robinson“ die Aben¬ 
teuer Selkirks zugrunde liegen, daß Defoe min¬ 
destens durch sie angeregt wurde und einige 
Grundzüge ihnen entnahm, wird nicht zu be¬ 
streiten sein. Zwar hatte es vor Selkirk ähn¬ 
liche Einsiedler gegeben; ihre Schicksale waren 
aber entfernt nicht so bekannt geworden wie 
die seinen. Über Selkirk lagen vor dem Er¬ 
scheinen des „Robinson“ schon eine ganze Reihe 
von Berichten vor: zunächst der des Kapitäns 
Woodes Rogers (A Cruising Voyage round the 

X III. 457 Anmkg. 


Digitized by LjOOQle 



6 


Ullrich, Der Robinson-Mythus. 


World. London 1712), dann der des Kapitäns 
Cooke (A Voyage to the South Sea Trade. 
London 1712), weiter die schon oben genannte, 
nach diesen beiden Berichten fast wörtlich ge¬ 
arbeitete Flugschrift: „Providence displayed; or, 
a very surprising Account of one Mr. Alexan¬ 
der Selkirk ... Written by his <rwn Hand and 
attested by most of the eminent Merchants 
upon the Royal Exchange. 44 London; ohne 
Jahr (1713?)*, endlich der Bericht des be¬ 
rühmten Engländers Richard Steele in seiner 
Zeitschrift „The Englishman“ (December 3,1713, 
No. 20). Letzterer hatte, wie so viele Zeit¬ 
genossen, Selkirk aufgesucht (interviewt) und 
von ihm mündliche Mitteüungen erhalten. Noch 
der neueste Defoebiograph, Th. Wright, tut sich 
etwas darauf zu gut, in Bristol das Haus aus¬ 
findig gemacht zu haben, wo auch unser Defoe 
den heimgekehrten Selkirk aufsuchte und seine 
Erlebnisse entgegennahm. Man kann das ruhig 
gelten lassen, da sich der Umstand zu wohl 
mit Defoes Arbeitsweise verträgt, die vielfach 
mehr der eines modernen Reporters und Inter¬ 
viewers glich als der eines freischaffenden 
Schriftstellers, und muß doch die eigentliche 
Beschuldigung — die Entlehnung und Benutzung 
eines Selldrkschen Tagebuches — weit abweisen. 
Erhielt Defoe von Selkirk nur einen mündlichen 
Bericht, so war er nicht einmal so schuldig 
wie Steele, der diesen möglichst genau, aber 
doch nicht ohne einige Irrtümer, dem Publikum 
vermittelt hatte, anscheinend ohne jede Ent¬ 
schädigung des „armen 44 Seemanns. Erhielt er 
aber einen geschriebenen Bericht anvertraut, so 
läge die Sache freilich anders. Doch ist ein 
solcher bei Selkirk vorauszusetzen? Als dieser 
das Schiff Cinque Ports mit Einwilligung des 
Leutnants Stradling, mit dem er sich nicht 
vertragen konnte — er selbst war Segelmeister 
— verließ, erfahren wir genau, welche Gegen¬ 
stände ihm zum Gebrauche überlassen wurden. 
Darunter befanden sich zwar einige Erbauungs¬ 
bücher und mathematische Werke, aber keine 
Schreibmaterialien. Er war also völlig außer 
Stande,ausgedehntere Niederschriften zu machen, 
und wir würden es sicherlich von ihm erfahren 
haben, wenn das Bedürfnis ihn zur Anfertigung 
von Schreibmaterial getrieben hätte. Wir tun 


ihm wahrscheinlich kein Unrecht, wenn wir an¬ 
nehmen, daß er weder ein Bedürfnis dazu hatte, 
noch auch nur die Fähigkeit besaß. Aus dem 
berühmten dritten Kapitel seiner englischen 
Geschichte wissen wir von Macaulay, daß um 
1685 gar mancher Landedelmann nicht einmal 
seinen Namen unter einen Verhaftsbefehl, den 
er als Friedensrichter auszufertigen hatte, zu 
setzen vermochte. Wir dürfen daher einem An¬ 
gehörigen der Seefahrerzunft, wenn er auch 
den gemeinen Matrosen um ein weniges über¬ 
ragte, 20 Jahre später nicht ohne weiteres 
größere Kenntnisse und Fertigkeiten Zutrauen. 
Es ist nicht unmöglich, daß die Annahme eines 
Selkirkschen Tagebuches sich aus den von 
mir im Druck gesperrten Worten des Titels 
der Flugschrift ... (Written by his own Hand) 
entwickelt hat, Worte, die der Verfasser der 
Schrift doch nur hinzugefiigt hat, um seinen 
Mitteilungen den Schein einer größeren Authen- 
ticität zu geben. 

Die Sachlage spricht also auch hier durch¬ 
aus für Defoe. Er benutzte ganz zweifellos 
die Schicksale des schottischen Matrosen als 
Ausgangspunkt, die er, wie Tausende vor ihm, 
gelesen oder gehört hatte. Der Stoff lag am 
Wege, sozusagen als ein unscheinbarer Kiesel, 
bis der Genius des Schriftstellers in ihm 
den Diamanten erkannte, der nun Millionen 
durch seinen Glanz entzücken sollte, freilich 
erst, nachdem der Schriftsteller ihm den künst¬ 
lerischen Schliff gegeben hatte. Aber auch in 
Defoe lag der Stoff zunächst unbenutzt, bis, 
möglicherweise infolge eines doppelten Anlasses: 
eines äußern — des Erscheinens der Rogers- 
schen Reisebeschreibung in zweiter Auflage im 
Jahre 1718 —, und eines innem — des immer 
stärker werdenden Bewußtseins im Schriftsteller, 
wie viele Parallelen doch seine inmitten des 
englischen Parteigetriebes immer größer wer¬ 
dende Vereinsamung mit dem Inselleben Sel- 
kirks hatte, — bis, wie gesagt, der Stoff in 
ihm zu schwellen und zu treiben anfing, um 
dann, wie es scheint, in größter Hast nieder¬ 
geschrieben und in zunächst unzulänglicher 
Weise gedruckt zu werden.* 


* Wie oben bemerkt, erhalten im 5. Bande des Harleian Miscellany. 

* Man vergleiche darüber meinen Aufsatz: „Zur Textgeschichte von Defoes Robinson Crusoe“. (Herrigs 
Archiv, Bd. III.) 


Digitized by UjOOQie 



Ullrich, Der Robinson-Mythus. 


7 


Auch hinsichtlich der Art der Veröffent¬ 
lichung des Werkes ist entgegen aller früheren 
Kenntnis von einer autoritativen Seite eine Be¬ 
hauptung aus- und gläubig nachgesprochen 
worden, die den Tatsachen direkt widerspricht 
Da ich sie noch neuerdings in wissenschaft¬ 
lichen Werken wiederholt gefunden habe, so 
möge sie hier ein letztes Mal zurückgewiesen 
werden. Im Jahre 1824 behauptete der wohl- 
bekannte und verdiente Bibliograph Dibdin 
in seinem ,Library Companion", daß der „Ro¬ 
binson" zuerst in der Zeitschrift „The Original 
London Post, or, Heathcote’s Intelligence", in 
dem Zeitraum vom 7. Oktober 1719 bis 19. Ok¬ 
tober 1720, das sind die Nummern 125—289, 
erschienen sei, und zwar beide Teile. Hier 
ist der Gegenbeweis sehr leicht zu erbringen. 
Allen Biographen Defoes ist bekannt, daß 
der erste Band des „Robinson" am 23. April 
1719 für William Taylor in Stationen Hall 
(dem Londoner Buchhändlerhaus) eingetragen 
wurde und zwei Tage später erschien, und 
daß der Abdruck in jener Zeitung ein Nach¬ 
druck, und zwar, wie ich aus der Zählung der 
Auflagen wahrscheinlich gemacht habe, ein 
unberechtigter des Originals war, wie deren 
damals mehrere erschienen. — Schwieriger ist 
es, mit einer von dem obengenannten Laidlaw 
Purves neuerdings aufgestellten Behauptung resp. 
Entdeckung* über die Art der Veröffentlichung 
des Romans fertig zu werden. Er hat ein bis 
jetzt einziges Exemplar einer Robinsonausgabe 
aufgefunden, das er fiir die erste Ausgabe hält, 
das nicht unbeträchtliche Abweichungen im 
Texte aufweist und das ihm als stärkster Beweis 
fiir die alte, abgetan geglaubte Behauptung der 
Autorschaft Robert Harleys erscheint. Wie es 
mit dieser steht, darüber hat sich wohl jeder Un¬ 
befangene aus dem oben Gesagten ein Urteil 
gebildet Die neue Ausgabe wäre einer aus¬ 
führlicheren Untersuchung wohl wert, wenn 
Purves nicht so ganz unwissenschaftlich ver¬ 
fahren wäre. Wenn ein Seefahrer eine neue 
Insel entdeckt, ein Naturforscher ein neues Tier, 
eine neue Pflanze u. s. w., so ist die erste 
wissenschaftliche Forderung, daß der Seefahrer 
die Lage der Insel nach Länge und Breite 
bestimmt, der Naturforscher den Fundort des 
Objektes angibt Purves hat weder für nötig 


gehalten, den Fundort anzugeben, noch den 
jetzigen Besitzer, so daß niemand in der Lage 
ist, nachzuprüfen. Er gibt nur den in einigen 
wesentlichen Punkten veränderten Titel wieder 
und bemerkt ganz beiläufig, daß der Umfang 
des Bandes 264 Seiten beträgt. Schon daraus 
können wir schließen — wenn nicht der Druck 
ein sehr viel kompresserer ist —, daß wir es 
mit einem verkürzten „Robinson" zu tun, aus den 
verstümmelten Namen, daß wir einen Raubdruck 
vor uns haben. Purves freilich will das nicht 
gelten lassen; er hat sogar die Kühnheit, die 
verstümmelten Namen als die originaleren zu 
bezeichnen. So muß der Engländer sich also 
von dem Ausländer sagen lassen, daß es eine 
Koseform des Namens Robert: Robe wohl 
nicht gegeben hat. Von solchen Koseformen 
finde ich nur Rob, Robbin, Robin, Robby, so¬ 
gar Hob, sämtlich mit kurzem offenen o, während 
die Schreibung Robe sofort auf eine lange, ge¬ 
schlossene Aussprache des o deuten würde. 
Was die Form Cruso anlangt, so mag sie Vor¬ 
kommen; die uns geläufigere hat die Analogie 
mit anderen Wörtern, z. B. roe, foe, doe, woe 
für sich. Ganz nebenbei möchte ich hier eine 
Vermutung über die Bedeutung des immer 
mißverstandenen Namens Crusoe äußern. Robin¬ 
son erzählt, seiner Mutter Familie habe den 
Namen Kreutzna’er (so heißt es in den Original¬ 
ausgaben) geführt. Das ist nach meinem Dafür¬ 
halten einer der zahlreichen, aus Ortsnamen 
entstandenen Familiennamen, in diesem Falle 
Kreuznacher (man beachte den Apostroph in 
der englischen Schreibung!). Julian Schmidt* 
freilich hat es fertig gebracht, um die Ähnlich¬ 
keit von Robinson mit Simplicissimus beweis¬ 
kräftiger zu gestalten, aus obigem Namen 
„Kreuznarr" (== vollendeter Narr — Simplicissi¬ 
mus) herauszulesen. — Um zu Purves* Behaup¬ 
tungen noch einmal zurückzukehren, so ist ein 
näheres Eingehen auf seine Entdeckung erst 
möglich, wenn er genauere, wissenschaftlichere 
Angaben gemacht haben wird. Der oben¬ 
genannte Gildon war es auch, der sich wegen 
des Inhalts des Werkes an Defoe zu reiben 
suchte, indem er dieses nicht nur ab voll¬ 
kommen erdichtet bezeichnete, sondern auch 
eine Reihe von Verstößen gegen die Wahr¬ 
scheinlichkeit anführte. Da nun mindestens 


* The Athenaeum. Nos. 3937/3938. April 11 und 18, 1903: „The O Edition of Robeson Cruso.“ 

2 Geschichte der deutschen Literatur von Leibniz bis auf unsere Zeit (5 Bde. Berlin 1886—1896.) I. 136. 


Digitized by Google 



8 


Ullrich, Der Robinson-Mythus. 


mehrere von diesen sich im „Robinson“ gar 
nicht finden, sondern auf eine Flüchtigkeit bei 
der Lektüre desselben zurückzuführen sind, so 
bildete sich eine neue Mythe des Inhalts, daß 
Defoe die urgierten Punkte in späteren Auflagen 
gebessert habe. Sehen wir zu, wie es sich 
damit verhält. Gildon tadelt z. B. als unbegreif¬ 
lich, daß Robinson erzählt, der kleine Xury 
habe mit ihm gebrochen Englisch gesprochen, 
da er doch mit keinen Engländern vorher ver¬ 
kehrt habe. Der Vorwurf ist leichtsinnig, denn 
Defoe läßt Robinson ausdrücklich sagen: “Xury 
leamed from us slaves.” — Weiter rügt der 
Pamphletist, wie Robinson beim Besuche des 
Wracks habe seine Beinkleidertaschen mit 
Schiffszwieback füllen können, da er doch vor¬ 
her alle seine Kleider abgelegt habe. Aller¬ 
dings sagt Robinson zunächst flüchtig: “so I 
pulTd off my Clothes, for the Weather was 
hot to Extremity“ (i. Ausgabe, S. 55); dann 
heißt es (S. 56) “I went to the Bread-room 
and fill’d my Pockets with Bisket,” endlich 
(S. 57) “I had the Mortification to see my 
Coat, Shirt, and Wast-coat which I had left 
on Shore upon the Sand, swim away; as for 
my Breeches which were only Linnen and open 
knee’d, I swam on board in them and my 
Stockings.” Also auch dieser Vorwurf fällt 
als frivol auf den Kritiker zurück. Berechtigter 
scheint ein anderer, nämlich der, wie Robinson 
in der völlig dunklen Höhle habe die Augen 
der sterbenden alten Ziege sehen können. Aber 
auch hier scheint mir, ohne die Rechtfertigung 
Defoes pressen zu wollen, eine physikalische 
Erklärung möglich. Die Höhle wird als sehr 
eng geschildert, ihre Wände wirken also ähn¬ 
lich für die Sammlung der Lichtstrahlen wie 
die Wände eines Fernrohrs. Sodann hat Gildon 
getadelt, daß Freitag, auf der Rückreise mit 
seinem Herrn durch die Pyrenäen kommend, 
bei dem Zusammentreffen mit dem Bären eine 
Bekanntschaft mit den Lebensgewohnheiten 
dieser Tiere verrät, die unmotiviert bleibt, weil 
Bären nicht in der Nähe des Äquators Vor¬ 
kommen, dem Kariben Freitag also nicht be¬ 
kannt sein konnten. Hierzu möchte ich nur 
bemerken, daß der Baribal bis nach Mexiko 


hin vorkommt, und so wäre es wenigstens nicht 
ganz unwahrscheinlich, daß Freitag auf Küsten¬ 
fahrten seiner Stammesgenossen diese Tier¬ 
gattung kennen gelernt oder von ihr gehört 
hätte. Defoe besaß so ausgezeichnete Kennt¬ 
nisse in der Geographie, Entdeckungsgeschichte, 
Naturgeschichte, daß es meist gewagt sein wird, 
ihn einer Unkenntnis auf diesen Gebieten über¬ 
führen zu wollen. Ich habe oben absichtlich 
nach der ersten Auflage zitiert, um gleichzeitig 
den Einwand zu widerlegen, als seien die frag¬ 
lichen Punkte erst in späteren Auflagen ge¬ 
ändert worden. 

Erzbischof Whately endlich meinte, einen 
besonders scharfsinnigen Einwand gegen die 
Wahrscheinlichkeit der Erzählung zu finden, 
wenn er bemerkte, daß die von Robinson an¬ 
fangs achtlos weggeworfenen Reiskörner un¬ 
möglich später hätten wachsen können, da der 
zum menschlichen Genuß bestimmte Reis durch 
ein besonderes Verfahren seiner Hülse beraubt 
werde und dadurch seine Keimfähigkeit verliere. 
Er hatte aber dabei übersehen, daß der frag¬ 
liche Reis als Futter fiir das Geflügel auf dem 
Schiff bestimmt gewesen und daher unenthülst 
war. Andere endlich haben behauptet, daß 
ein Mensch unmöglich gleich Robinson 28 Jahre 
lang allein leben könne, ohne wahnsinnig zu 
werden. Darüber mag die Psychopathologie 
entscheiden. Ich fiir meine Person halte es 
durchaus fiir möglich, vorausgesetzt, daß der 
Mensch durch die Not zu fortwährender Tätig¬ 
keit gezwungen ist Einige andere Einwendungen 
übergehe ich, weil sie für die Schätzung 
Defoescher Erzählungskunst ganz unwesent¬ 
lich sind. 

An einer anderen Art der Mythenbildung 
bezüglich seines Romans muß Defoe selbst 
mitschuldig gesprochen werden. Es ist dies 
die Deutung seines Werkes als einer Allegorie 
seiner eigenen Schicksale . Ich darf nicht hoffen, 
dieser Frage im Rahmen meines Aufsatzes im 
vollen Umfang gerecht zu werden, 1 sondern 
muß mich mit Andeutungen begnügen, um 
wenigstens zu zeigen, wie diese Auffassung 


1 Es gibt darüber außer den Erörterungen neuerer Robinsonherausgeber (Lee, Kingsley, Aitken, Wright) ein 
besonderes Schriftchen von P. Geißler, „Is Robinson an allegory?“ Programm des Realgymnasiums au Pirna, 1893, 
dessen Inhalt dann von dem Verfasser in seine Dissertation: „Defoes Theorie über Robinson Crusoe“, 1896, 
hin ein verarbeitet worden ist 


Digitized by tjOOQle 



Ullrich, Der Robinson'Mythos. 


9 


entstehen konnte. Zu Eingang des dritten Robin¬ 
sonbandes, der bekanntlich „Serious Reflections 
during the Life and surprising Adventures of 
Robinson Crusoe. With his Vision of the An- 
gelic World“ enthält, finden wir eine doppelte 
Einführung: zunächst Robinson Crusoes „Pre- 
face“, und dann „The PublishePs Introduction.“ 
In der ersteren hält der Verfasser die Fiktion 
aufrecht, es gebe einen Mann, namens Robinson 
Crusoe, der alle die erzählten Schicksale wirk¬ 
lich erlebt habe und der sich nun hier bitter 
darüber beschwert, daß eine Reihe Neider das 
Ganze als einen Roman, die Geschichte als er¬ 
dichtet und die Namen als irgendwoher ent¬ 
lehnt bezeichnet haben. Dagegen wendet sich 
Robinson mit der, wie an Gerichtsstelle feierlich 
abgegebenen Erklärung, daß die Geschichte ob¬ 
wohl allegorisch, doch zugleich historisch, also 
wirklich vorgekommen sei, und er sie, als die 
Darstellung eines Lebens voll von Unglücks¬ 
fällen, von vornherein für das allgemeine Beste 
bestimmt und bearbeitet (adapted) habe; weiter, 
daß noch ein Mann und zwar ein wohl- 
bekannter am Leben sei, dessen Taten den 
Inhalt der Bände bildeten und auf den die 
ganze Geschichte oder doch der größte Teil 
sich beziehe. — Defoe liebte es, in allen seinen 
Phantasieschöpfungen den Träger der berich¬ 
teten Erlebnisse auch zugleich zu ihrem Er¬ 
zähler zu machen. Daraus folgte dann sofort 
eine größere Teilnahme des Lesers, daraus 
folgte die besondere Technik seiner Erzäh¬ 
lungen, die ausnahmslos Ich-Romane oder, wie 
man sie gleichfalls nennen könnte, Memoiren¬ 
romane sind, ferner auch die wunderbar treue 
Detailschilderung. Deshalb legt er auch, die 
Fiktion aufrecht erhaltend, die Vorrede zum 
dritten Bande, die ein anderer Schriftsteller 
vielleicht als Nachwort den ersten zwei Bänden 
beigegeben hätte, dem Robinson selbst in den 
Mund. Was heißt es nun, wenn dieser erklärt, 
die Geschichte sei historisch, die mitgeteilten 
Ereignisse ganz oder zum größten Teile auf 
einen Mann bezüglich, der allgemein bekannt 
sei, noch lebe und dafür eintreten könne? Ich 
kann diese Worte nur auf Selkirk beziehen, 
dessen Hauptschicksale dem „Robinson“ zu¬ 
grunde liegen, der wegen derselben allgemein 


bekannt geworden war und damals noch lebte 
(er starb 1724). Natürlich passen die Be¬ 
ziehungen nur teilweise (auch Robinson be¬ 
schränkt seine Behauptung auf einen Teil der 
Geschichte). Z. B. die 28 Jahre passen nur auf 
Robinson, nicht auf Selkirk. Wohl deshalb 
haben sich verschiedene Forscher verleiten 
lassen, den ganzen Roman ab eine Allegorie 
von Defoes eigenen Schicksalen anzusehen, 
und sind nun, um die Parallelisierung durch¬ 
zuführen, zu den gewagtesten Aufstellungen ge¬ 
zwungen, die zum Teil sogar dem Fluche der 
Lächerlichkeit verfallen. Besonnener verfahrend, 
dürfen wir nur eine zufällige Übereinstimmung 
gewisser Teile der Geschichte mit den Schick¬ 
salen des Schriftstellers annehmen, nicht mehr, 
als sie bei jedem ernsten Kunstwerk vorhanden 
sein werden. Seit 1715 war Defoes Stellung 
in der Tagespolitik, schon vorher immer eine 
isolierte, niemals die eines Parteimannes, immer 
isolierter geworden; dieser Umstand mochte 
ihn auf die Schilderung eines so einsamen 
Insellebens mehr und mehr hindrängen und 
den ihm seit lange bekannten Stoff der Aben¬ 
teuer Selkirks in einem neuen, anziehenden 
Lichte zeigen. Will man aus den Worten der 
Vorrede Robinsons herauslesen, daß Defoe 
selbst sein Werk habe als Allegorie seiner 
Schicksale aufgefaßt wissen wollen — was aber 
meines Erachtens nicht darin liegt —, so wäre 
das immer nur ein nachträglicher Einfall und 
flir die Wertung des Werkes bedeutungslos. 1 

Zum Schlüsse sei noch ein Punkt erwähnt, 
der ebenfalls zur Mythenbildung Anlaß ge¬ 
geben hat, wenn er auch nur den Freund des 
Buches interessieren sollte. Es betrifft den Ort, 
wo „Robinson Crusoe“ geschrieben wurde. Nach 
Watson in seiner schon einmal zitierten „History 
of Halifax“ wäre der Ort ein Haus in Halifax 
gewesen mit dem Zeichen „Rose and Crown“, 
wo sich Defoe eine Zeitlang vor politischer Ver¬ 
folgung versteckt gehalten habe. Nach einem 
Mitarbeiter des „Gentleman’s Magazine“ wäre 
das Haus in Gateshead in der Grafschaft Dur- 
ham zu suchen. Wieder nach einem Mit¬ 
arbeiter des „Economist“ wäre das Werk in 
einem kleinen, schmutzigen Gäßchen, Harrow- 
Alley, im Mittelpunkt von Whitechapel-Market, 


* Ich darf vielleicht auf die Einleitung zu dem von mir besorgten Neudruck des ersten Bandes der „Insel 
Felsenburg*' hinweisen (Deutsche Literaturdenkmale des XV 1 IL und XIX. Jahrhunderts, herausgegeben von Sauer. 
No. 108— 12a S. XIII). 

Z. f. B. 1904/1905. 2 


Digitized by Google 



IO 


Schlossar, Sigmund von Herberstein und seine „Moscovia“. 


entstanden. Ein anderer Schriftsteller verlegt 
dagegen den Ort der Entstehung des Buches in 
das Wirtshaus „The Duke William's Head“ in 
dem Dorfe Hartley in Kent. Das Wahrschein¬ 
lichste aber ist, daß das Werk in Stoke-Newin- 
ton entstand, wo Defoe in einem geräumigen, 
weißen, von ihm selbst neu erbauten Hause 
mit großem Garten in der dortigen Kirchstraße 


längere Zeit wohnte. Dort war es bis in die 
sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts noch 
vorhanden; eine Abbildung findet sich in Lees 
Biographie Defoes. Wenn nicht Gildons Dia¬ 
log zwischen Defoe, Robinson und Freitag auf 
ein Feld in der Nähe von Stoke-Newington ver¬ 
legt wäre, so würde die zuletzt geäußerte An¬ 
sicht auch nicht mehr als eine Mythe sein. 



Sigmund von Herberstein und seine „Moscovia“ 

Von 

Dr. Anton Schlossar in Graz. 


ie vielverzweigte Adelsfamilie der 
Herbersteiner ist ein uraltes öster¬ 
reichisches Geschlecht, dessen Stamm¬ 
sitz, die Burg Herberstein, sich in dem östlichen 
Teile der Steiermark am Flusse Feistritz, nicht 
allzuweit von der ungarischen Grenze befindet 
Es gehören also die Herren, späteren Frei- 
herm und Reichsgrafen von Herberstein eigent¬ 
lich dem steiermärkischen 
Adel an, obgleich sie sich 
bald nach der Teilung 
in zwei Hauptlinien über 
Krain, Kärnten und 
Niederösterreich,Böhmen, 

Mähren und Schlesien 
ausgebreitet haben. Sieben 
Brüder Herberstein wer¬ 
den schon aus dem Jahre 
955 als Kämpfer unter 
Kaiser Otto I. gegen die 
Ungarn genannt. Mit Otto 
Herberstein, der um 1260 
starb, beginnt die seit¬ 
dem ununterbrochene 
Stammreihe, und dessen 
Enkel Georg und An¬ 
dreas sind die Stifter 
zweier Hauptlinien des 
Geschlechts, Im Jahre 
1537 wurde Sigmund von 
Herberstein (Abb. 1), über 
dessen ruhmvolles Leben 
hier kurz berichtet wer¬ 
den soll, in den Freiherrn¬ 


stand erhoben; die Grafenwürde wurde später 
mit Diplomen aus den Jahren 1644, 1648, 1652, 
1656 und 1657 verschiedenen Mitgliedern des 
Geschlechts verliehen. In der Geschichte des 
österreichischen Adels nimmt eine reiche Zahl 
aus dem Geschlechte der Herberstein hervor¬ 
ragenden Rang seit den ältesten Zeiten ein; 
seine Angehörigen haben sich als Kriegshelden- 
und Führer zumal in den 
Türkenkriegen, als Ge¬ 
lehrte und Staatswürden¬ 
träger, als Inhaber der 
Bischofs- und anderer 
Kirchenwürden, als Ge¬ 
sandte und wichtige hohe 
Hofbeamte unter vielen 
Regenten ausgezeichnet; 
sogar gelehrte Frauen 
finden sich unter ihnen. 
Das heutige Fideikommiß 
Herberstein hat nach dem 
Aussterben der sämt¬ 
lichen Nebenlinien als 
Majoratsherr Reichsgraf 
Johann Sigmund von 
Herberstein inne. Bezüg¬ 
lich der Stammburg Her¬ 
berstein in der östlichen 
Steiermark, in deren Räu¬ 
men noch manche Gegen¬ 
stände, Bilder,Waffen usw. 
auch an den weltberühmt 
gewordenen Freiherm 
Sigismund erinnern, sei 




• “r S/rr/C/. t/fr/ 


. fr/^s/y 
r»,/. j'/'t/s M/ftrp 

Aiur* (vfT*ni wtmn*rv*rf vw 

K%<-, ? tf’innJij' cwm (Vil iftn miiu 


Abb. z. Porträt Sigmunds von Herberstein 
nach dem Holzschnitte in der „Moscovia“ von 1557 
wiedergegeben in Adelungs Werk von x8x8. 


Digitized by LjOOQle 





Schlossar, Sigmund von Herberstein und seine „Moscovia“. 


II 



Abb. 2. Das Stammschloß Herberstein in seiner heutigen Gestalt. 


noch erwähnt, daß diese romantische Veste 
im XV. Jahrhunderte erbaut wurde, sich aber 
daneben auch Spuren eines viel älteren Baues 
vorfinden. Die Burganlage auf hochragendem, 
gegen die rauschende Feistritz zu steil abfallen¬ 
dem Felsen bietet heute noch eine ähnliche An¬ 
sicht (Abb. 2), wie sie der Zeichner und Typo¬ 
graph G. M. Vischer in seinem sogenannten 
„Steirischen Schlösserbuche“ im Jahre 1681 1 
dem Beschauer vorgefiihrt hat (Abb. 3). 

Der an dieser Stelle als Verfasser der später 


zu erwähnenden berühmten Beschreibung Ru߬ 
lands und seiner Reise dahin ins Auge gefaßte 
Sigmund von Herberstein, seit seiner Erhebung 
in den Freihermstand mit dem vollen Titel 
genannt: Sigmund Freiherr zu Herberstein, 
Neyperg und Gutenhag, oberster Erbkämmerer 
und oberster Truchseß von Kärnten, wurde zu 
Wippach in Krain am 23. August i486 geboren 
als ein Sproß der jüngeren Hauptlinie: Herber¬ 
stein -Teuffenbach*). Sein Vater Leonhardt, der 
Barbara von Lueg geehlicht hatte, war Pfleger 


1 Vischer, Gg. Mth.: Topographia ducatus Styriae. Graecii. 1681. q. 40 Blatt „Herberstain M . 

2 Von der reichhaltigen Literatur über Sigmund von Herberstein kann ich hier nur die allerwichtigsten Werke 

und Schriften anführen. Es sind dies F. Adelung , „Sigmund Freiherr v. Herberstein mit besonderer Rücksicht auf seine 
Reisen in Rußland geschildert“. St. Petersburg. 1818. — Das Lebensbild von Fr. Kronesx „Sigmund v. Herberstein“ in 
den Mitteilungen des historischen Vereins für Steiermark. Graz. 1871. 19. Heft. S. I—76. — Ferner S. v. Herbersteins 
noch bei dessen Lebzeiten veröffentlichte selbstbiographische Werke: „Gratae Posteritate Sigismundus Über baro in 
Herberstein... actiones suas ... brevi commentariolo notatus reliquit“. Anno 1558. Kl. fol. — sowie „Sigmund Freyherr 
zu Herberstain . . . seines Thuens, Dienstens und Raysens. Wien. 1559. fol. Beide Bücher mit Holzschnitten 
einigemale aufgelegt — Außerordentlich wichtig erscheint die erst von Th. G. v. Karajan vollständig herausgegebene 
„Selbst-Biographie Siegmunds Freiherm v. Herberstein, i486—1553“ in den von der kaiserlichen Akademie der Wissen¬ 
schaften in Wien edirten „Fontes rerum Austriacarum. I. Abt: Scriptores, Bd 1.“ Wien 1855. S. 67—396. — Bruchstücke 
derselben finden sich schon in dem ebenfalls als eingehende Arbeit anzuführendem Werke: /. A. Kumar : „Geschichte 
der Burg und Familie Herberstein.“ Wien 1817. 3 Thle. (im 3. Thl.) Auch die Einleitung zu der später hier be¬ 

sprochenen englischen Übersetzung der „Moscovia“ von R, H. Major aus dem Jahre 1851 mit Angabe aller Ausgaben und 
früheren Übersetzungen ist wichtig und beachtenswert — Genau verzeichnet erscheinen alle von S. v. Herberstein ver¬ 
faßten Schriften in den erwähnten Arbeiten von Adelung und Krones. — Eine Bibliographie über das ganze Geschlecht 
der Herbersteiner bietet: Schlossar , Bibliotheca historico-geographica Styriaca. Graz. 1886. S. 13 fr. 


Digitized by Google 

















12 


Schloss&r, Sigmund von Herberstein und seine „Moscoria“. 


des kaiserlichen Gutes zu Wippach und hatte 
noch drei Söhne und fünf Töchter. Sigmund 
spricht in seinen Aufzeichnungen stets mit großer 
Liebe von seinen Geschwistern und zeigt schon 
frühzeitig eine edle ernste Gesinnung. Er erwähnt, 
daß er nicht nur deutsch gesprochen, sondern 
auch „windisch“ (das heutige Slovenisch) in seiner 
Jugend gelernt — „hat mir vill muee gemacht“ — 
und daß er wegen dieser Sprache viel Spott 
ausstehen mußte. „Damnaht hat mich niembt 
von der Sprach abtreiben mugen, des mir hernach 
in vill Sachen genutzt hat,“ namentlich bei 
seinen russischen Gesandtschaftsreisen, da beide 
Sprachen große Ähnlichkeit mit einander auf¬ 
weisen. Mit acht Jahren kam Sigmund zu 
seinem Verwandten Domprobst Welzer nach 
Gurk zur weiteren Ausbildung, nachdem er, da 
er viel kränkelte, schon in früher Jugend auf 
Wunsch der Mutter mit dem älteren Bruder Hans 
eine Wallfahrt nach Loretto bei Ancona gemacht 
hatte. Im Jahre 1497 finden wir ihn auf der 
hohen Schule zu Wien, an welcher er ein kräf¬ 
tiges wissenschaftliches Streben bekundet und 
namentlich sich vorzüglich in der lateinischen 
Sprache ausbildet; er wurde 1502 sogar Bacca- 
laureus. Schon 1506 ist Herberstein im Kriegs¬ 
dienste gegen Ungarn; die nächsten zwei Jahre 
kommt er an des Kaisers Maximilian L Hof; 


von 1508 an kämpft er tapfer gegen die 
Venetianer, so daß er im Jahre 1514 durch den 
Ritterschlag von des Kaisers Hand belohnt 
wird (Abb. 7), nachdem er, mit der „Streitfahne“ 
beehrt, die Festung Maran in Friaul entsetzte. 
Von da an aber ist Sigmund berufen, auf staats- 
männischem und namentlich diplomatischem 
Gebiete hervorragend zu wirken. Zunächst 
wurde er von dem Kaiser in den Reichshof¬ 
rat berufen, sodann als Gesandter an den 
Erzbischof von Salzburg und nach Baiem 
gesendet. Eine wichtige Mission war jene im 
Jahre 1516 zu dem Könige von Dänemark, 
Christian II., der als Gatte einer Enkelin 
Maximilians diese nicht mit der gebührenden 
Achtung behandelte und zu einer würdigeren 
Behandlung veranlaßt werden sollte. Die gefahr¬ 
volle Reise in das ferne Land war ein damals 
ebenso kühnes Unternehmen als der Gegenstand 
seines Auftrages dem „grausamen“ Könige 
gegenüber. Christian ließ sich allerdings nur zu 
einer zweifelhaften Antwort herbei, beschenkte 
aber, voll Achtung vor dem würdigen Send¬ 
boten, Sigmund reichlich, und nachdem dieser 
1516 in Augsburg dem Kaiser Bericht erstattet 
hatte, wurde er bald zu einer ganzen Reihe 
der verschiedensten Sendungen ausersehen. — 
Außer den großen beiden Reisen nach Polen 


Herberstein 

es ivn her anfu feiten 



Abb. 3. Stammburg*Herberstein nach Vischers „Topographia ducatus Styriae** x68x. 

C/a Originalgröße.) 


Digitized by LjOOQle 





Schloss«, Sigmund ron Herberstem und seine „Moscovia“. 


13 


und Rußland 1517 und 1526, der Botschaft nach 
Spanien 1519 und jener ins Türkenlager Vor 
Wissegrad, wo er sogar mitten im feindlichen 
Gebiete vor den Sultan trat, hat Herberstein 
bis zum Jahre 1553 seinem Regenten als Ge¬ 
sandter eine reiche Zahl von meist erfolg¬ 
reichen Missionen ausgefuhrt. So wurde ef 
noch 1516, nachdem er aus Dänemark zurück¬ 
gekehrt, an die Schweizer Eidgenossenschaft 
abgesendet, war 1518 zum erstenmale wegen 
der Statthalterschaft Johann Zapolyas und 
später noch öfter zu politischen Verhandlungen 
in Ungarn so z. B. 1520, 1523, 1525, 1527, 
1 533 » 1537 , 1540 , IS 4 I» 1542 und 1551. 
Häufiger auch finden wir ihn als Vermittler seiner 
Herrscher nach Polen gesendet, so, abgesehen 
von den durch Polen führenden Rußlandsfahrten, 
1527, 1529, 1530, 1531, 1539, 1540, 1542 und 
noch öfter, bis 1553, in welchem Jahre er zur 
Hochzeitsfeier der Königin Katharina, die er 
selbst als Braut des Königs dahin geleitete, seine 
letzte Reise nach Polen unternahm. Das Ver¬ 
trauen der kaiserlichen Herrn zu seinem staats- 
männischen Talente zeigten auch die übrigen 
Sendungen, bei denen er oft verschiedene 
Gebiete Deutschlands berührte, sowie die 
Missionen zu den Landtagen nach Prag, Linz 
Grätz, Botzen etc. Nach dem Tode des ritter¬ 
lichen Kaisers Maximilian I. am 12. Juni 1519 
den er zur Einsegnung „auff meinen achsein 
geholffen in die Kirchen zutragen“, widmete 
Herberstein nicht minder treu und ergeben seine 
Dienste den Regenten Carl V. und Ferdinand I 
und stand diesen in den damaligen schwierigen 
Verhältnissen stets als bewährter trefflicher 
Berater und Gesandter zur Seite. 

Die Wirren nach dem Tode Maximilians 
waren die Veranlassung der Sendung Herber¬ 
steins nach Spanien. Auf der Ständeberatung 
der Erbländer zu Bruck a. M. wurde beschlossen 
eine Gesandtschaft an Karl von Spanien, dem 
nächsten Erben Maximilians, abzusenden und 
Sigmund von Herberstein wurde als Vertreter 
Steiermarks hierzu ausersehen. Die Reise 
währte vom Juli 1519 bis Februar 1520; sie 
führte von Villach aus über Venedig, Rom und 
Neapel, und von hier ab war die Seefahrt eine 
durch Stürme und andere Gefahren oft unter¬ 
brochene; man landete in Barcelona und traf 
den König in dem gesunden Städtchen Molino 
del R&, wohin er wegen ausgebrochener an¬ 


steckender Krankheit in Barcelona sich zurück¬ 
gezogen. Herberstein erschien stets als gewandter 
Wortführer der übrigens allerorts mit Ehren 
aufgenommenen Gesandtschaft, und namentlich 
vor dem Könige machte er durch seine in 
deutscher und lateinischer Sprache gehaltenen 
Reden einen vortrefflichen Eindruck. Am 19. De¬ 
zember trat die Legation ihre Rückreise an 
und traf am 4. Februar 1520 wieder in Villach 
ein. Die Darstellung dieser Reise mit ihren 
vielen Fährlichkeiten und merkwürdigen Begeben¬ 
heiten in Herbersteins Aufzeichnungen bietet eine 
Fülle des Fesselnden und Belehrenden. 

Gefährlicher und bedenklicher noch war eine 
Gesandtschaft, zu welcher im Jahre 1541 der 
damalige Herrscher Ferdinand I. den schon 
vier Jahre früher in den Freihermstand erhobenen 
Herberstein an den Sultan Soliman ausersehen 
hatte. Der Sultan hatte zugleich als Verteidiger 
der Zapolya-Partei mit deren Zustimmung Ofen 
besetzt, und es lag die Gefahr nahe, daß die 
Türken auf ihrem Siegeszuge selbst bis Wien 
Vordringen würden. König Ferdinand wandte 
sich nun an die patriotische Opferwilligkeit des 
so oft bewährten Herberstein und bat ihn, sich 


* RER VM MOSCO** 
VITICARVMCO 
MENTARII- 

INhfjs comcntarrjs fparfim contcntahabcbis 
candidc Leftor. 

Ruflic,& quc nunc eius Metropolis cfhMofcotfip 
breuifiimam deferiptionem« 

De Rdigionc quotp varia inferta funt : Et quc nofbra 
cum Rdigionc non conucniunt. 

Corographiam dmiqj totius imperij Mofcici; Et Wdnorum 
quorundam menuonem. 

Q^uis deniqr modus exripirndi 8c trafondi oratorcs: 
dilTeritur. 

Itincrara quo$ duo,in Mofcouiam funt tdiunrta. 


Abb. 4. Titel der ersten Ausgabe von Herbersteins 
„Rerum Moscoviticarum Commentarie*«. Wien 1549. 
('/« Originalgröße.) 


Digitized by t^ooQie 



14 


Schlossar, Sigmund von Herberstein und seine „Moicovia“. 



IVHPA, 

TV» 


/AOSCOVIA S 1 GISMVNDI LIBERI 
BAKpNIS IN HERBERSTEIN.NEIPERp, 
ET CVTEN HAG ANNO MD XLIX i 


MAl^E 

üua-at 


PRO ;vi\NCIA 


'aLBVS 

LUCVSj 


NOVOGARDIA. 

S>V MV. V 


LIVONIA 




SlM£f\I’Kp\ 




TabJaria 


cirpasi popvli 


EVXINIPAH£ 


CASPIVM 


^LQÄVIÄPAI 


PONTl 


,alu* nm\ 


Abb. 5. Karte von Rußland aus Herbersteins „Rerum Moscoviticarum Commentarii“. Basileae 1551. ('/« Originalgröße.) 


persönlich in das Lager bei Ofen zum Sultan 
zu begeben, um einen Frieden oder wenigstens 
längeren Waffenstillstand zu ermöglichen. Daß 
eine solche Gesandtschaft durch das ganze Heer¬ 
lager des wilden und gewiß übermütigen Feindes 
überaus gefährlich erschien, ist begreiflich. Den¬ 
noch erklärte sich der stets Getreue bereit, in Be¬ 
gleitung des Grafen Nikolaus von Salm diese 
Mission auszuführen. Er trat wirklich vor den 
allgebietenden Sultan und in der Tat gelang es 
ihm, einen Waffenstillstand zu erreichen. Auch 
diese Reise, den Aufenthalt im Lager und die 
Ceremonien beim Empfange durch den Sultan 
hat Herberstein eingehend geschildert. Die 
Gesandten wurden übrigens ehrenvoll empfangen, 
erhielten kostbare türkische Röcke (Abb. io) 
und andere wertvolle Geschenke und traten am 
12. September mit dem in Goldstoff eingenähten 
Briefe des Sultans an den Kaiser die Rückreise 
zu Schiffe bis Preßburg und sodann zu Fer¬ 
dinand nach Graz an. Herberstein hatte dem 
Könige und dem Reiche wieder einen außer¬ 
ordentlich wichtigen Dienst erwiesen. 


Es ist nunmehr über die zwei merkwürdigsten 
Gesandtschaftsreisen Herbersteins durch Polen 
nach Rußland bis Moskau zu berichten, die 
ihm die Veranlassung und den Stoff zu seinem 
berühmten Werke „Moscovia“ geboten haben. 
Die erste dieser Reisen füllte das Jahr 1517 aus. 
Dem Kaiser Maximilian war darum zu tun, daß 
der Friede zwischen dem Zaren und Polen 
vermittelt werde, da Polens günstiger Einfluß 
auf Ungarn von Wichtigkeit erschien zur Sicher¬ 
stellung der Ansprüche Österreichs auf die 
ungarische Krone. Auch sollte der Ehebund 
zwischen Sigismund von Polen mit Maximilians 
Enkelin Bona von Mailand zu Stande gebracht 
werden. Herberstein, dem zuerst mehrere Mit- 
Gesandte beigegeben waren, von denen aber 
einige vor dem Wagnisse zurückschreckten und 
einer auf der Reise starb, verrichtete die Mission 
schließlich allein. Durch Rußland zu reisen, das 
zu jener Zeit als ein nahezu mythisches Land 
galt, war damals allein schon eine schwierige 
und gefahrvolle Unternehmung; noch dazu wurde 
die Reise im Winter, also in der für jenes Gebiet 


Digitized by LjOOQle 














Schlossar, Sigmund von Herberstein und seine „Moscovia“. 


IS 


gefährlichsten Jahreszeit, 
unternommen. Mehrere vor¬ 
nehme Herren machten die 
Expedition mit, darunter 
ein eben von Maximilian 
zurückkehrender russischer 
Gesandter. Zunächst führte 
der Weg nach Krakau und 
an das Hoflager nach Wilna, 
wo Ende Februar 1517 
Herberstein von Sigismund 
aufs Gnädigste empfangen 
und die erwähnte Heirat 
beschlossen, später auch 
vollzogen wurde. Dann 
aber gestaltete sich die 
Weiterreise beschwerlicher 
und gefahrvoller durch das 
vereiste und schneebe¬ 
deckte Land. Am 4. April 
war Nowgorod erreicht; 
von hier wurde die Strecke 
bis Moskau auf Postpferden, 
wie sie dort üblich waren 
(Abb. 12), zurückgelegt. 

Bald aber kamen zu dem 
Reisenden vom Zaren ent¬ 
gegengeschickte Boten, die 
ihn bis Moskau geleiteten, 
wo er am 18. April ein¬ 
traf. Herberstein wurde im 
Hause eines Fürsten ein¬ 
quartiert und erhielt für sich 
und sein Gefolge reichlich 
Lebensmittel: Rindfleisch, 

Hühner,Fische, Brodfrucht, 
auch Getränke. Am 21. April 
hatte er die Audienz beim Zaren und wurde bilden ließ (Abb. 9). Die Rückreise nach Wilna 
nach derselben auch zum Speisen geladen, führte diesmal über Smolensk. Im Schlosse 
Eingehend und anziehend beschreibt dies der Troki bei Wilna besah er sich einen merk- 
Reisende Alles in seinen Schriften. Auf den würdigen Tiergarten, in dem sich Auerochsen 
Zaren machte das Auftreten Herbersteins den befanden; er bekam später einige Häute solcher 
denkbar besten Eindruck, obwohl wegen der Ochsen vom polnischen Könige geschenkt. 
Forderungen von Seite der polnischen Gesandten Auch die Jagd auf diese wilden Tiere schildert 
die Vermittlung zu keinem rechten Erfolge Herberstein. Er kam am 25. Januar 1518 nach 
führte. Am 21. November 1517 wurde Herber- Krakau und nach manchen Fährlichkeiten, die 
stein, reich beschenkt mit Lebensmitteln und mit ihm noch beschieden waren, am 20. Februar in 
200. Mann Begleitung bis zur Grenze versehen, Wien an. Der Kaiser weilte in Innsbruck, wohin 
entlassen. Als hohe Auszeichnung ward ihm sich Herberstein sofort begab, um Meldung zu 
vom Zaren ein Ehrenkleid aus Pelz und Gold- erstatten und wo er von Maximilian aufs Gnä- 
stoff verehrt, in dem er sich später auch ab- digste empfangen wurde, der sich von dem 



Digitized by t^ooQie 





Schlossar, Sigmund von Herberstein und seine „Moscovia“. 


16 


Gesandten auch die Abenteuer der merkwürdigen 
Reise oft und viel erzählen ließ und ihm die 
Pflegherrschaft Klamm bei Schottvien zur Be¬ 
lohnung verlieh. 

Nicht minder bedeutsam und noch erfolg¬ 
reicher erschien die zweite Gesandtschaftsreise 
Herbersteins nach Rußland im Jahre 1526. 
Wieder galt es den Frieden zwischen Rußland 
und Polen herzustellen. Von Erzherzog Ferdi¬ 
nand wurde Herberstein, von Kaiser Karl Graf 
Nugarolis für diese Gesandtschaft bestimmt, 
doch hatte ersterer eigentlich die Führung. 
Wieder schloß sich ihnen eine vom Kaiser 
zurückkehrende russische Gesandtschaft an. 


Beim König von Polen wurden die Legaten aller¬ 
dings zuerst nicht gnädig aufgenommen, zumal 
wegen der mitreisenden russischen Herren; als 
aber Herberstein in offener Weise die Ehrlich¬ 
keit der Gesinnungen seines Herrn auseinander¬ 
setzte, war der König mit den weiteren Unter¬ 
handlungen einverstanden und zeigte sich wohl¬ 
wollend. Man legte die fernere Reise vom 
14. Februar an über Lublin, Brest und Minsk 
bis Smolensk auf Schlitten zurück und war 
mancher Gefahr, namentlich auch einem heftigen 
Schneesturme ausgesetzt Vielfach zeigten sich 
die Russen im Lande unfreundlich; erst als 
Boten, vom Zaren entgegengeschickt, mitzogen 
und Herberstein energisch 
auftrat wurde es besser. Am 
26. April kam die Gesandt¬ 
schaft, unter großem Volks- 
zulaufe feierlich empfangen, 
in Moskau an, wo sie ihrem 
Range gemäß beherbergt 
und verpflegt wurde. Wieder 
waren sie beim Zaren 
Wassilij Iwanowitsch 
(Abb. 11) zur Tafel geladen 
und es gab manche Trink¬ 
gelage, wobei Trinksprüche 
ausgebracht wurden, denen 
sich Herberstein durch ver¬ 
schiedene Verstellungen zu 
entziehen wußte. Die Ver¬ 
handlungen zwischen den 
Polen und dem Zaren wußte 
der österreichische Gesandte 
günstig zü beeinflußen, ob¬ 
gleich Anfangs beide Teile 
nicht zur Nachgiebigkeit 
gebracht werden konnten. 
Endlich gelang es, einen 
fünfjährigen Waffenstillstand 
zu erwirken. Im November 
verließen die Gesandten 
Moskau und wurden mit Ge¬ 
schenken von Zobel- und 
Hermelinfellen, von anderem 
edlen Rauchwerk und der¬ 
gleichen reich bedacht 
Herberstein erhielt wiederum 
als Ausdruck besonderer An¬ 
erkennung und Auszeichnung 
ein prächtiges Ehrenkleid. 


cnio.'t'rrf nrtef' ber Äßanfcr be^abf muf neben anbern %it* 

h.tulilcütcn mit IK<tffrlkfittn>fcrp{ /btarn mttn juCicntr 
<111 -De ff feilt 



Abb. 7. Herbersteins Ritterschlag. 
Holzschnitt aus der „Moscouia“ (deutsch). Wien 1557. 
C/a Originalgröße.) 


Digitized by tjOOQle 






























Schlossar, Sigmund von Herberstein und seine „Moscovia“. 


1 7 


Am n. November trat er die Rückreise an, 
die sich durch heftige Kälte und Schneestürme 
gleichfalls sehr gefährlich gestaltete. In Krakau 
traf er am 12. Januar 1527 ein und konnte noch, 
da der ungarische König Ludwig inzwischen 
in der Schlacht bei Mohacs gefallen war, die 
Unterstützung des Polenkönigs zugunsten der 
Ansprüche Österreichs auf Ungarn gewinnen. 
Am 24. Oktober teilte er in Prag Ferdinand das 
günstige Ergebnis seiner gefährlichen Reise, die 
aber so erfolgreich gewesen war, mit. Allerdings 
wurde Herberstein durch die Anstrengungen der 
Fahrt leidend, und in Wien warf ihn sogar ernst¬ 
liche Krankheit darnieder. Er hatte diesmal, 
schon vor Antritt der Reise, auch den Auftrag 
erhalten, die Sitten und Gebräuche der Russen, 
ihre Religion und die Äußerungen ihres Kultur¬ 
lebens sowie das Land selbst mit Aufmerksam¬ 
keit zu betrachten; Herberstein machte sich 
auch Aufzeichnungen, betrieb Studien über Ru߬ 


land und die Folge war das Erscheinen seines 
umfassenden, rühmlichst bekannten Werkes. 

Daß Herberstein, obwohl er öfter sich zur 
Ruhe zurückziehen wollte, noch für manche 
wichtige Mission ausersehen ward, erweist das 
früher hierüber Mitgeteilte. Seit 1553 aber wurde 
der 67jährige Mann zu keiner weiteren diplo¬ 
matischen Reise mehr verwendet. Er hatte 1556 
die Würde eines obersten Erbkämmerers von 
Österreich und eines obersten Erbtruchsessen 
von Kärnten verliehen erhalten und war Präsident 
der niederösterreichischen Kammer geworden. 
Seine bereits 1523 mit Helene von Saurau 
eingegangene Ehe ist kinderlos geblieben. Noch 
sollte Herberstein den ihm so gnädig gesinnten 
nunmehrigen Kaiser Ferdinand, der 1564 starb, zu 
Grabe geleiten. Am 22. März 1566 aber wurde 
der Vielgereiste selbst diesem Leben entrückt. 
Ferdinands Sohn, Erzherzog Karl von Steier¬ 
mark, ließ dem Hochverdienten in der St. Michael- 



»ftita fo w( Mir rar «Wiir cni(paii.p/3|t.M6 cA'lotf (patt/ 

S(nflfr6al& iß Wt ©tot großtiiö mctt/mif W 4 ™» 


3?«$ tcm $ufj oik§ gcncnt/SdMfft man auctmttStellt in tu Oc(a/t>ann in ,' 

Mc'Zödaa/tmMu« ^ccr <Ja»p«ni cOcr ^rcanusn. 




Abb. 8. Plan ton Moskau aut der „Moscouia" (deutsch). Wien 1557. 

('/« Originalgröße.) 

Z. f. B. 1904/1905. 3 


Digitized by i^OOQLe 

















i8 


Schlossar, Sigmund von Herberstein und seine „Moscovia“. 



Abb. 9. Russisches Ehrenkleid Herbersteins. 
Aus: „Graue posteritati etc.'* 1558. 

('/■ Originalgröße.) 


Kirche zu Wien, wo er begraben wurde, eine 
Inschrifttafel setzen, die mit den Versen schließt: 
Von Herberstain Herr Sigmvnd 
Hier liegt, welchem Lob zu aller Stvnd 
Wird seyn bey Kaysem wolbekannt, 

Auch bey allen Levten in ihren Lannt 

Dann er bey 4 Kaysem hat 

Gelebt als getrever Diener undt Rat, 

Ums Vatterlandt sich wohl verschvldt 
Davon er bracht hat Ehr vndt Hvldt. 

Herberstein hat eifrig auch als Schrift¬ 
steller gewirkt; namentlich waren es Nach¬ 
richten über seine Familie und seine eigene 
Tätigkeit, die er in verschiedenartiger Form 
veröffentlichte. Seine Selbstbiographie ist aller¬ 
dings erst Jahrhunderte nach seinem Tode voll¬ 
ständig im Drucke erschienen. Aber das be¬ 
deutungsvollste und für die weitesten Kreise 
wichtigste Werk war die Beschreibung Ru߬ 


lands, die erste ausführliche Arbeit über dieses, 
für ganz Westeuropa vollständig unbekannte 
Gebiet, das eine Fülle von Mitteilungen nach 
der eigenen Anschauung und Kenntnisnahme 
der Verfassers enthält. Frühere Angaben über 
dieses Ländergebiet von J. Fabri, A. Wied, Olaus 
Magnus, Matthäus von Michow, Alberto Cam- 
pense und etwa Sebast. Münster in seiner Cos- 
mographie waren teils wenig umfangreich, teils 
nur nach gewissen Richtungen weiter ausge¬ 
führt und für den engeren Gelehrtenkreis be¬ 
rechnet. Herbersteins Werk aber erregte eine 
solche Aufmerksamkeit, daß bald nach dem 
Erscheinen des lateinischen Originals der Ver¬ 
fasser selbst eine deutsche Ausgabe veran¬ 
staltete, in der Folge aber auch von andern 
Bearbeitern solche Ausgaben so wie Über¬ 
setzungen erschienen. 

Wir wenden uns zunächst der überaus sel¬ 
tenen lateinischen Originalausgabe in Folio zu, 
der die Angabe des Druckortes und Druck¬ 
jahres fehlt. Es läßt sich aber mit Sicherheit 
schließen, daß sie im Jahre 1549 zu Wien er¬ 
schienen ist.* Aus der nachfolgenden Beschrei¬ 
bung geht auch die Lösung des Zweifels hervor, 
den Adelung in seinem in der zweiten Fußnote 
angeführten Hauptwerke S. 320 und 321 auf¬ 
stellt; er kann sich nicht erklären, warum 
Loretus Glareanus in seinem achten Buche des 
Q. Curtius anläßlich der Besprechung der Scythen 
und Sarmaten erwähnt, daß Herberstein über 
diese Gebiete „duo justa Volumina edidit“. Offen¬ 
bar hat die doppelte Foliierung der in 2 Abtei¬ 
lungen zerfallenden ersten Ausgabe hierzu Ver¬ 
anlassung gegeben. Hier die genaue Angabe 
des Titels: 

RERVM MOSCO- 
VITICARVM CO- 
MENTARII. 

IN hijs comentarijs sparsim contenta habebis 
candide Lector. 

Russiae & que nunc eius Metropolis est, Moscouiae 
breuissimam descriptionem. 

De Religione quoque varia inserta sunt: Et que nostra 
cum Religione non conueniunt. 

Corographiam denique totius imperij Moscici: Et vioinorum 
quorundam mentionem. 

Quis denique mopus excipiendi & trabtandi oratores! 
disseritur. 

Itineraria quoque duo, in Mosconiam sunt adiuncta. 


1 Das mir vorliegende, hier beschriebene Exemplar dieser Ausgabe verdanke ich der Güte und Liberalität des 
Herrn Hofbibliotheksdirektors in Wien. Es dürfte dasselbe sein, das Adelung S. 320 als ihm von Kopitar beschrieben 
erwähnt. Das Exemplar ist aber offenbar später umgebunden, und es sind die Gruppen der Folienblätter umstellt worden. 
Die bei Adelung erwähnten 3 Seiten Druckfehler fehlen überhaupt 


Digitized by 


Google 




Schlossar, Sigmund von Herberstein und seine „Moscovia“. 


«9 


Auf der Rückseite dieses Titels (Abb. 4) 
befindet sich das große (hier prächtig kolorirte) 
Holzschnittwappen Herbersteins. Es folgt nun, 
mit foL II bezeichnet, die Widmungsvorrede an 
König Ferdinand; daran schließen sich fol. III 
und IV: lateinische, den Verfasser verherr¬ 
lichende Gedichte. Dann beginnt die eigent¬ 
liche Beschreibung, durch ein Zwischentitelblatt 
(fol. I): „Moscowia Sigismundi Liberi Baronis 
in Herberstain Neyperg et Gvetenhag“ eröffnet 
und bis fol. XXIX fortgeführt. Hierauf wird 
ohne Zwischenblatt die Darstellung mit der 
Überschrift: „Nunc chorographiam principatus 
et domini magni ducis Moscoviae aggrediar“ etc. 
wieder mit fol. I beginnend, bis fol. XXXVII 
weitergeführt. Es folgt die gestochene Karte: 
„Moscovia .. . Anno MDXLIX.“ (Abb. 5) mit 
dem kleinen Wappen Herbersteins und der 
Bemerkung rechts „Hane tabulam absolvit Avg. 
Hirsfogel. Vie: Avs:“ etc., daran schließen sich 
drei Tafeln russische Kriegsleute, Waffen, die 
Schlittenreise und die sitzende Figur des Zaren 
darstellend, worauf abermals der Text: „Itinera 
in Moscoviam“ mit fol. V beginnt und mit fol. 
XII das Ganze abschließt. — Abgesehen von 
diesen letzten 12 Blättern erklärt sich also viel¬ 
leicht die Annahme der „duo Volumina“. Auch 
die Karte und die übrigen Tafeln dieses aus¬ 
gezeichnet erhaltenen Exemplares erscheinen 
koloriert Jedenfalls haben wir es mit einem 
Widmungsbande fiir Ferdinand selbst zu tun. 

Schon 1551 erschien, verbessert und heraus¬ 
gegeben von Wolfgang Lazius, wie der Brief 
an den Verleger auf der Rückseite des Titel¬ 
blattes besagt, eine neue Ausgabe in Folio 
bei Johann Oporinus in Basel. Auf dem Titel 
findet sich auch schon der Name des Ver¬ 
fassers. Dieser Titel lautet: 

Rerum Moscouiticarum Commentarii Sigis¬ 
mundi Liberi Baronis in Herberstain, Neyperg 
& Guettenhag. In his Commentariis (etc. wie 
in der ersten Ausgabe bis) Oratores, disseritur. 
Dann folgt noch auf dem Titelblatte: „Itineraria 
quoque duo in Moscouiam, sunt adiuncta. Acces- 
sitetiam locuples rerum & verborum in his memo- 
rabilium Index. Basileae, Per Ioannem Oporinum.“ 
Es folgen 3 unbz. Bll. Als Pag. 1 die sitzende 
Figur des Zaren mit reicherem Beiwerk und 
den lateinischen Versen als Überschrift: 

Russorum Rex et Dominus sum, jure patemi 

Sanguinis: imperij titulos a nemine, quauis 


Mercatus prece, uel precio: nec legibus ullis 
Subditus alterius, sed Christo credulus uni, 
Emendicatos alijs aspernor honores. 

Ferner als Pag. 2 „Ad lectorem“, worauf die 
Seiten bis 175 fortlaufen und sich 9 unbez. Seiten 
„Index“ anschließen. Das noch folgende letzte 
Blatt enthält auf der Vorderseite abermals die An¬ 
gabe des Verlegers und die Jahreszahl „MDLI 
Mense Julio“, auf der Rückseite das große 
Herbersteinische Wappen. Von Pag. 159 beginnt, 
bis Pag. 175 reichend: „PauliJoviiNovocomensis 
de legatione Basilij magni Principis Moscouiae, 
ad Clementem VII. Pontificem Max. Liber“ 
etc. Auch dieser Ausgabe ist eine, aber deut¬ 
lichere, in Holzschnitt ausgeführte doppelseitige 
Karte: „Moscovia Sigismundi Liberi Baronis in 
Herberstein, Neyperg et Gvtenhag Anno 
MDXLIX“ beigegeben. 

Es kann nicht die Absicht der vorliegenden 
Ausführungen sein, die Titel aller erschienenen 
Ausgaben und deren Beschreibung wortgetreu 
wiederzugeben, zumal diese Titel vieles mitein¬ 
ander gemein haben. Daher sei angeführt, 



Abb. xo. 

Das Ehrenkleid Sultans Soliman II. für Herberstein 
Aus: „Gratae posteritati etc." 1558. (*/« Originalgröße.) 


Digitized by 


Google 



20 Schlossar, Sigmund von Herberstein und seine „Moscovia“. 

Titel: „Rerum Moscoviticarum Commentarij, 
Sigismundo Libero (sic!) authore. Russiae breu- 
issima descriptio et de religione eorum varia 
inserta sunt. . . Antwerpiae in aedibus Joannis 
Steelsij. MDLVII. 8° 3 Bll., 198 bez. Bll, 
3 S. Index, mit Karte von Rußland. 

Nach der Ausgabe von 1556 abgedruckt 
und mit denselben Holzschnitten wie jene ver¬ 
sehen, erschien in Oporins Offizin zu Basel 1571 
eine Folioausgabe, die auf dem, von ihrer 
Druckvorlage etwas abweichenden Titel noch 
den Beisatz enthält: . His nunc primum 

accedunt, Scriptum recens de Graecorum fide, 
quos in Omnibus Moscorum natio sequitur: et 
Commentarius de Bellis Moscorum aduersus 
finitimos Polonos, Lituanos, Suedos, Liuonios 
et alios gestis, adannum usque LXXI, scriptus 
ab Joanne Leuuenclaio . .. Basileae ex officina 
Oporiniana. 1571. fol. 327 S. 

In verschiedenen bibliographischen Werken 
werden noch angeführt Ausgaben: von Ant¬ 
werpen 1557 in fol., Frankfurt 1560, 2 Basel 1573, 
Basel 1574 in fol., die aber weder Adelung noch 
den übrigen, sich mit den Ausgaben der Moscovia 
eingehender Beschäftigenden vor Augen ge¬ 
kommen sind. Dagegen enthält die Sammlung: 
„Rerum Moscovitorum Auctores varii unum in 
corpus nunc primum congesti . . . Francofurti 
apud haeredes Andreae Wecheli, Claud. Mamium 
daß, vom Verfasser selbst reich vermehrt und et Joan. Aubrium“ die 1600 in fol. erschien, 
verbessert, 1556 wieder eine Neuauflage der auf Pag. 1 bis 117 den wörtlichen Abdruck 
„Rerum Moscoviticarum Commentarii“ bei Jo. der Baseler Ausgabe von 1556 nebst allen 
Oporinus in Basel in Folio erschien. 1 Sie um- Karten und Holzschnitten, nur noch vermehrt 
faßt 205 Seiten und 16 Seiten Index und ent- durch neue verschiedene Schreiben, die auf 
hält an Tafeln: die Karte Moscovia MDXLIX, Herbersteins Reisen Bezug haben und von 
eine Karte von Rußland, einen Plan von Moskau, Maximilian, Karl V., Ferdinand, Ludwig II. von 
die Tafeln, russische Kriegsleute und Waffen Ungarn und Sigismund von Polen herrühren, 
darstellend, eine Tafel, die Schlittenreise vor- In einigen Sammlungen sind auch einzelne 
führend, eine Geschlechtstafel des Hauses Öster- Bruchstücke aus Herbersteins Moscovia er¬ 
reich und die Ansichten des Auerochsen und schienen, die Adelung 3 anführt; es sind dies 
des Bisont, alle Bilder in Holzschnitt ausgeführt Sammlungen historischer Quellen zur Geschichte 
Am Schlüsse sind von Pag. 173 an bis 205 Polens. 

lateinische, Herberstein verherrlichende Verse Von Wichtigkeit erscheint die erste deutsche 
von verschiedenen Verfassern enthalten. Ausgabe, die Herberstein selbst als Über- 

Eine recht fehlerhafte Ausgabe als Nach- Setzung verfaßt, bearbeitet und herausgegeben 
druck der eben erwähnten in Oktavformat er- hat. Sie erschien 1557 in fol. und fuhrt den 
schien schon 1557 in Antwerpen unter dem Titel: 

1 Mit Monogramm A. H. 1547, also offenbar August Hirschvogel. Diese Tafel gestochen, die übrigen 3 Tafeln 
in Holzschnitt 

2 Angeblich bei Wechels Erben in Frankfurt erschienen, also im Verlage des unten erwähnten Textes von 1600. 

3 Von Adelung genau beschrieben a. a. O. S. 324 ff. 



Digitized by t^ooQie 



Schlossar, Sigmund von Herberstein und seine „Moscovia“. 


21 


Moscouia der Hauptstat 
in Reissen, durch Herrn Sigmun¬ 
den Freyherm zu Herberstein. Neyperg und Gueten- 
hag Obristen Erbcamrer, und öbristen Erbtruckhsessen in Kärtn, 
Römischer zu Hungern und Beheim Khü. May. e. c. Rat, Camrer und Presi¬ 
denten der Niederösterreichischen Camer zusamen getragen. 
Sambt des Moscouiter gepiet, und seiner anrainer 
beschreibung vnd anzaigung, in weu (sic!) sy glaubens 
halb, mit vns nit gleichhellig. 

Wie die Potschaflften oder Gesanten durch sy em- 
phangen vnd gehalten werden, sambt zwayen vnder- 
schidlichen Raisen in die Mosqua. 

Mit Rö. Khü. May. gnad und Priuilegien 
Getruckht zu Wienn in Osterreikh durch Michael 
Zimmermann in S. Anna Hoff. 

1557 . 


darstellend, 13. das Wappen des Ver¬ 
legers. — Meiner Ansicht nach sind die 
mit (?) bezeichneten Holzschnitte dem 
von Adelung benutzten Prachtexemplare 
der deutschen Moscovia aus der Biblio¬ 
thek des russischen Reichskanzlers Graf 
von Romanzoff willkürlich beigegeben, 
zumal dieses Buch wahrscheinlich ein 
F amilienst ück der N achkommen Herber¬ 
steins gewesen ist, wie Adelung angibt. 
Die sechs Holzschnitte, die Herberstein 
in den Fest- und Ehrenkleidern dar- 


Die i te , 2 te , 7 le , io tc , I3 te und i6 te Zeile des stellen, finden sich namentlich in den eingangs bei 

Titels (Abb.6) ist rot gedruckt. Der Band besteht Aufführung der Literatur erwähnten selbstbio- 

aus 24 mit A bis Zij bezeichneten Bogen ohne graphischen Schriften Herbersteins 3 : „Gratae 

Seiten- oder Blattbezeichnung. Die Holzschnitt- posteritate“ etc. von 1558 und „... seines Tuens, 

tafeln scheinen in den Exemplaren verschieden Diensten und Raysens“ von 1559 und sind wohl 

zu sein T , auch dürften sie sich nicht in jedem für diese hergestellt worden (Abb. 9 und 10). 

Exemplare an derselben Stelle im Buche finden. Merkwürdigerweise ist 1563 wieder eine 
Nach Adelungs Exemplare sollen folgende Folioausgabe zu Basel erschienen, deren Über- 

Tafeln und blattgroße Holzschnitte vorhanden Setzung nicht von Herberstein herrührt; daß der 

sein] 2 : 1. das Holzschnittbild Herbersteins von Übersetzer, wie Adelung annimmt, Herbersteins 

1547. (?), 2. die Hirschvogelsche Karte (?), Übertragung von 1557 gar nicht gekannt hat, 

3. die Holzschnittkarte Moscouia 1557, 4. der 
Grundriß Mosqua (Abb. 8), 5. das Bild des 
Zars auf dem Throne (Abb. 11) von 1556 
mit Versen, welche jenen der lateinischen 
Ausgabe entsprechen: 

Ich bin der Reissen Herr vnd Khünig 
Meines Andlichen Erbs benuegig 
Hab von nyembt nichts erbetn noch gekhaufft 
Bin in namen Gottes ain Christ getaufft 

6. ein moskovitischer Reiter mit der Über¬ 
schrift: „der Moscouiter Rüstigung“ usw., 

7. das Herbersteinische Wappen, 8. sechs Holz¬ 
schnitte, Herberstein in den bei feierlichen Ge¬ 
legenheiten getragenen und erhaltenenKleidern 
vorstellend (?), 9. der Stammbaum des öster¬ 
reichischen Hauses, 10. ein Blatt, Herbersteins 
Reisen und die von ihm besuchten Fürsten 
darstellend, 11. zwei Blatt mit vier Szenen aus 
Herbersteins Studien- und Kriegszeit, 12. drei 
Holzschnitte, die Schlittenreise (Abb. 12), 

Waffen und Sättel, drei russische Reiter 

1 A. a. O. S. 337 und 338. 

* Mir liegen zwei Exemplare, jenes der Grazer Uni¬ 
versitätsbibliothek und jenes der steirischen Landes¬ 
bibliothek vor; beide weichen in den Tafeln von einander 
und von dem Exemplar, das Adelung beschreibt, ab. 

3 Die in den mir vorliegenden Exemplaren fehlen¬ 
den Tafeln sind oben mit (?) bezeichnet 



Digitized by kjOOQie 




22 


Schlossar, Sigmund von Herberstein und »eine „Mo*covia“. 



Sela Cccfär, Sartorius, <Jtta , 

Stütz bu)csef, tjvfcj, IHLclcicu, Gjfcturna', Qtobus. 
Corxla,,£upi,Surrar, SigTWf Jh^tjiaySi^tra, Corenut, 
d~C erberjtexrüaca: sunt j?ia re Ca, C&omius . 

rtfSL" T *, ** ‘ * ‘;:^U >■ 

__ 

Abb. 13. Herbersteinsches Exlibris, etwa Mitte des XVIII. Jahrhunderts. 
(Vt Originalgröße.) 


ist aber doch wohl nicht anzunehmen. Der 
ungemein lange Titel sei hier gekürzt und nur 
mit Anführung der bezeichnenden Stellen des¬ 
selben wiedergegeben: 

„Moscouiter wunderbare Historien: In welcher 
daß treffenlichen Grossen land Reüßen, sampt 
der Hauptstatt Moscauw, vnd anderer namm- 
hafftigen vmligenden Fürstenthumb vnd stetten 
gelegenheit, Religion, vnd seltzame gebreüch ... 
begriffen; so alles bißhär bey vns in Teütscher 
nation vnbekandt gewesen. Erstlich durch ... 
herren Sigmunden Freyherm zu Herberstein. •. 
zu latein beschrieben: Jetz ... zu ehren ... dem 
Herren Johann Graven zw Nassaw etc. durch 
Heinrich Pantoleon .... zu Basel, auff das 


treuwlichest verteütschet . . . 
Gedruckt zu Basel Anno 1563." 
Am Schlüsse des Buches steht 
der Name der Drucker: „Ge- 
truckt zu Basel bey Niclauß 
Brillinger vnnd Marx Russinger 
1563.“ Titelbl. und 6 unbez. Bll. 
Vorrede usw., sodann 225 rö¬ 
misch paginierte Seiten und 3 
unbez. Bll. Register. — An Holz¬ 
schnitten und Tafeln enthält 
der Band: auf der Rückseite des 
Titels die Figur des sitzenden 
Zars mit der Jahreszahl 1551, 
der Überschrift: „Moscouiten 
Großfürst“ und sechs Vers- 
zeilen: „Der Reüssen Künig 
vnd Herre gut“ usw., ferner die 
Karten doppelter Formatgröße 
von Rußland mit der Über¬ 
schrift: „Erste Landtaffel“ usw., 
„Andere Landtaffel“ usw. (be¬ 
sonders auch waldiges Gebiet 
dargestellt), „dritte taffel: In 
welcher die statt Moscauw... 
begriffen,“ Seite CXXIV und 
CXXV die blattgroßen Ab¬ 
bildungen des Bisont und des 
Auerochsen, Seite CLXXII drei 
gerüsteten Moscoviten, Seite 
CLXXIII oben die „Schlitten- 
farung“, darunter gesattelte 
Pferde, und Seite CLXXIV 
Waffen und Kriegsrüstungen: 
alles ist in Holzschnitt aus- 
gefuhrt. 

Neuerlich ist H. Pantaleons Ausgabe in fol. 
auch 1567 im gleichen Verlage, am Schlüsse 
mit dem Druckvermerk: „Getruckt zu Basel bey 
Niclauß Billinger erben vnnd Marx Russinger 
1567“ erschienen. Sie weist im Titel einige 
Abweichungen und einen längeren Beisatz, be¬ 
treffend die „völekeren, so zu ringharum an die 
Moscouiter stossend“ auf, auch ist die Stelle 
„zu ehren ... bis Graven zu Nassaw“ der Aus¬ 
gabe von 1563 weggelassen. — Diese spätere 
Ausgabe hat 5 unbez. Bll. Vorrede etc., 246 
römisch paginierte Seiten und 5 unbez. Seiten 
Register. Die Karten und übrigen Holzschnitte 
sind dieselben wie in der eben beschriebenen 
Ausgabe. 


Digitized by LjOOQle 





Schlossar, Sigmund von Herberstein und seine „Moscovia 11 . 


23 



dinandus Josep hiär'S: JK.il. Comds ab 
X M tn Neuberg, & GueHenhaaa, 3)yna$\a 
c^Mova Jim ad (Dolrram JuerroiUrtue 
ac iDapifer Cartnihur. Ord* S.Z&s&iiftrosoM 
dolor Qrpbnicy, &£ (Magno Jinfy Sac Caxr iMdlur 
\nsihariur Status, JtuUr MarrschuzUur ‘Jdt Jt(jralu 


Abb. 14. Exlibris des Grafen Joh. Ferd. von Herberstein. 
Aus dem XVIII. Jahrhundert, (*/» Originalgröße.) 


Von den übrigen deutschen Aus¬ 
gaben finden sich noch, alle in fol.: 
eine in Prag 1567 erschienene, mit 
der eben erwähnten Baseler voll¬ 
kommen übereinstimmend, eine „die 
Moscovitische Chronika“ etc. in 
Frankfurt 1576 und dann daselbst 
1579 erschienen. An verschiedenen 
Stellen erwähnt werden ferner: eine 
weitere Frankfurter Ausgabe von 
1589 und eine Wiener Ausgabe von 
1618. Eine Ausgabe endlich, die 
letzte nach Pantaleons Übersetzung 
von 1567, hat Kaiserin Katharina II. 
von Rußland 1795 zu St. Petersburg 
veranstalten lassen. Es wurden ein¬ 
getretener Verhältnisse wegen nur 
wenige Exemplare der erst 1804 
fertig gedruckten Ausgabe ediert, so 
daß sie zu den großen Seltenheiten 
zählt. 1 

Was die Übersetzung in andere 
Sprachen betrifft, so liegen nur zwei 
vor. Die erste derselben ins Italieni¬ 
sche ist merkwürdigerweise kurz 
nach der Publikation des lateinischen 
Originals 1550 erfolgt und fuhrt den 
(gekürzten) Titel: „Commentari della 
Moscovia, et delle altre cose belle 
e notabili... per il signor Sigismondo 
libero Barone in Herberstain .. . tra- 
dotti nouamente di latino in lingua 
nostra uuolgare Italiana. Simelemente 
vi si tratta della religione delli Moscouiti“ etc. 
In Venetia per Gisan Battesta Pedrezzano . . . 
MDL. 4 0 80 Bll. sechs Holzschnitte und eine 
Karte. Diese Übersetzung findet sich außer¬ 
ordentlich selten. 

Die zweite Übersetzung von Herbersteins 
Werke und zwar ins Englische, die keiner der 
genannten Bio- und Bibliographen zu kennen 
scheint, hat die Hakluyt Society im Jahre 1852 
herausgegeben. Sie führt den Titel: „Notes 
upon Russia: being a translation of the Earlist 
Account of that Country, entitled Rerum Mos- 
coviticarum Commentarii by the Baron Sigis¬ 
mund von Herberstein ... Translated and edited 
by R. H. Major of the British Museum. London. 
Prindet for the Hakluyt Society. 1851. 2 Voll. 


8°, Vol. 1 enthält ein Titelbild mit Herber¬ 
steins Bildniß im Staatskleide als Gesandter 
„from an Original Drawing in the Grenville 
Library“ und Vol. 2. Wiedergaben des Zaren¬ 
bildnisses, des Planes Moscovia und der Karte 
Moscovia 1549 aus den alten Ausgaben. 

Noch sei schließlich erwähnt, daß ein Aus¬ 
zug aus dem Werke Herbersteins in tschechischer 
Sprache unter dem Titel: „Zygmund swobodneho 
Päna z. Herbersteina cesta do knjzestwj 
Mockewsköho“ der tschechischen Übersetzung 
von Guagninis ursprünglich lateinisch verfaßten 
Moskauer Chronik, welche Matthäus Hosya von 
Hohenmaut übertragen hat, durch den Heraus¬ 
geber F. F. Prochäzka, beigegeben wurde. 
Prag 1786. 


x Ausführliches därüber bei Adelung a. a. O. S. 
364-367. 




Digitized by LjOOQle 











24 


Schlossar, Sigmund von Herberstein und seine „Moscovia“. 


Man muß, um den Wert und die Wichtig¬ 
keit dieser ersten ausführlichen Schilderung 
Rußlands, seines Landes und seiner Bewohner 
welche Herberstein verfaßt hat, beurteilen zu 
können, in Betracht ziehen, daß dieses ganze 
Gebiet dem übrigen Europa ein völlig fabel¬ 
haftes war, über das die verschiedensten aben¬ 
teuerlichen Meinungen herrschten, — daß dieses 
Buch zum ersten Male nach der eigenen An¬ 
schauung eines gelehrten Reisenden, dem auch 
die Kenner im Innern des Landes als vornehmer 
Persönlichkeit gern mit ihren Mitteilungen zur 
Verfügung standen, niedergeschrieben worden 
ist und umso eingehender, als Herbersteins Herr, 
Kaiser Ferdinand, selbst gewünscht hatte, daß 
den Verhältnissen in Rußland besondere Auf¬ 
merksamkeit von seinem Gesandten zugewendet 
werden möge. Für lange Zeit bildete daher 
das Werk die grundlegende Arbeit über das 
russische Gebiet und dessen Zustände. 

Herberstein beginnt seine Arbeit mit einigen 
Bemerkungen über die russische Sprache und 
wendet sich sodann der Geschichte der Mos- 
coviter und ihrer Herrscher zu. Ein reiches 
Kapitel ist der Religion und der Geistlichkeit 
gewidmet, sowohl in ihrer Gliederung als auch 
mit Bezug auf die Kultushandlungen selbst, 
namentlich schildert es die Beichte, die Taufe, 





Abb. 15. 

Heutiges Gräflich Herbersteinsches Wappen. 


die Fasten, die Ehe, das geistliche Gericht. 
Er wendet sodann Übungen und Gebräuchen 
des Volkes und der Fürsten seine Aufmerk¬ 
samkeit zu, schildert das Münzwesen, Handels¬ 
artikel und dergleichen. Die sich daranschließende 
geographisch-topographische Beschreibung mit 
der Stadt Moskau, „Mosqua“, beginnend, umfaßt 
alle bemerkenswerten Orte, Schlösser, Flüsse 
und Gegenden. Es folgt die Schilderung der 
einzelnen Fürstentümer, ein Kapitel über die 
Tartaren, wieder reich an historischen Daten, 
sodann ein solches über Litauen und eine 
Schilderung des Empfanges der Botschafter 
durch die russischen Fürsten, wobei Herberstein 
oft Gelegenheit findet, seiner eigenen Reise 
und der Abenteuer derselben zu gedenken. 
Die eigentliche Beschreibung seiner Reisen „in 
die Mosqua“ und der Rückreise und zwar zu¬ 
nächst der ersten Reise von 1517 und sodann 
der zweiten von 1526 bilden den Abschluß dieses 
für die damalige Zeit staunenswert genauen 
Werkes, dessen große Verbreitung, namentlich 
in der Übersetzung, daher sehr begreiflich er¬ 
scheint. Nicht recht erklärlich ist es nur, daß 
nicht auch eine russische Übersetzung, etwa mit 
Bemerkungen eines Kommentators, bisher heraus¬ 
gegeben wurde. Daß Herberstein auch manche 
sagenhafte und mythische Meinungen über 
femliegende Völkerschaften des russischen 
Reiches als wirkliche Zustände dargelegt 
hat, wird man ihm bei dem damaligen Stande 
der Naturwissenschaften und der ethno¬ 
graphischen Kenntnisse um so weniger ver¬ 
übeln können, als die größten Gelehrten jener 
Tage noch vielfach in solchen Anschauungen 
befangen waren und ja der Verfasser nicht 
jedes Gebiet des ungeheuren Landes selbst 
betreten hat, sondern vielfach seinen für ver¬ 
läßlich gehaltenen Gewährsmännern folgen 
mußte. 

Obwohl es von großem Interesse wäre, 
auch der übrigen Schriften, die Herberstein 
herausgegeben hat, zu gedenken, so sei doch, 
um nicht allzu weitläufig zu erscheinen, hier 
davon abgesehen. Es liegt eine Zahl solcher, 
namentlich seine Familie betreffenden Druck¬ 
werke von Herberstein vor, die jedoch zu¬ 
meist seine Rußlandsfahrten nicht erwähnen. 
Dagegen sind diese Reisen behandelt in 
der Eingangs citierten, von Karajan 1855 in 
ihrem wortgetreuen Texte herausgegebenen 


Digitized by LjOOQle 



Schlossar, Sigmund Herberstein und seine „Moscovia“. 


f r/uT*nt . 


_^ >*ry*'( 5 T 

J 1 7 Ja Cp ^ ) - 

, t Cb ^if .&&* fl i 

-"Ti -**-•' 1 

..W> >u '~&c.ß-ä‘ 



CMtriVti ucrr//*U>*n 

-7 s*U mf jv*/t*3"i' 

0/fu.< jS ’tfUnwndu* ^ & fg, 

S*A*. *" r * fJ zfe? £ o 

"; •/ &*»‘•'-4 »*v 3 


Abb. x6. Exlibris des Freiherrn Veit Sigismund von Herberstein 
mit handschriftlichen Einzeichnungen desselben. Aus dem Anfang des XVII. Jahrhunderts. 

(V* Originalgröße.) 


Selbstbiographie des merk¬ 
würdigen Mannes, die bis 
zum Jahre 1553 fortgefiihrt 
ist und jedenfalls eines 
der fesselndsten Memoiren¬ 
werke jener Zeit genannt 
werden kann. Daß Herber¬ 
stein als kühner Reisender 
und hervorragender Staats¬ 
mann im Dienste seiner 
Monarchen oft und ver¬ 
schiedenartig in lateini¬ 
schen Versen von zeit¬ 
genössischen Poeten. be¬ 
sungen wurde, erweisen 
schon die diesbezüglichen 
Andeutungen meiner obi¬ 
gen Beschreibung der Mos- 
covia in ihren verschiedenen 
Ausgaben. Er hat diese 
Verse mit Vorliebe seinen 
Ausgaben des Werkes bei¬ 
gefügt, Findet sich doch 
in der ersten Ausgabe der 
„Rerum Moscoviticorum 
Commentarii“ von 1549 so¬ 
gar ein Gedicht, das Herber¬ 
stein selbst verfaßt haben 
soll und das in Kürze sein 
Leben erzählt 

Da am Schlüsse noch 
einiger Herbersteinscher 
Exlibris gedacht werden 
soll und, wie wir gesehen 
haben, in den verschie¬ 
denen Werken Sigismunds 
von Herberstein häufig 
dessen Wappen abgedruckt ist, so mögen über 
dieses noch einige Angaben folgen. Das ur¬ 
sprüngliche alte Wappenbild erinnert an die 
mit Ackerbau beschäftigten Vorfahren des 
Mannes, der ohne allen Adelsstolz in seinen 
Aufzeichnungen dieser schlichten Männer und 
auch der ersten ritterlichen Ahnen gedenkt, 
welch* letztere er seiner Bemerkung nach „nit 
darumb beschriben, das ich mich des Adels 
von der gebürt so hoch Ruemen wollte. 
Dann der lob des Adls ist nuer deren, die 
dem namen vnnd Adelichen herkhomen im 
thun vnnd leben sich vergleichen.“ Es ent¬ 
hält dieses Wappen (Abb. 15) also zunächst 
Z. f. B. 1904/1905. 


einen aufrecht gestellten weißen Pflugsparren (auf 
welchem der Pflug ruht, wenn er zum oder vom 
Acker geführt wird) in rotem Felde. Im Jahre 
1409 wurde das Wappen der ausgestorbenen 
Familie von Hag, ein goldenes Pferdekummet, 
durch Herzog Emst hinzugefugt undimjahre 1522 
durch Karl V. ein längs herab geteilter roter 
Schild, in dem rechts ein goldener Turm mit zwei 
Fensteröffnungen und einem Tore, links ein 
weißer Querbalken (das vereinigte österreichische 
und kastilianische Wappen) enthalten sind. Fer¬ 
dinand I., fugte 1542 hinzu das Neidbergsche 
Wappen, einen wütenden weißen Wolf in einem 
mit goldenen Menschenherzen besäeten schwarzen 

4 


Digitized by LjOOQle 



26 Schlossar, Sigmund Herberstein und seine „Moscovia". 


Felde. Außer dem Herzschilde mit dem weißen 
Sparren im roten Felde wiederholt sich jedes 
der übrigen Nebenwappen. Eine besonders be¬ 
zeichnende Ehrung der Verdienste Sigmunds von 
Herberstein bildet die Krönung des Wappen¬ 
bildes. Sie besteht in fünf offenen gekrönten 
Tumierhelmen. Den ersten Helm deckt ein 
spitziger, hoher, goldener Hut mit einem Über¬ 
schlag von weißem Pelzwerk und mit einem 
Busche von roten Adlerfedern. Der zweite Helm 
zeigt einen wachsenden gekrönten König in 
silberner Rüstung, der in der Rechten ein 
bloßes Schwert, in der Linken vier goldene 
Zepter hält, der dritte (mittlere) Helm in ähn¬ 
licher Weise den römischen Kaiser im Krönungs- 
omat mit Reichskrone, Zepter und Reichs¬ 
apfel. Auf dem vierten Helme ist wieder in 
ähnlicher Stellung der russische Herrscher, ein 
Mann in roter moskovitischer Kleidung mit 
einer hohen Pelzmütze bedeckt, in der rechten 
Hand drei silberne Pfeile, deren Spitzen nach 
aufwärts gekehrt sind, in der linken einen Bogen 
haltend. Über dem fünften Helme erhebt sich 
der aufsteigende weiße Wolf mit hervorgestreck¬ 
ter Zunge, hinter dem ein ausgebreiteter, mit 
goldenen Herzen bestreuter schwarzer Adlerflügel 
sich befindet. Die Helmdecke zu beiden Seiten 
ist weiß und rot gemengt. Das Bild des Königs 
(von Spanien) und des römischen Kaisers soll 
die Dienste andeuten, die Sigismund von Her¬ 
berstein vier Herrschern geleistet hat; das Bild 
des moskovitischen Zars deutet auf die Gesandt¬ 
schaftsreisen nach Rußland, durch die Herber¬ 
stein besonders die Aufmerksamkeit der gebil¬ 
deten Welt auf sich gelenkt hat. In den be¬ 
schriebenen Wappenfeldem finden sich übrigens 
an verschiedenen Orten auch wohl kleinere 
Abweichungen, so namentlich in der Zahl der 
länglichen Fenster, der zinnengekrönten Türme 
und in der Zahl der goldenen Herzen im 
schwarzen Felde. Öfter wendet Sigmund von 
Herberstein nur das einfache Wappen mit dem 
Sparren im roten Felde an, mitunter auch das 
vierfach geteilte Wappen, in dem der Sparren¬ 
schild und der Turmschild zweimal Vorkommen, 
während der Wolf mit dem Herzen und das 
Pferdekummet in je einem eigenen Schild unter 
dem Hauptschilde sich befinden. So ist auch 
das Wappen im Steirischen Wappenbuche des 
Zacharias Bartsch von 1567 abgebildet. Spätere 
Darsteller haben die Figur dieses Kummets 


mißverstanden, und es finden sich in den 
heraldischen illustrierten Werken der neuen Zeit 
außerordentliche Mißgestaltungen dieser Figur, 
die bald hutförmig, bald schraubenförmig oder 
in Form eines umgekehrten Fragezeichens er¬ 
scheint, kurz ersehen läßt, daß der Zeichner 
des Wappens durchaus nicht gewußt hat, um 
was es sich hier handle. 

Ich komme schließlich auf die Verwendung 
dieses Wappens als Bibliothekzeichen . Aller¬ 
dings liegt mir kein solches Exlibris vor, das 
Sigmund von Herberstein selbst benützt hätte. 
Wohl aber sind in verschiedenen Büchern, die 
späteren und zwar sowohl freiherrlichen als auch 
gräflichen Gliedern dieses berühmten Ge¬ 
schlechtes angehören, solche Eignerzeichen mit 
Herbersteinschen Wappen von mir gefunden 
worden, deren noch gedacht werden möge, ob¬ 
wohl es sich um eine viel spätere Zeit handelt. 
Zunächst sei ein Exlibris-Wappen in Holzschnitt 
erwähnt, das mit jenem des steiermärkischen 
Wappenbuchs übereinstimmt. Es befindet sich 
in einem Exemplare der „Biblia Sacra“ in fol, 
die, emendiert und mit Marginalien versehen, An¬ 
dreas Osiander zu Tübingen herausgegeben hat 
(Tubingae. Exofficina Gruppenbachiana. 1606). 
Der einstige Eigentümer des Buches, Freiherr 
Veit Sigismund von Herberstein, hat das Ex¬ 
librisblatt selbst mit handschriftlichen Be¬ 
merkungen versehen (Abb. 16). Das Buch ge¬ 
währt ein besonderes historisches Interesse, da 
es an die Zeit vor der Gegenreformation in 
Steiermark erinnert, in welcher der größte Teil 
des steirischen Adels der evangelischen Religion 
anhing; namentlich die Herbersteiner waren 
eifrige Protestanten und so auch der erwähnte 
Freiherr Veit Sigismund. Er gehörte der schon 
ausgestorbenen Wildhausschen Linie des Ge¬ 
schlechtes an und war als Verordneter der 
Stände in Steiermark Vorsitzender derselben. 
Er besaß 1625 das Schloß Wildhaus; vor 1611 
machte er sechs Jahre lang größere Reisen, viel¬ 
leicht um den Anfeindungen gegen die Prote¬ 
stanten in seiner Heimat zu entgehen. Unter den 
erwähnten handschriftlichen Bemerkungen auf 
diesem Exlibris findet sich die Angabe: „Sexto 
anno post reditum ex peregrinatione sua sexenni 
per Germ. Belgium, Angliam, Galliam, Italiam. 
Anno 1611.“ Freiherr Veit Sigismund starb 1637. 

Ganz verschieden von diesem Exlibris-Blatte 
ist ein solches aus späterer Zeit in einem 


Digitized by LjOOQle 



Schlossar, Sigmund Herberstein und seine „Moscovia“. 


2 7 


Exemplare des Buches „Von Kayserlichen 
Kriegßrechten ... von L. Fronsperger“ (Frank¬ 
furt a. M. 1616.) foL Das Blatt (Abb. 14) ist in 
Kupfer gestochen und war nach seiner Größe 
nur für große Quart- oder Foliobände bestimmt. 
Es zeigt das große Herbersteinsche Wappen 
mit den 7 Feldern, hinter dem die 8 Spitzen 
des Johanniterordenskreuzes hervorragen, und 
darunter gestochen den vollen Namen des ein¬ 
stigen Bucheigentümers: „Joannes Ferdinandus 
Josephus S. R. J. Comes ab Herberstein, L. B. 
in Neuberg & Guettenhaag, Dynasta in Lon- 
cowitz, & Nova Arce ad Dobram Haereditarius, 
Cammerarius ac Dapifer Carinthiae. Ord. if S. 
Jois. Hyerosol ni Eques“ usw. Beigefügt sei, 
daß Graf Johann Ferdinand, geboren 1663, 
gestorben 1721, als General gegen die Türken 
unter Prinz Eugen tapfer kämpfte und später 
als Hofkriegsrats - Vicepräsident dem Staate 
diente, auch einer der ausgezeichnetsten Krieger 
seiner Zeit war. Das Wappen dieses Exlibris 
ist aber schon fehlerhaft, und das Pferde¬ 
kummet ist in der schraubenförmigen Figur 
nicht zu erkennen. 

Ein späteres, sehr schön gestochenes, aber 
auch den erwähnten Fehler aufweisendes Ex¬ 
libris-Wappen rührt von dem Grazer Stecher 
C. Dietell her (Abb. 13). Es enthält zwar den 
Namen des Eigners nicht, ist jedoch, fast folio¬ 
blattgroß, in einem Exemplar der „Moscouia“ 
von 1557 eingeklebt. Unter dem Wappen stehen 
die folgenden lateinischen Distichen: 


Tela, Arcus, Galeae, Rex, Caesar, Tartarus, Alae 
Stiva bidens, Enses, Helcia, Pluma, Globus, 

Corda, Lupi, Turres, Signa, Sceptra, Coronae, 
Herbersteiniacae sunt pia vela Domus. 

Es erhellt aus dem Worte „Helcia“ übrigens, 
daß der Verfasser dieser Verse die Bedeutung 
der im Stiche entstellten Figur als Pferdekummet 
ganz wohl gekannt hat. Jedenfalls erweist dieses, 
aus dem Nachlasse eines Herberstein rührende 
Buch, das der Vorfahr Freiherr Sigmund verfaßt 
hat, die Pietät, die auch die Nachkommen dem 
berühmten Reisenden ihres Geschlechtes ent¬ 
gegengebracht haben. Bemerkenswert erscheint 
ferner, daß das früher erwähnte gestochene 
Exlibris-Wappen auch ohne Angabe des be¬ 
treffenden Eigentümers des Herbersteinschen 
Geschlechtes vorkommt, wohl aber unter dem 
Wappenbilde ein Raum zur Einfügung des be¬ 
treffenden Namens usw. freigelassen ist, der 
jedoch in mir vorgekommenen Exemplaren 
nicht ausgefüllt wurde. Uber den Kupferstecher 
Christof Dietell ist nur bekannt, daß er zwischen 
1723 und 1756 lebte (vergl. J. Wastlers Stei¬ 
risches Künstler-Lexicon. Graz 1883. S. 14 u. 15) 
und verschiedene Ansichten von Graz und aus 
Steiermark sowie Bildnisse steirischer Herzoge, 
verschiedener Heiligen und dergleichen gestochen 
hat, die Wastler in seinem Lexikon einzeln ver¬ 
zeichnet. Da dieses Exlibris - Blatt sich nicht 
in dem Verzeichnisse befindet, bildet seine Er¬ 
wähnung und Beschreibung hier eine Ergänzung 
des Lexikons. 



Digitized by LjOOQle 



Otto Friedrich Gruppe. 

Zur hundertsten Wiederkehr seines Geburtstages am 15. April 1904. 


Von 


Dr. Leopold Hirschberg in Berlin. 



las Faksimile, das auf nebenstehender 
Seite (Abb. 2) geboten wird, ist in 
mehrfacher Beziehung interessant. 
Zunächst bildet es ein Dokument zur Geschichte 
des Jungen Deutschland“, unterzeichnet von 
zweien seiner Hauptführer, Karl Gutzkow und 
Ludwig Wienbarg\ Es ist 
der Redaktions-Briefbogen 
einer Zeitschrift, deren 
ersten beiden Nummern 
wohl gedruckt worden, 
aber nie erschienen sind. 

Der Verleger der geplan¬ 
ten „Deutschen Revue“, 

K. Löwenthalva Mannheim, 
ist ein Märtyrer unter den 
deutschen Buchhändlern; 
wegen des bei ihm 1835 
erschienenen, viel bespro¬ 
chenen konfiszierten Gutz- 
kowschen Romans „Wally, 
die Zweiflerin“ saß er lange 
im Gefängnis. Schließlich 
ist ein so schönes Auto¬ 
gramm Gutzkows aus die¬ 
ser Zeit immerhin ein 
der Reproduktion würdiger 
Gegenstand; es stammt 
aus dem von der Witwe 
Gruppes mit liebevollster Sorgfalt gehüteten und 
mir gern zur Verfügung gestellten reichen Nach¬ 
laß des Dichters. Endlich aber zeigt uns der 
Inhalt, daß Gutzkow, der scharfe kritische 
Gutzkow, von des Adressaten „bedeutender 
schriftstellerischer Stellung“ spricht; und dieser 
Adressat ist ein heute kaum dem Namen nach 
bekannter, unverdient in Vergessenheit ge¬ 
ratener deutscher Dichter: Otto Friedrich Gruppe 
(Abb. 1). 

Des Dichters frühe Jugendzeit, die er in 
Danzig, seiner Geburtsstadt, verlebte, ist eine 
glückliche und sonnige gewesen. Der Vater 
war ein wohlhabender Kaufmann, der dem 
einzigen Sohne eine in jeder Hinsicht treff- 





Abb. 1. Nach einer Photografie von O. Roloff in Berlin. 


liehe Erziehung angedeihen lassen konnte. 
Durch den langen Krieg aber, während dessen 
Danzig zweimal belagert wurde, gestalteten sich 
die Verhältnisse des Vaters so ungünstig, daß 
der junge Berliner Student der Philologie und 
Philosophie — er war im Alter von etwa 
20 Jahren nach Berlin 
übergesiedelt — nur sehr 
geringe Zuschüsse von 
Hause erhalten konnte und 
frühzeitig an den eignen 
Verdienst denken mußte. 
Aber über diese Miseren 
des Lebens half ihm sein 
glückliches Naturell hin¬ 
weg; sein heiterer optimisti¬ 
scher Charakter, seine per¬ 
sönliche Bedürfnislosigkeit, 
die ihm bis an sein Ende 
treu blieben, gaben ihm 
Lebensmut und Freude zu 
rüstiger Arbeit. Und so 
atmen auch seine Briefe 
in die Heimat, von denen 
die Vossische Zeitung 1898 
(Nr. 201, 213, 235, 247) 
eine Anzahl veröffentlicht 
hat (unter dem Titel »Berlin 
vor siebzig Jahren “), jene 
harmlose Freude an dem, was ihm zu ge¬ 
nießen vergönnt war, sein Streben nach allem 
Großen und Edlen. 

Gruppes literarische Tätigkeit begann ziem¬ 
lich früh und bewegte sich von Anfang an in 
allen den Richtungen, die er sein ganzes Leben 
hindurch verfolgte: in der dichterischen, der philo¬ 
logischen, der philosophischen und kritischen. 
Seine Tätigkeit als Forscher auf dem Gebiete 
der antiken Literatur gebührend zu beleuchten, 
muß einem Philologen von Fach überlassen 
bleiben; bezeichnend für Gruppes Fleiß und 
Streben erscheint aber seine erfolgreiche litera¬ 
rische Fehde mit dem Germanisten Karl Lach - 
mann . Auch seine philosophischen Arbeiten 



Digitized by LjOOQle 





Digitized by LjOOQle 


Abb. 2. Faksimile der Handschrift Gutzkows auf einem Redaktionsbogen der nie erschienenen „Deutsche Revue**. 

An Gruppe adressiert. 








30 


Hirichberg, Otto Friedrich Gruppe. 


können hier nur soweit berücksichtigt werden, 
als sie in das Gebiet der Poesie hineinragen. 
In seiner Eigenschaft als Kunstkritiker, zu der 
er bei seiner Vielseitigkeit besonders berufen 
war, verdiente er sich die ersten Sporen bei 
dem von Simrock redigierten „literarischen 
Oppositionsblatt“, der „ Berliner Staffette “, die 
in den Jahren 1828 und 1829 erschien. Im 
Kaffee- und Weinhause wurden Scherze und 
Tollheiten gemacht, die am andern Tage ge¬ 
druckt erschienen. „Ich heiße nur der künst¬ 
lerische Teil der Staffette oder Otto Friedrich, 
jetzt Otto Fritz, oder Grüppchen oder Professor 
Sternschnuppe; alles, was von Kunst in Berlin 
geschieht, muß sich um meine Gunst bewerben, 
denn es muß auf Gnade und Ungnade durch 
meine Hände, meine Feder“, berichtet Gruppe 
an seine Eltern. Aus dieser Zeit regster publi¬ 
zistischer Tätigkeit schreibt sich auch seine 
Bekanntschaft mit fast allen bedeutenden 
Dichtem und Künstlern, die in Berlin lebten, 
her, mit Chamisso , Simrock , Fra?iz Kugler , 
Willibald Alexis u. a. Ein väterlicher Freund 
wurde ihm Gubitz , der ihn als Kunstkritiker 
für seinen „Gesellschafter“ engagierte. Seine 
Kunstausstellungsberichte vom Jahre 1830 liest 
man noch heute mit Vergnügen. Eine kleine 
literarische Kuriosität möge hier bei dieser Ge¬ 
legenheit der Vergessenheit entrissen werden, 
weil sie ein vortrefflich ausgeführtes, von Gubitz 
gestochenes Karikatur-Porträt unseres Dichters 
enthält. Gruppe polemisierte in der Nummer 
vom 25. Januar 1830 des „Gesellschafters“ gegen 
die Kunstzeitschrift „Hesperus“, die Dresden 
allein für tonangebend in Sachen der Kunst 
erklärte. Er kommt dabei auf die Annäherung 
von Künstlern und Kunstkritikern zu sprechen 
und fügt ein allerliebstes Bildchen seines Freundes, 
des Münchener Malers Joseph Petzei , bei, auf 
welchem dieser und Gruppe, sich gegenseitig 
„anfeuernd“, dargestellt sind. Simrock hat ein 
paar drollige Reime dazu geschrieben. 

War die Staffetten-Arbeit mehr eine Er¬ 
holung, und konnte der junge lebensfrohe Dichter 
bei ihr seiner satirischen Laune oftmals die Zügel 
schießen lassen, so waren die Aufsätze, die er 
1828 und 1829 fiir das y) Berliner Kunstblatt 
lieferte, durchaus ernster und wissenschaftlicher 
Natur. Diese Zeitschrift, die nach zweijährigem 
Bestehen wieder einging, war das Organ der 
Akademie der Künste und wurde von deren 


Sekretär herausgegeben. Die Berichte über die 
Kunstausstellung hat Gruppe bis zum Jahre 1862, 
wo er Sekretär der Akademie wurde, fortlaufend 
für die verschiedensten Zeitungen geliefert, 
zuletzt für die „Neue Preußische (Kreuz-) Zeitung“. 
Als größere selbständige, noch heute maßgebende 
Monographie muß die umfangreiche Arbeit „Carl 
Friedrich Schinkel und der neue Berliner Dom“ 
(Berlin 1843) hervorgehoben werden. 

Aber auch als Dichter trat Gruppe bald auf 
den Plan; in seinem ersten Werke noch anonym. 
Er hatte sich von dieser philosophisch-poetischen 
Satire, wenig oder gar nichts versprochen, so 
wenig, daß er es nicht einmal für nötig er¬ 
achtete, den Eltern von diesem Erstgeborenen 
seiner Muse Mitteilung zu machen. Erst die 
Folgezeit belehrte ihn, daß er mit glücklichem 
Geschick eine brennende Tagesfrage in an¬ 
mutiger Form auf das Tapet gebracht hatte. 
Es waren „Die Winde oder ganz absolute 
Konstruktion der Tieueren Weltgeschichte durch 
Oberons Horn gedichtet von Absolutulus von 
Hegelmgen“, ein Werkchen, das Ende 1827 
in Leipzig erschien (Abb. 3), offenbar gleich, 
des Scherzes wegen oder um die Aufmerksam¬ 
keit nachdrücklicher darauf zu lenken, mit der 
Bezeichnung „ Zweite Auflage“ versehen. Auf 
den Erfolg wurde der Verfasser erst von dritter 
Seite, von dem Philologen und spätem Direktor 
des Joachimsthalschen Gymnasiums Memeke , 
aufmerksam gemacht. Gruppe schreibt am 
27. Februar 1828: 

„Gestern begegnete mir Meineke, nahm mich sehr 
angelegentlich bei Seite, und ganz voller Freude sagte 
er mir: ,Ich habe Ihnen viel Angenehmes zu sagen, 
Sie aber müssen mir etwas schenken.* Ich stutzte und 
wußte schlechterdings nicht, was er meine; darauf sagte 
er: ,Nun, Sie haben ein Buch herausgegeben, das den 
höchsten Beifall der feinsten Kenner erlangt hat und 
unter den gebildeten Leuten reißend gelesen wird.* 
Jetzt verstand ich ihn. Vor einem Vierteljahr nämlich 
ist von mir in Naucks Verlag eine satyrische Komödie 
in Leipzig gedruckt worden, welche die Hege Ische 
Philosophie auf eine lustige Weise lächerlich macht. 
Ich weiß nicht, ob ich Euch jemals davon geschrieben 
habe, es ist eine Arbeit, deren Anfänge ich vor drei 
Jahren gemacht; als ich in Weihnachten des vorigen 
Jahres in so große Not kam, habe ich sie in einigen 
Wochen beendigt, weil mir Nauck 20 Friedrichsd’or 
dafür bot Er hat viel Zutrauen zu der Sache gehabt, 
denn er ließ tausend Exemplare mit der größten er¬ 
denklichen Pracht drucken und sogar einen schönen 
Kupferstich dazu machen. Weil ich glaubte, daß ich 
mir mit der Sache vielleicht mehr Feindschaft als Ehre 


Digitized by LjOOQle 



Hirschberg, Otto Friedrich Gruppe. 


31 


erwerben möchte, wiewohl ich mit dem poetischen Ge¬ 
halt sehr zufrieden war, ließ ich es nicht unter meinem 
Namen erscheinen. Aber wider alles Erwarten habe 
ich von dieser satirischen Schrift, wie sonst wohl selten 
der Fall ist, die größte Freude erlebt. Sie hat sogar 
in diesen stürmischen Zeiten, wo jedermann an Politik 
und niemand an Poesie denkt, das größte Aufsehen 
gemacht und hat selbst den Beifall derjenigen Partei 
erlangt, die lächerlich gemacht wird. Als es erschien, 
sagte mir Simrock, der wahrhaftig nicht schmeichelt, 
es sei sehr viel Witz darin, aber noch viel mehr Poesie. 
Das urteilen denn auch die Anhänger Hegels selbst; 
mein Buch ist das beständige Gespräch im Professoren¬ 
zimmer der Universität, die Witze werden in der ganzen 
Stadt erzählt, und Hegel wird von allen Professoren 
damit geneckt Meineke sagte mir aber, daß der Mi¬ 
nister Wilhelm v. Humboldt und der Geheime Re¬ 
gierungsrat Boeckh, die gerade hierin das höchste 
Urteil besitzen, meine Komödie für ein Meisterstück 
von der ersten Sorte erklärt haben. Das ist zu viel 
Lob für mich.“ 

Noch heute mutet das Werkchen den Leser 
freundlich an, noch heute, wo selbst der 
intensiv beschlagene Historiker manche Stelle 
kaum mehr verstehen wird. Das Ganze dreht 
sich um die Entwendung eines kostbaren Blattes, 
auf dem der Philosoph Absolutulus zu Utopien 
seine Weltweisheitsformeln aufgeschrieben hat, 
durch den Hauch des Nachtwindes Noctum, 
infolgedessen die beabsichtigte Neuschöpfung 
der Welt nicht vor sich gehen kann, sondern 
alles beim Alten bleiben muß. Aber weder 
diese Fabel, so amüsant sie auch sein mag, 
noch die zahlreichen Persiflagen auf Hegel und 
die Hegelianer sind das eigentlich Wertvolle 
des Büchleins, das vielmehr in den lyrischen 
Intermezzi liegt. Die Chöre der Winde, der 
Wellen und der Sterne, namentlich aber der 
Geister des Schlafs sind von einer wundervollen 
Zartheit und Innigkeit des poetischen Ausdrucks. 
Und wenn die Schlummer-Genien ihr sanft 
murmelndes Wiegenlied singen — wahrlich ein 
echtes Stück romantischer Sommemachtstraum- 
Poesie — so möchte man eigentlich bedauern, 
daß auf diese pianissimo verklingenden Sphären- 
Akkorde noch ein außerordentlich derbes ber¬ 
linisches Nachspiel folgt. 

Bald fand der Dichter Gelegenheit, sein 
zweites größeres Probestück abzulegen. Zu 
einem wohltätigen Zwecke erschien 1830 in 
prachtvoller Ausstattung (Titelvignette von 
Gubitz , Kupfer von namhaften Künstlern, dar¬ 
unter eines von Gruppes Herzensfreunde Robert 
Reinick [Abb. 5]) das epische Gedicht „Alboin, 


König der Longobarden“, in sieben Büchern. 
Gruppe betrat damit ein Gebiet, auf dem ihm 
später noch reichere Blüten entsprießen sollten, 
das des Epos. Die sieben Epen, die uns 
Gruppe geschenkt hat, sind so eigentümliche 
Schöpfungen seines Geistes, daß eine zusammen¬ 
hängende Besprechung immerhin angezeigt 
erscheint. In dem, in knappen reimlosen »fünf¬ 
füßigen Trochäen geschriebenen* „Alboin** zieht 
lebendig anschaulich das Leben des Helden vor 
unsem Augen vorüber. Trotz seines glänzenden 
Sieges über die Gepiden weigert der starr an 
alter Sitte hängende Vater Alboin den Platz an 
der Heldentafel; der Sohn zieht zum Gepiden- 
könig Turisend, um bei ihm die Wehrhaftigkeit 
zu erwerben. Dort erblickt er die schöne 
Rosamunde und prägt sich ihr Bild ins Herz. 
Reichbeschenkt kehrt er zum Vater zurück. 
Dieser stirbt und Alboin wird König; nach dem 
Tode Turisends wird Gunimund, Rosamundens 
Vater, zum Herrscher der Gepiden gewählt. 
Abermals entbrennt wilder Krieg zwischen 
beiden Völkern; Gunimund wird von Alboin, 
der Rosamunde als Gattin heimfuhrt, erschlagen. 
Der Schmerz der Tochter weicht allmählich 
der innigen Liebe der Gattin. Der rastlose 
Alboin zieht nach Italien und unterwirft sich 
viele Städte. Aber in Verona zwingt er bei 
einem Festgelage in der Trunkenheit die Gattin, 
aus dem Schädel ihres Vaters, der nach Longo- 
bardensitte zum Becher umgewandelt ist, zu 
trinken. Da wandelt sich die heiße Liebe 
Rosamundens in verzehrenden Haß, und ihr 
Sinnen und Trachten steht nach der Ermordung 
des Gatten. Die beiden Getreuen des Königs, 
Helmichis und Peredeo, weiß sie durch ihre 
Verführungskünste zu umgarnen. Peredeo er¬ 
mordet den Wehrlosen im Schlaf, stürzt sich 
aber aus Verzweiflung selbst in sein Schwert. 
— Von besonderer Schönheit und Originalität 
ist der kurze Sehnsuchtsgesang Rosamundes, 
der den Schluß des zweiten Buches bildet, in 
merkwürdigem antikisierendem Versmaß und 
Empfinden, teilweise in Reimen geschrieben. 

Einen kleinen fragmentarischen Anhang zu 
diesem Epos bildet „ Theudelinde , Königin der 
Lombarden“ , die Gruppe später (1849) breit 
ausgeführt als Epos in acht Büchern nochmals 
erscheinen ließ. Wie Thrudelinde Braut und 
Gattin des blonden Authari, wie sie durch 
ruchlose Vergiftung des Königs zur Witwe 


Digitized by u.ooQie 



32 


Hirschberg, Otto Friedrich Gruppe. 


Revolution entstanden, sollte es den 
Geist von dem wilden Weltgetümmel 
ablenken: 


Abb. 3. Titelblatt zu Gruppet „Winde". 

gemacht wird, ohne ihm als Weib angehört zu 
haben, wie sie nach langer Trauer endlich 
dem tapferen Herzog Agilulf die Hand zum 
Bunde reicht und mit ihm zusammen noch lange 
Jahre glücklich regiert: alles das hat der Dichter 
zu plastischen Bildern geformt 

Das umfangreichste epische Werk ist die 
Trilogie „Kaiser Karl“ (Berlin 1852). Von den 
drei Gedichten gebührt dem ersten, „Königin 
Bertha “ 9 das schon 1848 als selbständiges Werk 
erschienen war, die Krone. Die Widmung, 
die der Dichter vorausschickt, charakterisiert 
es treffend. Während der Schreckenstage der 


„Ein deutsches Lied! Ich sang's in trüben 
Stunden, 

Um zu verscheuchen von der Stirn den Gram, 
Um zu vergessen all der tiefen Wunden 
Und all des Leid’s, das Deutschland überkam. 
Ein deutsches Lied, allein ein sülles, lindes, 
Wie Baches Murmeln mit melodschem Fluß: 
Jetzt aber braust ein Wehn lebendgen Windes, 
Und stürzt fruchtbarer Wetterregen Guß. 


Es soll auch wieder Sonntagsstille kommen, 
Daß eines Laubes Fallen wird gehört — 
Dann wird vielleicht auch dieses Lied ver¬ 
nommen, 

Gleich einem Hauch, der durch die Blüten 
fährt.“ 

Und in der Tat — milde und lind 
ertönen die Saiten, die der Dichter an¬ 
schlägt, milde und lind wie die holde 
Königstochter selbst, der das Lied gilt. 
Als Quelle diente eine Kölner Chronik, 
die eine sagenhafte Darstellung der 
Geburt Karls des Großen enthält. Der 
König Pipin sendet die drei Grafen 
Guy, Renar und Riol zu Österreichs 
König Theoderich als Werber um die 
Hand seiner Tochter Bertha. Die 
Grafen aber grollen dem König, weil 
er ihnen die Krone genommen, und 
verabreden einen teuflischen Plan. Sie 
wollen Bertha auf dem Heimwege er¬ 
morden und der unter ihren Töchtern, 
auf die das Los fiele, dem Könige zur 
Gattin geben; da Pipin keine von beiden 
von Angesicht gesehen hat, ist der 
Betrug leicht ausführbar. Aber im 
Walde schützt Riol, dessen Gewissen 
erwacht ist, die Wehrlose; er selbst vergräbt 
sich als Klausner in die Einsamkeit der Wildnis, 
Bertha aber, die von allen Schätzen nur Pipins 
Ring behalten hat, findet Aufnahme bei armen 
Müllersleuten. Unerkannt lebt sie dort lange 
Zeit Pipin, der sich inzwischen mit der Grafen¬ 
tochter vermählt hat, dessen Herz aber keine 
Liebe zu ihr empfindet, sieht Bertha einst bei 
seinen Zügen durch das Land. Beide ent¬ 
brennen in heißer Liebe, deren Frucht ein herr¬ 
licher Sohn ist: Karl der Große. Durch Riol, 
den Klausner, wird alles enthüllt; die falsche 
Königin wird in ein Kloster verbannt, und 



Digitized by u.ooQie 



pfi 


Bertha, die Königstochter, Ge- 
mahlin des Helden. — Der Stoff » 
ist schon früher von Fouqu£ und Vf . 
Simrock bearbeitet worden; der J 
schlichten Innigkeit der Gruppe- / 
sehen Poesie aber kommt keiner vkS} 
der beiden gleich. 1 

Weit schwächer, obwohl auch 
teilweise von hohem dichterischem 
Schwünge, ist das zweite roman- V 
tische Epos „Karl und Hüde - \>w — 

gard“, das die bekannte Sage von \ 
der treuen, verstoßenen Gattin des i 

I ■ \a ^ 

Kaisers behandelt. Dagegen steht 
das dritte Epos ,Jiginhard und 
Emma u wieder völlig auf der ' 

Höhe. Während jenes an großen 1 
Längen leidet, bringt dieses in 
gedrängter Kürze die anmutige || 

Liebesepisode der Tochter Karls “ \ M 

und des Schreibers Eginhard. Irl 

Wundervoll ist namentlich die V\ iä 

Szene der Vermählung der Beiden. J. 

Vom Vater verstoßen, wandern f. ’’| ^ 
sie weit fort; Eginhard baut ein w JljfjH 
Haus, aber ohne des Himmels 
Segen können sie in ihm nicht 
wohnen. Da fertigt er aus Schei- ; ^ 

ten ein Kreuz, vor dem sie unter . j. 

brünstigem Gebete zu Gott nieder- k 
knieen — und ab Zeichen der 
Gewährung flattert eine Taube ' S'äjleP 

vom Himmel herab und setzt (j 
sich auf das Kreuz. Und als der 
Kaiser nach langer Zeit zu dem 
einsamen Hause kommt und die 
Tochter glücklich im Kreise ihrer 
Kinder sieht, da verzeiht er den 
Liebenden und nimmt sie mit Abb. 4 . Titeibia 
nach Aachen. An dem Orte ihrer 
Zuflucht aber entsteht das Kloster Seligenstadt, 
in dem sie beide feierlich beigesetzt werden. 

Im Jahre 1856 entstand das epische Ge¬ 
dicht „Firdusi“. Eine doppelte Begeisterung 



W*r 


m 







DAS 


heraus gegeben 
noit 





il« 


Wim 








"., TSI 2 

*34 







mm 


BERLIN. 



■ Verlag vonAJejanderDuncke r^ ^ ^y^ '*^ 

Abb. 4. Titelblatt 211 Warburgs »•Waldhorn**» gezeichnet von Ad. Schroedter. 


weht durch die Gesänge, da ein Dichter den 
Dichter besingt. In dem Dunkel der Felsen¬ 
grotte schreibt Firdusi sein unsterbliches Werk 
„Schach-Nameh, das Buch der Könige“; sein 


* Ein interessanter auf dieses Epos sich beziehende Brief der Prinzessin Marie von Preußen, späteren Königin von 
Bayern, an ihren Lehrer Schottmüller (Gruppes Schwiegervater) wurde mir von Frau Professor Gruppe freundlichst 
zur Verfügung gestellt. Er lautet: „Nymphenburg, 14. Oktober 1848. Lieber Herr Professor! Ihr lieber Brief hat 
mich recht erfreut und interessiert. Das Gedicht »Königin Bertha* hörte ich nennen und werde es mir verschaffen, 
es muß recht interessant sein. Die Reismühle unweit München kenne ich, sie sieht nicht poetisch aus jetit, doch 
ist der Platz ganz hübsch an der Würm, mit grünen Wiesen und schönen Bäumen umgeben. In Hohenschwangau 
in meinem Schreibzimmer ist die Geschichte der Bertha gemalt, es hat daher den Namen Berthazimmer. Es würde 
Sie interessieren zu sehn.** 

Z. f. B. 1904/1905- 5 


Digitized by 


Google 




34 


Hirschberg, Otto Friedrich Gruppe. 


Haar wird grau, aber ungeschwächt und jugend¬ 
frisch bleibt der Geist Und nachdem er die 
stolzen sechzigtausend Zeilen vollendet, da ver¬ 
sinkt er in Schlaf: 

„Süßer duften die Narzissen, 

Sanfter rauscht der Quell zu Füßen, 

Und der Nachthauch atmet linder, 

Um des Dichters Schlaf zu süßen.“ 

Aber der Sultan Mahmud, von neidischen 
Höflingen bewogen, das Werk nicht zu lesen, 
zahlt dem Dichter mit Silber und nicht mit 
Gold, wie er versprochen. In stolzer Verachtung 
gibt dieser die Beutel dem Boten als Trinkgeld; 
der Geiz des Fürsten läßt ihn nicht seinen 
Lieblingswunsch erfüllen, seiner Geburtsstadt 
Thus eine Wasserleitung zu bauen. Bevor er 
fortwandert, dichtet er ein grausames Spott¬ 
gedicht auf den Herrscher: 

„Schon erklingt auf allen Straßen 
Schach-Nameh, das Lied der Lieder, 

Und durch Iran und durch Turan, 

Bis nach Indien hallt es wieder. 

Klingt zugleich das Lied des Zornes, 

Das Firdusi hat gesungen, 

Und es sammelt rings das Volk sich, 

Wo die Reime nur erklungen.“ 

Keine Ruhe mehr findet der Sultan, überall 
hin verfolgen ihn die Spottlieder und auch er 
wandelt einsam und unerkannt, der Herrscher¬ 
würde entkleidet, durch das Land. Da hört 
er in einer Stadt einen Sänger ein hehres Lied 
von Feridun und seinen Söhnen singen, und 
sein Herz schmilzt in Wehmut und Rührung. 
Dankend naht er dem Sänger, doch jener hat 
es nicht gedichtet: 

„Der Gesang ist eines Großem, 

Den die Länder feiernd kennen, 

Solche Lieder singt nur Einer — 

Den sie paradiesisch nennen. 

Seine sonnenhellen Lieder 
Klingen rings bei Fest und Tanze, 

Wer ein Stück hat, ist ein Reicher, 

Aber keiner hat das Ganze! 

Wisse, jedes Blatt ein Wunder, 

Und ein Baum hochragend, prächtig, 

In den tausend luft’gen Kronen 
Welch ein Rauschen, mild und mächtig! 

Gleich wie Männer gehn Geschlechter, 

Und Jahrhunderte wie Tage; 

So erhaben tönt nur Eines, 

Nur das Meer im Wogenschlage!“ 

Neue Kraft gießt das Lied in des Fürsten 
Seele — er verzeiht dem Dichter. Der jedoch 


weilt ferne, beim Kalifen in Bagdad, wo er 
sehnsüchtige Liebeslieder von Jussuf und Suleika 
singt und hochgefeiert wird. Aber im Herzen 
lebt noch die Liebe zum Vaterland, und stolz 
weist er alles Gold zurück, das ihm fiir ein 
Schmachgedicht auf Mahmud, den er im Herzen 
als den größten Herrscher ehrt, geboten wird. 
Wieder wandert er, und die Boten Mahmuds, 
der „als Freund nach dem Freunde“ verlangt, 
erreichen ihn nicht mehr. Nach Persien kommt 
er zurück und singt den Männern, die ihn 
freundlich aufnehmen, das göttliche Heldenlied 
von Rüstern und Sohrab. Dann pilgert er nach 
Thus; im Vaterhause trifft er die hundertjährige 
Schwester noch am Leben. An Solveigs Lied 
das den von seinen Irrfahrten heimkehrenden 
Peer Gynt grüßt, gemahnen die Willkommens¬ 
worte der Greisin: 

„Aber sage, sprach die Alte, 

Wer du bist? Er sprach mit Tränen: 
Schwester, ich bin Abul Kasern, 

Und mich trieb hierher ein Sehnen I 

Abul Kasern, das ist lange, 

Daß ich nicht gesehn dich habe — 

Ich die ältste, du der jüngste, 

Und die andern sind im Grabe! 

Komm ans Feuer, Abul Kasern, 

Doch auch du bist wohl gealtet; 

Als ich dich zuletzt gesehen, 

Warst du schwarz und stolz gestaltet! 

O, wie ich auf meinem Schoße 
Gleich der Mutter dich gepfleget — 

Du warst Kind und ich erwachsen — 

Wie zur Ruh ich dich geleget! 

Es ist spät, ich will dir betten, 

Aber erst mir noch erzähle, 

Was du bist, wie du gelebet, 

Sage das mir, liebe Seele!“ 

Selig verklärt sinkt Firdusi in Schlaf, aus dem 
er nicht wieder erwachen soll. „Als ob eine 
lichte Peri ihn geküsset schon hienieden“, so 
findet ihn am Morgen die Schwester. Seinem 
Leichenzuge begegnen die vom Sultan ge¬ 
sandten Boten mit ungeheuren Schätzen; das 
kleine Häuschen faßt nicht das Gold und die 
Kostbarkeiten, die im Sinne des Toten dazu 
verwendet werden, der Heimatsstadt Wasser 
zu spenden. — 

Auf dem Zenit seines Schaffens steht Gruppe 
mit den im Jahre 1857 veröffentlichten drei 
biblischen Gesängen >y Ruth— Tobias—Sulamitk“. 


Digitized by LjOOQle 



Hirschberg, Otto Friedrich Gruppe. 


35 


Und hier sind es wieder die beiden ersten, die 
an Innigkeit und Schönheit der Sprache und 
Gedanken getrost mit den besten Werken 
unsrer Lyriker in die Schranken treten können. 

Im Jahre 1835 gab Gruppe seine „ Gedichte“ 
heraus, eingeteilt in vier Bücher. Es sind im 
ganzen nur wenige, an denen man gleichgültig 
vorübergeht; vielfach ist Gutes, oft Vorzügliches 
geboten. Das erste Buch enthält vermischte 
lyrische Gedichte, die sich teils durch zarte 
Empfindung und weiche Form, teils durch köst¬ 
lichen Humor auszeichnen. Pflanzenwelt und 
Tierreich beobachtet er mit gleicher Liebe; 
er lauscht den geheimnisvollen Regungen der 
Natur und plaudert mit den Vögelchen. Sein 
Humor ist niemals verletzend; er weiß so über¬ 
aus launig und spannend zu erzählen, daß man 
den ältesten Anekdoten eifrig zuhört und sie 
fiir etwas ganz Neues, noch nicht Dagewesenes 
hält. Dies ist beispielsweise der Fall in einer 
poetischen Erzählung, die zum erstenmale in 
einer von des Dichters Sohn veranstalteten 
Neuausgabe der Gedichte (Reclams Universal¬ 
bibliothek, No. 4521/22) gedruckt worden ist 
Sie behandelt ein Zauberkunststück des Taschen¬ 
spielers Bosco, der eine Uhr auf die Straße 
wirft, und, da weder diese von selbst, noch der 
nach ihr abgesandte Hausknecht zurückkehrt, 
so läßt Bosco durch seine magische Kunst 
einen Sperling an das Fenster picken, der in 
dem einen Pfötchen die Uhr und in dem andern 
den — Hausknecht hält Von einem guten 
Rezitator vorgetragen, wird der Scherz nie seine 
Wirkung verfehlen. 

Das zweite Buch enthält die Balladen, ein Ge¬ 
biet, das Gruppe mit besonderem Erfolge bebaut 
hat Der echte Balladendichter muß Dreierlei 
zu vereinigen suchen: Klarheit der Erzählung, 
Knappheit der Form und Hineinleben in den 
Geist des Balladenbegriffes. Grade dies dürfte 
das Haupterfordemis der Balladen-Ästhetik sein. 
Gruppe hat Form und Ausdruck der Balladen 
meist ausgezeichnet getroffen; bei „Jung Ingolf 
und Schön Guniswind" glaubt man in der Tat 
die Übertragung einer alten Volksdichtung vor 
sich zu haben. Selbst die vielleicht längste aller 
Balladen, die je geschrieben worden ist, die aus 
148 Strophen (zu je sechs Verszeilen) bestehende 
Dichtung „Kormak und Gerda" läßt die Knapp¬ 
heit des Ausdrucks niemals vermissen und liest 
sich ohne eine Spur der Ermüdung. Von ge¬ 


waltiger Kraft der Sprache und schöner Plastik 
der Schilderung ist die Ballade „Boleslav", die 
den Untergang des Polenkönigs und seines 
Heeres in dem tückischen Haidemoor des 
Preußenlandes erzählt. 

Das dritte Buch der „Gedichte" umfaßt die 
Elegien, in denen des Dichters großes Vorbild, 
Goethe, oft nur allzu deutlich zutage tritt, 
während das vierte fast völlig von meist form¬ 
vollendeten Sonetten ausgefiillt wird. 

Tonmeister erster Größe haben Gruppes 
Gedichte in Musik gesetzt, vor allem Karl 
Loewe , der Klassiker der Ballade. Außer fünf 
lyrischen Gedichten (darunter das bis zum 
Überdruß gesungene „Die Treppe hinunferge- 
schwungen"), hat Loewe zwei Balladen Gruppes 
komponiert: den „Feldherr", die Napoleons 
Besuch im Pestspital zu Kairo behandelt, und 
die allbekannte, in alle Schulgedichtsammlungen 
übergegangene Legende „Landgraf Ludwig" 
(Der Low* ist los, der Löw* ist frei). Robert 
Schumanns wundervolles Lied „Die Rosen und 
die Nelken" ist ebenfalls von Gruppe gedichtet 

Als würdiger Dritter im Bunde der vater¬ 
ländischen Dichter Scherenberg und Fontane 
erscheint Gruppe mit seiner umfangreichen 
Originalsammlung „ Vaterländische Gedichte ft 
(Neuruppin 1866). Ihr Erfolg war ein so durch¬ 
schlagender, daß bereits 1868 eine zweite ver¬ 
mehrte Auflage veranstaltet werden mußte. 
Der Dichter gibt in sieben Büchern sozusagen 
eine poetische Übersicht über die preußische, 
speziell brandenburgische Geschichte; er be¬ 
gleitet seine deutschen Brüder von den Ur¬ 
anfangen grauer Sage bis zu den Siegen von 
Sechsundsechszig. Zum Kampf mit Frankreich 
gibt er ihnen die „Deutschen Kriegs - und 
Heldenlieder“ (Berlin 1870) in einer Tomister- 
ausgabe mit. 

Groß ist die Zahl der von Gruppe edierten 
Sammelwerke y zu denen er aber immer Eigenes 
und Neues beisteuerte. Es sei hier namhaft 
gemacht das „ Lyrische Schatzkästlein der Deut¬ 
schen“ (Berlin 1836; noch in einigen Exemplaren 
in der Nicolaischen Buchhandlung zu haben), 
der „Deutsche Dichterwald“ (Berlin 1849), be¬ 
sonders aber die „Sagen und Geschichten des 
deutschen Volkes“ (Berlin 1854), eine wertvolle 
Sammlung, die auch größere epische Frag¬ 
mente („Das Heinrichslied", „Kaiser Otto" u. a.) 
enthält. 


Digitized by 


Google 



3 « 


Hirschberg, Otto Friedrich Gruppe. 


A iborn. f ft 0 



Abb. 5. Aus den Illustrationen zu Gruppes „Alboin**. Berlin 1830. 


Ich habe schon oben erwähnt, wie reich 
bei Gruppe der Quell des Scherzes und des 
Humors sprudelte. In einem vergriffenen Büch¬ 
lein „Sang und Schwank“ (Halle 1868) hat er 
eine Menge lustiger Geschichten zum Besten 
gegeben, die größtenteils inhaltlich und formell 
so vorzüglich sind, daß eigentlich nur das Ver¬ 
schwinden des Heftchens aus dem Buchhandel 
es verständlich macht, wenn die Rezitatoren 
humoristischer Dichtungen sie sich haben ent¬ 
gehen lassen. Man könnte viele Seiten über das 
Werkchen schreiben; man glaubt, die Scherze 
und Anekdoten schon oft gehört zu haben und 
findet sie doch neu in dem Gewände der Poesie, 
mit dem der Dichter sie umkleidet hat 

In allerliebste Verse gebracht ist beispiels¬ 
weise die Anekdote von dem alten Musiker Zelter, 
der in einer Gesellschaft seinen nagelneuen Hut 
absichtlich mit dem schäbigen einer Exzellenz 
vertauschte, weil er im Regen zu Fuße gehen 
muß, während diese im Wagen fährt und den 
Hut konserviert; desgleichen die Schilderung 
eines nervenschwachen Poeten, der im Lärm 
der Stadt nicht zum Dichten kommt, auf das 
Land flüchtet, dort aber auch vor Hühnern, 
Gänsen, Kühen und Dreschflegeln keine Ruhe 


findet: ein Scherz den Wilhelm Busch 
in seinem „Balduin Bählamm“ wieder 
aufgenommen hat. Fontane glaubt 
man zu lesen in dem köstlichen Gedicht 
„Die Ordonnanz“, die dem alten Fritz 
gegenüber die Wahrheit einer von 
dem Könige bezweifelten Aussage 
beteuert: 

„So wollt’ ich doch“, 

Spricht jener und spießt den besten Fasan 
Von des Königs Tisch auf die Gabel an, 
„An diesem Vogel den Tod mir essen!“ 

Er spricht’s, macht Kehrt und schreitet 
gemessen 

Im Parademarsch durch die Tür daher, 
Hoch tragend den Vogel auf seinem 
Gewehr.“ 

Wie hübsch ist die poetische Steige¬ 
rung durchgefuhrt in dem „Spanischen 
Mantel“, dessen hervorragende Eigen¬ 
schaften in blumenreicher Sprache 
gepriesen werden, an dem sich aber 
doch zwei Fehler heraussteilen: 

„Ihr könnt die beiden Fehler wissen, 
Denn nie hat der Marquis geprahlt: 

Der Mantel erstens ist zerrissen, 

Und zweitens ist noch nicht bezahlt.“ 
Eine ganze Gruppe umfaßt die „Eß- und Trink¬ 
geschichten“. Da hören wir die wundersame 
Geschichte von der „Kieselsuppe“, die sich in 
nüchterner Prosa gar nicht wiedergeben läßt und 
an die besten Reuterschen Schnurren gemahnt; 
da lachen wir über den entsetzten Pfarrer, der 
dem von einem Ei noch nicht gesättigten Kan¬ 
didaten noch ein halbes gibt mit den Worten: 
„Platzt er, so platzt er“. Das beste der Ge¬ 
dichte ist ein „Distinguo“ überschriebenes. Bei 
einem Schmause will der in dialektischen Spitz¬ 
findigkeiten große Abt den ihm darin nicht 
nachstehenden Pater Scholasticus auf das Glatt¬ 
eis fuhren und fragt ihn, ob man mit Suppe 
christlich taufen kann. Der antwortet: 

„Distinguo, Herr Abt, ich unterscheide 
Zwischen Supp’ und Suppe — es führen beide 
Der Suppe Namen in andrem Sinn, 

Weshalb ich geteilter Ansicht bin. 

Einmal gibt’s Suppe nach der Essenz, 

Hinwiderum Suppe nach der Potenz. 

Die Supp* auf des Herrn Abtes Tisch, 

Von Kraut und von Fleischsaft ein Gemisch, 
Darinnen Klöß’ und der Krebse Schwänz, 

Ist nicht nur Essenz, nein Quintessenz, 

Hält viel Carnalia, Fleischlichkeit; 

Drum wäre: quod non, hier mein Entscheid. 


Digitized by Google 









/ 


/fr ^ 


f//fr-- -ZäL 


~o 



f~^~ 


/ 



T. 




/ 


/ 



Z „ 

• £z*^rez~j- .' 


‘fr /fr 

/^/ z*frfr *"^ 

-^Z' jLSeufr *^fr£ *& \/*~—/ 

^» . -0 » -- 

fy /y ,—i .' 

^ xZ*—.' -C* *—— fr// 


4 s*' _ i/^w» f€U~ 

yzfr^*-/? yfr t~frfr~ 4^^.^ 



/ 


Abb. 6. „Vaterland**. Gedicht von O. F. Gruppe. 


Zeitschrift /iir Bücherfreunde VIII . 


Zk .- 1/ir schlurrg t O. F. Gruppe. 


Digitized by 


Google 



Digitized by 



Hir*chberg, Otto Friedrich Gruppe. 


37 


Hingegen die Supp* in unserm Konvict, 

Die den Magen weder füllet noch drückt, 

Ist wie das Wasser des Jordans war, 

So rein und lauter und hell und klar: 

Weshalb nach der Schrift Wortlaut und Sinn 
Ich hier ganz andrer Meinung bin: 

Quod sic! so würd’ ich mich hier entscheiden, 

Man kann damit taufen Juden und Heiden/ 1 

Kommt Gruppe gar erst auf seine liebe Jagd 
zu sprechen, dann weiß er mit allerhand Münch- 
hausiaden gar kein Ende zu finden. So ver¬ 
treten bei einem Diner in Galizien Bären die 
Stelle der Kellner; nach Beendigung eines jeden 
Ganges werden der Kürze halber die Teller 
einfach von diesen sonderbaren Gargons ab¬ 
geleckt Ein Englishman, der in Ägypten auf 
die Krokodiljagd geht, schießt auf einen ge¬ 
schuppten Palmenstamm, während das Holz, 
auf dem er sitzt, plötzlich Füße bekommt und 
als Krokodil in den Nil springt Das leiden¬ 
schaftliche Nimrodtum unseres Dichters ist sogar 
verewigt worden; auf dem in der Gemälde¬ 
galerie des Königl. Schlosses zu Berlin befind¬ 
lichem Bilde „Parade“ von Krüger befindet 
sich Gruppes Büd in grauem FUzhut. Zu der 
von H. von Warburg herausgegebenen Samm¬ 
lung von Jagdgedichten „Das Waldhorn** (Berlin 
1844), einem überaus seltenen, durch eine vor¬ 
treffliche Lithographie von Ad. Schrödter ge¬ 
schmückten Buche (Abb. 4), hat Gruppe 22 Ori¬ 
ginalgedichte beigesteuert. 

Besondere Erwähnung verdient noch der von 
Gruppe herausgegebene, in fünf Jahrgängen 
(Berlin 1851 —1855) erschienene „Deutsche 
Musen-Almanach**. Er enthält neben zahl¬ 
reichen Gedichten des Herausgebers — er 
bedient sich neben seinem eignen Namen noch 
der Pseudonyme „Gustav Adolph Schmidt“, 
„Otto Krämer“, „Heinrich Vogler“ und „Dietrich 
Richter“ — Beiträge fast aller bedeutenden zeit¬ 
genössischen Dichter. Einen großen Wert geben 
dem Almanach poetische Reliquien früherer Zeit, 
die hier zum erstenmal gedruckt erschienen sind, 
so Gedichte von Goethe ; von Karoline von Gün¬ 
serode u. a. 

Auch auf dramatischem Gebiete ist Gruppe 
tätig gewesen. Sein fünfaktiges Trauerspiel 
„Otto von Wittelsbach** (Berlin 1860) ist zwar 
korrekt gearbeitet, konnte es aber zu einem 
nachhaltigen Erfolge nicht bringen. Weit wert¬ 


voller ist sein „Demetrius?* (Berlin 1861), die 
Bearbeitung des Schillerschen Fragmentes für 
die Bühne. Die ausführliche und gediegene 
literarhistorische Abhandlung am Schlüsse be¬ 
weist, daß Gruppe vielleicht am tiefsten von 
allen Bearbeitern in das Werk eingedrungen 
ist Er ist an das, was keiner vorher gewagt, 
mit keckem Mute herangegangen, nämlich an 
die Dichtung Schillers selbst. Er macht deutlich, 
daß diese sicherlich nicht als endgültige Fassung 
zu gelten habe, daß Schiller vielmehr, wenn er 
das Werk hätte zu Ende fuhren können, vieles 
auch an den beiden ersten Akten geändert 
haben würde. Ebensowenig könnten die Auf¬ 
zeichnungen des Dichters für die andern Akte 
als absolut bindend gelten. In einem be- 
sondern Kapitel werden die Bearbeitungen von 
Maltitz und Bodenstedt kritisch besprochen. 
Zu wünschen wäre es jedenfalls, daß bei Auf¬ 
führungen des „Demetrius“ auch einmal Gruppes 
von höchster Verehrung für Schillers Genius 
getragene Arbeit berücksichtigt würde, zumal 
die allgemein beliebte Laubesche nichts weniger 
als poetisch genannt werden kann. 

Gruppes bedeutendstes Bühnenwerk ist bis¬ 
her der Öffentlichkeit vorenthalten geblieben; 
es ist weder gedruckt, noch aufgeführt worden. 
Der Abdruck des „ Ninus**, einer fünfaktigen 
Tragödie, ist von der Witwe des Dichters dieser 
Zeitschrift zur Verfügung gestellt worden und 
soll zeigen, daß damit nicht nur einer Ehren¬ 
pflicht dem Dichter gegenüber genügt, sondern 
die deutsche Literatur auch um ein zugkräftiges, 
poetisch-schönes Drama bereichert wird. 

In der erzählenden Dichtung Lorbeem zu 
pflücken, war Gruppe nicht beschieden. Mir 
ist nur eine einzige Novelle bekannt geworden 
yt Nureddin und die schöne Perserin** (abgedruckt 
im Berliner Kalender für 1842). Es ist eine 
lang ausgesponnene, etwas ermüdende Arbeit, 
mit vielen Unwahrscheinlichkeiten. Mir ist beim 
Lesen die Vermutung gekommen, als habe der 
Verfasser einzelne Charakterzüge der berühmten, 
durch Selbstmord aus dem Leben geschiedenen 
Dichtergattin Charlotte Stieglitz zeichnen wollen. 

Von Gruppes zahlreichen literarhistorischen 
Werken seien hier nur zwei erwähnt, die in¬ 
folge der Gründlichkeit der Forschung und 
der Vorzüglichkeit der Darstellung stets ihren 
Wert behalten werden. Das erste betitelt sich 
„Leben und Werke deutscher Dichter** (erschienen 


Digitized by 


Google 



3 » 


Meisner, Büchertitelmoden. 


1864—1872) und gibt in fünf Bänden eine 
Geschichte der deutschen Poesie in den letzten 
drei Jahrhunderten. Das andere ist eine Mono¬ 
graphie „Reinhold Lenz, Leben und Werke“ 
(Berlin 1861), die über das Leben des unglück¬ 
lichen Dichters, besonders über sein Verhältnis 
zu Friederike von Sesenheim, vieles Neue und 
Authentische bringt und namentlich verschie¬ 
dene irrige Behauptungen Tiecks richtig stellt 
Außerdem sind darin noch viele bis dahin 
ungedruckte Gedichte als Ergänzung der drei¬ 
bändigen Tieckschen Ausgabe enthalten. 

Sei noch kurz das Notwendigste aus dem 
äußern Leben des Dichters nachgetragen, nach 
Aufzeichnungen, die ich zum größten Teil der 
Witwe Gruppes zu verdanken habe. Der von 
ihm nach Beendigung seiner Studien geplanten 
Niederlassung als Privatdozent an der Berliner 
Universität stellte sich sein unüberwindlicher 
Widerwillen gegen die damals gerade in der 
höchsten Blüte stehende Hegelsche Philosophie 
entgegen. Er nahm deshalb 1835 die Feuilleton- 
Redakteurstelle der „Allgemeinen Preußischen 
Staatszeitung“ an. Im Jahre 1842 wurde er 
von dem Minister Eichhorn in das Ministerium 
der geistlichen Angelegenheiten berufen, wo 
er, gewissermaßen ab literarischer Amanuensis 


seines Chefs, eine lebhafte Fehde gegen die 
Hegelianer eröffnete. Auch 1848 war er einige 
Zeit politisch tätig. Er redigierte (ohne seinen 
Namen zu nennen) eine neugegründete Zeitung 
„Das neue Preußen“; ab aber die Besitzer des 
Blattes andre Bahnen einschlugen, gab er die 
Stellung auf und schrieb zahlreiche Leitartikel 
fiir die „Vossbche Zeitung“ unter der Chiffre O. 
1844 wurde er Professor für klassische Philo¬ 
logie an der Universität Er starb im Alter 
von 72 Jahren am 7. Januar 1876. 

Es wäre zu wünschen, das Gruppes poe¬ 
tischen Werken eine vermehrte Aufmerksamkeit, 
namentlich in den Schulen, geschenkt würde. 
Gruppes Epen, der Ausfluß eines reinen und 
edlen Dichterherzens, sind wie dazu geschaffen, 
den leider immer mehr und mehr schwindenden 
idealen Sinn der Jugend zu beleben und zu 
kräftigen. Das würde das schönste Monument 
fiir den Poeten sein, dessen Grab heute von 
Freundeshand mit Blumen bekränzt wird, fiir ihn, 
der schon früher sein höchstes Glück in dem 
Bewußtsein gefunden hat, ein deutscher Dichter 
genannt zu werden. Das hier im Faksimile 
wiedergegebene, bisher noch nicht veröffent¬ 
lichte Gedicht „Vaterland“ (Abb. 6) verleiht 
dieser Stimmung Ausdruck. 



Büchertitelmoden. 


Von 

Dr. Heinrich Meisner in Charlottenburg. 



Titel muß kein Küchenzettel sein. 

I Je weniger er von dem Inhalte ver¬ 
rät, desto besser bt er. Dichter und 
Zuschauer finden ihre Rechnung dabei, und die 
Alten haben ihren Komödien selten andere ab 
nichtssagende Titel gegeben. Ich kenne kaum 
drei oder vier, die den Hauptcharakter anzeigten 
oder etwas von der Intrigue verrieten . . . 
Mancher Stümper hat zu einem schönen Titel 
eine schlechte Komödie gemacht und bloß des 
schönen Titeb wegen.“ Eine solche Ansicht 
entwickelte Lessing im 21. Stücke seiner Ham¬ 
burger Dramaturgie. Ist sie noch fiir uns in 
vollem Umfange aufrecht zu erhalten ? Ist sie 


immer allgemein geltend gewesen? Beides bt 
zu verneinen. Freilich, wenn ein allgemein an¬ 
erkannter Schriftsteller einem neuen Werk 
einen nichtssagenden Titel gibt, wird man es 
dennoch lesen; allein dann bt der Name des 
Autors das lockende Aushängeschild, das der 
Titel eigentlich sein soll Das Titelgeben ist 
eine ganz besondere Schwierigkeit für den Ver¬ 
fasser. Joh. Timoth. Hermes, der das bekannte 
Buch Sophiens Reise von Memel nach Sachsen 
schrieb, hatte einmal ein Werk fertig, das er, 
ehe er es herausgab, mehrere Jahre liegen ließ, 
weil er um den Titel verlegen war. Und schlie߬ 
lich wählte er, wie er selbst eingesteht, den 


Digitized by LjOOQle 



Meisner, Büchertitelmoden. 


39 


recht unverständlichen Titel „Manch Hermäon"; 
denn „weh dem Manne in unserm Zeitalter, 
dessen Buch nicht durch den Titel auffällt!" 

Wie oft ist schon ein Roman, ein Theater¬ 
stück, fertig gewesen, ohne daß der Dichter 
sich für einen bestimmten Titel hatte entschei¬ 
den können; wie oft waren Redaktion und Ex¬ 
pedition einer neu zu gründenden Zeitschrift 
bis ins Kleinste installiert, und Verleger und 
Mitarbeiter saßen und sannen darüber nach, 
welcher Name wohl dem Kinde zu geben sei, 
das sie aus der Taufe heben wollten, damit es 
im Leben weiter komme und zu Ehren ge¬ 
lange. Und dabei war nicht wenig auf den 
Geschmack der Zeit, auf die Mode Rücksicht 
zu nehmen. Zu einer Geschichte der Bücher¬ 
titelmoden sollen in folgendem einige Beiträge 
gegeben werden. 

Obgleich man im klassischen Altertum den 
Titel noch nicht als Reklameschild des Buches 
verwandte, sondern ihn im Incipit oder Ex- 
plicit verbarg, so finden wir doch, besonders bei 
den Griechen, eine glückliche Erfindungsgabe 
hübsch klingender Titel. Der Bienenkorb , Das 
Horn der Amalthea, Das Veilchenbeet, Die 
Wiese, ja auch Herodots Musen sind Bezeich¬ 
nungen, deren wegen, wie Plinius sagt, man 
wirklich einen Gerichtstermin versäumen könnte. 
Auch bei den Römern sind, aber weniger zahl¬ 
reich, dergleichen anziehende Titel vorhanden, 
wie die Flexibula , die Krümmungen, oder der 
Sescylysses, der anderthalbfache Ulysses, mit 
welchen Namen Varro seine Satiren bezeich- 
nete. 

Eine wichtige Neuerung war die Beigabe 
eines besonderen Titelblattes. Es ist ja be¬ 
kannt, daß die ersten Wiegendrucke ein solches 
meist noch nicht haben, jedoch soll schon 1462 
ein Buch mit Titelblatt Vorkommen, ohne daß 
die „Bibliographical Transactions" (II, S. 113), 
welche diese Notiz bringen, das betreffende 
Buch näher bezeichnen. Der Ruhm, das erste 
eigene Titelblatt einem gedruckten Werke bei¬ 
gegeben zu haben, fallt wohl dem Kölner 
Drucker Arnold Therhoemen zu; das Werk, in 
welchem sich jenes befindet, ist der Sermo ad 
popidum praedicabilis in festo presentacionis 
Beatissime Marie, der 1470 gedruckt wurde. 
Die Mode des eigenen Titelblattes verbreitete 


sich schnell; wir finden Inkunabeln mit solchen 
aus Paris, Venedig, London, nicht selten mit 
kunstvoll ausgeführten Druckerzeichen oder 
Randleisten. 

Nicht aber auf die Entwickelung der tech¬ 
nischen Ausführung des Titelblatts wollen wir 
hier näher eingehen, da neuerdings Low de 
Vinne diesem Gegenstände ein Werk gewidmet 
hat, 1 sondern die Mode der Titelgebung in 
ihren einzelnen Wunderbarkeiten weiter ver¬ 
folgen. Solche finden wir natürlich meist da, 
wo der Inhalt des Werkes mit dem Titel nicht 
übereinstimmt, wo der Leser durch ein außer¬ 
gewöhnliches, gesuchtes oder langes Reklame¬ 
schild auf den Inhalt neugierig gemacht wird, 
oder wir können verfolgen, wie an einzelnen 
Arten von Publikationen gleichgebildete Titel 
während einer gewissen Zeitdauer haften 
bleiben. 

Außergewöhnliche Titel tragen zunächst 
orientalische Bücher. Eine Einleitung in den 
Talmud nennt sich Das Bein Josephs , ein Trak¬ 
tat über die Liebe Gottes heißt Das Buch des 
Arzneihändlers . Wir finden weiter Das Herz 
Aarons als Kommentar über die Propheten, 
die Lippen der Schlafenden als ein Verzeichnis 
rabbinischer Schriftsteller, Die Kette kostbarer 
Steine als eine Universalgeschichte, Den Auf¬ 
gang zweier glücklichen Planeten und die Ver¬ 
bindung zweier Meere als eine Geschichte Tamer- 
lans. 1 Meist sind es theologische Werke, die 
mit dergleichen Titeln prunken; Das Königs¬ 
kleid, geteilt in zehn Röcke, Die beiden Hände, 
geteilt in je fünf Finger sind Beispiele dafür. 
Wenig geeignet für ein Gebetbuch scheint der 
Titel Ala pavonum, den Abraham ben Mar- 
dochai zuerst benutzte und der nachher bis in 
das XVII. Jahrhundert hinein zu gleichem 
Zweck verwendet wurde. Nicht viel passender 
sind für Werke der Theologie die folgenden 
lateinischen Titel 3 aus dem XVL und XVII. 
Jahrhundert: Lamina aurea (Goldplättchen), 
Placenta carbonum (In Asche gebackner Kuchen), 
Pavimentum sapphirinum (Saphimer Estrich), 
Cochlearia argentea (Der sübeme Löffel), Cor - 
tinae caprinae (Schläuche von Ziegenfell, Tite 
eines Werkes de praeceptis divinis), Tunicae 
pelliceae, Caprae gratiae , Saccus Benjamin 
und anderes mehr. 


* A treatise on title-page*. New York 1902. — * Lalanne, Curiositls bibliographiques. p. 235. 
3 Joh. Gottl Bidcrmann, De imolentia titulorum librariorom. Numburgi 1743. 


Digitized by LjOOQle 



40 


Meisner, Büchertitelmoden. 


Das Abendland übernahm die prunkvollen 
Titel, besonders für theologische Werke, jedoch 
stahl sich bald ein satirischer oder humoristi¬ 
scher Zug in diese Mode, als durch die Kirchen¬ 
spaltung die theologischen Schriften zu Angriffs¬ 
oder Verteidigungsschriften wurden. Emst 
gemeint sind noch die Titel La decrottoir de 
vanite (Das Kratzeisen der Eitelkeit), 1581, und 
Loreiller spirituel (Das geistliche Kopfkissen), 
1599, für zwei asketische Werke; daneben findet 
sich aber bereits zu gleicher Zeit Honorii P/iila- 
letis Hemiopolitani Jägerlnst oder philosophischer 
Nyntphenfang fiir ein durchaus ernstes Werk 
und weiter wird in der Mitte des XVII. Jahr¬ 
hunderts besonders durch die Schriften Abra¬ 
hams a Sancta Clara ein scherzhafter Sinn 
gern in die Büchertitel gelegt. Seine Abraha- 
mitische Lauberhütt, ein Tisch mit Speisen in 
der Mitt findet in Vockerodts Aufgedecktem 
Mitteldings-Betrug und in Kramers Quaker 
Quack an seine Gemeinde gethan gleichwertige 
Gegenstücke. Der Zorn der geistlichen Herrn 
in Angriff und Verteidigung förderte eine ganze 
Reihe spitziger und derber Titel für ihre Schriften 
zu Tage. Unter diesen wetteifern die lateini¬ 
schen: Asinus avis, Bos ad ficum alügatus, 
Asinus germanicus sine corde et auribus, Caput 
bovis exomatum, Querela patibidi mit den deut¬ 
schen Geistliche Schlafhaube, Geistliche Martins¬ 
gans, Großer Kluncker-Mutz, Alamodische Hobel - 
bank , Hellpolirter Scheuerwisch, Schmeck Bier, 
Schelmufsky , Wohl auf geopferter Dudelsack, 
Römischen Reichs Licht-Putzer , Politischer Leyer¬ 
mann, Calvinischer Vitzliputzli, Friß Vogel oder 
stirb u. a. 

Einen besonderen Aufputz tragen auch die 
Titel der juristischen Dissertationen aus dem 
Ende des XVII. und aus dem XVIII. Jahr¬ 
hundert. Es wird eine feierliche Würde in sie 
gelegt, die gar oft mit dem kurzen und recht 
einfältigen, nur selten wirklich scherzhaften oder 
gehaltvollen Inhalte kontrastiert. Die Form, 
die sich einmal eingebürgert hatte, blieb bestehn 
und findet sich in einzelnen Spuren noch jetzt; 
aber nicht die Studenten gaben damals ihren 
Erstlingen den Titel, sondern die Professoren 
selbst, und je spitzfindiger das Thema war, 
desto auffälliger wurde das Aushängeschild, das 
manchmal solchem Traktat zu einer Reihe von 
Auflagen verhalf. Von den Conclusiones juri- 
dicae inaugurales de eurematicis seu strata- 


gematicis juris vulgo von juristischen Findgen, 
welches Thema der gelehrte Professor Essen 
in Wittenberg einem Doctorandus einst stellte, 
erschienen kurz hintereinander sieben Ausgaben, 
obgleich der Inhalt nicht im entferntesten das 
Thema erschöpft; von einer auf Professor 
Grupens Veranlassung geschriebenen Disser¬ 
tation De donationibus ante nuptiis et ad 
quaestionem an osculo virginitas delibetur. Ob 
die Jungjferschaft durch einen Kuß verlohren 
gehe, sind drei Ausgaben bekannt. Ebenso ist 
das Thema Eunuchii conjugium . Die Capaunen- 
heyrath, hoc est de conjugio inter Eunückum 
et virginem juvenculam mehrfach behandelt 
worden. Wenn auch Thema und Titel bei 
Dissertationen übereinstimmen, so ist letzterer 
doch meist ganz besonders auffällig und zum 
Lesen anreizend gewählt. Die Jura hominis 
bicipitisy die Rechte eines zweiköpfigen Menschen, 
die Electa de jure canum, das Hunderecht, die 
Erörterungen de jure circa ebrietatem , vom 
Recht der Trunkenheit, de concubitu intra tem- 
pus luctus , de jure embryonum , de serto vir- 
ginum, vom Jungfemkranze, de calore juvenili, 
von der Jugendhitze nebst denen daher ent¬ 
stehenden Verbrechen, die Tractatio juridica de 
virgine prae vidua ducenda, oder daß es besser 
sey, ein jung Mädgen zu heyrathen als eine 
junge Wittwe, weiter noch die Dissertationen 
vom Rechte der Füße, der nackigten Häupter, 
Brüste, Bäuche u. s.w. und die Auseinandersetzung, 
ob der Bock, der Weihwasser gesoffen, am 
Leben zu strafen sei, — alle diese Titel allein 
schon waren geeignet, die Schriften weit über 
den akademischen Kreis der betreffenden Uni¬ 
versität bekannt zu machen. 

Die Mode der langen Titel hatte ihre Blüte¬ 
zeit im XVÜ. und XVIII. Jahrhundert, damals 
als die Leser noch so glücklich waren, weniger 
Bücher lesen zu müssen und also mehr Zeit 
auf das einzelne verwenden konnten. Das Titel¬ 
blatt ist mit gedruckten Wörtern ganz bedeckt, 
oft nicht einmal das Wesentliche durch den 
Druck hervorgehoben, und wenn wir selbst die 
zugefugten Inhaltsangaben abziehn, so bleibt 
doch noch meist ein gewaltiges Satzgefüge als 
Titel übrig. Als einer der gewichtigsten Ver¬ 
treter der langen Titel galt zu seiner Zeit des 
Alphonsus Lasor a Varea Universus terrarum 
orbis scriptorum calamo delineatus , Patavii 1713, 
der 117 Wörter aufweist Übertroffen wird er 


Digitized by tjOOQle 



Meisner, Büchertitelmoden. 


41 


aber durch den eines Buches, welches 1794 in 
Brünn erschien, Der wahrhafte Farbenkoch 
ohne Maske, der sich in 175 Wörtern auf dem 
Titelblatte anpreist Im XVUI. Jahrhundert 
ging die Mode der langen Titel besonders auch 
auf Romane über, bis von England her durch 
den Romanschriftsteller Samuel Richardson all¬ 
mählich eine kürzere Fassung der Titel wieder 
Raum gewann. Eine besondere Abart dieser 
langen Titel waren die Doppeltitel, die wir noch 
heute bei Hintertreppenromanen, freilich aber 
auch bei Ibsens Nora — ein Puppenheun 
finden. Gewöhnlich bildete den ersten Teil 
des Titels ein Eigenname, dann folgte die Hin¬ 
deutung auf die Schicksale des Helden oder 
der Heldin. Ridogar, Fürst der Hölle, oder 
die Teufelsbeschwörung in der Geisterburg ; 
Albertine von Gallicien oder das Gespenst in 
der Todtengruft u. a. gaben die Muster für die 
Titel der Schauerballaden in unsem humoristi¬ 
schen Blättern. 

Gerade zur Zeit der Mode der langen Titel 
finden wir auch den absoluten Gegensatz da¬ 
zu, nämlich Bücher, bei denen das Titelblatt 
ganz leer blieb; 1 aber da mehrere Verleger 
diesen Gedanken ausnutzten, so ward es schwer, 
bei Bestellungen das richtige Buch herauszu¬ 
finden, und deshalb kam man bald von dieser 
Art der Titelgebung zurück, oder man wählte 
wenigstens ein paar Buchstaben oder ein andres 
Zeichen, um Verwechslungen zu vermeiden. 
So finden wir einen Titel M. R ., was „Meine 
Reisen“ bedeuten soll, ferner Fragezeichen, Aus¬ 
rufungszeichen, Gedankenstriche. Wem dies 
doch zu wenig erschien, setzte auf das Titel¬ 
blatt „Das Buch ohne Titel“ oder „Das Wochen¬ 
blatt ohne Titel“; von dieser Art erschien in 
Nürnberg 1770 ein Journal, von jener drei 
Bücher, das eine 1746, die beiden andern 1801, 
alle drei 2 Gedichte, Erzählungen und morali¬ 
sche Aufsätze enthaltend. 

Die Mode der Titelgebung läßt sich auch 
nach einer andern Richtung verfolgen, indem 
nämlich manches Titelwort, das einschlägt, ein 
Muster für eine zahlreiche Familie wird. Die 
Thesaurus, Corpus, Miroir der älteren und 
mittelalterlichen Zeit kehren für bestimmte 
Kategorien immer wieder, ja selbst die Ver¬ 
fasser von epochemachenden Werken gelten 


1 Journal des Luxus und der Moden, 1798, p. 232. 
Z. f. B. 1904/1905. 


ähnlichen, späteren für die richtigen Titelhelden, 
wie wir dies bei dem guten Knigge noch be¬ 
wundern können, der als ,JNeuer Knigge“ und 
„Antiknigge“ selbst nun als Titel figuriert. Von 
solchen Stammtiteln ganzer Kategorien ist seit 
dem XVI. Jahrhundert der der Otia aufge¬ 
kommen und zwar als Bezeichnung gesam¬ 
melter Studien. Als ältestes Otium läßt sich 
das Otium quadrimestre des Pareia, Salamanca 
1591, nachweisen. Im XVII. Jahrhundert heftet 
sich gern an den Begrift eine adjektivische 
Ortsbezeichnung; so finden wir ein Otium Mar - 
pur gerne (1614), Otium Wratislaviense (1658), 
Jettense (1671), Vindelicum (1729), Lipsiense et 
Leucopetrense , Mecklenburgicum, Lubecense und 
das bekannte Otium Hanoveranum von Leibnitz. 
Auch andre Zusätze fuhren die Otia, so die 
bekannten Otia unperialia des Gervasius Tilbe- 
riensis (1697), die verschiedenen Otia theologica, 
sacra u. a. 

Nicht so allgemein, wie die Otia wurde das 
Vademecum als Titel benutzt, aber dieses Titel¬ 
wort hat wunderbare Wandlungen durchge¬ 
macht, indem es zunächst, zuerst seit 1709, für 
geistliche Erbauungsbücher angewandt wurde, 
dann aber meist für scherzhafte Sammlungen 
gebraucht wurde, unter denen das Berliner 
Vademecum , in 10 Teilen 1764—1790 erschienen, 
seinerzeit am bekanntesten gewesen ist. 

Eine weitere Verbreitung fanden die Ana- 
Titel. Nach dem Tode des zu seiner Zeit 
hoch geschätzten Gelehrten und Dichters Joseph 
Justus Scaliger im Jahre 1609 unternahmen es 
dessen Schüler Johann und Nicolaus Vassan, 
alles, was sie von und über Scaliger wußten, 
in bunter Ordnung, sogar in verschiedenen 
Sprachen, aufzuschreiben. Dieser Kompilation 
gaben sie den Titel Scaligeriana . Das Manu¬ 
skript ging von Hand zu Hand, bis es Isaak 
Voß 1666 drucken ließ. Ehe es aber zum 
Druck gelangt war, war bereits im Jahre 1664 
ein Buch Perroniana erschienen, das die Aus¬ 
sprüche und Taten des Großalmoseniers von 
Frankreich unter Heinrich IV. Jac. Davy du 
Perron enthielt. Von Frankreich also ist die 
Ana-Literatur ausgegangen und hat sich bald 
auch ihre zahlreichen Liebhaber in Deutschland 
und Holland verschafft. Es war ein neues 
Genre der Literatur, halb anekdotenhaft, halb 

— 2 Critik der Titel, Halle 1804, p. 29. 

6 


Digitized by LjOOQle 



42 


Meisner, Büchertitelmoden. 


wissenschaftlich. Bis in die zweite Hälfte des 
XVIII. Jahrhunderts hielt die Vorliebe für Ana- 
Titel vor, konnte sich aber außer in Dänemark, 
keine weiteren Gebiete erwerben, so daß man 
tatsächlich in Italien und in Spanien keine Ana 
findet. Aufs neue schien zu Anfang des XIX. 
Jahrhunderts in Frankreich eine Blüte der Ana- 
Titel zu entstehn, aber in den zwanziger Jahren 
verschwand diese Liebhaberei auffallend schnell 
und ist jetzt fast ganz aus der Mode gekommen. 
So lange die Ana noch an die Person eines 
berühmten Mannes anknüpften, bleibt der Titel 
verständlich. Wir wissen, was mit Melanch - 
thoniana, Herderiana, Schilleriana und Mülle- 
riana gemeint ist; allein bald versuchte man 
andern Begriffen die Endsilben -ana anzuhängen, 
und damit ward der ursprüngliche Gedanke, 
der den Ana-Titeln zugrunde lag, verschleiert. 
Von den Comödiana und Gastronomiana ge¬ 
langte man zu den Orientaliana und Plagiari- 
ana und weiter zu Asiniana, Cravaliania und 
Omniana . Im ganzen lassen sich etwa 140 
Ana-Titel zusammenstellen; ja man hat sogar 
eine Sammlung verschiedener Ana unter diesem 
Titel in zehn Bänden herausgegeben. 

Ähnliche Erscheinungen bietet die Iaden- 
Literatur. Als Klopstock 1751 seine Messiade 
herausgegeben hatte, folgten ihm zur Bezeich¬ 
nung größerer Epen in der Titelbildung mehrere; 
wir finden in der Folge eine Lutheriade von 
C. F. v. Derschau, eine Margarethiade und 
eine Hanseade von G. J. Lucius, letztere mit 
einer Anlehnung an die Ilias, die man beson¬ 
ders nach dem Bekanntwerden der Übersetzung 
durch Voß mit Hiade bezeichnete. Diesen 
ernsten laden-Gedichten steht eine Anzahl 
komischer Epen gegenüber, für welche die 
Iaden-Titel geradezu typisch geworden sind. 
Wir denken dabei zuerst wohl an Kortüms 
Jobsiade . Allein dieses ist nicht das erste 
komische Heldengedicht mit einem Iaden-Titel, 
denn schon vor dem Erscheinen desselben war 
Friedrich August Cranz, der bekannte Satiriker, 
im Jahre 1779 mit seiner Bockiade heraus¬ 
gekommen, der er später eine Oxiade folgen 
ließ. Wirkliche Nachahmungen der Jobsiade 
sind die Burkeliade , epischer Schwank von 
M. Reimlein, 1829, und die Töffeliade , komi¬ 
sches Heldengedicht von F. Hallensleben, 1836, 
das in Kortümschen Knittelversen abgefaßt ist 
Die Iaden-Mode ist bis auf unsere Zeit erhalten 


geblieben, nicht sowohl in eigentlichen Bücher¬ 
titeln, sondern als Bezeichnung ganzer Kate¬ 
gorien von Schriften, wie die Robinsonaden 
und Münchhausiaden. 

Ein eignes Gebiet für ihre Titel haben von 
je her die Zeitschriften und Almanache für sich 
in Anspruch genommen. Darunter ist das Auf¬ 
fallendste die fast vollständige Ausnutzung der 
mythologischen Namen. Dem Götterboten 
Merkur gebührt die Ehre, zuerst als Buchtitel 
zu dienen und zwar für ein politisches Journal, 
den Mer eure frangais , der seit 1611 erschien 
und die vorher in Deutschland für periodische 
Schriften, die die Weltereignisse registrierten, 
übliche Bezeichnung Relationes teilweise ver¬ 
drängte. Wir finden bald die neue Bezeich¬ 
nung in verschiedenen Ländern und in ver¬ 
schiedenen Gestalten, zunächst aber immer als 
periodische Zusammenfassung politischer Er¬ 
eignisse, bis 1773 Wieland in seinem deutschen 
Merkur den Namen auch für ein literarisches 
Journal einführte. Bereits 1767 aber hatte 
Bodmer eine Kalliope herausgegeben; es folgten 
bald bis gegen das Ende des Jahrhunderts hin 
eine Pandora , Ceres, Eupltrosine, Flora , Aurora , 
und dann begann im Anfang des XIX. Jahr¬ 
hunderts bei den immer mehr aufkommenden 
Musenalmanachen ein Wettbewerb in Erfindung 
ähnlicher Namen, für die auch die nordische 
Mythologie ihr Kontingent stellte. Am be¬ 
liebtesten und am meisten vorkommend sind 
die Namen Minerva , Aurora, Apollo, Venus, 
Urania, Melpomene , Thalia, Momus u. a. Erst 
gegen Ende der dreißiger Jahre verschwindet 
diese Mode. 

So hat denn, wie die Ausstattung der Titel¬ 
blätter, auch die Titelabfassung durch die Jahr¬ 
hunderte hindurch ihre Modelaunen gehabt, 
und wie jetzt manch strenger Richter die mo¬ 
dernen Ausartungen der Titelblätter verurteilt, 
so gab es auch früher, als die Büchertitelmode 
manchmal gar zu übermütig ward, nicht selten 
einen Kritiker, der grimmig gegen den Betrug 
falscher, über den Inhalt täuschender oder 
prunkhafter Titel zu Felde zog. Da aber das 
Buch eine Ware ist, die die Bestimmung hat, 
angekauft zu werden, so müssen es auch Ver¬ 
fasser und Verleger versuchen, wie sie jene 
am besten an den Mann bringen, und brauchen 
dazu ein Aushängeschild, welches lockt oder 
über die Güte des Stoffes orientiert. Neben 


Digitized by LjOOQle 



Chronik. 


43 


all den Modelaunen der Büchertitel geht aber 
seit Jahrhunderten eine Fassung einher, die, 
bewußt des Wertes des Buches, welches sie 
vertritt, allen Flitterkram und Reklameputz, alles 


Sensationelle, Übertriebene und in die Augen 
fallende verabscheut, dennoch aber einen wahren 
Stolz in sich birgt und kurz und einfach lautet 

„Gesammelte Werke“. 


«fr 

Chronik. 


Einige neue Kunsteinbände. 

Das Wort Schillers „Wo Starkes sich und Mildes 
paarten, da gibt es einen guten Klang“, läßt sich 
vorzüglich auf das vornehmste und glücklicherweise 
in jüngster Zeit auch vomehmlichste Material der 
Buchbindekunst anwenden: auf das Leder. Seine 
Haltbarkeit und Flexibilität, seine unbegrenzte 
Färbungsmöglichkeit und die Verschiedenheit der 
dabei anzuwendenden Techniken, die handwerks¬ 
mäßige wie die frei-künstlerische Behandlung sind 
durch kein anderes Material der Welt zu ersetzen. 
Besonders haben die neueren Schöpfer des Buch¬ 
einbandes den Ganzlederband frisch belebt und 
neben mancher komplizierten Mosaikarbeit auch 
den glatten Lederband durch zierliche Goldoma- 
mentierung den besten Arbeiten der alten Meister 
der „petits fers“ nahe gebracht 

Die sechs Einbände, deren Reproduktion 
wir in dieser Nummer geben, stammen aus 
der Werkstatt Paul Kerstens . Kersten hat 
sich durch seine schönen und formensichern 
Einbände bereits eine feste Stellung im Reiche 
der Bücherfreunde erworben, als er noch in 
Leipzig tätig war. Es ist sehr zu wünschen, 
daß ihm, nun er wirtschaftlich selbständig 
geworden ist, neben dem künstlerischen 
auch der materielle Erfolg treu bleibt 

Die in Frage kommenden Einbände sind 
Einzelschöpfungen, ohne jedoch dem einzelnen 
Buch auf „den Leib entworfen“ zu sein. 
Vielmehr könnten die vornehmen, feinlinigen 
Goldomamente, die sich schließenartig über 
Rücken und Seiten des Deckels ziehen, auch 
jedem andern Buche zur Zierde gereichen 
und haben mit dem Inhalt der durch Zufall 
oder Vorliebe gewählten Bücher keinen 
Zusammenhang. 

Es sind Ganzlederbände bis auf einen 
Band, für den Halbfranz gewählt worden 
ist, nämlich für den ersten Jahrgang des 
Archivs für Buchbinderei von Adam (Abb. i), 
einem Oktavlexikonband mit Rücken und 
Ecken in lüa Maroquin ecrase, dessen Über¬ 
zug, Vorsatz und Schnitt in gleichtonigem 
Wandermarmor hergestellt ist Die Linien¬ 
vergoldung auf dem Leder ist mit der Hand 
hergestellt, ebenso wie die leicht altirisch 
anmutenden Ornamente auf Abb. 5, einem 
Kleinoktavbändchen in veilchenblauem ge¬ 


narbtem Kalbleder mit assortiertem Vorsatz und 
Schnitt in Wandermarmor, das Grimms Frühling 
und Liebt* enthält Abb. 4 ist der Einband zu 
einem Werke des geschmackvollen Buchästheten 
Emst Schur , „Die Ausstattung des Buches Kein 
Wunder, daß gerade bei diesem Bande die liebe¬ 
vollste Sorgfalt angewendet worden ist Die Linien¬ 
handvergoldung ist hier besonders kühn und leicht 
und von würzigen petit-fers-Rosetten pikant ge¬ 
hoben. Das Material ist kastanienbraunes Maroquin 
ecrase, zu dem wiederum kastanienbrauner Wander¬ 
marmor als Schnitt und Vorsatz tritt Nicht nur 
Ästhet, sondern auch praktischer Künstler ist Cobden - 
Sanderson , dessen „Kunst und Kunsthandwerk“ auf 
Abb. 2 würdig in orange Maroquin ecrase gehüllt 
ist; eine feine Stepp-Punktierung umzieht den 



Abb 1. Halbfranz-Einband von Paul Kersten. 


Digitized by LjOOQle 






Chronik. 


44 



Abb. 2. Einband in orangefarbenem Maroquin ecrase 
von P. Renten. 


Rand des Deckels und gibt ihm einen eigenartigen 
Charakter des Abgegrenzten. Der Marmor von 
Vorsatz und Schnitt passen natürlich genau im Ton. 

Sonderbar genug in dieser ernsten Gesellschaft 
nimmt sich ein schmächtiges Bändchen in maus¬ 
grauem Maroquin ecrase aus, dessen spitzige, den 
Rücken überspannende Ornamente innerhalb ihrer 
goldnen Grenzen graublau gebeizt sind, während 
für Schnitt und Vorsatz Jugendmarmor gewählt 
wurde. Es ist ein Exemplar von Hans von 
Kahlenbergs viel angefeindetem „Nixchen“, einer 
jener ganz belanglosen schillernden Sumpfblasen, 
denen die hohe Staatsanwaltschaft erst zu einer 
unberechtigten Gesuchtheit verhilft (Abb. 6). 

Ganz wunderhübsch ist das Omamentenpaar 
auf dem apfelgrünen Maroquindeckel zu Wit- 
kowskis trefflicher Goethebiographie, die im See- 
mannschen Verlage in Leipzig erschienen ist (Abb. 3). 
Die schöngezogenen Linien sind durch goldene zier¬ 
liche Sternchen, wie sie die Punze des Rindleder¬ 
arbeiters ähnlich liefert, ausgefüllt und hierdurch 
sozusagen körperlicher, massiver gestaltet. Apfel- 
grün ist auch der Grundton des Wandermarmors 
von Schnitt und Vorsatz. 

Sämtliche Bände sind verkäuflich. Sie haben 
neben ihrer sorgsamen Ausführung und dem Reiz 
des Spiels ihrer Linienomamente eben den ein¬ 


gangs schon erwähnten großen Vorzug der Adapti- 
bilität Gewandbedürftige Lieblinge jeden Genres 
dürfen sich, so lange die Formate stimmen, in 
diese zartfarbigen Maroquingewänder hüllen lassen, 
ohne Inhalt und Außenseite in Widerspruch zu 
bringen. Solidität verbinden sich bei ihnen in 
glücklicher Weise mit vornehmer Eleganz und 
Mäßigung. A. 


Zur Geschichte der Karikatur. 

Mit dem zweiten Bande der „Karikatur der euro- 
päischen Völker “ hat Eduard Fuchs sein Werk bis zur 
Gegenwart fortgeführt (Berlin, A. Hofmann & Co.; 
20 Hefte ä 75 Pfg.). Der Band beginnt mit dem Jahre 
Achtundvierzig. Als Vorbote zeigte sich die Lola 
Montez-Komödie in Bayern, die merkwürdigerweise den 
Sturz des klerikalen Ministeriums zur Folge hatte. 
Aber die anfängliche Begeisterung für die schöne 
Favoritin des Königs wandelte sich rasch mit der fort¬ 
schreitenden Reaktion, und nun prasselte ein Regen 
von Karikaturen auf Lola herab, zum Teil witzig bei 
aller Bosheit, zum Teil unglaublich schamlos; man sagt, 
daß einige der erotischen Blätter sogar von Wilhelm 
Kaulbach stammen sollen. Um diese Zeit erschienen 
auch die ersten süddeutschen Witzblätter: die „Fliegen¬ 
den“ (die anfänglich gleichfalls die politische Satire 
bevorzugten), Schleichs „Punsch“, Pfaus „Eulenspiegel“, 
die „Düsseldorfer Monatshefte“. In Frankreich hatte 
der „Charivari“ im Kampfe gegen die Regierung im 
„Journal pour Rire“ einen Genossen gefunden, zu 
dessen Künstlern u. a. Dor£ gehörte. Auch Daumier 
regte sich wieder, so daß man wohl von einer Wieder¬ 
erweckung der Karikatur jenseits der Vogesen sprechen 
konnte. Sehr viel harmloser gab sich das politische 
Spottbild im österreichischen Vormärz; aber merk¬ 
würdig, so gewaltig sonst die Zensur wütete — der Ülu- 
strierten Zote und dem sexuellen Witz ließ sie freie 
Bahn. Die Wiener Volksbewegung half natürlich auch 
in Österreich der politischen Karikatur auf die Beine, 
doch die Ausbeute ist im allgemeinen gering. 

In Deutschland war Achtundvierzig das Geburts¬ 
jahr der Karikatur. Von dem Umfang der satirischen 
Flugblattliteratur jener Tage kann man sich heute 
kaum einen Begriff machen. Eigentümlich fiir Berlin 
war das satirische Plakat, das in A Cohnfeld („Aujust 
Buddelmeyer“) und A Hopf („Ullo Bohnhammel“) 
seine Meister fand. Aber auch die periodische Witz¬ 
blattliteratur begann aufzublühen. Dem „Kladdera¬ 
datsch“ folgten Glasbrenners „Freie Blätter“, dann der 
„Berliner Krakehler“, das „Berliner Großmaul“, die 
„Tante Voß mit ’n Besen“ und zahllose andere, die 
allein der immer rüstige „Kladderadatsch“ überlebt 
hat Der „Neffe des Onkels“ wurde in den alten 
Pariser Witzblättern gehörig zerzaust, aber seltsamer¬ 
weise schuf die zweite bürgerliche Republik weder 
neue satirische Organe noch neue Talente. Anders 
war es in Italien, wo die Revolution den „Arlecchino“ 
und „Don Pirlone“ und den noch heute existierenden 
„Fischietto“ ins Leben rief. 


Digitized by CjOOQie 















Chronik. 


45 


Ein besonderes Kapitel gehört der „Frau der 
Revolution“, natürlich vor allem der politisierenden 
Frau, die Beaumont, Daumier, Cham u. a. in 
Frankreich graziöser zu verspotten wußten als die 
deutschen Karikaturisten. Ungleich ergiebiger für 
die Karikatur war die Kokotte des zweiten Kaiser¬ 
reichs. Aus dem politischen „Journal pour Rire“ 
wurde das „Journal amüsant“, das nur noch der 
Lüsternheit diente, aber eine Reihe glänzender 
Künstler an sich zu fesseln wußte wie Gr^vin, Cham, 
Marcelin, Robida u. a. Bei weitem höher standen 
Gavarni, Monnier und Gill, der berühmte Zeichner 
der „Lune“, ein Blatt, das auch sonst manches treff¬ 
liche Talent eingeführt hat. 

In der Zeit der deutschen Reaktion lag die 
Karikatur ziemlich brach. In Süddeutschland waren 
die „Frankfurter Laterne“ Stoltzes, in Norddeutsch¬ 
land der „Kladderadatsch“ die einzigen führenden 
Witzblätter. Auch der Krieg gegen Frankreich gab 
der deutschen Karikatur nicht den erwarteten Auf¬ 
schwung. In Frankreich wurde 1870/71 allerdings 
ungeheuer viel an Spottbildern produziert, aber 
gleichfalls fast nur Minderwertiges; Faustin, Moloch, 
Said, le Petit, Regamey, Pilotelle mit ihren Blättern 
bilden nur Ausnahmen. Die englische Karikatur 
stand damals ganz auf seiten Frankreichs. „Punch“ 
verspottete Deutschland, „Judy“ verlästerte es. 
„Punch“ war das erste politisch-satirische Witz¬ 
blatt Englands in modernem Stil; Crane, Doyle, 
Maurier, Keene, Thackeray waren von Anbeginn 
seine Mitarbeiter. In Österreich scharten sich um 
den „Wiener Figaro“ und den aus Bergs „Tritsche- 
Tratsch“ hervorgegangenem „Kickeriki“ einige tüch¬ 
tige Karikaturisten, so Canon, Laufberger, Müller, 
Juch, Moser. Die laszive Karikatur dominiert im 
„Floh“ von Klic, den „Wiener Karikaturen“, im 
„Pschütt“, der „Bombe“, dem Pester „Caviar“; der 
Innsbrucker „Scherer“ geht noch immer mit Keulen¬ 
schlägen dem Klerikalismus zu Leibe. 

Seit 1871 drehte sich in der deutschen Karikatur 
alles um Bismarck. Künstlerisch wie stofflich bereitete 
sich eine Blüteperiode des Spottbüds vor. Dem 
„Kladderadatsch“ reihten sich Stettenheims „Wespen“, 
Habers „Ulk“ und Moszkowskis „Lustige Blätter“ an; 
die weichere Zinkätzung verdrängte den Holzschnitt; 
der Farbendruck kam auf. Künstler wie Jüttner, 
Brandt, Wellner, Heilemann, Czabran, Feininger, 
Klinger, Edel schufen eine große Reihe prächtiger 
Blätter. In München entstanden „Jugend“ und „Sim- 
plicissimus“; Heine, Thöny, Recznicek, Wilke, Engl und 
die um Dr. Hirth und A. Langen sich gruppierenden 
Künstlerkreise traten in den Vordergrund. Auch die 
Sozialdemokratie schuf sich neue Witzblätter: den „Süd¬ 
deutschen Postillon“ und den „Wahren Jakob“, denen 
Engert und der Italiener Ratalanga ihre scharf gespitzten 
Stifte zur Verfügung stellten. Neben der ins Ungeheure 
gehenden pornographischen Witzblattliteratur in Frank¬ 
reich hob sich dort auch die politische Karikatur: Salis’ 
„Chat noir“, „Le Rire“, „L'Asiette au beurre“ und Gills 
aus der „Eclipse“ entstandene „Lune rousse“ sam¬ 
melten Künstler wie Forain, Willette, Steinlen, Toulouse- 



Abb. 3. Einband in apfelgrünem Maroquin 
von P. Kersten. 


Lautrec, L^andre, Vdber, Bac, Jossot, Vallotton, Caran 
d’Ache um ihre Fahnen. Belgien beschränkt sich fast 
nur auf französischen Import; Holland besitzt kein 
eigenes Witzblatt; die italienische politisch-satirische 
Presse lehnt sich gleichfalls an Frankreich an; in der 
Schweiz bringt der „Nebelspalter“ häufig recht gute 
Spottbilder. 

Infolge des allgemeinen Aufblühens der Karikatur 
hat sich auch das gesellschaftliche Spottbild gehoben. 
Daneben nimmt die gezeichnete Zote einen großen 
Raum ein. In Paris sind die Cochonblätter Legion, 
in Wien und Berlin stehen sie künstlerisch auf noch 
niedrigerer Stufe. Das Recht auf Cynismus im Gegen¬ 
satz zu der sich gern breit machenden Tugendheuchelei 
soll der Karikatur nicht bestritten werden. Aber Fuchs 
geht zu weit, wenn er sagt: „Jedes stärkere Hervor¬ 
treten des Cynismus ist in gewissem Sinne ein Zeugnis 
der Gesundung.“ Und auch sein Schlußwort ist nicht 
richtig: „Mit ihren stärksten Taten, mit ihren herr¬ 
lichsten Namen stand die Karikatur stets auf der Seite 
des Schönen und Guten.“ Sein eigenes Buch wider¬ 
legt das. Gegner des unglücklichen Dreyfuß waren 
die glänzendsten Karikaturisten Frankreichs, z. B. 
Caran d'Ache. Über den politischen Standpunkt des 
Verfassers will ich nicht streiten; zuweilen verführt er 
ihn aber zu Ungerechtigkeiten. Er verurteilt die anti¬ 
semitischen Karikaturen, die anläßüch des Dreyfuß- 
prozesses entstanden, und erklärt Liliencron von „ba¬ 
nalsten Vorurteilen“ umfangen, weil dieser einmal ein 


Digitized by LjOOQle 







46 


Chronik. 


geharnischtes Wort gegen die Veralberung des deut¬ 
schen Offiziers in den Witzblättern sprach. Er sagt 
zur Charakterisierung des „Simplicissimus“, daß das 
Blatt immer bereit sei, „alles zu wagen und alles zu 
brüskieren“, und fügt hinzu: „Der Simplicissimus-Geist 
beherrscht heute den gesamten öffentlichen Geist 
Deutschlands . . Vergessen hat Fuchs den „Puck“ 
Constantin von Grimms mit seinen ausgezeichneten, 
nur vom Herausgeber gezeichneten Karikaturen, ferner 
das Berliner Witzblatt „Die Wahrheit“ und den in der 
Reaktionszeit begründeten „Kleinen Reaktionär“ — die 
beiden letztgenannten deshalb charakteristisch, weil sie 
meines Wissens die beiden einzigen politisch-satirischen 
Blätter sind, die auf konservativem Boden entstanden. 

Diesen Aussetzungen gegenüber muß aber betont 
werden, daß auch der zweite Band des Werks eine 
bewundernswerte Leistung großen Fleißes und um¬ 
fassender Stoffbeherrschung, ist. Und ebenso ist zu 
betonen, daß Fuchs in der Auswahl der Bilder sich 
nach keiner Richtung hin von seinen eigenen politischen 
Neigungen beeinflussen ließ. Er hat aus dem Un¬ 
geheuern Material, das er durchforscht hat, das poli¬ 
tisch Charakteristischste, künstlerisch Schönste und 
Amüsanteste ausgewählt, darunter Blätter von erlesener 
Seltenheit und hohem Werte. Der Prospekt nennt 
das Buch „eine Art Weltgeschichte in Epigrammen“. 
Das ist es in der Tat. Es ist ein Buch voll genialen 
Humors, voll sprudelnden Witzes, und dabei ein Kultur¬ 
dokument ersten Ranges. Der Verlag hat für eine 
glänzende Ausstattung gesorgt, die chemigraphische 
Kunstanstalt von Brend’amour, Simhardt & Co. in 
München namendich die farbigen Abbildungen aus- 



Abb. 4. Einband in kastanienbraunem Maroquin ecras6 
von P. Kersten. 


gezeichnet reproduziert, die Firma Hesse & Becker in 
Leipzig das Buch trefflich gedruckt. So sei es denn 
auf das wärmste empfohlen. —bl— 


Dührens neues Sade-Werk. 

Auch das neue Werk des Dr. Eugen Dühren über 
den Marquis de Sade (Berlin, Max Harrwitz) dürfte in 
gleichem Maße den Mediziner wie den Bibliophilen 
interessieren. Es basiert in der Hauptsache auf das 
von dem Verfasser entdeckte Manuskript de Sades 
„Les 120 Joum^es de Sodome“, das bereits in dem 
ersten Sade-Buche Dührens erwähnt wird und das der 
unter dem Namen Pisanus Fraxi bekannte englische 
Bibliophile in seinem Index librorum prohibitorum kurz 
beschreibt. Retif de la Bretonne, der den Autor der 
„Justine“ bei Gelegenheit nicht genug als Ungeheuer 
schildern kann und als Gegenstück zu dem genannten 
Roman eine „moralische“ Schmutzerei in die Welt 
setzte, spricht in seinem „Monsieur Nicolas“ von dem 
Manuskript einer „Theorie du Libertinage“ de Sades, 
das an Scheußlichkeit noch die „Justine“ übertreffen 
sollte. Nun heißt der Nebentitel der „120 Tage von 
Sodom“ „Ecole du Libertinage“, und man könnte wohl 
glauben, daß die beiden Werke identisch sind; dagegen 
sprechen aber Einzelheiten in dem Roman, besonder? 
einige Namen, die R&if anführt und die sich in den 
„120 Joumdes“ nicht finden. Dühren meint deshalb, es 
handle sich um zwei verschiedene Manuskripte resp. um 
zwei Bearbeitungen desselben Themas, eine Ansicht, 
die dadurch Unterstützung findet, daß Sade das 
Manuskript der „120 Joum^es“ in der Bastille zurück¬ 
lassen mußte, vergeblich reklamiert und die Arbeit 
deshalb später vielleicht noch einmal konzipiert 
hat. Ebenso leicht möglich ist es aber, daß Sade 
Teile des Manuskripts in der Bastille vorgelesen 
hat (Besuche waren ihm gestattet) und daß R£tif 
nur dem „Hörensagen“ nacherzählt hat. Er be¬ 
hauptet freilich, er hätte das Manuskript gelesen; 
aber Rötif war immer ein großer Lügner, aller¬ 
dings ein ebenso amüsanter als boshafter. 

Seis wie es sei: schon die Handschriftver¬ 
gleichung, mehr aber noch der Inhalt der „120 
Joum^es“, beweist untrüglich, daß de Sade der Ver¬ 
fasser ist. Das Manuskript kam aus der Bastille in 
die Hände des Marquis de Villeneuve, dessen Enkel 
es auf Veranlassung Dührens an einen deutschen 
Amateur verkaufte. Ein tüchtiger Romanist hat die 
Entzifferung der mikroskopisch kleinen, nur durch 
die Lupe lesbaren Handschrift besorgt, sodaß nun¬ 
mehr eine tadellose Kopie des ganzen Werks vor¬ 
liegt, das für den medizinischen Forscher insofern 
von höchstem Interesse ist, als es der erste, wenn 
auch in Romanform gekleidete Versuch einer syste¬ 
matischen Darstellung des Gesamtgebiets der so¬ 
genannten Psychopathia sexualis ist. Die eminente 
wissenschaftliche Bedeutung der Arbeit ist also un¬ 
verkennbar, und man kann deshalb dem Wunsche 
Dührens nach einer Drucklegung nur zustimmen; 


Digitized by u.ooQle 







Chronik. 


47 


freilich darf das Buch über den Kreis der ernsthaften 
Forschung nicht herauskommen. 

Dührens neues Sade-Buch, das dem bekannten 
medizinischen Historiker Professor Dr. Jul. Leop. Pagel 
in Berlin gewidmet ist, darf ebensowenig wie seine 
früheren Arbeiten mit den in letzter Zeit massenhaft 
auftauchenden pseudo-wissenschaftlichen Werken über 
die Perversionen des Geschlechtslebens verwechselt 
werden. Es ist kein Buch für sensationslüsterne Leser; 
aber auch der gebildete Laie wird es mit demselben 
Interesse lesen wie der Fachmann. Der erste Teil 
beschäftigt sich mit der Sittengeschichte Frankreichs 
im XVIII. Jahrhundert auf Grund mancherlei neu 
erschlossener archivalischer Quellen, vor allem der 
Herausgabe der erotischen Korrespondenz Mirabeaus 
und der umfangreichen Studien Gaston Capons zur 
Geschichte der Pariser Sittenpolizei und der petites 
maisons. Wo Dühren bei seiner Darstellung auf die 
alten Quellen zurückgreift, erscheint er mir zuweÜen 
allzu gläubig. Ganz gewiß spiegelt sich in der Lite¬ 
ratur der Zeit auch der Geist und Charakter der Epoche 
wieder. Aber man darf.nicht vergessen, daß gerade 
die Memoiren- und Chronikschreiber der Aufklärungs¬ 
zeit zum guten Teil ganz gewissenlose Klatschbrüder 
waren, denen es ein besonderes Vergnügen machte, 
den lieben Nächsten mit Schmutz zu bewerfen. Die 
ganze Skandalliteratur vor und während der Revolution 
ist wirklich nicht höher einzuschätzen als die „authen¬ 
tischen Darstellungen“ über die Hof- und Gesellschafts¬ 
skandale der Gegenwart, die in Zürich und Basel zu 
erscheinen pflegen. 

Die zweite Abteilung des Buchs bringt zunächst 
neue Beiträge zur Biographie des Marquis de Sade, 
die um so wertvoller sind, als die Mitteilungen von 
Nodier, Janin, Lacroix und Uzanne, den einzigen, die 
sich früher mit dem „divin marquis“ beschäftigt hatten, 
nur mit Vorsicht aufzunehmen waren. Ein Brief Vol¬ 
taires an den Abbd de Sade, den Oheim des Marquis, 
beweist, daß auch dieser wackere Seelsorger ein un¬ 
verbesserlicher galanthomme gewesen sein muß. Über 
Kindheit und Jugend des Marquis geben die auto¬ 
biographischen Einzelheiten im ersten Bande von 
„Aline et Valcour“ den besten Aufschluß. Merkwürdig 
ist die Preußenfreundlichkek des Marquis (der den 
letzten Teil des siebenjährigen Krieges mitmachte); 
Friedrich den Großen nennt er sogar einmal (Juliette, 
Band V) den „Heros von Europa“. Von den beiden, 
bisher unbekannten Briefen de Sades aus dem Jahre 
1767 ist nur der letzte, eine Art Selbstpersiflage, inter¬ 
essanter. Über die unglückliche Ehe de Sades und 
sein Verhältnis zu Fräulein de Rousset hat schon 
Ginisty Eingehenderes veröffentlicht, das Dühren noch 
zu ergänzen weiß. Außerordentlich geistreich und 
scharfsinnig ist das, was Dühren über Sade als Schrift¬ 
steller und Mensch sagt Daß der Marquis niemals 
geisteskrank im engeren Sinne gewesen ist, hat fest¬ 
gestellt werden können. In der Tat war er ein Mann 
von erstaunlicher Kenntnis auf allen Wissensgebieten, 
ein hochgebildeter Geist. Manches Rätselhafte in 
seinem Wesen bleibt ja noch zu lösen übrig. Es ist 
unverständlich, daß die „Nouvelle Justine“ dem philo¬ 


sophischen Roman „Aline et Valcour“ vorhergehen 
konnte; nun wissen wir, daß auch die furchtbaren „120 
Joum^es“ vor dieser Erzählung geschrieben worden 
sind, die ein so umfassendes Bild der Ideen und Be¬ 
strebungen seiner Zeit entwirft und die an Gedanken¬ 
reichtum hoch über den meisten belletristischen Er¬ 
zeugnissen jener Epoche steht. 

Dühren hat bei einem Pariser Bibliophilen noch 
eine ganze Anzahl handschriftlicher Fragmente und 
Entwürfe de Sades entdeckt; aber der mißtrauische 
Mann gewährte ihm nur einen flüchtigen Einblick in 
die Papiere. Dagegen teilt Dühren aus dem Besitze 
eines Marseiller Archivars mehrere Manuskripte Sades 
mit, u. a. den Entwurf zu einem Roman „Les Joum^es 
de Florbelle“, der sehr interessante Einblicke in die 
Schaffensart des Marquis gewährt 

Der letzte Abschnitt des Buchs beschäftigt sich 
mit den „120 Joumees“, dem grauenhaftesten Gemälde 
menschlicher Ausschweifung, das je entworfen worden 
ist. Es wurde im November 1785 in der Bastille voll¬ 
endet, im 45. Lebensjahre des Marquis, vier Jahre vor 
der Revolution, die demgemäß keinen Einfluß auf seine 
Theorien ausgeübt haben kann. Merkwürdig aber ist, 
daß dieses monströse Werk vor der „Justine“ und 
„Philosophie dans le Boudoir“ entstanden sein soll, da 
es gewissermaßen den schrecklichen Gipfelpunkt seines 
pornographischen Schaffens bildet. Es wird da noch 
manches aufzuklären sein. Sicher ist die „Philosophie“, 
die 1795 zuerst im Druck erschien, vor der „Justine“ 
geschrieben worden, denn schon in der Ausgabe von 
1792 wird sie in einer Anmerkung erwähnt. Möglicher¬ 
weise ist aber auch die „Justine et Juliette“ längst vor 



Abb. 5. Kunsteinband in b lauem genarbtem Kalbleder 
von P. Kersten. 


Digitized by LjOOQle 




Chronik. 


48 



Abb. 6. Einband in mausgrauem Maroquin ecrase 
von P. K ersten. 


den ,,120 Journdes“ im Manuskript fertig gewesen. 
1789 wurde Sade aus der Bastille entlassen, um bald 
wieder nach Charenton gebracht zu werden, wo er bis 
zum April 1790 blieb. In seiner freien Zeit bis 1801, 
wo Bonaparte ihn wegen des Pamphlets „Zolod“ von 
neuem verhaften ließ, dachte er an die Drucklegung 
seiner Werke. Das Manuskript der „120 Joumdes“ 
besaß er nicht mehr, so hat er vielleicht, um sich an¬ 
genehm einzufdhren, zur „Justine“ gegriffen, die er für 
die späteren Auflagen neu bearbeitete. 

Der auf Bütten gedruckten Luxusausgabe des 
Dührenschen Buchs sind zwei Handschriftproben de 
Sades beigegeben: eine aus einem wiedergefundenen 
Teil des verschollenen Manuskripts zu „Aline et Val¬ 
cour“ und eine aus den „120 Joumdes“, ferner ein Por¬ 
trät des Marquis „nach einer Lithographie von 1829“. 

4 - 


Verschiedenes. 


Unter dem Titel „Jacob Boehme und die Roman - 
tiker “ (I. und II. Teil: Jacob Boehmes Einfluß auf 
Tieck und Novalis) hat Edgar Ederheimer eine geist¬ 
volle Arbeit (C. Wintersche Universitätsbuchhandlung 
in Heidelberg. 8°, 128 Seiten) erscheinen lassen. Das 


hübsche Bändchen wird auch in weiteren Kreisen seine 
Leser finden, da es frei ist von den Schwächen sonstiger 
derartiger „Einflußarbeiten“. So betont Ederheimer bei 
dem Einfluß von Boehme auf Novalis mit vollem Fug, 
daß es sicher „ein großer Fehlschluß wäre, wenn man 
sagen wollte, daß alles dieses erst aus Boehme geschöpft 
sei“. Bei Novalis stand sein romantisches Ideal vom 
Triumph der Phantasie schon fest, als er seine eigene 
Art zu denken in Boehme wiederfand. Die sinnliche 
Naturbetrachtung hat eben beide zu so ähnlichen Zielen 
gebracht Novalis hatte sich diese Art wohl kaum erst 
nach Boehme gebildet, sondern sie ist parallel ent¬ 
standen aus dem Zwang der Zeit. 

Diese Art der Betrachtungsweise muß dem jungen 
Autor unser volles Lob spenden, der mit seiner Erst¬ 
lingsarbeit sich von der tüchtigsten Seite zeigt, der¬ 
artige Probleme mit Verständnis anzupacken. Hatte 
es doch Carl Busse für vergeblich erachtet, diese Be¬ 
ziehungen von Novalis zu Boehme aufzudecken. Daß 
Ederheimers Thema gerade jetzt aktuell ist, zeigt z. B. 
eine kürzlich in diesen Blättern (VII. Jahrg. S. 405) aus¬ 
gesprochene Bemerkung von H. Landsberg, wo er 
nachweist, daß in dem Baggesenschen Drama (Der 
vollendete Faust usw.), das sich u. a. gegen die Toll¬ 
heiten der romantischen Schule wendet, in dem Schuh¬ 
flicker Pilz Jacob Boehme zu erkennen ist. Die Mitglieder 
der Gesellschaft der Bibliophilen wird es interessieren, 
daß die Ederheimersche Studie gerade nach 100 Jahren 
einen Teil des Kommentars liefert zu der Satire „Aus¬ 
sichten der Literatur und Kunst unseres Zeitalters“, 
die den Mitgliedern in einem wohlgetreuen Neudruck 
erst kürzlich zugänglich gemacht worden ist. 

Doch es ist hier nicht der Ort, alles das weiter 
auszuspinnen. Ich möchte mich nur kurz zu folgendem 
Schlußurteil über die Ederheimersche Arbeit aus¬ 
sprechen: ihr Hauptverdienst sehe ich darin, daß der 
Verfasser an so vielen schlagenden Beispielen nach¬ 
gewiesen hat, daß die Romantiker und vor allem Novalis 
die sinnliche Art der Betrachtung der irdischen Dinge, 
um von hier aus zur Erkenntnis der überirdischen zu 
gelangen, von Jacob Boehme gelernt haben. Er er¬ 
blickte nämlich in allen Erscheinungen dieser Welt, 
und vor allem im Menschen, Gott und das ganze Uni¬ 
versum, und lehrte damit den Romantikern „durch das 
Einsteigen in das Irdische das Überirdische zu finden“ 
(S. 33). E. Ebstein. 


Ein großes Verdienst hat sich die Firma Otto 
Janke in Berlin durch die Herausgabe einer billigen 
Auswahl der Erzählungen Wilhelm Raabes erworben. 
Die vier Bände umfassen den größten Teil der kleineren 
Romane und Novellen Raabes (darunter „Keltische 
Knochen“, „Deutscher Mondschein“, „Meister Autor“ 
und „Wunnigel“) und kosten geschmackvoll gebunden 
nur 20 Mk. 


Nachdruck verboten . — Alle Rechte Vorbehalten. 

Für die Redaktion verantwortlich: Fedor von Zobeltitz in Berlin W. 15* 

Alle Sendungen redaktioneller Natur an dessen Adresse erbeten. 

Gednickt von W. Drugulin in Leipzig für Velhagen & Klasing in Bielefeld und Leipzig auf Papier der Neuen Papier-Manufaktur 

in StraAburg L E. 


Digitized by u.ooQie 



ZEITSCHRIFT 

FÜR 

BÜCHERFREUNDE 

Monatshefte für Bibliophilie und verwandte Interessen. 

Herausgegeben von Fedor von Zobeltitz. 

8. Jahrgang 1904/1905. - Heft 2 : Mai 1904. 


Gedruckte spanische Ablaßbriefe der Inkunabelzeit. 

Von 

Professor Dr. Konrad Haebler in Dresden. 

III. 


E ie Hoffnung, daß meine Aufsätze 

laßbriefe des XV. Jahrhunderts 

Heft 1 und 2, das Interesse an 
diesem Gegenstände beleben 
und dazu führen könnten, daß andere und neue 
Dokumente dieser Art ans Licht gezogen werden 
würden, hat sich überraschend schnell und 
glänzend erfüllt Ich bin in der angenehmen 
Lage, schon heute von nicht weniger als sieben 
neuen Ablaßbriefen Rechenschaft abzulegen, 
unter denen sich solche von ganz besonderem 
Wert und Interesse befinden. 

Die zahlreichste Gruppe unter den früher 
besprochenen Ablaßbriefen bildet diejenige der 
Cruzada-Bullett, von denen ich damals bereits 
acht verschiedene Ausfertigungen bekannt geben 
konnte. Trotzdem vermag ich auch zu dieser 
Gruppe neue Ergänzungen beizubringen, und 
zwar gerade solche, die sich auf die ältesten 
Bullen dieser Art beziehen. 

Nur gelegentlich sei erwähnt, daß ein wei¬ 
teres Exemplar der katalanischen Cruzada-Bulle 
des Juan Vazquez in Toledo inzwischen zum 
Vorschein gekommen ist. Sie ist auf Pergament 
gedruckt und ausgefertigt am 16. Februar i486 
flir den Abt Johannes Paleares. Das Exemplar 
Z. f. B. 1904/1905- 


befindet sich im Besitze der Firma Karl W. 
Hiersemann in Leipzig. 

Dagegen ist von Spanien aus eine bisher 
unbekannte Cruzada-Bulle kürzlich bekannt ge¬ 
macht worden. Sie ist gedruckt worden auf 
Grund derselben Bewilligung des Papstes Six¬ 
tus IV., die auch für die ältesten Toledaner 
Bullen die Grundlage abgegeben hat. In typo¬ 
graphischer Beziehung jedoch gehört sie zu 
derjenigen Gruppe, welche ich mit dem Namen 
des Antonio de Centenera in Verbindung ge¬ 
bracht hatte, eine Annahme, die ich nach neueren 
Untersuchungen etwas einschränken möchte. 

Die neue Bulle ist aufgefunden worden unter 
den Akten, welche von der alten Delegacion 
de hacienda (Staatssteuer-Verwaltung) in Valla¬ 
dolid an das Archivo Historico Nacional, die 
neubegründete zentrale Sammelstelle flir die aus 
den Verwaltungs - Archiven hervorgegangenen 
Aktenstücke, nach Madrid abgeliefert worden 
sind. Sie ist ein Pergamentblatt von gegen 
zi'/aXSoCentimeter Größe, nur auf der Vorder¬ 
seite bedruckt, dessen 55 Druckzeilen den Raum 
von \6 x j 2 X2i Centimetem bedecken. Der 
Text ist in drei Abteilungen angeordnet, deren 
erste, mit einem sehr einfachen Initial-A be¬ 
ginnend, über den Anlaß und den Umfang des 
Sündenerlasses orientiert. Dieser umfänglichste 


Digitized by kjOOQle 



Haebler, Gedruckte spanische Ablaßbriefe der Inkunabelzeit. 


So 


Abschnitt nimmt 36 Zeilen in Anspruch, die in 
sieben Unterabteilungen zerfallen, deren jede 
mit einer neuen Zeile beginnt. Die erste Ab¬ 
teilung wird durch die Anfangs-Initiale, jede 
folgende durch ein Rubrikzeichen der gewöhn¬ 
lichen halbmondförmigen Art markiert. Auf 
Zeile 34 finden sich die freigelassenen Stellen 
fiir den Namen dessen, der die Bulle erwirbt, 
und für den Betrag, den er gemäß seinem Stande 
fiir dieselbe zu entrichten gehabt hat. In Zeile 36 
ist eine weitere Lücke zur Ausfüllung des Tages¬ 
datums gelassen, und das Jahr ist im Druck 
nur annähernd mit mill 1 quatrocientos t ochenta 
t... bezeichnet, so daß die Bulle mit vervoll¬ 
ständigter Jahreszahl eine Reihe von Jahren 
hindurch Verwendung finden konnte. Es sind 
also vermutlich große Mengen davon auf einmal 
hergestellt worden. 

Der zweite Abschnitt trägt, mit großen 
Lettern gedruckt, die Überschrift: Forma de 
absolucion, abermals von einem Rubrikzeichen 
begleitet Der Text beginnt mit einer kleineren 
Initiale derselben einfachen Art, wie die am 
Kopfe der Bulle befindliche. Er zerfällt in drei 
wie oben markierte Unterabteilungen und um¬ 
faßt ohne die Unterschrift zehn Zeilen. 

Auf Zeile 48 ist abermals eine Überschrift 
zu finden, mit dem Rubrikzeichen beginnend, 
aber in der Texttype und nur mit Minuskeln 
gesetzt. Sie enthält die Anweisung, wie der 
Beichtiger die Absolutionsformel im Angesicht 
des Todes zu gestalten hat. Diese selbst um¬ 
faßt in zwei Unterabteilungen noch sieben Zeilen, 
deren letzte nur die zwei Worte „quier prelados“ 
aufweist. 

Die Bulle ist derjenigen textlich und typo¬ 
graphisch auf das nächste verwandt, die ich 
Jahrg. V, S. 63 col. 1 nach einer Ausfertigung 
vom 27. März 1484 beschrieben habe. Es ist 
aber nicht der gleiche Druck, denn die Zeilen¬ 
zahl und Form der Datierung sind abweichend, 
auch ist die neugefundene Bulle reicher ge¬ 
gliedert, indem sie drei statt zwei durch Zeilen¬ 
abstände und Sonderüberschriften kenntlich 
gemachte Abschnitte aufweist. 

Was der neuen Bulle aber ein besonderes 
Interesse verleiht, ist die Ausfertigung. Das 
Faksimile, welches mir zu Gebote steht — in 
der „Revista de archivos bibliotecas y museos," 
Epoca III, ano VI, nümero 8 y 9, agosto y 
setiembre 1902, pg. 162 — läßt nicht erkennen, 


ob sich Spuren eines Siegels an der Bulle ge¬ 
funden haben. Die Unterschrift xxx, fernando 
p’or, scheint handschriftlich hinzugesetzt, nicht im 
Druck faksimiliert zu sein. Ausgefullt aber ist 
die Bulle am 17. April 1483 für Don Fernando 
de Quniga, der seinem angesehenen Stande 
entsprechend einen Gulden (aragonischer Wäh¬ 
rung) zu entrichten gehabt hat. Der Text ist 
kastilianisch. 

Das Datum, 17. April 1483, ist insofern 
außerordentlich interessant, als es das älteste 
bis jetzt auf einem Cruzada-Ablaßbriefe ge¬ 
fundene vorstellt. Die Konzession der Cruzada 
für die spanischen Herrscher durch Sixtus IV. 
datiert selbst erst vom 8. März 1483. Daraus 
geht also hervor, daß die Formulare in weniger 
als sechs Wochen durch den Druck hergestellt 
worden sind. Wo und von wem die Bulle ge¬ 
druckt worden ist, ist nicht mit Sicherheit an¬ 
zugeben. Wenn ich früher den Druck dem 
Antonio de Centenera zuweisen zu müssen 
glaubte, so wage ich daran im Angesicht der 
aus der Datierung gezogenen Folgerungen nicht 
mehr festzuhalten. In dem verhältnismäßig 
abseits gelegenen Zamora sind die unmittelbar 
nach der päpstlichen Bewilligung angefertigten 
Formulare wohl kaum hergestellt worden. 
Zudem hat eine umfänglichere Vergleichung 
der Typen zu dem Resultate geführt, daß die¬ 
selben zwar nicht nur im allgemeinen Charakter, 
sondern vielfach auch in den einzelnen Formen 
mit den Typen Centeneras übereinstimmen, 
daß die Größe des Satzes aber nicht unerheb¬ 
lich von der Art und Weise abweicht, in 
welcher Centenera die Type verwendet hat. 
Ich möchte deshalb vorläufig nicht mehr be¬ 
haupten, als daß die Type dieses und der 
verwandten Ablaßbriefe zu der Gruppe gehört, 
welche von Antonio de Centenera in Zamora 
(Nr. 36), dem Juan de Bobadilla und Alvaro 
de Castro in Santiago de Compostela und in 
Huete (Nr. 41—43) und von dem unbekannten 
Drucker der Suma Bartolina (Nr. 165 meiner 
„Tipografia Iberica“) gebildet wird. Weitere 
Entdeckungen werden es vielleicht ermöglichen, 
die Zugehörigkeit der Bullen innerhalb dieser 
Gruppe genauer zu fixieren. 

Interessant ist auch die Angabe über den 
Betrag von einem Gulden, den D. Fernando 
de Zuniga zu zahlen gehabt hat. Die gleich¬ 
zeitige Toledaner Bulle hat den Betrag von 


Digitized by LjOOQle 



Haebler, Gedruckte spanische Ablaßbriefe der Inkunabel zeit. 


Si 


sechs reales im Drucksatz vorgeschrieben, und 
diesen Betrag haben sowohl D. Ramon Urgel, 
D. Brianda Bardaji, der Abt Juan Paleares als 
auch Ramon Pradel u. a. gezahlt Wir wissen 
nur, daß die Leute aus dem Volke bereits für 
zwei Realen des Ablasses teilhaftig werden 
konnten. Erst die neugefundene Bulle setzt 
uns davon in Kenntnis, daß die hohe Aristo¬ 
kratie noch einen höheren Betrag (i fl) für den¬ 
selben bezahlen mußte. Daß dies nicht etwa 
eine freiwillige Spende, sondern die Taxe war, 
geht daraus hervor, daß die Bulle ausdrücklich 
angibt, daß dies der Betrag sei, den er gemäß 
seinem Stande zu entrichten gehabt habe. 

Von den Gruppen, über die ich in meinen 
früheren Artikeln gehandelt habe, wird ferner 
auch diejenige, welche mit der Kathedrale von 
Oviedo zusammenhängt ( 1 . c. S. 2/3), durch 
eine neue Entdeckung bereichert. Erst durch 
neuere Zitate bin ich darauf aufmerksam ge¬ 
macht worden, daß ein Heiltumsbrief von Oviedo 
schon im Jahre 1892 auf der geschichtlichen 
Ausstellung zu Madrid zur Schau gestellt worden 
ist. Es ist mir leider nicht gelungen, genauere 


Auskunft darüber zu erlangen, in wessen Besitz 
sich dieses Dokument zur Zeit befindet oder 
wo dasselbe verwahrt wird, so daß ich mir 
von demselben keine Photographie habe ver¬ 
schaffen können. Vermutlich wird es mit 
dem von mir früher beschriebenen älteren 
Heiltumsbriefe von Oviedo eine nahe Verwandt¬ 
schaft gehabt haben. Völlig übereinstimmend 
mit diesem kann es aber unbedingt nicht 
gewesen sein, denn während die von mir be¬ 
schriebene Bulle eines Datums entbehrte, soll 
die andere in dem gedruckten Formular die 
Jahreszahl 1487 getragen und handschriftlich 
am 3. Dezember 1488 ausgefertigt worden sein. 

In der letzten Gruppe meiner früheren Artikel 
hatte ich eine Anzahl von Notizen vereinigt 
über Ablässe, die um das Jahr 1499 zum B au 
von verschiedenen Kirchen und Hospitälern 
verwilligt worden waren und zum Drucke von 
Ablaßbriefen Anlaß gegeben hatten. Ein neues 
Dokument dieser Art ist in der Bibliothek des 
Escorial aufgefunden worden. Der Güte des 
Pater Benigno Fernandez, der in der Zeitschrift 
„La Ciudad de Dios“ Bd. 57, S. 75 zuerst darüber 


* 


■MM 


:©tuuerfi0 rpi fideUb?:galute in ono/Rps piioi i cä&itulu ecctte 

catbcdralie päpiloncifr.Tlorii beim 9 qflfanctifliro 9 cm© nr&lejadcr öiuma pzouidücia pap* ieft 9 cupic© vt CÜ4J evt 
cfdta päpilonetifitin fui©edifiqe reparcf vifiutilv°.oiccä«cdrfu z ad ci 9 reparanoncs pozngennb 9 man 9 adiutme* 
Jutta ojdL-fifuorw a nob pfati© prioze z capitulo fiendä inpümo fiefto alliipföt© bcate lDane virgini© a punu© vcipta 
vi ck ad fedida© vefpa© ac nö vilifänb 9 f$ mitten!) 9 jCocdit pienarü mdulgmtia cü facultarc öcputadi pfefloze© qui p 
ircö otcö ätc.x totidc poft feftü iput abfoluat etu ui rcfaianfc. ÜLuornodolib©c fcdi aplice.? comutcut vota queeuq? qu® 
cuo: in öuta bulla ejxcpne etplli©. £ap:opt noe pdict 9 paoz ct capttulii aipictc© vt om© fix fidel» gaudcAf öca mdul 
* gena pknaru volrnn 9 z ozdinam 9 nemmeoiicr^antc.vf cpicfiq^ foluentquota lümc a nob taraeä vd ei yal ozcpy rc 
paratocadiegaudearrt?eno:cpzcfentiuexiplcnarutidulgcciactqzvoabeuoe mroo 

m ct- pic crogafti© öicta pccunie*quartatqvdei^ValozJ mentoöicta plcnarta tndulgctta 01 m pcc 
"coW? vcftro^'cft vobi© pcdTa er anima veftra refheuta ad qm© tnnocctie quo fcict an© raum© facramcnro bapnfroif 
3n oku© ra tdhmormi pfente© Uttera© pobt© conccdimu©ligillata© fub noftro figillo ad Ipoc (pcaalitcr Deputate. 

^ _ _ _ . . , ^ ... . 

fozmaabfolunom©. 

• XPifercreaf cui zjjbnc nr tp© te abfol^at ct ego aaae aplica beatozücp petri t pauli.mil?i in Ipac parte comifla z ti 

bi pcdTa ic aaHrob oi fenreoa cjccoicatoiemaioae vctoninoaeet ab otb 9 von© vltramanme aplop pän et pauli 
£.WiiacobiiqBiU.ct rcügionieöürajeatcrccptjtaboib 9 tm©pcaane.XöfdTie.cbtrmo.tobUuö.cnafcdiapliec 
gencraüt fiuc fpHKt rcfnati© üwoitiodoUbct z ab oibtie penircq© nbi imüctiö z ptcrmifliß./ä tc facto paroclpe m 
\il plan© indulgcai© rcmittCdo tibi pena© qua© palTur^era© i purgato;io.3n noie pam©et fttq ct fpüÜaiKtuÄmt* 

m 





Abb. 1. Ablaßdruck aus Pamplona. (Ofbzin des Amao Guillen de Brocar). O. J. 


Digitized by LjOOQle 




52 


llaehler, Gedruckte spanische Ablaßbriefe der Inkunabelzeit. 



d^oiior<c5[onniiionimpofiiinö0d;acjlono(iiliituiijrffiiiiomancmatnocui6 

U .11 t^porc r : omjuu« 1 ri/ilcofl* .?JlerjhJ<t muuij p^uiJcmj pjpj.n-2) JfuppluJ 

[ rwocm f t fcttnuur»itic*r punopüKrpm t »\r$mc<r«irctic Icjj.iflw i Brummi «*»k .11 «HK Mmto rt(?>Jurtü.^'nnc» ■; 

f. Jiaum ptnuru« t j jfelKitrttotddti.'nt;» jirwixc rio.a.i tmni«Ji*ro4- JülJfujnn.ii pcru»h(it'tuip:<dtv{«T < xiPuöfuu» Mi^cnuCatönui 
T dm Poic ri/guna ev WOontrfnro.dimoCiual /IWiudKn«vcrt Owxd 0 >co.imc'ud \ Cwiulii) rylhdcitft* itnur* (Inifl tu*: * pW 

« if»npo:<cn;?rHn&o0 2U iTtthi*confrjmc auiJciuOuu \ u;.mu« «u> jrx iiuo wrxdtja. j»»vo j!a tciurtKuroi ^ iätt<Tsxo?*iU w^coiftcn^ 
** pwrtmpoxad jjjdi<ndJö(.'firritonfrfp>rc^K».TnririMi»'>d^jp<lljmnufdf«ru^nw Jüt>4rir^fpu(jnh]cnitf jut «luoftpfi :>frjtr«»nö*ito 
U>«u*»m0ct1 an j di.id rOu Je* cwami tupndot «ManBöiwii^u» 1 AitfuU*<*1 Jnic<t^ grautbu# 1 aiormfeu*a i fcdi jpörtlucrrimiJti» u» 
tbuffcmiut c« 40 tUjfjf ^K K -Unfrociu'" fffrnjtrv t 'neu»qi»ftfii 5 orui»hKTupodim amtiere jpfbtaJnt.rtf* p{rurijmm<lul*tnrijrn :rcmfltortQin 
va> mcit*»t»ta&Qutiixoina&ft £*prc.awfut*Tpcri><)pu>6^fv':!i rfnuouHn^ftMpwfafTWtoi^jrTTtuu» «xum aiiqtiorcmp.vi nun Jiai a*miiuivtö 
.nu« poitnoctrdhf C 0 ltim((xp l M 4 <rÜritrc 4 if«pontpafuncrttit aln^rNrtuntfjn^tiaconAirT!« oxlduftuf njdiftpuliurf liptrc j<u.tfc potfntvicJroJmo 
doitufim non ocdotwimrduK) ncr td 00 «nnitprnt rpcoJlirn mrcrdKi Ipn- <u ja um ttnem# |ran juctoaf jw jpoftoto appioOau:t m papvTuf r.rimnn# ro 
fcur Xiuta<c«rvM TOodarJuir.flccnöcrvi ofJnuN^»mü'.xn,?u> conto Th4.ip,.rcmpow tuaduti juaowa«o-lnurjpoftapoirirujujirc ctumJo*f a 11 

•li jctckiia/r,. jrfcipcTf faMmntfjoum fjmrn > juft*njpnotJamt <rt?crdKto.Cc auu r»#rttttratalu mu-*-* 1 - .üfco.v >*c '*J*x 

um pjrtrmrniuaouah JufiUuiOV'Cnim ralo:c*n imrTTjutu'non okii ociunu nortn jBicurvJn.n p:of jt>rua pxdfcti ÄSfctiiflcrft 1 ad fuNtoiürwocnt peft* 
Snu.Vum; paur<mnnOkfam 00 inumrtfrjtir'ii'Ti.llCiHMi ZK>.'*iU:%ru<n »».Vertu/jnim l^KfOrrrronim ©onaroaiflU ‘fkolinum inrodpnmcitAttcnooo> 
ntinofimutJiinuinl PkTr i.yuoftX<ilJftuitc^ui'ti0. |>:v>pt(rrfl.«Jgorrjrvf ^jirijoxOfrKToöootfritu'p:»: pxditn COonaJlcr 1 auaojturc jpoOolwa 
pubica natiiTj t\*in ton/rjrnmdLtr c^njtTvtcnoxp.tfrmmin rtopu 1 jdminormmcro 1 confcvttoabo.um contrarmm p:Mitrocu'n*£P'<& 4 ndtX 91 j rt om 
it^ufl *. rm^iUia indulgcntir« (U^aImtv otuOtw canfrocrctf >oc coiitrcnic gaudr f gauderr^ t ur poifunr.roi' gjudac r u ; fc4ut pomiia Icrvidctido co* 

cjdcm juaottfarcrj.-ukrrrm rtiflcndiro.itnOrcmrdonrum keuuum rclrca»: j. c n Ja» poj mod,> p;cd<croin t»c j *tfctu jt u uitc. cmevru» drrt»nlo picnj* 
njmrrmimopcmconccdjr.vMi«klirrr.Ju«io:>nrcrpco4litcridboi;i(iiNia4nnuirjjvi ^■urmdampjrrcmlP;i?Kmfjnenikrwdtmcy ?f«Ucotcn lpatNonqp 
|mrritnii (an«a adtnw unori iBcKJicrt.ravrccipi^intrarrtinrpcriakui p^dKn n>H r otdouof jo .1 pp jrnopem in durniUuj nuffia *Wtncn,#.Kiumj0.r in du 
4cnroiuuu (pofuini/ronofhoxiOdnjfTcTio lmoftunuuucpcrrof'im «o<Tnrm »WiiKm rtcndicMmpcrpcnjumiaminruj »J- .miKJcfcbirvsort miujum« 

mjlcmcorpucr^mf pfrnumpcdinciipCrrrlpaUdkpuMtcrrrtocciiltccHfCift rduidirc.rc 4 uotu 04 uduoco(ctc.Rrptcdi(ncdfrjrrr(ip 4 iifK(:iibacc<j>iturin« 

uUdoinio it?jnt 04 f»ffduppltmofiif) >n»r 4 fer OkononcKihc«nitt.<Ciuulcd<jnf«t(tjni 0 . 0 radii 0 .r<lcondinonM:iprofa<TO ftdpcnf tonen » ruurao jinairruiM 1 
cujfCvfkTiii WOoiijflcrfa 1 #.jpcilcCidKufhco(untfuppot« tnradicn .riunrum anmuim rdbrnomüm conadmjrc^Oi« p:rtcn#Pull« imr.vfli cumr. fiU ' 
tcücnBOon<d(nj»JBjt**nnooomuu.B&^ceJrtcrni»j Oie ft «icntu». T} 

tformäabroliirioniofnticnn uira. 

jflOttfacjrurtvu cnpa vriJ ‘ic.flbictdntatc »mtninjln gdiupt :txjfoaim pem j TPjuUjpoaNosnudWfjnCTiCmiofiinoftn pipc ^ojIuCTinBocuOi 
mdM rtimffr.tf fio K apfotua ab ^nm rinuito ’ ftnroin t n^ntimc jtiaiu# m Jianu cd minon« ftifpcnftomo r mmdted d lurcrd ab bonunc p.otanj i aoomtitb* 
atuacmtumi rpoucfiqitjtffotif aujuiooccaftoncranoiwrclcjutainniddhfcuiil JitntodJtuomihccnjmruanimabfotiinotufcd» aportokarrfcnijM ix 
Ibruo»cmwianhdclujm *.Ortet* <iajmcnnccccuflc.^r cadtn' auitcwjif nubicAntifj t;gof< abTo<uc»»boinnibiia tfinfiuiif pccuni aummbuo ccccfT.ö* 
tu*» mibtccitfcnio t o< 4uibu« Ubciucr coatu aal# fi tue memone oiairtcrcnrcnam ft ittocum abMuno fo:rt fedi jpoOcdcc rdcnutj.^n nomine pur no ifiu et 
fpcntuj f jnaujmcft. r 

fiirm ccro articulmomooicaf. 

Cadcmauffonrafr.^gofc jbrobiotbofnnit'u^rcaanoruto : jporcnbitupiiriarcMo^binop^pia ruipa« tolfenUiquaoeonfrj xtim cimtOlh rrrrftinjo 
re flli innoandc iuqua eao tjuaiHo baptivirua funti.^t cm» JO nee n.>n m Mten,» rrfhuo no. pCnurum uvluJ^mum in reo morn# ar oaUo flnidiSoTi^ 
1 occ/araro txipfi pk nana indulficvia lanrumodo rraeuf: m poiT«r ui m o:n# «iiculo 1 non aiua, ^ ÖUiW -i> n «aictoumcn 



sr 





Abb. 2 . Ablaüdruck des Montserratklosters von 1498. 


Nachricht gegeben hatte, verdanke ich eine 
Photographie der Bulle, die es mir ermöglicht, 
eine genauere Beschreibung davon zu geben. 

Der Ablaßbrief ist nicht umfänglich; der 
Text umfaßt nur 18 Zeilen, die eine Druck¬ 
fläche von 75x 155 Millimeter bedecken (Abb. i) 
Der Text ist lateinisch. Wie immer nimmt die 
Forma absolutionis einen eigenen Abschnitt — 
hier von fünf Zeilen — mit besonderer Über¬ 
schrift in Anspruch. Der Text beginnt mit 
einer in wesentlich größerer Type gesetzten 
Zeile, aber ohne Initiale oder Überschrift. Er 
besagt, daß Prior und Kapitel der Kathedral- 
kirche von Pamplona von Papst Alexander VI. 
die Ermächtigung erhalten haben, zum besten 
der baulichen Wiederherstellung und Unter¬ 
haltung der Kirche für deren Besucher und 
für alle, die zu den Baukosten ein Scherflein 
beitragen, einen besonderen Ablaß in dem 
üblichen Umfange zu erteilen. Es wird zwar von 
einer bestimmten Quote gesprochen, die für 


den Ablaß festgesetzt sei, allein deren Höhe 
wird nicht angegeben, weder in dem gedruckten 
Formulare, noch in der handschriftlichen Aus¬ 
fertigung. Die letztere ist auffallender Weise 
zweimal erfolgt. In der Lücke am Ende von 
Zeile 9 ist der Name Guilhelmus de Pradel ein¬ 
geschrieben, aber später wieder durchstrichen 
worden. Am Anfang der folgenden Zeile ist 
dann als wirklicher Inhaber Miguel de Vernet 
eingetragen. Unterschriften, handschriftlich oder 
faksimiliert, trägt die Bulle nicht; dagegen be¬ 
findet sich unter der Mitte des Textes ein 
siegelartiger Stempel, welcher zwei nicht näher 
zu bestimmende Figuren in einer Flammen¬ 
gloriole darstellt. 

Die Bulle entbehrt eines Datums; es ist 
demnach nicht über allen Zweifel erhaben, ob 
sie aus dem XV. Jahrhundert stammt. Da 
Alexander VI. 1503 verstorben ist und ein Zusatz, 
wie piae memoriae oder dergleichen, bei seinem 
Namen fehlt, so ist die Bulle zweifellos bei 


Digitized by LjOOQle 



Haebler, Gedruckte spanische Ablaßbriefe der Inkunabelzeit. 


53 


: gMo:ucl?oiie: oc och tot podcroe c Oda gUofavgi /llana marc fiia:p a grä vtilitancoo 


iioco c*<lf6 .mtinft'ftcfo fjdo cT«lh jfW.lHoftrtfanuifliin"«frarc Jutioperla Mumal p.-otiidcncia j fcgonrtfnmrpleno 

n.'ituj ocU arid»(Ama bo'piialw af q <nio «»cinflu K iwita 6fcoa 6< Bfroifrr * Jf o<l ouk o* ticr JtVtwr o<t tMbat 0 üutd< u «I» po6:<* prfcl» «»Itr t« qlft* 

I u«tptoiM*gal 0.1 irOdht pla cri o«ik\ioOC lfcOforucrW« b*«ckI mOcngra rdt« tAm •» afapplitsooPI larOolwüc ftonul&t» p urpodf'rtnJdoc Ugfa <x 
KU*«» PStage* ci>« ea*»*»*»lu«^neii>»f Pp» 1 ’« Mwtil»iaO»nwticfndC«<«it*kKiMplui# UfceapollolKi» PJ:*uw 4 i»ap;rtuiU MiartarrUC^r 
I tnemihf jniiftjn trMnll.ruidjf IniWfw idulfi«ii* 6 ritw* >tlW«f imumiafO alnou» uiwtftir? Xiaiu c iOtrjnetf aglb an^om. « <v?m 

I cvniapkStlJifu pjrc» i-Jurffe« ic'f p alff<« giiiuWpf«** aroigare:« aUnatneliH f>a nt uumft <X>ltxrdO* ql» (»tcl« <i'trt$U c«t»C4ixl0(o/(rk>>« fdd<cs( 
4 * om« «Cdfrat »• di 311 a.icoptigJ afcto^ccaWoißirrMrdUacnUnd* toUitWrotiocuct«ngtfBUfogp<rmo<i#arcu#iTnotmf*qu<ftcnernannt»aWotun« 
f M V^M « ajil« r« 4 L« rjmtJ tai apl .ca r <f. t uadair nepur» (oLinXr a*Jlto4 tonpKnguf*<nla PulU q ft atofTuma Irgir in ttoma cm jpcc* Otl ortou» licr.f £ 6 t« «Irr« 

j’Jf Vkl 11,0 iA , **»»iic« quarr» kta nur (Tan f £ Jl» rt* jr«.i tn levOadf r 41 i wir OcU meit IplaiiXr POtto» loa plt r>a> 14 rrtniffie » indulf rna ot »or« pctcji« rdfcfbr« a# 

\ii *'P«* totale* ottfutttnornj OulU-Crf fi pfcrur* ilgutcl«Oir««.'4tfar(»monr«(nrcp» öcmrtdif pqualfruolar tentjr ipofjrlö* tur« rofoti pu§an clTcr 
i ,ct(n * •«A»*«* UpuHur j «mar, aPla pdp» himr.il ?[at «UrcaicUmur» acoflüadf»«n ffp« 4 m> t» rrurrdu 4t. Jr <mpc: 4dl«no Mir Cer» ar taub 4iPf» 
Z??* ^ljrnncduoUncruitnjUpmmrji otcaacll«tptci4lmer »nm<Ji»a.(ft picMmocnloitr« occnttcdirpU jucronrarcidUru ipotaf:pupiotli Io«olT«!cxuiaUi 

== =r> - • -TMt«io«tan4mfr«falV.rtiii-^PnpirjWfU»a<ioT^u'hgf:4l«P««3<4t*ri»pugi4liorjrtf M«oir»|^jilce?C r o«>1»»>tei^Of cnfTtditpufljcffcr fomrar« 

«b t« pdpJ f foknna»«ccftiUda r o©n ic«oihci«Muinj»»<rfbtf io*»i 4 tr»m/»««ci;« 4 niiO««<af jqirnrrcdtiotclCmoaPiulapqualKuolcöll'nittoiinodjiPxMinoalPcZiragona ymbtlaa 
to»«U«pfon<*Tr«rt 4 »c«fl 4 lb 4 »oquatfcuol 4 l«»jmi<iJ&<ij<ijt»r^o®fl»ftr*pniruodf Md<jc*to^itrfl»«rUfirca 3 I* 4 »rJfrpap 4 H&ariu».otpwdotj n.rmorüquai pdtfruol alrr« 
fSapc«PancaioicjtaocnloldcucmioiP^adccB-abalbg(< 4 o.ir»>opjif POadacauUaicifumtdif.fC ima.uir f 4 P 4 ir>Cipii«*^p.i«yr 4 rr«artenturndaed«^» t!«mo:uniorf«ic* 
mi)T(« famfKwat himcicaPotini« 0 : 4 c< 4 «PiicipUcav Prorr» icoPok^oP.cii 4 » fjripptrual'nriraloou CD 4 dtir f l lu. «KttanTaf (ni»r«lo«in<knv 0 O<U 9 grc«JCto 6 Ucr 0 <iKr(l ÜlalU# 
tfolifMIooo.’dcorllfrtrPaiPf'fWU.U.frnurai'rcralo« c 4 fr 4 rc»(HiO«r 4 Ph 4 ru.rEpquitFO« V-M'* i\»l 4 luHcfaacrr; ci«»CKV»bTpot.c 4 f pegrto».-» 

0 <ld nt^«i«»A<rmtrji»:<Jp<U 4 ;xr*Ji«.Tc(<ffU«. 4 cnl«otim.>»Htr 4 nrf ‘Wfoitrrurarnliprtjf Of«ofjm?f bniruPonar?pay 4 iUX>orvn«pqri 6 vnotK 4 r oorolur cn raloMtur« U raxa 
ooptoaucrortrar 4 plU 4 pno«mcdcr 4 <l 4 . 1 f»cri 4 tno»lr«r( £VjfcUOc£itntre»[>U 4 f 4 0 <Ofu«tfMiocl 6 »iindJnr OmOftcrrjr.pUmjrruaaiKroiuafaprtuanMtooKtajbftno: Ocli^cnf 
rc# rrNraucpii vn 3 hjicciaOU 4 nt 4 pef 4 ri 44 ii.o.ro:«r ndt.c TP^Ki 4 l««lrrc«pfr«rr»uiri 404 ci atU(»o»pua«ii»lcor«rO('orc*lc»fr«ru« ocwvJrdirruuoc »oft* Icaal* 

tr<» 0 .1 »co Otr«phatr« oc pum e«n idfumidoi «n qlfcuot nurr« k»icgri 0 po>ü alugrar .(£ an marcu p U onndrdira auuontar«pftc« ooa a/«<b Mfcu r fMuttn 4 »^««duNc« regade« 
reimten 10 « lor<*p» txu rrartdaorqiuirciielparrdltaupugauclcgir 3 hirorTdoficofedfOror<li 0 o« 4 (iito«utM.onaüidil«ro»«»ldtoircnlor<rd 4 dcranul<MUaif^(oV«a 4 «>Bo«ao 
pUaititrmin.oridulstcaOfödrcrpcccirfl fr.* me»C muk urua. 9 - 4 .«OarrUra 0 <k*graoC 4 (^uH^«eaiiutiduc»M«oig 4 i(erZlar»Tmquariccnuorpd«a«MlOdcd^trc« 4 pLa(allta 
l«uo«li oir j rx rp.fjinaf Xfuran q-tahun anr U canraroalmomaaroiturrudx r • 

fifltc toto aqlle 4pfi 0 pcraltrapubhca 0 f«rcta oircta oindircctamä foto qlfaiol colo: ipcdirü qlo oito cö 

no vU Itter« ffHxtnunWiCqr»rdulaCnc«rgr«oc» 6*»lrdi(c«.(iclt:frc4^«Mnrrrd«)«in«noo(lillir4 64ICcuol aamfi qrjiiolKioqric^lo rnaw t4*(con<fufp<fK>« oiafciTlüra rt. 
gl(fi*«rvVfiir«ocap<lJ4f (orniti/cdaur f cfnrrftmxS Ölrjtro* t» oOada »apflr Palla«bipdlo M^»trcllacoUüar 4io«t aixltu &*la j *s' \ r OMOdmtf .. .» « OiSny. OS»^. 

fornia ocla abfolucio rna tegada ctila nda- 

fÄMert j f rul ortiport'« Of* U.'po «uoonui o« nit icyct k fti cnö r oc lor« W au» für au «fwCtcl* Uti per» y Ui pan.» Önf» mol( fJr par» ft «44 cavaml f^cctaimmi <om»f«.TO tt «Molct 
4«er pkU »irt<m Öndu j«o Midi r mtr .01 (ufpffio y tut** p Dome opürtf impotar .7 drohaka MtrnUlunt y pene» cn 4 pqlknot cau(a 0 raOoagt«kctrcgofxura4 U»bfoluctooc «qiir« 
6f*i«i»»4 »ca «Pti ta rctrriMO»^ r» »cfbcu« fco tla mo 61« »ach» r^.i » f aU c4«0 61« Mr» <«crt«ict» 4U r»Icfu. rf p 1.1 marnra atu rotu r v 0 re aMolcD 4 m* to« prccar« mm» r occfla» 4 «ra 4 nu 
M« zhlUt» f 0«40d 4 4 gr«» Jköaria» W Al« u rcco:da(Tr».ecar«4 I« «WelunoOclW (K rrdiuda ala (erd (ra apticaxnto« ca/o« cmivpp(o« cn ara Mulg&u.|n nok pn» t Hü, rrpdrTefLSnV. 

f o:ma Oda abfolucio odo cafoo referuato olo o:dtnarie tätcorcgadcocö fccöfdTarä. 

flP«#C»rMiOffiipo</«OC*ttP<f •uctonf«rocü((**Crd»K(tten4 TOirat>foUOf»toraU«rfjtiö«eoioUitartcmaiOirmffWufurpftOTeitfdirÖroff«ta)alntB<ffurc*cpcnc*fn4pqmK<» 
uolcauCa 0 rabe «ge» cnep.-r r ptu cruar j 4 la «bfolunooc «qlt« f» refuada alco^dioan« Ocl« kxc«:c rote uil.i u ikO aia epaonood« facto 
rAarvrakt pqrne.pacioOeUUf« lauam< '»0(U fgktux! an mjrcu re »tKoIct?6c tot« ro»pe(ej'Ä.irtm»e(re«lTc*4 »raami bu-sy.ifa/«» 

0<l« qiKi ptcftanai Ar reeordaitc^rK ara 4 U abfolucio oc 1411 « f« reCuada al» nr« oidui «.|n nolc pa<frrto 1 hlM 1 fpritTkn.anxn. 



ST£nIoürticle oda mo:t om (oconfdTo?. 

nur Pcnulrdtra vo re aMoleb 0« r0»• »d* pcceaf» 1 ilaroigu» : r rone p.enan« 


Pf» La «ucreuiaf bcnulrdtra »0 tt abfoleb0» tot« re« pce. ar », 1»jroigur: r r«nc pknar m raduJgdci« »rdpWa rrrra/Ta RipetcaM« riHcd 
UfTitt a'plk« cn 0 i»j mdulqceia. ifn noic pan 1» et hin T fpuflünm.rBmr. f <f b 0« aqlla nalairu r.o morra« r< ft« n/uada p ai»Moder «r. 
ntic oci« «ouaCracdfoccUraiqacocUaWoluciopUaaimfoUtoaipugarUrtnlo «ruck octo 1-*- 



Abb. 3. Ablaßdruck des Montserratklosters von 1500. 


seinen Lebzeiten gedruckt. Auffallend ist, daß 
die Typen, die zu dem Drucke gedient haben, 
anderweit nicht bekannt sind. Man muß doch 
zunächst annehmen, daß die Bulle in Pamplona 
gedruckt worden ist, wo von 1492 bis 1501 
Amao Guillen de Brocar eine ziemlich pro¬ 
duktive Druckerwerkstätte unterhalten hat. 
Allein aus derselben ist kein Druckerzeugnis 
hervorgegangen, in welchem auch nur eine 
der beiden Typen zur Verwendung gelangt 
wäre, die in dem Ablaßbriefe Vorkommen. 
Trotzdem möchte ich an der Annahme fest- 
halten, daß Brocar der Drucker gewesen ist, 
weil wir von ihm wissen, daß er wenigstens 
in späteren Zeiten sich vielfach mit dem Drucke 
von Ablaßbriefen befaßt hat. 

Diese mancherlei kleinen Funde, so interessant 
sie an sich sind, hätten mich aber kaum ver¬ 
anlaßt, meine Artikel über die spanischen Abla߬ 
briefe fortzusetzen, wenn ich nicht gleichzeitig 
über einen Fund von weit hervorragenderer 
Bedeutung Mitteilung machen könnte. Ich habe 
seinerzeit meine Verwunderung darüber aus¬ 


gesprochen, daß von den Ablaßbriefen des 
Montserrat, die in einer Anzahl von mehreren 
100,000 schon vor dem Jahre 1500 nachweislich 
gedruckt worden sind, noch nicht ein einziger 
wieder an das Tageslicht gekommen sei. Dieser 
Appell scheint nicht spurlos verklungen zu sein, 
denn ich kann heute über eine ganze Anzahl 
von Montserratdrucken Bericht erstatten, die 
alle mehr oder weniger den Charakter von 
Ablaßbriefen besitzen und ihrer Mehrzahl nach 
dem XV. Jahrhundert entstammen. 

Im Jahre 1897 machte ein italienischer 
Antiquar, wenn ich nicht irre, in Lucca, bekannt, 
daß er im Besitze eines Ablaßbriefes vom Mont¬ 
serrat aus dem Jahre 1524 sei, den er zu einem 
sehr mäßigen Preise anbot. Meine sofort ein¬ 
geleiteten Bemühungen führten aber leider in¬ 
sofern zu keinem Resultate, als mir auf meine 
Anfrage der Bescheid wurde, es seien zwei 
Exemplare dieses Briefes Herrn Rosenthal in 
München auf Wunsch zur Ansicht überschickt 
worden. Eins derselben sei von diesem erworben, 
das andere aber auf dem Rückwege, vermutlich 


Digitized by io .ooQle 




Haebler, Gedruckte spanische Ablaßbriefe der Inkunabelzeit. 


54 

bei der Zollabfertigung verschwunden. Die 
Bulle würde der zweiten Montserratdruckerei 
angehören, die, von Johann Rosenbach einge¬ 
richtet, von 1518—24 im Kloster tätig gewesen 
ist. Meines Wissens ist die Bulle aber noch 
nicht in den Handel gekommen. 

Dagegen haben mir zwei andere Ablaßbriefe 
des Montserratklosters Vorgelegen, die schon 
dem XV. Jahrhundert entstammen, denn der 
eine ist von 1498, der andere von 1500 datiert. 
Das Montserratkloster hat, wie früher erwähnt, 
seine ersten Ablaßbriefe in Barcelona durch 
einen maestre Miquel drucken lassen, der 
irrtümlicherweise wiederholt mit dem gegen 
1494 verstorbenen Barceloneser Drucker Peter 
Michaelis identifiziert worden ist. Aus den Kloster¬ 
rechnungen ist nur festzustellen, daß dieser 
Drucker um das Jahr 1498 die bescheidene 
Anzahl von 794 Stück fertig gestellt hat. Erst 
im Herbst jenes Jahres ist ein größerer Posten 
von 18000 Stück zur Ablieferung gelangt, als 
deren Drucker in den Klosterrechnungen ein 
maestre Juan estampador in Barcelona genannt 
wird. 

Man hat bis jetzt ganz allgemein ange¬ 
nommen, und auch ich bin dieser Ansicht ge¬ 
folgt, der maestre Juan könne kein anderer 
als Juan Luschner sein, da dieser bereits im 
Jahre 1499 von der Klosterverwaltung engagiert 
worden ist, mit seinen Arbeitern in das Kloster 
selbst überzusiedeln, um dort für dieses Abla߬ 
briefe und Bücher in erheblicher Anzahl her¬ 
zustellen. Die neu aufgefundene Bulle macht 
dagegen diese Auslegung außerordentlich un¬ 
wahrscheinlich, denn die Typen, mit denen 
sie hergestellt ist, sind nicht diejenigen, mit 
denen Hans Luschner im Jahre 1500 auf dem 
Montserrat seine Ablaßbriefe gedruckt hat, 
sondern sie stimmen, so weit der geringe 
Umfang des Druckwerkes eine Identifizierung 
ermöglicht, mit denen eines anderen Druckers 
überein, der um dieselbe Zeit in Barcelona 
tätig war und gleichfalls den Vornamen Juan 
führte: nämlich des Hans Rosenbach von 
Heidelberg, von dem wir ja wissen, daß er 
gleichfalls, wenn auch, so weit bisher bekannt 
war, erst im XVI. Jahrhundert Beziehungen zu 
dem Kloster auf dem Montserrat unterhalten hat. 

Der Ablaßbrief (Abb. 2) ist mit zwei Typen 
gedruckt, einer größeren, die nur für die Über¬ 
schriften Verwendung gefunden hat, und einer 


außerordentlich kleinen Texttype. Die größere 
Type, von der nur zwei Majuskeln (E und F) auf 
der Ablaßbulle Vorkommen, würde schwerlich 
bestimmt zu identifizieren sein. Sie stimmt in 
Größe und Form annähernd sowohl mit einer 
Auszeichnungstype des Hans Rosenbach, als 
mit derjenigen des Hans Luschner überein. 
Immerhin steht sie, mit ihren eleganteren For¬ 
men der Rosenbachschen Type näher als der 
gröberen Luschners. 

Dagegen ist die Texttype wohl für die 
Urheberschaft Rosenbachs entscheidend. Sie 
ist allerdings auf den ersten Blick der Type, 
welche Luschner im Jahre 1500 zur Herstellung 
des gleich zu erwähnenden spanischen Abla߬ 
briefes des Montserrat verwendet hat, so ähnlich, 
daß man an ihre Identität zu glauben veranlaßt 
wird. Ein sorgfältigeres Studium aber läßt er¬ 
kennen, daß die Type von 1498 nicht nur ein 
wenig kleiner ist als die von 1500— es messen 
je 20 Zeilen nach Proctorscher Messung bei 
der einen 64/5, bei der anderen 68 Millimeter, — 
sondern es zeigt sich auch, daß trotz der großen 
Ähnlichkeit einzelne Buchstaben in beiden Typen 
abweichend gestaltet sind. Diese Abweichungen 
von der Type Luschners sind aber ebensoviele 
Übereinstimmungen mit einer besonders kleinen 
Type des Hans Rosenbach, die dieser allerdings, 
so weit bisher bekannt, nicht zu ganzen Texten, 
sondern nur zu Marginalien, Diagrammen und 
Interlinear-Kommentaren verwendet hat. Sie 
ist nach einem 1498 in Tarragona hergestellten 
Drucke in No. 120 meiner „Tipografia Iberica“ 
abgebildet. 

Nach dem Gesagten kann also wohl kaum 
noch ein Zweifel daran bestehen, daß die 18000 
Ablaßbriefe des Jahres 1498 nicht von Juan 
Luschner, sondern von dem Meister Hans Rosen¬ 
bach herrühren, und daß wir es in der Vorlage 
mit einer dieser 18000 Bullen zu tun haben. 

Es ist ein halber Bogen Papier von großem 
Folioformat, auf dessen Vorderseite mit zweierlei 
Typen der Ablaßbrief in lateinischer Sprache 
abgedruckt ist Seine 38 Zeilen bedecken eine 
Druckfläche von 135 zu 218 Millimetern und 
sind in drei Abschnitte eingeteilt. Die beiden 
letzten, je mit einer Überschrift in größerer 
Type versehen, enthalten die Absolutionsformeln 
bei Lebzeiten und im Angesichte des Todes. 
Die eigentliche Bulle, der erste Abschnitt, hat, 
wie gewöhnlich, keine Überschrift, doch ist die 


Digitized by 


Google 



Haebler, Gedruckte spanische Ablaßbriefe der Inkunabelzeit 


SS 


erste Zeile gleichfalls in der größeren Type 
gesetzt, und ein Initial-A von 24x20 Millimetern, 
weiß auf schwarzem, von Blumenranken durch¬ 
zogenen Grunde, leitet den Text ein. Derselbe 
hat die Form eines Bruderschaftsbriefes, in 
welchem der Prior des Montserrat, D. Garcia 
de Cisneros, unter Bezugnahme auf die von 
Papst Alexander VI. erneuerten und erweiterten 
Vergünstigungen, denjenigen, welcher den 
sechsten Teil eines Dukaten (zirka 6 Realen) 
flir die guten Werke des Klosters und die 
Unterhaltung desselben erlegt, in die Kloster¬ 
bruderschaft aufnimmt und aller der gewährten 
Ablässe und sonstigen Vergünstigungen teil¬ 
haftig macht. In der 14. Zeile ist eine Lücke 
fiir den Namen dessen, der die Ablässe erwirbt. 
Das Datum ist in der letzten Zeile des ersten 
Abschnitts ausgedrückt: „Data anno domini 
M. cccc. lxxxxviii.... die.... mensis....,“ und es 
ist in dem mir vorliegenden Exemplare hand¬ 
schriftlich abgeändert und ergänzt für den 
15. November 1499. Auffallend ist, daß das 
Formular vor der Lücke für den Namen des 
Nehmers gedruckt das Wort „venerabilis“ auf¬ 
weist. Es gewinnt damit den Anschein, als sei 
es nur für Personen des geistlichen Standes be¬ 
stimmt gewesen. Handschriftlich eingetragen ist 
der Name des Bernardus deGilabem de Crudelles. 

Endlich verdient die Dokumentierung des 
Briefes noch ein Wort der Erwähnung. Da 
der Prior Garcia de Cisneros im Texte als 
Aussteller des Bruderschaftsbriefes ausdrücklich 
genannt wird, so sollte man erwarten, seine 
Unterschrift, handschriftlich oder gedruckt, 
unter dem Dokumente zu finden; beides ist 
jedoch nicht der Fall. Vielmehr findet sich 
dicht unter dem Text in der rechten Ecke 
gedruckt ein kreisrunder Stempel mit den 
Emblemen des Montserrat: die heilige Jungfrau 
hält das Jesuskind auf dem Schoße, das mit 
der Säge die Berge spaltet. Links unten trägt 
die Bulle außerdem ein Siegel, welches aber 
nicht mehr zu erkennen ist. 

Oberflächlich betrachtet sieht der Abla߬ 
brief vom Montserrat vom Jahre 1500 (Abb. 3) 
demjenigen von 1498 sehr ähnlich. Sein Text ist, 
wie erwähnt, in spanischer Sprache abgefaßt, 
ist jedoch eine fast wörtliche Übersetzung des 
lateinischen. Sobald man aber beide Bullen 
nebeneinander hält, zeigen sich eine ganze 
Menge typographischer Unterschiede. Zunächst 


ist die Anordnung eine wesentlich reicher ge¬ 
gliederte. Der erste Abschnitt, 26 Zeilen um¬ 
fassend, ist allerdings auch hier ohne Absätze 
und Überschriften gedruckt. Er ist jedoch zur 
besseren Übersichtlichkeit durch Rubrikzeichen 
in neun Unterabteilungen zerlegt. Dann aber 
ist der Schlußsatz des ersten Abschnittes, an 
welchen sich das Datum anschließt, als ein 
zweiter Abschnitt losgelöst und durch eine Zeile 
in der größten Type markiert, die mit einem 
entsprechend großen Rubrikzeichen beginnt 
In der gleichen Type sind noch drei weitere 
Abschnitte über die verschiedenen Formen der 
Absolution mit entsprechenden Überschriften 
versehen. Der ganze Text ist auf 43 Zeilen 
verteilt, die eine Druckfläche von 166x256 Milli¬ 
metern ausmachen. 

Trotz des geringen Umfangs sind zur Her¬ 
stellung des Ablaßbriefes drei verschiedene 
Typen zur Anwendung gelangt. Die erwähnte 
große Type hat zu der ersten Textzeile und 
zu den Überschriften der vier folgenden Ab¬ 
schnitte gedient. Von der eigentlichen Text¬ 
type ist schon oben die Rede gewesen. Eine 
dritte Type ist, um den Übergang von der 
großen zu der kleinen Texttype zu vermitteln, 
zum Satze der zweiten Zeile zur Anwendung 
gekommen. Die kleine Texttype ist bisher 
als eine Type Luschners gänzlich unbekannt 
gewesen. Dagegen sind zufälligerweise in den 
wenigen Zeilen, welche mit den beiden größeren 
Typen gesetzt sind, so viele charakteristische 
Schriftzeichen enthalten, daß wir dieselben mit 
ziemlicher Sicherheit als zwei Typen Luschners 
rekognoszieren können. Und zwar entsprechen 
sie den Typen, die ich als No. 1 und No. 3 
bezeichnet und auf den Abbildungen No. 147 
und No. 148 meiner „Tipografia Iberica“ zur 
Anschauung gebracht habe. 

Die Ausstattung des Ablaßbriefes ist auch 
sonst eine verhältnismäßig reiche. Das Initial-A, 
mit dem er beginnt, deckt den Raum von 
14 Zeilen und mißt annähernd 50x45 Millimeter. 
Es scheint einer Initialen-Serie anzugehören, 
die von Luschner und Preuß in dem Doctrinale 
des Alexander de Villadei vom Jahre 1498 
verwendet worden ist. Es zeigt allerdings 
bereits Spuren der Abnutzung, ist aber ursprüng¬ 
lich gut entworfen und gezeichnet gewesen. 

Am unteren Ende der Bulle ist an jeder 
Ecke ein Raum von sieben Zeilen ausgespart 


Digitized by 


Google 



Haebler, Gedruckte spanische Ablaßbriefe der Inkunabelzeit. 


56 



IK>onct:cgIc>uattbtutotpocIcroö:coria Cacrt 
tiflima Cgcmaiia.Soia mamfcrt 2 tots fade di 
dtaneqpotanatudar ffoco:rcrct almofna 0 
äimaferfind) quatrine eftimato cn la pjrtent 
gracia od noftrriana parc 3Julio fegon guan> 

__ franke fr guentö gi adesj. K^imcranunf 

er giaaa Tpcctal. vq.anrer. vq.quaranfaKß ot perdo. 
<T3 t « ,n P a ’k0fcftimtat0Crno(lrefoiro: ibefu cbnlt com 
eo a Tabcr Tfladal^afqua^ctitccortajXoforantöpcaf 
cana.vq.anf0.*c.vq.quarantrnC0Otpcfdo. 
per Ice fincb fcflra oda marc er er« com to a faber THanuiiat 
Cöccpcio^urificario Bnunciaoo flfccnnopcafcuna.vq. 
anp 0 (. v q.quaratucneocr pdo.C p Icooctaueo p cada Dia 
n <0 anpe e irc© quarantoirocrpcrdo. IT3fr«n er 

gradafpcdalicmr(:c pdonatotßloopcccate obtidat0 cn 
cöfcfiopcmicncicoDoaadcocno compüdcopfon parepfrf 
Cot. 5 tcm m <ö r widcpodona a tote rdigiO0O rdigiofa 4 bala mancat a Ico boico 

canoniquco 0 cn (00 officio Diumalo oonam oita quanriiatloo fia rcmc0:c pdonat. 
Cr^tomcocrgiacia cfpccial fi bamen algun cartcb cranimcocrfuncicocom coa faber ani 
mcoct parco 0 mareo auieo auico germana 0 germanco^ oonantlaoüa qitantitatp cada 
vna anuna.fg 0011a Itbcnaf quen pugucn pcndicfinoa fet crftuita. CfStCmceloofa 

pncipaiuacii fotcclcomiffcobcncficio cnunipoifapltncopcfp^omatmcobozcocanoni^o 
roiniatgcopiefaitillcoqucofan cfaranp fötal acreltiandaf. mcplofcnfozhübe 

rcconfirmäf Ico otftegracice oona catozgua.jnr.cuceer pdo.vUralcogfcooamiii oitco. 



Abb. 4. Ablaßdruck in katalanischer Sprache von ca. 152a 


worden, um für die Stempel Platz zu gewinnen. 
Vermutlich hat man bei diesen Ablaßbriefen, 
die in den Mauern des Klosters selbst her¬ 
gestellt wurden, die Gefahr einer mißbräuch¬ 
lichen Verwendung für weniger dringend er¬ 
achtet und sich deshalb das umständliche 
Verfahren erspart, jede einzelne Bulle mit 
einem Siegel zu versehen. Dagegen hat man 
diese mit einer zweifachen Stempelung aus¬ 
gestattet: der Stempel der rechten unteren 
Ecke ist, das beweist die bis auf die Defekte 
übereinstimmende Form, von demselben Holz¬ 
stocke hergestellt, der bereits für die Bulle 
von 1498 gedient hatte. Der Stempel der 
rechten Ecke ist neu. Auch er ist kreisrund 
und trägt, weiß auf schwarz, die Umschrift: 
„Sancte: Marie: de: Monte: Serrato.“ Im Mittel¬ 
felde erscheint wieder die Säge, welche die 
fast blattförmig angedeuteten Berge spaltet, in 
einem kleinen Wappenschilde. Über demselben 
ragt der Bischofsstab empor, und seitwärts 
hängen die Falten eines Tuches oder Bandes 
herunter. 


Die inhaltliche Übereinstimmung des spani¬ 
schen oder vielmehr katalanischen mit dem 
lateinischen Ablaßbriefe wurde schon erwähnt. 
Auch hier erscheint der Abt Garcia de Cisneros 
als derjenige, welcher zum Eintritt in die Bruder¬ 
schaft auffordert. Vor der für den Personen¬ 
namen bestimmten Lücke, welche sich in der 
19. Zeile befindet, fehlt aber das Wort Vene- 
rabilis oder ein dasselbe ersetzender Ausdruck, 
so daß diese Bulle also auch an weltliche Per¬ 
sonen vergeben werden konnte. Der Betrag, 
durch welchen die Teilhaftigkeit an den guten 
Werken erworben wurde, ist ebenfalls abweichend, 
nämlich auf den zwölften Teil eines Dukatens, 
etwa drei Realen, festgesetzt, so daß also dieses 
Dokument wohl auch für eine andere Bevöl¬ 
kerungsklasse bestimmt war als dasjenige von 
1498. Das gedruckte Datum, in der Form 
„Any. M. D.“ bildet die letzten Worte der 
29. Zeile und läßt für die Hinzufugung weiterer 
Einheiten keinen Platz. Handschriftlich aus¬ 
gefertigt ist die Bulle am 7. Januar und zwar 
auf den Namen des Bartholomeu Pages. 


Digitized by AjOoq Le 

















































Digitized by 


Google 





Haebler, Gedruckte spanische Ablaßbriefe der Inkunabelzeit 


57 


Im Anschluß möchte ich noch über zwei 
andere Einblattdrucke berichten, die sich auf 
das Montserratkloster beziehen, aber erst aus 
dem XVI. Jahrhundert stammen. Das eine ist 
eine Aufzählung der von Papst Julius II. ver¬ 
heißenen Sündenablässe, wohl aus dem Jahre 
1520 (Abb.4). Das Dokument ist in katalanischer 
Sprache abgefaßt und bildet ein Quartblatt 
von zirka 110x152 Millimetern, dessen Text 
auf 24 Zeilen verteilt ist Es ist insofern für 
die vorerwähnten alten Ablaßdrucke nicht ohne 
Interesse, als sich auf ihm das Initial-A wieder¬ 
holt, welches der Bulle von 1498 als Aus¬ 
zeichnung gedient hat Man kann wohl darin 
noch eine weitere Bekräftigung für meine An¬ 
nahme finden, daß Johann Rosenbach der 
Drucker dieses Dokumentes gewesen ist, denn 
daß derselbe um 1520 für das Montserratkloster 
gearbeitet hat, ist eine urkundlich feststehende 
Tatsache. 

Außer dem Initial ist das Blatt noch mit 
einer Darstellung des Crucifixus geziert, die, 
den Raum von 16 Zeilen einnehmend, einem 
Initial ähnlich in die rechte obere Ecke des 
Druckes eingeschoben ist Sie zeigt über dem 
Kreuze Sonne und Mond, zu Füßen desselben 
links zwei weibliche Gestalten, wohl die beiden 
Marien, rechts dagegen einen gewappneten 
Ritter, der mit der rechten Hand auf den Ge¬ 
kreuzigten deutet. Hinter ihm hält eine nur 
undeutlich erkennbare Gestalt eine bewimpelte 
Lanze. 

Ein weit größeres Interesse darf, besonders 
in künstlerischer Beziehung, das zweite Blatt 
in Anspruch nehmen, welches den Versuch 
macht, den gesamten Bergstock des Montserrat 
mit allen seinen heiligen Stätten zur Darstellung 
zu bringen (Abb. 5). 

Typographisch gehört dies Blatt nicht zu 
den bisher bekannten Montserrat-Gruppen; es 
ist vielmehr ein Erzeugnis des Gaspar de Avila, 
den wir von 1525—1529 in Toledo als Drucker 
nachweisen können. Und zwar erweist es 
sich als solches durch die unscheinbare kleine 
Druckermarke — die Buchstaben G und A 
verschlungen in gekröntem Schilde —-, welche 
in den oberen Rand des reichen figürlichen 
Rahmens eingezeichnet ist, der die eigent¬ 
liche Darstellung umgibt Darüber und darunter 
sind wenige Textzeilen angebracht, die auch 
dieses Dokument als einen Bruderschaftsbrief 
Z. f. B. 1904/1905. 


des Montserratklosters kennzeichnen, wie es 
die oben erwähnten Bullen gewesen waren. 
Doch fehlt hier der Eintrag für eine bestimmte 
Persönlichkeit, mit bestimmter Datierung und 
Angabe des beigesteuerten Betrages. Ebenso 
fehlen die Formeln für die Absolution. Dagegen 
trägt das Blatt die handschriftliche Unterschrift 
des Johannes del Podio und ist in der rechten 
unteren Ecke mit einem großen Siegel aus¬ 
gestattet, auf welchem die Jungfrau mit dem 
Jesuskinde zu erkennen ist 

Der aus Renaissance-Ornamenten und den 
Abbildungen von vier Heiligen zusammen¬ 
gesetzte Rahmen entspricht dem, was man auf 
gleichzeitigen Titelblättern spanischer Drucker 
zu finden gewohnt ist. Er könnte wohl un¬ 
verändert auch zu solchem Zwecke Verwendung 
gefunden haben. Dagegen ist die eigentliche 
Darstellung höchst originell. In der Ecke rechts 
unten sieht man das von dem Castillo del Gato 
(oder Torre del Moro) überragte Städtchen 
Collbatö, durch das die Straße zum Kloster 
führt, auf welcher, gehend und auf den Knien 
rutschend, zahlreiche Pilger den heiligen Stätten 
zustreben. Links sind die Höhlen sichtbar, die 
jetzt als Cuevas de salitre mit verschiedenen 
phantastischen Namen belegt, in der Darstellung 
aber als Kapellen oder Eremitagen gedacht 
sind, wie die Büßerfigur in der einen, die Engel 
an der Pforte der anderen erkennen lassen. 
Der Pilgerpfad ist durch eine Reihe von Ka¬ 
pellen in Stationen eingeteilt Der gewaltige 
Bau des Klosters ist ziemlich charakteristisch 
zur Anschauung gebracht. Links davon thront, 
von der Eremitage von S. Miguel überragt, 
eine ganz aus allen Verhältnissen heraustretende 
Gottesmutter mit dem Jesuskinde, in dessen 
Händen natürlich auch die Säge nicht fehlt, 
die es an die nächste Bergkuppe ansetzt. Ganz 
den natürlichen Verhältnissen entsprechend, er¬ 
heben sich über dem Kloster die kahlen Felsen¬ 
massen, einzelne Spitzen mit Kreuzen gekrönt, 
zum Zeichen, daß unter und zwischen ihnen 
Kapellen und Klausen gelegen sind, zu denen 
manchmal auch die Zugangspfade eingezeichnet 
sind. Trotz der Unnatürlichkeit vieler Propor¬ 
tionen sind doch die wirklichen Verhältnisse 
in der Darstellung mit Leichtigkeit zu erkennen. 
Obwohl keineswegs von hervorragender Künst¬ 
lerhand, ist die Zeichnung auch perspektivisch 
nicht ungeschickt erfaßt, und der Holzschnitt 

8 


Digitized by LjOOQle 



58 


Börckel, Der Buchdrucker und Sprachmcister Johann Friedrich Schiller. 


mit scharfen Konturen und tiefen Schatten 
hat das Bild charakteristisch wiedergegeben. 

Es ist dies bei weitem die interessanteste 
und künstlerischste Darstellung, welche das 
Montserratkloster auf den Holzschnitten jener 
Zeit gefunden hat. Wenig später scheint man 
sich nicht mehr die Mühe genommen zu haben, 
den Pilgern ein so getreues Bild des Heiligtums 
als Andenken einzuhändigen. Eine ganze Reihe 
späterer Darstellungen, die mir durch die Hände 
gegangen sind, zeigt lediglich die Jungfrau Maria 
mit dem Christuskinde und der Säge. Sie 
scheinen, je länger, je mehr, an künstlerischem 


Werte eingebüßt zu haben. Die jüngsten Dar¬ 
stellungen aus dem Ende des XVI. oder Anfang 
des XVII. Jahrhunderts sind recht rohe Er¬ 
zeugnisse einer durchaus unkünstlerischen Hand. 
Im Vergleich mit ihnen ist das Blatt aus der 
Werkstatt des Gaspar de Avila ein zierliches 
und liebenswürdiges Kabinettstück. 

Die sämtlichen besprochenen Montserrat¬ 
dokumente waren der Firma K. W. Hiersemann 
in Leipzig von einem spanischen Händler zum 
Kauf angeboten worden und sind vermutlich 
inzwischen in verschiedene Sammlungen und 
Museen verstreut worden. 


Der Buchdrucker und Sprachmeister Johann Friedrich Schiller. 

Nach archivalischen Quellen dargestellt 

Von 

Hofrat Alfred Börckel in Mainz. 


harlotte von Schiller, die Witwe des 
Dichters, schrieb im Jahre 1810 an 
Körner: „Es war ein gelehrter Vetter 
in der Familie, der in Mainz lange lebte. 
Dieser war immer das Vorbild, nach dem die 
Eltern den Sohn zu bilden wünschten. Er war 
Schillers Pate und die gute alte Mutter machte 
allerlei Spekulationen auf ihn .. “ Von diesem 
„Vorbilde“ des großen Nationaldichters, das 
er selbst gelegentlich „Onkel“ nannte und das 
in seiner Familie „der Vetter“ hieß, war seither 
nur weniges bekannt; erst Richard Weltlich 
brachte in seiner groß angelegten Schiller-Bio¬ 
graphie (Band i, Stuttgart 1899) auf Grund von 
Feststellungen des Stuttgarter Archivars Schlo߬ 
berger zuverlässige Nachrichten überden„Vetter“ 
und dessen Verwandtschaft mit seinem unsterb¬ 
lichen Patenkinde. Inzwischen gelang es mir, 
aus Akten im Mainzer Stadtarchiv wie im 
Großherzoglichen Haus- und Staatsarchiv zu 
Darmstadt auch die jahrelange Tätigkeit des 
Vetters und sein Schicksal, namentlich als 
Buchdrucker und Verleger in Gutenbergs Vater¬ 
stadt, näher zu beleuchten. Eine dritte Quelle 
endlich erschloß sich mir erst neuerdings in 
einem bereitwilligst für meinen Zweck zur Ver¬ 
fügung gestellten Aktenbündel aus dem Privat¬ 


besitze des Mainzer Domherrn und Kunst¬ 
gelehrten Prälaten Dr. F. Schneider, so daß ich 
nunmehr das folgende Lebensbild entwerfen 
konnte, das dem merkwürdigen Manne, der 
bis jetzt immer nur als Glücksjäger und Aben¬ 
teurer Erwähnung fand, hoffentlich auch nach 
anderer Seite hin gerecht wird. 

Johann Friedrich Schiller wurde am 18. Sep¬ 
tember 1737 zu Steinheim bei Marbach als 
Sohn des Bäckers Hans Georg Schiller geboren. 
Sein Großvater und der Großvater des Dichters 
waren Brüder, er selbst und letzterer also Nach- 
Geschwisterkinder oder, nach schwäbischer 
Bezeichnung, Vaters-Bruders-Enkel. Wie der 
junge Bäckerssohn in einer Eingabe an seinen 
Landesherm, den Herzog Karl von Württem¬ 
berg, hervorhebt, hatte er lange schon „einen 
unüberwindlichen Trieb zu den Studien“. Aber 
ohne Stipendium und elterliches Vermögen 
mußte er sich „nach tausend verdrüßlichen 
Umständen“ auf der Universität Halle seinen 
Unterhalt verdienen. 

Daß Schiller schon damals in Geldverlegen¬ 
heit war, zeigt ein Schuldschein vom 34. Januar 
1759, in dem er bekennt, zu seiner „ferneren 
Equipierung in Nürnberg“ von dem dortigen 
Bürger und Salzhändler Johann Mertel 30oGulden 



Digitized by kjOOQle 


@ t f<Di <# te 


ber 



e e = 91 e i f e n 


unb 


€ntt>ecftmgm int ©öb^ecr 

welch« 

<wf23efe$! @r. ©roifcrittannifdjcn SRojefWf 

unternommen, unb von 


fiommobort Spton 
gapitain SBallie 


gapitain Marteret 
unb gapitain gooef 


in ©olpfjm, t«t ©w«Uo», unb bem (Inbcaoour 

n«cf> einanber atrtgefubret worben finb* 

Mi Den Tagebüchern Der t>erfcf)icDen«n 55efel)^f)öber unb Den £anDfchrtftot 

3 off Pb Santo €fq. 

in bret) SSinben «erfaßt von 

Dr. Sobann ^atofe^wortb. 

SJlft bei Jjerrn SCerfaflfetö ©ent(mt(>«(tung auO bem (Sngliftyen ätoftyt 

von 

Sobaffn gritbrttb 0 <biUt r. 

Stfttt SSanb. 


«Wte «Ulm jö>6n ge|d<bneten unb fauber geflogenen Änpfem unb einer Wenge von 6et< tunö 
£anb>£I>artm, von gan) neu entbeeftm ober bieder febt tnangelijaft 
befannt geioefmeu Stabern/ erläutert. 

©lit SU n. < preu§. (£&urf. Q 3 tanbenb« unb <£^urf« aßergnäbigften g^tivilegtetu 


25 erlin, 

bei? % £aubc unb 3. £. e^cnet« 1774* 
getauft bey Sbrijtian ©iflionrnnb Spencr. 

Abb. x. Titelblatt der Übersetzung J. F. Schillers tos Hawkesworths „Geschichte der See-Reisen”. 


Zeitschrift für Bücherfreund* VIIL 


Zu Bürckeh Der Buchdrucker und Sßrachmeixter Johann Friedrich Schüler . 


Digitized by 


Google 





Digitized by 


Google 



Börckel, Der Buchdrucker und Sprachmeister Johann Friedrich Schiller. 


59 


entliehen zu haben. Seine Notlage, wie der 
Wunsch, heimzukehren und die von ihm er¬ 
sonnenen Entwürfe seinem „Souverain“ vorzu¬ 
legen, trieben ihn jetzt nach Hause. Dazu 
äußert sich des Dichters Vater, der Hauptmann 
Johann Kaspar Schiller: „Seit dem Jahre 1759 
wurde ich mit einem nahen Vetter, Johann 
Friedrich Schiller von Steinheim an der Murr, 
bekannt, welcher kurz zuvor von Halle zurück¬ 
gekommen, woselbst er seine Studien in der 
Philosophie, Geschichte und KameralWissenschaft 
getrieben.“ Aber auch mit Poesie war er be¬ 
schäftigt. In seinem Schreibheft aus damaliger 
Zeit ist eine Reihe von Dichtungen des jungen 
Studenten verzeichnet, darunter von Halle aus 
den Jahren 1756 und 1757 Stanzen und Dithy¬ 
ramben, außerdem neun zehnzeilige Strophen 
zum Andenken an den Rektor der Universität, 
Dr. Baumgarten, ferner aus Nürnberg, 1. Januar 
1759, eine 100 Zeilen lange „Hymne an Gott“ 
und aus Stuttgart, März 1760, ein Gedicht von 
acht Versen mit der Überschrift: „Nach einigen 
schweren Zufällen an Herrn Lieut(nant) und 
Adj(utant) Schiller“, dessen erster Vers lautet: 

„Ich schaut'ihm ins Gesicht, dem Könige der Schrecken 1 
Kann ein noch Sterblicher dich, Tod, der Welt entdecken 
Und schildern, wie dein Blick ihm in der Nähe schien? 
Der Pöbel bebt vor dir, allein der Weise sieget; 

Wenn unter deiner Faust sein Körper unterlieget; 
Strahlt Licht und Glücke rings um ihn.“ 

Den Marbacher Verwandten und namentlich 
dem späteren Hauptmann, der damals noch 
Leutnant war und einen starken Bildungsdrang 
besaß, imponierte der gelehrte Vetter gewaltig. 
„Durch seine Aufmunterung und Briefwechsel,“ 
bekennt ersterer, „bekam ich Lust, mich auch 
ein mehreres und soviel es ohne Anleitung und 
ohne Abbruch meiner Dienstpflicht geschehen 
konnte, auf die Literatur zu legen.“ Ausführ¬ 
licher noch schreibt des Dichters Schwester 
Christophine am 30. Juli 1815 von dem im Jahre 
vorher verstorbenen Vetter: 

„Der verstorbene Schiller war in seiner 
Jugend oft bei unseren Eltern, wurde von ihnen 
,der Vetter* geheißen; ich vermute, daß er 
ein Vater-Bruders-Sohn von meinem Vater 
war... Daß der verstorbene Schiller sich sollte 
für einen Oheim von uns ausgegeben haben, 
begreife ich nicht; es müßte denn eine kleine 
Eitelkeit von ihm gewesen sein. Er war, wie 
gesagt, oft bei meinen Eltern, hatte während 


seiner Studien lange den freien Tisch bei ihnen, 
die ihn seines guten Kopfes wegen achteten. 
Als der liebe Bruder geboren ward, trug er 
sich als Pate bei ihm an, mit der Zusagung, 
wenn er einst ein Glück machen würde, seinen 
Paten auch zu unterstützen, welches aber nie 
geschah, indem er immer nicht viel Glück in 
seinen Unternehmungen hatte. Da es im Vater¬ 
land ihm nirgends gelingen wollte, so ging er 
nach England, übersetzte dort ins Deutsche 
einige Werke. Nachher kam er wieder zurück 
und errichtete in Mainz eine englische Druckerei, 
aber immer wollte es nicht recht mit ihm fort...“ 
Wie schon mitgeteilt, war der Studiosus nach 
seiner Rückkunft von Halle beim Herzog vor¬ 
stellig geworden, wie es scheint, nicht ohne 
Erfolg, denn erhielt er auch nicht auf seinen 
Wunsch „irgend einen Charakter und Charge“, 
so wurde er doch vom Herzog in geheimen 
Geschäften verwendet, wozu er zwischen Sep¬ 
tember 1759 und März 1760 in Hessen und 
Holland umherreiste und sich auch wiederholt 
nach Stuttgart begab. Über diese Mission 
äußert er sich einem „Monsieur Weiblen, Can- 
didat en Theologie in Halle“ gegenüber sehr 
geheimnisvoll und wichtig, indem er am 2.März 
1760 an denselben schreibt: „Mein lieber Herr 
Weiblen, wenn ich Ihnen sage, daß ich seit 
dem September in Holland gewesen, daß ich 
in Affären an den Herzog nach Hessen, von 
diesem nach Stuttgart, von Stuttgart wieder 
nach Hessen, und vom Herzog zum zweiten 
Male nach Stuttgart geschickt worden, so sage 
ich Ihnen viel...“ Welchen Zweck diese Reisen 
hatten, ist nicht aufgeklärt, vermutlich galten 
sie dem Subsidienvertrag, d. h. dem Verkauf 
von württembergischen Landeskindem an fremde 
kriegführende Mächte. In „Kabale und Liebe“ 
ist dieser schmähliche Menschenschacher, bei 
dem auch der Vater des Dichters als Werbe¬ 
offizier mitwirken mußte, gebührend verurteilt— 
Während nun Johann Kaspar mit seinem an 
Frankreich verkauften Regiment im Feldlager 
stand und sich zur zweiten „hessischen Kam¬ 
pagne“ jäistete, kam daheim am 10. November 
1759 sein großer Sohn zur Welt. Die Taufe 
am nächsten Tage war „feierlich wie eine 
Hochzeit**, und neben dem Obersten Christoph 
Friedrich von der Gabelenz wurde unter den 
neun Taufzeugen als Pate Johann Friedrich 
Schiller, philosophiae studiosus, eingetragen. 


Digitized by LjOOQle 



Co 


Börckel, Der Buchdrucker und Sprachmeister Johann Friedrich Schiller. 



SBilfeelm SWcrffottf 

Ttetort bfr (Öoftrtgdo&rfcrif, ©ertff^rs brr UnitxrftfdC 
ju €tinburg, unb jtinlgL ©rofjbriranniföfn 
®ffcbicbt|d?rfibrrt 


3(n 6 t*m £nglifchcn ufofat 


3oM»« Sricltri^ <2c|jMler. 

/bibl 


®«l 9U*. .toifctl, unt* tWüril. ***(««. 


M ®<itpwnm (fitxn mit ZKci(f}> 1777, 


Abb. 2. Titel und Titelkupfer zur Übersetzung J. F, Schillers von Robertsons „Geschichte von Amerika**. 


Ob aber der Studiosus dem Taufakt persönlich 
beiwohnte, ist ungewiß, denn er war damals 
häufig unterwegs und schmiedete die sonder¬ 
barsten Pläne. Über diese Pläne gibt ein 
kleines Aktenbündel im Staatsarchiv zu Stutt¬ 
gart Aufschluß, das von des Herzogs eigener 
Hand denVermerk trägt: „Schillers Projekte“. 
Es besteht aus verschiedenen, teils französisch 
abgefaßten Entwürfen und Vorstellungen, die 
undatiert, aber sämtlich an den Herzog ge¬ 
richtet sind. In gewandter Ausdrucksweise 
und kluger Spekulation auf die Schwächen 
Serenissimi betont der Verfasser, daß er drei 
Jahre lang seinem Fürsten in Feindesland ge¬ 
dient und daher ein Recht auf Berücksichtigung 
habe, ferner erinnert er daran, daß ihm der 
Herzog bei einer Audienz versprochen habe, 
auf sein System „Reflexionen machen zu wollen, 
sobald die Zeiten wieder ruhiger geworden.“ 
Zu diesem „System“ gehörte u. a. der kühne 
Vorschlag, die „unnützen und entbehrlichen 


Glocken“ in Stadt und Land zu Kanonen für 
die Festungen umgießen zu lassen, das stehende 
Heer ohne besondere Steuerbelastung auf etwa 
SOOOoMann zu bringen und dieseZahl in 30jahren 
zu verfünffachen, wenn den Soldaten erlaubt 
würde, zu heiraten. Die verheirateten Soldaten 
könnten mit Nebenarbeit mehr als ihren Unter¬ 
halt verdienen und so wesentlich zum allge¬ 
meinen Wohlstände beitragen, meinte der junge 
Nationalökonom, und auch die Einkünfte des 
Herzogtums glaubt er in fünf Jahren um acht 
bis zehn Millionen erhöhen zu können. Dann 
erläutert er den „Entwurf einer neuen und 
besseren Einrichtung in Ansehung der Studien.“ 
Die Universität Tübingen soll zu einem allge¬ 
meinen Corpus academicum umgestaltet werden, 
das jedem Bildungsbedürfnisse Rechnung trägt, 
ein teutsches und ein lateinisches Gymnasium, 
eine Hochschule, eine teutsche Akademie, 
eine Academie des Beiles-Lettres, eine Aca- 
demie des Beaux-Arts, ein deutsches und ein 


Digitized by t^ooQie 




Börckel, Der Buchdrucker und Sprachmeister Johann Friedrich Schiller. 


61 


französisches Theater und eine große Waisen¬ 
anstalt umfaßt. Ja sogar eine „Unterrichtsanstalt 
für Frauenzimmer 4 * zur Ausbildung von „Schul¬ 
frauen 44 und zur standesgemäßen Erziehung 
höherer Töchter ist dabei vorgesehen. Schlie߬ 
lich stellt er noch die Möglichkeit in Aussicht, 
„ä £ldver le Duchd de Wirttemberg au rang 
des Royaumes les plus florissants et les plus 
illustres 44 , eine Hoffnung, die 50 Jahre später 
tatsächlich in Erfüllung gegangen ist 

Alle diese weitgehenden Pläne blieben zwar 
unausgeführt, sie müssen aber den unterneh¬ 
mungslustigen Herzog derart interessiert haben, 
daß er sich herbeiließ, ihrem Urheber näher 
zu treten. Dadurch freilich fühlte sich der kaum 
Zweiundzwanzigjährige äußerst geschmeichelt 
und überschätzte seinen Einfluß, wie eine andere 
Stelle seines Briefes an Weiblen zeigt Indem 
er letzterem noch 20 Taler Reisekosten beilegt, 
bestimmt er im Tone des Protektors: 

„Sie sollen mir als Vorleser und Sekretär 
dienen. Es versteht sich, daß ich die Briefe 
an den Herzog, an die Ministers und an Standes¬ 
personen selbst schreiben und solche nur durch 
Sie Werde copiren lassen; die übrigen Briefe 
werde ich Ihnen dictiren. Sobald ich wieder 
nach Hause kommen werde, sollen Sie versorgt 
sein, Sie mögen geistlich oder weltlich bleiben 
wollen. Das aber sage ich Ihnen zum Voraus, 
was ich von Ihnen verlange, muß ohne Widerrede, 
Untersuchung oder Verzögerung geschehen. 44 

Dann renommiert er weiter: 

„Verschwiegen müssen Sie sein können, 
wenn Sie sich der Ahndung des Herzogs, 
unsers liebsten Carls, und meiner Rache nicht 
aussetzen wollen. Es haben es angesehene 
Personen empfunden, daß man mich lieber 
zum Freund als zum Feinde haben muß... 44 

Der junge Prahler muß aber doch bei Hofe 
den Kürzeren gezogen haben, wenigstens ließ 
ihn der Herzog fallen, und er geriet immer tiefer 
in Schulden. So hatte noch im Jahre 1762 
der Löwenwirt Johann Kaspar Killmars in 
Amsterdam von ihm 321 Fl. 42 Kr. für Kost 
und Logis zu fordern, außerdem schuldete er 
noch die in Nürnberg ihm dargeliehenen 300 Fl. 
und sowohl dem Vater des Dichters wie der 
Familie Samuel Thamson in Plüdershausen eine 
größere Summe, zu deren Tilgung er 1762 eine 
„Assignation 44 über 300 Gulden auf den Hof- 
und Kanzleibuchdrucker Christoph Friedrich 


Cotta ausstellte. Cotta, für den er damals 
übersetzte, tilgte davon bis April 1769 die 
Hälfte und erbot sich zu weiteren Abzahlungen, 
wenn der Schuldner noch mehr Manuskript 
liefere. Mittlerweile hatte Schiller die Heimat 
verlassen und sich nach England begeben, 
suchte aber noch immer Fühlung mit dem 
Herzog zu behalten, denn in einem an letzteren 
gerichteten Billett, aus London vom 28. Januar 
1769 datiert,versichert er: „Keine Veränderungen 
der Zeiten, der Plätze, der Zufälle, der Aus¬ 
sichten, sollen mich jemals in eine Gleichgültig¬ 
keit gegen die Pflichten verleiten, wodurch ich 
meinem Vaterlande und dessen durchlauchtigstem 
Beherrscher verbunden bleibe. 44 Noch vor Ab¬ 
lauf des Jahres 1770 starben seine Eltern kurz 
nacheinander, und bei der Erbteilung — er 
besaß noch eine an den Färbermeister Boßhardt 
in Steinheim verheiratete Schwester — vertrat 
den Abwesenden als sein „sonders vertrauter 
Freund 44 der Vater des Dichters. Aus der 
Nachlassenschaft im Gesamtwerte von 4150 Fl. 



J/fvA r /vix/.i ist/ i 
. '/&<’ ’ /<P/S 1 




Abb. 3. Kurfürst Friedrich Karl von Mainz. 


Digitized by LjOOQle 












62 


Börckel, Der Buchdrucker und Sprachmeister Johann Friedrich Schiller. 


wurden ihm 2088 Gulden zugesprochen, sein 
Erbteil bestand aber vorwiegend aus Grund¬ 
besitz, den er zuerst nicht veräußern wollte 
und dessen Ausfolge später wegen einer For¬ 
derung gesperrt wurde. Schillers Gemüts¬ 
stimmung beim Verlust seiner Eltern und seine 
damalige Lage beleuchtet ein Brief aus London 
vom 22. November 1770, worin er an seine 
Schwester und seinen Schwager schreibt: 

„Mein Herz blutet über dem Gedanken, 
daß Ihr Beide noch die einzigen nächsten 
Blutsfreunde seid, die mir Gott in der Welt 
übrig gelassen hat. Seit so vielen Jahren, die 
ich in fernen Ländern unter Arbeit, Krankheit 
und Trübsalen aller Art kämpfe, habe ich 
niemals eine Thräne für mich selbst geweint. 
Den Verlust unserer beiden sei. Eltern auf 
einmal betraure ich nun in der Stille einsamer 
Mitternacht und habe nicht einmal Zeit, mich 
satt zu weinen. Denn diese schmerzliche 
Botschaft erhalte ich gerade zu einer Zeit, 
in der ich alle Kräfte meiner Seele anstrengen 
muß, um eine sehr schwere und die wichtigste 
Arbeit in meinem Leben baldmöglichst zu 
vollenden und sie S. M. dem König, der 
mich persönlich kennt und sie erwartet, 
vorzulegen.“ Daher sei es ihm unmöglich, 
führt er weiter aus, wenn auch nur kurz zur 
Erbschaftsteilung heimzukehren, doch habe er 
zwei redliche Freunde „Herrn Hauptmann 
Schiller und Herrn Friedrich Kaspar Trautwein“, 
bevollmächtigt, ihn bei der Masse zu vertreten. 
„Herrn Vetter Schiller wählte ich,“ bemerkt 
er wörtlich, „weil ich von ihm eine verständige 
und gewissenhaft umständliche Nachricht von 
Allem, was bei der Teilung vorfällt, erwarten 
muß.“ In London, wo Schiller anfangs in 
ArlingtonStreet, St. James, wohnte und sich 
als „Juris Licentiatus“ bezeichnete, war er eifrig 
mit Übersetzen beschäftigt, wodurch er mit 
den angesehensten Schriftstellern in Berührung 
kam. Gleichzeitig plante er damals schon die 
Errichtung einer eigenen Druckerei, und zwar 
in den Niederlanden, wie aus einem Aktenstück 
vom August 1775 hervorgeht, enthaltend „Artikel, 
welche die Regierung der Niederlande dem 
Friedrich Schiller bewilligt, um ihm die Er¬ 
richtung einer typographischen Anstalt zu er¬ 
leichtern.“ Von Deutschen sah ihn in London 
auch der Weltumsegler Reinhold Förster, 
gewann aber von seinem Landsmanne keinen 


günstigen Eindruck; er schildert ihn, nicht 
ohne Übertreibung und Parteilichkeit, in einem 
Schreiben vom 12. November 1776 an Boie 
wie folgt: 

„Ein gewisser schwülstiger Schwabe, ge¬ 
nannt Schiller, der den Hawkesworth verun- 
deutscht hat, übersetzet dies Werk (Robertsohns 
Geschichte von Amerika) für Reich und Weid¬ 
manns Erben, welche dem englischen Buch¬ 
händler 200 Pfund Sterling bezahlen, um nur 
die Bogen gleich zu bekommen, wie sie die 
Presse verlassen. Dieser gute Schiller ist zu¬ 
weilen etwas verrückt im Kopfe. Einer seiner 
Landsleute, ein Goldmacher, hat ihn zum Gold¬ 
machen und der Rosenkreuzbrudergesellschaft 
bekehrt, da arbeitet nun der Mensch im Kohlen¬ 
staube, und da er ohnedem nicht sehr reinlich 
ist, so wird er vollends ein Zynikus und, um 
recht fromm zu werden, welches das große 
Geheimnis erfordert, kasteiet er seinen Leib; 
dadurch ist nun seine Gestalt der des Don 
Quixote so ähnlich geworden, daß man ihn 
nicht unterscheiden kann. Er ist lang, mager, 
hat tief im Kopfe liegende Augen, die von 
einem verborgenen Feuer funkeln; er ist so 
bleich und zugleich so gelb, daß er aussieht 
wie eine Haut im Rauche. Er ist von sich 
und seinen Fähigkeiten eingenommen und glaubt, 
daß seine Vorrede zu dem Hawkesworthischen 
Werke das non plus ultra der Beredsamkeit 
und des menschlichen Verstandes sei. Ich bitte, 
lesen Sie dieselbe doch nur! Wehe unserem 
armen Vaterlande! Mit dieser elenden Brut 
von Übersetzern werden alle Werke der Aus¬ 
länder verhunzt in die Hände der Deutschen 
gegeben.“ 

Etwas Konkurrenzneid hat hier zweifellos 
das abfällige Urteil Försters beeinflußt; auch 
die Verleger — es waren die ersten Firmen 
Deutschlands — flir die Schiller übersetzte, 
teilten es nicht. Die angebliche „Verundeutsch- 
ung“ des Hawkesworth — es handelt sich hier 
um die von letzterem verfaßte, von Schiller für 
A. Haude und J. C. Spener in Berlin übersetzte, 
„Geschichte der See-Reisen und Entdeckungen 
im Süd-Meer, welche .. von Commodore Byron, 
Kapitän Carteret, Kapitän Wallis und Kapitän 
Cook nacheinander ausgeführt worden sind..“ 
— verdient sogar in Erwägung aller Um¬ 
stände, unter welchen sie zustande gekommen 
ist, Anerkennung (Abb. 1). Auf Seite 41 des 


Digitized by 


Google 



Börckel, Der Buchdrucker und Sprachmeister Johann Friedrich Schiller. 


63 


dreibändigen, mit vielen Kupfern und Karten 
geschmückten Prachtwerkes erklärt Schiller 
unterm 8. Februar 1774: 

„Die deutsche Übersetzung ist in einer ein¬ 
geschränkten Zeit unter mancherlei Schwierig¬ 
keiten, fern vom Orte des Druckes und der 
Gelegenheit, deutsche Freunde zu Rate zu 
ziehen, mit wenigen und mangelhaften Hilfs¬ 
mitteln in Ansehung der deutschen Sprache 
und insbesondere der Schiffarts-Wörter und 
Redensarten, nach einem vierjährigen, bestän¬ 
digen Aufenthalte in England, jedoch mit an¬ 
haltendem Fleiße und der möglichsten Auf¬ 
merksamkeit ausgearbeitet, sehr leserlich ge¬ 
schrieben und mehr als einmal durchgesehen 
worden/ 4 

Wo bleibt hier die von Förster behauptete 
Selbstüberhebung des Übersetzers? — Zwei 
Exemplare dieser „Entdeckungsreisen“ (das 
Exemplar stellte sich auf 15 Taler) schickte 
der Vetter an seine Verwandten nach Schwaben, 
und zwar bestimmte er eines davon ausdrücklich 
„für Herrn Hauptmann Schiller“. Die andere, 
von Förster erwähnte, Übersetzung Schillers, die 
„Geschichte von Amerika von Wilhelm Robert¬ 
son“ (Abb. 2), erschien 1777 in zwei starken 
Bänden bei Weidmanns Erben und Reich in 
Leipzig und wurde vom Übersetzer der Königin 
Charlotte von Großbritannien gewidmet. Um 
dieselbe Zeit übersetzte er Adam Smiths epoche¬ 
machende „Untersuchungen der Natur und 
Ursachen von Nationalreichtümem“ (1776/78 
in zwei Bänden ebenfalls bei Weidmanns Erben 
und Reich erschienen). Schiller bemerkte dazu, 
in richtiger Würdigung des Originals: es koste 
ihn keine Überwindung, elf bis zwölf mal ein 
so originelles Werk zu lesen, wie das des ver¬ 
ehrungswürdigen Verfassers, dessen persönliche 
Achtung und Freundschaft er unter die glück¬ 
lichsten Umstände seines Lebens zähle. Damals 
besuchte ihn auch der spätere Freund des 
Dichters, Christian Gottfried Körner, und schrieb 
davon am 26. Oktober 1779 an Gallisch: 

„Schiller, der Übersetzer des Hawkesworth, 
der sehr gefällig gegen mich ist, will mich mit 
Johnson , dem Verfasser des Lexikon, des 
Ramblerx bekannt machen. Seine Stube 
und Haushaltung hat das Eigentümliche eines 
alten Junggesellen, der die meiste Zeit zu Hause 
ist: elf Katzen, einen Hund, eine Haushälterin, 
die ihre Sachen zum Teil in seiner Stube hat.“ 


Die den Haushalt betreffende Briefstelle 
wurde neuerdings nicht auf den zur Zeit erst 
zweiundvierzigjährigen Schiller, sondern auf 
den bereits siebzigjährigen Johnson , einen 
Sonderling, bezogen, obgleich der Übersetzer, 
namentlich wenn er so verwittert aussah, wie 
ihn Förster schon drei Jahre vorher schilderte, 
unbedenklich „ein alter Junggeselle“ genannt 
werden konnte. 

Während des Jahres 1782 beschäftigten 
Schiller zwei große Pläne, von deren Gelingen 
er sich wohl einen unausbleiblichen Erfolg 
versprach, die aber beide nicht zur Ausführung 
kamen, so daß der oft Enttäuschte bald darauf 
England für immer verließ. Der eine Plan 
erinnert vielfach an Schillers frühere Projekte 
bezüglich Württembergs; er galt diesmal dem 
Wohle Englands, dessen leitendem Minister 
er am 2. Mai 1782 aus London, 73 Highstreet, 
Marylebone, eine diesbezügliche, in englischer 
Sprache abgefaßte Denkschrift unterbreitete. 
Schiller erklärt darin: durch eine sekrete Aus¬ 
wahl, Zusammensetzung und Anwendung ge¬ 
wisser physikalischer und mechanischer Kräfte 
könne er die britische Marine und die Finanzen 
des Landes derart heben, daß England in der 
Lage sei, einen ruhmvollen und dauernden 
Frieden zu diktieren und eine aufrichtige Ver¬ 
bindung mit Irland und Amerika einzugehen. 
Die Experimente dazu, welche in den nächsten 
Wochen stattfinden könnten, würden etwa 
200 Pfund Sterling kosten, ohne daß von 
dieser Summe ein Schilling durch seine Hand 
zu gehen brauche. Unbedingte Geheimhaltung 
sei die erste Bedingung des Erfolges, alle seine 
Maßnahmen seien dabei ehrlich und gesetzlich. 
Einige sorgfältig ausgewählte Personen von 
absoluter Integrität sollten eingeweiht werden 
und entscheiden. Der Nation würde die Aus¬ 
führung seines Systems keine außergewöhnlichen 
Kosten verursachen und die Auslage auf der 
einen durch den Vorteil auf der anderen Seite 
mehr als aufgewogen. Ein schließlicher Erfolg 
seines Planes, an dem er seit November 1759 
arbeite, sei zweifellos. Dieser Denkschrift war 
noch ein mehrere Seiten umfassendes Expose 
über die Schiffe und Kanonen der britischen 
Flotte beigegeben. 

Der andere Plan betraf Schillers bereits 
erwähntes Vorhaben, eine Druckerei mit Buch¬ 
handlung in den Niederlanden zu errichten, 


Digitized by LjOOQle 



6 4 


Börckel, Der Bucli<lrucker und Sprachmeister Johann Friedrich Schiller. 


THE 

O ECONOMY 

OF 

HUMAN LIFE. 


£«u6{)a!tung$fuitff 

b<& 

mcnfcf>Iid)fn £ef>tn&. 

Sftcu«, cecbeffcrt«, unö fel?r vermehrt« SJuJgabe. 



(Englifd) unb .Dcutfcfr. 

- . TTTTTZ? . - ... 

9 K a i u 3, 

in @$i(lerifd)em SOerfag« 
> 7 « 5 » 


Abb. 4. Titel zu J. F. Schillers „Haushaltungskunst'*. 

wozu er in einem Briefe vom 8. Juli 1782 aus 
London die Unterstützung des Engländers 
Thomas Bird, seines langjährigen Freundes, 
nachsucht Bird wisse, so schreibt Schiller, daß 
er beabsichtige, in Brüssel oder Antwerpen 
eine Druckerei mit Buchhandlung zu begründen. 
Dazu könne er selbst alles Manuskript liefern, 
was sonst einem gewöhnlichen Buchdrucker 
nahezu */ 5 der Ausgaben koste, auch würde 
ihm die zentrale Lage ermöglichen, die inter¬ 
essantesten Erscheinungen englischer, französi¬ 
scher und deutscher Originalwerke in seiner 
eigenen Übersetzung zu drucken. Die dortige 
Regierung habe ihm durch den Prinzen Stahrem- 
berg und den Grafen Belgiuioso Förderung 
zugesagt, weitere erwarte er vom Kaiser durch 
Empfehlung von dessen Schwester und Schwager. 


Ferner könne er durch einen Herrn Bentham 
und die eigenen Verwandten etwa 1000 bis 
1200 £ in Brüssel oder Antwerpen aufnehmen 
Mit dieser Summe vermöge er aber nur eine 
Presse aufzustellen, während es ihm gelingen 
würde mit weiteren 5 00 bis 1000 £ Kapital 
zwei oder drei Pressen in Betrieb zu nehmen, 
und dementsprechend mehr zu verdienen, weil 
die Betriebskosten für ein halbes Dutzend Pressen 
kaum größer seien, als für eine einzige. Später 
hoffe er sogar, durch die zentrale Lage be¬ 
günstigt, zwei bis drei Dutzend Pressen nötig 
zu haben. Bei einer Auflage von 800 Exem¬ 
plaren würde jede Presse täglich mindestens 
1200 Abzüge liefern und der vierte Teil der 
Auflage schon die Kosten decken. Trotz dieser 
so vorteilhaften Aussicht scheint Bird seine 
Unterstützung versagt zu haben, denn Schiller 
begab sich um Pfingsten 1783, nach vergeb¬ 
lichen Versuchen im Ausland festen Fuß zu 
fassen, in seine Heimat zurück. Der Stein- 
heimer Amtmann berichtete darüber am 
30. Juni 1786 dem Marbacher Stadtgericht: 

„Daß Herr Studiosus Schiller, von hier 
gebürtig, welcher sich 22 Jahre in London 
aufgehalten, schon anno 1783 um Pfingsten 
ins Land gekommen und seinen Aufenthalt 
mit einem mitgebrachten Frauenzimmer, die 
er seine Magd genennet, teils über l / 2 Jahr 
gehabt und endlich seinem Schwager .. auff 
seine sämtliche Güther den Kontrakt pro 2000 fl. 
abgeschlossen, der ihm auch in Zeit 14 Tagen 
den ganzen Kaufschilling baar anschaffen und 
vorschießen müssen, womit er dann, nachdem 
er sich seines Bürgerrechts allhier förmlich und 
schriftlich verziehen, außer Lands mit Sack 
und Pack abgereist, ohne den Orth seines 
künftigen Aufenthalts seinen Freunden zu ent¬ 
decken , welchen er vermuthlich bei seiner 
Abrayße noch selbsten nicht wußte.“ 

Um jene Zeit wollte der Dichter der „Räuber“, 
der nach seiner Flucht aus Stuttgart nicht nach 
Württemberg zurückzukehren wagte, mit seinem 
Paten Zusammentreffen. Er schrieb nämlich 
vor seiner Abreise von Bauerbach nach Mann¬ 
heim unterm 10. Juli 1783 an seinen nach¬ 
maligen Schwager Reinwald: 

„Ich gehe in längstens 12 Tagen von hier, 
um meinen Oncle aus London, der sich in 
Schwaben befindet, an der Grenze zu rencon- 
triren. Dieser Vetter hat den Robertsohn 


Digitized by 


Google 




Börckel, Der Buchdrucker und Sprachmeister Johann Friedrich Schiller. 


65 


übersetzt und ist durch mehrere Übersetzungen 
englischer Schriftsteller nicht unrühmlich be¬ 
kannt Vielleicht, daß er der Canal ist, durch 
den auch ich in England bekannt werde/ 1 

Und am 22. Juli (weil er furchtet, das erste 
Schreiben sei nicht an seine Adresse gelangt): 

„Ich berichtete Ihnen darin, daß ich auf 
4 oder 6 Wochen nach Frankfurt oder an die 
Würtembergische Gränze eine Reise mache, 
weil mein Vetter aus Engelland an gekommen 
und gegenwärtig in Schwaben ist, den ich aus 
Tausend Gründen nicht gern entwischen lassen 
möchte. Es ist der nämliche, der Robertsohn’s 
Amerikanische Geschichte in’s Teutsche über¬ 
setzt und noch durch mehrere Schriften — 
meist Verteutschungen der Englischen Reise¬ 
beschreibungen — seinen Namen bekannt ge¬ 
macht hat. Vielleicht, daß ich durch ihn das 
Bürgerrecht auf dem Theater zu Drurylane 
erhalte ...“ 

Darauf erwiderte Reinwald sehr zutreffend: 
„Daß Sie Ihren Onkel sprechen, freut mich, 
aber Engelland kann wenig zu Ihrem Haupt¬ 
endzweck beitragen — Ruhm kann Ihnen one- 
dem nicht feien ..“ 

Zu einer Begegnung kam es aber nicht; 
der „Vetter" blieb bis zu seinem Wegzug 
teils in Groß- und Klein-Bottwar, teils in Stein¬ 
heim bei seinem Schwager Boßhardt; bei seiner 
Vermögensregelung, berichtete weiter der Amt¬ 
mann, habe der Hauptmann Schiller auf der 
Solitüde als Sachwalter mitgewirkt, und als 
jetziger Wohnort Johann Friedrichs gelte Mainz, 
wo er sich „auf einer Buchdruckerei etabliert 
habe." 

Und so verhielt es sich auch. Bereits 
unterm 14. Februar 1784 hatte Schiller bei 
der Kurmainzer Regierung die erforderlichen 
Schritte getan. In dem betreffenden Gesuch 
sagt er u. a.: „Seit zwanzig Jahren habe ich 
für deutsche, seit zehn Jahren auch für englische 
Pressen gearbeitet, manche der größten engli¬ 
schen Schriftsteller und Verleger beehren mich 
mit ihrer Freundschaft. Von diesen kann ich 
die wichtigsten und neuesten Werke, ehe sie 


noch in London herauskommen, unter günsti¬ 
geren Bedingungen als irgend ein anderer 
auswärtiger Übersetzer oder Verleger bogen¬ 
weise aus den Londoner Pressen erhalten, um 
sie für meine Rechnung ins Deutsche zu über¬ 
setzen und ins Französische übersetzen zu lassen. 
So habe ich Hawkesworth, Adam Smith, 
William Robertson u. a. während meines zwanzig¬ 
jährigen Aufenthaltes zu London für Hamburger, 
Berliner und Leipziger Buchhändler ins Deutsche 
übersetzt. Ich wünsche nun zu Mainz eine Bücher- 
Verlagshandlung und Druckerei anzulegen, um 
die besten neuen Werke, die unter irgend einer 
von den drei großen Nationen, den Deutschen, 
den Franzosen und den Briten, erscheinen, 
teils in vollständigen und richtigen Über¬ 
setzungen, teils in bündigen Auszügen, den 
beiden anderen Nationen zierlich gedruckt und 
um billigen Preis mitzuteilen.“ 

In der Tat wurde durch Erlaß der kur¬ 
fürstlichen Landesregierung an das Vizedom¬ 
amt vom 21. April 1784 „dem Johann Friedrich 
Schiller aus Stuttgart“ die Errichtung einer 
Buchdruckerei und Buchhandlung in Mainz be¬ 
willigt. Ferner genehmigte der Kurfürst, daß 
Schiller dazu 4000 Gulden aus Mitteln der 
Universität gegen Zinsen und Kaution vor¬ 
zustrecken seien, wenn er der Bücherzensur 
sich unterwerfe. Schiller dürfe aber keine 
Quart- und Formatkalender und Nachrichten¬ 
blätter drucken, für welche die St. Rochus¬ 
druckerei privilegiert war, ebensowenig Gesang- 
und Gebetbücher, deutsche und lateinische 
Schulbücher, deren Druckprivileg die Alefsche 
Druckerei besaß, und auch nicht die Mainzer 
Zeitung, weil hierzu die Wailandtsche Offizin 
ein Vorrecht hatte, es sei denn, daß er sich 
mit einer dieser Druckereien assoziere oder sonst 
verständige. Außerdem sei Schiller auf zehn 
Jahre Befreiung von Kaufhausgebühren für 
alle aus- und eingehenden Bücher, und für die 
erste Zeit eine unentgeltliche Wohnung zu ge¬ 
währen, dagegen müsse er von seinen Druck¬ 
schriften je ein Freiexemplar an die Regierung 
und Universität abliefem. Diese Bedingungen 


w- 




Z. f. B. 1904/1905. 


Abb. 5. J. F. Schillers Handschrift. 


Digitized by LjOOQle 



66 


Börckel, Der Buchdrucker und Sprachmeister Johann Friedrich Schiller. 


befriedigten jedoch Schiller nicht Er ward 
nochmals vorstellig; darauf bekam er am 
25. Mai den Bescheid: der Kurfürst erlasse 
ihm die Stellung einer Kaution, aber das 
Darlehen von 4000 Fl. solle von einem Wechsler 
oder dem Universitätsrechner verwaltet und 
davon auf Schillers Anweisung der Preßmacher, 
Schriftgießer und Papiermacher bezahlt werden. 
Ferner solle Schiller sein ganzes Besitztum 
und die herzustellende Ware der Universität 
verpfänden. Als Wohnung wurden ihm ein 
kleinerer Saal in der „Karthause“, mit Neben¬ 
räumen und zwei Gewölbe im alten Exjesuiten¬ 
kollegium, für das erste Jahr gratis, für später 
gegen mäßige Miete überlassen. 

Diese Vergünstigungen erhielt Schiller jeden¬ 
falls nur infolge einer warmen Empfehlung 
durch seinen Landsmann und Gönner, den 
württembergischen Staatsminister Freiherrn von 
Kniestedt, an den früheren kurmainzischen 
Hofkanzler und damaligen Kurator der 
Mainzer Universität Freiherm von Bentzel- 
Sternau. Schiller dankt Ersterem dafür in 
einem längeren Schreiben aus Mainz unterm 
31. Mai 1784, worin er sagt, der Kurator habe 
nach Durchsicht des Empfehlungsbriefes ge¬ 
äußert: „So ein Zeugniß ist entscheidend, ich 
will sehen, was ich für Sie tun kann.“ Und 
er habe mehr getan, als Schiller erwartet hätte. 
Nun erwähnt er die für ihn äußerst vorteil¬ 
haften Bedingungen bei seiner Niederlassung 
in Mainz und bemerkt dazu: „Bald werde ich 
auch das Lehr-Amt der englischen Sprache 
und Literatur an der hiesigen Universität er¬ 
halten, das mir bei meinem Vorhaben der 
Ausgabe englischer Werke mit deutschen Über¬ 
setzungen schätzbar und vorteilhaft sein wird.“ 
Wie erwartet, erhielt Schiller vom Kurfürsten 
Friedrich Karl (Abb. 3), aus Aschaffenburg vom 
1. Oktober 1784 datiert, eine „Bestallungs-Note“ 
als englischer Sprachmeister bei der Kurfürst¬ 
lichen Universität Mainz mit einem jährlichen 
Gehalt von 200 Gulden. Ferner schreibt Schiller 
in obigem Briefe: „Allem Vermuten nach wird 
mir auch das Vermögen und Eigentum der 
Kur-Mainzer Zeitung cedirt werden, die ich 
sodann bald umschaffen wilL Wozu der Herr 
Kurator mir auch schon die Benutzung einer 
Menge handschriftlicher und gedruckter deut¬ 
scher und ausländischer Zeitungen und Journale 
von Seiten der hiesigen, aus fast 150 Standes¬ 


personen und Gelehrten unter des Herrn Ku¬ 
rators Direktion bestehenden Lesegesellschaft 
verheißen hat, eine sehr wesentliche und wichtige 
Hülfe.“ 

Nachdem Schiller noch eine Reihe hoher 
Beamter als Förderer seines Unternehmens 
genannt, schildert er seine neuen „Quartiere“, 
darunter namentlich die zur Universität gehörige, 
20 Minuten von der Stadt entfernte „Karthause“, 
ein aufgehobenes Kloster nahe bei dem kur¬ 
fürstlichen Sommerpalast „Favorite.“ Hier habe 
er die Errichtung einer Druckerei geplant und 
hier wolle er „die größten und edelsten Genies 
aus allen Zeiten und Völkern um sich her ver¬ 
sammeln und durch das Studium ihrer unsterb¬ 
lichen Werke einige gute Köpfe und Herzen 
zu brauchbaren Menschen und Gehülfen zu 
bilden versuchen.“ Von jedem der hier zu 
druckenden Werke habe er seinem großmütigen 
Gönner eines der ersten Exemplare zugedacht 
und ihm jetzt schon seine, noch mühsam auf¬ 
getriebene Übersetzung von D. Moores „Abriß 
des gesellschaftlichen Lebens und der Sitten 
in Frankreich, der Schweiz und Deutschland“ 
(2 Bände, Leipzig bei Weidmann 1785) nach 
Stuttgart gesandt. Ganz zufriedengestellt war 
aber Schiller auch jetzt nicht; offenbar konnte 
er gegen die einheimischen Druckereien nicht 
aufkommen, er verlangte daher schon im fol¬ 
genden Jahre die Lieferung der Bücher für die 
Universität und den Titel eines Universitäts¬ 
buchhändlers, sowie einen Buchladen mit Ma¬ 
gazin im ehemaligen Jesuitenkollegium. 

Dieses Verlangen wurde aber abgelehnt, 
wenn auch der Gesuchsteller als Zweck seiner 
Buchdruckerei und Buchhandlung angab: es 
sollten „gegen deren Produkte die auswärts 
verlegten Bücher hinfort großen Teils einge¬ 
tauscht und dadurch jährlich beträchtliche 
Summen baren Geldes im Lande behalten 
werden.“ Wie wenig Verständnis trotzdem 
Schillers typographische Arbeit hier fand, lehrt 
eine kleine Schrift, die 1784 zu Frankfurt a. M. 
erschien unter dem Titel: „Briefe aus Mainz 
während der Restaurationsfeyerlichkeiten der 
Universität vom 15. bis 19. November 1784 ge¬ 
schrieben“. Es heißt darin: 

„Nach der Tafel besah ich die Karthause... 
und die Druckerei von Schillern... Den Plan, 
der bei der Druckerei ausgeführt werden soll, 
kann ich nicht errathen, es geht zur Zeit nur 


Digitized by ^ooQle 



Börckel, Der Buchdrucker und Sprachmeister Johann Friedrich Schiller. 


67 


eine einzige Presse und eben war ein längst 
vergessenes Pamphlet von Franklin im Druck, 
das englisch und deutsch nebeneinander ab¬ 
gedruckt wird. Zu welchem Ende? Kann ich 
nicht begreifen/* 

Das „Pamphlet** war die in Schillers „Haus¬ 
haltungskunst des menschlichen Lebens** (Abb.4) 
aus der „Weisheit des armen Richard** aufgenom¬ 
mene Abhandlung über „Die Kunst reich zu 
werden** von Benjamin Franklin, den der Über¬ 
setzer im Vorbericht als einen Mann bezeichnet, 
„dessen Name mehr als einem Weltteil und Zeit¬ 
alter ehrwürdig bleibt**. Ebenso hätte der unge¬ 
nannte Briefeschreiber, den „Plan**, den Schiller 
mit seiner Druckerei verfolgte, leicht aus dessen 
Verlagsrichtung erraten können. Letztere war 
eine vorwiegend pädagogische, denn Schiller 
suchte englische und französische Meisterwerke, 
namentlich aus dem Gebiete der National¬ 
ökonomie und Moralphilosophie, in der Ur¬ 
sprache oder von ihm übersetzt zu verbreiten. 
Dazu aber eignete sich vorzüglich die von ihm 
1785 neben dem englischen Originaltext in 
seiner Übersetzung gedruckte „Haushaltungs¬ 
kunst des menschlichen Lebens** mit ihrem 
Anhang lehrreicher Sentenzen und Essays. 
Schiller war damals als „Sprachmeister** bei 
der Universität angestellt worden und hatte 
das Werk ausdrücklich „für Anfänger in der 
englischen Sprache** veröffentlicht. Ein anderes 
Werk ähnlicher Art bildeten seine, gleichfalls 
aus dem Englischen übertragenen „Moralischen 
Versuche und Erzählungen** in zwei Bänden 
(1785 und 1787), die er am 12. März 1785 als 
„Erstlinge seiner Pressen** dem Mainzer Kur¬ 
fürsten Friedrich Karl von Erthal gewidmet 
hat, „der ihre Errichtung der großmütigsten 
Unterstützung und ihre ersten Arbeiten der 
unvergeßlichen Ehre seiner persönlichen An¬ 
wesenheit gewürdigt** Auch den Originaltext 
dieser, den hervorragendsten englischen Schrift¬ 
stellern entnommenen Essays ließ Schiller in 
seiner Offizin drucken, sowie ferner die zwei 
englischen Erzählungen: „Almoran and Harnet, 
An Oriental Tale by John Hawkesworth** und 
„The Prince of Abissinia. A Tale by D. Samuel 
Johnson**, letztere als „eine lehrreiche Erzählung** 
zugleich deutsch und in beiden Sprachen zu¬ 
sammen. Aus dem Französischen übersetzt, 
lieferte er dann noch eine „Auswahl kleiner 
Werke** von Buffon, Diderot, Marmontel und 


Montesquieu, und ließ außerdem im Jahre 1785 
seine Übersetzung „Früchte der Einsamkeit** 
von Wilhelm Penn bei Cotta in Tübingen 
erscheinen. Im folgenden Jahre, 1786, druckte 
er mit englischem Texte: „Julia de Roubignd“, 
eine Erzählung in Briefen; Fergusons „Institutes 
of Moral Philosophy**; Alexander Popes „An 
Essay on Man** und, auch in deutscher Über¬ 
setzung, „An Anthology, or a choice Collec¬ 
tion of instructive fables, tales x**; endlich 
H. F. Kahreis „Schlüssel zur allerältesten Ge¬ 
schichte der Welt**. Während der zwei näch¬ 
sten Jahre verließen Schillers Presse: die poeti¬ 
schen Werke von Alexander Pope , Oliver 
Goldsmiths Erzählung „Der Vikar von Wake- 
field** und Lord Ansons „Weltreise**, sämtlich 
in englischer Sprache, dann, aus dem Französi¬ 
schen übersetzt, des Marquis von Vauvenargues 
„Einleitung zur Kenntnis des menschlichen 
Verstandes**. In einer begeisterungsvollen Vor¬ 
rede rühmt Schiller den auch von Voltaire 
gefeierten Marquis, „der so oft Stoff zu Bänden 
in ein paar Zeilen gießt, so redlich und warm 
von Herz zu Herzen spricht, unter so vielen 
und so schweren Leiden so früh, so standhaft, 
so herrlich vollendet.** Deutsche Drucke 1787/88 
waren: Wilhelm Dietlers „Gerechtigkeit gegen 
Thiere** und B . 5 . Naus „Beiträge zur Natur¬ 
geschichte des Mainzer Landes** (zwei Hefte) 
wie desselben Verfassers Abhandlung: „Über 
den heutigen Zustand der Fischerei in einigen 
Gegenden Deutschlands.** Das zuletzt gedruckte 
größere Werk Schillers bildeten 1789 die fran¬ 
zösisch-deutsch und französisch-englisch heraus¬ 
gekommenen „Dialogues** von Fenelon (43 Bogen 
stark), dann kam nur noch lateinisch die „Sy¬ 
nopsis methodica Quadrupedum .. Moguntiae 
1790**. 

Zum Vertrieb seiner Druckwerke unterhielt 
Schiller eine Geschäftsverbindung mit der 
Frankfurter Buchhandlung von Varrentrapp jun. 
und Wenner und setzte auch sonst alle Hebel 
in Bewegung, um durchzudringen. Aber es 
ging doch nur langsam mit dem Verkauf seiner 
„moralischen** Verlagsartikel; sie konnten sich 
nur allmählich einbürgem bei dem Zeitgeschmack, 
der ihnen Schlüpfrigkeiten vorzog, „recht artig 
geschriebene Sauereien**, wie sie der Kurfürst 
einmal mit Bezug auf Heinses „Ardinghello** 
nannte. Trotzdem wäre es Schiller vielleicht 
gelungen, sich über Wasser zu halten, hätte 


Digitized by 


Google 



68 


Börckel, Der Buchdrucker und Sprachmcister Johann Friedrich Schiller. 


ihm sein Hauptgläubiger, die Universitäts-Ver- 
waltung, mehr Entgegenkommen gezeigt Von 
da aus aber geschah, wie aus den betreffenden 
Akten hervorgeht, gerade das Gegenteil. Mit 
unerbittlicher Strenge beharrte der Kreditor 
auf seinem „Schein“ und verursachte oder be¬ 
schleunigte so Schillers geschäftlichen Ruin. 

Bereits im September 1787 hatte die Kameral- 
Deputation der Universität eine andere Kaution 
verlangt und schon vor der Ostermesse 1788 
Schillers Verlag in der Karthause sperren lassen. 
Ein 1789 von ihm der Deputation vorgeschlagener 
„irrecusabler Bürge und Selbstzähler“ wurde als 
nicht genehm verworfen und die Buchdruckerei 
blieb „arretirt“. Schiller übersandte darauf der 
Landesregierung am 7. Juni 1790 eine „unter¬ 
tänigste Vorstellung“, in der er ausführt, der 
Kläger dränge und bestehe schon seit länger 
als zwei Jahren nicht nur mit Androhen, son¬ 
dern mit wirklichem Anstrengen der „härtesten, 
schimpflichsten und verderblichsten Zwangs¬ 
mittel“ auf Bürgschaft oder Wiederbezahlung. 
Umsonst habe er sich erboten, die erst seit 
Sperrung seines Geschäftes aufgelaufenen und 
künftig fälligen Zinsen durch Anweisung auf 
seine Besoldung sicher zu stellen, ebenso wie 
die Abzahlung des Kapitals durch ein frei¬ 
williges Depot von Verlagsbüchem in mehr 
als dem dreifachen Werte zu garantieren, und 
nur dagegen verlangt: freien Gebrauch seines 
„Hauptnahrungs - Instruments“, der Druckerei 
und der Buchhandlung, zum Erwerb der Mittel 
fiir die Abzahlung der Schuld. Fünf Leipziger 
Messen seien ihm jetzt schon durch schwere 
Bedrückungen vereitelt, von 3600 Fl. Wert an 
ganz neuen Verlagsbüchern im Rabatpreise 
habe er noch kein Blatt auf die Messen bringen 
oder versenden können. „Nicht nur mein ganzer 
in der Karthause befindlicher Verlag, über 
15 bis 16000 Fl. im Rabatpreise-Wert,“ klagt 
Schiller, „sondern auch mein Hauptnahrungs- 
Instrument, die Druckerey, und nun endlich 
auch meine kleine Besoldung sogar sind mit 
Arrest belegt.“ 

So habe man ihn der Mittel beraubt, fort¬ 
arbeiten und bezahlen zu können, und gleich¬ 
zeitig seinen Privat- und Handelskredit unter¬ 
graben, und so wolle man, ohne Rücksicht auf 
seine Anerbietungen, für einen auf ganz andere 
Bedingungen und weit längere Tilgungsfrist 
bewilligten Vorschuß von gegen 5000 fl. den 


Wert von mehr als 20,000 fl. wegschleudern 
und ihn mit aller Gewalt „bankrut machen“. 
Seine Leiden durch das „eigenmächtige und 
unverantwortliche Verfahren des Kreditors kann 
keine menschliche Macht ihm mehr vergüten“, 
aber dem Kläger dürfe nicht gestattet sein, in 
eigener Sache „zugleich Partei, Zeuge, letzter 
Richter und Vollzieher seines eigenen Urteils 
zu sein“ gegenüber einem erweislich unschuldigen 
und rechtschaffenen Manne. 

Mittlerweile war an Schiller die Aufforderung 
ergangen, in aller Kürze die Karthause zu 
räumen. Der Kurfürst, auf dessen Schutz er 
rechnete, war im Begriff, zur Kaiserkrönung 
nach Frankfurt zu reisen. Schiller, in seiner 
verzweifelten Lage, wandte sich daher unterm 
2. Juli 1790 an den Geheimen Staatsrat v. Keller, 
als den zuständigen Referenten, und wie ein 
Notschrei klingt es, wenn er ihm schreibt: 

„Auf Herrn Hofkammerraths Molitor strengste 
Ankündigung soll ich mit meinem Eigenthum 
die Karthause in sehr wenig Tagen räumen. 
Von der K. U. Kameral-Deputation wird mir 
meine Besoldung noch vorenthalten. Ich habe 
nichts zur Bestreitung der Kosten des Auszie¬ 
hens — nichts zum Miethen eines Obdachs 
für mich und mein Eigenthum; nichts zum noth- 
dürftigsten Lebensunterhalt. Aller Kredit ist 
mir abgeschnitten und sogar mein Erwerb durch 
Lehrstunden muß bald aufhören, da ich meines 
elenden Aufzugs wegen bald nirgends mehr 
erscheinen oder wiederkommen darf. Kurz, ich 
bin aufs alleräußerste getrieben. Nächst Gott 
weiß ich keinen Retter als Se. Kurfürstliche 
Gnaden: die ich nun nothgedrungen inständigst 
bitte, noch vor höchstdero Abreise gnädigst und 
gemessenst zu befehlen, daß mir der Aufenthalt 
in der Karthause noch etwas länger gestattet, 
meine Besoldung ausbezahlt und der Arrest 
auf meiner Druckerei und ganzes Eigentum auf 
Bedingungen, die für mich erträglich und für die 
Universität sicher sind, aufgehoben werde.“ 

Darauf bewilligte der Kurfürst durch Reskript 
an Keller einen Aufschub der anbefohlenen 
Räumung. Da aber Keller kurz darauf in Frank¬ 
furt erkrankte und starb, erhielt die Universi¬ 
täts-Justiz keine offizielle Weisung und wollte 
nunmehr zur Versteigerung des gesperrten Be¬ 
sitzes schreiten. Schiller appellierte deshalb an 
das Hofgericht, das ihn jedoch abwies, und so 
sah er sich zu einer abermaligen Vorstellung 


Digitized by 


Google 



Börckel, Der Buchdrucker und Sprachmeister Johann Friedrich Schiller. 


69 


genötigt In einem am 30. Juni 1791 direkt an 
den Kurfürsten gerichteten Gesuche ruft er 
wiederholt den landesherrlichen Schutz an gegen 
„lange und unerträglich gewordene Bedrük- 
kungen“. Nachdem der Gesuchsteller in ein¬ 
dringlicher Weise die Situation beleuchtet hat, 
beschwert er sich namentlich über die vertrags¬ 
widrige Steigerung der Zinsen von 3 auf 4 Prz. 
für die ersten vier Jahre und über die verfrühte, 
ungesetzliche Arrestklage, und bricht dann in 
die Entrüstungsworte aus: „Welche Menschen¬ 
geduld könnte ein so himmelschreiendes Ver¬ 
fahren aushalten!.. Die Druckerei ist nun schon 
auf sechzehn Monate gesperrt! — Ohne den 
geringsten Nutzen für Kreditoren und zu meinem 
unermeßlichen Schaden muß mein Verlag unter 
offenbar rechtswidrigem Arreste veraltem und 
täglich an seinem Kaufwerte verlieren.“ 
Schließlich bittet er um Aufhebung des Arrestes 
auf Geschäft und Gehalt und um Bewilligung 
billiger Rückzahlungsfristen. Statt dessen er¬ 
hielt Schiller bald darauf von der Hofkammer 
den Befehl, die Karthause binnen einem Monat 
mit allen seinen Effekten zu räumen. 

Allein schon ungefähr 14 Tage nach dieser 
Ankündigung erschien plötzlich eines Morgens 
in aller Frühe der kurmainzer Feldwebel Be- 
aupr£ mit 4 Mann und teilte mit, daß eine An¬ 
zahl Rüstwagen nachfolgten, um Schillers sämt¬ 
liche Effekten in die Stadt zu fahren, wobei die 
Soldaten mitwirken sollten. Bald darauf kamen 
noch: der Kommissar und Referent in dieser 
Sache, Hofgerichtsrat Professor Wiese, der 
Syndikus Schlebusch und der Pedell Länger, 
die sogleich „alles Vorstellens und Protestierens 
ungeachtet“, ehe Schiller noch eine Abschrift des 
Inventars erhalten hatte, sein ganzes beschlag¬ 
nahmtes Eigentum (Verlag, Druckerei und Möbel) 
auf zwölf Rüstwagen packen und nach dem 
Altmünster-Kloster in Verwahrung bringen ließen. 
Von den Möbeln wurden ihm später, nach 
langem Bitten und Unterhandeln, die unent¬ 
behrlichsten käuflich überlassen, d. h. gegen 
Abzug des Taxwertes von der freigebliebenen 
Hälfte seiner Besoldung als Sprachlehrer. Im 
übrigen blieb die Beschlagnahme in ihrem ganzen 
Umfange bestehen, auch nachdem Mainz am 
21. Oktober 1792 in die Hände der Franzosen 
gefallen war. Schiller erhoffte aber von den 
neuen Machthabern eine gerechtere Justiz und 
richtete nun seine Beschwerden am 25.November 


an den Präsidenten der allgemeinen Admini¬ 
stration, Bürger Dorsch zu Mainz. Seiner „Bitte 
um provisorische Verstattung des freien Ge¬ 
brauchs seiner schon seit 1789 illegal arretirten 
Buchdruckerei pp.“ schickte er, unter Abschrift 
seiner früheren Gesuche, eine genaue Darlegung 
des Sachverhalts voraus. Der noch andauernde 
Arrest auf die Druckerei, bemerkte Schiller, sei 
erschlichen und ungesetzlich; nach Tit. XI $ 5 
der Mainzer Untergerichtsordnung dürfe ein 
Nahrungs-Instrument selbst bei rechtskräftigem 
Urteil nicht einmal in die Exekution gezogen, 
geschweige denn bei illiquiden Forderungen mit 
Arrest belegt werden. Durch den so grausamen 
Arrest der Druckerei sei er außerdem des 
Mittels beraubt, seine zwei wichtigsten Verlags¬ 
artikel, die „Moralischen Versuche“ und „Moral 
Tales“ zu vollenden, während die schon in 
Umlauf gebrachten zwei Dritteile derselben in 
einem Werte, der allein schon des Klägers ganze 
Forderung aufwiege, zum Defekt- und Makula¬ 
turpreise herabsänken. Alle Gründe, Vorstel¬ 
lungen und Bitten aber hätten ihm nur schwere 
Verfolgungen zugezogen, so daß ihm nur noch 
der äußerst dürftige und ungewisse Erwerb 
durch englische Lehrstunden geblieben sei. 
Und auch diesen habe man ihm zu schmälern 
und abzuschneiden versucht, bis er durch den 
Wegzug des Adels, durch die Kriegsunruhen 
und Universitätsferien von selber aufhörte. In 
Anbetracht seiner ganz hilflosen Lage habe er 
noch einmal die Kameral-Deputation gebeten, 
ihm bis zur letzten Entscheidung der Rechts¬ 
sache den provisorischen Gebrauch seiner 
Druckerei zu gestatten, und zwar gegen Hand¬ 
gelöbnis, daß keines Hellers Wert davon ver¬ 
äußert werden sollte. Darauf habe die Deputa¬ 
tion unter dem 7. November beschlossen, seinem 
Wunsche nur dann zu entsprechen, wenn er die 
verlangten Pressen, zwei Ballen Druckpapier und 
die gebrauchten Druckschriften, durch den Fak¬ 
tor im Armenhause (St Rochusdruckerei) ab¬ 
schätzen lasse und für den Abschätzungswert 
einen „tauglichen Caventen“ stelle. Einen 
solchen habe ihm aber die Deputation schon 
im Jahre 1789 ohne Grundangabe als ungeeignet 
verworfen, sodaß ihm also nur Taxierungkosten 
erwüchsen. Schließlich bittet Schiller noch, 
„der nun schon so lang und so unverantwortlich 
niedergeworfenen und aller ihrer ehemaligen 
beträchtlichen Kundschaft beraubten Druckerei 


Digitized by tjOOQle 



;o 


Börckel, Der Buchdrucker und Sprachmeister Johann Friedrich Schiller. 


durch gütige Empfehlung zu Arbeiten für die 
allgemeine Administration, das Militär und die 
Munizipalität, wiederum einigermaßen empor zu 
helfen.“ 

In dem am 17. Dezember 1792 abgehaltenen 
Termin erklärte der Universitäts-Syndikus Schle¬ 
busch: Kläger habe bei drei Instanzen Recht 
erhalten, während Schiller durch „unwahre Vor¬ 
gaben“ die Vollstreckung des Urteils aufzuhalten 
suche. Da die Universität aber Gefahr laufe, 
wenn nicht das ganze Darlehen, so doch viel¬ 
leicht mehr als die Hälfte zu verlieren, empfehle 
es sich, Schillers Gesuch abzulehnen. Und so 
geschah es; der Appell Schillers an die „biederen 
Franken“ blieb erfolglos und am 19. März 1794, 
ein Jahr nach ihrem Abzug, gab der kurfürst¬ 
liche Universitäts-Syndikus im „Mainzer Intel¬ 
ligenzblatt“ bekannt, daß vom 28. April ab im 
ehemaligen Altmünsterkloster der ganze Verlag 
des bei der kurfürstlichen Universität angestellten 
„Lehrers der englischen Sprache und Buch¬ 
druckers Schiller“ zur Versteigerung gelange. 
Es würden dabei öffentlich an den Meist¬ 
bietenden veräußert: zwei neue Buchdrucker¬ 
pressen mit den dazu gehörigen Lettern usw., 
sowie der Verlag, bestehend aus 27 Nummern 
von 16,252 Exemplaren auf Druckpapier und 
5021 Exemplaren auf Schreibpapier, einzeln oder 
zusammen. 

Hiermit fiel der Rest von Schillers Druckerei 
und Verlag in fremde Hände; der Ausgang 
seines Unternehmens aber fordert unwillkürlich 
zu einem naheliegenden Vergleich heraus, denn 
ähnlich wie dem Buchdrucker Schiller erging 
es, drei Jahrhunderte früher, in Mainz dem Er¬ 
finder der Buchdruckerkunst Auch Gutenberg 
wurde von seinem Gläubiger die Druckerei 
lahmgelegt, das verpfändete Material beschlag¬ 
nahmt und das dargeliehene Kapital mit ver¬ 
mehrten Zinsen auf einmal eingeklagt, und auch 
bei ihm entschieden die Richter nach dem Buch¬ 
staben des Gesetzes, und er verlor den Prozeß. — 
Von nun an verdiente Schiller seinen Lebensunter¬ 
halt ausschließlich als Sprachlehrer; als solcher 
findet er sich bis zum Untergang von Kurmainz 
in den Hof- und Staatskalendern von 1785 bis 
1797 bei der Universität unter den Sprach- und 
Exerzitienmeistem als „Lehrer der englischen 
Sprache“ verzeichnet. Als dann Mainz wieder 
seit 30. Dezember 1797 unter französische Herr¬ 
schaft gekommen war, annoncierte er (am 


31. Januar 1798), daß „Bürger Schiller lehrte die 
französische, deutsche und englische Sprache“ 
und ließ sich im „Guide de la ville de Mayence 
an IX“ als „Maitre de langue“ eintragen. 

Allerdings fiel es Schiller schwer, sich in 
sein Schicksal zu finden. In einem (undatierten) 
Schreiben an seinen früheren Bürgen, den 
Mainzer Großhändler Heinrich Mappes, fuhrt er 
noch einmal heftige Klage gegen die Universitäts¬ 
verwaltung, indem er sie rücksichtsloser Strenge, 
sowie des Rechtsbruches beschuldigt Er habe 
den Regierungsantritt des edlen Koadjutors von 
Dalberg erwartet, bemerkt er dazu, dem er auf 
Fürsprache eines Engländers durch den Herzog 
von Weimar empfohlen worden sei, Dalberg 
habe ihn hier persönlich kennen gelernt und sich 
„herzlich und warm“ für ihn interessiert und von 
der wahren Beschaffenheit seiner Leiden über¬ 
zeugt und ihn mit der Aussicht auf eine bessere 
Zukunft getröstet „Allein bald darauf,“ fährt 
er fort, „versanken seine und meine und vieler 
Anderer Erwartungen in dem Revolutionsstrudel“. 
Von dem Regierungsantritt Dalbergs aber hat 
bekanntlich auch des Buchdrucker Schillers 
Patenkind, der damals als Professor in Jena 
weilende Dichter Schiller, eine Besserung seiner 
Verhältnisse in Mainz erwartet, so daß der 
Name Dalberg mit dem Namen Schiller fortan 
noch inniger verbunden bleiben wird als 
seither. — 

Mit seinen Verwandten in Schwaben unter¬ 
hielt der „Vetter“ in Mainz bis zuletzt keinerlei 
Verkehr, vielleicht, weil die Familie des Haupt¬ 
manns Schiller noch Forderungen an ihn hatte, 
oder aus Beschämung über sein eigenes Schicksal 
im Gegensatz zu dem Weltruhm seines Paten¬ 
kindes. Daß der Dichter aber doch manchmal 
an ihn dachte, beweist ein Brief vom 29. No¬ 
vember 1790 aus Jena an Ferdinand Huber in 
Mainz, worin er, nach dortigen Verhältnissen und 
Personen sich erkundigend, fragt: „Und kennst 
Du vielleicht meinen Herrn Vetter Schiller?“ 
Huber mußte ihn kennen, ebenso der damals 
an der Mainzer Universität als Bibliothekar an- 
gestellte Georg Förster , doch von keinem der 
beiden scheint eine Äußerung über den Sprach¬ 
meister zu existieren. Vereinsamt und verkannt 
sah der Träger eines unvergänglichen Namens 
in Mainz seinem Ende entgegen; er starb, 
77 Jahre alt, am Morgen des 19. Oktober 1814 
im Hause Münsterplatz 10, und selbst der 


Digitized by LjOOQle 



zur Linde, Thomas Edward Brown. 


7 1 


Sterbeeintrag vom gleichen Tage nennt nicht 
einmal seine Herkunft 

Nach seinem Ableben hatte die Witwe des 
Dichters — sie hielt den Vetter schon fünf 
Jahre früher einmal für tot — bei Christophine 
sich wegen etwaiger Erbansprüche erkundigt; 
letztere taxierte seinen Nachlaß auf „nur einige 
hundert“ (er betrug fl. 418, 50) und hielt dies¬ 
bezügliche Schritte für aussichtslos, obgleich 
ihre Eltern das einst dem Vetter geliehene 
Geld niemals zurückbekommen hätten. Und 
weiter erzählt Christophine am 30. Juli 1815 
von dem Verstorbenen: 

„Diese ganze Zeit nun (es kann ungefähr 
28 Jahre sein, daß er wieder in Deutschland 
war) hat er nicht das Geringste von sich hören 
lassen, da er doch wußte, daß sein Pate in 
Weimar lebte, und daß auch meine Eltern noch 
lange lebten, die ihm so viele Freundschaft 
erzeigt hatten. Wir erfuhren seinen Aufenthalt 
in Mainz durch öffentliche Nachrichten.“ 

Die Bedeutung Johann Friedrich Schillers 
liegt in seiner Wirksamkeit als Übersetzer; darin 
hat er sich nach dem Zeugnis seines unsterb¬ 
lichen Patenkindes „nicht unrühmlich“ betätigt 
Wenn seine sonstigen Unternehmungen fehl¬ 
schlugen, so läßt sich ihm daraus kein Vor¬ 
wurf herleiten. Merkwürdig paßt gerade auf 
ihn, was er in seiner Übersetzung der „Morali¬ 


schen Versuche“ unter „Schicksal der Projekten¬ 
macher“ druckte: 

„Die Menschen pflegen immer Unterneh¬ 
mungen nach ihrem Ausgange zu schätzen. 
Einerlei Versuche, die auf die nämliche Art 
betrieben werden, aber verschiedene Erfolge 
haben, veranlassen verschiedene Urteile. Wer 
seine Absichten erreicht, dem fehlt es nie an 
Leuten, die seinen Verstand und seine Tugend 
rühmen. Wem sie aber mißlingen, von dem 
entdeckt man auch ebenso bald, daß es ihm 
nicht nur an Verstand, sondern auch an morali¬ 
schen Eigenschaften gefehlt habe. Die Welt 
findet immer bald tüchtige Ursachen, Unglück¬ 
liche zu hassen; ihre wirklichen Fehler werden 
augenblicklich entdeckt; und sind diese schwer 
genug, sie in Schande zu stecken, so legt 
man noch einige Zentner Lästerungen darauf.“ 

Hat daher auch Johann Friedrich Schiller 
nicht gehalten, was er versprochen, so war er 
doch sicher kein „richtiger Schwindler“, wie 
ihn z. B. noch Emil Palleske in seiner Schiller- 
Biographie nennt, ohne nähere Kenntnis der 
Lebens Verhältnisse des Getadelten, sondern es 
gilt von ihm der Spruch desjenigen, dessen 
Vorbild er werden sollte: 

„Frei von Tadel zu sein ist der niedrigste 
Grad und der höchste, denn nur die Ohnmacht 
führt oder die Größe dazu.“ 


€ 


Thomas Edward Brown. 

Von 

Dr. Otto zur Linde in Charlottenburg. 


n n Clifton bei Bristol waltete ein Lehrer 
seines Amtes und paukte seinen Schülern 
die Geheimnisse und Schätze des Fran¬ 
zösischen und Deutschen ein. Er hatte 
während der langen Jahre seines Schuldienstes 
einige Bände Poesien herausgegeben, war bei 
seinen Freunden und Bekannten als angenehmer 
und lustiger Gesellschafter beliebt und als tüchtiger 
Arbeiter geachtet Ja, der intimeren Freunde 
Achtung ging womöglich so weit, ihn im Ernste 
für eine Art Dichter zu halten. So ungefähr, 
was man in Deutschland einen Heimatspoeten 
im spöttischen Sinne nennt, der swischen Emü 
Rittershaus als obere und der Lokalblattvers- 
jungfrau als untere Grenze rangiert Ein Freund 


erzählte nun dem Herrn Oberlehrer von einem 
Leitartikel über die minor poets und wunderte 
sich ein wenig darüber, daß der wertgeschätzte 
Herr Kollege darin gar nicht erwähnt sei Der 
Herr Oberlehrer gab trocken zur Antwort: „Viel¬ 
leicht gehöre ich zu den großen Dichtem...“ Und 
der diese Worte sprach, war Thomas Edward Brown . 

Mitten in der irischen See, zwischen England, 
Schottland und Irland, liegt eine Insel. Die Sage 
berichtet, daß einst eine Seejungfrau aus Rache 
flir verschmähte Liebe dieses Eiland mit dichtem 
Nebel umbaut habe. Und zwischen England, Ir¬ 
land und Schottland fuhren die Handelsschiffe und 
Kriegsfahrzeuge dahin und daher, und niemals 
fanden sie eine Insel auf dem Wege. Einmal 


Digitized by t^ooQie 



72 


zur Linde, Thomas Edward Brown. 


aber, während eines gewaltigen Sturmes, wurde 
ein Fischerboot durch den Nebel hindurchgetrieben 
und landete unbeschädigt auf der Insel. Da war 
der Zauber gebrochen, und wie man eine Kulisse 
bei Seite rückt, so rollte die Nebelwand davon, ge¬ 
schoben von den Geistern der Luft und des Wassers. 
Auf dieser Insel wurde unser Dichter geboren. 
Doch seine Gedichte sind dem größeren Teile des 
englischen Volkes so unbekannt geblieben, wie es 
den Engländern der Sage seine Heimatinsel war. 

Die Insel Mann ist eine Welt für sich, und 
war es noch mehr, bevor der Strom der modernen 
Tripper und Seebadler dorthin gelenkt wurde. Es 
müßte eine interessante Aufgabe sein, die Geschichte 
dieser Insel zu schreiben. Man hat hier wirklich 
eine Westentasfchenausgabe des Foliobandes der 
Weltgeschichte. Die Insel ist heute noch ein Terri¬ 
torium für sich. Regierungsapparat: ein Gouver¬ 
neur als Vertreter der Krone, ein Ober- und 
Unterhaus, eine Versammlung des ganzen Volkes 
mit Petitionsrecht (Reste einer altnordischen Peri¬ 
ode der Insel, die Volksversammlung heißt Tyn- 
wald), ein Bischof, ein Erzdekan, zwei Deemster 
(Richter) d. h. Doom oder Urteilssprecher. Die 
letztgenannten Richter müssen bei Antritt ihres 
Amtes schwören: sie wollten die Gesetze der Insel 
so unparteiisch zur Anwendung bringen und so 
genau in der Mitte zwischen den Parteien stehen 
„wie des Härings Rückgrat in der Mitte des Fisches 
liege“. Die Sprache der Insel war Keltisch und 
gehörte zum nordischen Zweige der keltischen 
Sprachen, sie wurde auch nicht durch die nicht¬ 
keltischen Eroberer unterdrückt Noch heute wird 
sie in den Bergen der Insel gesprochen, ist aber 
am Aussterben. Im allgemeinen sprechen die 
Insulaner Englisch, d. h. ein dialektisch gefärbtes 
manxifiziertes Englisch. Ich habe schon hervor¬ 
gehoben, daß die Geschichte der Insel, mit ihrer 
keltischen Sprache, ihren isländischen, norwegischen, 
schottischen, irischen und englischen „Königen“, 
mit ihrem Parlamente, ihrer Volksversammlung, 
mit ihren Bürgerkriegen und ihrer örtlichen wie 
nationalen Abgeschlossenheit eine Liliputwelt¬ 
geschichte ist. In solchem Sinne auch verwendete 
einst Burke im Beisein Dr. Johnsons und James 
Boswells folgende Verse Popes aus dessen poe¬ 
tischem Essay über das Menschengeschlecht zu 
einem tiefsinnigen Kalauer: The proper study of 
Mankind is Man. 

Thomas Edward Brown ist im besten Sinne des 
Worts — Heimatspoet Es wird mir schwer, das 
viel mißbrauchte Wort auf ihn anzuwenden, aber 
schließlich ist es doch das bezeichnendste. Brown 
ist Poet der Insel Mann. Auf dieser Insel, der 
Perle der irischen See, liegen fast alle Wurzeln 
seiner Poesie. Als Poet seines Eüands ist Brown 
zugleich das seine Mitgenossen hoch überragende 
Saulshaupt einer „Manxschule“. Doch das ist 
eine andere Geschichte, wie Rudyard Kipling sagen 
würde, wie ja leider seine Hunniade another story 
ist, und keine rühmliche. 


Thomas Edward Brown .. . Ich bin altmodisch 
genug, beim Milieu seiner Kindheit anzufangen 
und sein Leben über Kindheit, Jugend, Liebe, 
Mannheit, Tod zum Nekrolog hinüber zu durch¬ 
eilen. Als Führer dienen mir Thomas Edwards 
Briefe und die Autobiographie seines Bruders 
Hugh. Der Vater war anglikanischer Pfarrer in 
Douglas, der Hauptstadt der Insel Mann. Die 
Insel lag damals sehr abseits von allem Verkehr. 
Doch lassen wir lieber Hugh sprechen. Was an 
Personen- und Güterverkehr bewältigt werden 
mußte, winde von Fischerbooten besorgt Da die 
meisten Manxleute sich in damaligen Zeiten mit 
großer Regelmäßigkeit betranken, so war die Navi¬ 
gation auf diesen Fischerbooten nicht in der besten 
Ordnung. Einmal waren Kapitän und Mannschaft 
so betrunken, daß die Passagiere, mit Pfarrer Brown 
an der Spitze, das Fahrzeug selbst besorgen mußten. 
Sie ließen es auf eine Sandbank laufen und mußten 
dort warten, bis die Flut wieder kommen und das 
Schiff flott machen würde. Mittlerweile waren aber 
auch die Seeleute genügend nüchtern geworden, 
um an ihre Arbeit zu gehen. Später besorgten 
altersschwache Dampfer den eiligeren Güter- und 
Personenverkehr. Auf diesen Schiffen ging es 
lustig zu. Gewöhnlich verbrachten Kapitän, Mann¬ 
schaft und gleichgesinnte Passagiere die Nacht 
der Überfahrt im schweren Gesäufe. Aber trotz¬ 
dem der Kapitän jedes solchen Dampfers gewaltig 
trank, kamen die Schiffe doch niemals zu Schaden. 
Als einst bei unruhiger See ein Mann-Dampfer in 
Gefahr kam, auf eine Sandbank zu laufen, schrie 
der Kapitän zu den Heizern hinunter: Stocht, 
Kerle, stocht, oder ihr seid in fünf Minuten in 
der Hölle! Ein andermal fuhr der Erzdekan von 
Mann mit und frug den Kapitän ängstlich, ob 
Gefahr vorhanden wäre. Der alte Saufbold nahm 
sich dem hohen geistlichen Würdenträger gegen¬ 
über zusammen und bemühte sich, nicht allzu 
ungefüge Worte herauszubringen: Hochwürden, 
aller Wahrscheinlichkeit nach sind Sie morgen früh 
im Himmel! Darauf der Erzdekan: Das verhüte 
Gott! . . . Hier mögen recht passend einige Verse 
T. E. Browns eingefügt werden: 

. Der wackre Kapitän, 

Voll Schwielen seine Hand, 

Und halb besoffen ist er, doch trotzdem 

Hält unbeirrt er stand 

Und mächtig fluchend fuhrt er seine Bark zu Land.“ 

[Collected Poems: S. 4.] 

Aber nicht allein die Kapitäne, die Kutscher der 
See und Mannschaft und Passagiere liebten starke 
Getränke: auch der Personenverkehr auf dem Lande 
zeigte diese idyllische Begleiterscheinung. Post¬ 
kutschen gab es nicht Man fuhr auf Lastwagen 
mit, fein langsam im Schritt, jede anderthalb Kilo¬ 
meter ein Wirtshaus, und Kutscher und Passagiere 
kommen total bezecht am Endpunkte ihrer Reise 
an. Außer den Eingeborenen wohnten damals in 
Mann viele Halbsoldoffiziere, wegen des billigen 
Lebens. Desgleichen bankerotte Schuldner. Bis 


Digitized by 


Google 



zur Linde, Thomas Edward Brown. 


73 


1814 war Mann Freistatt für solche Leidende. 
Aber seither ist das schöne Gesetz abgeschafft 
worden. Hier ist ein nettes Geschichtchen. Ein 
verschuldeter irischer Adliger hatte sich vor seinen 
Gläubigem auf dieses Eldorado der Zahlungs¬ 
unfähigen geflüchtet Als er stirbt, wollen seine 
Anverwandten ihn in der irischen Familiengruft 
begraben. Aber dabei ist eine große Gefahr. Die 
Gläubiger könnten nämlich bei der Landung an 
der Küste Irlands den adligen Leichnam pfänden. 
Um dem vorzubeugen, wird die Totenmesse schon 
auf dem Schiffe gehalten, weil nach der Messe 
jeder Leichnam, kirchlich und gesetzlich, endgültig 
tot ist und der Pfändung nicht mehr unterliegt 
Reizend, nicht wahr? Ein andrer Bestandteil der 
Bevölkerung waren chronische Alkoholisten, die 
von ihren Angehörigen nach der Insel geschickt 
wurden, die dort gleichsam als meerumschlossene 
Verbannte lebten, tranken — auf der Insel war 
Alkohol im Gegensatz zu England, Irland, Schott¬ 
land abgabenfrei, also billig — und dort eines 
„seligen“ Todes starben. T. E. Brown läßt z. B. 
seinen „Doctor“, der aus Liebesgram Säufer wird, 
nach der Insel Mann fahren; dort ist er der Lon¬ 
doner Gesellschaft aus den Augen. Die Billigkeit 
des Alkohols auf der Insel war auch die Ver¬ 
anlassung zum Schmuggelhandel, wegen dessen 
die Manxmänner lange berühmt waren. 

Auf dieser interessanten Insel wurde Thomas 
Edward im Jahre 1830 geboren. 1832 kam sein 
Vater von Douglas als Pfarrer nach Kirk Braddan. 
Dieses Kirchdorf ist Thomas Edwards eigentliche 
Heimat zu nennen. Hier wächst er auf in länd¬ 
licher Einfachheit, unter den Bäumen, welche die 
Kirche umgeben, zwischen den Blumen des Pfarr¬ 
gartens, auf den Bergen und an der See. Er muß 
als Kind kränklich gewesen sein. So schreibt er 
als älterer Mann folgende Verse fern von seiner 
Heimatsinsel: 

„Lebt wohl auf jenem fernen Eiland 

Wie ich ein andres Kind zur Stund? 

Ich war ein kränklich Kind, doch wurd’ ich weiland 

Bei Meer und Fels gesund.“ 

T. E. Browns Poesie ist so vollgestopft von Insel 
Mann und wieder Insel Mann, daß jeder, der den 
größtmöglichen Genuß daran haben will, seine 
Gedichte auf der Insel selbst, während eines Bade¬ 
aufenthalts etwa, lesen müßte. Ja, Tag und Ver¬ 
anlassung, Ereignis und Umgebung zu jedem 
einzelnen Gedichte, müßte man auf solche Weise 
klar stellen können. 

Im Brownschen Pfarrhause in Kirk Braddan 
wehte ein literarischer Geist Die Mutter war eine 
eifrige Leserin. Der Vater war sogar zeitweilig 
unter die Dichter gegangen, und eines seiner ge¬ 
druckten Gedichte hatte ihm einen lobenden Brief 
Wordsworths eingebracht Des Vaters Augen waren 
schwach, deshalb gebrauchte er seine Söhne als 
Vorleser. Hugh sowie Thomas Edward legen 
starken Nachdruck auf dies Vorlesen, das ihnen 
praktisch viel genützt und ihrem Leben die inte- 
Z. f. B. 1904/1905. 


lektuelle Richtung gegeben habe. Thomas Edward 
berichtet u. a., wie genau der Vater sich selbst 
und seinen Söhnen gegenüber auf guten Stil hielt 
To my father style was like the instinct of per¬ 
sonal cleanliness. Dieses Stilgefühl hat sich auf 
unsem Dichter vererbt Es ist eine wahre Er¬ 
holung Für ein stüdurstiges Herz, Th. E. Browns 
hinterlassene Briefe (zwei Bände) zu lesen. Klar 
wie das Meer bei ruhigem Wetter ist seine Diktion, 
nur manchmal leicht geschaukelt und gewiegt von 
den lustigen Wellen des Humors. Von seines 
Vaters Stil weiß ich nichts, aber gerade dessen 
Stilmanie zeigt daß ein Samenkorn des Genies 
in ihm gelegen hat, welches in seinem Sohne sich 
zum Baume auswuchs. Carlyle definiert das Genie 
als die capacity of taking infinite pains, und wahr¬ 
lich viel Wahres enthält dieses Wort Jeder, der 
ernst nach dem Abgeschlossenen, Ausgebauten 
strebt feilt und ändert und bessert an seinem Stil, 
erweitert sein Wissen, kräftigt und verfeinert sein 
Können und ringt unaufhaltsam, immer, standhaft. 
Ja selbst der Erzpedant, der Mann mit den fixen 
Ideen, hat etwas mit dem Genius gemein: Alles 
unter dnen Gesichtspunkt zu bringen und von 
hier aus zu ordnen. Aber das Genie schaut von 
seiner Bergeshöhe hinauf und hinunter, weit hinaus 
in die weite Welt mit scharfem Adlerauge; der 
andre, systembebrillt, wühlt und ordnet nur im 
engen Kabinett der geistigen Rumpelkammer. 

In Kirk Braddan nun wuchs Th. Edward heran. 
Zu seines Vaters Gemeinde gehörten viele keltisch 
sprechende Leute, und dieser mußte die Sprache 
erst lernen. Th. Edwards scheint diese Sprache 
nicht gelernt zu haben, wenigstens vermochte er 
sie nicht zu sprechen. In Kirk Braddan wurde 
der Gottesdienst abwechselnd auf Englisch und 
auf Manx gehalten. Niedliche Einzelheiten kramt 
Hugh, Th. Edwards Bruder, in seiner Autobio¬ 
graphie über die Kirk Braddaner Zeit aus. Nach 
den Kindtaufen pflegten die Frauen das Wasser 
im Taufbecken zu trinken. (Prosit!) Jeden Sonn¬ 
tag Nachmittag war Beerdigung. Die Einwohner 
von Kirk Braddan, Douglas und der ganzen Um¬ 
gegend begruben ihre Toten auf dem Kirch- 
braddener Kirchhofe. Die Leidtragenden kamen 
gewöhnlich zur Zeit des Gottesdienstes an. Die 
Särge wurden solange in der Kirche abgesetzt 
und blieben dort stehen bis zum Schlüsse des 
Gottesdienstes, ungefähr anderthalb Stunden. Oft 
waren fünf bis sechs Särge zu gleicher Zeit in der 
Kirche, und bei heißem Wetter roch das, und die 
Pfarrerskinder saßen nur drei Fuß entfernt von 
den Särgen. Viele von den Leidtragenden waren 
betrunken, und einige verloren das Gleichgewicht 
und fielen über die Särge und schluchzten und 
heulten. Beim Heiligabendgottesdienste pflegten 
die Leute aus den Bergen Weihnachtslieder in 
der Manxsprache zu singen. Einmal besangen die 
Bauern die Mutter Gottes in aller Einfalt so un¬ 
anständig, daß Pfarrer Brown die frommen Sänger 
ausschalt und schnell den Gottesdienst beendigte. 

10 


Digitized by LjOOQle 



74 


zur Linde, Thomas Edward Brown. 


Die Pfarrerskinder hatten in Kirk Braddan eine 
gute Zeit Das Landleben gefiel ihnen außer¬ 
ordentlich. Unter andern schönen Dingen war 
da das Einsammeln des Deputatkorns. So feier¬ 
lich allerdings wie in Immermanns Oberhof hat 
sich dies wichtige Geschäft in Kirk Braddan wohl 
kaum abgespielt Der Knecht des Pfarrers und 
die Knaben zogen einfach mit einem Karren auf 
den verschiedenen Gehöften herum. Manchmal 
erlebten sie sonderbare Abenteuer. So kamen sie 
auch zu einer rabiaten alten Bauernfrau. Die 
schimpft und flucht über das Pastorspack, das den 
armen Leuten das Korn wegfrifit, und redet sich 
in eine solche Wut hinein, daß sie schließlich mit 
der Mistgabel auf die Deputatsammler losgeht, 
und Knecht und Jungens ausreißen müssen. 

Bis zu seiner Gymnasialzeit blieb Thomas 
Edward im Eltemhause. Seine Schulung dort war 
keine schlechte. Der Dorfschulmeister sorgt für 
die Rudimente. Als Vorleser seines Vaters lernt 
der künftige Dichter die Klassiker der englischen 
Literatur kennen, und Insel und Meer bilden sein 
Naturgeflihl aus. Wenn Thomas Edward auch 
gerade kein Manxblut in sich hat, so ist in seinem 
Stammbaum doch das Keltentum von Irland ver¬ 
treten. Aber wie es auch damit sei, er ist durch 
und durch ein Kind der Insel Mann. Nicht so 
sehr die Nationalität, sondern der zufällige Ort, 
wo man die Kinderjahre zubrachte und die leb¬ 
haftesten sowie dauerndsten Eindrücke erhielt, ist 
doch am wichtigsten für Sympathien und Anti¬ 
pathien. Das Kind ist der Vater des Mannes. 
In seinen Briefen und auch in seiner Poesie sehen 
wir wie Brown immer für die Kelten gegen die 
Engländer Partei nimmt, nicht scharf, nicht übel- 
gesinnt, aber doch — bei seinen Kelten ist ihm 
am wohlsten. Er erkennt gern und oft und ein¬ 
dringlich die englischen Vorzüge an, aber — Sym¬ 
pathie und Verstand sind zweierlei. 

Des Vaters letzte Lebensjahre waren einiger¬ 
maßen durch Kränklichkeit getrübt Nach dem 
fast gleichzeitigen Tod zweier Söhne verschlimmert 
sich sein Zustand, sodaß sein Sohn Hugh von 
Bristol herüber kommt Der Vater erholt sich 
aber wieder recht gut und Hugh fährt wieder ab. 
Der alte Knecht John, ein Famüienfaktotum, der 
Old John von Browns gleichnamigem Gedichte, 
fährt ihn nach Douglas. Kurz nach dem Weg¬ 
gang e seines Sohnes machte sich der Vater Sorgen 
über das stürmische Wetter. Er ging seinem 
Sohne nach, um ihn in Douglas zu erreichen und 
zu bereden, diese Nacht nicht überzufahren. Als 
der Knecht heimkehrte und beinahe das Pfarrhaus 
erreicht hatte, scheut plötzlich das Pferd und wül 
nicht weiter. John steigt ab und findet seines 
Herren Leiche im Schnee. Alle Wiederbelebungs¬ 
versuche im Pfarrhause waren vergeblich: er war 
einem Schlaganfalle erlegen. 

Vom sechzehnten Lebensjahre bis zum neun¬ 
zehnten besucht Thomas Edward das Gymnasium 
und geht dann nach Oxford auf die Universität. 


Weü er arm war, ging er als servitor dorthin. Eine 
solche Stellung muß manches Demütigende für 
den betreffenden Studenten haben. Wenigstens 
schrieb er in Macmillans Magazine in den fünfziger 
Jahren einen scharfen Artikel über dies Thema. 
Im übrigen scheint unser Studiosus, vielleicht schon 
aus pekuniären Rücksichten, ein Examensunter¬ 
geher und -besteher gewesen zu sein. So was ist 
ja englische Mode, die Examenswut grassiert, Klipp¬ 
schüler in Klappbuxe bestehen Examina. Ich 
möchte aber trotzdem den Satz nicht preisgeben, 
daß der Intellekt eines Menschen sich umgekehrt 
proportional entwickelt mit den bestandenen Exa¬ 
mina und muß natürlich, wenn man mir so manchen 
vielexamigen Engländer als Gegenbeweis präsen¬ 
tiert, sagen: das sind eben die Ausnahmen, die 
sind etwas geworden trotz der Examina. 

Ich werde unsers Dichters Lebens- und Ent¬ 
wicklungsgang mit kurzen Auszügen aus seinen 
Briefen begleiten. Am 4. Februar 1854 schreibt 
er einen herrlichen Trostbrief an seine Mutter. 
Gedankengang: Mutter, du bist traurig, auch ich 
bin es. Ich habe die Sorge, die kommt und geht 
wie Schatten über die Kornfelder. Doch über 
dir liegt der bleierne Himmel nach der Ernte, 
die Monotonie der Melancholie. Du schaust traurig 
rückwärts ins Leben, weil du so vieles verloren 
hast, traurig vorwärts, weil du vom Leben nichts 
mehr hoffst. Traurig rückwärts schaue auch ich, 
doch fröhlich vorwärts ins Leben. Aber in einem 
sind wir völlig einander gleich: hoffend schauen 
wir beide vorwärts aufs künftige Leben, das jen¬ 
seits dieser Erde liegt. 

Im Jahre 1854 wird er Fellow vom Oriel 
College. Aber er bleibt es nicht lange, da ver¬ 
liebt er sich in seine Manx Cousine; und weil er 
als Fellow nicht heiraten darf, so gibt er als 
tapferer, ehrlicher Mann Ehrenstellung und hohes 
Gehalt auf und wird Konrektor am Gymnasium 
in Douglas, King Williams College. 1857 heiratet 
er seine Cousine. Später wird er Direktor an der 
Kryptaschule in Gloucester und geht von da als 
Lehrer für moderne Sprachen an das berühmte 
Clifton College bei Bristol Für lange Jahre war 
er hier tätig, ohne besondere Neigung zum Lehr¬ 
beruf, aber als ganzer Mann treu seine Pflicht 
tuend 

Im April und Mai 1873 erschien in Macmillans 
Magazine das längere Gedicht Betsy Lee und 
errang a notable tribute from George Eliot Das 
Werk kam noch im selben Jahre als Buch heraus. 
Ich halte Betsy Lee flir eine seiner besten 
Leistungen. 

Wenn man in englischen Revuen liest, Thomas 
Edward Brown habe im Manxdialekt gedichtet, 
so ist das durchaus irreleitend. Browns Werke 
sind nicht Keltisch geschrieben. Es ist also besser, 
wenn man sagt, er dichtet im Manx-Englisch. 
Sein Englisch ist nur leicht dialektisch angefärbt 
So ist es z. B. viel schwerer, sich in Bums ein¬ 
zulesen als in Brown. Der Inhalt von Betsy Lee 


Digitized by tjOOQle 



zur Linde, Thomas Edward Brown. 


75 


ist schwer wiederzugeben. Die Historie ist darin 
nicht die Hauptsache. Genre und Sentiment sind 
der Reiz dieser Manx-Tragödie. Ich muß aber 
doch versuchen, den Lesern einen geschwinden 
Blick in dies Meisterwerk Browns tun zu lassen. 
Die Situation ist so zu denken: die dienstfreien 
Matrosen sitzen auf dem Vorderteile des Segel¬ 
schiffes, rauchen ihren Stummel, trinken Grog und 
haben ein gemütliches Plauderstündchen. Solche 
Einkleidung liebt Brown. Daraus erklärt sich auch 
der Gesamttitel, unter welchem er später eine An¬ 
zahl seiner kostbarsten Juwelen zum Ringe ver¬ 
einigte: Fo’c’s’le Yams Geschichten vom Vorder¬ 
kastell. Doch hier haben wir es mit Betsy Lee 
zu tun. Tom Baines, eine alte Teerjacke, ist auf¬ 
gefordert worden, seine Lebensgeschichte, oder 
besser vielleicht seine Liebesgeschichte, zu er¬ 
zählen. Diese Exposition gibt uns der Dichter 
mit meisterhafter Kürze. 

I said I would? Well, I hardly know, 

But a yam’s a yam; so here we go. 

Und dann schießt Tom los. Itfs along of me 
and a Lawyeris Clerk. Ja, ein Rechtsanwalts¬ 
schreiber, ein geschniegelter Stutzer mit Kette und 
Ring und einer Fliege am Kinn, und seine Zunge 
ist in Öl getaucht Toms disgust kommt bei der 
weiteren Schilderung dieses abgezirkelten Stutzer¬ 
leins zur Klimax: 

’s gibt mancherlei Teufel zu Wasser und Land 

Und ein Teufel wird überall Teufel genannt. 

Doch ein Lawyer’s Clerk, das ist die richtige 
Mustersorte, der ist der Teufel der Teufel. All 
right Der alte Seebär hat seinem Ingrimm Luft 
gemacht und kommt zu seiner Liebesgeschichte. 
Betsy Lee und er sind Manxkinder, Fischerkinder, 
Nachbarskinder. Tom war natürlich ein rechter 
wilder Bengel und hatte eine herrliche Zeit; Spielen, 
Schwimmen, Fischen, und das schönste dabei ist, 
daß der Tag so wunderschrecklich lang ist Toms 
Liebe zu Betsy beginnt passend und ritterlich da¬ 
mit, daß er einen Betsy prügelnden Jungen jämmer¬ 
lich verhaut. Bravo, Tom! 

Die Jahre rollen weiter. Betsy und Tom werden 
Freiersleute. Beider Eltern haben nichts dagegen. 
Eines Tages nun kommt Tom von seinem Boote 
her ins Dorf, und da hört er, daß der alte Lee 
eine Erbschaft gemacht hat Doch scheinbar 
ändert das nichts Wesentliches am Verhältnis der 
beiden Liebenden. Wohl macht Mr. Taylor, der 
Lawyeris Clerk, unsrer Betsy, der nunmehrigen 
Erbin, den Hof| die aber hält zu ihrem Tom. 
Der alte Lee kauft eine Farm und wird Land¬ 
mann. Und alle die schönen Kühe, die er hat! 
Weshalb mag Tom eigentlich Kühe so gern, da 
er damals doch Fischer war und jetzt Seemann 
ist? Er weiß es auch selber nicht, er hat sie 
eben gern: 

Hab niemals gedacht ans Warum und Wie, 

Doch schrecklich gern hatt’ ich immer die Kuh’. 

Sind sie nicht unschuld’ge Geschöpfe? 

Und haben so alte unschuldige Köpfe. 


Und wie sie so faul und langsam gehn! 

Und scheinen zu beten, wenn sie stehn. 

So standfest und ernsthaft, so gut und gescheit, 

Die Schmelzbutteraugen geöffnet so weit. 

Die Kameraden wollen mehr über Kühe und 
Melken hören. Schön! Des Abends hilft Tom 
immer seiner Betsy beim Melken. Sein Schatz 
singt, und das Switsch Swatsch der in den Eimer 
fallenden Milch gibt eine schöne Begleitung dazu. 
Die beiden poussieren in Herzensreinheit und Fröh¬ 
lichkeit, und die Kuh steht geduldig und dreht 
den Kopf auf die Seite, als wolle sie sagen: melk 
nur zu, das tut mir gut Wenn Tom die Betsy 
küßt, schaut Male, die Kuh ohne Hörner, die 
beiden an wie eine gute alte Mutter, die Bescheid 
weiß. Einmal aber kommt der Herr Schreiber 
hinzu und unterhält sich „gebildet“ mit Betsy. 
Das paßt Tom gar nicht, ihm wird dabei imbe¬ 
haglich und plötzlich, unter dem Melken, dreht 
er eine Zitze des Euters herum und — zscht! 
spritzt dem Stadtherm ein Milchstrahl ins Gesicht 
und über Shlips und Chemisette. Wütend trollt 
sich der Nebenbuhler und verklatscht unsem Tom 
bei Betsys Vater. Dafür kriegt Taylor aber hinter¬ 
her mächtige Prügel von Tom. 

Der Schreiber nimmt zehnfache Rache. Und 
hier ist vielleicht eine schwache Stelle im Aufbau 
des Gedichtes. Der Schreiber überredet ein Mäd¬ 
chen aus dem Dorfe, ihr uneheliches Kind Tom 
zuzuschieben. Tom, der unschuldig ist, dem aber 
Vater Lee nicht glaubt, weil Betsy den Schreiber 
heiraten soll, entschließt sich in seiner Not, den 
Pfarrer um Rat zu fragen. Der Pfarrer glaubt 
ihm und sucht den alten Lee zur Vernunft zu 
bringen, aber vergebens. Er redet auch dem 
lügenden Mädchen ins Gewissen, die ist aber ver¬ 
stockt und besteht darauf, daß Tom der Vater 
ihres Kindes sei. Dieser heiklen Lage weiß sich 
Tom nicht anders als durch die Flucht zu ent¬ 
ziehen. Er geht zur See. 

Nach einigen Jahren kommt er wieder zur 
Insel zurück und tritt unvermutet zu seiner Mutter 
ins Zimmer. Die hält ihn für eine Geistererschei¬ 
nung, bis er sie in seine Arme nimmt und küßt 
und überzeugt, daß er der wirkliche leibhaftige 
Tom Baines ist Von seiner Mutter hört er nun, 
daß man ihn für tot gehalten hat Der Schreiber 
hat das falsche Gerücht in Umlauf gesetzt Betsy, 
wie alle andern, hat es geglaubt, ist ihm aber 
treu geblieben trotz des Drängens, nun doch den 
Schreiber zu heiraten. Später wurde sie krank 
und siechte langsam dahin: 

And when the winter time came round 
And the snow lying deep npon the ground, 

One momin’ early the mother got up 
To see how was she, and giye her a snp 
Of tea or the like—and—mates—hould on! 

Betsy was gone! aye, Betsy was gone. 

Genüe Jesus meek and mild! 

Look npon a little chüd! 

Pity my simplicity! 

Suffer me to come to thee! 


Digitized by 


Google 



76 


zur Linde, Thomas Edward Brown. 


Wie der alte Seemann seinen wieder übermächtig 
aufsteigenden Erinnerungsschmerz durch Betsys 
Gebet aus der gemeinsamen Kinderzeit nieder¬ 
kämpft, ist erschütternd zum Weinen. 

Als Tom bei seiner Mutter von Betsys Tode 
und Taylors schändlichem Betrüge hört, kommt 
ihm Feuer und Blut in die Augen, wie einem 
Stier, den des Metzgers Hammer zwischen den 
Hörnern traf. Er will auf und davon und dem 
Schreiber ans Leben. Doch die Mutter hält ihn 
zurück und ringt ihm das Versprechen ab, erst 
mit ihr zum Pfarrer zu gehen. Um den Mord 
zu verhüten, bereden Pfarrer und Mutter schließ- 
lich den armen Tom, sogleich wieder in See zu 
stechen, und noch in derselben Nacht geht er nach 
Douglas und schifft sich ein. 

Wenn Brown Novellist wäre, so hätte er hier 
aufgehört Aber der lyrisch-idyllische Genredichter 
trägt den Sieg davon, und es ist gut so. 

Ich muß aber Rücksicht auf die Länge meines 
Aufsatzes nehmen. Ich fahre deshalb fort, einen 
kurzen chronikartigen Abriß von Th. E. Browns 
Leben zu geben, und lasse mich von seinen Briefen 
leiten. Ins Jahr 1873 fällt eine Vergnügungsreise 
nach Schottland. 1874 Schweiz und oberitalieni¬ 
sche Seen. Im Jahre 1876 entsteht die Fo’cVle 
Yam Dichtung „The Doctor“. 1880 stirbt ihm 
ein Sohn, und in Trauer und Skeptizismus schreibt 
er die Worte: Ich habe keine Gewißheit, ob ich 
je mein Kind Wiedersehen werde, darum will ich 
mit noch mehr Liebe denn vorher an den mir 
gelassenen Lieben hängen. 1881 schreibt er ge¬ 
legentlich des Todes Carlyle’s „True Thomas is 
gone“. 1881 vereinigt er Betsy Lee mit Gedichten 
ähnlicher Art unter dem gemeinsamen Titel Fo'cVle 
Yams. 1885 Insel Wight 1886 Tour in Wales. 
Er arbeitet an seiner Manx Witch. 1887 ver¬ 
öffentlicht er The Doctor and other poems. Das 
ist ein Beweis, wie wenig Veranlassung und Er¬ 
mutigung ihm das englische Publikum zur Ver¬ 
öffentlichung seiner Sachen gab. The Doctor ist 
doch mindestens schon elf Jahre alt. 1888 stirbt 
seine Frau. Einige Jahre vorher war sein Bruder 
Hugh am Schlage gestorben. 1889 The Manx 
Witch and other poems. 1892 klagt er über 
körperliche Schwächen des Alters. Im selben 
Jahre gibt er auch seine Lehrerstelle auf und lebt 
von nun an auf der Insel Mann. 1893 Old John 
and other poems. 1896 stirbt ihm ein lieber 
Freund: Let us keep a little closer together, a 
little closer together. Brief vom 24. Februar: 
über Max Müller, seine Bekanntschaft mit ihm. 
An andrer Stelle spricht Brown von einem Lobe, 
das Max Müller seinem Gedichte The Doctor 
gespendet habe. Im Jahre 1897 stirbt wieder 
ein Freund Browns. Im Mai hat er einen ganz 
leichten Schlaganfall, den er wohl nicht als solchen 
angesehen hat Am sechsten Juni besucht er 
seines Vaters Grab in Kirk Braddan, sein wahn¬ 
sinniges Dienstmädchen im Irrenhause und zwei 
alte, alte Jugendfreunde. 18. Juni: neuralgische 


Schmerzen. 19. September: Altersgrübeleien, Todes¬ 
gedanken. 23. September: The summer dies rather 
like myselfi hard, invitus. 28. September: Ich 
bin ein leckes Schiff 30. September schreibt er 
statt des gewohnten Briefes eine Postkarte, was 
diesem Freunde als außerordentlich seltsam auf¬ 
fiel. Im Oktober kommt Brown nach Clifton und 
nimmt am Begräbnisse eines Freundes teiL Ein 
anderer stirbt Am 28. Oktober wird er nach 
einem Essen gebeten, eins seiner Gedichte vor¬ 
zulesen. Er bleibt aber mitten in der Rezitation 
stecken und zieht sich mit der Entschuldigung 
zurück, er sei zu müde. Am 29. Oktober hält 
er im Hause des Bekannten, bei welchem er zu 
Besuch weüte, eine Ansprache an dessen Schüler. 
Er spricht einige Worte, plötzlich wird seine Stimme 
dick und er taumelt. Zwei Stunden später war 
er tot. Ein Schlaganfall hatte seinem Leben, gleich 
dem seines Vaters und seines Bruders, ein schnelles, 
unerwartetes Ende bereitet. Schnell und uner¬ 
wartet wohl — doch wie ist noch das Märchen 
von den Vorboten des Todes? 

Ein Freund des verstorbenen Dichters gab im 
Jahre 1900 dessen Briefe heraus in zwei Bänden. 
In der Einleitung zitiert der Herausgeber Browns 
Worte über seinen Briefstil: I like to please my 
friends. In diesen wenigen Worten haben wir 
das Geheimnis der Anziehungskraft, welche die 
Briefe auf uns ausüben. Er schrieb bewusst inter¬ 
essant; nicht aus Eitelkeit, sondern aus freigebiger, 
verschwenderischer Freundschaft. Dazu eine Be¬ 
merkung. Dieser Aufsatz liegt seinem Entstehen 
nach einige Zeit zurück. Inzwischen sind weitere 
Briefe veröffentlicht worden und hat sich auch 
sonst die Brownliteratur bereichert Ich hoffe, wie 
und wo, noch öfter zu Wort zu kommen und 
möchte gern eine Biographie des Dichters schreiben. 

Thomas Edward Browns gesammelte Poesien 
erschienen ebenfalls 1900 bei Macmillan. Der Band 
ist ohne jeden kritischen Apparat, aber handlich, 
billig und reichhaltig. Mir sei es hier erlaubt, in 
Übersetzung noch einige solcher Brownschen Ge¬ 
dichte zu bringen, die nicht im Manx-Englisch 
geschrieben sind. 

Collected Poems, Seite 79. The lily-pooL 

Was hält denn Male, unsre Kuh, im Teich 
Solch staunlich große Wunderschau? 

Was sieht denn Male wohl im Lilienteich 
Mit großen Augen, veilchenblau — 

Die Male in dem Lilienteich? 

Sie sieht sich selbst im Lilienteich 
u. s. w. 

ibid. 98. Fabel. 

In alten, alten Zeiten 

Konnten die Glockenblumen läuten. 

Und konnten laut und wacker singen, hört’ ich sagen. 

Titania aber, die Fee 

Klagte, ihr täte der Kopf so weh; 

Das könne so nicht weiter gehen, 

Sie müsse wirklich darauf bestehen... 

Und kurz und gut, sie ließ nicht ab, 

Bis ihr Gemahl das Wort ihr gab: 


Digitized by 


Google 



zur Linde, Thomas Edward Brown. 


77 


Es sollten die lieben Glockenblumen, 

Die kleinen, lustigen Glockenblumen 
Mäuschenstille sein in künft’gen Tagen. 

u. s. w. 

ibid. 687. Die Gebete. 

Im Himmel war ich jüngst, und auf den Treppen 
Sah ich die Engel die Gebete schleppen 
Und auf einander legen, 

Daß seines Amtes könne pflegen 

Der Ordner, um gebührlich sie zu sichten 

Und den Audienzsaal festlich einzurichten. 

Wie Blumen sahen die Gebete aus, 

Es zog ihr frommer Duft durchs ganze Haus. 

Doch eins der heil’ge Ordner nahm beiseit 
Vom Wirrwar tausendfalt’ger Lieblichkeit 
Und legt’s für sich allein, 

Ein Heckenröschen schiens zu sein. 

Dann ging er mit ihm fort, ich hört’ ihn sagen: 
„Das will ich doch sogleich zum Meister tragen.“ 
„Woher, o Höchster Du der Cherubim, 

Ist dieses Röschen?“ sprach ich da zu ihm. 

„Das weißt Du nicht?“ spricht lächelnd er und geht: 
„’s ist eines Kindes erstes Bittgebet.“ 

ibid. 727. Triton Esuriens. 

Wie kalt ist heut das Meer, wie gellt sein Schrei 
So hungrig heischend wider’s Fruchtgelände! 

Das Land gibt karge Spende, 

Nur Sand und Unkraut, Kiesel nur der Bai. 

Und ohne Ende 
Hör ich die Litanei: 

„Gib mehr! der Hunger frißt mein Herz entzwei. 

„Von sonn’gen Blumen gib mir, goldnen Garben, 
Gib taubeperlte saft’ge Wiesen mir. 

Kaum ein Verlust ist’s Dir, 

Doch mir ein großer Trost im ew’gen Darben. 

Mein Leidrevier 

DurchwaU’n die freudenarmen 

Und allzuwen’gen leeren Schattenfarben. 


Vorletzte Strophe: 

„Mein Herz ist hungrig, laß Dich doch erweichen! 
Dein Schlecht’stes gib mit ärgerlichem Fluch, 

Es ist mir gut genug. 

Vom sumpfgen Moor gib mir, dem binsenreichen, 
Vom Haidebruch, 

Wo schwarze Wässer schleichen, 

Landkartenabfall, Ödland und dergleichen.“ 

Brown als Mensch und Dichter ist Humorist 
Ihm ist der meilentiefe, ruhevolle Humor gegeben, 
der fiir Momente aufgewühlt wird durch den Vul¬ 
kan der Emotion, dessen Oberfläche gekräuselt 
wird durch den Hauch der Caprice. Auf dem 
Grunde liegen: Skeptizismus (mit Gemütshin¬ 
neigung zum Glauben) Melancholie, Quietismus, 
Fatalismus. 

Brown ruht in sich selbst, hat an sich selbst 
genug und hält tiefgehende Eingriffe von außen 
ängstlich von seiner Kirnst ab. Er ist intim mit 
der Natur, und pflegt diese Intimität sorgfältig, 
mit Stifterscher Hingebung, aber ohne Stiftersche 
Pedanterie. Das ist der tiefe ruhedurchsättigte 
Brown. Da gibt es aber noch einen andern Brown, 


eben Skeptiker, Melancholiker, dem es manchmal 
vor sich selbst bangt, der das seelische Gleich¬ 
gewicht zu verlieren furchtet and to a sceptical 
nature like me balance is every thbg. Dann kommt 
das Bedürfnis, aus sich herauszugehen, wenigstens 
sich selbst im Verkehr mit Freunden zu vergessen. 
Da er eb gutmütiger Humorist (Tautologie) ist, 
so ist er natürlich auch beliebt als Gesellschafter, 
und vielleicht geliebt als Freund. Doch finden 
wir b ihm stets die Mischung von Einsamkeits¬ 
und Geselligkeitsbedürfhis. Er hatte zwei Gesichter: 
das des lustigen Freundes und das des einsamen 
Grüblers. Im Verkehr mit den Freunden läßt er 
seinem Humor freien Lauf. Er liebte es, sie zu 
karikieren, ohne die Absicht zu haben, sie zu 
verletzen. Zugleich hatte er ein unschuldiges 
sezierfröhliches Interesse an solchem Freunde, den 
er wirklich treu liebte. Das war Ursache für 
manche Unannehmlichkeit Mit solcher, wenn auch 
harmlos gemeinter Neigung erscheint ein Mensch 
leicht falsch, kalt, hochmütig. Solch Herzens¬ 
und Künstlerinteresse eines Freundes am Freunde 
läßt eben allzuleicht vergessen, daß man dem 
Freunde durch gar zu tiefes Zerlegen Dritten gegen¬ 
über schadet. Und dann wird dieses Interesse, 
dieses suchende, anteilsvolle Herumwühlen b 
Licht und Schatten des Freundes, was alles doch 
gerade der beste Beweis der Freundschaft sein 
sollte, als Verläumdung, Lüge, Heimtücke aus¬ 
gelegt. Und das am ersten, wenn man sebe 
Beobachtungen ebem mitgeteüt hat, den man 
selbst gern hatte und vor dem man sich kernen 
Zwang auflegte. Geht die Freundschaft mit diesem 
Dritten in die Brüche, so läuft der zum zweiten 
und erzählt ihm, mbdestens mit «»bewußter Über¬ 
treibung und Verdrehung, alles von A bis Z, und 
zu Ende geht auch diese Freundschaft. 

Soweit über Browns Charakter und Dichter¬ 
bild. Als Humorist tritt seine eigene Persönlich¬ 
keit natürlich immer hervor. Deshalb ist seine 
ganze Poesie so subjektiv, stets so erlebt und 
wahr. Seb eigenes Leben ist so einfach und 
durchsichtig, er nimmt so ungeniert Personen, 
Landschaften, Ereignisse seiner Umgebung mit in 
sebe Dichterwelt hbüber, daß bebahe jeder Vers 
irgend eine Tatsache sebes Lebens, Denkens, 
Beobachtens und Fühlens illustriert Es ist leicht, 
Kommentare zu seinen Dichtungen zu schreiben, 
die voluminöser sind als das kommentierte Original 
Und es ist ebe Lust, T. E. Brown zu kommen¬ 
tieren. Aber gerade deshalb muß man doppelt 
vorsichtig, doppelt zurückhaltend sein, daß einen 
die Kommentierungslust nicht allzu weit mit fort¬ 
reißt, und man zwischen den Wurzeln der Eiche 
den Boden aufwühlt und des Stammes und der 
Krone nicht achtet Da kann es denn passieren, 
daß man die Wurzeb zu weit bloßlegt und der 
Baum den Halt verliert und umfällt. 

Und nun genug! Es wäre sehr wünschenswert, 
daß wir bald eine Monographie T. E. Browns, des 
neuesten, echten, englischen Klassikers, erhielten, 


Digitized by ^ooQle 





78 


Perschmann, Aus der Zeit des Bücher-Nachdruckes in Deutschland. 


des Dichters der Insel Mann. Am besten höbe rötend die Augen niederschlägt, kann nur Pionier- 
man sein Relief hervor, wenn man die Manx- arbeit tun. Und es ist Pionierarbeit aus dem 
schule als Hintergrund wählte. Ein Zeitungsauf- Groben: Baumstümpfe, gefällte Stämme und strup- 
satz, der vor den horazischen neun Jahren er- piges Strauchwerk. 

Aus der Zeit des Bücher-Nachdrucks in Deutschland. 

Von 


S. Perschmann 

M*f HB n ^ en x ^34 1835 ist im 

m WEi Verlage von F. Metz in Darmstadt eine 
■H w Geschichte des Buchhandels und der Buch- 

1 BBJB druckerkunst von Friederich Metz “ er¬ 
schienen, in deren drittem Teüe, der Geschichte 
des Buchhandels , der elfte Abschnitt von beson¬ 
derem Interesse ist Und zwar deshalb, weü er 
— Bücher-Nachdruck betitelt — mit einer Leiden¬ 
schaftlichkeit geschrieben ist, die den übrigen, 
streng historisch gehaltenen Teilen fehlt Die 
Schreibweise hinterläßt den Eindruck, als habe 
der Verfasser sich einen Verdruß oder innerliche 
Empörung vom Halse schreiben wollen, die ihn 
bei der schriftstellerischen Behandlung seines 
Themas ergriffen habe. Vielleicht hat er selbst 
üble Erfahrungen mit der „Räuberbande von Nach- 
druckem“ gemacht; jedenfalls beweist der Ab¬ 
schnitt, daß der deutsche Buchhandel noch bis in 
die dreißiger Jahre unter der hie und da gestat¬ 
teten Freiheit des Nachdruckes, die in der mangeln¬ 
den Einigkeit Deutschlands begründet war, schwer 
zu leiden hatte. 

Folgendes geharnischte Lutherwort setzt der 
Verfasser dem Abschnitt voran: 

„Was soll das seyn, meine lieben Drucker¬ 
herren, daß einer dem andern so öffentlich raubet 
und stiehlet das Seine, und untereinander euch 
verderbet? Seyd ihr nun auch Straßenräuber und 
Diebe worden? oder meynet ihr, daß Gott euch 
segnen und ernähren wird, durch solche böse 

Tücke und Stücke?-Es ist ja ein ungleich 

Ding, daß wir Arbeiten und Kost sollen darauf 
wenden, und andere sollen den Genieß und wir 
den Schaden haben. — Derohalben seyd gewarnt, 
meine lieben Drucker, die ihr so stehlet und 
raubet! —“ 

und fügt dem hinzu: „So kräftig sprach Martin 
Luther schon vor mehr als drei Jahrhunderten 
über den Nachdruck, diesen bis heute am Herzen 
des Buchhandels saugenden Vampyr.“ 

Uns, denen im vergangenen Jahrhundert ein 
allgemeines Urheber- und Verlagsrecht geschaffen 
worden ist, will es heutzutage fast unbegreiflich 
erscheinen, weshalb man mit der Regelung dieser 
Rechtsfrage Jahrhunderte lang gezögert hat, ob¬ 
wohl der rechtlose Zustand, wie wir sahen, die 
rechtlich denkenden Buchhändler in Harnisch 


in Ehrenbreitstein. 

brachte. Und doch sind zwei Gründe dafür vor¬ 
handen. Einmal der, daß man in Deutschland 
sich damals noch keiner Einheitlichkeit der Ge¬ 
richtsverfassung erfreute, und zweitens, daß bei den 
Rechtsgelehrten zwei Meinungen einander gegen¬ 
über standen. Die eine verteidigte das Recht am 
geistigen Eigentum, die andere hielt es tatsächlich 
für verdienstlich, ungeachtet des für Verfasser und 
Verleger erwachsenden Nachteils, in unbeschränk¬ 
ter Freiheit Bücher, die man für den Kulturfort¬ 
schritt als unentbehrlich ansah, zu möglichst wohl¬ 
feilem Preise zu verbreiten — ein Standpunkt, 
der wohl auch heute noch seine Vertreter finden 
würde, wenn nicht der erste den Sieg davon ge¬ 
tragen hätte und mm längst zur Gewohnheit ge¬ 
worden wäre. Zum Heil des Buchhandels und 
der Autoren! 

Diese Gegensätze mußten sich zuspitzen, als 
um die Mitte des XVIII. Jahrhunderts die Schrift¬ 
stellerei für Viele Lebensberuf zu werden begann. 
Die Buchhändler konnten nur geringe Honorare 
zahlen, da das erworbene Werk ein sehr unsiche¬ 
rer Besitz in ihren Händen war. In dieser Zeit 
und bis in das XIX. Jahrhundert hinein scheint 
man die Unhaltbarkeit der ungenügenden Ver¬ 
ordnungen über den Nachdruck am fühlbarsten 
gespürt zu haben. Wenn auch Preußens all¬ 
gemeines Landrecht sorgfältige Bestimmungen gegen 
den Nachdruck enthielt und auch in Baden, Bayern , 
Nassau und im Österreichischen bürgerlichen 
Gesetzbuch im allgemeinen das Unrechtmäßige des 
Nachdruckes anerkannt war, so gab es doch in 
Württemberg überhaupt kein Gesetz dagegen. 
Außerhalb Preußens scheinen die Bestimmungen auch 
so ungenügende gewesen zu sein, daß in fast allen 
übrigen deutschen Ländern eine ganze Anzahl 
Nachdrucker auftauchte, vor deren Namennennung 
F. Metz nicht zurückscheut, sondern sie mit einer 
gewissen Grimmigkeit durch die Kennzeichnung 
ihres Räuberhandwerks zu brandmarken sucht Es 
waren unter anderen die „Fleischhauer und die 
große Compagnie, die in Reutlingen lebte“, ein 
Schmieder in Karlsruhe, ein Heilmann in der 
Schweiz, ferner der „Edle und Ritter von Trattner 
in Wien, der von dem schönen Grundsätze aus¬ 
ging: den Eigennutz (!) der Leipziger Buchhändler 
zu züchtigen, indem er ihnen den Gewinn, welchen 


Digitized by tjOOQie 



Perschmann, Aus der Zeit des Bücher-Nachdruckes in Deutschland. 


sie an den Verfassern zu machen suchten, aus 
der Tasche nehme.“ Er soll in den Jahren 1770 
und 1771 nicht weniger als 71 Verlagsartikel „ge¬ 
kapert“ haben und reicher geworden sein, als einer 
der „wegen ihres Eigennutzes“ bestohlenen Ver¬ 
leger. — Nicht viel besser scheint es ein Edler 
von Ghelen getrieben zu haben, „der unter dem 
Titel: Medizinische Bibliothek alles Bessere in der 
medizinischen Literatur nachdruckte, blos der 
Wissenschaft wegen (!)“. Metz nennt dann noch 
Gegels Erben und Enders in Frankenthal und 
schließt die Reihe mit dem Ausrufe: ,»Diese Edlen! 
Sie verdienen einen Denkstein, den wir ihnen hier¬ 
mit gesetzt haben wollen, fff“ 

Die drei Kreuze sollen wohl bedeuten, daß er 
die „Edlen“ zum Teufel wünschte. 

Allerlei Bemühungen, das Verbot des Nach¬ 
druckes überall durchzusetzen, waren erfolglos 
und fachten den Streit der gegen einander stehen¬ 
den Meinungen nur noch mehr an. Ein Gut¬ 
achten der juristischen Fakultät in Jena von 1722 x , 
dem sich die Fakultäten von Gießen, Erfurt und 
Helmstedt anschlossen, scheint immer den Aus¬ 
schlag gegeben zu haben, es bei dem bisherigen 
Zustande zu lassen. Ein Vorschlag Klopstocks, 
eine Verlagsgesellschaft unter den Gelehrten zu 
gründen, hatte nur eine Erwiderung des Buch¬ 
händlers Reich zur Folge, in der er den Vorschlag 
angriff und allerlei Beschwerden vorbrachte, die 
gegen den Nachdruck erhoben waren. 1 2 3 Derbe 
Ausdrücke, mit denen er die Nachdrucker trak¬ 
tierte, scheint er in dieser Schrift nicht gerade 
gespart zu haben, denn sogar ein so hartgesottener 
Sünder unter den „Dieben und Räubern“, wie der 
Ritter Thomas von Trattner in Wien fühlte sich 
darauf zu einer Entgegnung^ veranlaßt, in der er 
ausführte: „er werde durch das Toben seiner 
Feinde in seinem Gewerbe ebenso wenig nach¬ 
lässig werden, als sich der Mond in seinem Laufe 
aufhalten lasse, wenn Hunde ihn anbellen.“ Metz 


79 


bemerkt dazu sarkastisch: „Das Bild des Mondes 
ist recht gut gewählt, denn derselbe leuchtet auch 
mit fremdem Lichte.“ 

Was der Verfasser noch hervorhebt, ist die 
Tatsache, daß das Urheber- und Verlagsrecht 
gerade im Gegensatz zum Auslande in Deutsch¬ 
land so im argen lag. Die meisten europäischen 
Staaten besaßen seit längerer Zeit feste Bestim¬ 
mungen, die den Nachdruck, wenn auch nicht 
ganz verhindern, so doch bekämpfen konnten. 
Als solche auswärtige Staaten werden z. B. Frank¬ 
reich, England, Holland bezeichnet 

Dennoch sind in der Zeit, als der letzte Teil 
des Metzschen Buches erschien (1835), begrün¬ 
dete Aussichten zur Besserung der beklagten Zu¬ 
stände vorhanden gewesen. 81 deutsche Buch¬ 
handlungen und eine Anzahl österreichische hatten 
auf dem Wiener Kongreß die Zusicherung erlangt, 
daß „die Bundesversammlung sich bei ihrer ersten 
Zusammenkunft mit Abfassung gleichförmiger Ver¬ 
fügungen über die Preßfreiheit und die Sicher¬ 
stellung der Rechte der Schriftsteller und Verleger 
gegen den Nachdruck beschäftigen werde.“ Preußen 
knüpfte dann Unterhandlungen mit den einzelnen 
Bundesstaaten an und erreichte im Bundestage 
1832 den Beschluß, daß die einzelnen Staaten 
ihren Schriftstellern und Verlegern gegenseitig 
Schutz gegen Nachdruck gewähren sollten. 

Die von den geschädigten Buchhändlern ge¬ 
wünschten Gesetze waren somit also endlich zur 
Tatsache geworden. Metz scheint aber einer von 
denen gewesen zu sein, die erst dann von dem 
Erfolg einer Einrichtung überzeugt sind, wenn sie 
ihn mit eigenen Augen gesehen haben, denn der 
Schlußsatz seines Absatzes über den Bücher- 
Nachdruck lautet: „Jeder rechtliche Buchhändler 
wünscht gewiß mit uns von ganzem Herzen, daß 
dieser Schandflecken, welcher der deutschen 
Literatur noch jetzt anklebt, bald vertilgt werden 
möge.“ 


1 Jenaisches Responsum juris, sammt völligem Beyfall dreier Juristenfacultäten, worinnen dargethan wird, daß 
denen Autoribus derer in Druck gegebenen Bücher und deren Cessionariis, welche von hohen Obrigkeiten keine 
privilegia darüber ausgewirkt, kein Monopolium solches Bücherverkaufs zustehe, noch vor weltlichen Gerichten ein 
Recht zukomme, andern den Nachdruck solcher Bücher zu verbieten oder wider selbige deshalb um Bestrafung an¬ 
zusuchen. Erfurt 1726. 

2 Zufällige Gedanken eines Buchhändlers über H. Klopstocks Anzeige einer Gelehrten-Republik. Leipzig 1773. 

3 Der gerechtfertigte Nachdrucker oder J. Th. von Trattners erwiesene Rechtmäßigkeit seiner veranstalteten 
Nachdrucke als eine Beleuchtung der auf ihn gedruckten Leipziger Pasquille (der Schrift von Reich). Wien 1774 - 



Digitized by ^ooQle 






Selbstankündigungen 

deutscher Schriftsteller in Hamburger Journalen. 

Von 

Dr. Maximilian Kohn in Hamburg. 


aß alle Arbeit, mithin auch die des Schrift¬ 
stellers, das Recht hat, Lohn zu suchen, 
und daß die Autoren ihre Tätigkeit in 
jeder Weise für sich zu verwerten berech¬ 
tigt sind, unterliegt keinem Zweifel. Verübelt man 
heutzutage dem schaffenden Künstler, sich durch 
Posaunentöne der Reklame dem Publikum mit 
Gewalt vernehmbar zu machen, so scheuten sich 
die Männer der Feder des XVIII. Jahrhunderts 
nicht, sich direkt an die Leser zu wenden und 
nicht selten durch urkomische Selbstanzeigen ihre 
Kauflust anzustacheln. Eine kleine Blumenlese 
derselben, die Hamburgischen Journalen entlehnt 
ist, dürfte dem heutigen Leser nicht geringes Ver¬ 
gnügen machen. 

So macht Klopstock im „Unpartheyschen Cor¬ 
respondenten" (1779 No. 7) auf eine Neuausgabe 
seines „Messias" mit der gewiß wirksamen Wendung 
aufmerksam, daß selbige „im Vergleich mit den itzigen 
gutgedruckten Büchern wohlfeil“ sei; außerdem sei 
„der beste Nachdruck in Ansehung des Correcten 
dagegen eine solche Sudeiey , daß selbst die, die 
den Nachdruck durch Kaufen in Protection nähmen, 
einen Ekel davon nehmen würden." 

Und der streitbare Senior des Rev. Min., 
Lessings bekannter Widersacher, Johan Melchior 
Goeze , zeigt, als seine Vergleichungen der Original¬ 
ausgaben der Bibelübersetzungen Luthers zur Druck¬ 
legung gelangen, in demselben Blatte sein Erzeug¬ 
nis höchst drastisch wie folgt an: „Da ich gar 
leicht an den Fingern abzählen konnte, daß es 
eine große Thorheit sein würde, wenn ich dieses 
Werk als Mittel ansehn wollte, Geld zu schneiden , 
so kann mir Niemand, der sich nicht als offen¬ 
barer Verläumder darstellen will, diese Absicht 
beimessen." 

Die wunderbarsten Selbstanzeigen finden wir 
in der ersten deutschen „. Buchhändlerzeitung* 1 (1778 
bis 1785), die, von der Heroldschen Firma in 
Wochennummem ausgegeben, eine Masse noch 
ungehobener literarischer und kulturhistorischer 
Kuriosa birgt 

In No. 51 des ersten Jahrgangs kündigt Campe 
seinen berühmten Robinson ungemein interessant 
an und setzt weitläufig auseinander, wie er durch 
die Lektüre von Rousseaus Emil auf Robinson 
Crusoe gekommen sei, und daß er trotz einer 
bereits vorhandenen pädagogischen Bearbeitung 
dieses Romans mit einer eigenartigen Neuarbeit 
aufwarten wolle. Den Pränumerationspreis müsse 
er auf 18 Groschen in Gold stellen. Die zwan¬ 
zigste Nummer des dritten Jahrgangs bringt Vossens 
Ankündigung „von der deutschen Odüssee (sic!)“ 


„Das Publikum hat sich seit einiger Zeit ein¬ 
gestellt“, heißt es im Eingänge der ellenlangen 
Nachricht, „als ob es begierig wäre, die Gedichte 
Homers, wovon man soviel Wesens macht, etwas 
näher kennen zu lernen.“ Er habe, geht es weiter, 
die Arbeit vollendet, von dem Eifer beseelt, zum 
Besten und zur Ehre des Vaterlandes etwas bei¬ 
zutragen und sich durch alle Hindernisse auf dem 
nicht sehr gebahnten Wege des homerischen Aus¬ 
drucks hindurchgeschlagen. Da er für den ge¬ 
wöhnlichen Bogenlohn eines Verlegers seine Arbeit 
nicht habe wegschenken wollen, auch den Selbst¬ 
verlag des Nachdruckes halber habe meiden 
müssen, habe er in der frohen Erwartung auf eine 
Pränumeration oder doch wenigstens Subskription 
das nötige Papier eingekauft. „Aber meine Er¬ 
wartung hat mich sehr getäuscht; ich habe nicht 
einmal soviel Subskribenten, daß mir die Kosten 
gesichert sind. Ich wenigstens glaubte, mich an 
lauter Aufrechterhalter der Wissenschaften zu wenden, 
die es so fühlten, wie man eine ungerechte Sache 
fühlt, daß für Arbeiten dieser Art in Deutschland 
keine Belohnung, oft nicht einmal Entschuldigung, 
zu hoffen sei, als etwa durch Subskription." 
„Würde er", heißt es am Schlüsse, „so gering 
unterstützt, „die Odüssee" drucken lassen, so 
kaufte der Kerl, der unter dem Schüde: Samm¬ 
lung auswärtiger schöner Geister, mit Druck und 
Papier wuchert, oder ein anderer privüegirter 
Straßenräuber eins der ersten Exemplare, druckte 
es unter dem Schutze der höchsten Obrigkeit nach 
und verkaufte mein Eigenthum für einen so bü- 
ligen Preis, daß alles zu seiner Bude lief . . . 
Ich sehe also nichts übrig, als daß ich .. . das 
Papier, das ich schon seit einem Jahre gekauft 
habe, so gut ich kann, Wiederverkäufe, und meine 
Arbeit einschließe, bis sie gefordert wird, oder bis 
unsere durchlauchtigsten Mäcenen uns wenigstens 
dasjenige, was jeder andre Bürger in einem wohl¬ 
eingerichteten Staat genießet, Sicherheit des Eigen¬ 
thums, huldreichst angedeihen lassen." (Folgt die 
Zahl der Subskribenten, knapp 300, darunter 66 
Hamburger.) Voß. 

Etwas später übermittelt er von Ottemdorf, 
Mai 1781, demselben Journal die Ankündigung 
seiner Verdolmetschung von 1001 Nacht 

„Ich habe manchmal, nicht ohne Rührung, 
dem Durste meiner lieben Landsleute nach Ro¬ 
manen und Histörchen zugesehn. Gleich den Be¬ 
lagerten, denen der Feind die Wasserröhren ver¬ 
stopft hat, lechzen sie mit heißem Munde, und 
schütten alles hinunter, wenns nur naß ist. Ich 
kanns also nicht leiden, daß man über die Herren 



Digitized by tjOOQle 




Schölermftnn, Die Erziehung zur Sehnsucht 


81 


Verleger, Übersetzer und Bücherschreiber spöttelt, 
die aus wahrer Menschenliebe ihre Keller und 
Vorrathskammer aufschließen, was da ist, ihren 
armen Nächsten, für eine billige Vergütung, freund¬ 
lich mittheilen. Man sagt, der eine zapfe ver- 
rochenen Franzwein, der andre saures englisches 
Bier, dieser einheimischen Krezer, jener schaligen 
Kofent, oder ein dickes süßliches Gesöff das mit 
Empfindsamkeit, Zoten, Afterlaune, Scheniewesen 
und anderen berauschenden Siebensachen abge¬ 
zogen sei, und mancher schöpfe sogar, ich weiß 
nicht woraus. Das mag alles sein, es kühlt doch 
die Zunge, und ein Schelm giebts besser, als ers 
hat“ Dann geht er auf das Unternehmen ge¬ 
nauer ein und nennt die alte deutsche Übersetzung 
des Werkes nach der Gallandschen französischen 
Bearbeitung „für ihre Zeiten schlecht und für die 
unsrigen ganz unbrauchbar“. Wie muß Voß aber 
erstaunt gewesen sein, als er dicht unter seiner 
Ankündigung Gottfried August Bürgers, der gleich¬ 
falls aus dem Oriente Seide spinnen wollte, drastische 
Eröffnung las, datiert: Altengleichen, den 9. März 
1781: 

„Help Gott met Gnaden! 

Hie ward ok Seepe gesaden (Seife gesotten.) 

„Der Einfall, aus den bekannten morgenländi¬ 
schen Märchen 1001 Nacht, etwas Lesbares für 
ein leselustiges Publikum zu machen, ist schon 
seit einigen Jahren auch der meinige. Allein bei 
dem in jetzigen Zeitläuften so regen Eroberungs¬ 
triebe, ist es fäst unmöglich, irgendwo possessionem 
vacuam zu finden; es wäre denn, daß man aus 
den verborgensten Tiefen sein selbst, wo freilich 


die rechten wahren Schätze, welche die Motten 
nicht zernagen, und nach denen sogar die Diebe 
nicht graben, verborgen sind, eine nagelneue 
Schöpfung hervorarbeitete. Und auch da, wie 
leicht geschieht es nicht, daß die beaux esprits 
in geheimster Finsternis einander begegnen und 
unvermutet mit den Köpfen zusammenrennen. 
Wäre mein Einfall noch Embryo, oder stände er 
nur noch auf meinem eigenen und nicht wirklich 
schon gutenteils auf des Verlegers Papiere, wäre 
sogar die Hand des Zeichners und Kupferstechers 
nicht um deswillen schon aufgeboten und in Be¬ 
wegung gesetzt, so würde ich jetzt nicht aufstehen, 
als wollte ich Herrn Voß, von welchem ich die 
Ankündigung einer ähnlichen Arbeit soeben lese, 
den Markt verderben ... So sind denn also nun 
zwey Buden offen, und die Kränze ausgesteckt 
Man komme und genieße nun, ohne allen dem 
Matrosenpressen ähnlichen Zwang, nach Belieben!“ 

Ob Bürger übrigens nicht mit seiner Behaup¬ 
tung vom Beginn des Druckes etwas geflunkert 
hat? Während Vossens Übertragung wirklich er¬ 
schien, kennt die deutsche Literatur eine derartige 
Arbeit Bürgers nicht 

Schließen wir mit der naiven Anzeige eines 
späteren Hamburger Richters, der seine Erzeug¬ 
nisse über den Hanseatischen Bund und andere 
„häußliche Ausarbeitungen“ dem Publikum emp¬ 
fiehlt, dessen Beutel nicht sehr angegriffen werden 
würde, denn „da ich mit den Wissenschaften noch 
nicht lange vertraut bin, so können meine Kinder 
auch nicht sehr groß, auch derselben nicht sehr 
viel seyn.“ 



Die Erziehung zur Sehnsucht. 

Ein Beitrag zur Ästhetik des modernen Buches. 

Von 

Wilhelm Schölermann in Kiel 


. . . O meiner Seele Höchstes! 

Kennst du sie, die Freude des ruhigen Denkens? 

Die Freude des freien und einsamen Herzens, des zärtlichen, 
trauernden Herzens? 

Die Freuden des einsamen Spazierganges, da das Gemüt 
niedergedrückt und doch stolz ist. 

Das Leiden und mit sich Ringen? 

Die ahnungsvollen Freuden höherer besserer Liebesideale.... 

der süße, der ewige, der vollkommene Kamerad! 
Das sind deine eigenen unsterblichen Freuden, deiner würdig, 
o Seele! 

Walt Whitman („Sang von mir selbst**). 


ei Hermann Costenoble in Berlin ist jüngst 
ein Buch erschienen mit ungewöhnlich 
großem Textdruck und neuartigen IUu- % 
strationen, unter der Überschrift „Die 
Erdehung sur Sehnsucht. Wort und Bild von 
Theodor Johatmseri (4 0 . 148 Seiten). 

Der Verfasser ist Maler. Als Künstler hat er 
seine innere Welt, sein Ich zu einem Symbol des 
Z. I B. 1904/1905. 



Reinmenschlichen zu vertiefen und zu erweitern 
versucht, etwa in dem Sinne der obigen Zeilen aus 
den „Grashalmen“. Nur, daß hier das Bekenner¬ 
buch eines Malers naturgemäß etwas engere Kreise 
zieht, als das kosmische Werk des großen Ame¬ 
rikaners. Aber mit zwiefacher Ausdrucksfähigkeit: 
in „Wort und Bild“ hat sich Theodor Johannsen 
in sein Werk hineingeschrieben. 

11 


Digitized by LjOOQle 



82 


Schölermann, Die Erziehung zur Sehnsucht 



Da uns hier neben dem Bilde das Wort erst 
an zweiter Stelle angeht, so mag es genügen, den 
Inhalt kurz anzudeuten. 

In einer Art malerischem Glaubensbekenntnis 
unter novellistischem Gewände gibt der ringende 
Künstler eine Reihe kinematographischer Moment¬ 
aufnahmen , bei denen Dichtung und Wahrheit in 
einander fließen. Er gewahrt sich selbst als einen 
Gefangenen, der aus seiner Beengtheit auf das 
Leben blickt, aus einem der „großen Käfige mit 
den vielen Gucklöchern“. Wie so viele Menschen 
mit stärkerem oder weicherem Hang, mit Hoffen 
und Harren in Ungewißheit, sucht er einen Halt, 
eine Stillung für die nimmerruhende Sehnsucht 
nach Erfüllung, für die Rechtfertigung der inneren 
Stimmen — das Jawort der Selbstbestätigung 
sucht er. Doch diese große Selbstbejahung ist 
im Leben fast unerfüllbar. Nur wenige Sonntags¬ 
kinder dürfen sie ahnend fühlen. Der Widerspruch 
mit der Wirklichkeit hält die Wunde nach außen 
immer offen. So flüchtet der dichterische Mensch 
zurück zu sich selbst, in die freiwillige Einsamkeit 
In enthaltsamer Selbstgenügsamkeit findet er seine 
innere „Züchtung zum Menschen“, seine Plastik der 
Seele und seine Farbe der Entschließung wieder. 

Diese Selbstbestimmung und langsam vor¬ 
rückende Abrundung und Formung des weichen, 
eindrucksfähigen Tons der Seele zu marmorharter 
und dauernder Plastik, diese allmähliche Vollendung 
der Menschen ist aber trotzdem unmöglich ohne 
einen beständigen Anreiz, ohne den Stachel des 
nimmer dauernd Befriedigtsein-Dürfens. „Sehnsucht 
erwecken, die umhertastenden Kräfte sammeln zu 
einem starken Wollen, ein Hoffen zu packen, das 
über uns hinaus eine ewige Bahn hinfliegt, ob es 
sich stillen könnte an einer unerschöpflichen Fülle... 
so ging ich meiner Arbeit nach, so lag ich im 
Ruhen, so vollbrachte ich, was die Umgebung for¬ 
derte.“ — Dieser Gedanke zieht sich wie ein roter 
Faden durch die Erzählung. Wie ein aus verbor¬ 
genem Felsspalt sprudelnder Quell, der in der 
Sonne nur für einen Augenblick aufblitzt, dann 
hinter Moos und Steingeröll wieder verschwindet, 
bis er tiefer unten, bald stärker, bald leiser plät¬ 


schernd seine Zickzackbahn weiter verfolgt, so ist 
dieses Suchen und Sehnen im Leben — im ewigen 
Einerlei des Tagewerks, wo so viel Sehnen „ver¬ 
schüttet wird“ über den Felsspalten der berges¬ 
hohen Hindernisse! Vorüber zieht er an der reichen 
blendenden Palastfassade, ebenso wie an trostlosen 
Mietskasernen; in Wochen drückender Sorgen voll 
freudloser Tage und schlafloser Nächte. So will 
es der ewige Kreislauf, der zeugende Drang der 
Welt. Sein Sinnbild ist diese nimmermüde Sehn¬ 
sucht als künstlerische Weltanschauung; ihm geweiht 
zu sein, ist — Künstlers Erdenwallen ... 

Soweit der Inhalt in nuce, dem ich nicht er¬ 
zählend vorgreifen möchte. Aber die buchtechnisch¬ 
künstlerische Ausstattung scheint um so mehr eines 
näheren Eingehens wert, weü sie vom ästhetisch- 
ülustrativen Gesichtspunkt betrachtet einen auffal¬ 
lend kühnen Griff, eine letzte Konsequenz darstellt 

An und für sich sind schon die ungemein großen 
Drucktypen zu loben, da sie dem Seitenbild seinen 
vornehm-verschwenderischen und dabei doch ernsten 
Charakter geben. Dieser kräftgen Prägung entspricht 
eine in starken Gegensätzen von schwarz und weiß 
wirkende Illustrierung, von der wir hier einige Proben 
zeigen. 

Ich gestehe, daß mir anfangs selber das ganz 
reine, tiefste Schwarz so unmittelbar neben und 
auf dem papiemen Weiß im Buche ein gelindes 
„Gruseln“ gab. Bei den mir vom Künstler vor 
dem Druck einzeln gezeigten Originalblättem war 
mir das kaum aufgefallen. Da diese jedoch un- 
verkleinert reproduziert wurden, liegt das Über¬ 
raschende jedenfalls nicht in der eigentlichen 
Zeichnung, sondern ist im Kontrast begründet. 
Dieser freüich ist gewagt. Aber sobald man sich 
in die einzelnen Zeichnungen vertieft, schwindet 
das erste störende Gefühl und es steigt dafür die 
Erkenntnis der ganz bewußten Absicht des Künstlers 
empor. Hier wollte er gar nicht etwa einzelne 
Afa/Kreindrücke mit der Feder festhalten und ihre 
buntfarbige Mannigfaltigkeit in schwarze und weiße, 
halbe und viertel Töne »übersetzen«; er wollte 
Ideen im Sinnbilder lose nur an die äußere Wirk¬ 
lichkeitsform sich anlehnend, wie Schlagschatten 


Digitized by kjOOQle 




Digitized by t^ooQie 



* 















Vollbild atu Johannsen „Die Erziehung zur Sehnsucht**. 


Jinft für Bücherfreunde VIII. 


Zu Schölermann Die Erziehung zur Sehnsucht. 

Digitized by Google 






Vollbild aus Johannsen „Die Erziehung zur Sehnsucht". 


Zeitschrift für Bücherfreunde VIII. 


Zn Schölermann; Die Erziehung zur Sehnsucht 

Digitized by vJiOO^iC 




Digitized by t^ooQie 



Schölermann, Die Erziehung zur Sehnsucht. 


83 


gegen eine weiße Wand projizieren. So verstehen 
wir erst ihre fast unvermittelte Schärfe, ihre gleich¬ 
sam tragische Verschwiegenheit des undurchdring¬ 
lichen Nachtdunkels, aus dem das Licht zitternd 
geboren wird. Hier liegt eine letzte ästhetische 
und rein technische Konsequenz in der Verfolgung 
künstlerischer Ausdrucksform. 

Was wir vielleicht für unbeabsichtigte Über¬ 
treibung hielten, wird somit zum eigentlichen Grund¬ 
charakter dieser Illustration, zur „Qualität“ Es liegt 
in dem Schwarz eine gewisse sinnliche Glut des 
Tons, eine verborgene Wärme, fast Inbrunst urtiefer 
Zeugung, zugleich auch etwas Unerbittliches und 
Unzerstörbares. Immer der zeugende Drang der 
imgeborenen Welt; und nun das Licht ganz un¬ 
gebrochen, — „quintessence pure (wie Milton sagt), 
sprang from the deep . . . its joumey thro the 
aöry gloom began“ — als Gegengewicht zur ewigen 
Nacht Als Zwischenstufe für Übergangstöne bleibt 
die ungemein lebendige, netzartige Schraffierung, 
eine Technik, mit der sich fast „alles machen 
läßt“. Dieses Netz in seiner Verbindung mit dem 
Schwarz bedeutet eine Abstraktion des künstlerischen 
Motivs, eine Vergewaltigung und Auflösung aller 
formellen Gegenständlichkeit , in der technischen 
Wirkung. 

Nur drei Büder möchte ich herausgreifen. Da 
ist die ganz einfache Kopfleiste auf Seite 131: Ein 
paar zitternde Halme, die sich im Windhauch neigen, 
gedruckt in wenigen Tonwerten. Sie genügen aber 
vollkommen, um gleichsam die Stimmgabel oder 
Tonleiter anzuschlagen für das folgende Kapitel; 
diese leise schaukelnden Halme sind Symbole, eine 
von den vielen Möglichkeiten, das Nimmerruhende, 
Stillwirkende im All zu verbildlichen, das „irdvra 
xujpcl“ des Herakleitos anzudeuten. 

Sehen wir uns nun das Vollblatt auf Seite 124 
an, so braucht das unvorbereitete Auge Zeit, um 
sich zurecht zu finden und an diese unerbittliche 
Schwärze zu gewöhnen. Dann begreift es aber 
auch die Bedeutung dieser Unergründlichkeit und 
diesen halbsichtbaren Leib des zweifelnden Men¬ 
schen, der am nächtlichen Strande der Natur gewal¬ 
tiges Geheimnis zwar belauschen, aber nicht er¬ 
klären kann. „Und sehe ein, daß wir nichts wissen 
können . . Die Kontraste sind hier bis zur 
Grausamkeit gesteigert: über dem Schwarz des 
Meeres und Himmels ziehen die langen Wolken¬ 
streifen verdämmernd hin; vom am Strande eine 
schärfere, fast greifbare Helle, wie an „des Ufers 


Hoffnung“; wohl etwas wirr und teilweise schon 
hart niedergebeugt, aber doch nie mit den Händen 
faßbar. Vor diesem Hoffnungslicht aber liegt der 
schwarze Schattenriß des nackten Menschenkörpers, 
dessen Haupt oben schon unsichtbar in der Nacht 
des Unerforschlichen verschwindet, so daß seine 
Kopfrundung nur noch hinten vor dem einen 
Wolkenstreifen fühlbar bleibt, dicht über der ge¬ 
raden Horizontlinie. Bedarf dieses Büd noch wei¬ 
terer Erklärung? — 

Auf dem Blatt Seite 117 sind eigentlich nur 
zwei einfache Ton werte gegen einander gestimmt: 
Vollschwarz als Schatten und darüber ein fun¬ 
kelndes, brütendes, kosmisches Licht — zeugendes, 
zitterndes Allleben. Es dringt nach jeder Richtung 
hin, gleichmäßig verteüt, ein ungeheures Auge. 
Schroff hebt sich am Hintergründe die schwarze 
Wand wagerecht, der Baumstamm dagegen vome 
fast senkrecht aufstrebend gegen die befruchtende, 
glühwarme Dämmerung ab, daneben die biegsamen 
Leiber der Menschen in zarten Silhouetten von leise 
atmendem Fleisch . .. 

Dieses Liebespaar denkt nicht mehr an Liebe, 
es lauscht nur. Kein Sehnen hier, nur ein stilles 
Sichverlieren in des Augenblickes unaussprech¬ 
lichem Sein, ein wunschloses Hineinhorchen in 
das All, ein auf sich Beruhen, eine freie Gebunden¬ 
heit in wortlosem Erkennen. Hier ist selbst alles 
Wünschen vorübergehend zum Schweigen gebracht, 
ist keine Rede vom „Anfang“ oder vom „Ende“ 
— der Augenblick ist Alles. 

Mit diesem Versuch, einige der Johannsen- 
schen Blätter zu verdolmetschen, mag es genug sein. 

Es gibt zwei Möglichkeiten der künstlerischen 
Buchillustration: die konkrete und die abstrakte. 
Die erste ist traditionell und zum Teil schon ver¬ 
braucht, wenn auch stets eines größeren Publikums 
sicher. Ihr genialster Vertreter ist Menzel. Die 
zweite ist noch gänzlich unverbraucht, ihr Wirkungs¬ 
kreis muß naturgemäß ein viel kleinerer bleiben; 
aber er kann, wenigstens für Liebhaber und Buch¬ 
sammler, vorläufig noch wachsen. Ja, ihre Mög¬ 
lichkeiten sind beinahe unerschöpflich, weil diese 
sich noch über den textlichen Inhalt oder „Stoff“ 
hinaus steigern und ins Absolute oder Symbolische 
erweitern lassen. 

Die bisherige Buchillustration beruht auf der 
Erzählung. Sie ist ihrem Wesen nach episch . Die 
neue sucht die Stimmung. Sie ist eine buchkünst¬ 
lerische Lyrik. 



Digitized by 


Google 






Chronik. 


lfr. William Mitchells Geschenk illustrierter 
alter Druckwerke an das British Museum. 


Bereits im Jahre 1895 hatte Mr. Mitchell dem 
Londoner Kupferstichkabinett eine wertvolle Samm¬ 
lung deutscher und anderer frühzeitiger Holzschnitte 
geschenkt Vor kurzem überwies er nunmehr dem 
British Museum gegen 150 mit alten Holzschnitten illu¬ 
strierte Bücher, von denen mehr als die Hälfte wichtig 
ist für die Gtschichie der Buchillustration . Nur die 
Berliner königlichen Sammlungen — dank der Be¬ 
mühungen des verstorbenen Dr. Lippmann — besaßen 
eine annähernd vollständige Serie von Büchern mit 
alten Holzschnitten. Durch obige Schenkung hat das 
British Museum jetzt so ziemlich in der genannten 
Spezialität die Berliner Kollektion eingeholt 

Der Name Mr. Mitchells als eines hervorragenden 
Sammlers wird hauptsächlich in Verbindung mit Dürer 
und Holbein gebracht werden müssen. Die meisten 
in seinem Besitz gewesenen, von Dürer illustrierten 
Werke hatte er dem Museum schon 1895 überwiesen; 
jetzt jedoch wurden alle noch vorhandenen Lücken 
namentlich durch früher als 1511 erschienene Drucke 
ausgefullt Unter letzteren sind besonders zu erwähnen: 
„Hrosvite Opera'* (1501), „Quatuor Libri amorum“ von 
Konrad Geltes (1502) und von demselben „Guntherus 



Exlibris, ansgsfiihrt tob Marie Stüler-Wal de (f). 


Ligurinus de gestis Imperatoris Friderici primi“ (Augs¬ 
burg 1507). Einige wenige Exemplare, zu denen dies 
gehört, enthalten den seltenen Holzschnitt Dürers 
„Philosophie* und eine andere, gleichfalls Dürer, aber 
mit nicht genügenderBeweiskraft zugeschriebene Arbeit 
„Apollo auf dem Parnaß.** Die gewöhnlichen Ausgaben 
des genannten Buches, sowie auch das bisher in der 
Bibliothek des British Museum aufbewahrte Exemplar 
führen leere, unausgefullte Blätter an der Stelle, in 
welcher bei dem Band aus Mr. Mitchells Besitz der 
erwähnte Holzschnitt sich befindet. Das vorliegende 
Exemplar ist außerdem um so interessanter, weil es 
von der Hand des Augsburger Humanisten und Alter¬ 
tumsforscher Peutinger eine Dedikation enthält Peu- 
tinger war der erste, der in dem Werke „Romanae 
vetustatis fragmenta in Augustana Vindelicorum** (Augs¬ 
burg 1505) römische Steininschriften veröffentlichte. Ein 
bleibendes Andenken erwarb er sich aber durch die 
Erhaltung der nach ihm benannten „Tabula Peu- 
tingeriana,“ einer Karte, welche die Militärstraßen durch 
den größten Teil des weströmischen Reiches angibt 
Peutinger erhielt sie von Konrad Celtes, und nach den 
mannigfachsten Schicksalen erwarb Prinz Eugen von 
einem Buchhändler die Karte und schenkte sie der 
kaiserlichen Bibliothek in Wien, wo sie noch gegenwärtig 
auf bewahrt wird (vergl Müler, Die Weltkarte des Casto- 
rius, genannt die Peutingersche Tafel. Ravensburg 1888). 

Von anderen seltenen Drucken sind in der Mit- 
chellschen Schenkung vorhanden: Die Revelationen 
St Brigittens in der deutschen Ausgabe von 1502 und 
in der lateinischen von 1517; ferner Dürers Fortifikations- 
werk in den beiden Ausgaben von 1527 und das über 
die Messungen aus dem Jahre 1538. 

Nicht minder entbehren des Interesses die aus 
Pirkheimers Bibliothek hier vereinigten Bände, so na¬ 
mentlich Plutarch, Lucian und andere von Peypus 
gedruckte, sowie mit der Pirkheimerschen, auf dem Titel 
blatt angebrachten, aber gewöhnlich Dürer zugeschrie¬ 
benen Randleiste. Einige Bücher besitzen Bordüren 
von Schülern Dürers, wie von Springinklee und 
Erhard Schön. 

Die Anzahl der vorhandenen, durch Holbein 
Ülustrierten Werke beträgt 40. Mit Ausnahme der 
Baseler Sammlungen dürfte kein Institut nunmehr so 
vollständig sowohl in einzelnen Holzschnitten als auch 
in solchen, die zur Illustration von Büchern dienen, wie 
das British Museum ausgestattet sein. So finden wir 
hierselbst vornehmlich eine Anzahl von frühen Baseler 
Ausgaben, unter denen besonders die „Utopia** (1518) und 
eine Reihe von Neuen Testamenten in fremden Sprachen 
hervorgehoben werden müssen. Demnächst ist die 
Sammlung reich an frühen in Lyon gedruckten Aus¬ 
gaben. Sie enthält nicht weniger als acht von den be¬ 
kannten elf Ausgaben des Totentanzes (1538 bis 1562), 
sowie dieselbe Anzahl des mit alten Holzschnitten ver¬ 
sehenen Alten Testaments, wenn wir die drei lateinischen 
Bibeln von 1538, 1544 und 1551 hinzurechnen. Recht 
bemerkenswert sind außerdem fünf alte Büderbücher 
mit kurzem Text 


Digitized by Google 


Chronik. 


85 


Seltener, aber nicht so wichtig ist ein kleiner in 
einem Band zusammengefaßter Satz mit Probedrucken 
von acht Illustrationen des Vater Unsers von dem 
Stecher mit den Buchstaben „C. V.“ bezeichnet und 
ungefähr 1523 in zwei Ausgaben in schlechtem Druck 
hergestellt In der „Precatio Domini“ von Erasmus 
haben die Probeblätter in Basel deutschen, in dem 
Satz der Mitchell-Sammlung französischen Text an 
dem Kopf des Blattes, ein Umstand, der bisher noch 
nicht zur Beschreibung gelangte. Derselbe „C. V.“ stach 
in Metall die Evangelisten im Griechischen Testament 
von 1524 und 1540 und lieferte, so weit es sich um die 
vorliegende Kollektion handelt, nach Holbein die besten 
Illustrationen. Der Meister „J. F.“ (Jakob Faber) ist in 
der Sammlung nicht vertreten, dagegen Nikolas Bour¬ 
bon mit zwei aus Lyon, 1536 und 1538 datierten Drucken. 

Von englischen Werken sollen als die bedeutendsten 
genannt werden: Lelands „Naeniae“ (1542) mit dem 
Porträt von Sir Thomas Wyatt in Holzschnitt, „A little 
Treatise“ von Urbanus Regius (1548), Cranmers Ca- 
techismus (1548), gleichfalls mit Holzschnitten versehen, 
Halles Chronicle (1548—1550) mit dem großen Porträt 
Heinrichs VIII. und der „Catechismus brevis“ (1553) 
mit der außerordentlich hübschen Druckermarke Re¬ 
ginald Wolfes. 

Aus dem XV. Jahrhundert weist die Mitchell-Samm¬ 
lung nur zwei, aber bedeutsame Werke auf: „Sanctae 
Peregrinationes“ von Breydenbach in der ersten latei¬ 
nischen Ausgabe (i486) und einen prachtvollen „Schatz- 
behalter“ (Nürnberg 1491) inKobergersOriginaleinband 
mit den kolorierten Holzschnitten Wohlgemuths. 

Unter den nicht zu häufig vorkommenden, in der 
Kollektion vertretenen Drucken des XVI. Jahrhunderts, 
in treuer Begleitung des Holzschnittes, sind erwähnens¬ 
wert: Bonaventuras „Legende des heiligen Franziscus“ 
(Nürnberg 1512) mit Holzschnitten von Wolf Frank, 
Pinders „Speculum Passionis“ (1507), illustriert von 
Schäufelein, die zweite Ausgabe des „Theuerdank“ 
(1519), Mans „Leiden Jesu Christi“ (Augsburg 1515), 
illustriert von Schäufelein, Burgkmair und Breu, „Das 
Leben von St. Ulrich, Simpertus und Afra“ (Augsburg 
1516) mit Holzschnitten von Leonhard Beck, einige 
Ausgaben von Sebald Behams Bibelholzschnitten und 
Cranachs „Passional Christi und Antichristi." 

Weechtlins Serie von Passions-Holzschnitten sind 
vorhanden in der seltenen, undatierten Straßburger 
Ausgabe mit seinem Namen auf der Titelseite. Ferner 
gehört hierher die „Passion“ von Urs Graf (1507). Das 
British-Museum besitzt bereits die noch seltenere Aus¬ 
gabe von 1506. 

Mehrere Werke sind mit ausgezeichneten Holz¬ 
schnitten versehen von dem Augsburger, unter dem 
Namen „Pseudo-Burgkmair" bekannten Künstler, dem 
sogenannten „Petrarcha-Meister“ oder „Meister vom 
Trostspiegel.“ Die beiden Bezeichnungen stammen aus 
der illustrierten Übersetzung von Petrarchas „De Re- 
mediis utriusqueF ortunae“, einer vonGrimm und Wirsung 
vorbereiteten Ausgabe, die aber das Licht der Welt nicht 
früher als 1532 erblickte, als sie nämlich durch Steiner 
verausgabt wurde. Der Trostspiegel enthält zwei Holz¬ 
schnitte mit den Initialen „H. W.“, welche kürzlich von 



Exlibris, ausgeführt von Marie Stüler-Walde (f). 


Dr. Röttinger als „Hans Weidlitz“ identifiziert wurden, 
einem Mitglied jener Straßburger Familie, die sich 
später in Augsburg niederließ. 

Endlich sind mehrere, nicht uninteressante Bücher 
aus der Reformationszeit vorhanden, die fast alle de¬ 
korierte Titelblätter aufweisen. Namentlich will ich 
noch ein sehr schönes Exemplar der „Contemplatio 
Vitae et Passionis D. N. I.C.“ (Venedig 1557) erwähnen, 
das durch Abbildungen von Dürers „Leben der Jungfrau“ 
illustriert ist. 

London. O. v . Schleinitz . 


Encyklopädien. 

Von der Neuen Revidierten Jubiläumsausgabe 
(14. Auflage) des Brockhausscken Konversations- 
Lexikons sind die letzten Bände (14—16) erschienen. 
Ich finde in meiner Bibliothek noch einen alten Brock¬ 
haus, der zu interessanten Vergleichen auffordert Es 
ist die „siebente Originalauflage“ der „Allgemeinen 
deutschen Real-Encyklopädie“, die an zweiter Stelle 
den eingeklammerten Titel „Conversations-Lexikon“ 
führt, Leipzig 1827. Auf dem Titelblatt des ersten 
Bandes steht als Motto folgender charakteristischer 
Vers Calderons: 

„Wie sie der Verfasser schrieb, 

Nicht wie sie der Diebstahl druckte, 

Dessen Müh' ist, daß er richte 
Andrer Mühe stets zu Grunde.“ 


Digitized by LjOOQle 




86 


Chronik. 


Brockhaus muß also schon damals üble Erfahrungen 
mit Nachdruckem gemacht haben. Im Vorwort der 
VII. Auflage werden nur zwei s. Z. noch nicht voll¬ 
endete „ähnliche Werke“ erwähnt, die in Wien und 
Köln erschienen. Aber auch direkte Nachbildungen 
traten schon auf; so begann Pierers „Universal-Lexikon“ 
bereits 1824 in Altenburg zu erscheinen. Diejenige 
Encyklopädie, in deren Titel das Wort „Konversations- 
Lexikon“ zum ersten Male vorkommt, war Hübners 
„Real-, Staats-, Zeitungs- und Conversadons-Lexikon“ 
(Leipzig 1704). Renatus Löbel und Chr. W. Franke 
begründeten 1795 ein auf 6 Bände geplantes „Conver¬ 
sadons-Lexikon mit vorzüglicher Rücksicht auf die 
gegenwärtigen Zeiten“. Als Verleger zeichnete F. A. 
Leupold in Leipzig, der aber nach dem vierten Bande 
absprang; der fünfte trug als Verlegerfirma den Namen 
J. C. Weither in Leipzig, der sechste wieder einen 
anderen: J. G. Herzog in Leipzig. Aber der eigent¬ 
liche Verleger dieses sechsten Bandes war bereits 
F. A. Brockhaus, der 1808 das Lexikon gekauft hatte 
und es nun rasch (mit „Nachträgen“ 1809 und 1811) 
zu Ende führte. Die zweite, gänzlich umgearbeitete 
Auflage (Altenburg und Leipzig 1812—1819, 10 Bände 
in kl. 8°) redigierte Brockhaus selbst mit Unterstützung 
seines Freundes Dr. L. Hain. Damit begann das 
Konversadons*Lexikon so recht eigentlich seinen Sieges¬ 
lauf. Die dritte und vierte Auflage waren nur Be¬ 
arbeitungen; zur fünften (1819—1820, 10 Bände) wurde 
bereits eine Anzahl von Fachgelehrten herangezogen 
und der Bearbeitung ein bestimmtes wissenschaftliches 
System zugrunde gelegt. Von der fünften bis zur 
elften Auflage wurde der Titel „Conversadons-Lexikon“ 
nur als Zusatz für „Real-Encyclopädie“ gebraucht. 



Exlibris, ausgeführt von Marie Stüler-Walde (f). 


Erst die zwölfte Auflage (1875—1879, 15 Bände) führte 
den Namen „Conversadons-Lexikon“ als Hauptdtel. 
Bei der dreizehnten (1882—1887, 16 Bände) begann 
der IUustradonsschmuck (ein eigener „Bilder-Adas“ 
zum Lexikon war schon früher erschienen); von der 
vierzehnten ab wurde der Titel „Brockhaus’ Konver- 
sadons-Lexikon“ angenommen — sie erschien 1892 bis 
1895, hundert Jahre nach dem Beginn der ersten Auf¬ 
lage. Von ihr wurden 1898 eine „Revidierte“ und seit 
1901 eine „Neue Revidierte Jubiläums-Ausgabe“ in den 
Handel gebracht Letztere liegt nunmehr, bis auf den 
noch ausstehenden Supplementband, beendet — und 
in der Tat auch vollendet — vor. 

Inzwischen ist auch Meyers Großes Konversations- 
Lexikon (Leipzig, Bibliographisches Institut) in seiner 
sechsten neubearbeiteten Auflage um zwei Bände ver¬ 
mehrt worden: den vierten und fünften. Im vierten 
(„Chemnitzer bis Differenz“) nimmt „Deutschland“ den 
Hauptraun ein, nämlich an 150 Seiten. In der Dar¬ 
stellung der Geschichte Deutschlands ist bereits der 
Aufstand in China und der in Venezuela berücksichtigt 
worden; der Abschluß bringt den Besuch des Kaisers 
Wilhelm in Rom im Mai 1903. Bibliographisch vor¬ 
trefflich zusammengestellt und wohl lückenlos ist die 
Literatur zur Geschichte Deutschlands. Dazu gehören 
ferner sechs Geschichtskarten, beginnend mit einer 
Karte Deutschlands um das Jahr 1000, eine Karte der 
deutschen Mundarten, der Volksverbreitung in Mittel¬ 
europa, der Bevölkerungsdichtigkeit, der Mineralien, 
der Klimate, der Kolonien u. s. w. Die farbigen Bei¬ 
lagen sind musterhaft ausgeführt; besonders erwähnt 
sei das Blatt mit den Reichskleinodien. Die Bearbei¬ 
tung des Abschnitts „Deutsche Literatur“ zeugt von 
guter Beherrschung des Ungeheuern Stoffes; sogar die 
jüngsten Erfolge, wie Frenssens „Jörn Uhl“ und die 
Überbrettl-Lyrik, hat der gewissenhafte Chronist notiert. 
— Band vier umfaßt die Worte „Differenzgeschäfte“ 
bis „Erde“. Eine prachtvoll ausgeführte Tafel „Drei¬ 
farbendruck“ gibt die bildliche Erläuterung zu der 
Texterklärung dieses graphischen Verfahrens, das auch 
zum vierten Bande des Lexikons eine Anzahl Schmuck¬ 
stücke beisteuert (vergl. die Farbentafeln „Edelsteine“, 
„Vögeleier“, „Elektrische Entladungen“). Den Artikel 
„Dziatzko“ hätte ich mir ein wenig ausführlicher ge¬ 
wünscht; die große Bedeutung dieses Begründers der 
modernen Bibliothekswissenschaft wird man vielleicht 
erst in späteren Zeiten voll würdigen lernen. Unter 
„E“ nehmen die Aufsätze „Eisenbahn“ und „Elektrizi¬ 
tät“ mit allem, was damit zusammenhängt, den breite¬ 
sten Raum ein; erklärende Tafeln und Textillustrationen 
sind in Fülle beigegeben; eine besondere Beilage zeigt 
die Entwicklung des Ebenbahnnetzes der Erde von 
1840—1901 in anschaulichen Tabellen. A 


Kunst 

Meisterwerke der Porträtmalerei auf der Aus¬ 
stellung im Haag 1903. Herausgegeben von C. Hof 
steede de Groot. Verlagsanstalt F. Bruckmann, A.-G. 
in München. Fol. 65 Tafeln in Lichtdruck und 47 


Digitized by 


Google 



Chronik. 


87 



Exlibris für Volksbibliotheken von Joseph Sobainsky. 
Erster Preis im Preisaasschreiben des Deutschen Exlibris-Vereins. 


Seiten Text In 200 Exemplaren gedruckt. (In Leinen¬ 
band 80 Mk.) 

In ähnlicher Weise wie die große (Amsterdamer 
Rembrandt-Ausstellung im Jahre 1898 und wie die 
Brügge-Ausstellung hat vorjährig auch die vom Haager 
Kunstverein veranstaltete Ausstellung altholländischer 
Porträts die Aufmerksamkeit der Kunstfreunde auf 
sich gelenkt Dr. A. Bredius, dem umsichtigen und 
verdienstvollen Direktor der Königl. Gemäldegalerie 
im Haag, der an der Spitze des Komitees für die Aus¬ 
stellung stand, gelang es, wenn auch nach unsäglicher 
Mühe, eine stattliche Reihe zum großen Teil der Öffent¬ 
lichkeit ganz unbekannter Bilder holländischer Meister 
aus Privatbesitz aufzutreiben: aus holländischen Patri¬ 
zierfamilien, in denen noch mannigfach höchst interes¬ 
sante alte Ahnengemälde aufbewahrt werden, aus 
Pariser, Berliner, Londoner Sammlerkreisen und end¬ 
lich aus dem Besitz polnischer Adelsgeschlechter, deren 
Vorfahren die holländische Porträtkunst in ihrer Blüte¬ 
zeit zu schätzen wußten. So kam eine Ausstellung zu¬ 
stande, die schon deshalb für den Forscher wie für den 
Kunstfreund im allgemeinen von großer Bedeutung 
war, weil sie tatsächlich im wesentlichen Unbekanntes 
bot, und bei den vielen, die sie nicht gesehen hatten, 
wurde der Wunsch rege, die hauptsächlichsten Por¬ 
träts wenigstens in Reproduktion festzuhalten — ein 
begreiflicher Wunsch, wenn man bedenkt, daß diese 
höchst interessante Sammlung nach beendeter Aus¬ 
stellung wieder aufgelöst wurde und die einzelnen 
Stücke auf vermutlich Nimmerwiedersehen in den 
Privatbesitz zurückwanderten. 

Nun ist es freilich ein eigen Ding um die Repro¬ 
duktion von Gemälden. Man hat ja versucht, die 
BÜder alter Meister im Dreifarbendruck wiederzugeben 
und hat in dieser Beziehung, vom graphischen Stand¬ 
punkt betrachtet, Erstaunliches geleistet Aber dennoch 
nichts Künstlerisches. Die feine Ausbüdung des Hell¬ 
dunkel, die die ganze Stufenleiter der Farbentöne in 
ihren diffizilsten Varianten umfaßt, läßt sich im farbigen 
Druck tatsächlich nicht wiedergeben. Die Verlags¬ 
anstalt Bruckmann hat deshalb aus künstlerischem 
Empfinden heraus bei ihrer Sammlung der interes¬ 
santesten Bilder jener Ausstellung auf mehrfarbige 


Reproduktion verzichtet und das einfarbige Lichtdruck¬ 
verfahren gewählt 

Die Photographie spielt hierbei eine große Rolle. 
Der Lichtdrucker muß auch ein ausgezeichneter Photo¬ 
graph sein. Diese photographischen Aufnahmen hat 
die Firma Bruckmann nun selbst besorgt und nach 
ihnen eine Reihe von Lichtdrucken hergestellt, die 
wahrhafte Meisterwerke ihrer Art sind. Sie geben 
jede Nuancierung der Photographie wieder, jede Fein¬ 
heit der Zeichnung und Tönung, wirken aber viel künst¬ 
lerischer als diese, zumal, wenn wie hier, ein Papier 
gewählt wird, das die Weichheit des Tons in voller 
Schönheit wiedergibt. 

Den Text zu dem neuen Bruckmannschen Werke 
verfaßte einer der besten Kenner der holländischen 
Malerei, Dr. C. Hofsteede de Groot, der auch die 
Auswahl der Bilder getroffen hat In dem nur wenige 
Zeilen umfassenden Vorwort äußert er bescheiden: 
„Dieses Werk richtet sich mehr an den Betrachter als 
den Leser. 11 Aber es muß gesagt werden, daß Dr. Hof¬ 
steede de Groot sich in den kurzen kritischen Erläute¬ 
rungen als ein hervorragender Kunsthistoriker erweist 
Zudem gibt der Text den einzigen vollständigen (be¬ 
schreibenden) Katalog der Ausstellung. 

Von Rembrandt sind 7 Porträts vorhanden, da¬ 
runter drei, die erst vor kurzem aufgetaucht sind: ein 
sauber durchgefuhrtes Selbstbildnis aus seiner Jugend¬ 
zeit, das Porträt einer Dame aus der ersten Amster¬ 
damer Zeit des Meisters und zwei Neger in Halbfigur 
aus dem Jahre 1661, die vielleicht als Neben gestalten 
zu einer Anbetung des Christkinds durch die Weisen 
des Morgenlandes komponiert wurden. Zwei weitere 
Selbstporträts, deren Entstehungszeit etwa vier Jahre 
auseinanderliegt, charakterisieren vortrefflich die Fort¬ 
schritte in der Entwicklung Rembrandts. Auch die 
Amsterdamer Vorgänger Rembrandts sind gut ver¬ 
treten: Cornelis van der Voort mit zwei ausgezeichneten 
Einzelporträts, Thomas de Keyser mit zwei Herren¬ 
bildnissen, von denen das eine die Vollkraft des 
Künstlers zeigt, Bartholomeus van der Heist u. a. mit 
dem frühest (1637) datierten Bilde des Meisters. Franz 
Halssche Bilder sind achtfach reproduziert, frühe 
Einzelporträts und einige aus der Greisenzeit, u. a. jenes 
Bildnis, das bisher in England (der Besitzer ist Earl 
Spencer in Althorp, der Sohn des berühmten Biblio- 
phüen) für das Porträt de Ruyters gehalten wurde, das 



Exlibris für Volk§bibliotheken von J. von Dutcsyska. 
Zweiter Preis im Preisausschreiben des Deutschen Exlibris-Vereins. 


Digitized by Google 










88 


Chronik. 


aber in der Tat einen einfachen Haarlemer Bürger 
darstellt Von denen, die sich unter Rembrandtschem 
Einflüsse entwickelten, seien Jacob Adriaensz Bäcker, 
Arend de Gelder (mit einem schwach gezeichneten, 
aber dekorativ wirksamem Herrenbild) und Govert 
Flinck (ganz in Nachahmung des Meisters) genannt 
Außerhalb Antwerpens finden wir den Genremaler 
Jan Miense Molenaer mit zwei ganz ausgezeichneten 
Familien gruppen vertreten, die eine interessante Ver¬ 
bindung von Porträt und Sittenstudie zeigen; ferner 
den Deventer Porträtisten Gerard ter Borch den 
Jüngeren (durch 5 Bildnisse vortrefflich charakterisiert), 
seinen Schüler Caspar Netscher (ein Jugendwerk, noch 
ganz unter Borchs Einfluß entstanden), Johannes Cor- 
nelisz Verspronck (mit 4 tüchtigen Porträts), Johann 
van Ravensteyn (dreifach), den als Maler fast unbe¬ 
kannten Peter Dubordieu aus Leiden, Michael van 
Miereveit (mit einem sehr sauber und korrekt aus- 
geführten Herrenporträt), Aelbert Cupy (Knabenbild 
mit prächtiger Landschaft) u. a. — 

Da das Werk nur in 200 numerierten Exemplaren 
hergestellt wurde, wird es vermutlich bald vergriffen 
sein. Abgesehen von seinem Inhalt ist es auch eine 
glänzende graphische Leistung, die der bekannten 
Kunstanstalt hohe Ehre einlegt. —bl— 


Eine Reihe billiger Volksausgaben, das Lebenswerk 
der Meister klassischer Kunst umfassend, beginnt bei 
der Deutschen Verlagsanstalt in Stuttgart zu erscheinen. 
Man kann das Unternehmen nur mit aufrichtiger Freude 
begrüßen. An monumentalen Sammelausgaben ein¬ 
zelner Künstler ist freüich kein Mangel, aber sie sind 
für das große Publikum viel zu kostspielig; die soge¬ 
nannten Künstler-Monographien dagegen verfolgen 
andere Ziele, können ihrer ganzen Anlage nach auch 
naturgemäß nicht das Gesamtwerk eines Künstlers in 
der Reproduktion berücksichtigen. Der Verlagsanstalt 
schwebte der Gedanke vor, in ähnlicher Weise wie die 
Klassiker der Literatur auch die Meister der büdenden 
Kunst in wohlfeilen, gut ausgestatteten Ausgaben zu 
vereinen. Mit Raffael und Rembrandt wurde der Anfang 
gemacht Zu jedem Bande hat Adolf Rosenberg eine 
knappe, aber durchaus erschöpfende biographische Ein¬ 
leitung geschrieben. Den Abbildungen liegen Original- 
Photographien nach den Gemälden zu Grunde; die Re¬ 
produktionen sind in Autotypie ausgeführt Von Wich¬ 
tigkeit sind die drei Register: ein chronologisches 
Verzeichnis der Bilder, eine auf den Namen der Büder 
geordnete Liste und ein nach den Wohnorten der Be¬ 
sitzer der Originale geordnetes Verzeichnis. So büdet 
jeder Band ein abgerundetes und im besten Sinne an¬ 
schauliches Bild des gesamten Schaffens eines Meisters, 
zugleich ein praktisches Nachschlagewerk, das kein 
Kunstfreund in seiner Bibliothek wird missen wollen. 


Die Ausstattung, der geschmackvolle Leinenband, 
Vorsatz, Papier und Druck, ist durchaus würdig. Der 
Preis für das 202 Abbildungen enthaltende Raflaelbuch 
beträgt M. 5, für Rembrandt (mit 405 Abbildungen) 
M. 8. Von beiden Bänden wurden auch numerierte 
Luxusausgaben in je hundert Exemplaren zu M. 25 und 
M. 30 in Leder gebunden veranstaltet An weiteren 
Veröffentlichungen sind in Vorbereitung: Michelangelo, 
Dürer und Schwind. —g. 


Englische Prachtwerke über Kunst . Wenige Jahre 
haben in England, wie man „Times Literary Supple¬ 
ment“ schreibt, so zahlreiche Kunstpublikationen ge¬ 
bracht als der letzte Herbst 

Im Jahr 1902 hat nur ein Verleger es unternommen, 
eine „Edition de Luxe“ für 50 Guineen (über tausend 
Mark) herauszugeben, und die fünf teuersten Bücher 
der Editionscampagne erforderten damals zusammen 
nur £ 150 (3000 M.). Aber im letzten Jahr hat der 50 Gui¬ 
neenkäufer die Wahl unter drei Publikationen, und die 
Bücher, die fünf und zehn Guineen kosten (also 100 und 
200 M.) sind jetzt so zahlreich wie vor einigen Jahren 
diejenigen, die eine Guinee kosteten. Berensons „Dra- 
wings of the old french Masters“, die Murray vor einigen 
Monaten zu 15 Guineen herausgab, sind bereits ver¬ 
griffen und jetzt unter 20 Guineen nicht mehr zu haben. 
1903 wurden allein zwei Miniaturenwerke ediert, die 
einen Ladenpreis von 50 Guineen haben, also über 
tausend Mark kosten (bei allem, was die artes liberales 
angeht, rechnet der Engländer bekanntlich nach Guineen 
zu 21 Shilling): Dr. Williamsons „History of Portrait 
Miniatures“ und J. J. Fosters „Miniature Painters, Bri¬ 
tish and foreign“. Dabei fehlen übrigens die billigen 
Publikationen über Kunst auch nicht auf dem englischen 
Markt Das Zeitalter ist ebenso ein solches der billigen 
wie der luxuriösen Bücher, und wer nur bescheidene 
Mittel besitzt, wird finden, daß seinem Geschmack für 
kunstvolle und Kunst-Publikationen niemals so sorgfältig 
und so energisch Sorge getragen worden ist als heute. 
In letzterer Beziehung können wir in Deutschland aller¬ 
dings getrost mit England konkurrieren; mit den Tausend 
Mark-Publikationen möchte es aber bei uns etwas scheu 
aussehen. M. 


Von den in diesem Heft reproduzierten Exlibris 
stammen drei von der armen, früh verstorbenen 
Marie Stüler • Walde , deren anmutvolles und phantasie¬ 
reiches Talent sich auch in diesen Blättern in reizvoller 
Weise dokumentiert Die beiden anderen Exlibris 
geben die Entwürfe wieder, die der Deutsche Exlibris- 
Verein bei seinem letzten Preisausschreiben mit ersten 
Preisen bedacht hat —m. 


Nachdruck verboten . — Alle Rechte Vorbehalten. 

Für die Redaktion verantwortlich: Fedor von Zobeltitz in Berlin W. 15. 

Alle Sendungen redaktioneller Natur an dessen Adresse erbeten. 

Gedruckt von W.Drugulin in Leipsig für Velhagen & Klasing in Bielefeld und Leipzig auf Papier der Neuen Papier-Manufaktur 

in Straßburg L EL 


Digitized by LjOOQle 



ZEITSCHRIFT 

FÜR 

BÜCHERFREUNDE. 

Monatshefte für Bibliophilie und verwandte Interessen. 

Herausgegeben von Fedor vön Zobeltitz. 

8. Jahrgang 1904/1905. _ Heft 3: Juni 1904. 


Die Bodleian Library in Oxford. 

Von 

H. A. L. Degener in London. 

I. 

einer, der jemals in Oxford und sollte, wenn er es irgendwie einrichten kann, wie 
wenn auch nur auf kurze Zeit unsere Großväter zum Wanderstab greifen und 
geweilt, zwischen seinen alten auf def alten Heerstraße von London her der 
College-Mauern sinnend und Stadt sich nähern. Iffleys uralte normannische 
im Sinnen genießend gewandelt Kirche ist, in stiller Abgeschiedenheit oben auf 
ist, seine Luft mit vollen Zügen dem grünen Hügel versteckt unter schattigen 
geatmet hat, wird jemals diese Stätten und Kastanien und Zedern, so recht dazu angetan, 
die über ihnen ausgebreitete Weihe vergessen uns die hastende Welt mit allen ihren Kleinlich¬ 
können. Ein Eingeborener der schönen Isis- keiten vergessen zu machen und uns in die 
Stadt würdigt vielleicht kaum ihre unbeschreib- Stimmung zu versetzen, in der allein wir all 
liehen Reize; denn er kennt es nicht anders, das Feinartige, Eigentümliche, Unvergängliche 
Es ist der Femgeborene, der sie ganz verstehen der weltentrückten und doch so weltbekannten 
kann, der, sei es für kurzen Aufenthalt oder Stätte in vollen Zügen in uns aufnehmen, um 
für das Leben, in ihr Rast macht, der mit ganz in dieser Welt fiir sich aufgehen können, 
warmem Herzen, mit offenem Sinn und Gefühl Es gehört etwas von jener Veranlagung 
für das Erhabene, Hehre, über dem Alltäg- dazu, die das selbstsüchtige kleine Ich auf- 
lichen Stehenden zu ihr kommt. geben und sich dem faszinierenden Banne Jahr- 

Der prosaische Geist des neunzehnten Jahr- hunderte alter Traditionen in die Arme werfen 
hunderts ist ja leider auch in Oxford ein- kann; glücklich der, dem dies beschieden ist. 
gedrungen und hat seine Spuren hinterlassen, Ein gütiges Geschick mag es dann noch 
vieles Schöne zerstörend und der Stadt manches fügen, daß dieser erste Besuch auf einen jener, 
ihrer Eigenart raubend. Die schrillen Pfiffe allerdings seltenen, glorreichen Sommertage fällt, 
der Lokomotive und das Rasseln der Züge wenn am tiefblauen, wolkenlosen Himmel die 
passen nicht zu dem Träumen in stillen Laub- langsam zum Horizont hinabsinkende Sonne 
grotten am Rande samtweicher, frischgrüner Dome und Türme der Universitätsstadt, zu 
Rasenflächen unter altehrwürdigen Baumriesen welcher der Weg hinunter fuhrt, gleichsam ver- 
in den Gärten, die graue College-Mauern um- goldet. An Wiesen und Gärten und schmucken 
geben. Wer Oxford zum ersten Male besucht, Häusern geht es vorbei; links unten glitzern die 
z. f. B. 1904/1905. 12 



Digitized by L.OOQLe 







90 


Degener, Die Bodleian Library in Oxford. 


von Schilf und Weiden umsäumten klaren Wasser 
der Themse und ihrer Arme am Fuße des 
Boars-Hill. Bald erhebt sich vor uns stolz der 
kräftig schöne, charakteristische Turm des 
Magdalen College, zu dem uns die prächtige 
Brücke über die zur Rechten und Linken sich 
unter uns ausdehnenden lieblichen Aue des grünen 
Cherwell fuhrt. Und hier, ganz nahe dem alten 
Eastgate, das einstmals den Eingang in die 
Stadt auf dieser Seite bildete, betreten wir die 
mit nichts vergleichbare High-Street, die in 
ihrer alten Glorie für immer erhalten zu sehen 
der innigste Wunsch eines jeden sein muß, der 
genug Sinn und Verständnis hat für jenes 
schönere und lebenswerte irdische Leben, das 
mit Recht verachtet, was nur dem Praktischen 
und nicht auch dem Idealen dient. Wie ein 
breites Band zieht sie sich in sanfter Kurve 
bis zum alten Carfax-Turme hin. Eine Reihe 
der ältesten Colleges, mit alten und neueren 
privaten Bauten wechselnd, streckt sich an ihr 
entlang. Einige der schönsten Kirchen erhöhen 
das Stimmungsvolle des Bildes. Das Eigen¬ 
artige, das wir schon beim fernen Anblick 
der Stadt empfanden, wirkt immer stärker 
auf uns ein. Immer mehr wird der es zum 
ersten Male Schauende gewahr, wie er so 
etwas ganz neuem gegenüber steht, wie er 
einer Fülle von Eindrücken unwiderstehlich sich 
öffnet, die unverlöschlich bleiben und ihren 
Einfluß stets üben werden, die einzigartig dieser 
Umgebung eigen sind. Wir fühlen uns in einer 
Atmosphäre, die, frisch wie der täglich neu¬ 
geborene Tag, doch voll zu sein scheint vom 
Geist und von den Traditionen vergangener 
Jahrhunderte, welche untrennbar sind von den 
grauen Mauern jener wunderbaren gotischen 
Bauten, aus denen sie unter dem wuchernden 
Efeu und dem Schatten zahlreicher Bäume 
emporsteigen in ihrer unvergänglichen Jugend¬ 
kraft. Wir fühlen, wie wir aus dem Alltags¬ 
leben herausgehoben werden, wie wir ganz in 
die Arme der Alma Mater sinken, wie uns un¬ 
bewußt das Edelste in uns Sterblichen, der von 
Gott verliehene Geist völlig erfüllt, wie es uns 
unwiderstehlich drängt zum Sinnen und Nach¬ 
denken, zum Vertiefen in die Gedanken unserer 
Vorfahren und Zeitgenossen, zum selbständigen 
Forschen. Und so wie es uns heute ergeht, 
erging es schon unseren Vorfahren, von denen 
sich eine kleine Anzahl Auserwählter vor mehr 


als [tausend Jahren an dieser gottbegnadeten 
Stelle niederließ, um im beständigen Verkehr und 
Austausch der Gedanken den Wissenschaften 
und der Kultur des Geistes zu leben. Die 
Fäden geistiger Bildung spannen sich von hier 
aus und liefen hier wieder zusammen. Die flüch¬ 
tigen Gedanken wurden gefesselt und nieder¬ 
geschrieben. Der Drang nach Austausch und 
Kenntnisnahme fremden Wissens wuchs, und 
mit ihm kam unabweisbar das Bedürfnis nach 
einer Bibliothek, die wieder mit dem Anwachsen 
der Gemeinde sich mehr und mehr ausdehnen 
musste. 

Wie in Cambridge, so bestand auch in 
Oxford von Alters her, sicherlich aber seit 
dem XIII. Jahrhundert die Universität aus 
einer Vereinigung von in sich selbst ab¬ 
geschlossenen , selbständigen, „Colleges“ ge¬ 
nannten Schulen, die noch bis auf den heutigen 
Tag fühlbar die Absichten und Anschauungen 
ihrer Gründer vertreten, wenn natürlich auch 
die Stürme der Jahrhunderte und die Ent¬ 
wicklung in der Geschichte, in der Religion, 
in der Verfassung und in den Anschauungen 
des Landes ausgleichend und nivellierend ge¬ 
wirkt und die einzelnen kleinen Gemeinden trotz 
der Unabhängigkeit ihrer inneren Verwaltung 
mehr in die eine große Körperschaft der „Uni- 
versity“ verschmolzen haben. 

Bis in die Zeit König Alfreds zurück verlegt 
die Sage — denn eine solche ist es zweifellos 
— die Gründung der Universität durch sein 
ältestes College, das „University College“, das 
im Jahre 1872 die tausendjährige Gründung 
mit einem großen Bankett feierte. Historisch 
das älteste College ist „Merton“, dessen Statuten 
in ihrer ersten Form vom Jahre 1262 datieren 
und denen der anderen Schulen bei Gründung 
oder Reorganisation als Vorbild gedient haben. 
Wenn vielleicht auch „University College“ und 
„Balliol College“ in ihren Stiftungen ein wenig 
älter sein mögen, so finden wir doch in Merton 
zuerst klar die Idee eines „College“ ausgeprägt 
und verwirklicht; so z. B. das Recht der Selbst¬ 
verwaltung und der Wahl seiner Mitglieder, 
das Recht, Besitz zu erwerben und ein eigenes 
Siegel zu führen. Es sollte der Erziehung und 
Pflege der dem öffentlichen Dienste sich wid¬ 
menden Gliedern der Geistlichkeit der englischen 
Kirche dienen, die zu jenen Zeiten die Ärzte, 
Künstler, Gelehrten und Staatsdiener stellten* 


Digitized by LjOOQle 



Degener, Die Bodleian Library in Oxford. 


9» 


Der Reichtum seiner Stiftungsgüter ermöglichte 
den Wettstreit mit den ersten und bedeutend¬ 
sten Klosterschulen jener Zeit und erlaubte es 
auch dem ärmsten Mitgliede, sich in gesicherter, 
sorgenloser Lebenslage ganz den Studien hin¬ 
zugeben. Walter de Mertons Gründung änderte 
das ganze Fundament der englischen Universität, 
deren Anfänge wir wohl in das Ende des 
XI. Jahrhunderts legen können. Heinrich I., 
König und Gelehrter, hatte seinen Palast hier in 
Oxford (nahe der Beaumont-Street unserer Zeit), 
und Theobald of Etampes hatte schon vor 
1120 an hundert Schüler und Anhänger um 
sich versammelt, die ihm in seinen Disputationen 
mit den Klosterschulen zur Seite standen. Unter 
Heinrich II. und während dessen Zwistigkeiten 
mit Thomas Becket, dem von ihm erwählten 
Erzbischof Von Canterbury, begann dann der 
Zulauf ausländischer und die Rückkehr eng¬ 
lischer Studenten aus Paris. Als König Johann 
1215 die Magna Charta, noch heute der Grund¬ 
stein der englischen Verfassung, Unterzeichnete, 
war die Universität Oxford schon voll begründet, 
und ihre Angehörigen hatten den Städtern im 
steten Zwiste mit ihnen die vielen Privilegien 
abgerungen, deren sie sich zum großen Teil 
noch heute erfreuen. Kein Wunder, daß diese 
Republik der Geister nicht nur bei dem stetigen 
Aufblühen des Landes, sondern auch in Zeiten 
von Krieg und Wirren an Ansehen, Macht 
und Unabhängigkeit wuchs. Heinrich III. 
schwor bei der Belagerung von Northampton, 
die unruhigen Geister dieser demokratischen 
Gemeinde hängen zu lassen, die sich seinen 
absoluten Herrscherideen mehr oder weniger 
widersetzten, und auch die Kirche mußte die 
Erfahrung machen, daß sie bei diesen Studenten 
und Gelehrten, die sie beschützt und großgezogen 
hatte, nicht immer auf blinden Gehorsam 
rechnen konnte. Vor allem waren es die 
Dominikaner (1221) und dann die Franziskaner, 
die sich in dem aufblühenden Zentrum des 
englischen geistigen Lebens niederließen und 
zahlreiche Schüler um sich scharten. Doch 
bis zu Walter de Mertons Stiftung lebten, 
lehrten und lernten sie in Mietswohnungen oder 
in gemieteten Häusern, auch „Halls“ genannt, 
und das so charakteristische, für die ganze ge¬ 
schichtliche und konstitutionelle Entwicklung 


1 Vide Anstey Munimenta Acad. I. p. 227. 


Englands überaus wichtige College-Leben be¬ 
gann erst dann, um sich bis auf unsere Tage 
zu erhalten und seinen oft nicht genug gewür¬ 
digten, jedoch ungemein großen, fast unbewußten 
Einfluß auszuüben. 

Merton College machte, besonders in der 
vorreformatorischen Zeit, eine ungestörte Blüte 
durch, und wir zählen unter seinen Schülern, 
die in ihrem späteren Leben zu Ansehen und 
Ruhm gelangten, nicht weniger als achtund¬ 
zwanzig Erzbischöfe und Bischöfe, darunter 
Bradwardine, Jewel und Hooper, außer einer 
Menge großer Mathematiker, Ärzte und auch 
Scholastiker. 

Der in der ganzen Welt jedoch am be¬ 
rühmtesten gewordene Schüler des Merton 
College ist zweifellos Sir Thomas Bodley, der 
1563 aufgenommen und auch hier, seinem letzten 
Willen gemäß, 1612 beigesetzt wurde. Der 
Ruhm Oxfords als einer Stätte der Wissen¬ 
schaften ist zum guten Teil durch ihn in alle 
Welt getragen worden, und es ist seine große 
Stiftung, die Bodleian Library, die bis auf den 
heutigen Tag Studenten und Gelehrte aus aller 
Herren Länder nach Oxford führt 

Wenn Sir Thomas Bodley in den Acta 
Convocationis vom 24. Juli 1617 als „Gründer“ 
der Public Library gefeiert wird, so war er 
doch streng genommen nur der Wieder - 
Begründer der Universitäts-Bibliothek, allerdings 
in einem großartigen Maßstabe, unter Aufwand 
fast seines gesamten Vermögens und unter 
Zuhilfenahme seiner zahlreichen freundschaft¬ 
lichen Beziehungen zu den Mächtigen unter 
seinen englischen Zeitgenossen. 

Eine Universitäts-Bibliothek (und das war 
es, was Bodley neu begründete, wenn schon 
in den erwähnten Acta Convocationis von einer 
„Publik“ [„Öffentlichen“] Bibliothek gesprochen 
wird) bestand bereits in den Anfängen der 
Oxforder Universität. Es war um 1320, als 
Bischof Thomas Cobham 1 von Worcester (ge¬ 
storben 1327) begann, Vorbereitungen zum 
Bau des ersten besonderen Bibliotheksraumes 
über dem Sitzungssaale des Senates der Uni¬ 
versität, der „Great Congregation“, in einer der 
Seitenkapellen der Universitäts-Kirche St. Mary 
the Virgin zu treffen. Nach Wood, dem 
berühmtesten Forscher und Kenner des 
alten Oxford, war schon vor dieser Zeit in 
dieser Kirche selbst eine Anzahl Bücher unter 


Digitized by LjOOQle 



92 


Dcgener, Die Bodleian Library in Oxford. 


bestimmten Regeln aufbewahrt worden, teils zum 
Ausleihen an Studierende gegen Faustpfand, 
teils an Ketten befestigt zum Lesen in situ. 
Die uns bekannt gewordene früheste Schenkung 
von Büchern für jene allerälteste Bibliothek 
stammt von Bogerus de Insula, Kanzler der 
Diözese von Lincoln (später bis zu seinem 
Tode im Jahre 1235 Dean von York), der 
zwischen 1217—1220 verschiedene Exemplare 
der Bibel stiftete. Die Sage berichtet ebenfalls 
von König Alfred, daß er nicht nur für die 
Lehrer und das leibliche Wohl der Mitglieder 
seiner Universität sorgte, sondern auch für eine 
Bibliothek, von der wir allerdings keine Spuren 
mehr finden können. Bischof Cobhams aus¬ 
führende Hand war Adam de Brome, der 
Pfarrer der Kirche und der 
Gründer von Oriel College 
(1324), und ihm gelang es, 
von Eduard II. die Einwillig¬ 
ung zu erlangen, die Kirche 
und ihre Einkünfte auf sein 
College zu übertragen. Als 
Bischof Cobham 1327 unter 
Hinterlassung beträchtlicher 
Schulden starb, gaben seine 
Testamentvollstrecker zu, 
daß de Brome die verpfän¬ 
deten Bücher auslöste und 
für sein College davon Be¬ 
sitz nahm. Nach de Bromes 
Tode beanspruchte die Uni¬ 
versität die Herausgabe die¬ 
ser Bücher, und Studenten brachen 1337 in die 
Kapelle ein, in der die Bibliothek sich befand, 
und schleppten sie fort. Einige dreißig Jahre 
später reklamierte die Universität mit Erfolg 
auch das Gebäude selbst 1367 begann dann 
schließlich endgültig der Bau des von Cobham 
geplanten besonderen Bibliotheksaales und mit 
König Heinrichs IV. freigebiger Hilfe wurde er 
endlich 1409 beendet und eingerichtet. 

In dieser langen Periode, die die Eifer¬ 
süchteleien, Eigensucht und Zwistigkeiten in 
der Universität selbst und die Unruhen und 
Wirren im Lande verursachten, war inzwischen 
eine andere bedeutende Bibliothek nach Oxford 
gekommen und für alle, die Belehrung suchten, 


ein offener Born geworden. Bischof Richard 
Aungerville (Richard de Bury, geboren 1281, 
Bischof von Durham Dezember 1333, Schatz¬ 
meister des Königreichs und Lord Chancellor, 
gestorben 14. April 1345) hatte während seiner 
glänzenden Laufbahn große Reichtümer er¬ 
worben und wußte sie in vornehmster Weise 
zu verwenden. Er war überzeugt, daß von 
allen menschlichen Leidenschaften die edelste 
das Lesen sei; der berühmte Verfasser des 
„Philobiblon“ liebte die Bücher als die „Meister, 
die da lehren, ohne Schelten und Schlagen, 
ohne Strafen und Bezahlen“ und sammelte von 
allen Seiten, was er nur erhalten konnte, zu 
einer großen Bibliothek. Jeder ernsthaft nach 
Wissen und Belehrung Begierige war wohl auf¬ 
genommen und verpflegt im 
bischöflichen Palast zu „Bis¬ 
hofs Auckland“. Als Aunger¬ 
ville sein Ende näher kommen 
fühlte, vermachte er seine 
Bibliothek dem von ihm be¬ 
sonders begünstigten „Dur¬ 
ham College“ in Oxford, ge¬ 
gründet Ende des XIII. Jahr¬ 
hunderts für die Studenten, 
die von dem großen Bene¬ 
diktinerkloster in Durham 
und den anderen nördlichen 
Klosterschulen kamen und 
die nicht in Gloucester Hall, 
dem College der Südenglän¬ 
der, eintreten konnten. Sie 
stand jedermann zur freien Benutzung offen, 
nur mit solchen Beschränkungen, die zu einer 
geordneten Verwaltung und sicheren Aufbe¬ 
wahrung nötig waren. Duplikate konnten leih¬ 
weise gegen ein ihren Wert übersteigendes 
Pfand ausgeliehen, Kopien durften nur in der 
Bibliothek gemacht werden, ein Register war 
zu führen und eine Examination und Zählung 
der Bestände hatte jährlich zu geschehen. Eine 
solche wichtige Bibliothek, die jedem so zugäng¬ 
lich war, diente durchaus den Zwecken der 
Universität, auch wenn sie einem bestimmten 
College gehörte. 

J.Wells läßt es allerdings zweifelhaft (in seinem 
„Oxford and its Colleges“), ob die Bibliothek 
jemals nach Oxford kam; es sprechen jedoch 
wichtige Gründe und anerkannte Autoritäten 
für unsere Behauptung, ganz abgesehen von 



Digitized by 


Google 



Sir Thomas Bodley. 

Nach dem Ölgemälde von Cornelius Jansen, 1612, im Besitze der Bodlcian Library in Oxford. 


Zeitschrift für Bücherfreunde Vlll. 


Zu Dcgcitrr Die 1‘j^ügian Library Jn OxforiL 

Digitized by Google 











Digitized by t^ooQie 



Degener, Die Bodleian Library in Oxford. 


93 


manchen, wohl nur durch eine solche Biblio¬ 
thek entstehenden Einflüssen auf die Verbreitung 
von Wissen und Denken. Im XVI. Jahrhundert 
löste Heinrich VIII. Durham College auf, und 
seine Beamten zerstreuten die Bücherschätze 
Richard de Burys in alle Winde; einige von 
ihnen gingen sicher in Herzog Humphreys 
Bibliothek über, andere nach Balliol College, 
noch andere in den Besitz von Dr. George 
Owen von Godstow, Leibarzt des Königs. Fast 
alle sind aber spurlos verschwunden, bis auf 
wenige, die wir noch jetzt in der Bodleiana 
besitzen. 

1209 konnte also Cobhams Bibliothek wirklich 
als Universitäts-Bibliothek der Benutzung über¬ 
geben werden, und ein Jahr darauf, am 
17. März, ließ Oriel College auch offiziell alle 
seine Ansprüche auf diese Bücherei gegen 
ein Schmerzensgeld von fünfzig Mark, das ihm 
Erzbischof Arundel zahlte, fallen. Mit dem 
Posten eines Cobham-Bibliothekars wurde der 
des Kaplans der Universität vertraut und es 
ihm 1412 zur Pflicht gemacht, jährliche Messen 
für die Gönner der Universität und Bibliothek zu 
lesen, zum Dank für erwiesene Wohltaten und 
zur Anregung und Aufmunterung neuer Wohl¬ 
täter. König Heinrich IV. selbst war einer der 
Haupt-Stifter und noch bis auf unsre Tage 
wird seiner bei allen „Commemorationes Solen- 
niores“ gedacht, zusammen mit Henry Prince of 
Wales und seinen drei Brüdern Thomas, John 
und Humphrey, Thomas Arundel, Erzbischof 
von Canterbury, Philip Repington Bischof von 
Lincoln, Edmund Earl of March und Master 
Richard Courtenay. 1 Eine der von dem Könige 
gewährten Vergünstigungen bestand aus einer 
jährlichen Abgabe von £ 5 aus der Brot- und 
Biersteuer, eine Abgabe, die im Werte allmählich 
bis auf £ 6. 13. 4 stieg und deren Bezug auf 
Bodleys Bibliothekar überging, der sie bis zum 
Jahre 1856 apart ausbezahlt erhielt Neben Hein¬ 
rich IV. betätigte vor allem Herzog Humphrey 
von Gloucester, den Thomas Hearne den 
„frommen, guten und gelehrten Fürsten“ nennt, 
sein großes Interesse an dem intellektuellen 
Leben der Universität und dem Gedeihen ihrer 
Bibliothek dergestalt, daß er vielseitig als wirk¬ 
licher Gründer derselben hingestellt wird, wozu 
vor allem wohl der von der Universität aus- 

* Vide Anstey, Munimenta Acad. L pp. 261—268. 

7 Dissertations sur la Biblioth&que da Louvre, M£m. 


gegangene Antrag Veranlassung gab, ihn den 
Ehrentitel des „Gründers“ beizulegen, als man 
ihn von der Absicht, einen neuen Bibliotheksaal 
zu bauen, benachrichtigte. Sein Name steht 
daher auch obenan in der Liste der Wohltäter 
der Universität. 

Im Jahre 1426 begann man nämlich mit 
Erbauung der noch heute alle Freunde ruhig- 
vornehmer Architektur entzückenden School of 
Divinity. Die Mittel für diesen großen und 
kostspieligen Bau gingen jedoch der unter¬ 
nehmenden Universität bald aus und man 
wandte sich, wie oft schon zuvor und noch 
öfters nachher, an alle wirklichen oder ver¬ 
meintlichen reichen Gönner mit dem Anliegen 
um Beistand. Herzog Humphrey, den wir als 
Schützer der Wissenschaften mehr bewundern 
können wie in seinen Intriguen als kurzsichtiger 
Politiker und als nicht immer glücklicher Feld¬ 
herr, beantwortete die Bitte mit fürstlicher Frei¬ 
gebigkeit. Seine reichen Geldgaben für den 
Bau übertraf er durch seine Schenkungen an 
Büchern für die Bibliothek. Zwischen November 
1439 und dem Jahre 1446 schickte er gegen 
600 wertvolle Manuskripte nach Oxford. Der 
größte Teil derselben kam wohl aus Paris, 
aus der Bibliothek der französischen Könige 
Karl V. und Karl VI. im Louvre. Karl VII. 
hatte diese wertvolle Bibliothek 1423 aufnehmen 
lassen, und man hatte 853 Werke gezählt, alle 
in prächtigster Ausführung. Als dann 1425 
der Herzog von Bedford, Bruder des Herzogs 
von Gloucester, als Regent von Frankreich im 
Namen Heinrichs VI. diese Kleinodien 1425 visi¬ 
tierte, regte sich in ihm natürlich der Wunsch, 
sie zu erwerben. Wie wir noch heute nach 
für ihn hergestellten, prachtvollen Werken 
schließen können, war er ein großer Bibliophile. 
Bis 1429 konnte er der Versuchung wider¬ 
stehen; dann aber verabschiedete er Garnier 
de Saint-Yon, den alten königlichen Bibliothekar, 
und ließ die Schätze oder wenigsten einen 
großen Trakt derselben nach England schaffen. 
Bei seinem Tode 1435 dürfte die sorgsam ge¬ 
hütete Sammlung dann wohl aufgelöst worden 
oder zum größten Teü an den Herzog von 
Gloucester gekommen sein. Nach einem Be¬ 
richte Boivins* hatte der Herzog von Bedford 
an Pierre Thierry 1200 Louisdor gezahlt; doch 

de l’Academie des Inscriptions. Tome II p. 760. 


Digitized by LjOOQle 



94 


Degener, Die Bodleian Library in Oxford. 


ist diese Annahme, die durch kein einziges 
Dokument belegt Werden kann, sehr anzu¬ 
zweifeln. Der Wert der Bibliothek wurde nach 
der Inventur von 1423 auf ca. 300000 Francs 
nach heutigem Werte (deux mil trois cent vingt 
et trois livres quatre sols parisis) geschätzt. 
In einer Zeit, da England, vielleicht zum Teil 
durch Gloucesters Schuld, sein großes Reich 
auf französischem Boden verlor, gewann es so 
durch denselben Gloucester einen Schatz an 
Wissen, der in seinen Folgen zweifellos viel zu 
der späteren Blüte des britischen Weltreichs 
beigetragen hat. Wenn religiöser Fanatismus 
und schier unglaubliche Bigotterie auch ein 
Jahrhundert später diese Quelle des Wissens zer¬ 
streute und in der Hauptsache zerstörte, so war 
doch wenigstens die dem Wissen entsprungene 
geistige Macht unzerstörbar begründet worden. 

Das erste Dankschreiben für 129 Bände 
datiert vom 25.November 1439, und ein anderes 
Schreiben wurde am selben Tage an das Parla¬ 
ment gesandt, um es von der Gabe, „eintausend 
Pfund und mehr wert an kostbaren Büchern 11 
zu unterrichten. In dem Register of Convoca- 
tions finden sich noch Einträge über 126 Bände 
im Februar 1440, 10 Bände im November 1441, 
139 Bände im Januar 1443 und für andere im 
Oktober, 135 Bände im Februar 1444; ein wei¬ 
teres Dankschreiben für Gaben datiert aus dem 
Februar des Jahres 1446, dem Jahre vor Glou¬ 
cesters tragischem Tode. 

Alle diese reichen Vergrößerungen machten 
natürlich, zusammen mit den Zuwendungen, die 
gewiß von anderen Seiten in Befolgung dieses 
glänzenden Beispieles einliefen, über die uns 
aber leider Einzelheiten nicht überkommen 
sind, den Raum in der St. Mary’s Kirche sehr 
bald unzureichend, und wieder wandte sich der 
Senat hoffnungsvoll mit einem Bittschreiben 
vom 14. Juli 1444 an Herzog Humphrey, dies¬ 
mal die eigentliche Sache unter einer Schil¬ 
derung der Mißlichkeiten unzureichender Biblio¬ 
theksräume verschleiernd, und offerierte ihm 
den Titel des Gründers der Bibliothek. Herzog 
Humphrey verstand seine Oxforder Professoren 
und kam ihnen wieder tatkräftig zu Hilfe, um 
die Errichtung einer der wertvollen Bestände 


würdigen Bibliothek zu ermöglichen. Sein Tod 
und andere mißliche Umstände verzögerten leider 
die Fertigstellung dieses Gebäudes über der 
Divinity School beträchtlich, und die mehr als 
600 Manuskripte Humphreys wurden inzwischen 
1454 mit den anderen in der Bibliothek Cobhams 
angekettet. Die letzten seiner Zuwendungen, 
einige Manuskripte („Alle seine lateinischen 
Bücher“) und £ 100 für die Vollendung der 
„Divyne Scoles“ konnten nur nach jahrelangen 
Schwierigkeiten erlangt werden. Schenkungen 
von anderer Seite liefen regelmäßig bald mehr 
bald weniger zahlreich ein, und das ständig sich 
steigernde Interesse an der Oxforder Bibliothek 
wurde durch die herannahende Epoche des 
Humanismus und durch bedeutende Männer 
wachgehalten, wie z. B. durch Bischof Thomas 
Kempis, der nicht nur Bücher, sondern auch 
1000 Mark für Vollendung des Gebäudes 
stiftete. x 

1488 konnte dann endlich die neue Biblio¬ 
thek eröffnet werden; es war ein würdiger Bau, 
der schon damals mit jedem seinesgleichen wett¬ 
eifern konnte. Die Einrichtung der Regale und 
Arbeitstische dürfte wohl sehr der jetzigen, durch 
Bodley bevorzugten Anordnung geglichen haben; 
denn wie Cowley (in der Pietas Oxon. p. 7) 
ausführt, diente die noch erhaltene Magdalen 
College-Bibliothek der vom Corpus Christi Col¬ 
lege zum Vorbilde, und von dieser wieder ent¬ 
lehnte Bodley seine Einrichtung.* Es war sicher 
die noch jetzt so genannte College-Library, mit 
den Büchergestellen im rechten Winkel zu den 
Fensterwänden, Nischen für die Leser bildend, 
in denen sie ungestört und von Büchern so zu 
sagen eingeschlossen an kleinen Tischen arbeiten 
konnten, die an den Regalen befestigt waren, 
mit einem weiten Gang in der Mitte. 

Die Eröffnung war auf den kläglichen Ver¬ 
fall des hohen, intellektuellen Lebens und der 
fast ausschließlichen Pflege der Wissenschaften 
in den Klosterschulen und auf den Universi¬ 
täten unter den oberen Zehntausend gefolgt. 
Die Literatur des Mittelalters ging damit zu¬ 
grunde, und das Studium der Wissenschaften 
machte einem wüsten Gemisch von Wissen 
und Mystizismus Platz, in dem die Alchemisten, 
Magiker und Sophisten alles wahrhaft Hohe 
und Bedeutende mit ihren Torheiten zu ersticken 


1 Anstey, Epistolae Acad., II. p. 533. — * J. W. Clark, The Care of Books. 2. Ed. p. 179 fr. 


Digitized by CjOOQie 



Degener, Die Bodleian Library in Oxford. 


95 


drohten. Trotz neuer Colleges sank die Zahl 
der Studenten in Oxford auf ein Fünftel der 
Besucherzahl des letzten Viertels des vierzehnten 
Jahrhunderts, und „Oxforder Latein" kam in 
denselben Verruf wie das, was wir in Deutsch¬ 
land „Küchenlatein“ nennen. Kurz bevor Guten¬ 
berg seine große Erfindung machte, die ja wie 
bekannt von Caxton 1476 in England eingeführt 
wurde, lag die literarische Produktion Englands 
ganz im argen. Chaucers Tod hatte eine große 
Lücke gerissen, und seine Nachfolger waren 
geistige Durchschnittsmenschen oder gar 
Schwächlinge, Vielschreiber ohne Originalität, 
wie unter anderen Lydgate, der von dem 
Benediktinerkloster Bury St. Edmunds oft nach 
Oxford kam. Reginald Pecock, der glänzende 
Bischof von Chichester, und ein anderer großer 
Theologe, John Capgrave, brachten allerdings 
gerade um diese Zeit die englische Sprache 
auch als Sprache der Gelehrten in Theologie 
und Geschichte zur Geltung, und wir können 
durch die uns glücklicherweise erhaltenen 
Paston-Briefe hindurch 1422 beginnend den Auf¬ 
schwung der englischen Sprache, das Tagen 
einer neuen Aera, den Übergang der Bildung 
von einer einzelnen Klasse in eine sich hoch¬ 
entwickelnde Bildung weiterer Kreise, wie z. B. 
reicher Kaufleute, großer Grundbesitzer, des 
Landadels u. s. w., verfolgen. Und allmählich 
wuchs wieder das Interesse fiir die Erzeugnisse 
der Literatur, vor allem an Kopien der be¬ 
deutenden Werke vergangener Zeiten. An 
Stelle des kostspieligeren Pergaments trat mehr 
und mehr billigeres Papier. Es wurde fast ein 
Bedürfnis für den Reichen, sich eine Bibliothek 
anzuschaffen, in der man die Meisterwerke aller 
Zeiten Englands und des Kontinents um sich 
versammelte, möglichst in besonders schön 
geschriebenen, illuminierten Kopien, die nicht 
mehr den Schreiberstuben der Klöster, sondern 
den Bureaus bestimmter Buch-Gilden ent¬ 
stammten. Gerade diese um sich greifende 
Wertschätzung einer Bibliothek, zusammen mit 
dem sie wechselseitig fördernden, raschen Auf¬ 
blühen des Buchdrucks, verbreitete auch 
unter weiten Volksschichten das Interesse an 
einer für ihre Zeiten so glänzenden Samm¬ 
lung wie Duke Humphreys Library, Oxfords 
Universitäts-Bibliothek. Richard III. (Richard, 
Duke of Gloucester) bewies in der kurzen Zeit 
seiner Herrschaft (1483—85) seine Vorliebe für 


die Literatur in seinen Erlassen, daß keine Vor¬ 
schriften ein Hindernis sein sollten „für irgend 
einen fremden Handwerker oder Händler, gleich¬ 
viel welcher Nationalität oder welchen Landes, 
in dieses Reich irgendwelche Bücher, seien 
es geschriebene oder gedruckte, einzufuhren, 
zu verkaufen oder sonstwie zu handhaben.“ Er 
mochte wohl auch hoffen, mit dieser und 
anderen weitgehenden Konzessionen bei der 
großen Menge der Gebildeten seines Reiches 
sich Beliebtheit zu erkaufen und seine Herr¬ 
schaft zu befestigen; sein Tod auf Bosworth 
Field machte allerdings diesen Bestrebungen 
ein Ende. Unter seinem Nachfolger, Heinrich VII., 
endete der blutige Bruderkrieg und es begann 
das Zeitalter des „New-Leaming“, diese ewig 
wunderbare und glorreiche Periode des Huma¬ 
nismus, in der die Demokratie der Geister so 
recht zur vollen Entfaltung und Macht kam. 
Es war die Epoche der großen Entdeckungs¬ 
fahrten, die Zeit eines Columbus, Copernicus, 
Sebastian Cabot, John Colet u. a. Oxford 
konnte natürlich nicht zurückstehen; Reuchlins 
Ruhm als Übersetzer des Thukydides drang 
hierher, und Erasmus von Rotterdam selbst 
kam von Paris im Jahre 1498, um unter Grocyn 
griechisch zu studieren und an den Schätzen 
der großen Bibliothek sich weiterzubilden. Er 
war entzückt von seinem neuen Lebenskreis 
und begeistert von seinen Lehren und Freunden 
wie Grocyn, Colet, Linacre, Thomas More, 
Erzbischof Warham und anderen. Unter 
Heinrich VIII.blieb diese Blüte zunächst bestehen, 
doch zeigten sich bald deutliche Spuren des Ver¬ 
falls und der Gährung. Der Geist des Volkes 
dieser Zeit war noch nicht reif gewesen für eine 
so große innere Entwicklungen ohne gründliche 
Revolution; und diese Revolution kam mit der 
Reformation, die auch in England begeisterte 
Anhänger und ebenso begeisterte Gegner fand, 
allerdings leider auch hier von vielen Großen 
zur Förderung ihrer Sonderinteressen mißbraucht 
wurde, wodurch in einem langen Kampfe 
schließlich viel Gutes zerstört wurde, viel Altes 
zugrunde ging, um Neuem Platz zu machen. 
Oxford hatte sich schnell dem Humanismus 
geöffnet, unterlag der Reaktion im Widerstand 
gegen das Ketzertum aber auch verhältnismäßig 
rasch und früh. Die Bibliothek gedieh durch 
alle die Wirren hindurch ruhig weiter, bald von 
dieser, bald von jener Richtung gefördert, oft 


Digitized by 


Google 



96 


Degener, Die Bodleian Library in Oxford. 


auch von beiden und von ganz Fernstehenden. 
Die stetig an wachsenden Schätze fanden Ver¬ 
ständnis und liebevolle Fürsorge und übten ihre 
große, an kein Land, keine Partei und kein 
Dogma gebundene Anziehungskraft unge¬ 
schwächt aus selbst in einer Zeit, in der sonst 
der Stand der Wissenschaften und die Zahl 
der Studierenden in Oxford auf ein klägliches 
Niveau herabsanken. 

Am 29. November 1449 schon war von dem 
Senat der Universität eine Kommission zur 
Prüfung der Bestände und zur Entgegennahme 
eines jährlichen Berichtes seitens des Biblio¬ 
thekars eingesetzt worden, und es scheint, daß 
diese Kommission ihre Pflichten regelmäßig aus¬ 
übte. Wie nötig eine Bewachung der Bücher 
und Manuskripte und des Vermögens der 
Bibliothek war, können wir aus den häufigen 
Entlehnungen von Werken ersehen, für die 
selbst bedeutende Gelehrte ungenügende Pfänder 
hinterlegten und die sie dann oft genug auf- 
gaben, da sie es vorzogen, sich mit den so er¬ 
haltenen Werken zum Nachteil der Gesamtheit 
zu bereichern, wie uns Antony ä Wood be¬ 
richtet. Die Kapläne und Bibliothekare jener 
Zeit waren 1449: John Fytzjamys; — 1457 bis 
1462 Stephen Tyler (Tylere, Tylar); — bis 1506 
John Foster (oder Förster); — 1506 bis 1513 
John Weyte (Waytt); — 1513 bis I520(?) Adam 
Byrkebeke, [Macray nennt ihn (nach Wood 
Ms. F 27) Kirkebote], der es einführte, die 
Bibliothek während der Universitäts-Gottesdienste 
auch an Wochentagen geschlossen zu halten, 
eine Regel, die heute noch unter ähnlichen 
Umständen durch Schließung der Bibliothek 
bis elf Uhr beachtet wird; — 1520 (?) bis 1521 
William Smythe (Smyth, Smithe); — 1521 bis 
1541 (?) Edmund Fletcher (Flecher, Flatcher, 
Flaccher, Flacher); — 1541 bis i543(?)Whytt 
(White) und vom 31. Oktober 1543 an Humphrey 
Burneford (Burnford, Burforde). Unter ihm 
brach über die große erste Oxforder Universitäts- 
Bibliothek das Unheil herein. 

Während der Regierung Heinrichs VIII, der 
die Literatur sehr hoch schätzte, der Frois- 
sarts Chroniken und die Romanze von Huon 
von Bordeaux hatte übersetzen lassen, unter 
dem ferner trotz aller päpstlichen Intriguen 
William Tyndale 1526 erst das Neue Testament 
und dann 1535 zusammen mit Miles Coverdale 
die ganze Bibel ins Englische übertragen und 


veröffentlichen konnte, hätte niemand daran 
gedacht, die Reformation so zu übertreiben, 
wie dies leider der fast maßlose Übereifer eines 
John Knox und anderer Puritaner und die Be¬ 
schränktheit ihrer Anhänger herbeifiihrten. Der 
Protestantismus gewann die Oberhand; leider 
aber verloren seine geistigen Häupter mehr 
und mehr die Kontrolle, und unter einer ge¬ 
wissen Anarchie der Regierungskommissionäre, 
die Heinrich VIII. mit der Auflösung der Klöster 
betraut hatte, kam es bei dem Unverstand und 
der mangelnden Bildung der Helfershelfer und 
Zeloten zu groben Übergriffen, zum Bildersturm 
und zu sinnlosen Zerstörungen, die der guten 
Sache nicht helfen konnten. Als dann im 
Januar 1547 der Knabe Eduard VI. auf den 
Thron kam und Lord Hertford (Duke of 
Somerset) sich die Regentschaft anmaßte, wurde 
es noch ärger, und die Krone hörte auf, ihren 
versöhnenden Einfluß auszuüben. 1550 er¬ 
schienen die Schergen in Oxford und unter¬ 
zogen Duke Humphreys Library einer so 
gründlichen Durchsuchung nach allem, was 
man auch nur im entferntesten mit dem Papst 
in Zusammenhang bringen konnte, daß sie in 
ihrer beschränkten, völlig rohen und ungebildeten 
Auffassung alle illuminierten Manuskripte und 
Bücher zerstörten. Den Rest der Bibliothek 
überließen sie den ihrem Vandalenzuge folgenden 
Dieben und Diebsgenossen, die alles an sich 
rissen, was noch nicht vernichtet war. Schneider 
schnitten sich Maße aus den wertvollen Perga¬ 
mentbänden, Buchbinder fertigten Einbände 
daraus, und nur ein kleiner Teil der Schätze 
fand ein neues Heim unter fremden Dache. 
Wenigen Werken aus der alten Universitäts- 
Bibliothek hat man bis jetzt auf die Spur 
kommen können. Darnach sind nur sieben 
von Humphreys Manuskripten in die Bodleiana 
gelangt, und zwar zunächst die drei: Valerius 
Maximus, libri IV—IX, mit Kommentar von 
D. de Burgo und einem Index von J. de Whe- 
thamstede, mit dem Wappen Humphreys; — 
die Übersetzung von Aristotelis „De republica“ 
von L. Aretino, mit Autograph -Dedikation 
Aretinos an Herzog Humphrey; und Plinü 
epistolae, die 1620 schenkungsweise durch 
Dr. Robert Master der Bibliothek wieder zu¬ 
geführt wurden. Das British Museum, Oriel-, 
St. Johns- und Corpus Christi College, die 
Biblioth£que Nationale zu Paris, einige Privat- 


Digitized by LjOOQle 



Degener, Die Bodleian Library in Oxford. 


97 



Die Längsseite des alten Congregation House mit der ältesten Universitätsbibliothek Oxfords. 
(Nach Jackson „The Church of S. Mary the Virgin, Oxford.) 


Bibliotheken usw. haben unter ihren Schätzen 
Werke, die sich alle deutlich als von dieser 
Plünderung stammend nachweisen lassen. So 
gründlich war damit vorgegangen worden, daß 
die Regale, die Bänke und Tische, an denen 
Generationen von Gelehrten in fleißigen Studien 
sich vertieft hatten, für immer leer und ver¬ 
lassen blieben. Die würdigen Senatoren der 
Universität wußten schließlich nichts besseres 
damit anzufangen, als sie 1556 als Feuerholz 
an den Meistbietenden zu verkaufen; bis zu 
einem solchen Grade war ihnen jedes Verständnis 
für die Wichtigkeit einer großen Bibliothek, für 
die Würdigung der Gaben vergangener Wohl¬ 
täter verloren gegangen, für deren Seligkeit sie 
alljährlich gebetet und Messe gelesen hatten. 
Von einem Sturme der Entrüstung, der doch 
bei solchem Vandalismus und seinem tragi¬ 
komischen Schlußereignis hätte im ganzen 
Lande ausbrechen sollen, wird uns nichts be¬ 
richtet; nicht einmal in der Universität selbst 
scheint es genug einsichtsvolle Männer gegeben 
zu haben, die wenigstens den Versuch gemacht 
hätten, zu retten, was zu retten war. 

Glücklicherweise wurde in diesen Jahren ein 
Knabe geboren, den Magdalen College vier 
Jahre nach der gänzlichen Vernichtung der 
z. f. B. 1904/1905. 


Bibliothek als „Commoner“ aufnehmen konnte, 
nachdem ihm sein Vater mit Aufwand von 
großer Sorgfalt und Kosten in Deutschland und 
in der Schweiz eine gründliche, umfassende 
Vorbildung hatte angedeihen lassen, die bei dem 
begabten Jüngling auf fruchtbaren Boden ge¬ 
fallen war. 

Thomas Bodley entstammte einer alten 
Familie, die in Dunscombe bei Crediton in 
Süd-Devonshire begütert war und ihren Namen 
wahrscheinlich dem im Domesday-Buche ge¬ 
nannten Bodleia (jetzt Budleigh) entlehnt hatte. 
John Bodley selbst, der Vater von Thomas, 
gehörte dem jüngeren Zweige dieser Familie 
an, die in Exeter ansässig war, wo auch Thomas 
gemäß seiner Autobiographie („written with 
mine own Hand, Anno 1609 Dec n th J. B.“) 
am 2. März 1544 (oder 1545) geboren wurde. 
Seine Mutter war eine Tochter von Robert Hone 
aus Otterey Saint Mary, nicht weit von Exeter. 
Mit vielen anderen eifrigen Protestanten teilte 
auch John Bodley das Los lästiger Über¬ 
wachung, schlechter Behandlung, steter Be¬ 
drückung und offen gezeigten Mißtrauens seitens 
der mit der Thronbesteigung der Königin Mary 
wieder mit Feuer und Schwert die Oberhand 
gewinnenden Katholiken, und er fand es ratsam, 
sich und die Seinen im Auslande in Sicherheit 
zu bringen. Er wandte sich zunächst nach 
Wesel, wo damals eine ansehnliche Kolonie 

13 


Digitized by LjOOQle 





98 


Degener, Die Bodleian Library in Oxford. 


englischer Flüchtlinge sich aufhielt, und seine 
Familie folgte ihm bald nach. Dann ging es 
nach Frankfurt am Main und schließlich, wie 
von Anfang an wohl beabsichtigt, im Mai 1557 
nach Genf, wo damals die Kolonie englischer 
Emigranten über hundert Familien zählte. 
Zweifellos war John Bodley kein gewöhnlicher 
Mann, weder an Mitteln noch an Geist, und 
nahm überall in diesen drei Gemeinden eine 
geachtete Stellung ein. Die in diesen Jahren 
erblühende und die tüchtigsten Kräfte heran¬ 
ziehende junge Genfer Universität war eine vor¬ 
zügliche Gelegenheit für ihn zur gründlichen 
Erziehung seines ältesten Sohnes Thomas, den 
er zunächst mit zwölf Jahren in das Haus des 
von Lyon zugewanderten berühmten Arztes 
Philibert Sarrasin gab. Robert Constantin und 
Phil. Beroaldus waren seine Lehrer im Grie¬ 
chischen, Ant. Chevalier im Hebräischen, Calvin 
und Beza in der Theologie. So wohl die Familie 
sich auch in Genf fühlte, so ergriff Bodley doch 
mit Freuden und ohne Zögern die Gelegenheit 
zur Rückkehr in die Heimat, in der 1558 die 
Thronbesteigung Elisabeths eine Änderung der 
bisherigen Zustände gebracht hatte. In der Ge¬ 
meinde zu St Bartholomew-the-Less kaufte er 
sich an und starb wohl auch daselbst. Wir 
hören nicht mehr viel von ihm, außer daß ihm 
und Konsorten von Königin Elizabeth unterm 
8. Januar 1560 die Erlaubnis zum Druck be¬ 
ziehungsweise zum Verlag der großen Genfer 
Übersetzung der Bibel gegeben wurde, mit dem 
Privileg für sieben Jahre zum ausschließlichen 
Verkauf in dem Reiche der Königin; sie er¬ 
schien noch im gleichen Jahre, allerdings mit 
einem Proviso, welches den Verkauf von den 
Bischöfen von Canterbury und London ab¬ 
hängig machte, das heißt so gut wie unterband. 
Nur eine Auflage scheint denn auch unter 
diesem Privileg gedruckt worden zu sein (Genf 
1561—62). Die Ausgabe selbst nennt, wenigstens 
in den uns überkommenen Exemplaren, den 
Namen John Bodleys weder auf dem Titel noch 
sonstwie. 

Thomas wurde auf jeden Fall zur Ver¬ 
meidung längerer Unterbrechung seiner Studien 
sehr bald nach Oxford gesandt, wo er 1559 ins 
Magdalen College eintrat, an dem Dr. Laurence 
Humphrey, der „Chiefreader in Divinity“, Lehrer 
und seit 1561 Präsident war, ein Leidensgenosse 
und Freund der Bodleys aus der Genfer Zeit 


her. Am 25. Juli 1563 erhielt er den Titel 
eines Bachelor of Arts, nachdem er sich um¬ 
fassenden und vielseitigen Studien unter gün¬ 
stigen Umständen und Einflüssen gewidmet 
hatte. Merton College erwählte ihn noch im 
selben Jahre zum Probationer-Fellow und 
machte ihn im folgenden Jahre zum Fellow, 
damit für immer das für alle Zeiten berühm¬ 
teste Mitglied der Universität an sich knüpfend. 
Der Titel eines Master of Arts folgte am 
5. Juli 1566. 1569 wurde er ohne Gegen¬ 

kandidaten zu einem der Proktor-Posten erwählt 
und füllte auch für einige Zeit die Stelle eines 
Deputy Public Orator aus. In den ersten Jahren 
hielt er öffentliche Vorlesungen über Griechisch, 
später über Naturphilosophie, in beiden Fällen 
nicht geringes Aufsehen erregend. 

Wie es bei seiner umfassenden Bildung und 
infolge seines Aufenthaltes im Auslande während 
der flir dauernde Eindrücke so empfänglichen 
Knabenjahre nicht zu verwundern war, be¬ 
friedigte jedoch den tatkräftigen, im besten Alter 
stehenden Mann das beschauliche, etwas welt¬ 
abgeschiedene und flir ein bedeutendes Weiter¬ 
kommen nicht geeignete Leben eines zu jenen 
Zeiten noch schlecht bezahlten Oxforder Pro¬ 
fessors nicht „Es verlangte mich immer mehr 
danach, über See zu reisen, um vor allem 
Kenntnis einiger modernen Sprachen zu er¬ 
langen und um meine Erfahrung als Welt- und 
Geschäftsmann zu erweitern, da ich den festen 
Entschluß gefaßt habe, mich mit aller Sorgfalt 
dem öffentlichen Leben zu widmen ...“ Er 
erhielt von der Regierung und von seinem College 
die zum Reisen im Auslande nötige Erlaubnis 
und blieb von 1576 an vier Jahre lang in Italien, 
Frankreich und Deutschland, reiche Sprach- 
kenntnisse erwerbend und sich mehr und mehr 
zunächst zum Diplomaten und dann vor allem 
zum weltmännischen Gönner der Wissenschaften 
ausbildend. 1583 kehrte er nach England 
zurück und wurde als ein Kammerherr (esquire 
of the body, oder gentleman-usher) an den 
Hof der Königin gezogen. Seinem Ehrgeiz 
und seiner nicht abzuleugnenden Eitelkeit schien 
dies zu behagen und zu weiterem Aufsteigen 
in Macht und Ansehen zu reizen. 1585 begann 
seine Karriere im Dienste des Staates als ver¬ 
trauter Gesandter, nachdem er 1584 vergeblich 
versucht hatte, für den Bezirk von Hythe zum 
Parlamentsmitglied gewählt zu werden. Wir 


Digitized by 


Google 



Degener, Die Bodleian Library in Oxford. 


99 


sehen ihn an den Höfen von Kopenhagen, 
Braunschweig, Cassel und bei anderen deutschen 
Fürsten, bei Heinrich III. von Frankreich zur Zeit 
seines Zwistes mit dem Herzog von Guise und 
anderswo, und der Kreis seiner Freunde, Gönner 
und Bekannten wuchs beträchtlich. Wohl¬ 
gefällig und mit sich selbst zufrieden berichtet 
er über seine Erfolge. 

In London vermählte er sich 1587 mit einer 
reichen Witwe, Anne Ball, Tochter des Bris- 
toler Kaufherrn Carey, und erwarb dadurch 
den größeren Teil seines beträchtlichen Ver¬ 
mögens, das ihm später so zustatten kam. Nach 
dem Grabmonumente zu urteilen starb seine 
Frau nur ein Jahr vor ihm selbst und wurde 
am 12. Juli 1611 in der Kirche zu St. Bartholo- 
mew-the-Less in London beerdigt. Wir hören 
von ihr auffallend wenig; in seiner Autobio¬ 
graphie erwähnt Bodley sie nicht ein einziges Mal, 
und auch in seinen zahlreichen uns erhaltenen 
Briefen an James, seinen Bibliothekar, finden 
wir ihrer nur zwei oder dreimal gedacht, wenn 
ihre Krankheit ihn verhindert, sich seiner 
Bibliothek in Oxford zu widmen. Ihr Einfluß 
auf ihn scheint nicht groß gewesen zu sein. 
Allerdings war Bodley nie in großer Eile, die 
Verdienste anderer zu verkünden, und seiner 
fast zur Manie gewordenen Hingabe an die 
Errichtung der großartigen Bibliothek opferte 
er alles, selbst in seinem Testamente die An¬ 
gehörigen seiner eigenen und seiner Frau 
Familie fast ganz vergessend, besonders zum 
Leidwesen der letzteren, von der ja ein großer 
Teil der weltlichen Schätze Bodleys stammte. 

Im Jahre 1588 ging Bodley nach dem Haag, 
um als Vertreter Englands vertragsmäßig am 
Staatsrat der Vereinigten Provinzen ständig 
teilzunehmen. Seine Frau folgte ihm scheinbar 
1589 dorthin; denn wir finden im Mai dieses 
Jahres das Ansuchen des Sekretärs Windebank, 
ein Schiff von Staats wegen zu ihrem sicheren 
Geleite zur Verfügung zu stellen. Fünf Jahre 
lang verblieb er auf diesem schwierigen Posten 
zur höchsten Zufriedenheit seiner Königin und 
der Regierung, die ihm in der Ausführung 
seiner wichtigen Mission mehr und mehr in 
beachtenswerter Weise freie Hand ließen. Im 
Mai 1593 und dann nochmals im Mai 1595 
kehrte er auf kurze Zeit auf seinen besonderen 
Wunsch hin nach England zurück, um schließlich 
im Juli 1596 ganz aus dem Staatsdienst aus¬ 


zutreten. Selbst das dringendste Zureden seiner 
Freunde und der Minister, selbst die glänzendsten 
Zusicherungen der höchsten Staatsämter, mit 
denen man ihn schon mehrfach hingehalten 
hatte, konnten seine Entscheidung nicht ändern. 
Die ewige Eifersucht und Doppelzüngigkeit seiner 
beiden erklärten Freunde, Cuil Lord Burleigh 
und des Earl of Sussex, hatten im Verein 
mit einer Krankheit im Jahre 1595 dem ehr¬ 
geizigen und etwas empfindlichen Manne die 
Freude an der Sache verscherzt. Seine an¬ 
geborene Rastlosigkeit, gepaart mit seiner hohen 
Intelligenz, trieben ihn zurück in das reichlich 
Beschäftigung bietende unabhängige Leben des 
von Sorgen freien Gelehrten und Beschützers 
der Wissenschaften. Im Mai und Oktober 1598, 
dann 1601 wurde er umsonst ersucht, sich 
an Gesandtschaften nach Frankreich zu be¬ 
teiligen oder 1602 auf seinen Posten in den 
Niederlanden zurückzukehren. 1601 und im 
Januar 1604 wurde ihm der Posten des Staats¬ 
sekretärs angeboten; Bodley blieb aber fest 
bei seinem Entschluß und hielt sich fern vom 
Hof und von der Regierung. Er erwarb im 
Mai 1597 auf 33 Jahre die Krondomaine zu 
Middleton und zu Marden in der Grafschaft 
Kent und verbrachte dort und auf seinen an¬ 
deren Besitzungen, vor allem in London, den 
Rest seiner Tage, ganz aufgehend in der Vor¬ 
bereitung, Einrichtung und schließlich in der 
Überwachung jener großartigen Stiftung, die 
seinen Namen für immer in leuchtenden Buch¬ 
staben in die Geschichte der Menschheit und 
Zivilisation eingeschrieben hat. 

Den Plan seiner Stiftung mußte er schon 
lange gefaßt haben; der enorme Aufschwung 
Englands, die Blüte englischer Poesie und Prosa, 
der schnell aufwachsende, begüterte und einem 
gewissen Luxus ergebene Mittelstand ebenso 
wie der steigende allgemeine Wohlstand des 
ganzen Volkes trugen ohne Zweifel viel dazu 
bei. Mit der Thronbesteigung Elisabeths 1558 
kam plötzlich ein frischer, kräftiger Zug in die 
Entfaltung des politischen, sozialen, religiösen 
und intellektuellen Lebens Englands, der die 
engen Gesichtspunkte der Tudorzeit hinwegfegte 
und an ihre Stelle eine tiefgehende, offenherzige 
Begeisterung für die schönsten Früchte des 


Digitized by LjOOQle 



IOO 


Degener, Die Bodleian Library in Oxford. 



West. Die Gebäude der Bodleian Library. Links die ursprüngliche Bibliothek mit dem West- und Ostflügel. Ost. 

(Nach Loggan „Oxonia Illustrata**.) 


Humanismus und der Reformation setzte. Der 
Engländer wurde Engländer mit vollerem Be¬ 
wußtsein als je zuvor; er bekam aber auch ein 
umfassenderes intelligentes Verständnis für die 
geistigen Bewegungen und Strömungen außer¬ 
halb seines Inselreiches. Er hörte auf, plump 
zu kopieren, sondern verarbeitete fremden Stoff, 
assimilierte ihn, schuf aus sich selbst heraus 
und baute auf erhaltenen Thesen nach eigener 
Prüfung weiter. England wurde sich seiner 
geistigen Schwächen bewußt und lernte gerade 
dadurch erkennen, wo es wirklich stark war 
und wo ernste Selbsterziehung zu hohem Ziele 
führen konnte. Und mit ernsthaftem Eifer 
machte man sich denn auch allenthalben an 
die großen Aufgaben. Es war das berühmte 
Zeitalter literarischer Sterne wie John Foxe, John 
Knox, Edmund Spenser, Sir Philip Sidney, 
Christopher Marlowe, Sir A. Ascham, W. Gilbert, 
George Peele, Thomas Kyd, John Lyly, Ben 
Jonson, Francis Bacon und William Shakespeare. 
Unter solchen Zeitgenossen wuchs Thomas 


Bodley auf, an ihren Begeisterungen konnte er 
teilnehmen. Mit ihren Werken und ihrem Geiste 
in Muße vertraut zu werden, hatte gerade er 
bei seiner Veranlagung, seiner vorzüglichen Er¬ 
ziehung in seiner hohen Stellung und bei seinem 
Wohlstände die reichste Gelegenheit. Auch 
bei ihm bestätigte es sich, daß große Zeiten 
große Männer schaffen. 

Schmerzlich muß der Eindruck gewesen 
sein, den der junge Bodley empfing, als er 
bei seinem Aufenthalt in Oxford überall auf 
die Spuren der zerstörten Bibliothek Herzog 
Humphreys stieß, als er den großen, schönen 
Bibliothekssaal verödet und verlassen fand. 
Das wenige an Büchern, was in den verschie¬ 
denen College- und kleinen Privatbibliotheken 
noch verblieben war, mußte gerade durch 
seine Dürftigkeit die enorme Lücke täglich 
doppelt fühlbar machen. Ohne eine gute 
Bibliothek, deren Einfluß unmöglich ausbleiben 
konnte, drohte der Aufschwung des geistigen 
Lebens in Oxford wieder zurückzusinken in 


Digitized by LjOOQle 




























Dcgener, Die Bodleian Library in Oxford. 


101 



Die Bodleian Library. Interieur des ältesten Teils von Osten (oben) und Westen (unten), Anfang des XVII. Jahrhunderts. 

(Nach Loggan „Oxonia Illustrau“.) 


Sophisterei und Einseitigkeit; die Lehrer waren 
meist ebenso wenig bemittelt als die Mehrzahl 
der Studenten, so daß sie sich gerade Bücher, 
deren sie am meisten bedurften, ob ihrer Kost¬ 
barkeit nicht anschaffen konnten. Auf seinen 
Reisen konnte Bodley nicht umhin, mehr und 
mehr noch den unendlichen Segen und Vorteil 
großer Bibliotheken kennen zu lernen, sei es in 
Italien, in Deutschland oder in Frankreich, 
dessen Pariser Universität ja noch immer von 
Alters her, als sie gewissermaßen Alma Mater 
Matris Oxoniensis war, Beziehungen mit Oxford 
unterhielt. Und das, was er sah und was er 
selbst in so reichem Maße so glücklich genoß, 
wollte er auch anderen zuteil werden lassen. 

Wie sagt er doch gleich in seiner Auto¬ 
biographie?: „ .. . . Und wenn ich es auch für 
mich als das Beste erkannte, mich von dem 
höfischen Getriebe fernzuhalten und mein Denken 
und Tun auf solche Dinge zu richten, die ich 
selbst am meisten liebte, so hatte ich doch zu 
bedenken, was meine Pflicht gegen Gott, die 


Erwartungen der Welt, meine natürliche Ver¬ 
anlagung und mein eigenes Pflichtgefühl ver¬ 
langten, daß ich nicht ganz meine kleinen 
Fähigkeiten verbergen durfte, sondern daß ich 
auf die eine oder die andere Art den Platz 
eines nützlichen Mitgliedes des Staates aus¬ 
zufüllen hatte; worauf ich denn für den Rest 
meines Lebens mir genau überlegte, was ich 
unternehmen könnte. Und nachdem ich alle 
Wege, wie ich glaubte, gesucht hatte, die in 
den Wald führten, um den geeignetsten zu 
wählen, beschloß ich schließlich, meinen Stab 
an der Bibliothekstür zu Oxford niederzusetzen . 
Ich war vollkommen überzeugt, daß in meiner 
Einsamkeit und Rast von den Geschäften des 
Staates ich mich mit nichts Besserem beschäf¬ 
tigen konnte, als jenen Platz (der damals in 
jeder Weise wüst und in Ruinen lag) zum 
öffentlichen Gebrauche der Studierenden ein¬ 
zurichten. Um dies durchzufiihren, befand ich 
mich in genügendem Maße mit jenen vier 
Hilfsmitteln versehen, ohne die alle ich keine 


Digitized by LjOOQLe 


































































102 


Degener, Die Bodleian I.ibrary in Oxford. 


Hoffnung auf guten Erfolg haben konnte. Denn 
ohne einige Kenntnis sowohl der gelehrten und 
modernen Sprachen als verschiedener anderer 
philologischer Literatur, ohne eine leistungs¬ 
fähige Kasse, um die Ausgaben aushalten zu 
können, ohne einen groben Vorrat von ehren¬ 
werten Freunden, um den Plan zu fördern, und 
ohne besonders gute Muße, einem solchen 
Werke mich zu widmen, würde es sich nur als 
ein vergeblicher und unbeträchtlicher Versuch 
erwiesen haben. Wie gut aber ich in allen 
meinen Anstrengungen gefahren bin und wie 
umfassende Vorsorge ich für das Wohl und die 
Bequemlichkeit aller Besucher der Bibliothek 
treffen konnte, das was ich außerdem für den 
Unterhalt gegeben habe und das was ich noch 
später in Form einer Vergrößerung dieses 
Platzes hinzuzufügen gedenke (denn das Projekt 
ist fertig, und ob ich lebe oder sterbe wird es, 
so Gott will, voll zur Ausführung gebracht 
werden), alles das wird so wahr und im Über¬ 
maß fiir mich Zeugnis ablegen, daß ich es 
nicht nötig habe, die Würde und den Wert 
meiner eigenen Gründung bekanntzumachen...“ 

Auf jeden Fall also war sich Bodley seiner 
Wichtigkeit bewußt, und wir können ihm schlie߬ 
lich diese harmlose Freude und Zufriedenheit 
mit sich selbst verzeihen, da ja in der Tat sein 
Werk in fast jeder Hinsicht einzigartig dasteht: 
von Anfang an bis auf den heutigen Tag mit 
Recht eine der berühmtesten Bibliotheken der 
Welt, ein Mekka der Forscher und Wißbe¬ 
gierigen, jetzt an Umfang nur von fünf anderen 
Bibliotheken übertroffen, nämlich der Bibliotheque 
Nationale, dem British Museum, der Kaiser¬ 
lichen Bibliothek zu St Petersburg, der König¬ 
lichen Bibliothek zu München und der zu Berlin. 

Am 23. Februar 1597 schrieb Bodley an 
den Vice-Chancellor der Universität den be¬ 
rühmten Brief, der in großer Versammlung am 
2. März verlesen wurde und in dem er sagte: 
. .. „Da nun ehemals eine öffentliche Bibliothek 
in Oxford existierte, an die uns noch, wie Sie 
wissen, der verbliebene Raum erinnert und die 
Statuten und Akten, so will ich die Mühen 
und Kosten übernehmen, dieselbe wieder in 
ihren früheren Zustand zu versetzen“. Dieses 
hochherzige Angebot wurde natürlich mit Be¬ 


geisterung aufgenommen, und eine lebhafte 
Korrespondenz schloß sich weiteren Briefen 
Bodleys aus dem März desselben Jahres an, in 
denen er den Wunsch äußerte, daß eine 
Kommission ernannt werde, die die beste Art 
der Ausstattung der Bibliothek beraten sollte, 
und in denen er auch ein Angebot seines 
Colleges, Merton, erwähnt, das nötige Holz zu 
beschaffen. Im ganzen Lande machte natür¬ 
lich Bodleys Angebot und die Energie, mit 
der er ans Werk ging, von sich reden; junge 
begeisterte Autoren, wie z.B. Richard Haydocke 
vom New College, widmeten ihm ihre Werke 
(Haydocke seine Übersetzung von Lomazzos 
Abhandlung über die Kunst des Malens mit 
einem guten Porträt Bodleys auf dem Titel), 
bedeutende Männer schrieben sich darüber, 
und viele von ihnen dachten schon ernstlich 
daran, welche wichtigen Bücher sie stiften sollten, 
um sich dadurch einen Platz in der Rolle der 
Wohltäter zu sichern. 

Über zwei Jahre vergingen mit der Aus¬ 
stattung der alten, schönen Bibliothekshalle von 
26.20 m Länge und von verhältnismäßig großer 
Breite (9.75 m), an die erst später die Quer¬ 
hallen angegliedert wurden. Zehn Fenster aut 
jeder Seite spenden reichliches Licht für die 
Büchergestelle, die zwischen ihnen im rechten 
Winkel zur Wand noch heute so wie zu Bodleys 
Zeiten aufgestellt sind. Es sind in der Tat noch 
dieselben Regale, neun 2,55 m hohe und ein halb 
hohes Regal auf jeder Seite; wir sehen noch 
Überreste der Vorrichtungen fiir die Stäbe, an 
denen die Ketten der Bücher liefen, und die 
der Neuzeit angehörigen Pulte ruhen auf den 
ursprünglichen großen, ornamentierten Trägern, 
während die eisernen Haken noch vorhanden 
sind, mit denen die alten, 28 cm tiefen Pulte, 
wenn hochgeklappt, festgehalten wurden. Eine 
kurze Beschreibung des Raumes vor Anfügung 
des Ostflügels gibt Cowley. Völlig modern sind 
das niedrige hölzerne Gittertor, welches die 
Besucher von dem größeren Teil der Bibliothek 
abschließt, die Heizrohren und die Porträts an 
den Wänden. Der Fußboden ist auch neueren 
Datums, einige Zoll über dem alten, der etwas 
tiefer als die Nischen auf jeder Seite lag. Die 
Ostwand hatte ein großes Fenster mit Nischen 
und die West wand war ganz ohne Fenster. Die 
Bücher, ohne Zettel auf den Rücken, standen mit 
den Seiten dem Leser zugewandt und waren an 


Digitized by LjOOQle 



Degener, Die Bodleian Library in Oxford. 


103 


Ketten befestigt, die an Stäben hingen, Manu¬ 
skripte gemischt mit gedruckten Büchern, haupt¬ 
sächlich der Größe, jedoch auch den Disziplinen 
nach geordnet. Senkrechte, kleine Eisenplatten 
mit kurzen Röhren hielten die Stäbe an den 
äußeren Enden fest und waren durch Schlösser 
zu öffnen oder zu schließen. An der Seite jedes 
Gestelles war ein in der Mitte geteilter Rahmen 
angebracht, der die Liste der auf dem be¬ 
treffenden Gestelle auf beiden Seiten unter¬ 
gebrachten Bücher enthielt. 

In jeder Nische stand zwischen den Bücher¬ 
gestellen eine Doppelbank, mit einer ornamen¬ 
tierten Seitenlehne am inneren, dem Gange 
zugewandten Ende. Die Pulte waren breiter 
und aus einem Stück, nicht dreigeteilt wie 
jetzt, und waren, wie bereits erwähnt, zum Auf¬ 
klappen eingerichtet Scheinbar wurden an¬ 
fänglich keine Bücher unterhalb der Pulte 
auf die Regale gestellt, wie auch in vielen 
anderen Bibliotheken jener Zeit, sondern es 
geschah dies erst später, als der Mangel an 
Platz immer größer wurde und als man es 
aufgab, die Bücher an Ketten zu legen, eine 
Einrichtung, die man in der Bodleiana 1757 
abzuschaffen begann. Aus den Konten ersehen 
wir, daß 1761 für das Fortnehmen der Ketten 
von 1448 Büchern 724 Pence gezahlt wurden; 
1769 wurden einige lange Ketten für je 2 Pence 
verkauft, kurze zu i f / 2 Pence, und en masse 
19 Zentner als altes Eisen für 14 Schillings der 
Zentner. Die beiden Archive rechts und links 
mit den halb aus durchbrochener Metallarbeit 
bestehenden Türen scheinen die „grated 
places,“ „grated roomes“ oder „grates“ zu sein, 
von denen Bodley in seinen zahlreichen Briefen 
an den Bibliothekar James spricht, zu welchen 
schon damals die Leser keinen Zutritt hatten, 
und in denen daher die Bücher nicht angekettet 
wurden; dafür sollte jede Tür zwei „hübsche, 
kleine Riegel haben, einen über und einen unter 
dem Schlosse“. Die beiden, diesen benach¬ 
barten Studierräume der Bibliothekare sind 
höchstwahrscheinlich identisch mit den zwei 
„Closets for better bookes“, für welche auch 
„chests“ oder „window desks“ unter den 
Fenstern angebracht wurden. 

Was die Einrichtung vor allem so lange 
verzögerte und beträchtlich über Bodleys An¬ 
schlag hinaus verteuerte, war die notwendige^ 
gründliche Renovation des gesamten Daches, 


das in sehr schlechten Zustand geraten war. 
Bodley ersetzte es durch die noch heute mit 
Recht so viel bewunderte Konstruktion. Die 
Kreuzbalken und Streber sind reich mit ge¬ 
schmackvoll geschnitzten Arabesken geschmückt 
Zwischen ihnen ist die Decke durch geschnitztes 
Rahmenwerk gleichmäßig in Vierecke zerlegt, 
von denen ein jedes in Farben gemalt das 
Wappen der Universität trägt: eine aufge¬ 
schlagene Bibel mit sieben Siegeln zwischen 
drei Herzogskronen und mit den Worten 
„Dominus illuminatio mea“ auf den aufge¬ 
schlagenen Seiten. Die Knäufe der Kreuzungen 
des Rahmenwerkes zeigen das Wappen Bodleys. 
Eine ähnliche Decke wurde dann auch bei 
Errichtung des Ostflügels der Bibliothek 1610 
bis 1612 dort angebracht, ebenso wie in der 
Galerie (erbaut 1613—1617). Im letzteren Falle 
jedoch hatte man das Dach so schlecht werden 
lassen, daß es nicht mehr repariert werden 
konnte und 1831 ganz entfernt werden musste, 
wobei man es dann leider durch eine einfache, 
gegliederte Stuckdecke ersetzte. 

Nachdem im Laufe dieser Jahre schließlich 
alle die zahlreichen Schwierigkeiten überwunden 
worden waren, die sich einem solchen Unter¬ 
nehmen boten und von denen der Kampf mit 
den Unbilden der Witterung und die Be¬ 
schaffung der geeignetsten Bauleute und 
Schreiner nicht die geringsten waren, konnte 
Bodley am 25. Juni 1600 wieder an den Vice- 
Chancellor freudige Nachricht geben, daß, da 
alles jetzt für die Aufnahme einer bedeutenden 
Bibliothek fertig sei, er sich energisch an das 
Zusammenbringen einer solchen machen werde, 
und daß er ein großes Register, eine Art Ehren¬ 
rolle, angelegt habe, in das die Namen aller Wohl¬ 
täter und Stifter nebst den Einzelheiten ihrer 
Gaben eingetragen werden sollten. Diese zwei 
großen Foliobände aus Pergament sind uns noch 
erhalten und ihr Inhalt ist von ungemeinem In¬ 
teresse und von großer Wichtigkeit für die Ge¬ 
schichte der Bibliothek und die der zahlreichen 
Gönner. Der jetzige Einband stammt aus den 
Jahren 1649—1650; die vergoldeten silbernen 
Buckel jedoch, mit den Wappen Bodleys und 
der Universität, sind noch die ursprünglichen. 
Viele der Eintragungen sind mit den farbigen 
Wappen der verschiedenen Stifter geziert; 
Band I umfasst die Jahre 1600 bis 1688, auf 
den ersten neunzig Seiten die gedruckte Liste 


Digitized by LjOOQle 



Degener, Die Bodlcian Library in Oxford. 


104 



„The Long Gallery". 

Das dritte Stockwerk der Gebäude des „Schools Quadrangle", dessen Decke ehemals (bis zur Renovation 1831) ähnlich der Decke der 
Humphreys Library geschmückt war. Enthält eine Sammlung von Gemälden und Modellen usw., die der Bibliothek gehören, außerdem einen 
Teil der Bücher. Vorn in der Mitte Bodleys Chest oder Schatzkasten, dahinter eine Marmorbüste Bodleys. 


der ersten vier Jahre enthaltend (Bodley begann 
das Register persönlich im Jahre 1600, über¬ 
gab es aber erst Ende 1604 der Bibliothek), 
während alle späteren Eintragungen hand¬ 
schriftlich geschahen. Ein den ersten Band 
beginnender umfassender Titel gibt volle Aus¬ 
kunft über den Zweck des Registers und erwähnt 
auch, daß Bodleys eigene Gaben nicht auf¬ 
gezählt seien, da er sie noch während des 
Restes seines Lebens bedeutend zu vergrößern 
hoffe. Band II beginnt 1692 und schließt 1795 
mit Seite 216. Von 1796 an trat dann an 
seine Stelle die Veröffentlichung der, wenn 
auch nicht immer an Wert, so doch an Zahl 
enorm gesteigerten Schenkungen in den ge¬ 
druckten jährlichen Ankaufskatalogen und Ab¬ 
rechnungen, und heutzutage werden nur noch 
die bedeutendsten in den „Annual Reports to the 
Curators“ erwähnt. Es unterliegt keinem Zweifel, 
daß auch in den ersten beiden Registerbänden 
viele Gaben ausgelassen worden sind, sei es, 
daß man allmählich sehr verwöhnt wurde, sei 
es durch bedauerliche Nachlässigkeit der mit 
den Eintragungen betrauten Personen. Nach 
Bodleys Bestimmungen hätte der Bibliothekar 
alles eintragen sollen, doch finden wir in den 
Korrespondenzen usw. oft berechtigte Klagen 
über die Rückständigkeit dieser Arbeiten. 


Wenn nun die feierliche Eröffnung auch 
erst mehr als zwei Jahre später stattfand, so 
können wir doch mit einigem Rechte schon vom 
Datum jenes Briefes, vom 25. Juni 1600 an, das 
Bestehen dieser ältesten öffentlichen Bibliothek 
Europas rechnen. Bodley selbst hatte schon 
seit Jahren langsam gesammelt; jetzt sandte er 
seinen geschäftskundigen und tätigen Agenten, 
den Londoner Buchhändler John Bill, nach dem 
Kontinent und kaufte durch ihn dort, wie er 
selbst es in England tat, eine für jene Zeiten 
große Menge wertvoller Werke auf. Er war in 
seiner Wahl sehr sorgfältig und streng; er wollte 
nur die besten Werke, die besten Ausgaben 
haben; er überwachte unablässig die Anschaf¬ 
fungen bis ins Detail hinein persönlich; denn, 
kurzsichtig und bis zu einem gewissen Grade be¬ 
dauerlich, wie wir jetzt sein Verhalten beurteilen 
müssen, konnte er keinen Grund sehen: »meine 
Ansicht zu ändern, solche Bücher wie Almanache, 
Schauspiele und Theaterstücke und eine Un¬ 
menge alltäglicher Drucksachen sehr wenig 
würdiger Dinge auszuschließen; und solches Zeug 
zu handhaben, für das der Bibliothekar und 
Unterbibliothekar sich zu gut halten sollten , es 
für irgendjemand herauszusuchen. Ihr Nutzen 
wird recht gering sein, verglichen mit dem 
Schaden, den der Skandal der Bibliothek bringen 


Digitized by LjOOQle 








Degener, Die Bodleian Library in Oxford. 


io 5 


könnte , wenn es bekannt würde, daß wir die 
Bibliothek mit Ballast {Baggage Books) voll - 
gestopft haben . . . Je mehr ich darüber nach¬ 
denke, je mehr ist es mir zuwider, daß einer 
solchen Sorte von Büchern ein Platz in einer 
so vornehmen Bibliothek eingeräumtwerden sollte* 
Kosten scheute Bodley nie, wenn es galt, gute 
Bücher zu erwerben. „Sorgen Sie sich nicht, 
Jo. Bill hat überall bekommen, was der Platz 
bieten konnte; denn seine Kommission war 
groß, seine Zeit lang und seine Zahlung sicher," 
schreibt Bodley an James; und ein andermal 
lesen wir: „Denn er (Bill) war schon in Venedig, 
Ferrara, Padua, Verona, Brescia, Mantua, Pavia, 
Mailand, Florenz, Pisa, Rom usw. und kaufte 
für mindestens vierhundert Pfund." Und wieder 
an anderer Stelle: „Da ich in meinen Hoff¬ 
nungen auf Bücher aus der Türkei enttäuscht 
worden bin, so beabsichtige ich baldigst einen 
Gelehrten, der in den hebräischen und arabischen 
Sprachen sehr gut unterrichtet ist, dorthin zu 
senden, zu dem ausschließlichen Zwecke, Bücher 
für die Bibliothek zu suchen ...." Und es ist 
auch diesen zahlreichen, ausführlichen Briefen 
Bodleys an seinen Bibliothekar, Dr. Thomas 
James, erster „Keeper of the Publick Library", 
zu verdanken, daß wir viel über seine Be¬ 
mühungen um die Bibliothek und die Sorgen 
eines Bibliophilen jener Zeiten lernen können. 
Das Material zum Anketten der Bücher wie 


Haken, Schließen und Draht besorgte Bodley 
immer in London und der Bedarf daran ist 
beständig erwähnt Tischler- und Maurer- 
Arbeiten werden oft behandelt; der gräßlichen 
Unsitte des Ausspuckens (im zivilisierten Eng¬ 
land unserer Zeit traurigerweise immer noch 
so verbreitet) glaubt er nur durch größere 
Sauberkeit des mit dem Reinigen Beauftragten 
abhelfen zu können, der auch das Verschimmeln 
der Bücher durch sorgsames, genau vor¬ 
geschriebenes Säubern verhüten solle, „denn 
für meine vier Mark Lohn kann ich das wohl 
verlangen". Dann sind es wieder Instruktionen, 
wie James voraussichtlichen Gönnern geschickt 
um den Bart gehen, andere an gegebene, 
aber noch unerfüllte Versprechen erinnern soll; 
oder wie er den König oder den Herzog von 
Braunschweig oder den Landgrafen von Hessen 
(„es hat bisher keinen anderen jungen Prinzen 
gegeben, der einer Majestät und dem Hofe 
willkommener war...") auf seinem Wege von 
Cambridge empfangen und welche Reden er 
halten solle, um die oft bewährte Gunst der 
hohen Herren zu erhalten und zu neuen Be¬ 
weisen herauszufordem. Zur Vorbereitung eines 
solchen königlichen Besuches schreibt er: „.. .. 
Nachdem die Bibliothek gut gekehrt und die 
Bücher vom Staube gesäubert sind, ist der 
Fußboden sorgfältig zu waschen und zu trocknen 
und dann mit ein wenig Rosmarin einzureiben; 



Digitized by LjOOQle 





io6 


Degener, Die Bodleian Library in Oxford. 


einen stärkeren Wohlgeruch würde ich nicht 
gern haben ...“ Lange hatte er sich bemüht, 
außerordentliche Privilegien vom König zu er¬ 
halten, der ihm auch versprach, er dürfe sich 
aus den königlichen Bibliotheken heraussuchen, 
was er für seine Bibliothek in Oxford wünsche: 
„Ich habe eine Ordre des Königs in seiner 
eigenen Handschrift und unter seinem Siegel, 
für die Wahl irgendwelcher Bücher, die mir in 
irgendwelchen seiner Häuser oder Bibliotheken 
gefallen sollten.“ Soweit wir dies aber fest¬ 
stellen können, scheint aus diesem äußerst 
weitgehenden Privileg nicht viel Vorteil ent¬ 
sprungen zu sein. James selbst bekam des 
öfteren Auftrag, sich um den Erwerb gewisser 
Bücher zu bemühen oder in den zahlreichen 
Oxforder Buchläden nach solchen zu fahnden, 
und beständig hatte er Listen der Neuerwerb¬ 
ungen an Bodley zu senden, der diese dann 
an seine Agenten weitergab, um möglichst 
den Ankauf von Duplikaten zu vermeiden; 
soweit sich solche ansammelten, wurden sie 
bei günstigen Gelegenheiten an Bodley von 
Oxford, zwischen Heu und Papier in großen 
Fässern wohlverpackt, zurückgesandt und ent¬ 
weder ausgetauscht oder verkauft. War es die 
Schuld von James, der mit seinen Listen oft 
rückständig war oder dieselben nicht genau 
ausschrieb, oft übersehend, daß dem Brauche 
jener Zeiten gemäß mehrere Schriften, sehr 
häufig ganz verschiedene Thema behandelnd, 
in einen Band zusammengebunden wurden, 
so vergaß Bodley nicht, ihm dies zu verstehen 
zu geben; denn so hoch ihn auch Bodley 
schätzte, so hielt er ihm doch seine Meinung 
nicht vor und betonte oft genug die Pflichten, 
die er ihm und der großen Bibliothek, der Uni¬ 
versität und der ganzen Welt gegenüber habe. 
Einen ewigen Kummer bereiteten ihm die 
mangelhaften Kenntnisse James* im Hebräischen, 
in welcher Sprache Bodley wie in vielen an¬ 
deren ein Meister war, noch von jener Zeit her, 
als er in Genf studierte und im Merton College 
lehrte und alte Manuskripte transkribierte. „Die 
hebräischen Titel sind so falsch, daß man sie 
mit Feder und Tinte gamicht verbessern kann; 
man muß sie ganz neu schreiben; die Sache ist 
ja so einfach“; so und ähnlich lauten seine Klagen. 
Bald fing auch James an, sich über die Bürden 
seiner Stellung zu beschweren, die für ihn zu 
groß würden, und verlangte nach einem Assi¬ 


stenten. Bodley konnte das nicht einsehen, 
schob späterhin die Schuld auf James’ unbe¬ 
gründete, öftere Abwesenheit ohne sein Wissen 
oder auf seine Privatstudien, zu denen er ihm, 
als seinen Pflichten der Bibliothek gegenüber 
zuwider und schädlich, nur sehr ungern Er¬ 
laubnis gab; am meisten aber fürchtete er von 
der Anstellung eines Unterbibliothekars Unsicher¬ 
heit für die Bestände der Bibliothek, die ja schon 
früher mehrfach bestohlen worden war, selbst 
von hochgelehrten Herren, so daß es schwer 
schien, einen wirklich vertrauenswürdigen Mann 
zu finden. Gegen 1607 trat endlich der erste 
Sub-Librarian in der Person des Mr. Philip Price, 
M. A., ein. Auch zur strengen Einhaltung der 
Tage und Stunden, vor allem in den Univer¬ 
sitätsferien, an denen die Bibliothek für Leser 
geöffnet sein sollte, mußte Bodley in seinen 
Briefen verschiedentlich aufmerksam machen. 
„Ich möchte meinen, es wäre wünschens¬ 
wert, daß in der Bibliothek gar keine Ferien 
sein sollten .... mit Rücksicht auf die lange 
Zeit, welche gute Studenten verlieren würden, 
und da anzunehmen ist, daß solche Herren und 
Fremde, die einige Zeit an diesem Platze zu 
verbringen wünschen, vor allem die großen 
Ferien dazu erwählen werden.“ So ist es ja 
auch noch jetzt und in noch viel größerem 
Maßstabe der Fall, da nicht nur die beson¬ 
deren Einzelstudien, sondern auch die Sommer¬ 
ferienkurse und die Ferien Vorlesungen für aus¬ 
ländische Lehrerinnen Hunderte von eifrigen 
Studierenden nach Bodleys geheiligtem Schatz¬ 
hause ziehen. — Eine andere, wiederholt er¬ 
teilte briefliche Mahnung war es, unter keinem 
Vorwand irgendein Buch auszuleihen: „ ... so 
soll es jetzt auf keinen Fall geschehen, nach¬ 
dem die Statuten festgesetzt sind, weder für 
ihn (Sir H. Savil, der darum nachgesucht hatte), 
noch für irgend jemand, unter keinen Umständen. 
Denn es kann nur absurd erscheinen und wie 
ein Hohn, daß ein sorgfältiger Urheber guter 
Regeln und Statuten der erste Verletzer der 
Hauptpunkte werden sollte . ..“ Noch oft ist 
dieses Thema diskutiert worden, und es werden 
sich wohl immer wieder Vorkämpfer für den 
Vorschlag finden, wie in alten Zeiten gegen 
Pfand oder Bürgen Bücher aus der Bibliothek 
auszuleihen. So weit es sich um Duplikate 
handelt, kann man dieser Idee auch gern 
zustimmen, im übrigen jedoch dürfte es eine 


Digitized by LjOOQle 



Degener, Die Bodleian Library in Oxford. 


107 


Ungerechtigkeit sowohl gegen die vielen Gönner 
sein, die Bücher unter den bestehenden Be¬ 
dingungen schenkten, wie auch gegen die Leser, 
die oft von weither nach Oxford kommen und 
dann zu ihrem Nachteil finden würden, daß das 
betreffende Manuskript oder Buch ausgeliehen 
ist Bei einigen der großen Schenkungen 
haben die Stifter allerdings besonders aus¬ 
bedungen, daß ihre Bücher unter bestimmten 
Voraussetzungen entliehen werden können; so 
z. B. der Earl ofPembroke, 1629, für eine An¬ 
zahl Manuskripte, Sir Thomas Roe, 1629, für 
sechsundzwanzig griechische und drei andere 
Manuskripte, Sir Kenelm Digby 1654. Einige 
Ausnahmen wurden dann doch gemacht, zum 
Teil unter Druck, wie 1654 an Seiden gegen 
eine Kaution von £ 100; an Dr. Marshall, 1675, 
Manuskripte „Homiliarum Saxonicarum quattuor 
Volumina antiqua“ (geschrieben kurz nach der 
normanischen Eroberung), die durch Marshalls 
schnellen Tod fast verloren gingen, da er sie 
an „Junius“ verliehen hatte, der sie behielt 
und unter dessen Büchern sie bei seinem 
Tode mit in die Bodleiana zurückkamen. Am 
25. Oktober 1861 wurden zwei Manuskripte: 
„Historia Hierosolymitana“ der französischen 
Regierung durch Senatsbeschluß geliehen. 1886 
wurde jedoch Bodleys Bestimmung feierlich 
erneuert und noch dahin erweitert, daß kein 
einziges Buch die Bibliothek verlassen dürfe, 
da durch das Ausleihen verschiedene verloren 
gegangen seien; und am 25. Oktober und 
10. November 1887 wurde nochmals jedes 
Recht des Verleihens irgendwelcher Bücher, 
mit Ausnahme geringer Fälle, ein für allemal 
abgeschafft. 

Anlaß zu einer ziemlich lebhaften und er¬ 
hitzten Korrespondenz zwischen Bodley und 
James, die fast zum Bruch zwischen beiden 
führte, gab des letzteren Begehren nach höherer 
Bezahlung anstatt der £ 5. 13. 4. vierteljährlich, 
ein Verlangen, das mit dem für Bodley viel 
schmerzlicheren Wunsche seines Bibliothekars 
zusammenhing, Bodleys Statuten zu brechen 
und sich „sehr unzeitgemäß und unvernünftig“ 
zu verheiraten. Was das Salär anbetraf, so 
hatte Bodley schon eine Erhöhung vorgesehen, 
„jedoch mit Bezug auf Ihre Heirat, so möchte 
es doch geschehen, daß ich unter keinen Um¬ 
ständen darein willige, da ich es für absurd 
halte ....“ Seine Vorliebe für James ließ ihn 


schließlich seine eigenen Vorschriften übertreten 
(die aber späterhin „unverletzlich“ innegehalten 
werden sollten), und er willigte in die Heirat 
ein, „obwohl ich niemals etwas mit größerem 
Unwillen tat . . .“ 

Während dieser Anfangsjahre wie auch 
später, soweit ihn Krankheit nicht behinderte, 
war Bodley ein häufiger Besucher Oxfords, oft 
nur für einen Tag, um selbst nach dem Rechten 
zu sehen. Überall fand seine Aufopferung ge¬ 
bührende Anerkennung; Charles Fitzgeoffrey 
besang z. B. den novae bibliothecae Oxon. 
instauratorem“ in lateinischen Versen in seinem 
kleinen Bande Epigrammata, und viele andere 
Autoren folgten diesem Beispiele oder dedi- 
zierten ihre Werke Bodley oder der Bodleiana. 
Die Gaben an Geld und Büchern liefen reichlich 
ein, vor allem zunächst von Herbert Westphaling, 
Bischof von Hereford, Blound Lord Mountjoy, 
Lord Cobham, Walter Cope; 81 wertvolle 
Manuskripte kamen vom Dean und Konsisto¬ 
rium der Kathedrale zu Exeter, sodaß die 
Büchergestelle sich schnell füllten. Am 8. No¬ 
vember 1602 konnte zur offiziellen Eröffnung 
der Bibliothek geschritten werden, die schon 
den glänzenden Bestand von 2500 wertvollen 
Manuskripten und Drucken ihr eigen nannte 
und von diesem Tage an zunächst den Mitgliedern 
der Colleges und Halls, dann auch allen genügend 
qualifizierten Personen zur Verfügung gestellt 
wurde. Die Bezeichnung „publica bibliotheca“ 
scheint als gleichbedeutend der Bezeichnung 
„communis bibliotheca“ betrachtet worden zu 
sein, wie die alte Bibliothek genannt worden war, 
als der ganzen Universität gemeinsam gehörig 
zum Unterschied von den College-Libraries. In 
der Vorrede zum ersten Katalog von 1605 gibt 
James dann der Bibliothek gewissermaßen einen 
nationalen, ja sogar internationalen Charakter 
in den folgenden Worten: „Scire vis utendi 
copiam? omnibus et singulis (ne peregrinis ex- 
ceptis) de quibus bene sentit Academia, prae- 
stito prius juramento de fide erga libros prae- 
standa, Musarum janua aperta est, ingrediantur 
et studeant quam diu velint“. Nachdem man 
sich in der St. Marys Kirche versammelt hatte, 
um über die Ordnung der Zeremonie zu be¬ 
raten,begaben sich der Vize-Kanzler, die Proktors, 
die zur Überwachung der Bibliothek ernannten 
Delegierten, zahllose Doktoren und Magister 
und die vielen Gäste mit Bodley an der Spitze 


Digitized by 


Google 



io8 


Degener, Die Bodleian Library in Oxford. 



Haken, wie er seit Bodleys Zeiten in Duke Humphreys Library zum 
Auf halten der Tische an den Regalen benutzt wurde. 

(Aus Clark, The Care of Books.) 

in imposanter Prozession nach der Bibliothek, 
an derem Eingänge Thomas James sie mit 
einer kurzen Ansprache, „in quatribus ferme 
versibus amplexus est omnia“ empfing. Ob 
bei der Neueröffnung der Universitätsbibliothek 
irgendwelche Bände aus ihrer zerstörten Vor¬ 
gängerin vorhanden waren, ist, wie Mr. Cowley 
schreibt, noch nicht gelungen festzustellen. Mit 
der Zeit kehrten auf jeden Fall außer den drei 
oben erwähnten nach Cowley noch die folgenden 
Werke zurück: 1634 gab Laud Msc. 558, ein 
medizinisches Werk, in den Jahren 1459—60 im 
Aufträge des Dean Gilbert Kymer von Salisbury 
geschrieben und zwar zweifellos zum Geschenk 
für die alte Universitätsbibliothek; — 1659 
sandten Seldens Testamentsvollstrecker Msc. 
Seiden B. 50, ein Kommentar zu Juvenal, ein 
Geschenk des John Tiptoft, Earl of Worcester, 
eines bekannten Beschützers der Wissenschaften 
und besonderen Gönners der Bibliothek; — im 
Jahre 1671 wurden die Mssc. Holton 15 und 
36 gekauft, das erstere ein Sammelband mit 
Eintragungen über das Ausleihen desselben 
gegen Pfand 1461 — 1465, das zweite, Werke 
des Nicholaus de Clemengiis, mit vier hand¬ 
schriftlichen Eintragungen des Herzogs Humph- 
rey. Im Jahre 1897 wurde schließlich das 
Msc. Duke Humphrey B. 1 erworben: Capgraves’ 
Autograph seiner Erklärung des Exodus. Das 
Forschen nach den Resten der seiner Zeit 
unglücklicherweise so in alle Winde zerstreuten 


großen Sammlung ist wunderbarerweise erst 
neuerdings ernsthaft begonnen worden, und wir 
dürfen wohl hoffen, daß noch manches wert¬ 
volle Manuskript identifiziert werden wird. 

Vom Eröffnungstage an traten auch Bodleys 
Satzungen für die Verwaltung der Bibliothek 
in Kraft, in der sie sich bis auf den heutigen 
Tag, in Sinn und Form kaum wesentlich ver¬ 
ändert, erhalten haben. Die erste Niederschrift 
derselben von Bodleys Hand finden wir auf 
dem Archiv der Universität, und Heame 
hat sie in seinen Reliquiae Bodleianae (1703) 
abgedruckt Eine besonders dafür eingesetzte 
Kommission beriet sie auf das sorgfältigste und 
legte ihre Arbeit am 12. Juni 1610 dem ge¬ 
samten Senat vor, der diese endgültige Fassung 
auch annahm, zu gleicher Zeit bestimmend, 
daß jeder, der zur Bibliothek zugelassen wurde, 
eine Steuer von 12 Pence zahlen mußte: 
8 Pence für den Bibliothekar und 4 Pence 
für den Unterbibliothekar. Dieses (einmalige) 
Eintrittsgeld unterlag im Laufe der Jahre ver¬ 
schiedenen Schwankungen und wurde mit den 
Matrikulationsgebühren verschmolzen, von denen 
heute ein Teil der Bibliothek zu den Unter¬ 
haltungskosten überwiesen wird. So zahlten 
z. B. 1632 vier Studenten (Untergraduates) für 
Zulaß als Leser für die Jahre 1631—32 je 40 
Schillings, und andere zahlten im folgenden 
Jahre das gleiche; um 1713 wurden von Fremden, 
denen die Benutzung der Bibliothek gestattet 
wurde, je neun Schillings erhoben, wovon der 
Bibliothekar 1 s., der zweite Bibliothekar 3 s. 6 d., 
der Kastellan 1 s. 6 d., der Registrar 2 s. und 
der Diener des Proctor 1 s. bekamen. Gewöhn¬ 
liche Besucher, die nicht zum Lesen berechtigt 
waren, sondern sich die Bibliothek nur ansehen 
wollten, mussten an den Diener von 1720 an 
je einen Penny entrichten, eine Gebühr, die 
allmählich stillschweigend auf 1 s. stieg, bis 
sie von den Kuratoren Mitte der sechziger 
Jahre des XIX. Jahrhunderts auf drei Pence 
festgesetzt wurde. Diese Besuchergebühr ist 
heute die einzige noch erhobene direkte Ab¬ 
gabe, gering in Anbetracht der tatsächlich 
kundigen und entgegenkommenden Führung 
durch die Bibliothek, die Picture-Gallery, die 
Radcliffe-Camera und zu der, eine herrliche 
Aussicht auf Oxford gewährenden Laterne der 
Camera. Die Beisteuer der Dozenten der Uni¬ 
versität ist schon seit Jahren zusammen mit 


Digitized by 


Google 



Degener, Die Bodleian Library in Oxford. 


109 


anderen für die Bibliothek besonders beiseite 
gesetzten Abgaben von der Universität über¬ 
nommen und in dem Budget durch den festen 
Zuschuß von jetzt £ 4165 ersetzt worden. Aus¬ 
länder oder andere der Universität nicht an¬ 
gehörende Personen, die zum Lesen auf der 
Bibliothek nach gehöriger Qualifikation und 
unter Bürgschaft zweier „Fellows“ von Colleges 
zugelassen werden, sind überhaupt ganz frei 
von irgend einer Abgabe. Am 21. Juni 1804 
wurden verschiedene Universitätsabgaben neu 
geregelt; die Gebühr der Graduates bei Zu¬ 
lassung zur Bibliothek wurde auf 11 Schillings 
erhöht, nachdem dieselbe am 22. Januar 1780 
als eine neue Einführung zur Verstärkung der 
schon damals unzulänglichen Mittel für An¬ 
schaffungen auf jährlich 4 Schillings angesetzt 
worden war, die alle zum Lesen Berechtigten 
vom Ablauf des vierten Jahres nach Matri- 
kulation an zu entrichten hatten. 

Wie schon oben erwähnt, fehlte es nicht an 
Gönnern. Der Ruhm der Bibliothek drang in 
immer weitere Kreise; jeder war auch stets 
einer Anerkennung und Würdigung selbst 
kleiner Gaben sicher, obwohl Bodley mit Recht 
alles Kriechertum streng vermied. Unermüdlich 
brachte der Gründer seinen vollen persönlichen 
Einfluß zu Nutz und Frommen der Bibliothek 
zur Geltung. So schenkte der Earl of Essex 
1600 den größten Teil der Sammlung des 
Bischof Hieron. Osorius, die nach Mitteilungen 
von Sir Wm. Monson, eines der Kapitäne unter 
Essex, von der gegen Spanien kämpfenden 
Flotte 1596 bei der Ein¬ 
nahme des offenen Platzes 
Faro entführt und nach 
England gebracht worden 
war; „und viele von den 
Büchern wurden der neu¬ 
errichteten Bibliothek Ox¬ 
fords geschenkt.“ 1 Sir W. 

Raleigh, der Earl of North- 
umberland, die Bischöfe von 
Durham, Exeter und Ely, 

Dame Alice Owen, der Earl 


x Sir W. Monson, Account 
of the Wars with Spain. 

* Cowley citiert 1613, doch 
wurden nach Macray die Statuten 
am 12. Juni 1610 in endgültiger 
Fassung angenommmen. 


of Pembroke, Robert Cecil Viscount Cranbourne 
und Sir George More sind einige wenige aus 
der großen Menge jener, die in den ersten zehn 
Jahren sei es Geld, sei es Manuskripte oder 
gedruckte Bücher stifteten. Im Jahre 1604 
ehrte der König den Gründer der Bibliothek 
und diese selbst, indem er Bodley durch Er¬ 
hebung zum Knight adelte, und am 20. Juni 
wurde durch königlichen Erlaß festgesetzt, 
daß die Bibliothek nach ihrem Begründer 
zu nennen sei: „ .... in perpetuum appelletur 
Bibliotheca ex fundatione Thomas Bodley 
Militis ....“, und daß sie zu ihrem Unterhalt 
Grund und Boden und anderes Eigentum 
besitzen und bis zur Höhe von 200 marks ver¬ 
walten könne. Der Name hat von diesem 
Tage an nur kleinen Schwankungen unterlegen; 
in dem ersten Entwürfe der Statuten, den 
Bodley nach 1604 aufgesetzt hatte (abgedruckt 
in Reliquiae Bodleianae) heißt es: „The Public 
Library of this University“; in den endgültigen 
Statuten (161 o ) 2 „Bibliotheca Publica Bodleiana“. 
Wood spricht 1666 von „Bodlies Library“, 
1687 von „Bodleys Librarie“, 1695 von „the 
Bodleian Library“, und diese letzte Benennung 
ist auch heute noch die allgemein übliche, 
soweit nicht im lateinischen Begleittext dafür 
von der Bibliotheca Bodleiana gesprochen wird. 
Der (Ober) Bibliothekar heißt jetzt noch offiziell 
„Bodleys Librarian“. — 

1605 schenkte der Earl of Sackville, damals 
Kanzler der Universität, die noch jetzt in der 
Bibliothek links an der Wand vom Zugang zur 



Das angebliche Exemplar Shakespeares von Ovids Metamorphosen. Venedig 1502. Aldus. 


Digitized by LjOOQle 














IIO 


Degener, Die Bodleian Library in Oxford. 


Duke Humphreys Bibliothek aufgestellte Büste 
Bodleys. Dieses Jahr war auch besonders be¬ 
merkenswert durch das Erscheinen des ersten 
Kataloges „auctore Thomas James ibidem 
Bibliothecario“ mit einer Dedikation an den 
Prinzen von Wales und mit einer interessanten 
Einleitung über Ursprung und Wachstum der 
Bibliothek und über das Leben Bodleys. Diese 
Vorrede datiert vom 27. Juni 1605; der Katalog 
in Großquart umfaßt 425 Seiten nebst Appendix 
von 230 Seiten und wurde von Joseph Barnes 
in Oxford verlegt. Manuskripte und gedruckte 
Bücher waren zusammen aufgefuhrt, so wie sie 
auf den Büchergestellen standen, eingeteilt in 
Theologie, Medizin, Rechtswissenschaften und 
Philologie mit Philosophie. An Ausländer wurde 
dieser Katalog fiir zwölf Pence, die gleichzeitig 
zum Zutritt berechtigten, verkauft, und nach 
dem Besucherbuch wurden am 7. Februar 1624 
auch zwei Exemplare an Deutsche verschenkt. 
Eine neue Auflage brachte James mit Vorrede 
vom 30. Juni kurz nach seinem Rücktritte im 
Jahre 1620 heraus, und wir können aus der 
Einleitung ersehen, wie schnell die Bibliothek 
wuchs, denn er schätzte die Zahl der Bände 
in diesem Jahre schon auf 16000. Für diese 
neue Auflage war der Preis 2 s. 8 d., und zu¬ 
sammen mit dem 1635 erschienenen Appendix 
und Catalogus Interpretum S. Scripturae fünf 
Schillings. Der Druck allein kostete £ 112 10 s. 
(Convoc. Reg. N. 23 f. 93). Die Klassifikation 
war in dieser neuen Auflage fortgefallen und 
die seitdem innegehaltene genaue alphabetische 
Ordnung an ihre Stelle getreten. Eine gute 
Vorstellung von der Vielseitigkeit der Bibliothek 
können wir uns von James* Angaben machen: 
3000 bis 4000 der Bücher waren französisch, 
italienisch und spanisch; im ganzen waren weit 
über 40 Sprachen vertreten; über hundert Folio- 
und Quart-Bände in Griechisch, Lateinisch usw. 
handelten über die Kriegskunst Zahlreiche, 
immer größer und wertvoller werdende Kataloge 
folgten diesen zwei ersten; wir werden darüber 
später berichten. 

Im Jahre 1606 trafen die ersten chinesischen 
Bücher ein, zu denen sich dann noch eine sehr 
beträchtliche und wertvolle Menge anderer ge¬ 
sellten, ebenso wie Chinesen selbst, von denen 
einer Oxford im Jahre 1687 besuchte und An¬ 
laß zu einer Unterhaltung zwischen König 
James II. und Hyde, dem Bibliothekar, gab, als 


ersterer in diesem Jahre die Bibliothek besuchte. 
1609 begann Bodley seine Stiftungen flir den 
dauernden Unterhalt der Bibliothek durch An¬ 
kauf des Ritterguts Hindons bei Maidenhead, 
das damals £ 91 10 s. und 1882, als es fiir 
220000 Mark verkauft wurde, £ 220 einbrachte, 
sowie durch Überweisung einigen Besitztums 
in London, das 1853 für über 70000 Mark 
(£ 3455 10 s.) veräußert wurde. 1610 mußte 
schon an Vergrößerungsbauten der Bibliothek 
gedacht werden, denn die wachsende Bücher¬ 
menge überfüllte den verfügbaren Raum, selbst 
nachdem die Regale unter den Tischen nach 
Bodleys eigenen Anweisungen besetzt worden 
waren. Bodley schreckte trotz zunehmenden 
Alters und häufiger körperlicher Leiden vor 
den großen Mühen und Auslagen nicht zurück, 
die mit einem solchen Beginnen verbunden 
sind, und am 19. Juli 1610 wurde der Grund¬ 
stein zu dem Proscholium und dem darüber 
befindlichen Ostflügel der Bibliothek gelegt, 
der nach zwei Jahren schon zur Aufnahme 
neuer Geschenke fertig war. Wenn auch, 
neben vielen anderen, der Bischof von London 
eine Summe Geldes, Ralph Sheldon £ 50, 
Dr. Walter Bennet £ 5, der Lord-Treasurer im 
Namen der Krone ebenso wie Lord Norreys 
of Rycott das Bauholz beisteuerten, so kostete 
der Neubau Bodley doch eine große Summe 
Geldes. Thomas More schreibt in einem Briefe 
vom 20. Oktober 1611 an Sir Ralph Winwood: 
„Sir Thomas Bodley war kürzlich trotz vieler 
für ihn fälligen Zahlungen genötigt, gegen 
Schuldscheine zu entleihen und außerdem sein 
Silbergerät für einige hundert Pfund zu verpfän¬ 
den und zu verkaufen, zur Beendigung seines 
letzten Baues zur Bibliothek, der ihm im ganzen 
£ 1200 kostet“ (nach heutigem Werte gegen 
140000 Mark). Außer der offiziellen Annahme 
der Statuten am 12. Juni, über die Bodley im 
Oktober 1609 an den Vizekanzler geschrieben 
hatte, und die am 27. Oktober desselben Jahres 
vor dem Senat der Universität verlesen wurden, 
war 1610 auch ganz besonders wichtig durch 
das Abkommen Bodleys „founder of the 
presente publique library of the University of 
Oxford“ mit der „Stationers Company“ in 
London, ein Abkommen, das mit dem später 
folgenden Copyright (zum Schutz des geistigen 
Eigentums) in engster Verbindung steht und 
aus dem das letztere bis zu einem gewissen 


Digitized by LjOOQle 



Degener, Die Bodleian Library in Oxford. 


III 


Grade hervorging. Am 12. Dezember (bestätigt 
durch den Senat am 27. Februar 1611 und 
erweitert im Jahre 1612) verpflichtete sich die 
Stationers Company, sicherlich erst nach langen 
Präliminarien und unter vielseitigem, gewich¬ 
tigem Einfluß, je ein vollständiges Exemplar 
aller von ihr (ihren Mitgliedern, den Verlegern) 
verlegten Werke der Bibliothek zu überweisen, 
unter der Bedingung, solche Bücher zum even¬ 
tuellen Neudruck entleihen zu können und auch 
von anderen gegebene Bücher vergleichen und 
kopieren zu dürfen. Das erste so gegebene 
Buch kam im Jahr 1611 in die Bibliothek und 
trägt Bodleys handschriftliche Notiz darüber. 
Es ist ein anonymes Werk: „Christian Religion 
substantiallie, methodicallie, plainlie, and profi- 
tablie treatised“, gedruckt für Thomas Nean 
von Felix Kingston, jetzt numeriert: 4 0 . R. 34 Th. 
Dieses Abkommen wurde später durch das 
Oberhofgericht, die „Starchamber“, bestätigt, 
scheint aber schon 1614 und dann in erhöhtem 
Maße von ca. 1630 an nur mangelhaft inne¬ 
gehalten worden zu sein, nach den vielen Klagen 
zu schließen, die fortgesetzt von Bodleys Biblio¬ 
thekaren über die säumige Stationers Company, 
die undankbaren und Vertragsbrüchigen Buch¬ 
händler und Buchdrucker, geführt wurden. Der 
Vertrag (für den seiner Zeit Bodley der Com¬ 
pany für fünfzig Pfund Tafelsilber geschenkt 
hatte) und sein Nachtrag, der auch die ver¬ 
änderten Neudrucke einschließt, waren jährlich 
vor versammelter Company zu verlesen. Ver- 
neuil, ein Hugenot aus Bordeaux, der seit un¬ 
gefähr 1618 Unterbibliothekar war, reiste oft 
nach London, was der Kasse immer zwischen 
ns. und 12 s. kostete, um sowohl allgemeine 
Geschäfte der Bibliothek zu erledigen als auch 
die Stationers Company aufzurütteln. 1688 
unternahm Dr. Hyde, der Bibliothekar, die 
Reise nach London selbst (mit einem Kosten¬ 
aufwand von £ 6. 5 s.), um die ausstehenden 
Bücher einzutreiben und die Einhaltung des 
durch das Parlament bestätigten Gesetzes zu 
erzwingen. In Anerkennung der mit dem Ein¬ 
sammeln und Versenden verbundenen Mühen 
war dem Bedel der Stationers Company schon 
von 1613 an eine Gratifikation von £1. 6 s. 8d. 
jährlich gezahlt worden. 1652 erhielt er für 
einen Katalog der in den letzten zehn Jahren 
(höchstwahrscheinlich nur von den Mitgliedern 
der Stationers Company) gedruckten Bücher 


eine besondere Vergütung von £ 2. — Im 
Jahre 1726 schließlich emanzipierte sich die 
Bibliothek in dieser Hinsicht ganz von der 
Stationers Company und ernannte am 15. Ok¬ 
tober zunächst die Londoner Buchhändler 
Will und John Innys zu ihren Agenten, an 
deren Stelle aber schon am 12. November 
der Oxforder Buchhändler John Brooks trat. 
Die Copyright-Act hatte allmählich das ur¬ 
sprünglich private Abkommen ersetzt. Die erste 
gesetzliche Verpflichtung der Stationers Com¬ 
pany, als der Vertretung sämtlicher privilegierter, 
d. h. ausschließlich zur Ausübung des Berufes 
berechtigter Drucker, je ein Exemplar aller 
ihrer Drucke an die Bodleian Library, an Trinity- 
College Library, Cambridge, und an die Royal 
Library zu liefern, wurde mit Act 13 und 14 
Charles II. c. 53 auf zwei Jahre festgesetzt und 
dann von Zeit zu Zeit erneuert, bis zum Ab¬ 
schluß der „Copyright Act of 8 Queen Anne“, 
1709, welche die Abgabe an neun Bibliotheken 
erzwang. Es ging dies nicht ohne lebhaften, 
aber vergeblichen Widerstand der Betroffenen 
ab, die sich sogar bei der Vereinigung mit Irland 
noch zu zwei Exemplaren mehr verpflichten 
mußten, bis schließlich durch Gesetz unter 
Wilhelm IV. die Zahl auf fünf reduziert wurde, 
die auch gegenwärtig (5 and 6 Vict c. 45) bei¬ 
behalten worden ist. Die Vorteile, die für die 
Bibliothek aus diesen Gesetzen entsprangen, 
sind enorm, wenn auch natürlich damit manche 
Arbeit verbunden und manches aufzubewahren 
ist, was selbst heutzutage, wo wir so ganz 
anderer Ansicht sind als Bodley in bezug auf 
„Baggage Books“, als tatsächlich überflüssig 
angesehen werden muß. Der Verlegerstand hat 
allerdings zum Wohle der gesamten zeitgenös¬ 
sischen und zukünftigen Menschheit eine kleine 
Extrasteuer zu leisten, für die man ihm viel¬ 
leicht doch noch gelegentlich mit größerem 
Nachdruck und größerer Leichtigkeit in der 
berechtigten Wahrung seiner Interessen auslän¬ 
dischen Nachdruckem gegenüber unterstützen 
könnte. Nur das British Museum hat die Pflicht¬ 
exemplare unverlangt zu erhalten, während die 
Bodleian ebenso wie die anderen drei Biblio¬ 
theken ihre Exemplare der betreffenden Werke 
(d. h. Band, Teil oder Heft eines Bandes, 
Pamphlet, Druckbogen, Musiknoten, Karten, 
oder separat veröffentlichte Pläne) innerhalb 
eines Jahres vom Datum des Erscheinens an 


Digitized by 


Google 



112 


Degener, Die Bodleian Library in Oxford. 


zu verlangen haben. Um das Einsammeln, 
Reklamieren und Versenden zu vereinfachen, 
unterhalten diese vier Bibliotheken einen ge¬ 
meinsamen Agenten in London, dem die Bod¬ 
leian Library als ihren Anteil seit einer Reihe 
von Jahren jährlich £ ioi zahlt. Schwierig¬ 
keiten gibt es jetzt fast keine mehr; die meisten 
Verleger senden die Exemplare unaufgefordert 
ein, Einberufungen werden pünktlich beachtet, 
und nach Abzug jener Fälle, in denen ein An¬ 
spruch unberechtigterweise erhoben und ent¬ 
sprechend zurückgezogen wird, bleibt jährlich 
kaum ein Fall übrig, der richterlicher Ent¬ 
scheidung bedarf. Selbst ohne diese Copyright- 
Act jedoch würde die Bodleian Library fast 
genau denselben Vorteil genießen, dank des 
noch zu Recht bestehenden, jetzt natürlich nicht 
geltend gemachten Abkommens Bodleys mit 
der Stationers Company vom 12. Dezember 
1610. Im folgenden Jahre, 1611, sandte 
Bodley die große Glocke, die noch heutigen 
Tages ihrer Bestimmung entspricht, beim Öffnen 
und beim Schließen der Bibliothek die Tages¬ 
arbeit fleißiger Studierender ein- und auszu¬ 
läuten, wenigstens in der eigentlichen Bibliothek; 
denn in der Camera muß diesen Zweck eine 
ganz gewöhnliche, schrille Handschelle erfüllen, 
die uns mehr an einen der die Straßen Londons 
zur Nachmittagsteestunde durchwandernden 
Muffinbäcker erinnert, statt in uns, wie der 
feierliche Glockenklang in der Hauptbibliothek, 
das Andenken an drei Jahrhunderte mensch¬ 
lichen Studiums wachzurufen. Über die große 
Glocke schrieb Bodley später von Fulham 
aus an James: „Was die Glocke betrifft, so 
möchte ich sie neu gegossen und, falls meine 
Freunde es für gut halten, etwas vergrößert 
haben/* Es schien ihr nämlich ein Unglück 
zugestoßen zu sein; auf jeden Fall wurden 1637 
für das Aufhängen (vielleicht außerhalb der 
Bibliothek über dem Gebäude) drei Pfund ge¬ 
zahlt, ebenso wie Glockenstricke im Jahre 1616 
und öfters nachher angeschafft werden mußten. 
Schließlich verschwand sie ganz und gar und 
wurde erst im Juli 1866 aus einem Winkel 
unter einer Treppe hervorgezogen und nach 
sachkundiger Reinigung auf einen schnell dazu 
angefertigten Glockenstuhl auf dem jetzigen 
Ehrenplätze aufgestellt, um wieder wie ehemals 
Dienst zu tun. Zur gleichen Zeit mit ihr war 
Bodleys große massive, eiserne Kassette zur 


Aufbewahrung der Bibliotheksgelder aufgestellt 
worden, die jetzt in der Picture Gallery als 
eine Kuriosität gezeigt wird. 

Noch ehe der Ostflügel fertig war, trug 
sich Bodley schon wieder mit Gedanken zu 
weiteren Neubauten zur Vervollständigung des 
riesigen Gebäudevierecks, das jetzt gänzlich 
von der Bibliothek eingenommen wird, mit 
Ausnahme der zwei obersten Stockwerke im 
großen Turme, die dem Universitätsarchive 
dienen. Es galt, die schon bestehenden, un¬ 
scheinbaren, halbverfallenen Bauten zu besei¬ 
tigen und durch andere, sich den schon errich¬ 
teten genau anpassende Neubauten zu ersetzen. 
In einem Briefe vom 5. November 1611 an die 
Universität drängte er mit Energie auf Annahme 
dieses Planes und verpflichtete sich, falls die 
Sache zur Ausführung komme, auf allen drei 
Seiten ein gleichmäßiges, stilgerechtes drittes 
Stockwerk, „eine sehr große Ergänzung für die 
Aufnahme von Büchern“, aufführen zu lassen. 
In seinem Testamente traf er dafür die nötigen 
Bestimmungen, und die großen Initialen T. B. 
in dem Simse am dritten Stockwerke ver¬ 
ewigen den Urheber derselben. Dienstag, den 
30. März 1613, wurde der erste Stein zu diesem 
Bau gelegt, am Tage nach Bodleys Beisetzung, 
und Ende 1615 war das dritte Stockwerk fertig; 
wenigstens findet sich am 25. November dieses 
Jahres in dem Convocation-Register die Ver¬ 
buchung der Baukosten dafür mit £ 2497. 10 s * 
Wood erzählt allerdings, daß der Bau sich 
durch sechs Jahre hingezogen und daß die 
Gelder von der Universität von allen Seiten 
hätten zusammengebettelt werden müssen. 

Bodley selbst hatte diese letzte große und 
stolze Errungenschaft nicht mehr erleben können. 
Sein jahrelanges Leiden an Gallenstein mit 
hinzutretender Wassersucht und Skorbut, das 
von seinem Arzte ganz falsch behandelt worden 
sein soll, hatten ihn schon in den letzten beiden 
Jahren gequält, und der rüstige Mann war sich 
des nahenden Endes bewußt „Zum Zeugnis 
hierfür habe ich diese Schriftstücke unter¬ 
zeichnet und gesiegelt mit meiner eigenen, 
kranken Hand heute am 2. Januar 1613 ....“ 
mit diesen Worten schloß er sein Testament 
In fast allen seinen Briefen an James vom 
3. Juli bis zum 29. Oktober 1612 klagte er über 
Krankheit Am 28. Januar 1613 verschied er 
im achtundsechzigten Lebensjahre nach einem 


Digitized by 


Google 



Degener, Die Bodleian Library in Oxford. 


1*3 


tätigen, an Erfolgen und Ehrungen reichen 
Dasein, auf ewig weiterlebend in seiner großen, 
unendlichen Segen ausströmenden Stiftung, für 
die er im Leben und nach seinem Tode wie 
ein Vater gesorgt und der er fast sein gesamtes 
großes Einkommen und Vermögen gewidmet 
hatte. Sir John Bennet und William Hakewill 
waren seine Testamentsvollstrecker, von denen 
leider der erstere eine beträchtliche Summe für 
sich verbrauchte. Der größere Teil des hinter- 
lassenen Vermögens war für die Vollendung 
der begonnenen Bauten und für eine Ausdehnung 
der Bibliothek im Westen bestimmt und wurde 
dementsprechend verwandt, und zwar auf den 
Bau des Westflügels in der Zeit vom 13. Mai 
1634—1640. Die Universität errichtete dazu 
aus eigenen Mitteln und Geschenken den Unter¬ 
bau als neues „Convocation-House“ und „Apo- 
dyterium“. Mit seiner Vollendung kam die alte 
Treppe, über deren genaue Lokalität man sich 
noch heute im Unklaren ist, in Wegfall und 
wurde durch die neuen, jetzt allein in Be¬ 
nutzung befindlichen beiden Treppenhäuser in 
zwei der inneren Ecken des Vierecks im S. W. 
und N. W. ersetzt, die eine für öffentlichen, die 
andere für Dienstgebrauch bestimmt Den 
Rest seines nicht für jenen Neubau bestimmten 
Vermögens hinterließ er zum größten Teil auch 
der Bibliothek. £ 200 gingen an sein altes 
College: Merton, eine Anzahl Legate an reiche 
oder hochstehende und einflußreiche Freunde, 
aber nur sehr wenig war für seine Verwandten, 
von denen einige in recht bescheidenen Um¬ 
ständen lebten, und für seine Bedienten aus¬ 
gesetzt worden. In einem Briefe vom 4. Februar 
1613, von einem Freund Bodleys, John Cham- 
berlain, an Sir Dudley Carlton gerichtet, heißt 
es, daß Bodley siebentausend Pfund der Biblio¬ 
thek hinterlassen habe; und nicht nur dieser 
Schreiber, sondern auch andere Zeitgenossen 
warfen ihm Undankbarkeit und übertriebene 
Eitelkeit vor, die sich unter Hintansetzung aller 
anderen Rücksichten und Verpflichtungen in 
der Errichtung dieser Bibliothek zu sehr ge¬ 
fallen habe. Wieweit er jedoch schon zu Leb¬ 
zeiten, besonders auch wie weit seine vor ihm 
gestoibene Frau 'schon für Verwandte usw. 
gesorgt hatte, lässt sich nicht mehr feststellen; 
da jedoch seine Frau durch ihren ersten Mann 
ein beträchtliches Vermögen besaß, ist es 
durchaus nicht unwahrscheinlich, daß sie dar- 
z. f. B. 1904/1905. 


über auch ziemlich weites Verfügungsrecht be¬ 
sessen und ausgeübt hatte. 

Die Anordnung, seine Beisetzung im Merton 
College mit großer Feierlichkeit und Pomp 
auszufuhren und ein großes Festessen zu ver¬ 
anstalten, das allein £ 100 kosten sollte, ent¬ 
sprach nur den Sitten jener Zeit: es war der 
Leichenschmaus der lachenden Eiben eines 
späteren Zeitalters. Achtundsechzig (die Zahl 
der Lebensjahre des Verstorbenen) arme Stu¬ 
denten erhielten neue Gewänder, allen Teil¬ 
nehmern an der Beisetzung waren schwarze 
Mäntel oder Tuch für Überwurf und Mütze usw. 
zu geben; „jedoch möchte ich nicht, daß die 
gesamte Auslage für mein Festessen und Be¬ 
gräbnis die Summe von sechshundertsechsund- 
sechzig Pfund dreizehn Schilling und vier Pence 
übersteige“, heißt es im Testament. So zeit¬ 
raubend und weitläufig waren die Vorbereitungen 
für die Beisetzung, daß dieselbe mit großem 
Gepränge erst am 29. März stattfinden konnte. 
Ein Monument an der Nordwand des Chores 
der College-Kapelle bezeichnet die letzte Ruhe¬ 
stätte dieses großen Wohltäters der Menschheit, 
dessen unvergänglichstes und vornehmstes 
Monument er sich selbst in der nach ihm be¬ 
nannten Bibliothek errichtet hat, die heute noch 
in seinem Geiste und auf fast denselben Grund¬ 
lagen immer weiter ausgebaut wird. Bei seinem 
Tode wurde er in seltener Weise von seinen 
gelehrten Zeitgenossen gefeiert; 188 Mitglieder 
der Universität trugen zu den „Justa Funebria 
Oxoniensis“ bei, und 52 Mitglieder des Merton 
College priesen ihn in einer besonderen Samm¬ 
lung von Lobgedichten in „Bodleiamnema“, 
denen Haies* „Oratio funebris“ angefügt wurde. 
Bodley selbst hinterließ eine ziemlich umfang¬ 
reiche Korrespondenz, sowohl aus seiner poli¬ 
tischen Karriere wie aus der Zeit der Gründung 
und Errichtung seiner Bibliothek her. Teil¬ 
weise sind sie veröffentlicht, so z. B. seine Auto¬ 
biographie und eine Auswahl seiner Briefe an 
James, den Bibliothekar, mit zwei Briefen an 
Bacon und von Laur. Bodley (dem Bruder von 
Thomas) an Dr. James; vide Heame in dessen 
„Reliquiae Bodleiana“. Die Bibliothek besitzt 
noch eine große Menge imveröffentlichter Briefe, 
und es ist zu hoffen, daß in nicht zu ferner 
Zeit die gesamten Schriften Bodleys heraus¬ 
gegeben werden zur Ehrung des Gründers und 
zur weiteren Aufklärung über die Geschichte 

15 


Digitized by ^ooQle 



Degener, Die Bodleian Library in Oxford. 


114 


der Universität und über die politische Ge¬ 
schichte seiner Zeit — 

Bodleys Aussaat trug reiche Früchte. Ein¬ 
heimische und Fremde strömten in immer 
größeren Scharen herbei; an Gönnern fehlte es 
nicht, viele wertvolle, alte Manuskripte und alte 
und neue Bücher aus aller Herren Länder 
kamen fast täglich hinzu und erhöhten be¬ 
ständig die Anziehungskraft der Bibliothek. 
Das Arrangement mit der Stationers’ Company, 
später an seiner Stelle die Copyright-Act, 
brachten bei der schnell zunehmenden Tätigkeit 
der englischen Verleger immer größere Mengen 
herein. Verläßliche Statistiken vor 1883 exi¬ 
stieren leider nicht; von da an jedoch betrug 
der Zugang 1 durch die Copyright-Act: 25499 
Bände und Broschüren, Bücher, Zeitschriften in 
vollständigen Bänden oder Heften, Atlanten und 
Karten, Noten in vollständigen Bänden, Liefe¬ 
rungen oder einzelnen Stücken, und zum 
Schmerze der Bibliothekare auch ein Stoß 
Bilderbücher, Neujahrskarten und ähnliches 
Zeug (ca. 2500 Stück per Jahr) i. J. 1883; 25929 
i. J. 1884; 31792 i. J. 1885; 31012 i. J. 1886; 
31584 LJ. 1887; 39481 i. J. 1892; 44583 i. J. 
1894; 41935 i. J. 1897; 47143 L J. 1899 und 
46682 i. J. 1902. 

Ohne vorläufig auf den Wert des Wachstums 
der Bibliothek Rücksicht zu nehmen, kann man 
sich am besten über diesen aus folgenden 
Zahlen ein Bild machen: Im Vorwort zum 
zweiten Katalog 1620 gibt James die Zahl auf 
16000 Bände an, ein Zuwachs in den achtzehn 
ersten Jahren von 13500 Bänden. Eine hand¬ 
schriftliche Aufstellung von ca. 1649, jetzt in 
dem Bibliotheksarchiv, zählt 5889 Folio-, 2067 
Quart-, 4918 Oktav-Bände gedruckter Bücher 
und 3101 Manuskripte, also nur 15975 im ganzen. 
— Wood schätzte 1690 die Zahl der Manu¬ 
skripte auf 10141, doch dürfte ihm ein Irrtum 
untergelaufen sein, da Bemards offizieller 
Katalog von 1697 nur ca. 6700 angibt; 8 
in Heames großem Tagebuch (in Manuskript) 
Band XCI p. 256 findet sich folgende Auf¬ 
stellung fiir 1714*: „30169 vols. 05916 Mss. 

1 Report from the Librarian, December 1888. 

* Macray p. 157. 

3 Macray p. 190, 


vols., In all 36085". Ob die Zahl der Manu¬ 
skripte stimmt, ist allerdings sehr zweifelhaft; 
bei dem früher allgemein, heute noch natur¬ 
gemäß bei Broschüren und Pamphleten üblichen 
Gebrauche, verschiedene Werke in einen Band 
zusammenzubinden, ist es immer sehr wichtig 
zu wissen, ob solche Sammelbände als ein Band 
(wie Heame es allem Anschein nach getan 
hat) oder ob die darin vereinigten Werke ein¬ 
zeln gezählt wurden, wie es eigentlich bei 
solchen Zählungen zweckmäßig ist, da ja nicht 
die Zahl der Bände, sondern die Zahl der 
Werke den Wert für den Studiengebrauch aus¬ 
macht. In Lascelles* „Account of Oxford 1821" 
ist die Zahl der gedruckten Bücher mit 
160000, die der Manuskripte mit 30000 ange¬ 
geben; erstere Ziffer bestätigt so ziemlich Pro¬ 
fessor S. P. Rigauds Angabe in einem Briefe aus 
dem Jahre 1817, der 150000 zählt, die Zahl der 
Manuskripte jedoch richtiger auf 10000—12000 
schätzt Zur Zeit der Inauguration der Volks- 
bibliotheks-Bewegung („Free Public Libraries") 
verlangte das Parlament am 27. Oktober 1848 
auch eine Aufstellung von Bodleys Librarian. 
Am 9. Januar 1849 zählte man ca. 240000 Bände 
gedruckter Bücher, doch gibt diese Aufstellung 
den wirklichen Umfang der Bibliothek nur sehr 
oberflächlich an, „da so viele Werke zusammen¬ 
gebunden worden sind", schreibt Dr. Bandinel ; 
die Zahl der Manuskripte betrug ca. 21000. Auf 
der Basis dieser Berechnung wurde 1867 eine 
andere vorgenommen, die den großen Auf¬ 
schwung auf nahezu 350000 Bände zeigte, neben 
einer Zunahme von ca. 5000 Manuskripten. 
Diese Zahlen lassen keinen Zweifel darüber, 
daß Clarkes’ Schätzung von 1819 (in seinem 
„Repertorium Bibliographicum“) mit über 50000 
Manuskripten eine irrige war. Auf Wunsch 
der Kuratoren wurde schließlich der Bestand 
von neuem Ende Januar 1885 aufgenommen und 
trotz der oft unterschätzten großen Schwierig¬ 
keiten und der mit einer solchen Handhabung 
fast jeden Bandes verbundenen enormen Arbeit 
mit größtmöglicher Genauigkeit durchgefuhrt 
Die Gesamtzahl der Bände, ausschließlich der 
1626 Bände der handschriftlichen Bodleian- 
Kataloge, belief sich auf 406159 gedruckte 
Bücher und 26318 Manuskripte, außer unge¬ 
bundenen 1424 Manuskript-Fragmenten und 
24988 Zeitschriften-Heften und Pamphleten, die 
gebunden mindestens weitere 4000 Bände füllen 


Digitized by LjOOQle 



Degener, Die Bodleian Librtry in Oxford. 


IIS 


würden. Heute, nach drei Jahrhunderten ihres 
Bestehens, dürfte die Bibliothek nahezu 600000 
Bände und weit über 30000 Manuskripte ent¬ 
halten, während die Zahl der einzelnen Werke 
sicherlich über 2100000 beträgt, einschließlich 
der sehr umfangreichen Kartensammlung. Den 
enormen inneren und unersetzlichen Wert einer 
solchen Riesensammlung, in der sich nicht nur 
unter den Manuskripten, sondern auch unter 
den Drucken eine große Menge Unica befinden, 
und von deren Manuskripten viele noch gamicht 
voll bekannt und benutzt sind, kann man schwer 
überschätzen. Daß der jetzige Bibliothekar 
auch Auftrag gegeben hat, alles, was unter den 
Bestimmungen der Copyright-Act zu haben ist, 
einzufordem (die anderen privilegierten Biblio¬ 
theken, außer dem British Museum, sind nicht 
so genau und machen bei Platzmangel von 
ihrem Recht des indirekten Refüsierens Ge¬ 
brauch) ist nur zu loben; denn sollte einmal 
doch durch Feuer oder sonstwie die Sammlung 
des British Museum ganz oder teilweise zerstört 
werden, so sind die Früchte dieses Gesetzes und 
die Opfer der Verleger wenigstens nicht ganz 
verloren. Und wenn wir auch alle jetzt wohl 
darin übereinstimmen, daß für unsere und die 
nächsten Generationen die Weihnachtskarten, 
die Kinderbilderbücher und Leporello-Albums, 
die unzählichen, Papier und Druckerschwärze 
mißbrauchenden Pamphlete vor allem in einer 
solchen Sammlung ohne Wert sind, so wird 
in einigen hundert Jahren der Forscher der 
Kulturgeschichte, der Literatur und des Lebens 
unserer Zeiten froh sein, solches Material zur 
internen Kenntnis unserer Lebensweise so be¬ 
quem mit der gesamten Literatur an einer 
Stelle vereinigt zu finden; in der Gegenwart 
bauen wir weiter auf Vergangenem und leben 
und schaffen für die Zukunft 

Wie die Copyright-Act, so wurde das System 
des Austausches um 1882 in geordnetere Bahnen 
geleitet und umfaßte um 1888 über siebzig 
Universitäten und Akademien; das Ergebnis 
betrug 1888 gegen 3000 Dissertationen und 
ähnliche Arbeiten, und es ist seitdem wesentlich 
bestiegen. 

Die Ankäufe bilden aber natürlich mit den 
vielen Schenkungen den wertvollsten Teil der 
ständigen Vergrößerung. Nachdem man bei 
Anschaffungen in früheren Jahren sich an die 
von Bodley selbst angegebenen Prinzipien hielt, 


später jedoch von einem weiteren Standpunkte 
ausging und auf allen Gebieten Anschaffungen 
machte, ist man in den letzten vierzig oder 
fünfzigjahren schließlich darauf zurückgekommen, 
so weit es nur die leider ungenügenden Mittel 
der Bibliothek gestatten, alle neuen wichtigen 
ausländischen Werke zu kaufen und Lücken in 
den Beständen an älterer Literatur so schnell 
als möglich auszufüllen, Vorschlägen aus den 
Kreisen der Leser weitgehend entgegenkommend. 
Von den Anschaffungen in der Regel aus¬ 
geschlossen sind alle streng medizinischen 
und naturwissenschaftlichen Werke, die jetzt, 
mit Ausnahme von reiner Botanik in der Rad- 
cliffe Library, erst im New-Museum, dann im 
eigenen, modernen und schönen Bibliotheksbau 
gesammelt werden, während Werke über reine 
Botanik in den Botanical Gardens, und die 
schöne Literatur und Werke zum Studium 
moderner Sprachen vorwiegend in der reichen 
Bibliothek des Taylorian Institute Aufnahme 
finden, ohne die philologischen Standard-Werke 
von der Bodleian auszuschließen. 

Die für Ankäufe von Büchern, Manuskripten 
und Münzen, in den früheren Jahrhunderten 
auch von Kuriositäten, ausgegebenen Summen, 
schwankten beträchtlich und die noch vor¬ 
handenen Rechnungsbücher geben darüber ein 
mehr oder minder vollständiges Bild. 

Zu den besonders interessanten oder umfang¬ 
reichen Ankäufen gehören, chronologisch ge¬ 
ordnet*, im Jahre 1640: £ 43 18 s. 10 d. für 
„Books out of Italy“ an den Buchhändler 
(„Stationen) Rob. Mertin; 1668: £ 44 für 
hebräische Manuskripte und Bücher; 1671: 
£9 10 s. für Sansons Karten; 1672: £ 50 
für Joan Antiochenus’ Manuskripte; im Jahre 
1673 wurde eine armenische Bibel und Testa¬ 
ment für £ 20 von einem Dr. Marshall er¬ 
worben; eine bemerkenswerte, wenn auch erfolg¬ 
lose Anstrengung, sich eine äußerst wichtige 
Bibliothek zu sichern, wurde von den Kuratoren 
im Jahre 1710 gemacht, als sie durch Dr. Rieh. 
Bentley, den Erben des Dr. Isaac Vossius, für 
dessen Bibliothek £ 3000 boten, für welche 
Summe bald darauf die Bibliothek von der 
Universität zu Leyden erworben wurde. 1742 
und 1743 wurden 169 Goldmünzen für £ 158 
S s. gekauft zu einem besonders niedrigen 


1 Nach Macray, Annals. 


Digitized by 


Google 




116 


Degener, Die Bodleian Library in Oxford. 


Preise, gemäß den Testamentsbestimmungen 
des berühmten Altertumsforschers und Kultur¬ 
historikers Browne Willis. Ein billiger Ankauf 
war 1750 der der Fust- und Schöffer-Bibel vom 
Jahre 1462 auf Pergament, Band I, für £ 2 
10 s.; der Band war leider nicht vollständig, da 
einige Seiten am Schluß fehlten; als jedoch im 
Jahre 1818 die Canonici-Manuskripte aus Venedig 
in die Bibliothek gelangten, fanden sich auch 
vierzehn der achtzehn fehlenden Blätter genau 
dieses Exemplares vor. 1764 kaufte man für 
nur £ 6. 6 s. die Editio princeps von Homers 
Werken, Florenz 1488; 1789 wurde mit großem 
Erfolg ein gedrucktes Bittschreiben, datiert vom 
1. Dezember, ausgeschickt, um Gelder („on 
loan“) zu Ankäufen aufzutreiben, zunächst beim 
Verkaufe der Bibliothek Mapheo Pinelles zu 
Venedig. 1800 sah den Ankauf wichtiger 
Kartenwerke, entsprechend dem durch die 
Ereignisse wesentlich gesteigerten Interesse in 
Politik; £ 104 wurden für Maraldis und Cas¬ 
sinis zweibändigen Atlas von Frankreich, rund 
£ 66 für eine Reihe des „Moniteur“ von 1789 
an gezahlt Die wertvollen Manuskripte des 
berühmten, am 14. September 1751 zu Amster¬ 
dam verstorbenen klassischen Philologen James 
Philip d’Orville kosteten der Bibliothek im Jahre 

1805 £ 1025; es waren 570 Bände griechische 
und lateinische Klassiker, zahlreiche Text¬ 
kollationen, gedruckte Texte mit wertvollen 
handschriftlichen Anmerkungen, 34 Bände Kor¬ 
respondenz von Vossius, Heinsius, Cuper, Paolo 
Sarpi, Beverland und Briefe an d'Orville von 
fast allen bekannten Gelehrten seiner Zeit, 
38 Bände Adversaria (meistens rechtswissen¬ 
schaftlich) von Scipio und Alheric Gentilis, und 
auch sechs türkische und arabische Manuskripte. 
Die Perle der Sammlung war ein Manuskript 
der Werke des Euclid, in Quarto, 587 Blatt, 
geschrieben A. M. 6397 (— A. D. 889). 

1804 wurde Sweynheyms und Pannartz’s 
Bibel vom Jahre 1471 für £ 35 erworben; 

1806 das Catholicon, Mainz 1460, für £ 63; 
1808 die lateinische Bibel von Ulrich Zell, 
Köln (1470) für £ 47. 5 s., und 1826 eine Stra߬ 
burger Ausgabe mit Mentelins’ Typen ohne 
Datum für £ 94. 10 s. Eine wichtige Samm¬ 
lung folgte 1809 für £ 1000: Rev. Dr. Edward 
Daniel Clarkes Manuskripte in deutsch, englisch 
französisch, arabisch, persisch, äthiopisch, latei¬ 
nisch, griechisch usw., die er auf seinen weiten 


Reisen an Ort und Stelle zusammengebracht 
hatte und deren ältestes eine Abschrift der 
Dialoge des Plato war, im Jahre 896 für den 
Diakonus Arethas von Patras angefertigt, der 
auch das oben genannte Manuskript des Euclid 
hatte schreiben lassen. 

Der größte Ankauf jedoch, den die Biblio¬ 
thek bis auf den heutigen Tag vollzogen hat, 
fand 1817 statt. Das nötige Geld dazu wurde 
von den Verwaltern der Radcliffe-Stiftung 
(£ 2000) und von den Bankiers der Universität 
entliehen und in vier Jahren zurückgezahlt Es 
handelte sich um den Hauptteil der großen und 
wertvollen Bibliothek, die der Venediger Jesuiten¬ 
pater Matheo Luigi Canonici (geboren 1727, 
gestorben im September 1805 oder 1806) zu¬ 
sammengebracht hatte: 2045 Manuskripte für 
£ 5444. Canonici war ein begeisterter Sammler 
gewesen; zunächst von Statuen und Münzen 
in Parma, das er bei der Vertreibung der 
Jesuiten verlassen mußte und das sein Museum 
versteigerte. In Bologna, wohin er sich dann 
wandte, verstand er es, eine so wertvolle Aus¬ 
wahl von religiösen Wertgegenständen zu¬ 
sammenzubringen, daß es der Obere seines 
Ordens für angebracht hielt, ihm dieselbe als 
eines armen Mönches unwürdig zu verwehren, 
weshalb er sie an einen römischen Prinzen ver¬ 
kaufte. Sein Sammeleifer war dadurch jedoch 
nicht erstickt worden; er machte sich in Venedig 
an die Gründung einer großen Bibliothek und 
zwar mit Aufgebot aller ihm zur Verfügung 
stehenden Mittel an Geld, Einfluß und Mithilfe 
zahlreicher Jesuiten in aller Herren Länder. Es 
hieß z. B., daß er allein über 4/000 Ausgaben 
der Bibel in 52 Sprachen besaß, und Dibdin 
(Bibliographical Decameron III, 429) erzählt, 
daß sein Plan gewesen sei, bei Reinstitution 
des Jesuitenordens diese Bibliothek dem Jesuiten¬ 
kollegium in Venedig zu schenken. Was die 
Bodleian erwarb, waren: 1 

I) 128 Bände in griechisch, meist aus dem 
XV. und XVI. Jahrhundert, einige wenige früheren 
Datums bis ins IX. Jahrhundert zurückgehend; 
II) 311 Bände lateinischer Klassiker und Dichter 
des Mittelalters, darunter ein Virgil aus dem 
X. Jahrhundert; III) 93 lateinische Bibeln in Manu¬ 
skript, deren schönste die 1178 für die Kirche 
S. S. Mary and Pancras in Ranshoven, und die 


x Nach Macray, Annals p. 30a 


Digitized by LjOOQle 



Degener, Die Bodleian Library in Oxford. 


117 


in Frankreich von 1507 bis 1511 in fünf Bänden 
geschriebene und illuminierte sind; IV) 232 Bände 
lateinische Kirchenschriftsteller und Kirchen¬ 
väter; und V) 576 Bände lateinische Werke 
über Medizin, Philosophie, Theologie, schöne 
Literatur usw.; aber fast keine Geschichts¬ 
wissenschaft Dann kommt eine sechste Ab¬ 
teilung: 250 Bände liturgische Manuskripte, 
meistens Horae, Breviaria, Psalters und einige 
Meßbücher. 295 italienische und fünf spanische 
Manuskripte bildeten eine andere Gruppe, von 
der Graf Alessandro Mortara während seines 
Aufenthaltes in Oxford einen peinlich genauen 
und vollständigen Katalog anfertigte, dessen 
Manuskript nach seinem Tode im Jahre 1858 
für £201 angekauft und 1864 vonDr.H. Wellesley 
mit einer ausführlichen Beschreibung der ge¬ 
samten Sammlung in Druck gegeben wurde. 
Den Schluß bildete eine Sammlung von 135 
orientalischen Manuskripten, hauptsächlich wert¬ 
volle hebräische Bücher auf Pergament eine 
Anzahl biblische Werke und einige arabische 
Manuskripte. Unter den Canonici-Büchern be¬ 
fanden sich auch fünfzehn Dante-Manuskripte, 
die merkwürdigerweise, außer einem vom Ende 
des XV. Jahrhunderts in der d’Orville-Kollektion 
von 1805, die ersten der Bodleiana waren. 

In „Notes and queries, first series, I, 154“ 
wird mit Bezug auf diese Manuskripte eine 
amüsante Geschichte berichtet, die Girolamo 
Gigli in seinem Vocabulario Cateriniano, das 
noch vor Vollendung durch päpstliche Bulle 
um 1717 unterdrückt wurde, ganz ernsthaft 
erzählt: „In der Bibliothek zu ,Osfolk‘ (sic!) 
befindet sich auch ein Manuskript der Divina 
Commedia, in das ein florentiner Kaufmann, 
gewissermaßen, um zur Verbreitung jener herr¬ 
lichen Literatur beizutragen und zur Reklame 
für seine Delikatessen, eine Sendung seiner Käse 
zum Export nach England eingeschlagen hatte. 
Dies Manuskript kam so auf den englischen 
Markt und schließlich in die Bodleiana. Es war 
aber von dem Käsegeruche derart imprägniert 
worden, daß es zu seiner Bewahrung vor den 
Angriffen hungriger Mäuse beständig durch zwei 
Fallen bewacht werden muß. Daher nennt man 
es das ,Buch der Mausefallen*...“ Es bedarf 
wohl kaum der Beteuerung, daß man in der 
Bodleiana nichts von diesem wunderbaren Manu¬ 
skripte weiß. Sollten es die Mäuse doch ge¬ 
fressen haben? — 


Andere wichtige Erwerbungen im Jahre 
1817 waren noch: für £ 220. 10 s. ein Manu¬ 
skript von Suidas aus dem XV. Jahrhundert 
und ein Exemplar der ersten gedruckten 
Ausgabe des Pentateuch, Bologna 1482, für 
£ 17. 10 s. Die sehr interessante und wichtige 
Sammlung von lateinischen und deutschen Trak¬ 
taten und Pamphleten der deutschen Refor¬ 
mationszeit, die sich jetzt in fast einzigartiger 
Vollständigkeit in der Bodleiana befindet, dar¬ 
unter viele Unica, wurde im Jahre 1818 be¬ 
gonnen mit dem Ankauf von 84 Bänden, viele 
hundert Pamphlete aus den Jahren 1518 bis 
1550 enthaltend, für £ 95. 15 s. Die Ankäufe 
im Jahre 1819 sind bemerkenswert durch die 
seltene, polnische Ausgabe der Radziwill-Bibel 
von 1563, und durch die zweite Ausgabe, 
Mainz 1459 (29. August), des Folio-Psalters Fust 
und Schoeffers, für £ 70; [im Jahre 1824 
brachte ein Exemplar dieses Werkes £ 136 
10 s.; 1884 £ 4950 und würde jetzt zu noch 
höherem Preise in Amerika schnell Käufer 
finden], Der berühmte Codex Ebnerianus, ein 
Manuskript des griechischen Neuen Testa¬ 
mentes, folgte 1820 für nur £ 150. Es besteht 
aus 425 Blatt schön beschriebenen Pergamentes 
in vorzüglichster Erhaltung, Klein-Quart, mit 
elf reichen Miniaturen und zahlreichen Orna¬ 
menten und Zierleisten. J. W. Ebner von 
Eschenbach zu Nürnberg, in dessen Besitz es 
sich Mitte der ersten Hälfte des XVIII. Jahr¬ 
hunderts befand, ließ den alten, verdorbenen 
Ledereinband mit goldenen Ornamenten, fünf 
vergoldeten, silbernen Sternen und vier silbernen 
Schließen durch einen kostbaren, ganzsilbemen 
Einband unter Verwendung der alten Sterne 
und mit Einfügung einer alten Elfenbein¬ 
schnitzerei (aus dem XII. oder XIII. Jahr¬ 
hundert wie das Manuskript) ersetzen. £ 500 
wurden noch im gleichen Jahre für fünfzig 
griechische Manuskripte aus dem früheren Be¬ 
sitz des Giovanni Saibante aus Verona aus¬ 
gegeben. Aus der Bibliothek des Jonas Wilh. 
Te Water, Professor der Kirchengeschichte zu 
Leiden, kamen 1823 für £ 375 hauptsächlich 
theologische Bücher, und 1824 weitere mehr als 
fünfzehnhundert Bände aus Holland von den 
Bibliotheken der Gelehrten und Rechtswissen¬ 
schaftler Gerard und John Meermann im Haag, 
meist zur Ergänzung der Lücken in aus¬ 
ländischer Geschichte und Rechtswissenschaft, 


Digitized by 


Google 



118 


Degener, Die Bodleian Library in Oxford. 


für £ 925, erworben unter persönlicher Über¬ 
wachung des Haupt-Kurators jener Zeit Orien« 
talia (Mss.) kamen 1825 aus der Sammlung 
L. M. Langlis’, eines der Bibliothekare der Biblio- 
th^que Royale zu Paris. Anno 1827 wurden 
£ 332. 16 s. in Altona zweifellos gut angelegt 
in einer sehr großen Kollektion von Universitäts- 
Dissertationen, ca. 43400 Stück, meistens aus 
Deutschland, viele aber auch aus Leiden und 
Schweden; 1828 fügte man ihnen weitere 
Tausende in 160 Bände gebunden hinzu, ähn¬ 
liche Mengen 1836 und 1837, vor allem aber 
1846 noch 7000 Nummern solcher oft wert¬ 
voller Monographien und Abhandlungen, in 
denen jetzt diese große Sammlung beständig 
durch das oben erwähnte Austauschsystem 
zwischen den Universitäten auf dem Laufenden 
erhalten wird. Mit £ 350 kaufte man 1828 
eine Sammlung von 153 nordischen Manu¬ 
skripten, hauptsächlich isländisch und dänisch, 
von Finn Magnusen, und zu der jetzt so be¬ 
deutenden Sammlung derHebräica wurde 1829 
mit dem Ankauf der berühmten David Oppen¬ 
heimer-Bibliothek zu Hamburg von über 5000 
Bänden, von denen 780 Manuskripte, für £ 2080 
der wirkliche Anfang gemacht; denn seit den in 
der Selden-Bibliothek befindlichen hebräischen 
Büchern (1659) war kaum etwas zum Ausbau 
dieser wertvollen Abteilung getan worden. Jetzt 
wurden 1845 von Professor Gesenius’ Bibliothek 
zu Halle 483 Bände für £ 176. 14 s. 6 d. hin¬ 
zugekauft; 1848 weitere 862 Bände mit fast 
1300 verschiedenen hebräischen Manuskripten 
von Hermann Joseph Michael zu Hamburg (ge¬ 
boren 12. April 1792, verstorben 10. Juni 1846), 
für £ 1030, einschließlich 110 Manuskripte auf 
Pergament aus der Zeit von 1240 bis 1450; 
und von 1850 an kamen fast jährlich in dieser 
Richtung wichtige Neuerwerbungen hinzu, die 
wir hier nicht alle aufzählen können und von 
denen wir nur noch das Fragment eines Sama- 
ritanischen Targum, Teile der Bücher Leviticus 
und Numeri, und scheinbar das älteste der be¬ 
kannten Exemplare (1869 für £ 200) erwähnen 
wollen. Im ganzen kann man den Zuwachs 
auf diesem Gebiete allein seit 1829 auf gut 
über 4000 Werke in Manuskripten schätzen, 
über die Dr. Steinschneiders und Dr. Neubauers 
große und vorzügliche Kataloge ausführlich 
Aufschluß geben, und die schon, vor allem in 
den dreißiger und vierziger Jahren, eine große 


Menge Studierende der hebräischen Sprache 
und Religion nach Oxford gezogen haben. — 
Von 1834 bis 1841 wurden eine Anzahl frühester 
Shakespeare-Ausgaben für über £ 265 erworben 
(über sein Autograph weiter unten). Was Sir 
Thomas als Ballast und als seiner Bibliothek 
unwürdig verurteilt haben würde, dafür wurden 
zum Teü 1873 ab wertvolle Bereicherung £ 101 
14 s. 6 d. gezahlt, nämlich für ca. 19380 
englische Pamphlete aus den Jahren 1600 bis 
1820 über alle möglichen Gegenstände in Prosa 
und Dichtung. — In Sanskrit-Manuskripten ist 
die Bodleian jetzt ebenso eine der reichsten in 
der Welt wie in den anderen Departements, 
und obwohl sich schon seit 1666 eine große 
Anzahl angesammelt hatte, meist unter den ver¬ 
schiedenen, geschenkten Sammlungen, so wurde 
der wirkliche Anfang in großem Stile doch erst 
1842 durch Ankauf der Sammlung von 616 
Werken für £ 500 gemacht, darunter 147 Manu¬ 
skripte der Vedas, die Professor H. H. Wibon 
in Indien zusammengebracht hatte. Außer 
durch laufende Zukäufe wurde dann diese 
Kollektion besonders durch die des Prof. Dr. 
H. Mill 1849 für £ 385 (145 Sanskrit und 15 
andere Mss.) und durch die 463 Manuskripte, 
die Dr. E. Hultzsch in Madras gesammelt hatte 
und für £ 200 verkaufte, vergrößert — 1843 
brachte sechsundzwanzig äthiopische, siebzig 
arabische und ein koptisches Manuskript: die 
Sammlung des berühmten Reisenden James 
Bruce aus Kinnaird für £ 1000 in die Biblio¬ 
thek. Die Bodleian erwarb dadurch auch ihr 
zweites Exemplar von den drei bekannten 
äthiopbchen Manuskripten des Buches Enoch, 
die damals (und noch heute?) die einzigen 
Manuskripte dieses Buches in Europa waren. 1 — 
Sir William Ouseleys große Sammlung von 750 
orientalischen Manuskripten, hauptsächlich per¬ 
sische, aber auch einige in arabisch, im Sanskrit, 
Zend usw., wurde 1844 für £ 2000 erworben, 
einer der größten Ankäufe, die die Bibliothek 
bb zum heutigen Tage gemacht hat — Drei 
Jahre später wurde ernsthaft damit begonnen, 
die schon von Anfang an wichtige Kollektion 
von Büchern und Pamphleten über Amerika 
auszubauen, und dies geschah mit so viel 
Geschick und Glück, daß jetzt die Bodleian Lib¬ 
rary auf diesem Gebiete sehr bedeutend bt und 


* Macray, p. 344. 


Digitized by tjOOQle 



Degener, Die Bodleian Library in Oxford. 


in vieler Hinsicht einzig dasteht, derart, daß 
jeder Forscher in amerikanischer Geschichte 
die Oxforder Sammlung unbedingt kennen sollte. 
— Für Graf Alessandro Mortaras Bibliothek, 
bestehend aus 1400 Bänden italienischer Lite¬ 
ratur in den schönsten Ausgaben und in vor¬ 
züglichster Erhaltung, gab die Bodleian 1852 
£ 1000. Graf Mortara hatte lange Jahre in 
Oxford gelebt, wo er einen weiten Kreis naher 
und bewundernder Freunde besaß und wo er 
sich als Privatgelehrter literarischen Studien 
hingab, unter anderem auch den Katalog der 
italienischen Manuskripte der oben erwähnten 
großen Canonici-Sammlung verfassend. Er war 
ein feiner Kenner seiner vaterländischen Lite¬ 
ratur und seine Sammlung bildete eine sehr 
wesentliche Bereicherung der Bodleiana. — Die 
bedeutendste Erwerbung im folgenden Jahre 
war das einzige uns überkommene Exemplar 
auf Pergament des berühmten Breviarium des 
Kardinals Ximenes, von dem sogar auf Papier 
nur fünfunddreißig Exemplare hergestellt worden 
sein sollen, und fiir das die Bibliothek den sehr 
mäßigen Preis von £ 200 zahlte. Ein weiterer 
Teil der Sammlung Sir Gore Ouseleys: neun¬ 
unddreißig wertvolle persische und arabische 
Manuskripte wurde im Jahre 1850 für £ 500 
erworben; den Rest der Sammlung schenkte 
im Jahre darauf, zusammen mit einigen an¬ 
deren Manuskripten, im ganzen 422 Bände, 
Mr. J. B. Elliott. Ein Ankauf, dessen Authen¬ 
tizität oft bezweifelt und angefochten worden 
ist, fand auf einer Auktion anno 1865 statt: 
Aldus* Ausgabe von Ovids Metamorphosen, 
Venedig 1502, auf derem Titelblatt das Auto¬ 
graph „W m Sh e “ oder wohl auch „W m Sh"“ 


119 


zu lesen ist, das von Shakespeares* Hand sein 
soll, dem dieses Exemplar gehörte. Auf der 
Seite zur linken des Titels, die auf den zeit¬ 
genössischen Einband aufgeklebt ist, findet sich 
folgende Bemerkung eingetragen: „This little 
Booke of Ovid was given to me by W. Hall 
who sayd it was once Will. Shakesperes. 
T. N. 1682.“ Da die Echtheit des Autographen 
seiner Zeit stark angezweifelt wurde, ging es 
bei der Auktion für nur £ 9 an die Bodleian; 
Dr. F. A. Leo hat in den Jahrbüchern der 
Shakespeare Gesellschaft 1880 die Echtheit 
ausführlich und mit Glück nachzuweisen ver¬ 
sucht. — Je £ 200 wurden für die „London 
Gazette“ 1669 bis 1895 und für eine Sammlung 
Londoner Zeitungen 1672 bis 1737 in neunzig 
Bänden gegeben. — Die lange und wichtige 
Reihe chinesischer Bücher, die 1606 begann 
und beständig ansgedehnt worden war, wurde 
1882 durch Ankauf von 607 Werken in 2566 
Bänden für £ 110 von Mr. A. Wylie wesentlich 
vergrößert. Und dies ist bis heute der letzte 
Ankauf einer größeren Sammlung von Büchern 
auf einem Gebiete und auf einmal geblieben. 
Natürlich gehen die regelmäßigen Ankäufe an 
Manuskripten, alten Büchern und vor allem an 
allen wichtigen Neuerscheinungen wie von An¬ 
fang an so auch heute noch ununterbrochen 
weiter, und zwar trotz der knappen Mittel, von 
denen Saläre und Unterhaltungskosten leider 
den größeren Teil verschlingen, in aufsteigender 
Richtung. Das Einkommen ist ja, wie hinlänglich 
bekannt, für die Aufgabe und Bedeutung der 
Bibliothek recht unzureichend, und der Staat ver¬ 
nachlässigt hier seine Verpflichtungen dem All¬ 
gemeinwohl gegenüber in bedauerlicher Weise. 

[Ein zweiter Artikel folgt] 



Digitized by LjOOQle 



Die Porträtsammlung des Paulus Jovius. 

Beiträge zur Ikonographie des Mittelalters und der Renaissance. 

Von 

Dr. Eugen Müntz (f). 



lie die Jahrhundertfeiern der Entdeckung 
Amerikas zu neuen Untersuchungen über 
die Ikonographie des Christoph Colum- 
bus anreizten, haben sie anderseits die 
Aufmerksamkeit auf dasjenige Büdnis des großen 
Seefahrers hingelenkt, welches den größten An¬ 
spruch auf Authentizität hat; nämlich auf das in 
der Sammlung des Paulus Iovius befindliche, des 
Mediziners, Praelaten, Polygraphen, gelehrten Ge¬ 
schichtsschreibers und eleganten Latinisten. 

Bei dieser Gelegenheit erfuhr man auch, daß 
die Überreste des Musaeum Iovianum noch exi¬ 
stieren und zwar in Como im Besitze der Familie 
des Gründers. 

War dieser Augenblick nicht günstig, die Ge¬ 
schichte dieser Sammlung aufzuhellen, unstreitig 
der kostbarsten, die seit dem Sturze des römischen 
Reiches zusammengebracht worden war? Weshalb 
hat man vor den zahlreichen und wichtigen Fragen, 
welche sie aufrollt, eine solche Aufgabe nicht zu 
Ende zu führen versucht? 

Ohne Anspruch darauf zu machen, den Stoff 
zu erschöpfen, bin ich sicher, eine gewisse Zahl 
unbedingt endgültiger Lösungen darzubieten. Dies 
wird' wohl eine hinreichende Entschuldigung für 
diese Untersuchung sein. 

Die von mir benützten Quellen sind vor allem 
die Darlegungen von P. Jovius selbst in seinen 
Elogia virorum litteris illustrium und in seinen 
Elogia virorum bdlica virtute illustrium , beide 
Basel 1577, dann die Zeugnisse seinerZeitgenossen. 
Die zahlreichsten Aufschlüsse verdanke ich jedoch 
hauptsächlich der Gegenüberstellung der Bildnisse 
seines Museums und der graphischen Dokumente, 
aus denen sie hervorgingen. 


Die Anlage einer Porträtgalerie berühmter 
Männer — Herrscher, große Schriftsteller, Dichter, 
Gelehrte, Künstler — war bei Jovius von seiner 
Jugend an gewissermaßen eine fixe Idee. Er ver¬ 
wirklichte sie mit einem unerhörten Aufwande an 
Eifer, Geld und Beharrlichkeit 

Welchen Eingebungen folgte er, als er es 
unternahm, die Sammlung zusammenzubringen, 
die während eines Drittel Jahrhunderts seine 
besten Kräfte in Anspruch nehmen sollte? Zweifel¬ 
los faßte er den ersten Plan bei der Berührung 
mit dem römischen Altertum. Sollte ihm M. Terent 
Varro mit seinen Imagines oder Hebdomades } die 
außer dem Text siebenhundert Porträts griechischer 
und römischer Berühmtheiten, jedes mit einer 


Lobrede in Versen, enthielten, nicht zum Vor- 
büde gedient haben? — 

Aber ihm viel näher, in Italien selbst, zeigte 
ihm eine ganze Reihe von Sammlern den einzuschla¬ 
genden Weg. v Der Gedanke, geschichtliche Büd- 
nisse zu sammeln, war in der Tat nicht neu. 
Lange vor Jovius hatten es Gelehrte oder Lieb¬ 
haber darauf abgesehen, kleinere oder größere 
Bildersammlungen anzulegen. Im XIV. Jahrhundert 
schmückte Giottino einen Saal des Palastes Orsini 
in Rom mit Porträts berühmter Männer. 

Dieses Ansehen der Büdnisse, das dem Mittel- 
alter, wenn wir die Päpste ausnehmen, unbekannt 
war, beweist, von welchem kleinen Ruhm die 
Menschen des XV. Jahrhunderts eingenommen 
waren: sie versenkten sich mit Vorliebe in den 
Gedanken, ihre Züge der Nachwelt zu hinterlassen. 
Der Realismus fand dadurch eine wertvolle 
Stütze, denn nun entstand die Porträtkunst und 
durchdrang allmählich alle anderen Arten der 
Malerei. 

Die Bildnisse der zwölf Kaiser waren höchst 
wahrscheinlich die ersten historischen Büdnisse, 
nach welchen die Renaissance suchte. E6 ist be¬ 
kannt, daß Petrarca eine kleine Sammlung römi¬ 
scher Münzen besaß, die er 1354 dem Kaiser 
Karl IV. anbot Bald schmückten die kaiserlichen 
Bildnisse als Gemälde oder in erhabener Arbeit 
die meisten Rathäuser und Paläste in Italien, 
Frankreich, Deutschland, England (Schloß zu 
Hampton Court), Spanien, Skandinavien, Polen. 
1540 malte u. a. Domenico Campagnola in der 
Bibliothek zu Padua die Porträts berühmter Römer. 

Allmählich erstreckte sich diese Vorliebe auf 
historische Porträts aller Art König Karl VHL 
sammelte schon eifrig die Büdnisse berühmter 
Zeitgenossen. 

Es ist bemerkenswert, daß die Münzen und 
Medaülen mit den Bfldnissen lebender Herrscher 
diesseits der Alpen sehr spät auftreten und be¬ 
stimmt erst durch die Propaganda von Italienern: 
Peter von Maüand, Laurana, Nikolaus von Florenz, 
Johann de Candida. 

Unter den in Italien im XV. Jahrhundert aus- 
geflihrten Porträtsammlungen verdient diejenige an 
erster Stelle erwähnt zu werden, die Sixtus IV. 
von den Brüdern Domenico und David Ghirlan- 
dajo für die vatikanische Bibliothek ausftihren ließ. 
Nach Steinmann sieht man dort heute noch die 
Büdnisse der vier Kirchenväter, des heiligen Tho¬ 
mas von Aquino, des heiligen Buonaventuro, sowie 
diejenigen des Aristoteles, Diogenes, Sokrates, Plato, 
Cleobulus. 


Digitized by LjOOQle 



Müntz, Die Portratsammlang des Paulos Jovius. 


121 


Der Herzog Friedrich von Urbino (f 1482) 
ging einen Schritt weiter: er beauftragte den vlä- 
mischen Maler Justus von Gent, seine Bibliothek 
mit a8 Porträts von Philosophen oder Gelehrten 
des Altertums, des Mittelalters oder der Renais¬ 
sance auszuschmücken. Die Bildnisse stellten dar: 
den heiligen Hieronymus, heiligen Augustinus, hei¬ 
ligen Ambrosius, heiligen Gregor den Groben, Plato, 
Aristoteles, Cicero, Seneca, Homer, Vergil, Dante, 
Petrarca, Solon, Moses, Salomo, Bartolo, den hei¬ 
ligen Thomas von Aquino, Johannes Scotus, Alber¬ 
tus Magnus, die Päpste Pius II. und Sixtus IV., 
den Kardinal Bessarion, Euklid, Ptolemaeus, Boe- 
thius, Hippokrates, Peter von Albano, Victorinus 
von Feltre. Diese Porträts, von denen die meisten 
jeder Authentizität ermangeln, befinden sich heute 
teilweise im Museum des Louvre, teilweise im Pa¬ 
lazzo Barberini in Rom. 

Bald fingen auch die Drucker und Verleger 
an, den Werken die Porträts der Verfasser beizu¬ 
geben, so z. B. in dem von Paulus Florentinus 
herausgegebenen, 1478 zu Maüand gedruckten 
Breviarium der Dekrete und Dekretalen. In der 
1490 in Venedig gedruckten Bibel ist der Über¬ 
setzer Mallermi, in seiner Zelle arbeitend, dargestellt 
Die 1492 in Maüand gedruckte Theorie der Musik 
des Franchino Gafori enthält das Porträt ihres 
Verfassers. Dann finden wir die Porträts von 
Boccaccio ( [Dekameron , Venedig 1490), von Ma- 
succio (. Novellino , Venedig 1490), von Montagnana 
(.Fasciculus medicinae , Venedig 1495). Dante ist 
abgebüdet in den Ausgaben der göttlichen Ko¬ 
mödie von 1478 (Brescia, Florenz etc.), Savonarola 
in seinen Predigten 1495, 1496 usw. Inzwischen 
erschien 1497 in Ferrara das Werk des Fra Jacopo 
Füippo Forestus von Bergamo: De plurimis Claris - 
que sceledsque (sic) mulieribus . . . mit zahlreichen, 
teils Phantasie-, teils authentischen Büdem. 

Die deutschen Inkunabeln bieten uns außer 
den mehr oder weniger fraglichen Porträts der 
klassischen Schriftsteller diejenigen des Verfassers 
des Spiegels der Weisheit, Augsburg i486, des 
Kalenders , Augsburg 1489, vonGuilL Caoursin, Opera 
ad historiam Rhodiorum spectantia t Ulmae 1496, 
von Sebastian Brants Narrenschiff, Basel 1498. 

Die Hartmann Schedelsche Chronik, (Nürnberg 
1493) enthält die Porträts aller berühmten Männer 
des klassischen Altertums. Adam und Jupiter, Cad- 
mus, Aeneas und alle anderen sind darin in die 
Tracht des XV. Jahrhunderts gesteckt Sie haben 
nicht einmal die elementarsten Erkennungszeichen. 
Sokrates trägt eine aufgekrempelte Pelzmütze, Nero 
ist an seinem langen Barte (!) erkenntlich (Bl. CHI), 
ebenso Trajan (BL CIX). Die Zeitgenossen sind 
nicht besser behandelt; so gleichen die Päpste 
Sixtus IV., Innocenz VHI. usw. Zug für Zug Ale¬ 
xander VI. (Bl. CCIJH vo.—CCLVH vo.). Als 
Porträt Mohammeds IL (Bl. CCLVI vo.) bietet 
uns einer der Zeichner Schedels dasjenige des 
Kaisers Konstantin. Derselbe Holzschnitt stellt 
zu gleicher Zeit Serapis, Faunus, Berengar, Saladin 
Z. f. B. 1904/1905. 


und Matthias Corvinus dar. In Frankreich finden 
wir das Porträt Boccaccios im Livre des cos des 
Nobles Homtnes , Paris 1483, von Guülaume de 
Lorris oder Jean de Meung im Roman de la Rose 
und in der Danse macabre, Paris und Lyon, von 
Alain Chartier im Livre des Faits 1489, von 
Vülon 1489 etc. 

Kommen wir auf Italien zurück. Die Reihe 
der wirklich glaubwürdigen inkonographischen Ver¬ 
öffentlichungen wird mit der Wiedergabe der Me¬ 
daillen eröffnet 1517 gab Andrea Fulvio seine 
Illustrium Imagines, imperatorum ä illustrium vi- 
rorum aut mulierum vultus ex antiquis numismati- 
bus expressi: emendatum correptumque Opus per 
Andream Fulvium diligentissimum antiquarium 
(Rom, Mazzocchi, 12 0 . 130 S.). 

1525 erschien in Straßburg des Hultichius 
Imperatorum Romanorum Libellus (Medaillen der 
römischen Kaiser und Kaiserinnen nach den Me¬ 
daillen, mit einigen Porträts deutscher Kaiser). 

Später, 1549, erschien in Paris das illustrierte 
Fragment eines Werkes von Jovius, das Leben 
der zwölf Visconti. Diese Veröffentlichung übte 
sicher einen großen Einfluß auf ähnliche Samm¬ 
lungen aus. 

Der Biograph der italienischen Künstler, Georg 
Vasari, der dem Jovius die Idee seiner Samm¬ 
lung von biographischen Notizen über die ausgezeich¬ 
netsten Maler, Büdhauer und Architekten der Halb¬ 
insel entlehnt hatte, richtete sich von der ersten 1550 
erschienenen Ausgabe an nach seinem Vorbüde. 
Einer ganzen Reihe von Biographien gab er als 
Ergänzung Lobreden in Versen oder in Prosa zu. 
Für L. B. Alberti gab er z. B. dasselbe Epigraph 
wie Jovius wieder. Noch weiter ging er in der 
zweiten 1568 erschienenen Auflage: unzählige Holz- 
schnittbüder, von denen einige dem Musaeum 
Jovianum entnommen waren, dienten ihm dazu, 
jede biographische Skizze zu illustrieren. 

Besonders wichtig ist der Prontuario de le 
Medaglie de piü illustri e fulgenti huomini e donne 
dal principio del Mondo insino al presente tempo, 
con le lor vite in compendio raccolte, der 1553 
von Guillaume Rouille in Lyon herausgegeben 
wurde (zweite vermehrte Auflage 1577, lateinische 
Ausgabe ebenfalls in Lyon 1581 mehreremale 
wiedergedruckt). Der Verfasser dieser Sammlung 
gibt in ziemlich fein geschnittenen Medaillons die 
Büdnisse aller berühmten Persönlichkeiten vom 
Ursprung der Welt bis zum XVL Jahrhundert, 
darunter ganz phantastische Büder von Adam und 
Eva, Noah, Sem, Ham, Japhet bis zu Paris, 
Ulysses, Penelope. 

1 SS9 veröffentlichte Andreas Gesner in Zürich 
eine prächtige Sammlung: Imperatorum Romano¬ 
rum omnium orientalium ä occidentalium verissimae 
imagines ex antiquis numismatis quam ßdelissime 
delineatae, addita cujusque vitae descriptione ex 
Thesauro Jacobi Stradae. Die großen Medaillons 

16 


Digitized by LjOOQle 



122 


Müntz, Die Porträtsammlong des Paulos Jovius. 


stellen die Kaiser von Julius Caesar bis auf Karl V. 
dar; sie sind nicht alle sehr treu, stammen aber 
von wichtigen Urkunden her. So sei z. B. nur 
bemerkt, daß das Bild des Heraklius auf Blatt 67 
die Wiedergabe des Medaillons ist, das dem Her¬ 
zog von Berry gehört hatte. 

1560 ließ Marco Mantova Benavides von Pa¬ 
dua (f 1582) in Rom bei Lafreri die aus seiner 
Sammlung ausgewählten IllustriumJurisconsultorum 
Imagines in Kupferstich erscheinen. 

Dann folgte 1569 die kostbare Sammlung von 
Zanoi: Imagines quorundam principum et illustrium 
virorum (Venedig). 

x 573 gab Bernard Jobin in Straßburg die 
Effigies Pontificum Romanorum . . . ab anno Christi 
MCCCLXXVIIII ad aetatem usque nostram prae- 
sidentium heraus, mit Text von Panvinio, deutsche 
Übersetzung von Fischart Obwohl hie und da 
unförmlich, scheinen die Holzschnitte von glaub¬ 
würdigen Unterlagen herzustammen. So ist z. B. 
das Büd Julius II. die Wiedergabe des Rafaelschen 
Porträts. 

1580 erschienen in Genf die Icones , id est verae 
Imagines virorum doctrina simul et pidate illustrium 
von Theodor de Beza mit den Bildnissen der 
Reformatoren. 

Wenige Jahre später, 1585, erscheinen in Frank¬ 
furt die: Monumenta illustrium per Italiam, Galli- 
am, Germanium , Hispanias , totum denique terra - 
rum orbem eruditione d doctrina Virorum . 

Wann Jovius, der Verfasser der Elogia Virorum 
bellica virtute illustrium , zu sammeln anfing, ist 
unbekannt Wir wissen nur, daß er seit 1521 eine 
verhältnismäßig reiche Sammlung von Bildnissen 
von Gelehrten besaß, u. a. von Pico della Miran- 
dola, Angelo Poliziano, Marsilio, Ficino, Ermolao 
Barbaro, Dante, Petrarca, Boccaccio, Leonardo 
Bruni d'Arezzo, L. B. Alberti, Poggio, Argyropoulos, 
Savonarola usw. 

Die Art und Weise, wie Jovius seine Erwerb¬ 
ungen machte, war sehr einfach: er brandschatzte 
seine Freunde, seine Gönner, alle diejenigen, 
die mehr oder weniger auf ihren Ruf bedacht 
waren oder mit seiner jetzt schmeichelnden, dann 
wieder anzüglichen Feder zu rechnen hatten. 

Zu dieser Zeit hatte der Gründer des Museums 
wahrscheinlich auch das Programm aufgestellt, 
das er bis zum Ende mit soviel Zähigkeit fest¬ 
hielt Dieses Programm gipfelte nicht in der Ver¬ 
einigung einer ikonographischen Sammlung, die 
aus verschiedenen Elementen als Statuen, Büsten, 
Medaillen, Bildern usw. bestand, sondern in der 
Schaffung einer Galerie von Porträts, die auf 
Leinwand gemalt und etwa anderthalb Fuß im 
Geviert messen sollten „in linteo sesquipedali“. 

Wenn die Freigebigkeit seines Bekanntenkreises 
oder ein glücklicher Zufall irgend ein kost¬ 
bares Original (es waren solche von Mantegna, 


Bellini, Rafael, Tizian und einer Menge anderer 
berühmter Maler darunter) in die Hände des 
Sammlers brachte, war es um so besser; aber sein 
Ziel war ein größeres: da die Zahl der Originale 
wesentlich beschränkt war, die Galerie aber so 
vollständig als möglich werden sollte, so entschloß 
sich Jovius kurzweg, alle Unterlagen, gleichviel 
welcher Art, selbst die Medaillen, die er sich 
in Originalen verschaffen konnte, als Gemälde 
nachbilden (zuweüen nachempfinden) zu lassen. 

Von den mit Hilfe von Medaillen hergestellten 
Porträts wären diejenigen von Cosimo von Medici 
dem Älteren, vom König Alfons von Neapel, von 
Leo Baptist Alberti, von Savonarola, vom Kardinal 
Ascanio Sforza zu nennen. 

Zu Gunsten von Jovius sei gesagt, daß auch 
Tizian nicht anders vorging, als Franz L ihn auf¬ 
forderte, sein Porträt zu malen. Auch er be¬ 
gnügte sich mit einer Medaille als Hauptunterlage, 
um das wunderbare, jetzt im Louvre befindliche 
Porträt zu malen. Und selbst in unseren Tagen 
führen Bildhauer die Büsten unserer verstorbenen 
Brüder nach einer einfachen Photographie aus. 
So steht es um die Ikonographie am Ende des 
XIX. Jahrhunderts! 

Man hat dieses Verfahren, des die Autori¬ 
tät des Musaeum Jovianum in hohem Grade 
schmälern könnte, bisher nicht genügend in An¬ 
rechnung gebracht. Es würde noch zur pinsel¬ 
mäßigen Wiedergabe eines Gemäldes hinreichen, 
sogar zur Wiedergabe einer Büste oder Statue auf 
der Leinwand; aber was soll man von Gemälden 
sagen, die eine Miniatur, eine Medaille in einem 
vierzig oder fünfzig Mal größerem Formate wieder¬ 
geben? Muß diese Übertragung nicht alle Treue 
verlieren! — 

Noch schlimmer: manchmal scheint es, als ob 
Jovius ein Bild einzig und allein mit Hilfe von 
zwei oder drei verschiedenen Unterlagen hat her- 
steilen lassen, deren wesentliche Züge sich sein 
Maler festzuhalten bestrebte. Wenn ich richtig 
zwischen den Zeüen gelesen habe, so war dies 
mit dem Porträt des Kaisers Friedrich Barbarossa 
der Fall 

Das ist der wunde Punkt des Musaeum Jovia¬ 
num. Die Ikonographen haben sich vor einem 
solchen Interpretationssystem, das der individuellen 
Phantasie des Kopisten soviel Spielraum gelassen 
hat, sehr zu hüten. 

Ich bin nicht abgeneigt zu glauben, daß der 
von Jovius verwandte Maler (wofern es nicht der 
vom Baseler Verleger der Elogia verwendete 
Zeichner ist) zuweilen ein Emblem oder Attribut 
zugefügt hat So ist Pandolfo Collenuccio (der 
in Pesaro auf Befehl von Gian Sforza erwürgte 
Humanist) mit dem Strick um den Hals dargestellt, 
und Giuliano de Medici, das Opfer der Verschwö¬ 
rung der Pazzi, trägt den Dolch im Herzen. 

So wenig wissenschaftlich ein solches Verfahren 
auch ist, so sind hier die Bemühungen des Jovius 
nicht ganz unfruchtbar gewesen. Dank seinem 


Digitized by tjOOQle 



Müntz, Die Porträts&mmlnng des Paulos Jovius. 


123 


Zeugnisse brauchen wir keinen Zweifel mehr an 
der Identifikation dieses oder jenes gemeiselten 
oder gemalten Bildnisses zu haben, dessen Be¬ 
deutung uns sonst entgangen wäre. Darauf soll 
später zurückgekommen werden. 

In der Verwirklichung des ersten Teiles seines 
Programms, dem Aufsuchen und der Wiedergabe 
ikonographischer Dokumente, die sich in öffent¬ 
lichen oder privaten Gebäuden vorfanden, ent¬ 
faltete Iovius einen über alles Lob erhabenen 
Eifer und Scharfsinn. Er benutzte die Siegesstand¬ 
bilder, die Grabdenkmäler von ganz Italien, die 
Fresken der Kirchen, Paläste und Villen, die 
Miniaturen der Manuskripte, die Medaillen, mit 
einem Worte alle Materialien, die ihm der Ruf be¬ 
zeichnte oder die ihn sein Spürsinn entdecken ließ. 

Ganz besonders merkwürdig ist der Ursprung 
der Bildnisse der Sultane. Zur Zeit seines Aufent¬ 
haltes in Marseille hatte der berühmte Seeräuber 
Chair-eddin Barbarossa dem Virginio Orsini als 
Auswechselung ein Kästchen von Ebenholz und 
Elfenbein gegeben, das die Bildnisse von elf Sul¬ 
tanen enthielt Die Sammlung stimmte vortreff¬ 
lich mit den, die Sultane einer früheren Zeit dar¬ 
stellenden Gemälden (oder Medaillen?) zusammen, 
die Iovius schon besaß. Unser Sammler erreichte 
auf inständiges Bitten, daß ihm Orsini seine Mi¬ 
niaturen lieh, um sie in einem größeren Formate 
kopieren zu lassen: latioribus in tabulis ... pin- 
genda. 

Noch viel interessanter* war die zweite Erwer¬ 
bungsart: sie bestand darin, daß Iovius von seinen 
unzähligen Bekanntschaften die Überlassung der 
Originalporträts erlangte, die diesen gehörten. 
Fürsten, Gelehrte, Künstler, einfache Liebhaber 
wetteiferten miteinander, jeder seinen Stein zu 
diesem Pantheon des antiken und modernen 
Ruhmes herbeizutragen. Hier machte ihm der 
Herzog Alfons I. von Ferrara das Porträt des 
Arztes Niccolo Leoniceno zum Geschenk; dort 
sandte ihm der Kardinal Ercole do Gonzaga die 
Porträts seines Vaters, des Battista Mantovano und 
des Pomponatius. Der Herzog Ercole II. von 
Ferrara seinerseits wurde 1544 ersucht, das Por¬ 
trät des Alciati zu geben. Dann boten große 
Herren oder berühmte Gelehrte ihre eigenen Büd- 
nisse dar, so z. B. Fernando da Gonzaga (gemalt 
von Domenico Giunti de Prato), Aretino (gemalt 
von Tizian) und verschiedene andere. 

Hier seien noch ihres Interesses wegen die 
unter Nikolaus V. gemalten Fresken des Vatikans 
erwähnt, die Karl VH von Frankreich, Niccolo 
Fortebraccio, Antonio Colonna, Fürst von Salemo, 
Francesco Carmagnola, Giovanni Vittelleschi, den 
Kardinal Bessarion, Francesco Spinola und Battista 
da Canneto darstellen. Diese Kopien waren auf 
Veranlassung Rafaels hergestellt worden, als er 
im Saal Heliodors die, wie man glaubt, von Piero 
della Francesca gemalten Fresken entfernen ließ, 
um an deren Stelle die Befreiung des heiligen 
Petrus anzubringen; dem Julius Romanus von ihm 


vermacht, wurden sie von diesem Jovius angeboten, 
der sie mit begreiflichem Eifer entgegennahm. 

Georg Vasari trug ebenfalls zur Bereicherung 
des Museums bei, indem er Iovius die Tavola dei 
Poeti antichi zum Geschenk machte. 

Iovius empfing Geschenke bis aus dem Inner¬ 
sten Amerikas heraus; Ferdinand Cortez sandte 
ihm sein Porträt kurze Zeit vor seinem Tode 
(1547). In dem Testamente des Iovius ist außer¬ 
dem von einen Smaragd in Herzform die Rede, 
welchen er von dem Eroberer Mexikos erhalten 
hatte. 

Aber dieser eifrige Sammler zögerte nicht, 
auf eigene Kosten die Porträts berühmter Zeit¬ 
genossen anfertigen zu lassen, so z. B. dasjenige 
des Anatomen Marc Antonio della Torre. Un¬ 
glücklicherweise starb della Torre, während man 
an seinem Porträt arbeitete, und Iovius mußte sich 
mit einem einfachen Entwurf begnügen. 

Für die Persönlichkeiten nach dem XV. Jahr¬ 
hundert gibt Iovius nur gelegentlich die Quellen 
an, aus denen er geschöpft hat, augenscheinlich, 
weil diese Quellen allen zugänglich waren. Die 
Aufgabe des Kritikers wird hier also eine schwie¬ 
rigere. Diese Reihe war überdies die kostbarste, 
denn sie enthielt eine sehr große Anzahl Originale. 

Obgleich Iovius am 13. Januar 1528 zum Bi¬ 
schof von Nocera dei Pagani in der Nähe von 
Salemo ernannt worden war, verblieb er doch in 
Oberitalien. In Como, seiner Geburtsstadt, er¬ 
richtete er sein Museum. Como hatte soviel Reize 
für ihn, daß er seine letzten Jahre an den Ufern 
des bezaubernden Sees verbrachte. 

Iovius war darauf bedacht, das unschätzbare 
ikonographische Museum, das er mit soviel Liebe 
errichtet hatte, bildlich wiedergeben zu lassen. 
Diese Tatsache ergibt sich aus seinem Briefe vom 
14. September 1548 an Doni, in welchem esu.a. 
heißt: „E volesse Dio, che di questa maniera si 
potessero intagliare tutte le immagini, che io tengo 
al Museo, almanco quelle degli uoraini famosi in 
guerra“. (Und wollte Gott, daß ich auf diese 
Weise alle die Bilder in Holz schneiden lassen 
könnte, die ich im Museum habe, wenigstens jene 
der berühmten Kriegsmänner.) 

Tatsächlich wurden auch noch zu Iovius Leb¬ 
zeiten mehrere Teüe seiner Sammlung in Holz¬ 
schnitt wiedergegeben und zwar in Frankreich. 
Iovius hatte an den Dauphin Heinrich von Frank¬ 
reich ein Exemplar seines „Lebens der zwölf Vis¬ 
conti“ geschickt, das mit prächtigen, die Por¬ 
träts dieser Fürsten darstellenden Zeichnungen 
geschmückt war. 

1549 unternahm Robert Estienne, von Geoffiroy 
Tory unterstützt, die Herausgabe dieses Werkes. 
Die Holzschnitte der Ausgabe von 1549 wie der¬ 
jenigen von 1552 zeigen eine viel feinere Aus¬ 
führung als die Baseler Ausgabe, von der noch 
die Rede sein wird. Viele Einzelheiten an Ko¬ 
stümen und Nebensachen, die in den Baseler 
Ausgaben fehlen, sind hier getreu wiedergegeben. 


Digitized by LjOOQle 



124 


Müntz, Die Porträtsammlung des Paulus Jovius. 


Dagegen enthält die Ausgabe der Elogia Vi- 
rorum bellica virtute illustrium , Florenz 1551, 
keine anderen Holzschnitte als Initialen: man findet 
nicht ein einziges Porträt darin. Das Gleiche 
ist der Fall mit den Gli Elogi , vite brevemente 
scritte duomini illustri di guerra (Florenz 1551): 
sie enthalten außer dem Frontispiz und den Ini¬ 
tialen keine Holzschnitte. 

Der Tod überraschte den eifrigen Sammler 
in Florenz inmitten seiner Bestrebungen und 
Träume: er starb bekanntlich am 11. Dezember 
1552, nachdem er Anordnungen getroffen hatte, 
die er für die Erhaltung so vieler Schätze für 
ausreichend hielt; er hatte in der Tat in seinem 
Testament förmlich verboten, daß jemals das 
prachtvolle Ganze veräußert würde, das er sich 
befleißigt hatte, in so vielen Jahren zusammen¬ 
zubringen. 

vMv 

Vor wie nach Iovius’ Tode sandten italienische 
oder fremde Fürsten nach Como Künstler, die 
mit der Nachbildung dieser kostbaren Dokumente 
beauftragt waren. 

Seit 1550 ließ Herzog Cosimo I. von Medici 
dort Kopien ausflihren. Von 1552 an beschäf¬ 
tigte er daselbst zu diesem bestimmten Zwecke den 
Maler Christoforo oder Christofano delT Altissimo. 
Bis August 1553 hatte der Künstler 24 Porträts 
kopiert Seine Kopien waren drei Zoll höher, als 
ihm aufgetragen worden war. Am 7. Juli 1554 
waren 26 andere Kopien fertig; jede wurde ihm 
mit 5 Dukaten zu 7 Lire bezahlt 

Von 1552—1568 kopierte Cristoforo delP Al¬ 
tissimo mehr als 280 Porträts. Aber welches 
waren diese Porträts? Das ist das Problem, auf 
dessen Lösung keiner meiner Vorgänger bedacht 
war. Die Lösung ist jedoch infolge des Zeug¬ 
nisses des Vasari sehr leicht In der zweiten 
Ausgabe seiner Vite de* piü eccellenti pittori etc. 
(1568) gibt uns dieser Biograph das Verzeichnis 
von ungefähr 200 „ritratti“ (Bildnissen), die zum 
Museum Cosimos I. gehörten. Und es genügt, 
einen Blick auf diese Liste zu werfen, um zu 
Anden, daß sie beinahe ganz mit dem Katalog der 
Sammlung des Paulus Iovius Ubereinstimmt 

Es ist unmöglich, den Altissimo an Schwäch¬ 
lichkeit zu Übertreffen. Die von ihm kopierten 
Büder des Musaeum Iovianum haben alle Kraft, 
allen Ausdruck, alle Treue verloren. 

Ein besonders lehrreiches Beispiel bietet das 
Porträt des Leonardo da Vinci. Dieses Porträt, 
das wir nur aus der Kopie in der Galleria degli 
Uffizii in Florenz kennen, stammt zweifellos von 
einer Zeichnung her, die sich heute in den könig¬ 
lichen Sammlungen zu Windsor befindet An¬ 
scheinend gibt der Kopist das so ausdrucksvolle, 
von der Hand Leonardos selbst gezeichnete 
Büdnis genau wieder, aber er hat es vollständig 
verändert: vom Gesichtsausdruck bis zum Alter 
der Persönlichkeit In der Zeichnung zu Windsor 


sehen wir einen Mann noch in voller Kraft, mit 
durchdringendem Blick und zusammengepreßtem 
Munde: diese so charakteristische Physiognomie 
hat sich in dem Gemälde in das Haupt eines 
niedergebeugten, abgelebten Greises verwandelt 
In diesem Falle kann man mit Recht sagen: 
„traduttore — traditore“. 

So mittelmäßig nun auch die Kopien des 
Altissimo sein mögen, so zeigen sie doch 
eine vernichtende Überlegenheit gegenüber den 
der Baseler Ausgabe der Elogia beigegebenen 
Holzschnitte, bei welchen zuerst der Zeichner und 
dann der Holzschneider, der Versuchung, die 
Persönlichkeiten zu dramatisieren, nachgebend, 
mehr als einmal die Urbüder bis zu dem Grade 
verändert haben, daß sie unkenntlich sind. Jakob 
Burckhardt hat sich in seinen Beiträgen zur Kunst¬ 
geschichte von Italien (S. 467) etwas nachsichtiger 
gegen die Holzschnitte der Baseler Ausgabe ge¬ 
zeigt: „Die Ausgabe in Holzschnitten kann man 
öfter durch anderweitig erhaltene Bildnisse kon¬ 
trollieren und sie besteht dabei nicht schlecht“ 
Einer der seltenen gleichzeitig genauen, bestimmten 
und deutlichen Holzschnitte ist das Porträt von 
Caesar Borgia. 

Die in Florenz beftndlichen Kopien wurden 
für den Erzherzog Ferdinand (f 1595) angefertigt 
Darunter waren die Bilder von Totila, Karl dem 
Großen, Friedrich Barbarossa, Saladin, Albertus 
Magnus, Cangrande I. della Scala, Giuliano de 
Medici, John Hawkood, Ferdinand d*Avalos, Car- 
magnola, Colleone, Prospero Colonna, Christoph 
Columbus, J. Gattamelata, Alviano, Petrucci de 
Siena, Pico della Mirandola, J. G. Trivulzio, 
F. Cortez, Leva, Navarro, Ludwig XIL, der Connl- 
table von Bourbon, Gaston de Foix, König Lud¬ 
wig IL von Ungarn, Tamerlan, Scanderbeg, Nie. 
Orsini, Mulamethus Scerifus und mehrere Sultane. 
Diese erst in Schloß Ambras aufgestellte, jetzt im 
Museum in Wien befindliche Sammlung wurde 
nach einem methodischen Plane 1576 begonnen 
und gestattet, viele Lücken in der Reihe der nach 
den Originalen der Sammlung von Iovius aus¬ 
geführten Holzschnitte zu füllen. 

Eine Folge anderer Kopien wurde von Bernar¬ 
dino Campi für die Fürstin Hippolyta da Gonzaga 
ausgeführt Man weiß nicht, wo diese Kopien 
geblieben sind. 

Der Kardinal Federigo Borromeo, der Gründer 
der Ambrosiana in Maüand, ließ ebenfalls eine 
Anzahl von Porträts kopieren. 

Aber erst eine von dem Baseler Verleger Peter 
Pema unternommene illustrierte Ausgabe der Elogia 
setzte die an den Ufern des Comersees vereinigten 
Schätze wirklich ins Licht Ihr verdankt das Mu¬ 
saeum Jovianum seine Popularität Perna wünschte 
die Reproduktionen dieser reichen ikonographischen 
Galerie allgemein zugänglich zu machen und 
schickte einen Maler (Zeichner?) mit dem Auf¬ 
träge dahin, die interessantesten Porträts zu 
kopieren. Nachdem diese Zeichnungen in Holz 


Digitized by 


Google 



Müntz, Die Porträtsammlung des Paulus Jovius. 


125 


geschnitten waren, gab siePemavon 1575—1577 
in zwei prächtigen Foliobänden heraus. Nagler 
bezeichnet in seinem Künstlerlexikon 1847 XVTL 
S. 368 ohne weiteres Tobias Stimmer als den 
Zeichner der Porträts der Baseler Ausgabe. 

In der Vorrede von 1575 erzählt Perna, wie 
er zu der Idee kam, die Porträts der Sammlung 
Iovius kopieren und schneiden zu lassen: „Has 
Ioviani Musaei in omni genere literarum clariss. 
virorum mutas quidem imagines, sed ad ipsum 
prototypon summa fide expressas, ex suburbano 
illo Novocomense, non minoribus quam in illud 
traductae fuere sumptibus denuo productas, omnibus 
omnium vel publicis vel privatis bibliothecis com- 
municandas ... De meo vero Studio hoc unum 
profiteor, qui majoribus prope, quam res mea 
familiaris pateretur, impensis a nobüiss. pictore 
Iovianas imagines exprimendas curavi ..." 

Nach zwei Jahrhunderten, im Jahre 1780, be¬ 
stätigte der Graf Giovio diese Aussage; er erklärte, 
daß die Zeichner oder Holzschneider, die be¬ 
auftragt waren, die für die Baseler Ausgabe be¬ 
stimmten Porträts zu reproduzieren, sich eigens 
nach Como begaben, um diese Dokumente wieder¬ 
zugeben: „Vennero qui espressamente.“ 

Als praktischer Verleger hielt es Pema für 
nützlich, unter den zahlreichen, von Iovius gesam¬ 
melten ikonographischen Dokumenten eine Aus¬ 
wahl zu treffen. Von den etwa 200 die Samm¬ 
lung der Literaturen und Gelehrten bildenden 
Porträts ließ er nur 62 wiedergeben; von den 
etwa 150 die Reihe der Feldherren bildenden 
nur 128. 

Welchen Erwägungen verdankt man diese Wahl? 
Ließ man die schlecht gelungenen, veräucherten 
und undeutlichen Gemälde beiseite oder opferte 
man die Porträts der am wenigsten interessanten 
Persönlichkeiten? Man wird sich zu der letzteren 
Annahme hinneigen müssen. In der Tat erstreckt 
sich die Weglassung hauptsächlich auf die Huma¬ 
nisten dritten oder vierten Ranges. Von den 
fehlenden Berühmtheiten soll nur Erasmus hervor¬ 
gehoben werden. Aber sein BSdnis war diesseits 
der Alpen zu verbreitet, als daß es der Baseler 
Verleger für nötig hielt, es nochmals wieder¬ 
zugeben. 

Außerdem opferte der ohne Zweifel von der 
Zeit gedrängte Zeichner einfach alle Porträts, 
welche den Schluß der Reihe der Gelehrten und 
Literaten bildeten. 

Die illustrierte Ausgabe der Elogia bezeichnet 
den Gipfel des Rufes des Musaeum Iovianum. 

Bis zum Ende des XVL Jahrhunderts versäumte 
kein Fremder von Stande, der durch Como kam, 
das Werk zu bewundern, an das der Name von 
Paulus Iovius geknüpft war. Noch 1596 be¬ 
sichtigte es der Herzog Philipp von Pommern mit 
dem lebhaftesten Interesse. 

Wenige Jahre darauf, zu Anfang des XVTL 
Jahrhunderts, brachte der Neubau der Aedes Io- 
vianae die Vernichtung oder Zerstreuung der Fres¬ 


ken, Medaillen, Statuen, sowie der indischen und 
amerikanischen Sammlung mit sich. 

In der Folge wurde die Sammlung getrennt: 
ein Zweig der Familie erhielt den Bestand an 
Porträts der Literaten; die andere die Krieger¬ 
porträts mit einigen Porträts von Literaten, die 
versehentlich in diesen Anteil geraten waren. 

Unter den 1780 noch vorhandenen Porträts 
waren nach dem Zeugnisse des Grafen J. B. Giovio 
u. a. diejenigen von Molza, Alfons IL d’Este, Fran¬ 
cesco Pico della Mirandola, Giov. Manudo, Michel 
Angelo, Leonardo da Vinci, Andrea del Sarto, 
Valerio Vicentino, Battista Siciliano. Dagegen 
waren die Porträts von Ariost und Albert de Carpi 
verschwunden. 

Vor etwa zwanzig Jahren, 1880, befanden sich 
die Überreste des Musaeum Iovianum teils im Be¬ 
sitze der älteren durch den Marchese Giorgio 
Raimondi Orchi und Pietro Novelli vertretenen 
Linie, teils in demjenigen des jüngeren durch die 
Giovio vertretenen Zweiges. Diese verkauften das 
Porträt des Cosimo de Medici von Angelo Bron- 
zino an den Prinzen Napoleon Bonaparte; sie be¬ 
sitzen noch das Porträt von Christoph Columbus. 

Die Meinungsverschiedenheiten zwischen den 
beiden Zweigen der Familie erschweren leider jede 
Nachforschung nach den abhandengekommenen 
Stücken. 

Soweit das Geschichtliche des Musaeum Iovia¬ 
num. Nim noch ein kurzer Bericht über die Zu¬ 
sammensetzung desselben. Die Sammlung zerfiel 
in vier Abteüungen: x. Verstorbene Gelehrte und 
Dichter, 2. Lebende Gelehrte und Literaten, 
3. Künstler, 4. Päpste, Könige, Heerführer usw. 

Beim Tode des Iovius befanden sich in den 
beiden ersten Abteilungen mehr als 200 Porträts, 
in der vierten etwa 150. Was die dritte anbe¬ 
langt, so sind wir, da der Katalog nicht veröffent¬ 
licht worden ist, auf einige sehr unsichere Angaben 
beschränkt Wir wissen indes aus einem Briefe 
des Grafen Giovio vom 8. September 1780 an 
G. Tiraboschi, daß sich die Porträts von Michel 
Angelo, Leonardo da Vinci, Andrea del Sarto, 
Valerio Belli und vom Musiker Battista Siciliano 
darunter befanden. 

Nach meinen Untersuchungen dürfte es also in 
allen den Fällen nicht mehr angängig sein, auf 
die Holzschnitte der Elogia zurückzugreifen, wo 
man den Ausweg hat, glaubwürdigere Urkunden 
unmittelbar zu Rate ziehen zu können. Diese 
Urkunden sind glücklicherweise verhältnismäßig 
zahlreich, und nun dürfte, nachdem die erste War¬ 
nung gegeben ist, kein Zweifel mehr darüber sein, 
daß es den Ikonographen bald gelingen wird, das 
wichtige Ganze wiederherzustellen, mit welchem 
der Name Musaeum Iovianum verknüpft bleibt 

Aber die Mängel dürfen uns nicht die Wich¬ 
tigkeit dieser Sammlung vergessen lassen, welche 


Digitized by 


Google 




126 


Müntz, Die Porträts&mmlong des Paulus Jovius. 


die einzigen authentischen Porträts von Christoph 
Columbus, Caesar Borgia, von so vielen Sultanen 
oder anderen orientalischen Fürsten, von sovielen 
Literaten oder Heerführern umschloß. 

Wenn ich mich nicht täusche, dürfte hier zum 
erstenmale auf den nahen Zusammenhang zwischen 
den Porträts der Sammlung Iovius und den Kopien 
hingewiesen sein, die sich noch in der Galleria 
degli Ufftzii befinden. Es ist mir so möglich ge¬ 
wesen, wenigstens für die verschwundenen Porträts 
auf Wiederholungen zurückzugreifen, welche sie 
mit verhältnismäßiger Genauigkeit wiedergeben 
und jedenfalls mit unendlich mehr Bestimmtheit 
als die Holzschnitte der Baseler Ausgabe der 
Elogia. 

Bei den Literaten und Gelehrten gibt Iovius 
nur ausnahmsweise die Herkunft der Porträts an. 
Gewöhnlich erwähnt er den Begräbnisort Bei 
denjenigen, deren Porträts er nicht besitzt und 
die er am Schlüsse der Elogia aufzählt, gibt er 
auch nicht den Begräbnisort an, was wohl dar¬ 
zutun bezweckt, daß er besonders auch die Grab¬ 
bilder heranzog. 

In dieser Abteüung wurde die Galerie der 
Porträts der Toten durch eine Reihe von Porträts 
der Lebenden vervollständigt, nämlich: Bembo, 
Battista Egnazio, J. Sadolet, G. Trissin, J. Fracastor, 
H. Vida, G. P. Valeriano, Romolo Amaseo, Alciat, 
M. A. Flaminio, Ph. Melanchthon, G. Vitali, Regi¬ 
nald Pole, Daniel Barbaro, Ant Mirandola, Phi¬ 
lander, Fasitelli und Basilio Zanchi. (Keines 
dieser Porträts ist in der Baseler Ausgabe wieder¬ 
gegeben.) Diese Klasse war nach dem Alter ge¬ 
ordnet Bembo, geboren 1470, erschien als Äl¬ 
tester der Lebenden an der Spitze, und Zanchi, 
geboren um 1501, als Jüngster am Schlüsse: 
„Imagines autem eo seriatim ordine sedim obtinent, 
ut dignitatem omnem, vel fortunae, vel generis, 
ipse unus aetatis honos anteeedat“ 

Am Schlüsse seiner Elogia führt Iovius eine 
ganze Anzahl von Männern auf, deren Porträts 
er sich trotz aller Anstrengungen nicht verschaffen 
konnte. 

Porträtverzeichnis. 

Literaten und Gelehrte. 

Mittelalter: Albertus Magnus*, Baldo degli 
Ubaldi*, Bartholus* Boccaccio, Dante* Petrarca* 
Johannes Scotus, St Thomas von Aquino. — 
Griechische Humanisten: Antonio da Lebrissa*, 
Argyropoulos* Kardinal Bessarion*, Demetrius 
Chalcondylas*, Emmanuel Chrysoloras*, Theodor 
Gaza*, Georg von Trapezunt*, Johann Lascaris*, 
Michael Marullus *, Marcus Musurus *. —Renaissance: 
Donato Acciajuoh, Al. Achillini*, Andrea Matteo 
Aquaviva, Rud. Agricola*, L. B. Alberti*, Hieron. 


Aleander, Ambrosius der Camaldulenser, Kardinal 
Ammänati, Pietro Aretino, Ariost*, Francesco Ar- 
süli, Giov. Aurel. Augurello, Ermolao Barbaro*, 
Antonio Beccadelli von Palermo, Füippo Beroaldo, 
Bemardo Dovizio da Bibbiena, Flavio Biondo*, 
Leonardo Aretino Bruni*, Guillaume Bud£*, Do¬ 
rn izio Calderini*, Elisio Calenzio, „Callimachus 
experiens“ (Filippo Buonaccorsi)*, Antonio Cam- 
pano*, M. A. Casanova*, Bald. Castiglione, G. M. 
Cattaneo *, Lodovico Celio, Bartholomaeus Codes, 
Pandolfo Collenuccio*, Kardinal Gasp. Contarini*, 
Bernardino Corio, Agrippa Cornelius*, Lancino 
Corti, Giovanni Cotta, Pietro Crinito, Pietro Can- 
dido Decembrio, Filippo Decio*, Girolamo Donato*, 
Kardinal Egidio von Viterbo, Erasmus, Marsilio 
Ficino*, Kardinal Fisher*, Pompeo Gaurico*, 
Fr. Maria Grapaldo, Pietro Gravina, Gregorio da 
Tiferno, Kardinal Domenico Grimani, Guarino von 
Verona, Camülo Guemo, Bened. Iovius*, Paulus 
Iovius*, Benedetto Lampredi, Jacques Lefebvre 
d’Etaples, Pietro Leoni*, Niccolö Leoniceno*, 
Pomponio Leto*, Thomas Limacre, Cristoforo 
Longolio*, Lorenzo Lorenzini, Nie. Machiavelli*, 
Raf. Maffei da Volterra, Giasone del Maino*, 
Giovanni Manardi*, Battista Mantovano gen. Spag- 
nuoli*, Andrea Marone, Galeotto Marzio, Lor. de 
Media*, Ph. Melanchthon, G. Merala, Pico della 
Mirandola*, Giovanni Francesco Pico della Miran¬ 
dola, Francesco Maria Molza*, Thomas More*, 
Andrea Navagero, Agostino Nifo, Cosimo Pazzi, 
Niccolö Perotti* Fr. Phüelphus*, Albertus Pighius, 
Alberto Pio di Carpi, Battista Pio, Platina* Gian 
Franc. Poggio Bracdolini*, Angelo Poliziano*, 
Petr. Pomponatius*, Giov. Pontano*, Guido Pos- 
tumo, Jean Ruel, Rutilio, Marc. Ant Sabellico*, 
Sannazar*, Savonarola*, Ercole Strozzi*, Ant Ti- 
baldeo, Ant Tilesio, Leonico Tomeo*, M. A. della 
Torre, Antioch. Tybertus, Lorenzo Valla, P. P. Ver- 
gerio, M. I. Vida. 

Heerführer und Staatsmänner. 

Altertum: Alexander d. Große*, Artaxerxes n. 
Mnemon*, Attila*, Hannibal*, Narses, Numa Pom- 
pilius*, Pyrrhus*, Romulus*, Scipio Africanus*, 
Totila*. — Mittelalter: Castracani Castruccio*, 
Sciarra Colonna*, Eccelino da Romano*, Ugucci- 
one della Faggiola*, Kaiser Friedrich Barbarossa*, 
Gottfried von Bouillon*, Karl der Große*, König 
Robert von Neapel*, Cano della Scala*, Martino 
della Torre, Farinata degli Uberti*. — Sultane 
und andere orientalische Fürsten und Heerführer: 
Amurath n.*, Bajazet L*, Bajazet U.*, Moham¬ 
med I.*, Mohammed II.*, Selim L*, Soliman*. — 
Verschiedene: Barbarossa L Arudsch*, Barbarossa D. 
Chair-eddin*, Negus David* von Abessynien, Is- 
mael* König von Persien, Kaitbai* Sultan von 
Ägypten, Kansu-Gauri*, Muley-Hassan* Sultan 
von Tunis*, Muley-Mohammed* König von Fez, 


* bedeutet, daß das Portrat in der Baseler Ausgabe der Elogia wiedergegeben ist 


Digitized by tjoooie 



Chronik. 


127 


Saladin*, Sinas der Jude*, Thamasp L* König 
von Persien, Tamerlan*, Tuman-Bey*, Sultan von 
Ägypten. 

XIV. und XV. Jahrhundert. Italien . 

Giovanni Acuti* (John Hawkood), Kardinal 
Alidosi*, Bartolommeo Alviano*, Alfons* von Ara¬ 
gon König von Neapel, Isabella von Aragon, Franz* 
von Aragon, deren Sohn, Giov. Paol. Baglioni*, Mala- 
testa Baglioni*, Orazio Baglioni* Daniel Barbaro, 
Alberico Barbiano*, Giov. Bentivoglio, Caesar Bor¬ 
gia*, Braccio da Montone*, Vincentius Capellius*, 
Carmagnola*, Kardinal JuLCesarini, Bart Colleone*, 
Christoph Columbus*, M. A. Colonna, Kardinal 
Pompeo Colonna*, Prospero Colonna*, Andrea 
Doria*, Alfons d’Este Herzog von Ferrara*, Gatta- 
melata*, Franc, de Gonzaga, Doge Antonio Gri- 
mani*, Alvisio Gritti*, Doge Andrea Gritti* Papst 
Martin V., Federigo da Montefeltro Herzog von 
Urbino*, Nie. Orsini*, Pandolfo Petrucci* Nie. 
Piccinino, Kardinal Pet Riario, Franc. Maria della 
Rovere Herzog von Urbino*, Pietro Soderini*, 
Pirro Stipiciano*, Teod. Trivulzio* Marschall von 
Frankreich, Kardinal Giov. Vitelli* die Brüder 
VitellL — Die Visconti: Erzbischof Ottone*, Mat- 
teo der Große, Galeazzo L*, Azzo*, Luchino* Erz¬ 
bischof Giovanni*, Galeazzo II.*, Bemabö*, Gian 
Galeazzo*, Giammaria*, Filippo Maria Visconti*. 
— Die Sforza: Muzio Attendolo*, Francesco I.*, 
Galeazzo*, Lodovico il Moro*, Kardinal Ascanio*, 
Massimiliano*, Francesco EL* Sforza, dessen Frau 
Christine von Dänemark. — Die Medici: Cosimo* 
der Ältere, Giuliano I.*, Lorenzo* il Magnifico, 
Piero IL*, Giovanni* der Führer der schwarzen 
Bande, der Kardinal Ippölito*, Alessandro, Cosimo L 
de Medici. 


Deutschland^ Ungarn ,, Palen) Skandinavien . 

Maximilian* deutscher Kaiser, Karl V.* deut¬ 
scher Kaiser, Ferdinand I. römischer König, Ba- 
süius* moskowitischer Fürst, Christian* König von 
Dänemark, Matthias Corvinus* König von Ungarn, 
Kardinal Matth. Lang*, Ludwig* König von Un¬ 
garn und Böhmen, Philibert von Oranien, Georg 
Scanderbeg*, Siegismund* König von Polen, Jo¬ 
hann Tamowskl — Heinrich VIEL* von England, 
Jacob V.* von Schottland, Thomas Howard* 
Herzog von Norfolk. — Tristan d’Acunha*, portu¬ 
giesischer Gesandter, Herzog von Alba*, Fernando 
d’Avalos*, Alfonso d’Avalos*, Gonzalvo de Cor- 
dova*, Fernando Cortez* Antonia da Leyva* 
Hugo Moncada, Piedro Navarra*. — Karl VUL*, 
Ludwig XIL* Franz L* Heinrich EL* Könige von 
Frankreich. Verschiedene: Der Connetable von 
Bourbon*, Franz von Bourbon, Karl der Kühne, 
Gaston de Foix*, Marschall de Lautrec, Karl* 
von Orleans, Sohn Franz L 

Die Künstler. 

Die Sammlung von Künstlerporträts wurde von 
Iovius im Entwürfe stecken gelassen. Von dem 
Enkel seines Bruders wissen wir, daß Iovius u. a. 
die Porträts von Michel Angelo, Leonardo da 
Vinci, Andrea del Sarto, Valerio Vicentino, des 
Musikers Battista Sicüiano besaß. Die Porträts 
von Michel Angelo und Andrea del Sarto sind 
spurlos verschwunden; ebensowenig weiß man, 
was aus dem Porträt des Vicentino geworden 
ist Die Geschichte des Porträts von Leonardo 
ist noch erbaulicher. Anstatt des Originals im 
Musaeum Iovianum kennen wir dieses Bildnis nur 
durch die Kopie desselben, die sich heute in der 
Galleria degli Uffizi befindet 

[Autorisierte Obersetzung von F. J. Kleemeier.] 


& 

Chronik. 


Das Hohenzollem-Jahrbuch 1903. 

Alljährlich können wir in diesen Heften auf eine 
Publikation aufmerksam machen, die für die Biblio¬ 
philen Brandenburg-Preußens von besonderem Inter¬ 
esse ist: auf das bei Giesecke & Devrient in Leipzig 
erscheinende Hohenzollem Jahrbuch, dessen siebenter 
Jahrgang uns vorliegt, stattlich wie immer, ein Groß- 
quartband von gegen 300 Seiten, geschmückt mit einer 
Fülle von Kunstblättern, drei Farbendrucken und Text¬ 
illustrationen. 

Die Reihe der Mitarbeiter eröffnet diesmal der 
Historiograph des preußischen Staats, Geheimrat Rein¬ 
hold Koser , mit einer Schüderung des Berliner Hof¬ 
lebens um 1750, das der Glanz von Sanssouci freilich 
völlig in den Schatten stellte, das aber gerade deshalb 
intimer Reize nicht entbehrte. Berichte französischer 


Diplomaten und die neuerdings bekannt gewordenen 
Bruchstücke aus dem Briefwechsel der Prinzen und 
Prinzessinnen bringen eine Anzahl bemerkenswerter 
Züge zu diesem Thema; vor allem aber schöpft Koser 
aus einem 1750 einsetzenden Tagebuche des Kammer¬ 
herrn der Königin Elisabeth Christine, des Grafen 
Heinrich von Lehndorf; eines jungen Mannes, der mit 
scharfer Beobachtungsgabe auch einen gesunden 
Mutterwitz verband. Geheimer Staatsarchivar Dr. Lud¬ 
wig Keller berührt in seinem Beitrag „Der Große 
Kurfürst in seiner Stellung zu Religion und Kirche“ 
Fragen, die zu eigentümlichen Analogien in der Gegen¬ 
wart führen. Die ikonographische Studie des Heraus¬ 
gebers Dr. Paul Seidel „Die Darstellungen des Großen 
Kurfürsten gemeinsam mit seiner ersten Gemahlin“ 
bringen eine große Anzahl zum Teü bisher unbekannt 


Digitized by 


Google 



128 


Chronik. 


gebliebener Abbildungen Friedrich Wilhelms und der 
Luise-Henriette zur Anschauung. Es ist merkwürdig, 
wie reich wir an guten Bildern des Großen Kurfürsten 
und seiner Umgebung sind, wie wenig dagegen König 
Friedrich II. dafür getan hat, seine Erscheinung und 
seine Taten der Nachwelt in bildlicher Darstellung zu 
überliefern. Von den zu Seidels Aufsatz gehörigen 
Reproduktionen seien erwähnt: ein Ölgemälde von 
Jan Mytens in Rennes, die Trauung Friedrich Wil¬ 
helms im Haag darstellend (Reproduktion nach einer 
im Besitze der Königin von Holland befindlichen Kopie), 
ein Gruppenbild der Kurfürstlichen Famüie nach einem 
Ölgemälde desselben Meisters im Berliner Schlosse 
und ein ausgezeichneter Dreifarbendruck: Friedrich 
Wühelm und Luise-Henriette 1649 nach dem ölbÜde 
von Matthias Czwiczek im Königsberger Schlosse. 

Aus den übrigen Aufsätzen des Jahrbuchs sei als 
besonders interessant für unsere Leser noch der Artikel 
Dr. Bogdan Kriegers über „Die Hohenzollem und ihre 
Bücher 41 hervorgehoben. Der Verfasser hat in dieser 
Zeitschrift bereits eingehend über die Hausbibliotheken 
der Hohenzollem berichtet; der erwähnte Artikel be¬ 
schäftigt sich hauptsächlich mit den Hohensollemschen 
Exlibris. Das älteste ist das des Herzogs Albrecht 
von Preußen, letzten Hochmeisters des Deutschen 
Ordens (1490—1568), das in vier verschiedenen Exem¬ 
plaren erhalten ist Das eine der vier ist deshalb 
doppelt erwähnenswert, weü es in einem lateinischen 
Distichon eine Mahnung an den Leser enthält: „Aus 
Herzog Albrechts Büchern stamme ich, der schwerdt- 
gewaldg in Preußens Gefilden herrscht Du darfst 
frei aus mir Dich belehren, drum thue es. Doch giebst 
Du mich wieder, so sing dem Herzog dankbar ein 
Lied“ — das Ganze eine niedliche Umschreibung des 
grimmigen „Bücherfluchs 1 *. Das nächste authentische 
Hohenzollem-Exlibris ist das des Prinzen Friedrich 
von Brandenburg, späteren ersten Königs von Preußen. 
Eis zeigt das kurfürstliche Wappen, von Orange¬ 
zweigen umgeben, im Spruchband „Fridericus D(ei) 
G(rada) March, (io) Brandeb.(urgicus) Princ.(eps) 
Halberst(adt) 11 — Fürst von Halberstadt war der Prinz 
seit 1664. Ein zweites Exlibris Friedrichs I. stammt 
aus seiner Kurprinzenzeit Die nächsten Hohenzollem- 
Exlibris tauchen erst hundert Jahre später auf: die des 
Prinzen Friedrich (1794—1863) und der Schwester der 
Königin Luise, der Prinzessin Friderike von Mecklen- 
burg-Strelitz. Ähnlich dem des Prinzen Friedrich ist 
das Exlibris, das Kaisers Wühelm I. in seiner Jüng¬ 
lingszeit führte. Als Kaiser besaß Wilhelm I. kein 
Bücherzeichen; Kaiserin Augustanur ein sehr schlichtes: 
den Namen mit einer Umrandung. Kaiserin Friedrich 
hatte zwei Exlibris: das erste für die Prinzess-Royal 
stammt noch aus der Zeit vor ihrer Vermählung und 
ist Londoner Ursprungs, das zweite wurde 1897 von 
Sattler für die Cronberger Bibliothek gezeichnet Über 
die Exlibris der regierenden Majestäten hat der Herr 
Verfasser in diesen Blättern bereits gesprochen. Die 
hübschen Exlibris der Prinzen Oskar, Adalbert und 
August Wilhelm hat G. Otto in Berlin gezeichnet; das 
Bücheneichea des Prinzen Eitelfritz wurde 1901 von 
Giesecke & Devrient nach dem Totenschild auf dem 


Grabmal Eitel-Friedrichs II., Grafen zu Hohenzollem, 
hergestellt. Das Bibliothekzeichen des Prinzen Joachim 
Albrecht ist 1899 von La Valette im Barockstil ent¬ 
worfen worden. Im weiteren berücksichtigt der 
Kriegersche Artikel noch die Druckstempel und die 
Super-Exlibris in den Hohenzollera-Bibliotheken. Das 
älteste Super-Exlibris ist das des Herzogs Albrecht in 
Preußen, dessen Stempel noch erhalten ist, das aber 
wenig zur Anwendung kam. Es folgten das Porträt- 
Exlibris des Kurfürsten Johann Georg und die mannig¬ 
faltigen Aufdrucke aus der Zeit des Großen Kurfürsten. 
Von König Friedrich Wilhelm I. hat sich überhaupt 
kein Buch nachweisen lassen, geschweige denn ein 
Exlibris; dagegen trugen die Bücher seiner Gemahlin 
Sophie-Dorothea verschiedene Super-Exlibris, meist in 
Monogrammform. Der Aufsatz Dr. Kriegers schließt 
mit verschiedenen eigenhändig geschriebenen Eigen¬ 
tumsvermerken. Übrigens sei bei dieser Gelegenheit 
bemerkt, das wir in einem der nächsten Hefte einen 
umfangreichen und reichÜlustrierten Aufsatz von Dr. 
Stephan Kekule von Stradonitz bringen werden, der 
das Thema der Super-Exlibris zum ersten male in er¬ 
schöpfender Weise behandelt. 

Aus der reichen Fülle der sonstigen Beiträge des 
Jahrbuchs seien noch erwähnt: Archivars Dr. G. Schuster 
Studien zur Geschichte der Jugendzeit Kurfürst Frie¬ 
drichs II. von Brandenburg; die von Professor A. M. 
Hildebrandt beschriebenen Stammbuch-Eintragungen 
brandenburgischer Fürstlichkeiten; ein Gedächtnisblatt 
für Roon aus der Feder des Professors Dr. Erich 
Mareks (mit einer ausgezeichneten Reproduktion nach 
Graefs Porträt Roons) — und ein mit vielen authen¬ 
tischen BUdnissen geschmückter Aufsatz von Dr. F. Arn¬ 
heim über Marie-Eleonore von Brandenburg, die Ge¬ 
mahlin Gustav Adolfs. 

Die äußere Ausstattung des Bandes ist vorzüglich 
wie immer. Ganz besonders gelungen ist die farbige 
Wiedergabe des frühesten ölbüdnisses eines Hohen¬ 
zollem, des Porträts Kurfürst Joachims II. als Jüngling, 
dessen Maler noch nicht ermittelt werden konnte. 

—bl— 


Buchausstattung. 


Der Amtliche Katalog der Ausstellung des 
Deutschen Reichs auf der Weltausstellung in St. Louis 
ist im Verlage von Georg Stüke in Berlin erschienen: 
ein äußerst stattlicher Quartband in grauem Leder mit 
vornehm wirkendem ornamentalem Schmuck in Braun- 
und Golddruck auf dem Vorderdeckel. Das Deckel- 
büd wird rechts und links von einer hübschen schlichten 
Borte eingerahmt Zwei wagerecht gestellte Ornament- 
leisten teüen die Mittelfläche in drei Felder, in welchen 
der Titel steht In der Mitte der oberen Leiste sieht 
man einen Tempelbau in Gold, an gleicher Stelle in 
der unteren Leiste den, im breiten Stil der ganzen 
Ornamentik gehaltenen Reichsadler in dunklem Braun. 
Die Leisten selbst stellen eine Art Steingefüge dar, 
dem die Quadrierung des Rückdeckels entspricht Wie 
der Einbandsentwurf, so stammt auch der gesamte 


Digitized by 


Google 



Chronik. 


129 



Deckelxeichming von Franz S lassen zu Clara Viebigi Roman „Das schlafende Heer.*' 
Nach dem Original reproduziert. 


Buchschmuck von Peter Behrens . 

Der Vorsatz in seinen Kirchen¬ 
fensterstil erinnert etwas an Lech¬ 
tere Eigenart AufdenVorblättem 
mit den Druckvermerken wieder¬ 
holt sich in leichter Variation die 
Ornamentik des Deckels, während 
sich über den unteren Teil des 
Haupttitels abermals ein außer¬ 
ordentlich schön stilisierter Reichs¬ 
adler in zarten Farbentönen aus¬ 
breitet, der in anderer Form 
auch die Schmuckleiste des ersten 
Blattes bildet Nun folgt der Ge¬ 
ländeplan der Ausstellung; die 
weiße Rückseite wird durch ein 
einfaches Ornament in perlgrau 
belebt. Den Beginn des Textes 
bildet das große Initial D in Rot 
auf lichtbraunem, grau gemuster¬ 
tem Grunde. Jede Seite ist durch 
graugrüne Doppellinien eingefaßt; 
den Zeilenschluß und Beginn bei 
Absätzen bezeichnen kleine graue 
und braune Karrees. Von Orna¬ 
menten in gleichen Farben sind die 
Überschriften umrahmt; hie und 
da sind auch noch Schlußleisten 
und Kapitelstücke eingefugt, alle 
rein ornamental ohne figürliches 
Beiwerk. Durch die Einheitlich¬ 
keit, auch durch die Strenge des 
Stils gewinnt der Gesamteindruck 
des Katalogs, im Gegensatz zu 
dem für die Pariser Ausstellung, 
dem Pankoks figurenreiche Sym¬ 
bolik etwas Zerflatterades und Un¬ 
ruhiges gab. Die Schrift ist wieder 
die Schillersche Type, die man 
auch für die englische Ausgabe 
verwerten konnte und die mir — 
im Gegensatz zu anderen — mit 
ihren schönen Versalien immer 
außerordentlich gut gefallen hat 
Aus dem Inhalt sind für unsere 
Leser die beiden buchgewerblichen Artikel von Arthur 
Woemlein und Peter Jessen von Interesse. 

Außer diesem großen Katalog ging uns noch ein 
Sonderkatalog: Die Kaiserlich deutsche Reichsdruckerei 
auf der Weltausstellung su St. Louis in deutscher und 
französischer Ausgabe zu, Großquart, 25 Seiten stark, 
in einem höchst geschmackvoll dekorierten Umschlag 
von H. E. von Berlepsch - Valencias, von dem auch die 
Dekoration der Titelseite und der übrige Buchschmuck 
stammt Der leichten Grazie der Umschlag- und Titel¬ 
zeichnung entsprechen die herberen, an gotischeVor- 
bilder sich anlehnenden Ornamente der Textseiten nicht 
völlig. Gewährt das Ganze trotzdem den Eindruck 
schöner Harmonie, so ist dies ein Verdienst des 
Künstlers, der die mannigfachen Zeilenfüllungen, 
Zwischenleisten, Schluß Vignetten auf das Glücklichste 
Z. f. B. 1904/1905. 


dem Druckbilde anzupassen verstanden hat Die Type 
für diesen Katalog (für beide Ausgaben die gleiche) 
hat Paul Voigt gezeichnet. Sie ist von starker künst¬ 
lerischer Wirkung, dabei gut ausgeglichen im Duktus 
und klar lesbar. Wir können uns ehrlich freuen, daß 
die Reichsdruckerei mit ihren Weltausstellungskatalogen 
so glänzende Vorbilder der modernen Druckästhetik 
geliefert hat —bl— 


Ein schmächtiges Maroquinbändchen, dunkel von 
außen und innen mit einem finster-weinroten Vorsatz 
versehen, in dessen Mitte ein gespenstischer schwarzer 
Kater als Exlibris Wache hält, liegt vor mir. Man 
sieht es dem Bändchen von vorn herein an, daß es 
etwas besonderes sein muss. Sein Exterieur ist ge¬ 
pflegt, der Text in beinah mitleidloser Schärfe und mit 

17 


Digitized by 


Google 




9 


130 


Chronik. 


roten Initialen auf das schöne warmtönige büttenartige 
Papier gedruckt, das der Inselverlag zu seinen Publi¬ 
kationen verwendet 

Es ist auch wirklich ein seltner Bissen für litera¬ 
rische und bibliophile Feinschmecker, den Wilhelm 
Schölermann uns vorsetzt; „Die Ballade vom Zucht¬ 
hause zu Reading, von C. j. j. (Zellenziffer Oscar 
Wildes) in Memoriam C. T. W. Weiland Reiter in der 
Königlichen Leibgarde t hingerichtet in Ihrer Majestät 
Gefängnis am 7. Juli i8qö Des Buch wurde bei 
Poeschel & Trepte in Leipzig in einer Auflage von 
200 handnumerierten Exemplaren gedruckt. (Eine 
zweite Auflage ist vor kurzem erschienen.) Die Über¬ 
tragung des englischen Originals wie die ganze sorg¬ 
same Ausstattung ist das Werk Wilhelm Schoeler- 
rnanns. Es ist nicht leicht, den englischen Balladenton 
wiederzugeben. Fontane hat das richtig erkannt und 
seine englischen Balladenstoffe in deutsche Rhythmen 
gegossen. Das durfte er als frei schaltender Dichter. 
Anders steht es, wenn es gilt, eine sprachliche Eigenart 
zugleich mit dem Stoff wiederzugeben. Da sind dem 
Interpreten phonetische und Reimfesseln aller Art 
umgelegt, und Glätte und Charakteristik laufen einander 
strikte zuwider. Schoelermanns Übertragung gehört 
fraglos zu den besten überhaupt. Er ist Wilde nichts 


] 



Exlibris von Dolly Friedeberg in Hamburg. 


von seiner grausigen Meisterschaft der Lautmalerei 
schuldig geblieben und ihm verständnisvoll in die Ge¬ 
fängnisstimmung gefolgt, die aus den düsteren Versen 
spricht. 

Wildes „Salome u und ihr theatralischer Erfolg hat 
das Interesse für den genialen Verirrten wieder belebt 
Allenthalben erheben sich Stimmen, die da meinen: 
fünfzehn Jahr früher eingetreten, hätte ihm der nun 
posthume Erfolg vielleicht die fünf Jahre in Reading- 
Goal erspart Vielleicht! Der finstere dämonische 
Grundzug seines Wesens hätte ihn wohl nie zu den 
lichten Höhen einer abgeklärten Gefühls- und Denk¬ 
weise gelangen lassen. Und so nehmen wir diese Bal¬ 
laden wie farbenprächtige Sumpfblüten in die Hand 
und lesen mit Schaudern vom tiefsten Menschenleid, 
vom Mit-Leid, das alles bei ihm durchbrach, nur nicht 
die künstlerische Form; das sich vom gestammelten 
Gebet hinauf kristallisierte zum reinen Kunstwerk und 
in ehernen Lauten die Anklage einer ganzen Zeit fest¬ 
gelegt hat: 

„So wusch er mit blutiger Tränen Flut 

die Hand, die gehalten den Stahl, 

denn Blut allein kann löschen Blut 

in heilender Todesqual: 

so ward aus Kains gelbrotem Mal 

das Siegel des Heiligen Gral!“ —m. 


Aus Schweden geht uns ein Gedichtband von eignem 
Reiz zu: „Maskros” von Arthur Siögren aus dem Verlag 
der Ljusschen Aktiengesellschaft zu Stockholm. Nur 
500 Exemplare stark, ist die Auflage auf Schreibpapier 
in lateinischer Schreibschrift, frakturartig geschnörkelt, 
schwarz mit roten Majuskeln gedruckt und reich mit 
Buchschmuck durchsetzt Der Band stellt sich auf 
15 Kronen. Arthur Siögren hat aber nicht nur die Verse 
verfaßt, sondern sie auch eigenhändig gesetzt und den 
Buchschmuck selbst ausgeführt. Die Kapitelköpfe und 
Schlußstücke sind durchgängig in schwarzer und roter 
Tinte mit der Feder gezeichnet. Das Material ist zu 
kecken Kommawirkungen, zu Konturen, zu vollen Aus¬ 
füllungen, zu verschiedenartigster Schraffierung unend¬ 
lich abwechselnd ausgenutzt Hie und da tritt noch 
als flache Kolorierung schwefelgelb hinzu, auf zwei 
reizenden Landschaften auch noch violett Diese Land¬ 
schaften mit Mondschein, denen sich einige weitere 
von stark impressionistischem Sdl in schwarz-rot-gelb 
und ein prächtiges Tulpenbeet anschließen, haben alles 
Dilettantische abgestreift. Auch unter den Zierleisten, 
bei denen der malerische Löwenzahn besonders häufig 
mit feinster Aussparung der Federkrone Verwendung 
findet, ist manches Originelle und Entzückende. Am 
wenigsten scheint mir das Figürliche gelungen. Der 
Einband ist in weißem Pergamentpapier ausgeführt. Er 
zeigt als Mittelfeld unter der roten Titelschrift auch 
wieder Löwenzahn mit zart punktierter Kugel auf rot¬ 
gestricheltem Grunde, während bei Blättern und Stengeln 
ein saftiges Grün hinzutritt Als Vorsatz ist weißes Papier 
verwandt Abgesehen von der persönlichen und in sich 
geschlossenen Wirkung des Buches, das die Empfin¬ 
dung eines Manuskriptes erweckt, scheint mir auch die 


Digitized by 


Google 





Chronik. 


131 


Verwendung der Tintenkommas als Grund und Füllung 
sehr originell und der Federzeichnung entsprechend. 

—m. 


Klimschs Jahrbuch (Klimsch & Co., Frankfurt a/M.) 
ist nunmehr zum vierten Male erschienen und zeigt 
sich auch diesmal wieder als ein eminent praktischer 
Führer durch die letztjährigen Neuheiten auf dem Ge* 
samtgebiet der graphischen Künste. Der höchst ge¬ 
schmackvoll gebundene Band umfaßt 243 Seiten in 
Lexikonformat und eine große Anzahl illustrierender 
Beilagen. Ein vortrefflicher Aufsatz von Friedr. Bauer 
über die Ausstattung der Tageszeitungen leitet den 
Textteil ein — ein Artikel, der die Beachtung unserer 
Zeitungsverleger in hohem Maße verdient. Den Satz 
wissenschaftlicher Werke behandelt W. Hellwig, die 
neue Buchausstattung Emst Schur in einem feinen 
kleinen Essay. Eine ganze Anzahl weiterer Artikel 
beschäftigt sich mit allerhand Neuerungen: A. Weber 
bespricht das Celluloid als Druckmaterial (Relief¬ 
prägungen), G. P. Meckel den Bleischnitt im Buch¬ 
gewerbe, von dem der Verfasser glaubt, daß er in Zu¬ 
kunft jeden anderen Plattenschnitt verdrängen wird; 
der Entwicklung der Tiegeldruckschnellpresse gilt ein 
Aufsatz von Ed. Kühnast; Müller-Guth behandelt die 
Trockenstereotypie und ihre Anwendung in der Praxis, 
Detl. Jürgen die Autotypie auf Stein, kein neues, aber 
ein wenig bekanntes, sehr interessantes Verfahren — 
F. Felsburg das Arbeiten mit der Kollodium-Emulsion, 
die sich nunmehr auch das Feld der Autotypie erobert 
hat, und Verbesserungen im Ätzprozeß — Emst Heine 
die Druckpapiere für den Mehrfarbendruck, E. Donauld 
den Druck auf waschbaren und wasserfest imprägnierten 
Papieren, E. O. Guth den Druck von Doppeltonfarben, 
über die Dr. R. Rübencamp sich eingehend ausläßt 
Alle diese Aufsätze (denen sichnoch weitere anschließen, 
auf die näher einzugehen der Raum verbietet) sind für 
den Fachmann von höchstem Interesse; in der Biblio¬ 
thek unserer großen Buchdruckereien und Kunst¬ 
anstalten dürfte sich Klimschs Jahrbuch denn auch 
bereits eingebürgert haben. Wie immer, so schließt 
auch Band IV mit einer Fachchronik, einer Literatur¬ 
tafel und einer Patentliste ab. —g. 


Die hier wiedergegebene Deckelzeichnung von F. 
Stassen zu C. Viebigs glänzend geschriebenem Ost¬ 
marken-Roman „Das schlafende Heer " (Berlin, Egon 
Fleischei & Co.) illustriert die alte Sage von dem unter 
den Berghängen des Lysa Gora schlummernden Polen¬ 
heer, dessen Erwachen der fanatische alte Schäfer mit 
heißer Sehnsucht erhofft — Die beiden Exlibris stam¬ 
men von einer talentvollen jungen Dame, Fräulein Dolly 
Friedeberg , die in Worpswede und in den Ateliers der 
Professoren Skarbina und Herkomer ihre künstlerische 
Ausbildung fand, und deren gewandten Zeichenstift 
wir unsem Freunden empfehlen möchten (Hamburg, 
Sierichstraße 15). —bl— 


Bibliographisches. 

Professor Dr. Albert Hübl hat die Inkunabeln der 
Bibliothek des Stiftes Schotten in Wien geordnet und 
einen stattlichen Katalog darüber veröffentlicht (Wien, 
Wilh. Braumüller 1904; Gr. 8°, X. + 270 S., M. 6). Die 
Sammlung umfaßt 466 Nummern, unter denen sich 
zahlreiche Seltenheiten befinden. Die Bibliothek ent¬ 
hielt 1470 durch den Abt Matthias Vinkh das erste 
Druckwerk: dasCatholicon in der Ausgabe von Günther 
Zainer, Augsburg 1469, das heute nicht mehr vollständig 
ist Es folgten Leonards von Utino Quadragesimale, 
von Franz Renner 1471 in Venedig gedruckt; die Prae- 
parado evangelica des Eusebius Pamphilus,Köln, Ulrich 
Zell, von 1473; die Pantheologia des Rainerus von Pisa, 
2 Bde., Nürnberg, Sensenschmid und Kefer, 1473. Diese 
vier Werke bildeten den Grundstamm der Stiftsbibliothek, 
die sich schon in der ersten Hälfte desXVI. Jahrhunderts 
durch Ankäufe und Geschenke beträchtlich vermehrte. 
Ein großer Teil der Inkunabeln ist juristischen Inhalts, 
das meiste Übrige gehört der Theologie an, doch auch 
an weltlichen Werken fehlt es nicht Aeneas Sylvius ist 
fünffach vertreten, Albertus Magnus durch sechs seiner 
Schriften, darunter „De mysterio“, Johann Zainers erstes 
Druckwerk, von dem noch acht andere Drucke in der 
Stiftsbücherei vorhanden sind. Von Schoeffer gehört 
der Bibliothek der Turrecremata von 1478 an, von Ren- 
wich Breydenbachs Reisen. Gut vertreten ist Augsburg 
als Druckerstadt: Baemler „Die 24 goldenen Harfen*' 
1496, Pflanzmann, Dritte deutsche Bibel, Schönsperger, 
Sachsenspiegel 1482 und die Bibeln von 1487 und 1490, 
von Sorg zehn Bücher, von Günther Zainer sieben. Von 



Digitized by LjOOQle 







Chronik. 


132 


den alten Baseler Druckern stehen Amerbach, Furter 
und Kesler im Vordergrund, von den Kölnern Quentell 
und Zell, von den Nümbergem Creußner, Hochberger, 
Sensenschmidt und Koberger. Von Peter Drach aus 
Speier ist fast alles vorhanden, auch das Meiste aus der 
Straßburger Zeit vor 1500. Unter den fremdländischen 
Drucken stößt der Leser auf viel Interessantes aus 
Bologna, Brescia, Ferrara, Forli, Löwen, Lyon, Mai¬ 
land, Neapel („Cato moralissimus“, Matth. Moravus 1488), 
Paris (Bartholomaeus Pisanus, Summa de casibus con- 
sciendae, des Dreiblatts Gering, Crantz, Friburger), 
Padua, Parma, Pavia, Rom (acht Werke von Stephan 
Plannck), Treviso, Venedig (39 Drucker), Vicenza und 
Voghera. Bei 24 Werken ist Ort und Drucker noch 
nicht eruiert. 

Die bibliographische Beschreibung ist von um¬ 
fassender Genauigkeit; immer sind zum Vergleich Hain, 
Copinger, Panzer, Pellechet, Brunet u. a. angezogen; 
Typen, Rubrizierung, Kustoden, Wasserzeichen, Er¬ 
haltung, Einband, Eintragungen sind sorgfältig notiert. 
Die Register enthalten Verzeichnisse der Drucker, der 
Drucke nach Ort und Drucker, der Druckjahre, der 
Inkunabeln mit Holzschnitten, der früheren Besitzer 
und des Standorts. Abgesehen davon, daß bei dem 
Mangel einer allgemeinen Katalogisierung jede Einzel¬ 
publikation zur Inkunabelkunde von Wert ist, dürfte 
der vorliegende Band, da er mannigfache Abweichungen 
von den großen Repertorien notiert, auch den Biblio¬ 
theken und Sammlern hilfreiche Dienste erweisen. 

- —bl— 

Aus dem Verlage der um die Kenntnis alter 
Druckwerke sich längst rühmlichst bekannt gemachten 
Firma J. H. Ed. Heitz (Heitz & Mündel) in Straßburg 
liegen uns zwei Neuigkeiten zur Anzeige vor. „Dü 
Holzschnitte zum Ritter vom Tum K \ herausgegeben 
von Rudolf Kautzsch , bilden das 44. Heft der vor¬ 
trefflichen „Studien zur Deutschen Kunstgeschichte“; 
das Heft ist aber auch einzeln erhältlich (M. 4; 
80 Exemplare mit den Holzschnitten auf altem Papier 
ä M. 8). Dr. Kautzsch gibt in der Einleitung zu den 
(ausgezeichnet ausgeführten) Reproduktionen der Illu¬ 
strationen eine eingehende Untersuchung der 1493 von 
Michael Furter in Basel gedruckten deutschen Aus¬ 
gabe des Buchs, als dessen Verfasser wir den Chevalier 
de la Tour-Landry kennen, und als dessen Übersetzer 
der Ritter Marquart vom Steyn gilt Nach einer kunst¬ 
geschichtlichen Erläuterung und Besprechung der ein¬ 
zelnen Bilder, in denen der Zeichner keineswegs 
sklavisch dem Text folgt, sondern sich mitunter von 
diesem gänzlich frei macht, geht der Verfasser der 
Frage nach: wer war der Künstler? Seine Kunst ist 
echte Illustrationskunst In Basel war eine solche bis 
zum Jahre des Drucks nicht zu Hause. Aber schon ein 
Jahr später erschien von derselben Künstlerhand die 
Illustration des „Narrenschiffes“, und noch werden im 


Baseler Museum die Holzstöcke einer nicht veraus¬ 
gabten Terenzausgabe autbewahrt, die von diesem 
Zeichner stammen, späterer Holzschnitte gleicher Hand 
nicht zu gedenken. Daniel Burckhardt hat vermutet, 
daß kein Geringerer als Dürer, der um 1492 in Basel 
gewesen ist, der Zeichner dieser Blätter sei oder doch 
wenigstens der hauptsächlichsten. Für diese Hypothese 
sprach sich Friedländer aus, dagegen Werner Wei߬ 
bach. Kautzsch gibt einen neuen Fingerzeig. Er ist 
mit Friedländer der Ansicht, daß der Ursprung der 
Baseler Illustrationskunst jener Epoche in Nürnberg zu 
suchen sei und man es möglicherweise mit Jugend¬ 
arbeiten von Schäufelein, Hans Baidung oder Hans 
Süß von Kulmbach zu tun habe. Das sind freilich nur 
Vermutungen. Wichtiger ist die Kenntnis des Wesens 
jener Kunst, die diese reizvollen Büder schuf, und dazu 
büdet die Kautzsche Publikation einen bemerkens¬ 
werten Beitrag. 

Als Heft 9 der Heitzschen Neudrucke des XV. 
und XVI. Jahrhunderts erschien: „Mundus novus. 
Ein Bericht Amerigo Vespuccis an Lorenzo de Medici 
über seine Reise nach Brasilien in den Jahren 1501/02“, 
herausgegeben von Emil Samow und Kurt Trüben - 
hoch . Ein Exemplar der überaus seltenen Folioausgabe 
des „Mundus novus “ (man kennt nur noch ein zweites 
Exemplar im Britisch Museum), die im Antiquariat auf 
5—8000 M. berechnet wird, wurde bei einer Neu¬ 
bearbeitung des Faches „Amerika“ in der Frankfurter 
Stadtbibliothek aufgefunden. Es ist dorthin mit der 
Bibliothek des Frankfurter Schöffen Maximilian zum 
Jungen um 1690 gelangt; als erster Besitzer ist Her- 
manus Barchusen Rostochianus handschriftlich ein¬ 
getragen, und durch Typenvergleich konnte festgestellt 
werden, daß Barckhusen in Rostock auch der Drucker 
dieses Vespucdbriefes gewesen ist Eine Untersuchung 
des Druckes, der wohl 1505 fertig gestellt wurde, und 
der beiden bekannten Ausgaben gibt der Frankfurter 
Bibliothekar Dr. Samow, während sein Mitarbeiter 
Dr. Trübenbach sich in dem anschließenden Essay mit 
der Entstehungsgeschichte, dem Inhalt, der Zuverlässig¬ 
keit und Authentizität der verschiedenen Vespuccischen 
Reiseschilderungen beschäftigt Dann folgt die genaue 
Nachbildung des interessanten Fundes, die auch den¬ 
jenigen Fachgelehrten, die das Original nicht vor 
Augen haben, eine Nachprüfung ermöglicht Schon in 
dieser Tatsache liegt der hohe Wert der Heitzschen 
Reproduktionen, die durch ihre wissenschaftliche 
Glossierung auch von den nicht fachmännisch ge¬ 
bildeten Bibliophilen dankbar begrüßt werden können. 
Gerade diese seien auf die angezeigten Neuheiten be¬ 
sonders aufmerksam gemacht Ein Verlag wie der 
Heitzsche wird in der Hauptsache mit den großen 
Bibliotheken rechnen müssen; es scheint uns aber 
Pflicht der wohlhabenderen Bibliophilen, auch ihrerseits 
derartige Bestrebungen zu unterstützen. —bl— 


Nachdruck verboten. — Alle Rechte Vorbehalten . 

Für die Redaktion verantwortlich: Fedor von Zobeltitz in Berlin W. 15. 

Alle Sendungen redaktioneller Natur an detaen Adresse erbeten. 

Gedruckt von W. Drugulin in Leipzig für Velhagen & Klasing in Bielefeld und Leipzig auf Papier der Neuen Papier-Manufaktur 

in Straßburg i. E. 


Digitized by LjOOQle 



ZEITSCHRIFT 

FÜR 

BÜCHERFREUNDE. 

Monatshefte für Bibliophilie und verwandte Interessen. 

Herausgegeben von Fedor von Zobeltitz. 

8. Jahrgang 1904/1905. - Heft 4: Juli 1904. 


Die Bodleian Library in Oxford. 

Von 

H. A. L. Degener in London. 

II. 


ie erwähnte Vernachlässigung 
der Bodleian - Bibliothek von 
Seiten des Staats ist schon seit 
vielen Jahren bitter beklagt wor¬ 
den. Keine Gelegenheit hat man 
Vorbeigehen lassen, ohne darauf 
hinzuweisen; einige Male hat man für be¬ 
stimmte Zwecke durch besondere Bittschreiben 
größere Summen aufgetrieben; es ist aber nie 
gelungen, die Fonds für regelmäßige An¬ 
schaffungen dauernd auf eine angemessene 
Höhe zu bringen. Iin Verhältnis zu der lite¬ 
rarischen Erzeugung und den Preisen alter 
Bücher war die Bibliothek zur Zeit Bodleys 
besser mit Mitteln zu Ankäufen versehen als 
jetzt. Durch besondere Abkommen mit Merton- 
College und All Souls College, die jährlich von 
1882 an £ 300, beziehungsweise £ 1000, zu dem 
allgemeinen Fonds der Bodleian Library bei¬ 
tragen sollten, glaubte man, die Finanzen wesent¬ 
lich gebessert zu haben. Leider waren jedoch 
beide Colleges, vor allem durch den großen 
Rückgang in den Erträgnissen des Grund¬ 
besitzes, bald nicht mehr fähig, diesen Ver¬ 
pflichtungen voll nachzukommen. Der Beitrag 
von All Souls College fiel 1885 auf £ 200, 
1886 auf £ 300 und 1887 auf Null; 1899 
konnten wieder £ 100, 1900 £ 150, 1901 £ 350 
z. f. B. 1904/1905* 


und 1902 £ 150 geleistet werden, während 
Merton College’s Beisteuer allmählich auf £ 281 
17 s. 6 d. gefallen ist. Trinity College kam 
1898 der bedrängten Kasse mit einer Gabe von 
£ 150 zu Hilfe, die seitdem jährlich erneut 
worden ist, und Magdalen College überwies in 
den Jahren 1893 bis, 1900 im ganzen £ 781 
6 s. 2 d. an den allgemeinen Fonds. 

Wenn nun auch, wie gesagt, die Bibliothek 
sich seit Jahren nach einem Gönner in großem 
Maßstabe, ähnlich dem Gründer oder Mason, 
vergeblich umgesehen hat, der sie mit einem 
großen Vermächtnis in die Lage versetzen 
würde, die stetig zufließenden reichen Bücher¬ 
gaben auch adle ohne Ausnahme schnell und 
in einer den Lesern wirklich nützlichen Weise 
zu verarbeiten und Lücken auszuflillen, die sich 
sowohl unter den alten Beständen noch immer 
befinden wie unter den neuen nicht vermeiden 
lassen, so hat die Bibliothek doch keine Ur¬ 
sache, sich über nicht betätigte lebhafte Teil¬ 
nahme seitens weiter Kreise und Tausender 
von Gönnern zu beklagen. Wie oben erwähnt, 
hatte Bodley selbst von Anfang an mit der 
tätigen Mithilfe anderer gerechnet und mit 
feinem Verständnis für die kleinen Schwächen 
der Menschen alles getan, was reiche Leute ver¬ 
anlassen konnte, der Bibliothek Schenkungen zu 

18 



Digitized by L.oooie 


134 


Degener, Die Bodleian Library in Oxford. 


überweisen. Wir haben schon einige dieser 
Gönner genannt und wollen jetzt noch, abge¬ 
sehen von Bodleys fürstlicher Freigebigkeit, in 
Anlehnung an die chronologische Aufstellung 
in „Pietas Oxoniensis“ die hauptsächlichsten 
Schenkungen aufführen. 

Mit einem Schreiben aus „Greenewich“ vom 
25.Mai 1629 sandte William Herbert Earl ofPcm- 
broke und Kanzler der Universität, Vorfahre des 
als Sammler berühmten Thomas Herbert, eine 
wertvolle Sammlung von 242 griechischen Manu¬ 
skripten, die die berühmte Bibliothek des Giacome 
Baroni in Venedig gebildet hatte und die von 
dem „Stationer“ oder Buchhändler H. Feather- 
stone nach England gebracht worden war, dem 
sie der Earl für £ 700 im April 1629 abgekauft 
hatte, ehe sie, wie ursprünglich beabsichtigt, 
für die Königliche Bibliothek erworben werden 
konnte. Bischof William Land, ein warmer 
Gönner der Bodleiana, scheint den Earl dabei 
beraten zu haben und übernahm es auch, die 
Handschriften nach Oxford schaffen zu lassen, 
zusammen mit 29 Manuskripten (davon 26 in 
griechisch), die Sir Thomas Roe schenkte. 
William Herberts Bruder, Philip 4 th Earl of 
Pembrokc und ebenfalls Kanzler der Universität, 
folgte diesem Beispiel und gab 1649 die be¬ 
rühmte, 1645 in Paris in 9 Bänden gedruckte 
Polyglottenbibel. Beide Brüder sind „the incom- 
parable pair of brethren“, denen die First-Folio- 
Ausgabe der Werke Shakespeares gewidmet 
ist. Im Jahre 1633 (nach Cowley, 1635 nach 
Macray) begann William Land [1573 bis 1645], 
seit 1630 Kanzler der Universität und seit 1633 
Erzbischof von Canterbury, seine großartigen 
Schenkungen, denen die Bodleian Library einen 
beträchtlichen Teil ihrer wertvollsten Schätze 
verdankt. Wood sagt von ihm, er sei ein so frei¬ 
gebiger Wohltäter der Wissenschaften gewesen, 
daß er wenig oder nichts für seinen eigenen 
Gebrauch behielt. Und es ist mit Sicherheit 
anzunehmen, daß nur die politischen Wirren 
jener Zeit, die im Jahre 1640 auch Laud zu 
einem Gefangenen machten und ihn am 
10. Januar 1645 auf das Schafott führten, seinen 
fürstlichen Gaben Einhalt taten. Nahezu 1300 
Manuskripte stammen von ihm, und zwar in 
anglosächsischer, arabischer, armenischer, äthio¬ 
pischer, chaldäischer, chinesischer, deutscher, 
englischer, französischer, griechischer, hebräi¬ 
scher, irischer, italienischer, lateinischer, per¬ 


sischer, russischer, syrischer und türkischer 
Sprache. Darunter befindet sich der berühmte 
Codex Landianus, die Apostelgeschichte in 
griechischem und lateinischem Paralleltext, 
Quarto, 227 Blatt, aus dem Ende des siebenten 
Jahrhunderts stammend (nach Tischendorf) und 
höchstwahrscheinlich dasselbe Exemplar, das 
Bede zu seinem berühmten Kommentar be¬ 
nützte, da er dieselben 74 eigentümlichen Les¬ 
arten zitiert, die sich in diesem Kodex finden. 
Berühmt sind auch die Anglosächsische Chronik 
bis 1154, aus dem Kloster von Peterborough; 
das irische Pergament-Manuskript mit dem 
Psalter von Cashcl\ Cormacs Glossar , Gedichten 
der Heiligen Columb-kill und Patrick , sowie 
Papst Gregorins* Pastorale aus dem IX. Jahr¬ 
hundert. Unter den im Jahre 1635 geschenkten 
46 lateinischen Manuskripten, die „e Collegio 
Herbipolensi“ [Würzburg] stammten und 1631 
vor den Schweden gerettet worden waren, 
befand sich auch ein wundervolles Missale , auf 
Pergament gedruckt von Jeorius Ryser 1481, 
mit illuminierten Initialen. So groß war der Zu¬ 
wachs der Bibliothek, daß schon 1638 an eine 
Einrichtung des unteren Teiles der Bibliothek 
zur Aufnahme von Lauds Sendungen mit einem 
Aufwande von £ 300 gegangen werden mußte. 
Lauds Freund, Sir Kenelm Digby (1603 bis 1665), 
folgte seinem Beispiele. Sir Kenelm war der 
Sohn von Sir Everard Digby, dem die Teil¬ 
nahme am Gunpowder-Plot im Jahre 1606 den 
Kopf gekostet hatte; er war ein Mann von 
ungewöhnlicher Person und Erscheinung, von 
ausgesucht feinem Benehmen und leichter, 
natürlicher Vornehmheit. Während seines aus¬ 
gedehnten Pariser Aufenthaltes hatte er eine 
ausgewählte Bibliothek zusammengebracht, für 
die Le Gascon und andere berühmte Meister 
die Einbände lieferten. Bei seiner Rückkehr 
nach England ließ er diese Schätze zum größten 
Teil in Paris. In den Bürgerkriegen wurde 
dann, so heißt es, seine ältere Bibliothek in 
England von den Roundheads verbrannt, und 
als er 1665 starb, reklamierte die französische 
Krone die noch in Paris befindliche Sammlung 
unter dem „Droit d’aubaine“, bis sie schließlich, 
nachdem der Earl of Bristol sie fiir 10000 
Kronen angekauft hatte, vier Jahre nach dessem 
Tode im April 1680 in London versteigert wurde. 
Ein mit den erzielten Preisen versehenes Exem¬ 
plar des Auktionskataloges befindet sich im 


Digitized by 


Google 



Degener, Die Bodleian Library in Oxford. 


British Museum. Der Ankauf kann jedoch seiner 
Zeit nicht alles eingeschlossen haben, was 
Digby in Paris besessen hatte; eine beträcht¬ 
liche Anzahl von Büchern muß in Paris zurück¬ 
geblieben sein, wo wir sie jetzt in der Biblio- 
th&que Nationale und in der Bibliotheque 
Mazarine finden. Die ihm von seinem Lehrer 
Thomas Allen hinterlassenen Manuskripte und 
Drucke schenkte er mit anderen auf Lauds 
Veranlassung hin 1634 der Bodleian, insgesamt 
238 Manuskripte, alle auf Pergament und in 
uniformen, mit seinem Wappen geschmückten 
Einbänden. Sie sind von großem Interesse 
und Werte und beziehen sich hauptsächlich 
auf die Anfangsgeschichte der Wissenschaften 
in England, auf englische Geschichte, früh¬ 
englische und früh-französische Poesie: meistens 
von englischen Schreibern. Zwei weitere Manu¬ 
skripte, die zur Schenkung gehört hatten, aber 
abhanden gekommen waren, nämlich: Roger 
Barons opnscnla und W de Morbecks lateinische 
Übersetzung von Proclus 9 Kommentar zu Plato 
wurden 1825 für £ 82 10 s. angekauft. Roger 
Baron, Grosteste, Will. Beade, John Eschyndon 
(Ashton), Roger von Hereford, Richard Walling- 
ford, Simon Bredon, Thomas von New-Market 
befinden sich unter den Autoren. Thomas 
Allen selbst war ein häufiger Gönner der Bod- 
leiana gewesen, und unter den Büchern, die ihm 
einst gehörten, die aber nicht in Sir Kenelms 
beziehungsweise in den Besitz der Bodleian 
übergingen, befanden sich auch die zwei Teile 
von Abbot John Whethamstedes Granarium, 
die einst in Duke Humphreys Bibliothek ge¬ 
wesen waren. 

In einem Briefe aus Gothurst vom 7. No¬ 
vember 1654 an Dr. Gerard Langbaine schreibt 
Sir Kenelm, daß er Laud auf dessen Anerbieten 
vor Jahren (1639) zwei Koffer mit [36] ara¬ 
bischen Manuskripten zur Weiterbeförderung 
an die Universität übergeben habe, diese 
seien jedoch verloren gegangen. Sie wurden 
aber später unter den von Laud geschenkten 
Manuskripten entdeckt und sind jetzt von 
diesen ausgeschieden und den Digby-Manu- 
skripten angereiht worden. — 

Am 25. Januar 1640 starb in seiner Woh¬ 
nung im Christ Church College zu Oxford 
Robert Burton , alias Democritus junior , den 


135 


Dibdin nicht mit Unrecht zu den bedeutendsten 
Bibliomanen jener Zeit zählt und bestimmte 
testamentarisch: „irgendwelche Bücher, die die 
Universitäts-Bibliothek noch nicht hat, soll sie 
nehmen.“ Darunter befand sich gerade eine 
Menge solcher Schriften, die Bodley als un¬ 
würdig seiner Bibliothek bezeichnet hatte, deren 
oft großen Wert jedoch Burton besser zu schätzen 
gelernt hatte. Damals kam auch das eine der 
zwei jetzt bekannten Exemplare von Venus and 
Adonis vom Jahre 1602 in die Bodleiana. Die 
von ihm gleichzeitig hinterlassenen £ 100 wurden 
allmählich im Betriebe der Bibliothek mit auf¬ 
gebraucht anstatt seinem Wunsche gemäß an¬ 
gelegt zu werden, um von den Zinsen Ankäufe 
zu machen. Eine Kuriosität, die auch John 
Evelyn 1654 sah und in seinem Tagebuche be¬ 
schreibt, wurde 1653 von dem Ostindienhändler, 
Richard Davydge geschenkt: der vollständige 
Koran in arabisch, auf ein türkisches oder ara¬ 
bisches Priestergewand, aus Kaliko gefertigt, 
„so ausgezeichnet geschrieben, wie es durch 
Druck nicht annähernd so gut hätte gemacht 
werden können.“ Die 22 griechischen und 
2 russischen Manuskripte, die William Herbert 
Earl von Pembroke seiner Zeit für sich aus 
der Baroni-Sammlung für eigenen Bedarf zu¬ 
rückbehalten hatte, wurden später von Oliver 
Cromivell gekauft und von ihm 1654 der Biblio¬ 
thek vermacht. 

Im gleichen Jahre starb am 30. November 
John Seiden (1584 bis 1654), „ein Fürst im 
Reiche der Literatur*^ wie ihn sein Freund 
Ben Jonson nannte, „der in jeder Richtung 
von Gelehrsamkeit am besten unterrichtete 
Mann“, wie Erzbischof Laud von ihm sagte. 
Er war nicht nur in England, sondern auch im 
Auslande als tüchtiger Philolog, Rechtshistoriker, 
Altertumsforscher, Heraldiker, als Linguist, 
Staatsmann usw. bekannt; ein fruchtbarer Ge¬ 
lehrter und stets ein maßvolles, kluges Mitglied 
des Parlamentes, unzugänglich für alles, was 
eines streng rechtschaffenen Mannes unwürdig 
war. Die ihm 1647 vom Parlament zuerkannte 
Entschädigung von £ 5000 für unter der Mo¬ 
narchie erlittene Schäden soll er nie ange¬ 
nommen haben. Nach der Hinrichtung Karls I. 
am 30. Januar 1649 zog er sich ganz vom 
öffentlichen Leben zurück, bis er zu Whitefriars, 
im Hause der verwitweten Gräfin Elisabeth von 
Kent, mit der er heimlich vermählt gewesen 


Digitized by 


Google 



136 


Degener, Die Bodleian Library in Oxford. 


sein soll, starb. Die von ihm angesammelte, 
sehr wertvolle Bibliothek war besonders reich 
an Klassikern, in exakten Wissenschaften, Theo¬ 
logie, Geschichte, Rechtswissenschaft und hebrä¬ 
ischer Literatur. Es war ursprünglich sein 
Wille gewesen, den größten Teil der Bodleian 
Library zu vermachen, die ja auch schließlich 

1658 über 8000 Bände erhielt, jedoch ereigneten 
sich in den letzten Jahren vor seinem Tode Dinge, 
die ihn veranlaßten, seinen ursprünglichen Willen 
zu ändern und nur eine bestimmte Anzahl Manu¬ 
skripte und Bücher sofort nach seinem Tode 
der Bibliothek überweisen zu lassen. Die Ent¬ 
scheidung über den Hauptbestand dagegen über¬ 
ließ er seinen Testamentsvollstreckern. Über 
der ganzen Angelegenheit schwebt eine bis 
heute noch nicht behobene Unklarheit. Sicherlich 
scheinen die orientalischen und griechischen 
ebenso wie einige, besonders bezeichnete latei¬ 
nische Manuskripte und die talmudischen und 
rabbinischen Werke, soweit nicht schon in der 
Bibliothek, bald nach seinem Tode dorthin 
gelangt zu sein. Ob die Geschichte wahr ist, 
daß es Seiden abgeschlagen worden war, ein 
zum Ausleihen zulässiges Manuskript anders als 
gegen eine Kaution von £ 1000 zu entnehmen, 
eine Bedingung, die ihn tief gekränkt haben 
mag, oder ob die skandalöse Art, mit der die 
wenig würdigen Mitglieder des Magdalen College, 
sich ihrer Unterschlagung bewußt, in rechts¬ 
widriger Weise eine Summe von £ 1400 ihrer 
Bestimmung entzogen und für sich verwandten, 
Seldens Rechtsgefiihl schwer verstimmte und 
ihn gegen die Gewissenhaftigkeit und Ehrlich¬ 
keit der Oxforder Universitätsmitglieder im all¬ 
gemeinen mißtrauisch gemacht hatte, läßt sich 
nicht mehr feststellen. Auf jeden Fall kam 
ein Teil der Sammlung sofort nach seinem 
Tode, der große Hauptteil aber erst im Jahre 

1659 durch endgültige Entscheidung bezw. Be¬ 
stätigung des Willens durch die Testaments¬ 
vollstrecker in die Bodleian Library. Leider 
war jedoch ein Teil durch Ausleihen in 
London und durch ein Feuer im Temple, wo 
Seiden eine Wohnung gehabt hatte, ver¬ 
nichtet worden. Nach verschiedenen Berichten 
hatten die Testamentsvollstrecker die Biblio¬ 
thek zunächst der „Society of the Inner Temple“, 
einer berühmten Gilde von Rechtsgelehrten, an- 
geboten, mit der Bedingung, daß ein geeignetes 
Gebäude dafiir in einer bestimmten Frist er¬ 


richtet würde. Letzteres geschah jedoch nicht, 
und so wurde denn schließlich des Testators 
ursprünglicher Wunsch ausgefiihrt, unter der 
Maßgabe, daß sämtliche Bücher anzuketten 
seien. Die Bibliothek von Lincolns* Inn erhielt 
eine Anzahl juristische Werke, das College of 
Physicians eine Reihe wichtiger Medicina. 
£ 72 erschienen in den Rechnungen für 1660 
als Renumeration und Reisekosten Barlows, 
des Bibliothekars, für Beschaffung der Bücher, 
£ 34 für Fracht von London und £ 25. 10 s. 
für Ketten. Um alle die mit der Übernahme 
verbundenen Kosten zu bestreiten, wurden 
innerhalb der Universität im ganzen £ 143. 13 s. 
gesammelt. Unter Seldens Büchern, die jetzt 
in der Bodleiana sind, befinden sich einige, die 
früher Ben Jonson, Dr. Donne und dem be¬ 
rühmten Bibliophilen Sir Robert Bruce Cotton, 
dessen ehemalige Schätze an Manuskripten 
einen der Hauptanziehungspunkte der Bibliothek 
des British Museum bilden, gehört hatten. Viele 
der über 350 Manuskripte und 8000 Bücher sind 
äußerst wertvoll und schließen mancherlei Unica 
ein, so z. B. sechsundzwanzig frühenglische Volks¬ 
sagen und Romanzen, Edmund Spencers Exem¬ 
plar des Howleglas und anderes mehr. 

Thomas Lord Fairfax hatte bei seinem 
Tode im November 1671 der Bibliothek außer 
28 sehr wertvollen Manuskripten frühenglischer 
Werke (Chaucer, Gower u.s.w.) in schöner 
Literatur und Geschichte auch die wundervolle 
Roger Dodsworth-SB.mm\ung vermacht, und im 
Jahre 1673 kam die Bibliothek in Besitz dieser 
Schätze. Dodsworth war ein unermüdlicher 
Sammler wichtigen genealogischen Materiales 
gewesen, mit dem Resultate, daß seine authen¬ 
tischen Notizen über Genealogie hauptsächlich 
der Familien- und Kirchengeschichte Yorkshires 
und des Nordens Englands 161 Folio- und Quart- 
Bände füllten. Um Dodsworth in die Lage zu 
versetzen, sich seinen Forschungen ohne Sorgen 
hingeben zu können, hatte der literatursinnige 
Lord ihm eine Jahresrente von £ 40 ausgesetzt. 
Als Oxford am 24. Juni 1646 vor Fairfax 
kapitulierte, bewies er schon damals seine 
Hochschätzung für die herrliche Bibliothek, 
indem er sie durch eine starke Wache vor den 
Plünderungen seiner rauhen Krieger und des 
Stadtvolkes schützen ließ. Die Geschichte, die 
ein gewisser F. J. De La Croix 1769 in seinen 
„Aneqdotes Angloises“ über eine Plünderung 


Digitized by LjOOQle 



Degener, Die Bodleian Library in Oxford. 


137 


der Bibliothek und Zerstörung durch Feuer auf 
Befehl Cromwells erzählt, beruht offenbar auf 
der Einbildung dieses Autors oder auf einem 
wunderbaren Gemisch verschiedener Ereignisse. 
Ein Zeitgenosse von Fairfax berichtet: „Er war 
ein Verehrer der Wissenschaften, und hätte er 
sich nicht so besonders um die Bibliothek be¬ 
müht, so würde sie wohl zerstört worden sein.“ 
Kanonenkugeln hatten auf jeden Fall während 


Bischof von Lincoln, mit der wichtigen Kollek¬ 
tion von jetzt in 54 Bänden vereinten Manu¬ 
skripten und vielen Druckwerken. Darunter 
befinden sich u. a.: ein römisches Missale, 
Paris 1684, das König James II. gehört hatte 
und wertvolle Beigaben in Druck und hand¬ 
schriftlichen Noten enthält, sowie ein Exemplar 
des ersten bekannten Werkes der Oxforder 
Drucker: „Exposicio Sancti Jeronimi in Simbolo 



Die Bodleian Library, von Olten und Norden gesehen. 


der Belagerung ihre Mauern erreicht und ihre 
Spuren wurden noch im XVIII. Jahrhundert an 
den Mauern gezeigt 

Colonel Edward Vemon schenkte 1677 
den als das „Vemon-Manuskript“ bekannten 
enormen Band, eine unschätzbare Sammlung 
englischer Prosa- und Poesie-Stücke aus dem 
XIV. und XV. Jahrhundert. Dr. Thomas Marshall 
folgte 1685 mit 159 meist orientalischen Manu¬ 
skripten, zusammen mit gedruckten Büchern, 
und 1691 der am 8. Oktober verstorbene frühere 
Bibliothekar [1652 bis 1660] Dr . Thomas Barlow, 


Apostolorum“, im Druck beendet am 17. De¬ 
zember 1468 [? statt 1478 ?]. Die nächsten 
Geber, in einer langen Reihe besonders Be¬ 
merkenswert, waren 1708 Rcv. H. Jones mit 
91 Manuskripten, hauptsächlich zur englischen 
Geschichte; 1714 Erzbischof Dr. N. Marsh von 
Armagh mit 744 meist orientalischen Manu¬ 
skripten; 1736 Bischof Dr. Thomas J. Tanner 
mit über 600 Manuskripten außer vielen sehr 
wichtigen englischen Drucken, unter den Manu¬ 
skripten wertvolle Briefe von und an Bischof 
Sancroft aus den Bürgerkriegen und zur Kirchen- 


Digitized by LjOOQle 
















138 


Degener, Die Bodleian Library in Oxford. 


und Literaturgeschichte des XVII. Jahrhunderts, 
unter den Drucken wertvolle Inkunabeln in jetzt 
einzig bekannten Exemplaren. Als Tanner im 
Dezember 1731, vier Jahre vor seinem Tode 
(am 14. Dezember 1735), von Norwich nach 
Oxford übersiedelte, fielen leider seine Bücher 
beim Transport ins Wasser, und manches mag 
infolgedessen zerstört worden sein, ebenso wie 
wir heute bei vielen dieser Werke die Spuren 
dieser zwanzigstündigen Einweichung noch allzu 
deutlich bemerken können. 

Das für die Bibliothek größte Ereignis des 
XVIII. Jahrhunderts jedoch, soweit es Ge¬ 
schenke betrifft, war im Jahre 1756 die Über¬ 
weisung der enormen Sammlung von 5000 Manu¬ 
skripten, in großer Vielseitigkeit mit Bezug auf 
Gegenstand, Sprache und Alter, zusammen mit 
vielen Büchern, Münzen, Medaillen, Siegeln, 
Bildern und Kuriositäten, die der am 6. April 
1 755 verstorbene Bischof Dr. Richard Rawlinson 
der Bibliothek vermacht hatte. 

Seit Bodley, Laud und Seiden ist Raw¬ 
linson der größte Wohltäter der Bodleian ge¬ 
wesen, und in späteren Jahren sind ihm nur 
Gough und Douce nahegekommen. Schon zu 
seinen Lebzeiten hatte er beständig die Schätze 
der Oxforder Universitätsbibliothek vermehrt; 
sein Name erscheint in den Jahren 1733, 1734, 
1735» 1737» I73 8 » 1739 und 1750 in dem großen 
„Register of Benefactors“ aus Anlaß von be¬ 
sonders umfangreichen und wertvollen Gaben 
an Münzen, Büchern und Bildern. Einige hun¬ 
dert Bücher und die meisten Bilder von Hol¬ 
beins Meisterhand stammen neben einigen Manu¬ 
skripten aus diesen Jahren. 

In seinem letzten Willen vom 2. Juni 1752 
vermachte er der Universität seine sämtlichen 
Manuskripte (außer Privatpapieren und Briefen), 
alle Bücher auf Pergament oder Seide, alle 
Dokumente, Akten usw., alle Bücher mit 
Notizen, im ganzen ca. 1900 Bücher und ver¬ 
schiedene Antiquitäten. Seine Musikliteratur 
ging an die Musikschule der Universität, seine 
Reisetagebücher sind zum größten Teil unter 
den Manuskripten erhalten. 

Dr . Richard Rawlinson war am 3. Januar 
1690 als vierter Sohn des Sir Thomas Rawlin¬ 
son, 1705—1706 Lord-Mayor in London, ge¬ 
boren worden und war jüngerer Bruder des 
gleichfalls als Büchersammler und Bibliomanen 
berühmten Thomas Rawlinson, aus dessen Biblio¬ 


thek bei ihren mehr oder weniger unfreiwilligen 
Versteigerungen in den letzten Jahren und nach 
dem Tode des Sammlers zahlreiches an Richard 
Rawlinson überging. Er reiste viel in England 
wie auch durch Frankreich, Holland, Deutsch¬ 
land, Italien, Sizilien, Malta und andere Länder, 
von wo er beim Tode seines Bruders Thomas 
1726 zurückkehrte. Von seinen Rechten und 
Pflichten als Geistlicher hielt er sich meistens 
fern, liebte es auch nicht, als solcher bezeichnet 
zu werden, trotz seiner Stellung als Bischof 
der „Nonjurors“, und führte fast durchaus das 
Leben eines Privatgelehrten und Sammlers; er 
war Mitglied der Royal Society und der So¬ 
ciety of Antiquaries. Für Oxford, wo er Student 
in St. Johns College gewesen war, hatte er 
immer eine leicht zu erklärende Vorliebe be¬ 
wahrt, und seinem ausdrücklichen Wunsche 
gemäß wurde er auch dort in der St. Giles* 
Kirche begraben, während sein Herz in einer 
Marmorurne in der Kapelle seines alten College 
aufbewahrt wird. Seine großen Sammlungen 
hatte er mit feinem Geschmack und sicherem 
Urteil zusammengebracht, auf den Auktionen er¬ 
standen oder aus den Haufen von Makulatur bei 
Trödlern, aus dem Packpapier beim Krämer, beim 
Antiquitätenhändler und aus ähnlichen Verstecken 
hervorgezogen. Er beschränkte sich auf kein 
bestimmtes Gebiet, wenn er auch den Geschichts¬ 
wissenschaften mit ihren Zweigen den Vorzug 
gab. Seine reichlichen Mittel setzten ihn in die 
Lage, gute Preise zu zahlen, da wo Konkurrenten 
ihm entgegentraten und es seinem unermüdlichen 
Spürsinn und ausgedehnten Verbindungen nicht 
gelang, wertvolle oder wichtige Sachen billig 
aufzufinden. Was er an gedruckten Büchern 
nicht der Bodleiana hinterlassen hatte, wohl 
weil es meistens Duplikate der dort vorhandenen 
Werke waren, wurde in einer Reihe langer 
Auktionen vom 29. März 1756 an versteigert: 
zunächst 9405 Bündel Bücher für £ 1161.18s.6d.; 
dann am 3. März 1757 über 20000 Pamphlete 
usw., die nur £ 203. 13 s. 6 d. erzielten. Die 
Bücherpreise lagen damals sehr darnieder; schon 
bei den Auktionen seines Bruders z. B. erzielten 
äußerst wertvolle Drucke wahre Spottpreise, 
z. B. 1726 Caxtons „The Histories of King 
Arthur and his Knights“ £ 2. 4 s. 6 d. [1885 
£ 1950], während über zwanzig andere Caxtons 
für wenige Schillinge pro Stück weggingen. 
Über 10000 Holzschnitte, Gravüren usw. 


Digitized by LjOOQle 



Degener, Die Bodleian Library in Oxford. 


139 


brachten gar nur £ 163. 10 s. 3 d., ein trostloses 
Ergebnis, vor allem auch in Hinsicht auf die 
Mühe, die auf das Sammeln derselben ver¬ 
wendet worden war. Unsere zeitgenössischen 
Sammler werden wünschen, bei jener Auktion 
zugegen gewesen zu sein, wo 103 Dürer- 
Drucke für £ 1. 10 s. 6 d., 24 Rembrandt- 
Stücke flir £ 3. 5 s., 69 Blatt Hollar für 11 s. 
6 d. verkauft wurden. In der Bibliothek König 
Georgs III. im British Museum befinden sich 
mit den erzielten Preisen versehene Exemplare 
der Auktionskataloge, die interessantes Material 
zur Geschichte der Bücherpreise liefern. 

Besonders hervorragend in der großartigen 
Manuskriptsammlung Rawlinsons ist eine An¬ 
zahl biblische Handschriften, über 130 Missale, 
Horae und ähnliche Werke, meist aus Ni¬ 
colas Joseph Foucaults Kollektion; griechische 
und lateinische Klassiker, die mittelalterlichen 
und frühenglischen Dichter und Schriftsteller 
und englische Geschichte sind glänzend ver¬ 
treten. Macray gibt eine ausführliche Be¬ 
schreibung, die auf der erst unter Coxes 
Bibliothekarschaft (1860 bis 1881) ausgefiihrten 
vollständigen Katologisierung und Klassifikation 
aufgebaut ist, und der wir am besten kurz 
folgen: A) 500 Bände hauptsächlich englische 
Geschichte, einschließlich einige Theologia. 
Darunter befinden sich 1) die berühmten und 
hochwichtigen Thurloe State Papers , 67 Bände, 
die Judge Thurloe während der Revolution in 
den Decken einiger Dachzimmer in Lincolns* 
Inn aufbewahrt hatte; 2) die Miscellaneous 
Papers von Samuel Pepys, 25 Bände, seine 
Korrespondenz, Material und Notizen über Admi¬ 
ralitätsangelegenheiten usw.; dann viele andere 
Schriften aus Pepys* Besitz einschließlich inter¬ 
essanter Dock- und Hafenrechnungsbücher aus 
der Zeit Königs Heinrichs VIII. und der Königin 
Elisabeth. Wie bekannt, befindet sich Pepys 
Bibliothek (mitsamt dem berühmten, in einer 
Art Stenographie geschriebenen sechsbändigen 
Tagebuche), die er hauptsächlich während der 
Zeit seiner Tätigkeit als Staatssekretär der 
Admiralität von 1673 an sammelte, jetzt in 
genau derselben Ordnung, in der sie der fast 
pedantisch genaue Pepys hinterlassen hatte, in 
einem feuersicheren Raume in Magdalene Col¬ 
lege zu Cambridge. B) 534 Bände Heraldik, Ge¬ 
nealogie, englische und irische Geschichte, 
Topographie und einige Klosterakten. Sehr 


interessant ist darunter die Sammlung von Visi¬ 
tationsbüchern, Briefen, Erlassen, Berichten usw., 
die einstmals den Bischöfen von London, Comp- 
ton und John Robinson, gehörten und sich auf 
die kirchlichen Streitigkeiten und religiösen und 
politischen Wirren in der zweiten Hälfte des 
XVI. Jahrhunderts beziehen. Zu den irischen 
Manuskripten gehören Tigernachs Annals, An¬ 
nalen von Ulster , die Leben der Heiligen, die 
Wappen irischer Familien, irische Gedichte, das 
bekannte Life of St. Columba by Magnus 
O'Donnell, 1532, und vieles andere. — C) 989 
Manuskripte verschiedener Art, hauptsächlich 
Recht, Geschichte, Theologie und einige Me- 
dicina. — D) Gegen 1400 Manuskripte Miscelle- 
neous, die erst 1861 gewissermaßen entdeckt, 
d. h. aus ihren Verstecken und Aufbewahrungs¬ 
plätzen, in die sie 1755 geschafft worden waren, 
hervorgezogen wurden. Wir finden unter ihnen 
vor allem Werke über Geschichte, Reisen, Bio¬ 
graphien und theologische Streitschriften von Sir 
Thomas Browne, Maittaire, Peter le Neve, Ash- 
mole (dem großen Wohltäter Oxfords), vonTheo- 
logen wie Grascome, Gandy, Fitzwilliams, Dean 
Granville und anderen Nonjurors; Rechnungen 
des Royal Surveyor of Works 1532 bis 1545; eine 
Masse Manuskripte in fremden Sprachen, viele 
davon Berichte von päpstlichen Nuntien nach 
Rom oder von Gesandten an ihre Höfe, z. B. nach 
Venedig und von J. J. Zamboni an den Herzog von 
Modena und Kurfürst von Hessen-Darmstadt; 
und schließlich eine Unmenge Heamiana. — 
E) Über 100 Bände Briefe, einschließlich der 
ungewöhnlich ausgedehnten Korrespondenz 
Hearnes mit Anstis, Bragford u. a.; die Korre¬ 
spondenz Rawlinsons mit Dr. Thomas Turner, 
Bischof Francis Turner, Philip Lord Wharton 
und Sir Edmond Warcupp; zwölf Bände Briefe 
von G. J. Vossius, 3 Bände von Professor 
Dr. John Polyander of Kerckhoven und andere 
interessante Briefschaften. — F) 246 Bände 
Poesie, einschließlich Chaucer, Hoccleve, Lyd- 
gate, Capgrave und Rolle of Hampole. — 
G) Ungefähr 220 Bände Predigten, hauptsächlich 
von bedeutenden Geistlichen der Nonconformists 
und Nonjurors. — H) und I) Biblische und 
klassische Manuskripte, Missale, Horae und 
andere Kirchenbücher, darunter ein großartiges 
Manuskript der Evangelien St. Johannis und 
Lucae aus dem VIII. Jahrhundert, in Halb- 
Unzialen, ein prächtiger Psalter mit Kommentar 


Digitized by 


Google 



Degener, Die Bodleian Library in Oxford. 


140 



Die Radcliffe Camera. 


des Hlg. Bruno aus dem XI. Jahrhundert, 
ein ebenso interessanter und schöner Psalter 
aus den Jahren 1360—1380, im Aufträge des 
Prior Stephen Derby für die Christ-Church 
Cathedral zu Dublin geschrieben und mit 
Miniaturen geschmückt, von denen namentlich 
die zu den Psalmen 34, 53, 69, 81 und 98 
bemerkenswert sind. — K) Eine kleine, aber 
wertvolle Sammlung von Statuten, Urkunden, 
Gründungsakten usw. von Colleges, Klöstern, 
Kirchen, Schulen usw. — L) 138 Bände Manu¬ 
skripte des Nonjuror Dr. Thomas Smith. — 
M) Gegen 150 kleine Bände, in die der uner¬ 
müdliche Sammler und scharfe Beobachter 
Thomas Hearne seine Notizen über Tages¬ 
ereignisse, bedeutende Zeitgenossen, mit denen 
er reichlich Gelegenheit hatte, in Berührung zu 
kommen, persönliche Reminiszenzen, Anekdoten, 
historische Studien, bissige und sarkastische 
Bemerkungen über viele Leute, die ihm, den 
Nonjuror und Gegner der Hannoverischen 
Thronfolge, von akademischem oder politischem 
Standpunkte aus nicht angenehm waren, ein¬ 
trug. Kaum ein einziger Gegenstand, mit dem 
Hearne irgendwie in Berührung kommen konnte, 
fehlt in diesen Tagebüchern, die im Juli 1705 
anheben und am 4. Juni 1735, sechs Tage vor 


seinem Tode, abschließen. Sie sind 
voller interessanten Notizen. Im Jahre 
1701 erhielt Hearne, 23 Jahre alt 
und Mitglied von St Edmunds Hall- 
Oxford, den Posten als Janitor in 
der Bodleian Library; 1712 rückte er 
zum zweiten Bibliothekar auf und als 
solchen („de jure“) betrachtete er sich 
bis an sein Lebensende, obwohl er 
gezwungen wurde, am 23.Januar 1716 
sein Amt niederzulegen, da ihm sein 
Gewissen als Nonjuror nicht zuließ, 
der Hannoverischen Dynastie den 
Untertaneneid zu leisten. Regelmäßig 
finden wir in seinen Tagebüchern die 
Notiz, daß ihm an dem und dem 
Tage das ihm von Rechtswegen zu¬ 
stehende Salär fällig geworden, aber 
nicht gezahlt worden sei. Selbst die 
Zusicherung der Bibliothekarstelle 
konnte ihn nicht zur Leistung des 
Eides bewegen; so lebte er von 1716 
an ganz seinen Altertumsforschungen, 
fleißigen literarischen Studien und 
dem Sammeln einer beträchtlichen Menge von 
Manuskripten und Büchern, deren Katalog mit 
den gezahlten Preisen noch vorhanden ist. 
Seine Manuskripte und Tagebücher hatte er 
dem Sohne des Bischof Bedford vermacht, 
von dessen Witwe sie Rawlinson 1747 für 
nur £ 105 kaufte; seine Büchersammlung 
(6776 Bündel) wurde im Februar 1736 von dem 
Buchhändler Thomas Osbome in London ver¬ 
auktioniert. — N) Eine umfangreiche Sammlung 
von Nachträgen, Ergänzungen und Verbesse¬ 
rungen, die Rawlinson zu Woods „AthenaeOxon“. 
gemacht hatte; eine Menge Gravüren, Porträts, 
Gemälde und römische, persische, italienische und 
englische Münzen. — O) Eine große Anzahl alter 
Urkunden, Erlasse und Dokumente, die Rawlin¬ 
son angehäuft hatte, mit den Kupferplatten, die 
er von einigen zu Illustrationszwecken hatte an¬ 
fertigen lassen. — P) Kuriositäten, Siegel und 
ähnliche Dinge, die jetzt zum großen Teil in 
dem Universitäts-Museum aufbewahrt werden.— 
R) Eine interessante Reihe alter Almanache, 
175 Bände, von 1607 bis 1747 gehend, die 1846 
von Sir Robert H. Inglis durch eine Serie 
von 1747 bis 1768 ergänzt wurde, während 
Dr. D. Laing 1842 das wahrscheinlich einzige 
Exemplar eines kleinen, 6 x / a cmX4y a cm 


Digitized by 


Google 







Degener, Die Bodleian Library in Oxford. 


141 



Innere Ansicht des großen Lesesaals in der Radclifle Camera. 


messenden „Almanacke for XII yere, after the 
lalytude of Oxenforde“ schenkte, den Wynkyn 
de Worde, „in the fletestrete“ 1503 gedruckt 
hatte. Aus dieser kurzen Aufstellung geht schon 
zur Genüge hervor, wie wichtig und vor allem 
auch wie vielseitig die Bereicherung der Bod- 
leiana durch Rawlinsons Hinterlassenschaft war. 
Macray gibt noch eine Liste der hauptsäch¬ 
lichsten Bibliotheken, aus denen Rawlinsons 
Manuskripte stammen; wir wollen von diesen 
sechsunddreißig Bibliotheken nur die des Her¬ 
zogs von Chandos, die des Henry Earl of 
Clarendon, des Bischofs Compton, Nie. Jos. 
Foucault, Mantagu Earl of Halifax, Lord 
Somers, Erzbischof Ussher, Erzbischof Wake 
und Sir James Ware erwähnen. — 

Dr. Richard Rawlinsons großartiger Schen¬ 
kung folgten noch im gleichen Jahre (1755) die 
bedeutenden Legate des Archidiakonus Richard 
Fumey, von James St Am and und von George 
Z. f. B. 1904/1905. 


Ballard: frühe Ausgaben der Klassiker, vier¬ 
undvierzig Bände Briefe von bedeutenden 
Männern jener Zeit, ältere und neuere Manu¬ 
skripte usw. Vier Jahre später kam ein 
großer Teil der State-Papers Edward Hydes, 
„the great Earl of Clarendon“, in die Bibliothek, 
die 1753 dessen Großenkel, Henry Hyde, Lord 
Combury, Sohn von Henry Hyde, Earl of 
Rochester, der Bodleian bei seinem Tode im 
Mai 1753 von seinem Vater hinterlassen hatte; 
weitere Teile folgten später und noch im 
Jahre 1888 trafen die letzten Ergänzungen dieser 
für die Geschichte Englands und seiner inneren 
und auswärtigen Politik so ungemein wichtigen 
Dokumente ein. — Henry Dawkins schenkte 
über 60 syrische, griechische und arabische 
Manuskripte, viele davon sehr alt und ungemein 
wertvoll. Außerdem sandte in diesem Jahre 
Stationers Hall das erste Mal Musikverlag ge¬ 
mäß den Vorschriften der Copright-Act an die 
Bodleian; diese von da an regelmäßig werdenden 
Sendungen wurden bis 1845 aufgespeichert, da 
keine Zeit und Kräfte zu ihrer Erledigung 

19 


Digitized by LjOOQle 
















142 


Degener, Die Bodleian Library in Oxford. 


vorhanden waren, bis in jenem Jahre Rev. 
H. E. Havergal mit ihrer Sichtung begann und 
sie in 300 bis 400 Bände einbinden ließ. Der 
bekannte Altertumsforscher Browne Willis ver¬ 
machte der Bibliothek 1760 seine Manuskripte, 
59 Folio-, 48 Quart- und 5 Oktavbände, alle 
voller wertvollem Materials für die kirchliche 
Topographie Englands und Wales*. Schon bei 
Lebzeiten hatte er der Bodleian kostbare 
Manuskripte zugewandt, ebenso wie Münzen, 
von denen bei seinem Tode noch viele teils als 
Geschenk, teils zu einem geringen Preise zum 
Kauf angeboten wurden. Münzen, und zwar 
über 3000, bildeten auch neben einer Anzahl 
Bücher den Hauptteil der testamentarischen 
Schenkung Charles Godwins im Jahre 1770. 
Die Testamentsvollstrecker des 1774 ver¬ 
storbenen Professors Rev. Dr. Thomas Hunt 
gaben in den Jahren 1774 bis 1776 über 200 
wertvolle orientalische Manuskripte; 1794 ver¬ 
machte Dr. Thomas Knight seine schöne 
Sammlung von Medaillen und englischen Münzen, 
und seine Erben gaben 1795—96 sechsund¬ 
vierzig Bände, meistens Folio, mit wichtigem 
Stoff zur Topographie von Northampton- 
shire, den John Bridges zusammengetragen 
hatte. Die Musiksammlung wurde 1801 ganz 
bedeutend an Zahl und Wert durch das Ver¬ 
mächtnis Osbome Wights, M. A., New College, 
vermehrt: 209 Manuskripte außer vieler ge¬ 
druckter Musik, darunter zahlreiche alte Werke. 
Im Jahre 1805 hinterlegte Dr. Holmes den 
letzten Band, No. 142, der großen Manuskript¬ 
kollektion der Septuaginta in der Bodleiana; 
dies Riesenwerk, 1798 begonnen, sollte alle be¬ 
kannten Manuskripte des griechischen Textes 
umfassen, und trotz großer innerer und äußerer 
Schwierigkeiten wurde es auch durch alle 
Bibliotheken hindurch während siebzehn Jahren 
ausgefuhrt. Die Clarendon Preß, die Oxforder 
Universitätsdruckerei, verlegte dann das wich¬ 
tige Werk in 5 würdigen Foliobänden in den 
Jahren 1798 bis 1827. 

Ein für die Bodleiana wichtiges Datum 
wurde der 20. Februar 1809, der Todestag 
Richard Goughs (geboren zu London 21. Ok¬ 
tober 1735, gestorben zu Enfield 20. Februar 
1809), des berühmten Topographen und Alter¬ 
tumsforschers. Sein beträchtlicher Wohlstand 
hatte ihn befähigt, bei seiner guten Bildung und 
großen Begabung eine ausgedehnte und wich¬ 


tige Bibliothek und Sammlung von Karten, 
Handzeichnungen, Stichen, Münzen und Anti¬ 
quitäten zusammenzubringen. Im Jahre 1804 
hatte er seine gesamten Schätze dem British 
Museum als Geschenk angeboten, mit der Be¬ 
dingung, für einige Sachen das Gebrauchsrecht 
zu behalten. Sein Angebot war aber von den 
Autoritäten am Museum unverständlicherweise 
nicht so freudig aufgenommen worden, wie es 
Gough erwartet hatte, und so wurde nichts aus 
der Schenkung; an ihrer Stelle traten dann die 
Bestimmungen seines Testaments aus dem 
Jahre 1799 in Kraft, demzufolge die Bodleian 
Library über 3700 Bände, alle Karten und 
Gravüren und die Originalkupferplatten, die zur 
Illustration seiner eigenen Werke gebraucht 
worden waren, erbte. Dies waren alle seine 
topographischen Bücher und Manuskripte, alles 
was sich auf anglosächsische und nordische 
Literatur bezog, und unter den Platten vor 
allem die äußerst wertvollen zu den „Sepulchral 
Monuments“ und zur „British Topography: or 
an historical Account of what has been done 
for illustrating the Topographical Antiquities of 
Great Britain and Ireland.“ Das Manuskript 
zu einer dritten, wesentlich erweiterten und ver¬ 
besserten Auflage dieses großartigen Werkes 
wird jetzt in der Bodleian aufbewahrt. Die 
große Reihe von Karten, topographischen 
Drucken und Zeichnungen füllt viele Bände im 
größten Folioformat. Die Manuskripte und 
Bücher sind geordnet unter: Allgemeine und 
kirchliche Topographie, Naturgeschichte, Graf¬ 
schaften , Länder. Die anglosächsische und 
nordische Literatur („zum Gebrauche des Pro¬ 
fessors für anglosächsisch“) zählt 227 Werke. 
Ganz außerordentlich wertvoll und verhältnis¬ 
mäßig zahlreich sind die gedruckten Bücher 
zum englischen Kirchendienst vor der Refor¬ 
mation, zusammen mit einigen Manuskripten. 
Die Missale, Breviaria, Manuale, Horae, Psalter, 
Hymnen usw. zählen ca. hundertundzehn; 
darunter vor allem solche für den Gebrauch 
in den Diözesen von Salisbury, York, Rouen, 
Rom und Hereford. Das wohl einzige Exem¬ 
plar auf Pergament des „Missale ad usum 
eccles. Herfordensis“, Folio, Rouen, 1502, 
gelangte unter den Büchern K. Hearnes 
durch Rawlinson in die Bibliothek. Sechzehn 
starke Foliobände in Goughs* Sammlung be¬ 
sitzen noch ganz besonderes Interesse: es sind 


Digitized by 


Google 



Degener, Die Bodleian Library in Oxford. 


M 3 


ca. 2000 Zeichnungen in Farben von Kirchen- 
denkmälem, die meistens in den Revolutions¬ 
zeiten mehr oder weniger zerstört wurden, alle 
aus Frankreich, hauptsächlich aus Paris, aus der 
Normandie, Valois, Champagne, Bourgogne, Brie, 
zu Beauvais, Chartres, Vendome und Noyon, die 
von einem M. Gagni&res, Erzieher im Hause des 
Grand Dauphin, stammen, der sie mit vielen 
anderen Bänden gleicher Art 1711 Louis XIV. 
schenkte. Diese große Sammlung befindet sich 
jetzt in der Bibliotheque Nationale; während 
der Revolution verschwanden davon 25 Bände, 
von denen auf unaufgeklärte Weise sechzehn 
in Goughs Besitz kamen. 

Der Wert des Goughschen Vermächtnisses 
ist nur von wenigen anderen erreicht oder 
übertroffen worden, und zwölf Jahre lang mußte 
dann die Bodleian trotz vieler kleinerer, oft 
sehr wertvoller Gaben auf eine neue große 
Zuwendung warten. Es war dies die Stiftung der 
berühmten und ausgedehnten Sammlung eng¬ 
lischer dramatischer Literatur und Poesie, die 
Edmund Malone 1812 seinem Bruder Richard 
Lord Sundertin hinterlassen hatte, der sie 1815 
der Bodleian schenkte, wohin sie 1821 nach 
Vollendung der neuen, durch James Boswell 
besorgten Ausgabe von Malones Shakespeare 
überführt werden konnte. Fast alle der 800 
Bände sind berühmt ob ihrer Wichtigkeit und 
Seltenheit. First Quartos von vielen von 
Shakespeares Plays, Second Quartos von an¬ 
deren, Werke Barnfields, Beaumonts, Fletchers, 
Chapmans, Deckers, Greenes, Heywoods, Ben 
Jonsons, Lodges, Massingers, John Taylors, 
Whetstones, sind einige der Perlen, von denen 
einige einstmals in königlichem Besitze gewesen 
sind. Im Laufe der Jahre sind dann noch 
viele wichtige Manuskripte Malones selbst, eben¬ 
so wie viele Briefe von ihm und an ihn hinzu¬ 
geschenkt oder gekauft worden. 

Dreizehn Jahre vergingen wieder, ehe die 
nächste großartige Schenkung an Büchern 
und Manuskripten der Bodleian zufiel. Diesmal 
war es das Resultat des Sammeleifers eines 
Lebens: 16480 Bände, eine Anzahl Frag¬ 
mente frühenglischer Werke, einschließlich 
zweier Unica von Caxton, 393 Manuskripte, 
von denen viele glänzend illustriert, 98 Ur¬ 
kunden, eine große Menge wertvoller Hand¬ 
zeichnungen und Staatsstücke, eine schöne 
Sammlung von Münzen und Medaillen: alles 


mit Aufwand von viel Geschmack, Wissen und 
Geld von Francis Douce (geboren 1757, ge¬ 
storben 30. März 1834) zusammengebracht und 
fast alles von ihm der Bodleian Library ver¬ 
macht Dort soll das herzliche Entgegenkommen 
und der Empfang seitens Dr. Bandinels, des 
Bibliothekars, auf Douce bei seinem Besuch mit 
Isaac D’Israeli im Jahre 1830 einen entschei¬ 
denden Eindruck gemacht haben. Dem British 
Museum hinterließ er nur weniges, darunter 
jenen Band der Werke Albert Dürers, der einst 
dem Bildhauer Nolleken gehört hatte, und jenen 
mysteriösen Koffer, „Mr. Douces Papers“ ent¬ 
haltend, der erst am 1. Januar 1900 geöffnet 
werden durfte, jedoch zu allgemeiner Ent¬ 
täuschung nichts von literarischem Werte ent¬ 
hielt, dafür aber eine Anzahl rein persönlicher 
Schriftstücke, vielleicht auch viel Geklatsch und 
für einige seiner Zeitgenossen wenig Erfreu¬ 
liches. F. Douce hatte 1812 seine Stellung als 
Keeper of the Manuskripts im British Museum 
wegen einiger Reibereien mit einem der Trustees 
aufgegeben und seit jener Zeit eine Abneigung 
gegen das Museum beibehalten. 

Douces reicher Vater hatte dem jüngeren 
Sohne Francis nur wenig hinterlassen; der Bild¬ 
hauer Nolleken jedoch machte ihn zu seinem 
Erben, und nach heutigem Werte betrug Douces 
Vermögen gegen Mk. 2000000, dessen Ein¬ 
künfte nebst Kapital er zum größten Teil und 
oft zum Nachteile seiner Familie auf seine 
Sammlungen verwandte. 

Seine glänzende Bibliothek bereicherte die 
Bodleiana gerade auf vielen Gebieten, auf denen 
sie bis dahin ziemlich arm gewesen war. So 
stammen z. B. die meisten der schönsten Illu¬ 
minationen von Missalen von ihm her. Der 
sogenannte „Charlemagne Psalter“ (wohl aus 
dem IX. Jahrhundert und aus der alten Biblio¬ 
thek der französischen Könige) auf purpurnem 
Pergament, die Horae, die Guilio Clovio(?) 
zu Anfang des XVI. Jahrhunderts fiir Leo- 
nora Gonzaga, Herzogin von Urbino, ange¬ 
fertigt, die Horae aus dem Besitze der Maria 
de Medici, die Horae, die 1527 fiir B. Sforza, 
Sigismund des Ersten von Polen Gemahl, be¬ 
endet wurden, sind einige der vielen preis¬ 
losen Juwelen. In Bibeln (englisch und franzö¬ 
sisch), Gebetbüchern und Psaltern ist die Samm¬ 
lung sehr reich, ebenso in Büchern über Ge¬ 
schichte, Biographie, Antiquitäten, Sitten- und 


Digitized by LjOOQle 



144 


Degener, Die Bodleian Library in Oxford. 



Kulturgeschichte, schöne Künste, frühfranzösische 
Literatur, bisher nur spärlich in der Bodleian 
vertreten. An wertvollen Inkunabeln betrug der 
Zuwachs 511 Nummern, von denen vielleicht 
die schönste ein prächtiges Exemplar von Plinii 
Naturgeschichte in der italienischen Übersetzung 
des Christoforo Landino ist, die Nie. Jansen 
1476 zu Venedig auf Pergament druckte. Der 
Wert vieler der Werke aus Douces Bibliothek ist 
wesentlich erhöht durch die sauberen, sorgfäl¬ 
tigen handschriftlichen Noten, Erläuterungen, 
Berichtigungen und Hinweise auf Quellen, die 
alle von einem tiefen Verständnis und um¬ 
fassender Belesenheit zeugen. Für den Forscher 
liegt in diesen Bänden noch manches Goldkorn 
begraben, und ihre Benutzung im Vorzug vor 
anderen Exemplaren ist immer der Mühe wert. 

Douces Stiftung ist bis heute für die Bod¬ 
leian Library die letzte ihrer Art gewesen. Die 
Zeiten scheinen vorbei zu sein, in denen ein 
Bibliophile seine Mission voll verstand, in 
denen er erkannte, daß es übertriebener Egois¬ 
mus ist, Schätze mit Hilfe seiner Mittel an 


Die Bodleian Library. Innere Ostseite des Quadrangle. 


Geld, Stellung und Geist zusammenzubringen, 
um nur sich selbst daran zu erfreuen, nur einer, 
wenn auch noch so edlen Manie sich hinzu¬ 
geben und um sie nach seinem Tode, ent¬ 
weder gleichgültigen und unbefähigten Erben 
zu vermachen oder um sie unter dem Hammer 
des Auktionators in alle Winde zerstreuen zu 
lassen, statt sie einem öffentlichen Institute zu 
überweisen, wo sie bis auf späte Geschlechter 
eine frische, starke Quelle der Bildung, des Er- 
bauens und des Genusses werden können, Segen 
über Hunderttausende ausströmend. 

In kleinerem Maßstabe finden wir allerdings 
noch manche wertvolle Schenkung. So z. B. die 
prächtige Serie historischer Stücke und Hand¬ 
zeichnungen, die nach ihrem Geber am 4. Mai 
1837 die Sutherland-Kollection genannt wurde: 
die Folioausgaben von Clarendons „History of 
the Rebellion“, von „Clarendons Life“ und von 
Burnets „History of my Ovon Times“ in sechs 
Bänden, alle drei durch 19224 Porträts von allen 
Personen und Ansichten und Karten von allen 
Plätzen, die in den Werken erwähnt werden 
oder damit im Zusammenhang 
stehen, auf 61 Extragroßfolios 
ausgedehnt Der Wert einer 
solchen Zusammenstellung ist 
evident. Alexander Hendras 
Sutherland hatte damit im 
Jahre 1795 begonnen und nach 
seinem Tode am 21. Mai 1820 
hatte seine Gattin und Gehilfin 
das große Werk mit Aufwand 
von viel Mühe und Geld fort¬ 
gesetzt. Im ganzen dürften 
über £ 20000 darauf verwandt 
worden sein; viele der Illu¬ 
strationen sind jetzt wohl 
Unica geworden und oft die 
einzigen authentischen Zeugen 
vergangener Jahrhunderte. 

1838 schenkte Sir George 
Bowyer 87 Bände italienischer 
Städteverfassungen, zum Teil 
gedruckt, zum Teil in Manu¬ 
skript; in den Jahren 1839,1842 
und 1843 folgten wertvolle Er¬ 
gänzungen. Sechsundzwanzig 
Foliobände Manuskripte zur 
Geschichte und Topographie 
Shropshires kamen im Jahre 


Digitized by LjOOQle 




Degcncr, Die Bodleian Library in Oxford. 


145 



Die Bodlejian Library von Süden (vor der Restauration). 


1840 (oder 1841) von Rev. 

John Birchdale Blakeway; die 
Königin schenkte im selben 
Jahre (1841) von einem großen 
Funde bei Cuerdale in Lanca- 
shire 136 frühfranzösische und 
anglosächsische Münzen, und 
der am 5. Januar 1841 ver¬ 
storbene Rev. Dr. Robert 
Mason vom Queens College 
hinterließ der Bodleian Library 
die Summe von £ 36000 zur 
höchstwillkommenen und stark 
benötigten Verstärkung der 
Fonds, gleichzeitig seinem 
College zu einer neuen Biblio¬ 
thek £ 30000 vermachend. 

Diesem großen Wohltäter zu 
Ehren wurde ein Raum, der 
der Aufnahme wertvoller illu¬ 
strierter Werke dient, der 
Mason-Room genannt Fast ein Neuntel des 
Gesamteinkommens der Bodleian-Bibliothek 
stammt aus diesem Vermächtnis. Wie im Ver¬ 
hältnis vollkommen ungenügend dieses Gesamt¬ 
einkommen fiir die großen Aufgaben der Biblio¬ 
thek ist, scheint weder den staatlichen 
Autoritäten, noch seit Masons Zeiten den 
reichen Privatleuten voll zum Bewußtsein ge¬ 
kommen zu sein, trotz aller Anstrengungen 
seitens des Bibliothekars und anderer Kenner 
der Verhältnisse. Hier ist noch ein weites und 
dankbares Feld fiir die großherzige Freigebig¬ 
keit eines Carnegie oder fiir die Mitglieder des 
reichen englischen Hochadels, die auffallend 
wenig von ihren großen Schätzen dem All¬ 
gemeinwohl widmen. Als rühmliche Geldspen¬ 
den, die seitdem der Bibliothek zugeflossen, 
sind nur noch die £ 1400 eines ungenannten 
Mitgliedes des All Souls College aus den Jahren 
1887 bis 1902 und £ 675 vom Trinity College 
aus den Jahren 1898 bis 1902 anzufuhren. 

Auch an besonders großen Bücherspenden 
hat es seit jener Zeit gefehlt; von den vielen 
kleineren Gaben müssen wir jedoch noch 
einige nennen. Sir William Walker schenkte 
1845 265 arabische, persische und sanskrit- 
Manuskripte, die sein Vater gesammelt hatte, 
als er General in Indien war. Aus Deutsch¬ 
land und zwar aus dem durch Luther berühmt 
gewordenen Karthäuser-Kloster zu Erfurt 


stammte die Gabe von 58 Manuskripten, meistens 
mittelalterliche Predigten und theologische Ab¬ 
handlungen, die nach 1805 in den Besitz von 
Sir William Hamilton gelangt waren, dessen 
Söhne sie im Jahre 1857 der Bodlein zuwiesen. 
Eine glänzende Reihe von 425 persischen und 
arabischen Manuskripten nebst einer großen 
Sammlung orientalischer Münzen, Siegel und 
Waffen schenkte J. B. Elliott aus Padua 1859, 
der das meiste von dem englischen Botschafter 
in Persien, Sir Gove Ouseley, gekauft hatte. 
Über 760 Stücke englischer Essayisten, meist 
dem XVIII. Jahrhundert angehörend, und eine 
große Reihe wertvoller Zeitschriften gab 1862 
durch Testament Rev. F. W. Hope, durch den 
ja auch die Oxforder Professur fiir Zoologie be¬ 
gründet wurde und der der Universität die 
enorme Porträtsammlung und Kunstbibliothek 
seines Vaters vermachte: über 20000 Porträts 
und 4000 Bände. Ca. 700 Bände Bücher und 
Manuskripte und einige tausend Porträts waren 
das Vermächtnis Captain Montagu Montagues 
im Jahre 1863, darunter ca. 90 Ausgaben und 
Übersetzungen des Psalters, Manuskripte der 
Klassiker, z. B. der Werke des Anakreon, Horaz, 
Juvenal, und viele Autographen berühmter 
Leute. Bedeutend als Autographen und für die 
Geschichtsforschung sind auch die mehr als 500 
Originalbriefe aus der Zeit der Königin Elisabeth 
und James’ I., die Hon. G. M. Fortescue 1872 


Digitized by LjOOQle 



Degener, Die Bodleian Library in Oxford. 


I46 


schenkte; es befinden sich darunter Briefe von 
James I., Königin Elisabeth, Bacon, Buckingham, 
Bischof Williams und anderer Berühmtheiten. 
In den Jahren von 1875—1888 schenkte General 
Sir Charles Warren einige tausend orientalische 
Münzen, und zwischen 1888—1898 kamen in 
die Bibliothek als vornehmes Geschenk von 
J. Haworth (of Bowdon, Cheshire) eine große 
Menge wertvoller griechischer Papyri-Frag mente 
aus der Ptolomäer-Zeit, die Professor W. M. 
Flinders Petrie in Ägypten entdeckt hatte, eben¬ 
so wie der große und prächtig geschriebene 
Papyrus der zweiten Iliade, 10 Blatt, wahr¬ 
scheinlich aus dem II. Jahrhundert n. Chr. 
stammend. Petrie hatte dieses wichtige Manu¬ 
skript im Februar 1888 in einem Begräbnisplatz 
zu Hawara in Fayum gefunden; der linke Rand 
der Blätter trägt eine fortlaufende Reihe von 
kritischen Anmerkungen und der rechte Rand 
gelegentliche Scholia; das Committee of the 
Egypt Exporation Fund vergrößerte 1896 und 
1900 diese anwachsende und jetzt sehr bedeu¬ 
tende Sammlung von ägyptischen Literatur¬ 
denkmälern. 1896 schenkte Petrie auch eine 
Serie von 502 Alexandrinischen Münzen aus 
der Römerzeit. Unter den 38 wichtigen grie¬ 
chischen und lateinischen Papyri des Jahres 1900 
befindet sich das berühmte Blatt Aoyla lr]öoö 
aus dem II. oder III. Jahrhundert, mit, wie es 
heißt, Aussprüchen Jesu. Bei der großen Selten¬ 
heit von lateinischen Handschriften aus den 
ersten Jahrhunderten nach Christi sind diese zu 
den Oxyrhynchus-Papyri gehörigen besonders 
bemerkenswert 

Für immer bedeutend in den Annalen der 
Bodleian wird das Jahr 1895 bleiben; denn in 
ihm und im Jahre darauf schenkte Jane Lady 
Shelley, des Dichters Schwiegertochter, die 
Shelley-Kollektion, die von der Bibliothek jetzt 
als eine der größten Schätze, vor allem in den 
Augen der Engländer, gehütet wird. Die Kol¬ 
lektion besteht aus: Handschriftlichen Briefen 
Shelleys, seiner zweiten Frau und anderer; zehn 
Werken des Dichters im Manuskript; ver¬ 
schiedenen Ausgaben seiner Werke; dem Exem¬ 
plare der Werke des Sophokles, das seine 
Hände umschlungen hielten, als der Tod ihn 
jäh in der Bucht von Spezia ereilte; zwei 
Porträts von Shelley und einem von Mary 
Wollstonecraft Shelley von Reginald Euston 
nach einer Totenmaske; einer Berlocke mit 


Locken von Shelley und Mary, und aus Shelleys 
Uhr mit Kette und fünf Siegeln. 

Die Feier des dreihundertjährigen Bestehens 
der Bibliothek am 8. November 1902 wurde 
festlich in akademischer, alten Traditionen ge¬ 
treuer Weise am 8. und 9. Oktober begangen. 
Da der 8. November mitten in das arbeits¬ 
reichste Studiensemester fällt, hatte man die 
Festlichkeiten um einen Monat vorausgenommen. 
Nach kontinentalen Begriffen, nach den Ideen 
Deutscher, die Altehrwürdiges, den Geist der 
Jahrhunderte in sich Tragendes in poesievollem 
Gefühle gern mit einem Nimbus umkleiden, mußte 
die Feier freilich einen etwas nüchternen Ein¬ 
druck machen, und wir glauben, daß auch die 
zahlreich versammelten ausländischen Ehren¬ 
gäste und Abgesandten fremder Regierungen, 
Universitäten und gelehrter Gesellschaften im 
Grunde ihres Herzens etwas enttäuscht waren. 

Die Feier brachte übrigens der Bodleiana eine 
größere Menge wertvoller Gaben, von denen die 
zahlreichen kunstvollen Glückwunschadressen, 
darunter viele Meisterstücke der Kalligraphie, 
Druckkunst, Illustration und Illumination und 
der Buchbinderei, besonders zu erwähnen sind, 
ebenso wie das wichtigste Geschenk des Jahres: 
das berühmte sogenannte Bakhshali-Manuskript, 
ein Arithmetik-Werk in Sanskrit, auf siebzig 
kleine Buchenrindenblätter geschrieben, 1881 
an der Nordwestgrenze von Indien entdeckt 
und von Dr. A. F. R. Hoemle, einem geborenen 
Deutschen, der Bodleiana zur Jubelfeier ge¬ 
stiftet. 

Die Hoffnung, die alle bei dieser seltenen 
Gelegenheit hatten, denen das Gedeihen der 
Bibliothek am Herzen liegt, hat sich aber 
leider noch nicht erfüllt. Weder Carnegie 
noch irgend ein anderer Krösus des englischen 
Weltreiches hat sich bereit gefunden, Masons 
Beispiel folgend, durch einige Millionen die 
Bibliothek mit einem Einkommen zu versehen, 
das sie voll in den Stand setzen würde, 
der stetig wachsenden Rückstände Herr zu 
werden und den steigenden Bedürfnissen zu 
genügen. Alle Bemühungen der beiden letzten 
Bibliothekare, unterstützt von den Kuratoren 
und anderen, sind in dieser Hinsicht erfolglos 
geblieben, und selbst Gladstones Rat und Hilfe 


Digitized by 


Google 



Degener, Die Bodleian Library in Oxford. 


haben nichts erzielt. Zwischen ihm und dem 
Bibliothekar Mr. Nicholson, der ihn dafür inter¬ 
essiert hatte, kam es zu längerer Korrespon¬ 
denz, und er schlug vor, einfach direkt an 
solche Leute heranzutreten, deren Reichtum, 
Liberalität und Neigung sie für diesen Zweck 
geeignet erscheinen ließen. Er nannte sogar 
solche Kandidaten, aber trotzdem fielen die 
Pläne auf unfruchtbaren Boden, und auch hier 
bewieß sich der Mangel an Opferwilligkeit in 
großem Stile, den man als Vorwurf den eng¬ 
lischen Magnaten nicht ersparen kann, die sich 
in jeder Weise hierin von den Amerikanern 
überflügeln oder von den in England ansässigen 
und naturalisierten reichen Deutschen beschämen 
lassen. Die meisten und größten der Millionen¬ 
stiftungen, deren sich England erfreuen kann, 
rühren von Ausländem her, wie die Cassels, 
Beits, Wernhers, Rothschilds, Goerzs, Monds, 
Brunners u. a. 

Neben der steten beträchtlichen Zunahme 
an Manuskripten und Büchern haben aber auch 
zu Zeiten mehr oder minder wichtige Abnahmen 
stattgefunden, sei es durch Abgabe, durch Aus¬ 
tausch, durch Verkauf oder leider auch durch 
Diebstahl. So wurden im Jahre 1736 vier Bände 
Manuskripte, die zu Bischof Moores Bibliothek ge¬ 
hörten, aus der Bodleiana ausgeschieden und dem 
University College Cambridge zurückgegeben, 
ebenso 1740 ein Exemplar von den Werken 
des Byzantinischen Geschichtsschreibers Pachy- 
medes an das Emmanuel College Cambridge, 
von wo es verschwunden war; allerdings zahlte 
das College dafür £ 4. 4 s. Entschädigung. Am 
4. März 1814 gingen einige Rechnungs- und 
Geländebücher an ihre früheren Eigentümer 
University und Magdalen College Oxford über, 
am 15. November 1810 die Manuskript - Re¬ 
gister Bischofs Richard Kellawe von Durham, 
1311—1316, und teilweise auch die Bischofs 
Richard Bury 1338—1342, aus Rawlinsons Kol¬ 
lektion an die Kanzlei der Bischöfe von Durham; 
am 9. November 1821 die Kirchenbücher von 
Newington (Kent) und Bures (Suffolk) an ihre 
alten Gemeinden. Das Ansuchen seitens des 
Dean und Consistoriums zu Lichfield um Rück¬ 
gabe des Chapter-Book für die Jahre 1321 bis 
1356 (Ashmole Ms. 794) wurde im Jahre 1884 
abgeschlagen. 


M7 


Austausch von Dubletten hat öfters statt¬ 
gefunden, so mit Queens College 1693 und 
wieder im Jahre 1695 in bezug auf die Dupli¬ 
kate aus Bischof Barlows Sammlung. Der 
jedoch meistens eingeschlagene Weg schon in 
den ersten Jahrzehnten, ja schon in den Vor¬ 
bereitungsjahren unter Bodley selbst, sich von 
Dubletten zu befreien, war, sie zu verkaufen. Wir 
haben freilich schlagende Beweise, daß dabei 
leider oft der literarische Wert recht mangel¬ 
haft beurteilt wurde. Handschriftliche Noten 
berühmter Leser und Vorbesitzer schien man 
entweder zu übersehen oder gering zu achten 
und den Wert früherer Ausgaben gegenüber 
neueren „verbesserten“ oft ganz und gar zu ver¬ 
kennen. So ist es z. B. über allen Zweifel er¬ 
haben, daß die Ausgaben von 1601 und 1617 
von Fulkes „Annotations on the Rhemish New 
Testament“ im Jahre 1620 noch in der Biblio¬ 
thek waren, dann aber der dritten Ausgabe von 
1633 zu Liebe ausgeschieden wurden, bis im 
Laufe des XIX. Jahrhunderts die fehlenden 
Exemplare wieder erworben wurden. Im Katalog 
von 1635 finden wir den berühmten First Folio 
der Werke Shakespeares vom Jahre 1623, 
dessen Wert jetzt ca. 35000 Mk. beträgt; als 
aber später der Third Folio kam, trennte man 
sich von den früheren Ausgaben, bis der First 
Folio unter den Malone-Büchern 1821 wieder 
in die Bodleiana kam. Verkäufe von Dupli¬ 
katen haben bis fast in die letzten Jahre statt¬ 
gefunden, soweit sie überhaupt möglich waren, 
da viele Schenkungen einen Verkauf direkt 
ausschließen oder von vornherein für etwaige 
Dubletten einen anderen Empfänger oder 
Erben einsetzen. Groß sind die Erträge nie 
gewesen, vor allem nicht während der letzten 
vierzig Jahre. Soviel wie wir jetzt feststellen 
können, fanden die ersten Verkäufe im Jahre 
1623 und 1629—30 statt und ergaben £ 5. 
15 s. 6 d., beziehungsweise £ 5. 15 s. 4 d.; 
eine größere Auktion fand 1676 statt, aus Anlaß 
deren ein Edmund Pritchard £ 2. 17 s. 6 d. für 
seine Bemühungen erhielt. Im Jahre 1790 erzielte 
man £ 120 für Duplikate bei Chapman & King 
in London, und kleinere Beträge erscheinen in 
den Rechnungen für 1793, 1794 und 1804. Im 
Jahre 1862 befreite man sich in einer größeren 
öffentlichen Auktion in London von den An¬ 
sammlungen vieler Jahre in angekauften, durch 
nachträgliche Schenkungen ersetzten Werke, 


Digitized by LjOOQle 



148 


Degener, Die Bodleian Library in Oxford. 



Die Duke Humphreys Library, von Osten gesehen. 


und erzielte die beträchtliche Summe von £ 766 
2 s. 6 d.; es folgte am 12. April 1865 noch eine 
andere Auktion, deren Erträgnis auf £ 750 
18 s. 6 d. kam. Unter beiden befanden sich 
wertvolle Werke wie Guil. de Saonas Rhe- 
torica Nova, aus der berühmten St Albans- 
Druckerei 1489 (£ 110. 5 s.), Chettles Kind- 
Hearts Dream, 1593 (£ 101), Deckers Guls 
Home-Booke, 1609 (£ 81). Seitdem sind nur 
für verschiedene geringe Beträge Dubletten 
verkauft worden, und auch die Gepflogenheit, 
die von Stationers Hall kommenden Sendungen 
durchsehen und vieles davon als unbrauchbar 
ausscheiden zu lassen, wie es z. B. noch 1790 ge¬ 
schah, ist nicht mehr geübt worden. 

Am betrüblichsten sind die Verluste durch 
Diebstahl. In früheren Jahren trugen zweifellos 
die weniger strenge Einhaltung der Regel, nichts 
auszuleihen, oder die schwankenden Bestim¬ 
mungen darüber viel dazu bei, ebenso wie bis 
zum heutigen Tage die sprichwörtliche Ge¬ 
dankenlosigkeit gelehrter Herren, die vergessen, 
entliehene Bücher zurückzugeben. Der erste 
Diebstahl, von dem wir wissen, geschah im 
Jahre 1624, und seitdem sind viele Bibliotheks¬ 
besucher zu öfterem der Versuchung unterlegen, 
sich von den nicht angeketteten Büchern einige 
anzueignen oder gar zu dem barbarischen Mittel 
zu greifen, aus Bänden Teile herauszuschneiden, 
wie dies vor ungefähr sechzig Jahren geschah, 
als zwei äußerst seltene Traktate von Thomas 
Churchywids: „Epitaph of Sir P. Sidney“ und 


„Feast full of sad Cheere“, verschwan¬ 
den. Hunderte von Manuskripten und 
Büchern, viele davon unersetzbar, sind 
auf diese Art im Laufe der Jahrhun¬ 
derte fortgekommen oder sind ver¬ 
stümmelt worden, und es scheint uns, 
als ob die Bodleiana durch diesen 
Frevel mehr gelitten hat als ihre 
große Schwesterbibliothek im British 
Museum. Im Jahre 1891 entwendete 
einer der jungen Angestellten („Boys“ 
genannt) außer anderen Werken 37 
wertvolle Traktate aus der Mather- 
Kollektion. Der Dieb wurde jedoch 
nach nicht langer Zeit gefaßt und fast 
alle Werke wurden wiedererlangt. 
Das Verbrechen führte zu einer noch 
schärferen Überwachung der jüngeren 
Angestellten, die mit 15 und 16 Jahren 
als Lernende in die Bibliothek eintreten, um dort 
für die verschiedenen Bibliotheksarbeiten syste¬ 
matisch trainiert zu'werden und dann allmäh¬ 
lich je nach Befähigung und Leistung in die 
dauernden Beamtenstellungen aufzurücken. Als 
die Anfang der neunziger Jahre des vorigen 
Jahrhunderts sich immer wiederholenden Ent¬ 
wendungen von der ca. 8000 Werke zählen¬ 
den offenen Handbibliothek in dem Lesesaal 
der Radcliffe Camera nicht nachließen, sah 
sich der Bibliothekar veranlaßt, die gesamte 
Handbibliothek vom 19. März 1895 an unter 
Verschluß zu bringen, trotz der damit verbun¬ 
denen großen und oft gerügten Unannehmlich¬ 
keiten. Leider währten die Diebstähle fort; bis 
zu dreißig Bände verschwanden im Jahr, so 
lange noch Regale offen blieben. Der Vor¬ 
schlag einer Anzahl regelmäßiger Leser, einen 
Fond zu schaffen, aus dem die Entwendungen 
ersetzt werden konnten, wurde abgelehnt, zu¬ 
nächst des Prinzipes wegen und dann auch aus 
dem Grunde, daß manches jener Werke über¬ 
haupt nicht wieder beschafft werden konnte. In 
den letzten beiden Jahren sind 5492 Bände wieder 
allgemein zugänglich gemacht und Schlüssel zu 
den verschlossenen Regalen den über alle Zwei¬ 
fel erhabenen Personen auf deren Antrag zur 
Verfügung gestellt worden. Glücklicherweise 
haben sich auch in den letzten Jahren keine 
Verluste auf diese Art bemerkbar gemacht. Zu 
den Dieben gehörten, soweit man sie hat 
feststellen können, zu allen Zeiten nicht nur 


Digitized by 


Google 





Degener, Die Bodleian Library in Oxford. 


149 


Oxforder Studenten, sondern auch Ausländer, 
zum Beispiel zu Anfang des XVHL Jahrhun¬ 
derts ein gewisser (J. U.) Meurer aus Württem¬ 
berg, über den sich Heame heftig erboste. 

Das schlechte Gewissen oder der Wunsch 
Dritter, Übeltaten ihrer Mitmenschen gut zu 
machen, sind auch der Bodleian behilflich ge¬ 
wesen, ihr entwendete Schätze wiederzuzuflihren. 
Unter Rawlinsons Manuskripten finden wir einen 
Psalter aus dem XV. Jahrhundert mit der In¬ 
schrift von Dr. Bliß’s Hand: „Stolen from the 
Library and restored by Dr. Laurence, Juni 20 4 
1802, who purchased it at an auction in London.“ 
Nach einer wichtigen Versammlung der sämt¬ 
lichen Mitglieder der Universität in den Fünf¬ 
zigern des XIX. Jahrhunderts entdeckte man in 
einem Büchergestelle nahe dem Ausgang aus 
der Bibliothek einen kleinen wertvollen Band, 
der von einem Leser und Teilnehmer an der 
Versammlung am 14. Februar 1807 nicht 
zurückgegeben worden war, wie man bei 
Nachforschung herausfand. Zur gleichen Zeit 
fand sich an ähnlicher Stelle zwischen andere 
Bücher hineingezwängt ein Quartband wieder, 
den man schon lange aufgegeben hatte. Und 
1851 erwarb die Bibliothek von einem Bres¬ 
lauer Buchhändler ein Manuskript R. Saadials: 
eine arabische Übersetzung in hebräischer Schrift 
des Jesaia, das 1789 der Jenaer Professor 
Hen. E. G. Paulus, der bekannte Autor des 
„Leben Jesu“, kopiert hatte (Ponocke Ms. 32) 
und das seitdem verschwunden war, bis es 
nach Paulus Tode 1850 in deutschem Ein¬ 
bande und nach sorgfältiger Verwischung der 
Spuren seiner früheren rechtmäßigen Eigen¬ 
tümer wieder auftauchte. Doch genug von 
dieser Schattenseite menschlicher Schwächen 
und Undankbarkeit! — 


direkten Nachschlagegebrauch der Leser. Es 
ist dies ein altes Axiom, und trotzdem ist eine 
allen wirklich berechtigten Ansprüchen gerecht 
werdende Katalogisierung in vielen Bibliotheken 
vernachlässigt worden oder doch in argem 
Rückstand, selbst in großen und reich vom 
Staate unterstützten Büchereien, wie zum Bei¬ 
spiel in der zweitgrößten Bibliothek der Welt, 
der Biblioth&que Nationale. 

Bodley als echter Bibliophile war von An¬ 
fang an mit weitem Blick auf einen genauen 
Katalog flir seine Gründung bedacht und, wie 
schon weiter oben erwähnt, sparte er weder Mühe 
noch Zeit, weder Geld noch Ermahnung an 
James, seinen Bibliothekar, diesen Katalog 
stets auf dem Laufenden zu halten, trotz aller 
Schwierigkeiten, die aus dem oft großen 
Andrang von Neuanschaffungen oder aus den 
vielen fremdsprachlichen Manuskripten und Wer¬ 
ken entstanden. Spätere Generationen haben 
den Kampf um das Vollkommene fortgefiihrt 
und auch etwas recht Brauchbares und vom 
Idealen nicht allzu Fernes erreicht. Wenn 
heute ein vollständiger und durch Nachträge 
wie im British Museum auf dem Laufenden 
gehaltener Generalkatalog der Bodleiana nicht 
existiert, so ist das ausschließlich die Schuld 
des Staates, der die für ein solches Werk in 
die Hunderttausende gehenden Kosten nicht be¬ 
willigen will, Kosten, die natürlich weder die 
verarmende Universität noch die mageren Ein¬ 
künfte der Bibliothek tragen können. 

Die ungenügende Anzahl von Assistenten, 
im Anfang auch die kurzen Arbeitsstunden, 
vielleicht auch nicht zu leugnender Mangel an 
Fleiß Einzelner: alles das mußte gerade bei dem 
oft viel Zeit kostenden Katalogisieren eine Menge 
von Rückständen schaffen, die nachfolgende 


^ 4 ^ 

Wie allgemein anerkannt, 
sind nächst den Beständen 
an Büchern und deren guter 
Auswahl und Menge der 
wichtigste Teil einer Biblio¬ 
thek, vor allem wenn sie 
die gesamten Wissens- und 
Literaturzweige umfaßt, die 
Kataloge , sowohl die für 
den internen Gebrauch der 
Beamten wie die für den 
Z. f. B. 1904/1905« 


it pfefc ong man tprafuel oi tempel to b$t on£ 
pjrcs t£tm arit) tljre amtemmaaös o£ CaUfbud *<e 
enpr£ntii> affer $efotme o£ tfjia ptefö lettre 
lenvüd ant» tmlp torott,late amtetottteßmo* 

ntßetw to almontfrpe at teei) ple anö f;e Cfyai 
fjauetfjwgootJdjepe .v 

jgtttylitQ Ctet tättda 

Eine Anzeige Caxtons. Unicum in der Bodleian Library. 


Digitized by 


Google 




Degener, Die Bodleian Library in Oxford. 


150 


Generationen im Vorwärtskommen hinderte. 
Es wurden kurzsichtig einige Hundert Pfund 
an Salären gespart, um dann später das 
Doppelte und mehr dafür ausgeben zu müssen, 
der großen Unannehmlichkeiten und direkten 
und indirekten Verluste, die dieses System mit 
sich bringen mußte, nicht zu gedenken. Oft genug 
hat man dies eingesehen; leider geschah es hier 
aber wie bei so vielen anderen Dingen im Leben, 
daß Mangel an Energie und Schwachherzigkeit 
die zielbewußte Ausführung verhinderte. Fast 
allen Bibliothekaren muß man mehr oder 
weniger diesen Vorwurf machen; erst Mr. 
Henry Octavius Coxe (1860 bis 1881) räumte 
tüchtig auf und konnte trotzdem nicht sein 
Werk beenden, bis es schließlich seinem Nach¬ 
folger, dem jetzigen Librarian, gelang, mit 
eiserner Energie und besonderem Organisations¬ 
talent der Rückstände Herr zu werden. Ihm 
ist es geglückt, Mittel und Wege zu finden, 
im Anschluß an das Werk seines Vorgängers 
die handschriftlichen alphabetischen Gesamt¬ 
kataloge zu vervollständigen, klassifizierte 
Kataloge zu schaffen und eine Anzahl Kataloge 
über bestimmte Spezialgebiete im Druck er¬ 
scheinen zu lassen. Früher waren ganze große 
Bibliotheken, die in der Bodleiana aufgingen, 
völlig oder zum großen Teil einfach unkatalo- 
gisiert beiseite gestellt worden, bis sie nach 
Menschenaltem verarbeitet wurden, von den 
Karten-, Stich* und Münzsammlungen ganz zu 
schweigen, wie zum Beispiel von Richard Raw- 
linsons Stiftung, die über hundert Jahre lang 
mehr oder weniger unverarbeitet blieb, ebenso 
ein Teil von Douces Geschenk u. a. m. 

Die Regeln für das Katalogisieren, Klassi¬ 
fizieren und Aufstellen der Manuskripte, Bücher, 
Stiche, Karten und Münzen haben in den Jahr¬ 
hunderten mannigfachem Wechsel unterlegen. 
Schließlich folgte man bis zum Oktober 1882 
einer Norm, die auf den berühmten Regeln des 
British Museum aufgebaut sein sollte, und von 
der für den gesamten Stab ein Vorschriften¬ 
exemplar zur Hand war. Viele Unrichtig¬ 
keiten und unsystematische Abweichungen 
hatten sich natürlich eingeschlichen, so daß es 
sich Mr. Nicholson sofort zur Aufgabe machte, 
unter Konsultierung anerkannter Autoritäten 
auf den Regeln der „Library Association of 
the United Kingdom“ und der „American 
Libraiy Association“ einen Kodex von 56 Regeln 


aufzustellen, der nach reiflicher Durcharbeitung 
im Januar 1885 endgültig als alleinige Richt¬ 
schnur eingeführt und sich trotz seiner schein¬ 
baren Kompliziertheit vorzüglich bewährt hat, 
auch von den meisten englischen Bibliotheken 
adoptiert und von vielen ausländischen Biblio¬ 
theken zur Konsultierung verlangt worden ist. 

Die verschiedenen Kuriositäten, Altertümer, 
Skulpturen, Gemälde usw., die im Laufe der 
Jahrhunderte der Bodleian zugingen, sind all¬ 
mählich mit nicht sehr zahlreichen Ausnahmen 
den verschiedenen Spezialsammlungen der Uni¬ 
versität überwiesen oder vermacht worden, und 
sie hier eingehend zu behandeln, würde über 
den Plan unserer Skizze hinausgehen. Die Ge¬ 
mäldegalerie enthält manches bedeutende Stück, 
vor allem vom historischen Standpunkte aus, 
darunter auch die Porträts fast aller Bibliothe¬ 
kare; jeder, der Oxford besucht, sollte auch 
diese sich ansehen. 

Zwei Abteilungen jedoch, die zur Bodleiana 
gehören, können wir bei ihrer großen Bedeutung 
nicht übergehen, wenn auch die eine wenigstens 
den Bibliophilen im allgemeinen nicht inter¬ 
essiert: es sind die weltberühmte, reiche Musik¬ 
sammlung und das große Münzkabinett 

Das letztere zählt viele tausend Stück, dar¬ 
unter äußerst wertvolle Münzen und Medaillen 
aller Völker und Zeiten. Schenkungen sowohl 
wie Ankäufe vermehrten dieSammlung beständig, 
und vor allem der jetzige Bibliothekar hat sich, 
von Spezialisten unterstützt, um ihre fachmän¬ 
nische Ordnung sehr verdient gemacht Erz¬ 
bischof Laud schenkte den ersten größeren 
Stock, fünf Kästen voll, im Jahre 1636, zu¬ 
sammen mit einem ausführlichen Katalog im 
Manuskript Ralph Freke erweiterte die Samm¬ 
lung beträchtlich und Ashmole fertigte 1658 
bis 1666 einen vollständigen Katalog der rö¬ 
mischen Münzen an. Francis Wise widmete 
seinem Katalog viele Jahre und gab ihn 1750 
unter dem Titel: „Nummorum aut scriniis Bodl. 
catalogus ..in Druck. Douce ist auch hier 
unter Hunderten von Stiftern einer der größten, 
und Ashmoles Sammlung vermehrte bei ihrer 
Überführung hierher im Jahre 1861 das Kabinett 
sehr bedeutend. 

Die Musikabteilung schlägt schon mehr in 
das Gebiet des Bibliophilen ein. Bände könnten 


Digitized by tjOOQle 



Degener, Die Bodleian Library in Oxford. 


151 


über die hier versammelten Schätze geschrieben 
werden, vor allem über die älteren Werke, z. B. 
die älteste musikalische Komposition Englands 
von ca. 1225 und aus der Mitte des XIII. 
Jahrhunderts („Sumör is icomen ln") mit vier¬ 
eckigen Noten, einen Sang nach einem französi¬ 
schen epischen Gedicht, in Brügge (?) um 1338 
geschrieben. Auch Originale von berühmten 
Komponisten vieler Länder und fast aller Zeiten 
finden sich hier vereint, darunter Manuskripte von 
Händel, Henry Purcell, Playford, Cerft, Greene, 
Corelli, Giovanni Buononcini u. a. Falconer Madan 
weist in seinem vorzüglichen Allgemeinen Kata¬ 
log besonders darauf hin, daß englische Musik 
im Manuskript von der Reformation an bis zum 
Ende des XVIH Jahrhunderts hervorragend 
reichlich vertreten ist. Musikalische Denkmäler 
aus der Renaissance sind bekanntlich äußerst 
selten; es finden sich sonst nur noch Bruchstücke 
in den Bibliotheken zu Mömpelgard, Dijon, 
Cambrai, Brüssel, im Vatikan und im Britischen 
Museum. Die ersten Einkäufe wurden schon 
1602 gemacht; das Abkommen mit Stationers’ 
Hall hat zudem stetig neue Mengen jedweder 
Musik in die Bibliothek (einschließlich der 
Music-School Library) seit 1759 gebracht, die 
allerdings bis 1845 aufgestapelt wurden, in 
welchem Jahre der Rev. H. E. Havergal erst mit 
ihrer Ordnung begann und einen großen Teil 
in 300 bis 400 Bände binden ließ. Im Jahre 
1822 wurde der Rest aufgearbeitet und seitdem 
werden die jährlich über 2000 zählenden Zu¬ 
gänge ziemlich regelmäßig geordnet. 

«Ml 

Nach diesem Überblick über die sämtlichen 
Schätze der Bodleian Libraiy, in der die Unica 
nach Tausenden zählen, in der unter den 
Druckern viele nur hier zu finden sind, scheint 
es angebracht, auch einiges über die Gewänder 
dieser Geistesprodukte zu sagen. Man kann 
wohl mit Recht behaupten, daß frühere Gene¬ 
rationen verhältnismäßig viel mehr für einen 
guten dauerhaften Einband ausgaben als wir; 
die schweren, ganzledemen Bände kosteten viel 
Geld und man sparte nur dadurch, daß man 
eine Anzahl Werke in einen Band vereinigte, 
Werke, die man heute unbedingt besonders 
binden würde, abgesehen von der jetzt befolgten 
systematischen Ordnung. 


Seit 1882 ist Kalbsleder für Rücken oder 
vollständigen Einband ganz abgeschafft worden 
und an seine Stelle sind je nach Notwendigkeit 
das fast unverwüstliche Maroquinleder, starke, 
dauerhafte und billige Leinwand und Buckram 
getreten. Alles überflüssige Verzieren und 
Vergolden der Einbände hat man auch fallen 
lassen. Eine enorme Menge Karten ist auf¬ 
gezogen und in äußerst zweckentsprechender 
Form gebunden worden. Besondere Aufmerk¬ 
samkeit und Anwendung aller modernen Er¬ 
findungen werden bei Preservierung und Binden 
der Manuskripte gebraucht Die Gewohnheit, 
fiir verschiedene Klassen verschiedene Farben 
des Einbandes zu wählen, wurde aus prak¬ 
tischen Gründen nur noch bei orientalischen 
Manuskripten und bei einer gewissen Klasse von 
Musik gepflegt. Aber trotz aller bei dauerhafter 
Arbeit angestrebten Sparsamkeit verschlangen 
die Bindearbeiten doch noch 1902 £ 1132. 8 s. 
1 d. im regelmäßigen Betrieb, nach Aufarbeitung 
oder unter Außerachtlassung aller Rückstände. 

Unter neuen Einbänden sind als Prachtwerke 
höchstens noch die der Glückwunschadressen 
zur Jubelfeier und ähnliche Sachen bemerkens¬ 
wert Unter den alten jedoch befinden sich 
viele äußerst wertvolle oder interessante Ar¬ 
beiten, Handarbeiten in allen Sorten von Leder, 
mit porträtgetreuen Figuren, eigenartigen Sym¬ 
bolen, schönen Verzierungen, kunstvollen Be¬ 
schlägen in Bronze, Messing, Silber und Gold, 
mit Edelsteinen besetzt, in Stickerei usw., mit 
berühmten oder eigenartigen Mottos von den 
Händen berühmter Meister oder aus dem Besitz 
von Fürsten und Bibliophilen. 

Hiermit nehmen wir Abschied von den 
reichen Beständen dieser kostbaren alten und 
doch sich ewig verjüngenden Bibliothek und 
wollen nur noch, so weit es der Raum ge¬ 
stattet, eine chronologische Bibliographie aller 
gedruckten Kataloge der Bodleiana geben, die 
in sich selbst den besten Einblick in die auf¬ 
gestapelten Schätze gewährt 

1604: Benefactions: „Munificentissimis atque 
optimis cuiusvis ordinis, dignitatis, sexus, qui 
bibliothecam hanc libris,... ampliarunt, Thomas 
Bodleivs eques auratus, honorarium hoc volumen, 
in quod huiuscemodi donationes ... referuntur. 


Digitized by tjOOQle 




152 


Degener, Die Bodleian Library in Oxford. 


... dedit, dedicavit.“ [London] 1604, folio, 
PP* W + 9 1 + [4]. Nur in einem Exemplar auf 
Kosten Bodleys und unter seiner Überwachung 
im Frühsommer von 1604 auf Pergament ge¬ 
druckt Es enthält die Schenkungen von 1600 bis 
1604, jedoch mit bescheidener Auslassung von 
Bodleys eigenen Gaben. Spätere Geschenke sind 
bis 1688 handschriftlich nachgetragen und in 
einem zweiten Bande bis 1794 gedruckt worden. 
Von 1794—1885 gab man eine gedruckte Liste 
der hauptsächlichsten Geschenke heraus, doch 
kehrte man 1885, durch ihre Menge und die 
Kosten veranlaßt, zu der handschriftlichen, in 
nur einem Exemplare bestehenden Liste zurück. 

1605: Der erste (allgemeine) Katalog: „Ca- 
talogus librorum bibliothecae publicae quam 
vir omatissimus Thomas Bodleivs ... instituit 
... secundum quatuor Facultates ... auctore 
Thoma James... Bibliothekario. Oxoniae, Apud 
Josephum Bamesium. 1605." Klein 4 t0 , pp. [8] + 
655 + [67]. Dem Prinzen Heinrich von Wales ge¬ 
widmet Enthält alle Manuskripte und Bücher in 
der Ordnung ihrer Aufstellung auf den Regalen 
nach den vier Fakultäten: Theologie, Medizin, 
Jus und Philosophie („Arts“) mit alphabetischem 
Autoren-Register und Nachtrag. Die Vorrede 
gibt eine interessante Geschichte der Bibliothek 
und folgenden Census: 1601: 800 Bände; 1602: 
1600 Bände; 1604: 3200 Bände. Sir Thomas 
bezahlte alle Kosten des Druckes. 

1620: Zweiter (allgemeiner) Katalog: „Cata- 
logus universalis librorum in Bibliotheca Bod- 
leiana ... Auctore Thoma James S. Th. Doctore, 
ac nuper Proto-Bibliothecario Oxon. Oxoniae, 
.. . J. Liebfield & J. Short, Academiae Typo- 
graphi, Impensis Bodleianis. 1620/* Klein 4 t0 
pp. [16] + 539 + [1] + 36. In alphabetischer 
Ordnung nach Autoren. Mit Anhang. Eine 
zweite Auflage des Appendix erschien 1635 
(Oxford, kl.-4 t0 pp. [4] + 208), enthaltend die 
Neuerwerbungen von 1620 bis 1635, die John 
Rouse auf 3000 schätzte. 

Im gleichen Jahre gab der Unterbibliothekar 
John Vemeuil infolge einer nicht autorisierten 
Ausgabe eine Neuauflage von Dr. James 1 Liste 
von Werken der Bibelkommentationen heraus, 
unter dem Titel „Catalogus interpretum S. Scrip- 
turae ... in Bibi Bodleiana ... editio correcta 
... 1635.“ KI.-4« 0 , pp. 55 +Dl- 

1637: „A Nomenclator of such Tracts and 
Sermons as have beene printed or translated 


into English upon any place of holy Scrip- 
ture. Opera, Studio & impensis J. V. Oxford, 
W. Turner, 1637.“ i6®° pp. [156], Sig. A bis 
F ia G*. Eine zweite, vergrößerte Auflage 
(Oxford, H. Hall, 1642) fügt im Titel hinzu 
„Now to be had in the most famous and Pu¬ 
blique Library of Sr. Thomas Bodley in Oxford“ 
und gibt des Verfassers vollen Namen: John 
VerneuiL 

1674: „Catalogus impressorum librorum BibL 
Bodl.... Curä ... Thomae Hyde ... Proto- 
bibliothecarii. Oxonü e Theatro Sheldoniano.“ 
1674. Folio pp. [12] + 478 + [2] + 272 + [2]. Erz¬ 
bischof Sheldon gewidmet. Dieser Katalog 
soll sechs Jahre zum Zusammenstellen, ein Jahr 
zur Revison und zwei Jahre zum Druck bean¬ 
sprucht haben. Die Kosten der Auflage von 
1000 Exemplaren beliefen sich auf £ 409 5 s. 
Hyde verlangte die Ehre für das alle Druck¬ 
sachen umfassende Werk, während der Haupt¬ 
teil der Arbeit doch wohl von E. Prichard, dem 
Janitor, geleistet worden war. 

1697: „Catalogi librorum manuscript . . . 
Anglia et Hibemiae in unum collecti, cum 
indice alphabetico. Oxoniae, e Theatro Shel¬ 
doniano. 1697“ (wirklich 1698). Folio pp. [34] + 
374 + 32, [index].... In diesem großen und 
interessanten Werke Dr. Edward Bemards 
handelt nur das erste Drittel (Vol. L Part I.) 
von der Bodleiana, während der Rest die 
Manuskripte in Oxford Colleges, Cambridge, den 
Kathedral- und Privat-Bibliotheken in England, 
und in irischen Bibliotheken betrifft; nach 
Humphrey Wanley im ganzen 30000 Titel. 
Wanley fertigte die Indices an und wurde 
Herausgeber nach Bemards Tode am 12. Ja¬ 
nuar 1696 (1697). Eine Biographie Bodleys 
und Geschichte der Bodleiana gehören zur Ein¬ 
leitung. Mit interessantem Frontispiz. 

1738: „Catalogus impressorum librorum Bibi. 
Bodl. in Acad. Oxon. Volumen Primum (Vo¬ 
lumen Alterum). Oxon. e Theatro Sheldon. 
1738.“ Folio, pp.[i6] + 6u + [i] und pp. 714 +[2]. 
Nach der Vorrede von Joseph Bowles und 
seinem Nachfolger Robert Fysher mit Beihilfe 
Emmanuel Langfords verfertigt, obwohl Heame 
wiederholt behauptet, daß er in der Tat den 
Katalog von 1702 bis 1715 vorbereitete. 

1750: „Nummorum antiquorum scriniis Bod¬ 
leianis reconditorum catalogus cum commen- 
tario tabulis aeneis et appendice [by Francis 


Digitized by 


Google 



Degener, Die Bodleian Library in Oxford. 


iS3 


Wise, B. DJ. Oxonii, e Theatro Sheldon. 
1750.“ Folio, pp. [2] + XIV+[2] + 343 + [13]. 

1759: „A Catalogue of the Several pictures, 
statues, and busto’s in the picture gallery ad- 
joining to the Bodleian Library. Oxford, printed 
for N. Bull, 1759.“ Dies ist der erste dieser 
Kataloge, von dem 16 weitere Auflagen er¬ 
schienen, zuletzt 1881. 

1780: „A Catalogue of Books purchased for 
the Bodleian Library in 1780; with an Account 
of Monies collected for that Purpose.“ [Oxford.] 
(1780?). 4*° pp. 4. 

Weitere regelmäßige Ausgaben erschienen 
bis 1826 in Folioformat, enthaltend die ge¬ 
kauften Bücher und Rechnungen; Schenkungen 
sind von 1796 bis 1805 zugefügt. Vom Jahre 
1862 an fielen die Listen der Ankäufe und die 
Abrechnungen fort und es verblieb die bis 1885 
jährlich veröffentlichte Liste der Schenkungen. 

1787: „Bibliothecae Bodleianae codicum 
manuscriptorum Orientalium, videlicet He- 
braicorum, Chaldaicorum, Syriacorum, Aethio- 
picorum, Arabicorum, Persicorum, Turcicorum, 
Copticorumque catalogus, jussu Curatorum Preli 
Acad. a Joanne Uri confetus. Pars Prima. 
Oxonii, a typographeo Clarendoniano. 1787.“ 
Folio pp. 11+ 327+[43, Indices]. Der „Pars 
Prima“ ist vollständig in sich selbst, enthaltend 
2400 Manuskripte. 

1835 *• — dasselbe — „Pars Secunda Arabicos 
complectens. Confuit Alexander Nicoll... edit 
absolvit et catalog. Urianum aliquatenus amen- 
davit E. B. Pusey... Oxonii, e typogr. Acad. 
1835.“ Folio: pp. V+[3] + 730 + 9 plates. 

1795: „Notitia editionum quoad libros Hebr. 
Gr. et Lat quae vel primariae, vel saec. XV. 
impressae, vel Aldinae, in Bibliotheca Bod- 
leiana adservantur. Oxonii, e typogr. Clarend. 
1795.“ 80 pp. [4] + 60. 

1806: „Codices manuscripti, et impressi cum 
notis manuscriptis, olim D’Orvilliani, qui in 
Bibi. Bodl. apud Oxon. adservantur [by T. Gais- 
fordj. Oxonü, e typogr. Clarend. 1806.“ 4 t0 
pp. V+[i]+100. Hauptsächlich griechische 
und lateinische Klassiker. 

1812: „Catalogus sive notitia manuscriptorum 
qui a ceL E. D. Clarke comparati in Bibliotheka 
Bodleiana adservantur. Pars prior ... [by T. 
Gaisford]. Oxonii, e typogr. Clarend.: 1812.“ 
4 t0 PP* [ 4 ]+io 5 + [i]* Enthaltend griechische, 
lateinische und französische Manuskripte. 


1815: — ditto — „Pars posterior“ [by A. 
Nicoll], 4 t0 pp. [4]+ 22. Enthält die orientali¬ 
schen Manuskripte. 

1814: „A Catalogue of the Books relating 
to British Topography, and Saxon and Northern 
Literature, bequeathed to the Bodleian Library, 
in the year MDCCXCIX. by Richard Gough, 
Esq., F. S. A. Oxford, at the Clarendon Press. 
1814.“ 4 t0 pp. 4+459 [incl index] + [i]. Haupt¬ 
sächlich von Dr. Bandinel zusammengestellt; 
Dr. Philip Bliß verfertigte pp. 1 bis 136 Ma¬ 
nuskripte und Bücher. 

1832: „Catalogus criticus et historico-litera- 
rius codicum CLIIL manuscriptorum Borealium 
praecipuae Islandicae originis, ... in Biblioth. 
Bodl.. .., auct. (qui et libros ipsos collegerat) 
F. Magnaeo, Islando. Oxonii, e typogr. Acad. 
1832.“ 4 to pp. [ 4 ] + S6* 

1834: „Catalogus dissertationum academ. 
quibus nuper aucta est Bibi. Bodl. MDCCCXXXH. 
Oxonii e typogr. acad. 1834.“ Folio: pp. [2] + 
448 + [64]. Enthält ca. 43400 Universitäts- 
Dissertationen aus dem XVH. und XVIII. Jahr¬ 
hundert, hauptsächlich aus Deutschland, latei¬ 
nisch und deutsch, die 1827 erworben worden 
waren. In zwei Alphabeten der Praesides, nach 
den Sprachen getrennt. 

1836: „Catalogus of early English Poetry 
and other miscellaneous works illustrating the 
British Drama, collected by Edmond Malone, 
Esq., and now preserved in the Bodl. Library. 
Oxford, at the University Press; 1836.“ Folio: 
pp. VIIL + 52. Die kurze Biographie Malones 
im Vorwort stammt von J. Boswell Enthält 
viele wichtige Werke über Shakespeare und das 
Elisabethanische Drama, auch 28 Manuskripte. 

1840: „Catalogue of the Printed Books and 
Manuscripts, bequeathed by Francis Douce, 
Esq., to the Bodleian Library. Oxford, at the 
Univ. Press: 1840.“ Folio: pp. VL+3H + [i ]+4 
plates of facsimile. Die Manuskripte und Bruch¬ 
stücke früher Drucke wurden von Rev. H. O. 
Coxe, der Rest von H. Symonds und Rev. 
A. Brown katalogisiert. 

1843: „Catalogus librorum impressorum Bibi. 
Bodl. in Acad. Oxon. Volumen primum (se- 
cundum, tertium). Oxonii, e typogr. Acad. 
1843.“ Folio: pp.(l,A.—EOX+834: (H, F.—O.) 
[2] + 924; (HL, P.—Z.) [2] + 899 + [1]. Mit Vor¬ 
rede von Dean Gaisford, gezeichnet von 
Dr. B. Bandinel, der Hydes und Fyshers 


Digitized by LjOOQle 



154 


Degener, Die Bodleian Library in Oxford. 


Vorreden wieder abdruckt Die Gough- und 
Oppenheimer-Dissertationen- und Douce-Samm- 
lungen sind nicht darin enthalten. Keines der 
nach 1837 erschienenen Bücher ist aufgenommen 
und auch nicht alle aus den Jahren 1835 bis 
1837, soweit in der Bibliothek. Begonnen im 
Jahre 1837 von ^ ev * A. Browne, M. A., (Buch¬ 
staben P. bis R. und Anfang von S.), Rev. 
H. Cary, M. A., (Buchstaben F. bis K. und 
Teil von L.), und Rev. A. Hackman, M. A. 
Die Druckkosten beliefen sich auf £. 2990 12 s., 
die vorbereitenden Kosten der Zusammenstellung 
auf ca. £. 2000. 

1851: Fortsetzung zum Vorigen: „Catalogus 
impress, librorum quibus aucta est Bibi Bodl. 

annis MDCCCXXXV—XLVH. (Catalogi_ 

volumen quartum). Oxonii, e typogr. Acad. 
1851." Folio: pp. [4]+1024. 

1845: A descriptive, analytical and critical 
Catalogue of the manuscripts bequeathed unto 
the University of Oxford by Elias Ashmole ... 
Also of some additional Mss. contributed by 
Kingsley, Shnyd, Borlase, and others. By 
W. H. Black... Oxford, at the Univ.-Press: 
1845." 4 to pp. [2] + coli. 1522+p. [1]. Die Ma¬ 
nuskripte waren seiner Zeit im Ashmolean- 
Museum, wurden aber 1860 nach derBodleiana 
überfuhrt Ein Index erschien unter dem Titel: 

(1866:) „Index to the Catalogue of the Mss. 
of E. Ashmole... (by Rev. W. D. Macray). 
Oxford, Clarendon Press: 1866" 4 t0 pp. [4]+188. 
Beide Bände zusammen bilden Part X. des 
Hauptkataloges der Bodleian-Manuskripte. 

1852— 1860: „Catalogus librorum Hebrae- 
orum in Bibi Bodl. jussu curatorum digessit 
et notis instruxit M. Steinschneider. BerolinL 
1852—60." pp. [4] + coli CXXXIL+pp. [2] + colL 
3104+pp. C. Enthält alle hebräischen Bücher 
der Bodleian und [in Klammem] auch eine 
große Anzahl damals noch nicht dort befind¬ 
licher. Der Verkauf dieses wichtigen Kataloges 
brachte der Bibliothek bis in die neunziger Jahre 
hübsche Summen ein. 

1853— 1900: „Catalogus codicum manuscript 
Bibliothecae Bodleianae.“ — 1853 wurde unter 
diesem Haupttitel die Serie der Kataloge der 
Bodleian-Manuskripte begonnen, die noch nicht 
abgeschlossen ist Alle sind von der Clarendon 
Press gedruckt, uniform in quarto. 

Pars prima: Conf. H. O. Coxe. pp. [4] + 
coll 908+pp. [2]+ ‘911*—‘961* (index)+ [1]. 


Alle griechischen Manuskripte (außer den 
D’Orville, Clarke und Canonici, die aber im 
Index aufgefiihrt sind), und die Adversaria 
von Casaubon, Grabe, Langbaine und St Amand. 

— Partis secundae fase . primus . Conf. H. O. 
Coxe. (Cat Cod. Mss. Laud. Cod. Lat et 
Miscell.). 1858: pp. [4] + coll. 528. — 1885 
erschien, von J. Madan herausgegeben, der 
Index und colL 529 bis 534. — Pars tertia: Cod. 
Gr. et Lat Canonic. complectens. Conf. 
H. O. Coxe. 1854: pp. [4] +coli 872+pp. 
‘872’—‘918*. (index). Pars quarta: Cod. . . . 
Th. Tanneri . . . complect Conf. A. Hackman. 
1859: pp. [2] + coli. 794+pp. *796*—‘i 176* (index). 

— Partis qidntaefasc.L — V.: Ricardi Rawlinson 
Codices. Conf. G. D. Macray. 1872—1900, 
ca. pp. [12] + coli 2508 + pp. 670 + [10]. — 
Pars sexta: Codices Syriacos, Curshunicos, 
Mendaeos, complectens. Conf. R. Payne-Smith, 
1864: pp. IX. + [1] + coli 680 + 4 coloured 
plates. — Pars septima: Codices Aethiopici. 
Digessit A. Dillmann. (1848): pp. [4] + 87 +[i]. 
Erst später in die Serie eingereiht ebenso wie: 
Pars octava: Codices Sanscriticos complect 
Conf. Th. Aufrecht 1864: pp. VIIL + 578. 
Zuerst 1859 unter dem Titel: „Cat cod. Mss. 

Sanscrit postved. Auct Th. Aufrecht. 

Pars I.“ erschienen. — Pars ttona: Codices 
a .. K. Digby .. 1634 donatos, complectens. 
Conf. G. D. Macray. 1883: pp. [2] + coli. 
254+pp. *256? —*287’+ [1]. — Pars decima: 
Ashmole (siehe oben). — Pars undecima: Ca- 
talogo dei Manoscritti Italiani... di codici 
Canoniciani Italici... compil dal Conte Aless. 
Mortara. 1864. pp. XIV.+coli. 294+[2] +coli 
‘*295*, , *296 , + < 297 , +*3i6\ Erst später dieser 
Serie eingereiht — Pars duodecitna: Catalogue 
of the Hebrew manuscripts in the Bodleian 
Library and in the College Libraries of Ox¬ 
ford, includ. Mss. in other languages which are 
written with Hebrew characters,... and a few 
Samaritan Mss. Compiled by Ad. Neubauer. 
With 40 facsimiles. 1886: pp. XXXIL+coll. 
1168. Die Faksimiles waren separat veröffent¬ 
licht worden, jedes mit einem Blatt Erklärungen. 

— Pars tertia decima : Catalogue of the Per- 
sian, Turkish, Hindüstani, and Pushtü Mss. in 
the Bodleian Library. Begun by Prof. Ed. 
Sachau ... continued ... by H. Eth6. Part L: 
The Persian Mss. 1889: pp. XU.+colL 1150+ 
p. DL[i]. 


Digitized by tjOOQle 





Degener, Die Bodleian Library in Oxford. 


155 


1857: „Conspectus codd. Mss. Hebraeor. in 
Bibi. BodL Appendicis instar ad. catall. libror. 
et Mss. Hebr.... digessit M. Steinschneider. 
Berolini excudit M. Friedlaender. 1857.“ 4'°, 
pp. VIII. + 32. 

1865: „Catalogue of a collection of early 
Newspapers and Essayists, formed by the late 
J. Th. Hope, and presented ... by Rev. F. W. 
Hope. Oxford, Garendon Press, 1865.“ 8 T0 pp. 
[6]+ 178. Von J. H. Bum verfaßt; behandelt 
fast ausschließlich englische Zeitschriften. 

1869—76: „Calendar of the Garendon State 
Papers... in the Bodl. Library. Vol. L To 
January 1649. Ed by the Rev. O. Oyle ... 
and W. H. Bliss, under the direction of the 
Rev. H. O. Coxe. — Garendon Press: 1872.“ 
8 V0 : pp. Vü.+[i]+ 620+ 16. — Vol. II. To 
the end of 1654. Ed. by the Rev. W. D. Macray. 
1869: 8 TO : pp. VIDL+ 540.—Vol.HL 1655—1657. 
Ed. by ... W. D. Macray. 1876: 8”: pp.XVL 
+488. 

1876: „A catalogue of Chinese Works in 
the Bodleian Library, by Jos. Edkins. Oxford, 
Garendon Press: 1876.“ 4* 0 : pp. [2]+coli. 46. 

1878: „Calendar of Charters and Rolls pre- 
served in the Bodleian Library. Ed. by 
W. H. Turner under the direction of the Rev. 
H. O. Coxe. Garendon Press: 1878.“ 8 vo : pp. 
XXIL+[2]+849+[1 ]• 

1878—80: „Catalogue ofPeriodicals contain- 
ed in the Bodleian Library. Part I: English Pe¬ 
riodicals. Clarendon Press.“ 8 T0 : pp. [2] +141 + [1]. 
— Part HI: Foreign Periodicals, etc.: 8 T0 : pp. 
[2] + 158. — Part IL: Colonial Periodicals, ist 
bis jetzt noch nicht erschienen. 

1881: „A catalogue of Japanese and Chinese 
Books and Mss. lately added to the BodL 
Libry ... prepared by Bunyiu Nanjio ... Ga¬ 
rendon Press: 1881.“ 4*° p. [i] + colL 48+p. [1]. 

1888: „Catalogue of the Mohammadan Coins 
preserved in the Bodl Libiy ... By St Lane- 
Poole. With four plates. (Index der Geschenke 
und Ankäufe von E. [W.] B. Nicholson. Ga¬ 
rendon Press: 1888.“ 4* 0 pp. XVL + SS + [1]+4 
plates. 

1895—97: „A Summary Catalogue of Wes¬ 
tern Manuskripts in the BodL Libry at Oxford 
which have hitherto been catalogued in the 
Quarto Series. With references to the Oriental 
and otherMss. ByJ. Madan. Vol. UL: Collections 
received during the XVUL Century ... Ga¬ 


rendon Press: 1895.“ 8 T0 : pp.DC + [3]+65i + [i]. 
Die ersten beiden Bände sollen eine neue 
Auflage des Old-Catalogue von 1679 enthalten, in 
dem die Manuskripte von 1 bis 8,7x6 numeriert 
sind. Dieser Band enthält 8,717 bis 16,669. 

— Dasselbe. — Vol IV.: „Collections receiv¬ 
ed during the first half of the XIX. Century. 
No. 16,670—24,330. 1897.“ 8 T0 : pp. XVI+ 
723+ [i]- 

1899—1902: „Early Bodleian Music. Dufay 
and his contemporaries. Fifty compositions 
(... A. D. 1400 to 1440) transcribed from Ms. 
Canonici misc. 213, in the Bodl Libry... by 
J. F. R. Stainer and C. Stainer. With an intro- 
duction by E. W. B. Nicholson ..., and a cri- 
tical analysis of the music by Sir John Stainer. 
London and New-York: 1898 [1899].“ 4*°: pp. 
XIX.+ [3]+ 8 plates + 207+[1]. — 

1901 [02]: „Sacred and Secular Songs, to- 
gether with other Ms. compositions ... from 
about A.D. 1185 to about A.D. 1505. With 
an introd. by E. W. B. Nicholson, and tran- 
scriptions into modern musical notation by J. F. 
Stainer and C. Stainer.“ Edited by Sir John 
Stainer.“ VoL L: Facsimiles. London and New- 
York: 1901(1902).“ 4*°. pp. XXVUL + [2] + 223 
+ [i]. — VoL U.: Transcriptions: London: 1901 
(1902): pp.XU.+[2]+ 219+[5]. — 

Dies sind die bis jetzt im Druck vorliegen¬ 
den Kataloge. In der Presse befinden sich 
und werden zum Teil in allernächster Zeit er¬ 
scheinen: 

„Catalogue of the Hebrew Mss.“ VoL U. 
by A. Neubauer and A. E. Cowley. 

„Catalogue of the Persian, etc. Mss. Part U., 
by Prof. H. Ethö, containing the Turkish, 
Hindüstänl, and Pushtu Mss., with the ad¬ 
ditional Persian ones and tables, index &c. to 
the entire work.“ 

„Catalogue of the Armenian Mss.," by the 
Rev. S. Baronian. 

„Summary Catalogue of Western Mss.,“ 
Vols. V. and VI. 

„Catalogue of the Dravidian Mss.,“ by the 
Rev. G. U. Pope. 

Wenn diese Kataloge nun auch den bei 
weitem größten und sehr hoch anzuschlagenden 
Teil der Veröffentlichungen der Bodleian Library 
bilden, so sind sie doch nicht die einzigen. 
Wie es allen Beamten zur Erlangung fester An¬ 
stellungen als Assistenten und fiir höhere Posten 


Digitized by LjOOQle 




Dcgener, Die Bodleian Library in Oxford. 


156 


zur Pflicht gemacht wird, Vorlesungen in der 
Universität zu belegen und in der Universität 
zu graduieren, so ist auch schon seit langen 
Jahrzehnten ihre literarische Tätigkeit über die 
Grenzen ihrer Bibliotheksarbeiten hinaus an¬ 
geregt worden. Die Kuratoren haben es nie 
einem Bibliothekar zum Vorwurf gemacht, pri¬ 
vater literarischer Arbeit nachzugehen, wie es 
Bodley seinem Adlatus James gegenüber mehr¬ 
fach und nicht ganz mit Unrecht tun mußte. 

Von großem Interesse dürfte eine Liste der 
Hauptbibliothekare sein, gewöhnlich „Bodleys 
Librarian“ genannt, ebenso wie die einiger der 
bedeutendsten Sub - Librarians, deren Fähig¬ 
keiten und Begeisterung für ihre Arbeit den 
Wissenschaften unschätzbare und dauernde 
Dienste geleistet haben. Dreizehn Librarians 
haben seit 1600 in der Bodleian geherrscht. 
Ihre Vorgänger in der alten Universitätsbibliothek 
haben wir schon weiter oben erwähnt 

Bodleys Wahl scheint zweifellos eine glück¬ 
liche und den Umständen sehr entsprechende 
gewesen zu sein. 

Von 1600 (?) bis 1620 war Thomas James, 
M. A.,D. D., „Keeper of the Vniuersitie Librarie,“ 
wie ihn Bodley immer nannte, oder „Biblio- 
thecarius", wie er von 1613 an hieß.— Im ersten 
University Calendar (vom Jahre 1810) wird 
dann der bis auf den heutigen Tag beibehaltene 
Titel ,»Bodleys Librarian“ gebraucht Wegen 
Krankheit zog sich James 1620 zurück und 
starb im August des Jahres 1629. 

Wenn er auch zunächst direkt unter Bodleys 
Anleitung arbeitete, so sind wir ihm doch auch 
für viele originale Einrichtungen zu Dank ver¬ 
pflichtet Es ist in nicht geringem Maße auch 
sein Verdienst, daß die ganze Organisation und 
Nützlichkeit der Bodleiana auf so fester Grund¬ 
lage aufgebaut ist Seine „Underkeepers“, gegen 
deren erste Einsetzung sich ja Bodley ziemlich 
lange sträubte, waren Philip Price (1607? bis 
1613); J- Berry (1613 bis 1614?), John Vemeuil 
(1614? bis 1647), ein Huguenot von der Uni¬ 
versität zu Montauban, der sich in vieler Hin¬ 
sicht um die Bibliothek verdient machte. Es 
folgten sodann als Keepers: 

1620—1652: John Rouse (Russe), M. A., 
der bis zu seinem Tode am 3. April 1652, 
78 Jahre alt, auf dem Posten verblieb. 


1652—1660: Thomas Barlow, M. A., D. D., 
der 1660 bei seiner Ernennung zum Lady 
Margaret Professor of Divinity zurücktrat, 1675 
Bischof von Lincoln wurde, im 84. Jahre am 
8. Oktober 1691 starb und der Bodleiana viele 
sehr wertvolle Bücher und Manuskripte hinter¬ 
ließ. 

1660—1665: Thomas Lockey, D. D., der 
vierzehn Jahre vor seinem Tode die Stellung 
aufgab, um Canon von Christ Church College 
zu werden. 

1665—1701: Thomas Hyde, M. A., D. D., 
der schon Underkeeper seit 1659 war. Dieser 
berühmte Orientalist ist zweifellos einer der 
bedeutendsten Bibliothekare gewesen, trotz ab¬ 
fälliger Urteile seitens Wanleys und H. Prideauxs. 
Im November 1695 sandte er an die Stationers 
Company eine Abschrift des Abkommens 
zwischen ihr und Bodley, damit sie es besser 
befolgen sollten, nachdem er schon zum Zwecke 
gründlicher Ermahnung persönlich im Jahre 1688 
in London gewesen war. Mit Rücksicht auf 
Krankheit und mit dem Wunsche, sich ganz 
literarischer Tätigkeit zu widmen, trat er 1701 
vom Amte zurück und starb am 12. Februar 
1702(3). Underkeepers zu seiner Zeit waren 
auch William Crabb(e) und dessen drei Söhne 
John, Brook(e) und Joseph. 

1701—1719: John Hudson, M. A., D. D., 
der mit 194 Stimmen gegen Professor J. Wallis 
(mit 173 Stimmen) erwählt worden war. Er 
wurde beständig von seinem berühmten Assi¬ 
stenten, dem 1703 zum Janitor erwählten Thomas 
Heame, angegriffen, der ihm grobe Vernach¬ 
lässigung der Bibliothek und Unfähigkeit vor¬ 
warf, und, so weit wir es beurteilen können, 
nicht mit Unrecht Er war zweimal verheiratet, 
was Heame veranlaßte, im Übereifer von ihm 
zu schreiben: „Der Doktor hat ein loses, ver¬ 
schwenderisches und unreligiöses Leben geführt, 
wie ich oft gehört habe. Die Familie, in die 
er geheiratet hat, taugt gar nichts und ist genau 
so geizig, falls dies möglich ist, wie er selbst." 
Es kam zwischen beiden Männern oft zu 
Reibereien, und Hudson drohte Heame ver¬ 
schiedentlich mit Entlassung, die dann schlie߬ 
lich auch im Jahre 1716 von den Kuratoren 
gegen den Nonjuror autorisiert wurde, aller¬ 
dings auf Grund einer ungerechten Behauptung: 
wegen Pflichtvergessenheit Auf jeden Fall 
bestätigen auch andere Zeitgenossen, so z. B. 


Digitized by tjOOQle 



Degener, Die Bodleian Library in Oxford. 


157 



Z. C. Uffenbach in sehr ausgesprochener 
Weise in seinen Briefen und seinen lebens¬ 
wahren Reisebeschreibungen, daß unter 
Hudson viele gute alte Einrichtungen 
sowohl wie die ganze Bibliothek arg ver¬ 
nachlässigt wurden und unter den An¬ 
gestellten Unwissenheit viel zu hervor¬ 
tretend war. Nach Hudsons Tode wurde 

1719—1729: Joseph Bowles Biblio¬ 
thekar, ein Freund, Assistent und 
Schmeichler Hudsons. Er begann einen 
neuen Katalog zu drucken, eine Arbeit, 
zu welcher nach Des Maizeauxs Zeugnis, 
der viel gutes über ihn gehört hatte, 
niemand besser geeignet war. Sein Sub- 
Librarian von 1719 bis 1746 war Francis 
Wise, M. A., B. D., der nach seinem 
Rücktritte zum ersten Bibliothekar der be¬ 
rühmten Radcliffe Library im Jahre 1748 
ernannt wurde. Auf Bowles folgte 

1729—1747: Robert Fysher, M. B., der 
trotz seiner Hingabe an seine Pflichten 
durch die großen Mühen der Herausgabe 
des von Bowles begonnenen Kataloges 
und durch häufige Krankheit an der 
genauen Führung der Register und 
Aufarbeitung der Neuerwerbungen stark 
behindert wurde. Er starb am 4. No¬ 
vember 1747. 

10. November 1747—1768: Humphrey 
Owen, D. D. Er war ein arbeitsamer 
Mann, der es mit seinen Pflichten sehr genau 
nahm. Seinen verstorbenen Vorgänger nahm 
er stets in Schutz, selbst gegen seinen Freund 
Rawlinson, dessen großartige Schenkung den 
Ehrenplatz unter den Gaben einnimmt, welche 
die Bodleian unter Owen empfing. 

1768—1813: John Price, B. D., der schon 
vor 1757 als Janitor im Dienste der Bibliothek 
und 1761—63 Sub-Librarian, 1765—67 Deputy- 
Librarian an Owens Statt war. Gegen ihn 
richtete sich das gedruckte Denkschreiben an 
die Kuratoren „mit Bezug auf den Zustand 
der Bibliothek“, das Professor Dr. Thomas 
Beddoes am 31. Mai 1787 veröffentlichte und 
das zu einem ziemlich langen und heftigen 
Pamphletkampfe zwischen den Parteien führte. 
Abwesenheit von seinem Posten, verspätetes 
oder gänzlich unterlassenes Öffnen der Biblio¬ 
thek, verschwenderische und Mangel an Kennt¬ 
nissen offenbarende Ankäufe, Nachlässigkeit 

Z . t B. 1904/1905. 


Der heilige Lukas bei der Arbeit 
Aus einem reich illuminierten Manuskript des XII. Jahrhunderts in der Bodleiana. 

und Unhöflichkeit u. s. w. wurden ihm vor¬ 
geworfen. Als teilweise Folge wurde 1788 
bestimmt, daß in Zukunft anstatt eines zwei 
Sub-Librarians zu ernennen seien. Dagegen 
finden wir in Nichols „Illustrations of the Lit. 
History of the XVIII. Century“, Vol. VI. 471 ff. 
ein viel günstigeres Urteil über Price. Es 
wird dort seinem Entgegenkommen und seinen 
Anstrengungen zugeschrieben, daß Gough die 
Bodleiana zur Erbin einsetzte. Allerdings wird 
auch hier festgestellt, daß im großen ganzen 
die Bibliothek stagnierte, viele und schwere 
Rückstände sich aufsammelten und der Ausbau 
vernachlässigt wurde, wie man z. B. aus dem 
schnellen Aufsteigen der Auslagen fiir An¬ 
schaffungen und dem Anschwellen der Kataloge 
nach seinem Tode ersehen könnte. Sein Nach¬ 
folger war sein Pate Bandinel. 

1813 —1860: Bulkeley Bandinel, M. A., 
D. D., seit 1810 Sub - Librarien. Bei seiner 

21 


Digitized by LjOOQle 



























15« 


Degener, Die Bodleian Library in Oxford. 


Ernennung traten die neuen Statuten in Kraft 
und des Librarians Salär wurde auf £ 400 er¬ 
höht. Unter ihm wuchs die Bibliothek gewaltig; 
er schied von ihr nur infolge zunehmender 
Altersschwäche nach fünfzigjähriger Dienstzeit, 
neunundsiebzig Jahre alt, schweren Herzens, und 
starb sieben Monate später. Seine Unter¬ 
gebenen fürchteten und verehrten ihn; von ge¬ 
winnender Liebenswürdigkeit ihm angenehmen 
Lesern gegenüber, war er gegen weniger Glück¬ 
liche meistens von einer oft gerügten Unhöflich¬ 
keit. Zu seinen bedeutendsten Sub-Librarians 
gehörten: Dr. Henry Cotton (1814—1822), 
Dr. Philip Bliß (1822—1828), Professor Stephen 
Reay (1828—1860), William Cureton (1834 bis 
1837), der 1837 als Assistent Keeper of Mss. in 
das British Museum übertrat, wie schon vor 
ihm zwei berühmte Sub-Librarians: H.H.Baber 
0 797—1807), von 1812 bis 1837 Keeper of 
the Printed Books, und (Sir) Henry Ellis (1798 
bis 1800), späterer Principal Librarian and 
Director. Als Bandinels Nachfolger wurde ein¬ 
stimmig erwählt: 

1860—1881: Henry Octavius Coxe, M. A., 
von 1838 ab Sub - Librarian. Er starb nach 
jahrelangem Leiden am 8. Juli 1881, tief¬ 
betrauert von der ganzen Universität und von 
der gelehrten Welt aller Länder. Während 
der Zeit seiner Tätigkeit in der Bodleiana 
hat sich diese an Raumumfang und Inhalt 
fast verdoppelt, und die meisten der wich¬ 
tigen Neuerungen, die sie jetzt zu der für den 
Studierenden wertvollsten und angenehmsten 
großen Bibliothek machen, sind unter ihm ent¬ 
standen. Unter ihm wurde auch das Stipend 
des Librarians im Jahre 1873 von £ 700 auf 
£ 1000, das der Sub-Librarians von £ 300 auf 
£ 400 erhöht, letzteres später für den Senior- 
Sub-Librarian auf £ 500. Coxe zur Seite 
standen als Sub-Librarians eine Reihe der be¬ 
deutendsten Wissenschaftler ihrer Zeit, so z. B.: 
Professor Dr. Robert Payne Smith (1860—65), 
Professor Dr. Friedrich Max Müller (1865 —67), 
Dr. Alfred Neubauer (1873—99), Professor Dr. 
Ingram Bywater (1879—80), Falconer Madan, 
M. A., seit 1880, jetzt Senior-Sub-Librarian, der 
sich einen Namen als Palaeographist gemacht 
hat. Nach einem kurzen Interregnum wurde dann 
im Februar 1882 Edward Williams Byron Nichol¬ 
son, M. A. (geboren 1850) zum Librarian erwählt, 
der vorher neun Jahre lang Librarian and Super¬ 


intendent des London Institution gewesen war. 
Seine aufopfernde Tätigkeit für das Wohl und 
Gedeihen der ihm unterstellten Bibliothek in 
allen ihren Zweigen ist reich gesegnet gewesen. 
Wenn genügende Kapitalien zur Verfügung 
ständen, würde die Bodleiana heute wohl höher 
unter den größten Bibliotheken der Welt stehen 
als an fünfter Stelle. Die innere Organisation 
ist so vorzüglich und so gefestigt, der Stab 
schließt so tüchtige Kräfte ein, daß sie selbst 
ungewöhnlichem Zuwachse völlig gewachsen 
sein würde. Die größere Schwierigkeit würde 
der Raum bieten, der schon seit Jahren immer 
beschränkter geworden ist und den man in Kürze 
nur durch umfassende Neubauten wird schaffen 
können, sei es durch Anbau, sei es (so phan¬ 
tastisch es auch klingen mag) durch unter¬ 
irdische Gewölbe im inneren Hof und zwischen 
der Bodleian und der Camera. 

Wie bekannt war der räumliche Umfang der 
Bibliothek Thomas Bodleys ihrem Inhalte ent¬ 
sprechend ein mit dem heutigen verglichen ganz 
unbedeutender. Bodley hatte zunächst zwischen 
1598 und 1600 mit beträchtlichen Kosten den 
großen, noch heute in aller Welt als „Duke Hum- 
phreys Library“ berühmten Saal mit der schönen, 
hochinteressanten Decke über der alten Divinity- 
School wieder einrichten lassen, der von Westen 
nach Osten sich erstreckt, 86 Fuß lang und 
32 Fuß breit ist, auf jeder Längsseite zehn Fenster 
hat und fast unverändert erhalten ist. Für den 
Zweck einer Bibliothek mit der wesentlichen 
Unterstützung von Humphrey,Duke of Gloucester, 
erbaut und 1480 beendet, hatte diese Halle seit 
der Zerstreuung der alten Universitäts-Bibliothek 
und Versteigerung der Ausstellung verödet da¬ 
gestanden. Durch Bodleys Anstrengungen er¬ 
blühte dann neues Leben aus diesen Ruinen. 
Die herrliche Divinity-School, die mit großem 
Aufwand und vollkommenem Geschmack im 
fünfzehnten Jahrhundert (1445 bis 1480) er¬ 
richtet worden war, muß zu jener Zeit, als alle 
Fenster mit buntem Glas gefüllt und die un¬ 
zähligen Skulpturen in bestem Zustande waren, 
einen märchenhaft schönen Eindruck gemacht 
haben, den sie auch noch heute nicht ganz 
verloren hat. 

Wie vorauszusehen war, genügte der Raum 
für die anschwellende Menge von Literatur bald 


Digitized by LjOOQle 



Degener, Die Bodleian Library in Oxford. 


159 


nicht mehr, und Bodley legte am 16. Juli 1610 
den Grundstein zu dem Proscholium mit dem 
neuen Ostflügel der Bibliothek darüber, ein 
Bau, der sich vollkommen harmonisch innerlich 
und äußerlich an die Divinity-School und Duke 
Humphreys Library anschloß und im Jahre 1612 
fertiggestellt wurde. Eine Inschrift an der Front 
dieses Gebäudes verherrlicht Bodleys Werk: 
„Quod feliciter vortat. Academici Oxoniens. hanc 
bibliothecam vobis reipvblicaeqve literatorvm T. 
B. P.“ Das vornehm schöne, große Ostfenster 
enthält einige wertvolle Paneele historisch inter¬ 
essanten Buntglases. 1613 bis 1619 wurde mit 
einem Kostenaufwand von £ 2497. 10 s - ^ as 
dritte Stockwerk über den alten Examinations- 
gebäuden aufgeführt, die „Bodleian Picture 
Gallery“. Im Laufe der Jahre wurde auch 
diese Galerie zur Aufbewahrung von Büchern in 
Wandgestellen benutzt, während sie sonst noch 
zur Ausstellung von Gemälden, Skulpturen, 
Modellen, Antiquitäten und Reliquien dient, die 
der Bodleiana zu verschiedenen Zeiten geschenkt 
und nicht inzwischen mit den Sammlungen im 
Ashmolean Museum vereinigt worden sind. 
Eine der interessantesten Reliquien ist Bodleys 
„Chest“, ein starker eiserner Koffer, mit den 
Wappen der Universität und Bodleys in Malerei, 
an dem besonders die ungewöhnliche Schönheit 
der Arbeit der mächtigen Schlösser auf der 
Innenseite des Deckels bemerkbar ist. Er 
sollte zur Aufnahme der Verwaltungsgelder der 
Bibliothek dienen, wurde vom 20. Mai 1613 
an zusammen mit dem Schatzkasten der Uni¬ 
versität im Corpus Christi College aufbewahrt, 
1622 aber nach der Bodleiana zurückgebracht 
Das Quergebäude im Westen der Bibliothek 
über dem Convocation House, das Erzbischof 
Laud erbaut hatte, wurde am 13. Mai 1634 
begonnen und war im Jahre 1640 zur Aufnahme 
der jetzt dort aufbewahrten Schätze fertig. 
Seldens Bücher und Manuskripte wurden hier 
im Jahre 1659 aufgestellt, und noch heute wird 
dieser große Saal nach Seiden benannt. Leider 
zeugt die äußere Architektur dieses West¬ 
flügels von einer sehr bedauerlichen Gleich¬ 
gültigkeit und beleidigt noch jetzt trotz einiger 
Änderungen das Auge. Durch sie wurde der 
gesamte Bau, der anders zweifellos einer der 
vollkommensten seiner Art sein würde, für 
immer verdorben. Daß Bodleys Ziel, gutes 
Material und schöne, vollkommene Form bei 


seinen Bauten zu erreichen, hier so vernach¬ 
lässigt wurde, ist leider kein ehrenvolles Denk¬ 
mal, das sich jene Zeit gesetzt hat. 

Allmählich dehnte sich dann die Bodleiana 
auf die anschließenden „Schools“, die Lehrsäle 
der verschiedenen Disziplinen, aus und ver¬ 
drängte diese so im Laufe der Jahre ganz und 
gar aus dem Viereck des harmonischen im¬ 
posanten Baues. Nur die Überschriften über den 
Türen zu den einzelnen Sälen sind uns als 
Zeugen hinterblieben, während ihren Zwecken 
jetzt die „New-Schools“ in der High-street 
dienen. 

Der Platz war von Alters her von Gebäuden 
eingenommen, die als Hörsäle der gesamten 
Universität benutzt wurden und von denen uns 
noch Skizzen in zeitgenössischen Werken be¬ 
kannt sind. Thomas Hokenorton, Abbot von 
Osney, scheint um 1439 den ersten Versuch 
gemacht zu haben, sie alle in einem Ge¬ 
bäude an der jetzigen Stelle zu vereinigen. 
Im Jahre 1532 wollte man den Bau wesent¬ 
lich verbessern und ausdehnen, aber die kirch¬ 
lichen Unruhen jener Zeit machten trotz großen 
Aufwands an Geld den Plan zunichte, und 
so verwandelte man den Bauplatz in einen 
Garten und Schweinemarkt: „pig-market“, wie 
heute noch das Proscholium in Erinnerung 
jener Tage im Volksmunde heißt. 1554 endlich 
erhielt die Universität die Stiftung des Platzes 
vom Christ Church College und 1558 wurde mit 
den Reparaturen begonnen. Doch war schlie߬ 
lich auch hier Bodley der Reformer und 
Wiedererwecker zu neuem Leben. Denn es 
ist so gut wie sicher, daß wenigstens ein Teil 
der ehemaligen „Natural Philosophy School“ 
sein Werk ist, und er beschäftigte sich ernst¬ 
haft mit dem Plan und den Einzelheiten des 
beabsichtigten Neubaus des ganzen Quadrangels. 
Er schrieb darüber an den Vice-Chancellor, 
und in seinem Testamente hatte er auch die 
Summen zum Bau des dritten Stockwerkes vor¬ 
gesehen, falls die beiden unteren Geschosse 
durch Subskription erbaut werden sollten. 
Viele innere Beweise sprechen dafür, daß 
Bodley noch soweit kam, die eine Ecke des 
Vierecks zu errichten, gewissermaßen als Muster 
für die weitere Ausführung des ganzen Blockes, 
zu dem der Grundstein am Tage nach Bodleys 
Beisetzung im Merton College gelegt wurde. 
Der Architekt, mit dem schon Bodley in reger 


Digitized by ^ ooQle 



i6o 


Dcgener, Die Bodleian Lil>rary in Oxford. 


Beziehung stand, war Thomas Holt aus York, 
der 1624 in Oxford starb. Ihm verdankt die 
Universität hauptsächlich die Erhaltung und 
Wiederbelebung der gotischen Architektur, 
an der sie so reich ist und in der er Meister¬ 
haftes leistete, so z. B. in der schönen Decken¬ 
wölbung in dem Proscholium. 

Das jetzige Viereck der „Schools“, das 
heute mit den ursprünglichen Bibliotheksbauten 
ein Ganzes bildet, verdient besondere Beach¬ 
tung. Der heutzutage fast stets verschlossene 
Hauptzugang ist von Catherine-Street her unter 
dem großen, massiven, viereckigen Turme, der 
nach außen hin nur unwesentlich aus dem 
Mauerwerk des Gebäudes hervortritt, während 
er nach innen deutlich als ein in sich selbst 
abgeschlossenes Werk erkenntlich ist. Bodley 
war lebhaft an seiner schnellen Fertigstellung 
interessiert, wohl weil er in ihm König James I. 
ein Denkmal setzen wollte. Die Fassade im 
Hofe bringt die fünf Hauptformen der archi¬ 
tektonischen Ordnung zur Veranschaulichung: 
die toskanische, dorische, jonische, korinthische 
und römische Säulenordnung. Der untere Teil 
der Säulenschäfte ist reich mit Arabesken ver¬ 
ziert, und über dem Fenster des dritten Stock¬ 
werkes befindet sich ein großes Denkmal König 
James* I., zur Seite Idealfiguren der Religion 
und des Ruhmes. Die Architektur mag von 
Holt herrühren, während der Grundgedanke 
und die Angaben der Einzelheiten sicher von 
Bodley stammen. Im Süden und Norden be¬ 
finden sich Zugänge zum Innern des Vierecks, 
während im Westen der Zutritt durch das 
Proscholium führt. Das Treppenhaus in der 
Südwestecke wurde sicherlich nach Vollendung 
jenes Teiles angebaut; denn noch heute kann 
man in seinem Inneren an den zwei Seiten im 
Süden und Westen dieselben Verzierungen 
sehen, die die Mauern dieser Seiten außen 
schmücken. Wo sich früher der Aufgang zur 
Bibliothek für die Leser befand, der jetzt in 
diesem Treppenhaus liegt, hat sich noch nicht 
genau feststellen lassen. Ähnliche viereckige 
Vorbauten befinden sich in den anderen drei 
Ecken des Quadrangels und enthalten Treppen 
für den internen Verkehr. 

Die Nordseite des Divinity-School-Baues 
und das Nordende des Westflügels stehen 
frei nach einem kleinen Platze zu, der nördlich 
vom „Sheldonian Theater“ und „Ashmolean- 


Building“ abgeschlossen wird, deren Unter¬ 
geschosse jetzt auch zum Aufbewahren von 
Büchern der Bodleiana benutzt werden. Die 
Südseite und das Südende und die Westseite des 
Westflügels sind vom Garten des Exeter College 
umgeben, ein Umstand, der schon oft die 
Autoritäten der Bodleian mit großer Sorge 
um die Sicherheit der ihnen anvertrauten 
Schätze erfüllt hat, sollte dort einmal ein 
Brand ausbrechen, wenn zuzeiten der öfters 
wiederkehrenden Universitäts- und College- 
Festlichkeiten daselbst große Feuerwerke ab¬ 
gebrannt werden. 

Die Last der Bücher auf den Gestellen, 
an den Wänden und auf den Galerien in 
Duke Humphreys Library hatte Sprünge in 
der wundervollen Decke der Divinity-School 
verursacht und große Beängstigung unter den 
Kuratoren hervorgerufen. Sir Christopher Wren 
der berühmte Architekt, wurde deshalb 1700 
befragt, da das Verankern der Decke und Be¬ 
festigen der Gestelle direkt an den Wänden frei 
vom Boden, das einige Jahre zuvor unter 
Dr. Aldrichs Leitung geschehen war, ein Heraus¬ 
drücken der Südwand verursacht hatte. Auf 
seine Anordnung hin wurden nach sorgfältigster 
Untersuchung des ganzen Mauerwerkes die 
großen Strebepfeiler aufgeführt, die wir jetzt, 
zum Teil unter Epheu versteckt, im Exeter 
College-Garten sehen. 1877 glaubte man wieder 
ein Senken und Nachgeben der Seitenmauer 
und einen Druck auf die Decke der Divinity- 
School bemerken zu können, weshalb ein Teil 
der Gestelle beseitigt wurde, ebenso wie die 
Galerie und die schönen geschnitzten Treppen zu 
ihnen; ein freiliegender Fußboden wurde ein¬ 
geschoben. Glücklicherweise stellte sich bei 
genauem Vergleichen der neuen mit den von 
Wren gemachten Messungen heraus, daß die 
Sorge unbegründet gewesen war. 

In den Jahren 1876 bis 1884 endlich wurden 
die sämtlichen Gebäude einer gründlichen Re¬ 
novation im Äußeren unterzogen, die der Uni¬ 
versität £ 26440. 2 s. 11 d. kosteten, von denen 
allein £ 6181. 9 s. 1 d. auf den Turm kamen. 
Alle Vorkehrungen wurden getroffen, sowohl Bar¬ 
barismen früherer Renovateure zu beseitigen wie 
auch eine Wiederkehr des Verwittems und Zer- 
bröckelns des Steines zu vermeiden. Auf die 
innere Einrichtung der verschiedenen „Schools“ 
zur Aufnahme der wachsenden Bücherflut und 


Digitized by LjOOQle 



Degener, Die Bodleian Library in Oxford. 


auf die dadurch notwendig werdenden beträcht¬ 
lichen Ein- und Umbauten wurden große Summen 
verwandt, und es wurde dabei immer im Auge 
behalten, die ursprüngliche Form der Gebäude 
wiederherzustellen. Allerdings hat der ganze Bau 
nach unserm Geschmack durch die glatte Ver¬ 
kleidung der Außenmauem einen guten Teil an 
malerischem Reize verloren, den die verwitterten 
Mauern, in denen man die großen, zum Bau 
verwandten Sandsteinblöcke sehen konnte, be¬ 
saßen. Unsere Bilder sind nach Aufnahmen 
vor der Renovation gemacht worden und be¬ 
sitzen deshalb besonderen Wert. 

Eine ungemein wertvolle Erweiterung erfuhr 
die Bodleiana 1860 durch Annahme seitens der 
Kuratoren des von den Radcliffe-Trustees ge¬ 
machten Angebotes (zuerst von Dr. [Sir] H. 
W. Acland 1856 angeregt), das schöne Gebäude 
der Radcliffe Library als Lesesaal der Bodlei¬ 
ana für immer zu leihen. Es war Dr. Rad- 
cliffes ursprüngliche Idee gewesen, ehe er zum 
Bau einer eigenen Bibliothek sich entschied, 
einen Flügel an die Bodleiana anzubauen; nach 
dem Übergang der medizinischen und natur¬ 
wissenschaftlichen Literatur der Radcliffe-Library 
in das Universitätsmuseum kam man also ge¬ 
wissermaßen auf des hochherzigen Stifters ersten 
Plan zurück. Die nötigen Umbauten, die Ver¬ 
legung der Treppe aus der Mitte des Gebäudes 
an die Seite, die Einrichtung des Erdgeschosses 
und des Hauptsaales geschahen auf Kosten der 
Universität, die Unterhaltung des Gebäudes 
aber bestreiten die Radcliffe-Trustees. 

Die Radcliffe Library, jetzt auch als 
„Camera“, „Camera Bodleiana“ oder „Camera 
Radcliviana“ bekannt, wurde auf Kosten des 
im Jahre 1714 verstorbenen Dr. John Radcliffe, 
Leibarztes von William III., Mary II, Königin 
Anna und Prinz Georg von Dänemark, in 
der Zeit vom 17. Mai 1737 bis 13. April 
1749 mit einem Aufwande von £ 40000 er¬ 
baut Der Bau ist insofern interessant, als 
er vom architektonischen Standpunkte aus so 
ganz von allem abweicht, was ihn umgibt. 
Frei auf einem Platze errichtet, erhebt er sich 
wie auf Arkaden erbaut zu beträchtlicher Höhe, 
weithin sichtbar, ein Wahrzeichen Oxfords, eine 
berühmte Aussicht über die ringsherum zu 
seinen Füßen liegende Universitätsstadt ge¬ 
während. Die Grundform, der Grundstock und 
das Erdgeschoß bilden ein doppeltes Achteck, 


161 


mit breiten massiven Pfeilern zwischen den acht 
weiteren Öffnungen, die jetzt mit vom Boden 
bis fast zur Decke reichenden Fenstern gefüllt 
sind. Der Durchmesser beträgt hundert Fuß. 
Das obere Stockwerk ist völlig rund, mit 
korinthischen Dreiviertel-Säulen verziert, mit 
einer Balustrade versehen und von einer ge¬ 
räumigen und schönproportionierten Kuppel ge¬ 
krönt Eine elegante, leichte Wendeltreppe 
führt zum Lesesaal, mit einer Büste von Gibbs, 
dem Architekten, geschmückt. Die Höhe des 
Domes beträgt vom Fußboden des Saales 84 Fuß, 
und gern verliert sich das Auge im Aufblick 
zu ihm, wenn der Lichterglanz am Abend ihn 
in Halbdunkel hüllt Rings um das Gebäude 
läuft in Drittelhöhe zwischen der äußeren Wand 
und den Bogenpfeilern im Inneren eine breite 
Galerie, die wie das erste Stockwerk mit 
Pulten und Büchergestellen ausgestattet ist, 
während das Erdgeschoß der Aufnahme von 
Büchern dient Da das ganze Gebäude feuer¬ 
sicher und mit Ausnahme eines unterirdischen 
Ganges vollkommen von den anderen Biblio¬ 
theksgebäuden getrennt ist, ist es mit Gas 
erleuchtet und dient seit dem 27. Januar 1862 
als Lesehalle für die Bibliothek, von 10 Uhr 
früh bis 10 Uhr abends geöffnet. Nur neue 
Bücher werden hier aufbewahrt, und das Ge¬ 
bäude ist jetzt schon so ziemlich vollständig 
damit angefüllt, soweit es mit berechtigter 
Rücksicht auf die Architektur und gefälliges 
Aussehen möglich ist. Über 130000 Bände 
dürfte der Bestand zählen, von denen die größte 
Zahl im Erdgeschoß untergebracht ist Die 
Camera sowohl wie Duke Humphreys Library 
und ein Teil der anderen Räume werden jetzt 
(seit 1861) durch Heiß Wasserrohren, meistens 
mit Schiefer verkleidet, gewärmt, nachdem man 
zunächst 1821 mit einem kleinen Heißluftapparat, 
der 1845 ausgedehnt wurde, begonnen hatte. 
Vor jener Zeit gab es keine künstliche Heizung, 
und wir können noch in manchem Berichte 
lesen, welche Leiden Beamte und Leser im 
Winter auszustehen hatten, wenn es hart in 
den weiten Räumen fror, die damals gewiß auch 
noch zugiger waren, als sie es allesamt leider 
noch heute sind. 

Wie schon mehrfach erwähnt wurde, ist die 
Bodleian Library weder ein Staatsinstitut noch 


Digitized by LjOOQle 



162 


Degener, Die Bodleian Library in Oxford. 


bildet sie direkt einen Teil der Universität, 
sondern ist dieser nur affiliert und wird von 
ihr finanziell unterstützt, hat aber eine selb¬ 
ständige Verwaltung, eigene Einkünfte, die von 
dem Vermögen der Universität ganz unab¬ 
hängig sind, und ein eigenes Budget. Ehe 
wir nun zum Abschluß unserer kurzen Ge¬ 
schichte der Bibliothek kommen, wollen wir 
hier noch als interessantes Beispiel den allge¬ 
meinen Rechnungsabschluß pro 1902 abdrucken, 
wie ihn Bodleys Librarian im Annual Report 
of the Curators veröffentlicht. Dies wird den 
Lesern den besten Einblick in die finanzielle 
Lage der großen Bibliothek gewähren. 

Die Einnahmen betrugen: Dividenden und 
Zinsen £ 1825. 9 s. 2 d. (1 £ == 20 Mk. 40), 
Mieten und Grundbesitz £ 416. 11 s. 4 d., Lord 
Crewes Vermächtnis £ 70, regelmäßige Beisteuer 
der Universität £ 4165, Vermehrung derselben 
(an Stelle von Zinsen) £ 900, verschiedene beson¬ 
dere Bewilligungen zusammen £ 492. 12 s. 10 d., 
Beischüsse von All Souls College £ 150, von 
Merton £ 281. 17 s. 6 d., von Trinity £ 150, 
zwei Privatzuschüsse £ 55. 5 s., Abgaben von 
Besuchern der Bodleian £ 114. 15 s. 9 d. und 
der Radcliffe Camera £ 52. 19 s. 10 d. Ver¬ 
käufe und Extras £ 47. 19 s. 9 d., Vortrag von 
1901: £ 510. 8 s. (Ein selten günstiger Fall, 
da meistens Defizits vorhanden sind.) Gesamt¬ 
einkommen £ 9232. 19 s. 2 d. 

Die Ausgaben kamen auf: Saläre für Biblio¬ 
thekar und zwei Unter-Bibliothekare £ 1700, 
Pension für einen Unterbibliothekar £ 250; 
Säläre für 16 Assistenten, 16 Unterassistenten, 
Kastellane, Tischler und Copyright-Agent £3175. 
10 s. 5 d.); Reparaturen, Gestelle, Reinigung usw. 
£ 522. 6 s. 9 d., Feuerung, Licht und Wasser 
£ 238. 12 s. 8 d., Druck der Kataloge, An¬ 
noncen, Formulure und Akzidenzen, Porti, Tele¬ 
phon £ 374. 15 s. 5 d.j Ankäufe von Manu¬ 
skripten £ 118. 7 s., von Büchern £ 1305. 4 s. 
6 d., für Umtausch mit ausländischen Biblio¬ 
theken u. s. w. £ 217. 10 s., für Photographien 
£11. 19 s. 11 d., für Münzen £ 12. 13 s.; für 
Buchbinderarbeiten £ 1132. 8 s. 1 d.; gegen 
Feuersgefahr £ 2. 18 s. 4 d.j Gesamtausgaben 
£ 9061. 17 s. 4 d. 

So sind wir denn zum Ende unseres kurzen, 
schnellen Ganges durch die weiten Räume und 
große Geschichte der, wenn nicht mehr größten, 


so doch sicherlich interessantesten und an¬ 
ziehendsten Bibliothek unserer Zeit gekommen. 
Auf die Tausende von Schätzen einzugehen, 
verbot uns der Raum; man müßte Bände an¬ 
füllen, um dieser Aufgabe nur annähernd 
gerecht zu werden. Die gleiche Schwierigkeit 
macht es, Abbildungen zu wählen, die von 
allem besonders Bermerkenswerten eine um¬ 
fassende Darstellung gewähren. Sie sind schwer 
zu erhalten; wir glauben aber, daß die, die wir 
gewählt haben, unseren Leser eine gute Idee 
geben werden von dem Äußeren und Inneren 
der Gebäude, eine Idee, wie man sie sich oft 
selbst bei persönlichem Besuch an Ort und 
Stelle kaum gleich gut machen kann. Ein Teil 
der Gebäude ist verdeckt durch College-Gärten; 
beim Betrachten des Innern aber werden unsere 
Sinne vielfach durch das pulsierende Leben 
ringsum abgelenkt. Denen jedoch, die doch so 
glücklich waren, sei es zum kurzen Besuch, sei 
es im Verfolg ihrer Studien, an Ort und Stelle 
zu verweilen, denen, so hoffen wir, werden 
unsere Bilder unverlöschliche Erinnerungen neu 
beleben, denn jene Glücklichen haben noch den 
großen Vorteil, daß in ihnen auch das wieder 
wach wird, was wir leider nie im Bilde werden 
festhalten können. Wir meinen die Atmosphäre, 
die diese Räume erfüllt und diesen Ort umweht, 
die in unsere Seele eine feine Melodie grub, 
alt wie die Jahrhunderte, die hier ruhen, frisch 
und süß wie der sprossende Frühling; eine Me¬ 
lodie, die von neuem erklingt, wenn der Anblick 
der Bilder dieser Stätte die Saiten unserer 
Seele wieder in Schwingungen versetzt. 

Nach der auf eigene Art und Weise von 
Frangois de Bonivard, dem Gefangenen von 
Chillon, gegründeten kleinen öffentlichen Biblio¬ 
thek zu Genf ist die Bodleiana die erste öffent¬ 
liche Bibliothek der Welt gewesen, und ihrer 
großen Aufgabe, Können und Wissen aufzu- 
speichem und dem literarischen, mit Gaben 
des Geistes schaffenden Arbeiter seine Hand¬ 
werkzeuge zusammenzubringen, zu ordnen und 
zu verwalten, ist sie nicht nur von Anfang an 
in treuer Ausführung des Planes ihres Be¬ 
gründers glänzend gewachsen gewesen, sondern 
sie hat auch in unzähligen Fällen direkt an¬ 
regend gewirkt und zum Forschen und Denken 
begeistert. 

Leider sind ihre Verwalter fast beständig in 
der Ausführung ihrer Pläne behindert worden, 


Digitized by LjOOQle 



Degener, Die Bodleian Library in Oxford. 


163 


und es war traditionell geworden, daß mit 
schweren Rückständen aufzuräumen war, ehe an 
ein Vorwärtskommen mit den neuen Aufgaben 
gedacht werden konnte. Dem jetzigen Biblio¬ 
thekar, seinem Vorgänger und seinen beiden 
Stellvertretern, ebenso wie einigen der be¬ 
deutendsten der höheren Assistenten gebührt 
der Ruhm, enorme Massen von Rückständen in 
den letzten dreißig Jahren bewältigt und die 
Bibliothek auf eine Höhe der Leistungsfähigkeit 
gebracht zu haben, die sie nie zuvor einge¬ 
nommen hat. Trotzdem ist man noch nicht 
mit den Resultaten zufrieden und man hat sich 
jetzt das Ziel stecken können, an Verbesserungen 
in Einzelheiten zu denken, deren Ausführung 
die Nutzbarkeit der Bibliothek noch wesentlich 
erhöhen wird. Wenn auch die Mittel zu An¬ 
schaffungen in einem Mißverhältnis stehen zu 
der ungeheuren Produktion wichtiger Werke, die 
in keiner erstklassigen Bibliothek fehlen dürften, 
so ist es den Leitern doch gelungen, mit gutem 
Geschick das Beste und unumgänglich Not¬ 
wendigste herauszugreifen, und wenn irgend 
möglich wird nach den Vorschlägen der Leser 
alles Gewünschte angeschafft. Auf einem 
Gebiete auf jeden Fall kann kein Forscher 
und Gelehrter umhin, nach der Bodleiana zu 
wallfahren und dort an den Quellen zu 
schöpfen: das ist in bezug auf die enorme 
Menge von Manuskripten aller Diszipline und 
in bezug auf die vielen Inkunabeln und Er¬ 
zeugnisse der englischen Presse vor den Bürger¬ 
kriegen. 

Ob die Universität durch sich selbst in der 
weiten Welt das hohe Ansehen errungen hätte, 
das sie jetzt genießt und das sie in England 
stets genossen hat, ist mehr als fraglich, vor 
allem bei dem zähen Festhalten an mittelalter¬ 
lichen Methoden und bei der fast unverständ¬ 
lichen Schwerfälligkeit, Neuerungen einzuführen 
und sich mehr den streng wissenschaftlichen 
Forschungsweisen zu erschließen. Die Bod¬ 
leiana hat ihr zu dieser Stellung verholfen und 
ihren Ruhm in alle Welt getragen, wie sie auch 
dem ganzen Leben der Universität in vieler 


Hinsicht ihren Stempel unverkenntlich aufge¬ 
drückt hat. 

Möge über der Bodleiana immer ein gün¬ 
stiger Stern scheinen, damit sie ihre segens¬ 
reiche Aufgabe ungestört, und nicht wie vor 
Bodleys Zeiten grausam unterbrochen, fortsetzen 
kann, zu Nutz und Frommen lebender und 
kommender Geschlechter. Wie mir, dem Schrei¬ 
ber, so werden auch anderen die Bibliothekare 
Mr. E. W. Byron Nicholson, M. A., Mr. F. 
Madan, M. A., und Mr. A. E. Cowley, M. A., 
mit unermüdlicher Gefälligkeit bei ihren Studien 
zur Seite gestanden haben, und es gebührt 
ihnen der wärmste Dank, den ihnen schließlich 
die ganze Universität schuldet. Denn es ist 
nicht zum wenigsten ihr Verdienst, wenn durch 
das Leben, das sie mit den frischen Geistes¬ 
werken aller Völker in den alten Born des 
Wissens leiten, neues Leben auch in das seit 
Jahren stagnierende Blut der Universität kommt. 
Deutsche, amerikanische und andere Univer¬ 
sitäten sind Oxford weit vorausgeeilt, selbst die 
neueren englischen Universitäten leisten meist 
mehr und Tüchtigeres. Gerade an der Bodleiana 
aber werden die, die jetzt für eine Ära des ge¬ 
sunden Fortschritts in der Universität streiten, 
einen guten Rückhalt finden. Reich wie die 
Bibliothek an Traditionen und an traditionellen 
Lehren und Methoden ist, baut sich gerade in ihr 
das Neue auf dem Alten auf und entwickelt 
sich das Alte zum Neuen, stagniert aber nicht. 
Und unvermeidlich lassen die Forscher aus 
allen Ländern, die nicht durch die Lehren der 
heutigen Universität Oxford, sondern durch die 
Schätze der Bibliothek zu Tausenden angezogen 
werden, im persönlichen Verkehre mit den 
Dozenten und Studierenden den Keim des Fort¬ 
schrittes zurück, der schon, wenn auch schwer 
so doch sicher auf dem etwas recht hart 
gewordenen Boden Wurzel schlagen und ge¬ 
deihen wird. 

Deshalb Ehre dem edlen Wiederbegründer 
der Bodleiana und allen denen, die mit Rat, 
Arbeit und Tat an dem großen Werke geschafft 
haben und noch schaffen! 



Digitized by LjOOQle 







Denkwürdige Gebetbücher. 

Von 

L. Schneider in Cöln. 


abent sua fata libelli! — Wie oft ge¬ 
denken wir dieses Wortes, wenn wir in 
privaten oder öffentlichen Büchersamm¬ 
lungen ein vergilbtes Pergament, merk¬ 
würdige Inkunabeln oder einen interessanten Druck 
früherer Tage in den Händen halten! Vor unseren 
Augen zaubern jene „stummen Munde“ neues Leben 
in längstvergangene Zeiten, und die Menschen er¬ 
stehen aus ihren Schlummerstätten, die einst gelebt, 
als jene schwarzen Zeichen auf das Papier oder 
Pergament geschrieben oder gedruckt wurden, und 
die ewige Einheit alles Menschenleides und alles 
Menschenglücks verbindet die Lebenden mit den 
Geschiedenen, Wir lernen verstehen, wie damals, 
zu anderen Zeiten in anderen Lebensverhältnissen, 
geliebt und gehaßt wurde, und so webt das eine, 
das Ewige, sein Band um zeitlich Getrennte. 

„Der Schauder ist der Menschheit bester Teil!“ 
er macht demütig, dankbar, vertrauend, wenn er 
uns überkommt beim Vertiefen in vergangenes, 
großes, in tiefes Leid. Und wer könnte sich 
dieses Schauders erwehren, wenn er Blätter in 
den Händen hält, auf die in welterschütternden, 
schweren Stunden, in denen die Mitlebenden Gottes 
Weltgericht gekommen wähnten, ein verzweifeltes 
Antlitz sich geneigt, ein starres, tränenloses Auge 
geruht hat? Wem wurde dieser Schauder nicht 
zur Ehrfurcht vor den kleinen, unscheinbaren 
Zeugen aus alter Zeit, wenn ihm ein Zufall am 
selben Tage die Gedenkblätter der durch blinden 
Wahn Geopferten und das fromme Wort derer 
zugefiihrt, die Tausende dahingemordet in Fanatis¬ 
mus und unseliger Verblendung? — 

Die Niederlande sind reich an solchen Erin- 
nerungsblättem; dort liegt auch das Gebetbuch 
der Katharina von Medici und das Gebetbuch der 
Familie Coligny, 

Ersteres, eine der Perlen in dem musterhaft 
verwahrten Königlichen Bibliothekschatze im Haag, 
stammt aus der Hinterlassenschaft Wilhelms V., der 
sein Leben 1795 m der Verbannung beschloß. 


Wie eine Inschrift im Buche selbst besagt, 
war es im Jahre 1750 von seinem früheren Be¬ 
sitzer, dem Hofprediger Royer, dem Prinzen als 
Geschenk verehrt worden. Diese Inschrift lautet: 

„Son Altesse Mons , * r le Prince d* Orange et 
Nassau a requ le 24* Aoüt 1730, des mains de 
Mr. Royer , Pasteur de f Eglise Wallonne de La 
Haye, les Heures de CäthMne de Medicis Mcre 
de Charles IX. Roy de France , sous le Regne du - 
quel\ et a pareil jour Van 1572, lest fait le Mas - 
sacre de la S te Barthelemie, dans lequel fut tui 
Gaspar de Colligny , Pere de Louise de Colligny , 
Epouse de Guillaume F r Prince d y Orange“ 

Nach dem Frieden von Amiens wurde das 
Buch Eigentum des Staates. 

Die kostbare Handschrift stammt aus der 
Sammlung, welche die französischen Souveräne 
seit Karl V. (1340) angelegt haben. In der ersten 
Hälfte des XVIII. Jahrhunderts ist es mit noch 
anderen wertvollen Handschriften, zumal kleineren 
Formates, nach Holland gekommen. Die Königliche 
Bibliothek im Haag besitzt aus derselben Sammlung 
die Heures du Connetable de Bourbon, der 1527 
Rom eroberte und daselbst starb. Diese Bücher 
sollen von einem französischen Geistlichen, dem 
nahen Verwandten eines der Bibliothekare der 
Königlichen Bibliothek zu Paris, entwendet und 
nach Holland gebracht worden sein. Die noch 
vorhandene diplomatische Korrespondenz der 
französischen Regierung mit ihrem Gesandten im 
Haag beweist jedoch nur, daß jener Geistliche Zu¬ 
tritt zu den Sälen mit den reichen und kostbaren 
Sammlungen gehabt hat. — Die geraubten Bücher 
wurden in Holland verkauft; soviel ist jedenfalls 
erwiesen, und gingen dadurch in Privatbesitz über. 
Daß sie nicht energisch zurückverlangt werden 
konnten, lag wohl in den politischen Verhältnissen, 
vielleicht auch in schwierig auszulegenden Gesetzes¬ 
bestimmungen über die Rückgabe käuflich er¬ 
worbenen Eigentums, wahrscheinlich auch in langer 
Verheimlichung des kostbaren Besitzes. 



Digitized by G.OOQle 


Schneider, Denkwürdige Gebetbücher. 


165 


Das herrliche, kalligraphisch wertwolle Juwel der 
Königlichen Bibliothek im Haag, die „Heures“ 
der Katharina von Medici, ist für jeden Biblio¬ 
graphen zumal interessant durch seine kostbare 
Ausstattung. Die goldnen Schließen des Gebet¬ 
buches sind aus den verschlungenen Buchstaben 
C und H (Chath£rine und Henri) und dem in 
schlechtem Latein verfaßten Spruche: So gedenke 
ich des Verblichenen — Sic memor extincti — 
gebildet Den schwarzen Einband zieren zwei 
umgekehrte goldene Fackeln. 

Louis Gosse, der Redakteur der „Gazette des 
Beaux Arts“ schrieb 1877 in der „Chronique des 
arts“ Nr. 33 über diese „Heures“: Cest un delicieux 
bijou. L’execution des miniatures, qui est proche 
de Jean Cousin, est d’une finesse extreme. Je 
dirai meme qu’aucun autre monument, meme les 
Heures du Connetable de Montmorency de 1459, 
appartenant ä la Collection Firmin-Didot, ne se 
rapproche autant du style pseudo-michelangelesque 
de Cousin, du moins d’aprfcs le peu que nous 
connaissons de sa main ..Jean Cousin, geboren 
1501 zu Soucy bei Sens, zuerst bekannt geworden 
als Glasmaler (vergl. Didot „Etüde sur J. C.“ und 
„Recueil des oeuvres choisies de J. C.“), zeichnete 
sich später auch durch seine Miniaturen zu ver¬ 
schiedenen, zum Teil noch erhaltenen Gebetbücher 
aus, z. B. zu den Heures von Franz L, zu den 
Heinrichs II., den des Großstallmeisters Claude 
Gouffier usw. und wahrscheinlich auch zu dem 
genannten Gebetbuch der Maria Stuart 

Wenige Stunden später, nachdem ich jenes 
denkwürdige Buch gesehen, hielt ich das Gebetbuch 
der Coligny in der Hand. Um seines Glaubens 
willen fiel Admiral Coligny in der Mordnacht des 
24. August 1572. Das Gebetbuch mit seinen 
teuren Erinnerungen war von ihm bis an sein Ende 
heilig gehalten worden; es umfaßt die Chronik 
der Familien Mailly und Coligny und Aufzeich¬ 
nungen von des Admirals eigner Hand, dazu in 
erschütternder Kürze, von seiner Witwe nieder¬ 
geschrieben, die Kunde seines Mordes. 

Schon Biömstahl berichtet in seiner „Reise 
durch Europa und den Orient a (Teil V S. 376) 
von diesem merkwürdigen Buche, das sich 1773 
ebenfalls in der Bibliothek des genannten Hof¬ 
predigers Royer befand. Nach seinem Tode kam 
es in den Besitz seines Sohnes, J. Th. Royer, und 
wurde im April 1816 mit dessen ganzer Bibliothek 
durch B. Scheurleer und A. Bakhuyzen zum Verkauf 
gebracht Im Katalog der zu versteigernden Bücher 
war es mit Nr. 49 bezeichnet Der Reichsarchivar 
I. C. de Jonge kaufte es, überließ es aber 1822 
Herrn F. A. van Rappard, von welchem es sein 
Sohn, Ritter von Rappard, Archivar des Reich- 
archives in Utrecht erbte. 

Sind die Heures der Katharina merkwürdig 
und interessant als Handschrift, so zeichnet dieses 
Z. f. B. 1904/1905. 


Buch sich vor allem durch die feinen, seltenen 
Typen der Druckerei von Thielemann Kerver aus. 
Kerver war ein Deutscher, der mehrere schöne 
Breviere in verschiedenen Sprachen herausgegeben 
hat Der Druck unseres Buches wurde 1497 be¬ 
gonnen, und, wie die Notiz unter dem Zeichen 
des Druckers auf der letzten Seite des Bandes 
besagt 1500 vollendet Die Holzschnitte und 
Vignetten des Werkes stammen von der Hand des 
berühmten französischen Holzschneiders Jollet 
Die Initialen sind in Gold und Farben ausgeführt. 
Das Buch ist aus der Familie de Mailly in die 
der Coligny übergegangen. Die Mutter des Ad¬ 
mirals, Louise von Montmorency, war in erster Ehe 
mit Fern de Mailly, Herrn von Conty, vermählt 
Letzterer hat auch in dem Buche, dem Titelblatt 
gegenüber, die Geburt zweier seiner Kinder ein¬ 
getragen und seine Gemahlin hat später diese 
Notizen im Kalender der Heures unter den Monaten 
September und Oktober wiederholt Sie fügt nach 
dem Tode ihres Gemahls hinzu: Feu Mesf de Conty 
leur pere trepasa a millan la veille de nouel mil V ct XI. 
Auf der folgenden Seite meldet sie die Geburt 
einer nach dem Tode des Vaters geborenen Tochter. 
Im Jahre 1514 vermählte sie sich zum zweiten 
Male mit Gaspard de Coligny, Herrn von Coligny, 
Andelot, Chatillon sur Loing, Ritter des Königs¬ 
ordens, Marschall von Frankreich. Sie fährt fort, 
in das ihrem Herzen teure Buch auch die Geburt 
der Kinder aus dieser zweiten Ehe einzutragen; 
so von „Pierre de Coulligny a Chatillon“, von 
Odet de Coligny, dem späteren Erzbischof, der 
unter dem Namen Kardinal de Chatillon bekannt 
ist Auch er ist wie seine Brüder zum reformierten 
Bekenntnis übergetreten, nach welchem Schritt er 
aller seiner Ämter entsetzt wurde. Am 16. Februar 
1518 zeichnet Luise die Geburt Gaspards, des 
späteren Admirals, ein. 

Ihre zweite Tochter Albertine Agnes vermählte 
sich mit dem Fürsten von Nassau, Statthalter von 
Friesland, dessen Sohn König der Niederlande 
wurde. 

Weiter wird der Geburtstag von Francois de 
Coligny vermeldet Dieser Fra^ois, Herr von 
Andelot, Generalobrist der Armee, war der erste 
der Familie, der sich der Reformation zuneigte. 
Auch den Tod ihres zweiten Mannes trägt Louise 
in ihrem Gebetbuche ein. 

Nun folgen zwölf Aufzeichnungen von der 
Hand des Admirals. Die erste berichtet den Tod 
der Mutter: Madame la mareschalle de Chastillon 
mourut a paris le XIV. Juing 1547 • Dann kommt 
die Anzeige seiner ersten Vermählung mit Char¬ 
lotte de Laval, darauf die Geburt seines ersten 
Sohnes 1549 usw. 

Als viertes Kind wurde ihm Louise geboren, 
die vierte Gemahlin Wilhelm I., Prinzen von Oranien, 
Mutter des Prinzen Friedrich Heinrich, Großmutter 
Luise Henriettes, der Gattin des großen Kur¬ 
fürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg. Der 
Admiral schreibt: Le XXVIII* de Septembre 1555 

22 


Digitized by LjOOQle 



1 66 


Schneider, Denkwürdige Gebetbücher. 


fut nee a ung samedy Loyse de Coulligny ma fiUe 
entre cinq et six Aeures du matin a Chatillon. Nach¬ 
dem ihm seine Gemahlin noch vier Kinder ge¬ 
boren, starb sie, und der Admiral vermählte sich 
zum zweiten Male; seine eigenhändige Eintragung 
in das Gebetbuch der Mutter lautet: Le XXV. 
jour de mars 157/ Ledt % Sir , admiral fut marie 
et tspouza en secondes nosces jaqueline dautremont 
a la röchelte. Diese zweite Frau war die Unglück¬ 
liche, die jene Schreckensnacht überlebte und den 
Mord des Gatten zu verzeichnen hatte: Le 24Daoust 
1572 este mis a mort Feu monseigr et mari gas - 
pard de Chatillon admiral de fransse , avec beaucoup 
de la noblese fransaise et du peuple> aiant laisse sa 
desolee fame grosse de 5 mois. — Später zeigt sie 
auch die Geburt des Schmerzenskindes am 21. De¬ 
zember 1572 an. 

Die Pietät, mit welcher das Andenken der 
Mutter vom Admiral geehrt wurde, ist rührend: 
ihr Gebetbuch war es, in das der Protestant die 
wichtigsten Gedenktage seines Lebens einzeichnete. 
Die Schreibweise des Namens Coligny ist im Buche, 
mit zwei Ausnahmen, de Coulligny. Die gewohnte 
Bezeichnung für den Ermordeten ist bei uns ge¬ 
wöhnlich: der „greise Admiral“. Er war aber 
damals tatsächlich ein Mann von 54 Jahren, in 
der Vollkraft seines Lebens, der erst 16 Monate 
vor seinem Tode zum zweiten Male in die Ehe 
getreten war. Der Geschichte blieb nur sein 
Todesjahr, nicht sein Geburtsjahr im Gedächtnis. 
Auch mag der vertrauliche Name, mit welchen die 
Soldaten zu ihm aufjubelten, viel zu der Bezeich¬ 
nung „der greise Admiral 11 beigetragen haben. 

Wie das Buch in den Besitz des Hofpredigers 
Royer gekommen, ist unbekannt. Die Vermutung 
liegt nahe, daß es ebenfalls unter den entwendeten 
und in Holland verkauften Büchern gewesen ist, 
zumal es nachweislich nicht mit der Bibliothek 
des oben genannten Prinzen Friedrich Heinrich ver¬ 
kauft wurde. Der in der Königlichen Bibliothek 
im Haag noch befindliche, von der Hand Kon¬ 
stantin Huygens (vergl. die „Chronik" dieses Heftes) 
verfaßte Katalog der prinzlichen Bibliothek enthält 
den Titel des Buches nicht 

Und doch widersprechen rührende, auf das 
hintere Schutzblatt geschriebene Worte der Ver¬ 
mutung, das Buch habe das Schicksal der Heures 

Katharinens geteilt: Vre tres hu’ble d tres . 

(dies Wort ist nicht mehr vorhanden) varld la Fon¬ 
taine. Vrd tres humble d tres obaissant serideur 
Charles Martin. 


Haben treue Diener das Gebetbuch der Ahne 
aus dem Nachlaß der Coligny bewahrt und es 
Luise bei ihrer Vermählung als letzte und kost¬ 
barste Gabe der Treue mit in die neue Heimat 
gegeben? Oder überreichten sie es der Vielgeprüften, 
Lebensmüden, die in früher Jugend den Vater, 
zwölf Jahre später den Gemahl hatte ermorden 
sehen müssen, als sie am Abend ihres Lebens 
noch einmal das Land ihrer Geburt besuchte? 
Wer weiß es! Das Buch mit dem schwarzen, sehr 
einfachen Einbande (wohl eine Erneuerung des 
ursprünglichen), auf Pergamentpapier gedruckt mit 
Initialen in blauer und roter Farbe — spricht von 
so großem, unmenschlichem Leide, daß es auf 
Fragen von untergeordneter Bedeutung gar keine 
Antwort hat. 

Fernab von den Stätten, an denen diese Bücher 
aufbewahrt werden, in einer Stadt, die gar keinen 
ersichtlichen Zusammenhang mit den Zeiten Katha¬ 
rinas und Colignys aufweist, die den Übergang 
des Altertums zum Mittelalter vermittelt, einer Stadt, 
in der die Steine von Byzantinern und Goten und 
von wilden Parteikämpfen sprechen, in Ravenna 
und zwar in der dortigen Bibliotheca comunale, 
die erst 1714 gegründet wurde, befindet sich das 
Gebdbuch der Maria Stuart aus ihrer französischen 
Zeit: handschriftlich, in Pergament, mit wundervollen 
Miniaturen, die wohl ebenfalls, wie schon erwähnt, 
von Jean Cousin herrühren. Zeit, Ausführung, Ver¬ 
gleichung mit andren beglaubigten Miniaturen von 
seiner Hand, sprechen sogar sehr bestimmt für seine 
Autorschaft. War dies Buch das letzte Gebetbuch, 
das die schottische Maria unter den Händen 
hielt, als sie das Schafott bestieg? 

Einen schlußfesten Beweis, daß es ihr gehört 
habe, konnte ich nicht erhalten, auch keine, wenn 
auch noch so legendarische Geschichte desselben. 
Es wird in allen Werken über jene interessante 
Bibliothek als Gebetbuch der Maria Stuart be¬ 
zeichnet, so auch in dem umfassenden Dizionario 
corografico ddl Jtalia von Professor Amato AmatL 
Selbst von dem Herrn Bibliothekar der Bibliotheca 
classense wurde mir keine weitere Auskunft zu teil. 
Da aber kein innerer oder äußerer Grund der 
Angabe widerspricht\ dies sei das Gebetbuch Marias 
gewesen, lebt auch ihre Gestalt mit der ganzen 
Macht ihres Schönheitsadels vor uns auf, wenn 
dies Büchlein in unsren Händen ruht 



Digitized by tjOOQle 





Die Nenien und andere Einzeldrucke zimbrischer Sprache 
der „Sette Comuni“ von Vizenza. 

Von 

Alfred Baß in Leipzig. 


ls ich im 6. Hefte des vorigen Jahrganges 
der „Zeitschrift für Bücherfreunde“ einen 
kurzen Abriß der bedeutendsten Denk¬ 
würdigkeiten aus dem Lande der Zimbem 
veröffentlichte, beschloß ich auch gelegentlich über 
die Nenien dieser Sprachinseln auf italienischem 
Gebiete zu berichten. Wenn diese auch nicht 
eine so bedeutende Stellung als literarische Druck¬ 
werke einnehmen, wie es die verschiedenen Aus¬ 
gaben des kleinen Katechismus erfordern, so sind 
sie doch ihrer Eigenart wegen nicht minder 
interessant und verdienen aus verschiedenen Grün¬ 
den der Vergessenheit entrissen zu werden. Nicht 
nur, daß diese einzelnen Blätter in einer, zum Teile 
wenigstens noch beschränkteren Auflage als die 
Katechismen verbreitet und daher außerordentlich 
selten geworden sind, sondern weü sie in sprach¬ 
licher und volkskundlicher Hinsicht mancherlei 
hochwichtige Aufschlüsse zu geben vermögen. An 
erster Stelle stehen die Nenien, das sind Toten¬ 
zettel, die gewisse Denkschriften und Lieder zur Er¬ 
innerung an liebe Verstorbene bilden. Diese Nenien 
sind noch heute in den Sette Comuni gang und 
gäbe und entstammen teüweise der „Cimbricha 
Druke“ in Siege-Asiago oder irgend einer anderen 
Druckanstalt in Padua oder auch einer benach¬ 
barten Stadt Sämtliche mir zugänglichen derar¬ 
tigen Einzeldrucke sind in der zimbrischen Mund¬ 
art und in italienischer Übertragung gegeben. 
Gewöhnlich steht die Mundart an erster Stelle, die 
Übersetzung rechts davon, seltener umgekehrt 
Die Rückseite dieser Einblattdrucke ist in allen 
Fällen frei. Die in meinem Besitze befindlichen 
Erzeugnisse der beiden Druckereien in Siege sind 
sämtlich in Großbuchstaben angefertigt und auf 
weißes Papier gedruckt; eine Druckerei in Padua 
verwendet dagegen buntes Papier und bedient 
sich auch der gewöhnlichen Schrift. 

Meist geht dem eigentlichen Gedichte oder 
Denkspruche eine mehrzeilige Einführung voraus, 
die uns mit der Persönlichkeit des Verstorbenen 
bekannt macht, während das Lied in wahrhaft 
rührenswerter Art den erlittenen Verlust beklagt 
Einige dieser Sprüche haben den noch jetzt leben¬ 


den ehrwürdigen Zimbem Herrn Dott Julius 
Vescovi-Slege zum Verfasser. 

Aber nicht nur Leichenlieder gibt es in dem 
Gebiete der vizentinischen Zimbem: wir haben auch 
mehrere andere Einzeldrucke erhalten, die den 
Festen der Freude gewidmet sind, vor allem 
Lieder zur Feier der Primiz, d. h. zur Einführung 
eines neuemannten jungen Priesters. Freundes¬ 
hand hat in solchen Fällen ein weihevolles Lied 
zur erhöhten Stimmung des Tages durch den 
Druck vervielfältigen lassen, so daß den Teü- 
nehmem der Feier auch eine Erinnerung an die¬ 
selbe gegeben werden kann. Begreiflicherweise 
erhalten sich derartige Gedenkblätter nur zu selten 
längere Zeit nach ihrer Entstehung, und wir müssen 
es mit Freuden begrüßen, wenn der Zufall uns 
eine Reihe solcher Blätter aufbewahrt hat Trotz 
meines mehrmaligen Aufenthaltes in den „Sieben 
Gemeinden“ gelang es mir nur sehr wenige Blätter 
zu erwerben; teüs waren dieselben Familienbesitz 
oder überhaupt nicht mehr aufzufinden. Die vor¬ 
handenen konnte man aber wenigstens abschrift¬ 
lich benutzen, und so vermochte ich es doch 
immerhin, mir eine größere Zahl derartiger Lieder 
zu verschaffen. Durch die gütige Vermittlung des 
Herrn Profi D. A. Baragiola in Padua sowie der 
Gemeindeverwaltung von Siege-Asiago wurden mir 
mehrere Einzelblätter zur Verfügung gestellt und 
danke ich den Genannten auch an dieser Stelle 
für ihr freundliches Entgegenkommen. 

Obschon es nicht möglich ist, alle diese Lieder 
und Sprüche im Rahmen einer kurzen Erläuterung 
hier abzudrucken, so seien doch mehrere in dieser 
Anzeige eingeschaltet, wodurch dem Leser wenigstens 
eine greifbare Unterlage für eigene Studien ge¬ 
geben werden kann. 

Die folgenden beiden Gedenksprüche von Herrn 
Dr. J. Vescovi sind wohl schon anderweit zum Ab¬ 
druck gelangt, sie seien aber ihrer charakteristi¬ 
schen Form halber hier ebenfalls nebst neuhoch¬ 
deutscher Übertragung wiedergegeben. Genau der 
Vorlage folgend ist links der zimbrische Text dar¬ 
gestellt; rechts folgt die italienische Version und 
die Verdeutschung. 



Digitized by LjOOQle 






168 


Baß, Die Nenien und andere Einzeldrucke zimbrischer Sprache der „Sette Comuni“ von Vizenza. 


HENNESLE Giovannina / cara figlia del Cav. Jacopo Rigoni / 


LIBA TOCHTAR VUN KAV. JÄKEL VUN RIGEN 
UN LUZIET VUN MÜLLARN 
NOCHENT GAENTET NEÜNZEN JAAR 
IN MORGONT VUN DRAIZENEN HÖBIOT 
TAUSENK ACHTHUNDART UN NEÜNZK 
STIRBE 

VORPORGENEZ SMECKTEGEZ GENSELE 
PLÜMLE 

VOR MINSCHE GAPRACHT IN VRÖMEDA HEARDA 
IN BELZ VATAR UN MUTTAR 
LIGEN LAR EHAR 
IARN TROST — IARE GARDINGEN 
VLUDARTE IN HÜMMEL 
SIN HOANEGEZ UN SELEGEZ LAND 

O GUTA — O UNNA — O DORPARMEGA TOCHTAR 
BOANTEN DIZZAN ARMEZ FANT 
AF DIN GRAB 
LOADEG ABELEGET 
DIN VATAR KSEL 
D. J. VUN B. 


d di Lucia Molini / non ancora compiuti i dieci- 
nove anni / nel mattino del tredici luglio / mille 
ottocento novanta / mori. / Nascosta odorosa pri- 
mula / fiorellino / per poco portato in terra stra- 
niera / nel quäle padre e madre / ponevano il 
loro orgoglio / la loro consolazione — le lor 
speranze / volo* al cielo / sua unica e fortunata pa- 
tria / O buona — o tenera — o pietosa figlia / 
piangendo questo povero pegno / sulla tua tomba / 
mestamente detone / l’amico di tuo padre / G. 
D. V. 

Übertragung. 

Hannchen / teure Tochter des Herrn Jakob 
Rigoni* / und Lucia Moloni* / noch nicht vollendet 
19 Jahre / am Morgen des 13. Juli / 1890 / ver¬ 
storben. / Bescheidenes gefälliges Gänse- / Blüm¬ 
chen / vor kurzem gebracht in die fremde Erde / 
in welche Vater und Mutter / legten ihre Zier / 
ihren Trost — / ihre Hoffnung / flog in den Him¬ 
mel / seine einzige und selige Heimat / O gute / 
o sanfte — o fromme Tochter / weinend hat dieses 
arme Pfand / auf dein Grab / betrübt niedergelegt / 
deines Vaters Freund / Dr. J. V. 


HENNESLE 

NUN AN JAHR INKINGE 
DA DU VLUDERSTE IN HÜMMEL 
ZU LEBEN FROA AN EBEGEZ LEBEN 
ELLENT 

LAZZENTEN VRAUNTE UN KSELLEN 

O DU 

SELEGA TOCHTAR 

LUK MIT KINDLEGAR LIBE 
AF DINE 

UNTRO ASTEN VAIAR-ALLO AN GALAZZANA MUTTAR 
BOANANDEZ GASCHBISTARDE 
TUA UN PIT 

AZ A TROFFA VOM HÜMMELSEN TOABAZZARE 
DORLINNARE 
IAR LOAD — IARE PAINE 

ZU GADENKEKOT 

VOM HENNESLEN VON RIGEN 

IN XIV. HÖBIOT M D CCC XCI 
DR. J. von B. 


Giovannina / un anno gia’ trascorse / che tu 
volasti in cielo / per vivere lieta una etema vita / 
desolati / lasciando parenti ed amici / O tu / figlia 
beata / guarda pietosa / sui tuoi / inconsolabile 
padre — derelitta Madre / piangenti fratelli / fa e 
prega / che una stilla di celeste rugiada / lenisca / 
il loro cordoglio — le loro pene / A memoria / 
di Giovannina Rigoni / il 14 Luglio 1891 / Dr. 
G. V. 

Übertragung. 

Hannchen / nun ging ein Jahr hin / da du 
flogst in den Himmel / um dort froh ein ewiges 
Leben zu leben (verbringen) / elend / lassend 
Eltern und Freunde. / O du / selige Tochter / 
blicke mit kindlicher Liebe / auf deinen / untröst¬ 
lichen Vater, (deine) allein gelassene Mutter / 
(deine) weinenden Geschwister / tue eine Bitte / 
daß ein Tropfen Himmelswasser / lindere / ihr 
Leid ihre Pein / Zum Gedächtnis von Hannchen 
Rigoni / am 19. Heumonat (Juli) M. D. CCCXCX / 
Dr. J. V. 


1 Rigen, Müller u.a. sind volkstümliche Eindeutschungen. 


Digitized by t^ooQie 



Baß, Die Nenien und andere Einzeldrucke zimbrischer Sprache der „Sette Comuni von Vizenza. 


Wenn wir die Namen der hier verzeichneten 
Zimberleute betrachten, dürfen wir nicht glauben, 
daß die Träger derselben adelige Leute seien; sie 
nennen sich z. B. zwar Julius von Bischofarn, auf 
italienisch Giulio Vescovi, die deutsche Form des 
Namens deutet aber nur die volkstümliche Sitte 


an: vom Geschlechte der Bischofarn derjenige, 
der den Namen Julius hat Der Name ist also 
eigentlich zu lesen Julius aus dem Geschlechte der 
Bischofarn; dieser letzte Name ist natürlich nur 
die Übersetzung des italienischen Vescovi. 


’Z MAAL VUN XXIX HÖBIOT MCM 
VORFLUCHENA HANT 
DORSLAGE 

IN GROAZHERZEGEN IN GUTEN KUNEG 
UMBERTdenI.sten 

JUCKENTEN UN VORDREENENTEN IN PAINE UN LOAD 
’Z GANZE BELLOSE LANT 


BAAREKOT UN RECHTEKOT 
LHBE UN PARMHERZEKOT VOR SIN VOLK 
BARN HÖRT AN DE VURAR VUN SIME LEBEN 
DARARME- DAR UNGALÜCKE- DAR UNTROASTENE 
VANTEN SILLETAN IN IM 
SICHERN SCHERM BOHENNA UN PESTA HÖLFE 


OH GOTT1 SEI MIT DIAR DE LHBE UN SCHÖNE SELA 
LUG DARHÖARE DORPARMEG 
’Z HETEGE FITTEN 

GAMISCHT MIT BOANACH AN ZEGARN 
VUMME BELLOSEN VOLKE 
DARLÖSE DE GROAZA ORRENA SUNTE 
IN SELEGA EVEGA VRIDE 
BELA LOFE OCH ÜBER IN STERCHE UN TROAST 
DAR GUTEN VORLAZZENEN KUNEGEN 
MARGERETA 


Vairtegentensich ka SLEGE 17. August in Kartag vumme 
gatötcn Kuneg, an Alter , dorrateten de sinte un herze vun 
Siben Kamhtn nia gatreent vumme Bellosen Lante. 


La sera XXIX luglio MCM / esacranda mano / 
uccise / U magnanimo ü buono Re / Umberto L / 
gettando e sconvolgendo in angoscia e dolore / 
tutta ITtalia / Verita* e giustizia / amore e pieta* 
per ü suo popolo / furono sempre le guide della 
sua vita / II povero — Tinfelice — lo sconsolato / 
costantemente trovarono in lui / sicura difesa pronto 
migliore aiuto / Oh signore! Sia teco la cara e 
bella anima / guarda esaudisci pietoso / le intense 
preghiere / miste al pianto alle lagrime / del popolo 
italiano / redimi ü grave orribüe delitto / in beata 
perenne pace / che ridondi anche a sollievo e 
conforto / della buona desolata regina / Marghe- 
rita / Celebrandosi in Asiago il 17 Agosto 1900 
i funerali / del Re ucciso, un Vecchio , interpretando 
i sentimenti e ü cuore / dei Sette-Comuni insepa- 
rabüi dallTtalia. 

Übertragung. 

Am Abend vom XXIX. Heumonat MCM / (hat) 
eineverfluchteHand / erschlagen / den großherzigen, 
den guten König / Humbert den Ersten / in Kum¬ 
mer und Schmerz ganz und gar auflösend / das 
ganze Welschland / Wahrheit und Gerechtigkeit / 
Liebe und Müde für sein Volk / waren immerdar 
die Führer seines Lebens / der Arme, der Un¬ 
glückliche, der Bedauernswerte / fanden stets in 
ihm / sicheren Schirm, sowie die beste Hüfe. / O 
Gottl Bei dir sei die liebe und schöne Seele / 
Lausche, erhöre barmherzig / das heftige Bitten / 
vermischt mit Weinen und Zähren / des welschen ‘ 
Volkes. / Löse 1 die große schreckliche Sünde auf/ 
in seligen ewigen Frieden / dessen Stärke und Trost 
übergehe auch / zur guten verlassenen / Königin / 
Margareta. / 

Bei der Gedächtnisfeier zu Siege am 17. August 
am Sterbetag vom / toten König, ein Alter,3 der 
die Gefühle des Herzens von / den nimmer von 
Welschland getrennten Sieben Gemeinden wiedergibt 




In einer der folgenden Nummern vorliegender werden, um dem Leser somit das Büd von dem 
Zeitschrift sollen noch einige Lieder oben bezeich- eigentümlichen dichterischen Schaffen der letzten 
neter Art nebst den Übersetzungen wiedergegeben Zimbem zu vervollständigen. 


1 welsch d. h. italienisch. * d. h. verwandele. 3 Hiermit meint der Verfasser sich selbst. 



Digitized by LjOOQle 


Chronik. 


Weltliteratur. 


Die letztjährigen Veröffentlichungen über Heinrich 
von Kleist haben unsre bisherige Auffassung über den 
Menschen und Dichter vielfach verändert Aber auch 
Steigs verdienstvolle Kleistbücher haben noch keinen 
Abschluß gebracht; besonders die „Nachprüfungen 11 
des Schlußkapitels in „Kleists Berliner Kämpfen“ 
dauern fort und haben, u. a. durch Houben und Walzel, 
auch bereits zu bemerkenswerten Korrekturen geführt. 
Dr. Bert hold Schuhes „Neue Studien über Heinrich 
von Kleist ' (Heidelberg, Winters Universitätsbuch¬ 
handlung. 8°, 91 S. M. 2) sind in der Hauptsache 
„Nachprüfungen“. Die Broschüre umfaßt fünf Ab¬ 
schnitte. Der erste: „Die Ehrung der Erbprinzessin 
von Oranien“ versucht die Anachronismen Kleists im 
„Prinzen von Homburg“ in bezug auf die politischen 
Verhältnisse der Niederlande als beabsichtigt dar¬ 
zustellen, um unter dem Drucke der Napoleonischen 
Herrschaft die franzosenfreundliche Empfindlichkeit 
der Regierung zu schonen — eine Auffassung, die 
schwerlich allgemein geteÜt werden dürfte. Im zweiten 
Stück „Kleist, der Sänger der Königin Luise“ bespricht 
der Verfasser die drei Fassungen des Luisengedichts 
von 1810 und stimmt Zolling bei, daß die Blankverse 
(die zweite Fassung) der Königin überreicht worden 
seien, nicht das Sonett, wie Steig glaubt; das voraus¬ 
gegangene, von Steig entdeckte „Rosensonett“ aber 
stamme überhaupt nicht von Kleist, sondern von Fouqud. 
Die Beweisführung Schulzes hat vieles für sich, ent¬ 
scheidend ist sie aber nicht, zumal wir wissen, daß im 
höfischen Leben jener Tage ein so umständliches 
Zeremoniell, wie Schulze es als Vorbereitung für die 
Überreichung des Luisengedichts konstruiert, nicht 
nötig war. Recht interessant ist der dritte Abschnitt, 
der sich mit Kleists wissenschaftlichen Kenntnissen be¬ 
schäftigt Die geistigen Nährquellen Kleists behandelt 
auch das vierte Kapitel; in der „Familie Schroffenstein“ 
sieht der Verfasser den Einfluß Schillers und Kants. 
Daß das Schroffenstein-Urbild, die „Familie Ghonorez“, 
nicht vor 1801 begonnen worden sein konnte, haben 
schon Herrn. Conrad und Eug. Wolff nachgewiesen; 
letzteren zitiert der Verfasser überhaupt nicht, obwohl 
erst Wolffs textkritische Untersuchungen eine Ver¬ 
folgung der Entstehung der Druckfassung in allen 
Einzelheiten ermöglicht hat. Der Schlußabschnitt geht 
noch einmal der Frage der Entstehungszeit des „Prinzen 
von Homburg“ nach und lehnt Matkowskys in der 
„National-Zeitung“ niedergelegte groteske Auffassung 
der Persönlichkeit des Kurfürsten energisch ab. 


In den neuen „ Kleist-Studien “ von Spiridion 
Wukadincruic (Stuttgart, Cotta; 8°, 192 S.; M. 2) ver¬ 
einigt der Verfasser zwei bereits in Zeitschriften er¬ 
schienenen Essays mit drei bisher ungedruckten 
Arbeiten. Der Nachweis, daß Ludwig Wieland der 
Verfasser der von Eug. Wolff entdeckten angeblichen 
Jugendlustspiele Kleists „Das Liebhabertheater“ und 


„Coquetterie und Liebe“ sei, ist mit vielem Scharfsinn 
geführt In dem Kapitel „Das Käthchen von Heilbronn“ 
untersucht der Verfasser, was Kleist an Hilfsmitteln 
über den Somnambulismus zur Verfügung stand und 
bekannt gewesen mochte, und teilt des weiteren eine 
englische Ballade „Lord Heinrich und Käthchen“ mit, 
von der er glaubt, daß sie diejenige Quelle gewesen 
sei, die Kleist zur Einführung des Somnambulismus in 
seine Dichtung Anregung gegeben habe. Auch in 
dem Abschnitt über den „Prinzen von Homburg“ führt 
er eben interessanten Quellennachweis. In Dresden 
war Kleist durch Gotth. Hernr. Schubert die Welt des 
Okkultismus erschlossen worden; da lernte er vielleicht 
auch eb s. Z. vielgerühmtes Buch des Hallenser 
Professors Reü über die „Anwendung der psychischen 
Kurmethode auf Geisteszerrüttungen“ kennen und fand 
b ihm Bemerkungen über das Nachtwandeb, die ihm 
für das Drama verwendbar Schemen mochten. Die 
Studien über „Guiskard“ beschäftigen sich mit der 
mutmaßlichen Entstehung des Fragments und ver¬ 
suchen ebe Fortsetzung zu ergründen, selbstverständ¬ 
lich nur auf der Basis von Hypothesen, die mannig¬ 
fachen Widerspruch hervorrufen, nichtsdestoweniger 
aber geistreich und scharfsinnig sbd. —bl— 


Die Cottasche Buchhandlung, die sich durch ihre 
große Jubiläumsausgabe vonGoethesWerken eb schönes 
Denkmal setzt, begbnt nunmehr auch mit eber gleich 
wohlfeüen und ebenso vorzüglich ausgestatteten Säkular¬ 
ausgabe von Schillers sämtlichen Werken . Als Heraus¬ 
geber des Gesamtwerkes zeichnet Eduard von der Hellen; 
für die Herausgabe der einzeben Bände wurden Rieh. 
Fester, Gustav Kettner, Albert Köster, Jakob Mbor, 
JuL Petersen, Erich Schmidt, Osk. Walzel und Rieh. 
Weißenfels gewonnen. Die Ausgabe ist auf 16 Bände 
geplant und m der äußeren Ausstattung genau so ge¬ 
halten wie der Jubüäums-Goethe: b Gr.^8°, auf starkem 
Papier, mit den klaren und deuUichen Typen der Verlags¬ 
gesellschaft Union gedruckt Dem Text liegt ebe sorg¬ 
fältige Kritik der Gesamt-Überlieferung zu Grunde; der 
Variantenapparat fallt fort, wohl aber sbd jedem Bande 
gemebverständliche Ebleitungen und Anmerkungen 
beigegeben. Bei dem erstaunlich billigen Preise von 
M. 1,20 für den broschierten Band (b Leben M. 2, b 
Halbfranz M. 3) ist zu hoffen, daß auch dieser Schiller, 
der am 9. Mai 1905, dem 100jährigen Geburtstage des 
Dichters, beendet vorliegen soll, im deutschen Hause 
willkommene Aufnahme finden wird. 

Der erste Band enthält der Gedichte ersten Teil, 
mit Einleitung und Anmerkungen von Eduard von 
der Hellen und ebem Lichtdruck: Danneckers Büste 
Schillers. Die Gedichte erscheben hier zum ersten 
Male b der Anordnung, wie Schiller sie 1804 für 
ebe Prachtausgabe veranstaltet hatte, die nicht zu¬ 
stande kam; auf den großen Zug und die Febheit dieser 
Anordnung hat bereits Gustav Kettner b der „Viertel¬ 
jahrsschrift für Literaturgeschichte“ aufmerksam ge¬ 
macht Der Anhang enthält diejenigen Gedichte, die 


Digitized by tjOOQle 



Chronik, 


171 


Schiller für die vier [Bücher der erwähnten Ausgabe 
ausgeschieden hatte; der zweite Band soll als Nachlese 
auch die von Schiller in den Sammlungen von 1800 und 
1803 ausgeschlossenen Gedichte bringen. 

Weiter erschienen inzwischen Band IV „Don Carlos“, 
herausgegeben von Richard Weißenfels, und Band VII: 
„Braut von Messina“, „WÜhelm Teil“, „Semele“, 
„Menschenfeind“ und „Huldigung der Künste“, mit 
Einleitung und Anmerkungen von Oskar Walzel. 

—bl— 


Ein Buch für das deutsche Volk nennt Fritz Jonas 
seine neueste Schillerstudie: „ Schillers Seelenadel“ 
(Berlin, F. S. Mittler & Sohn; 8°, 231 S., M. 3). Wie 
schon der Titel besagt, handelt es sich nicht um eine 
Biographie, sondern um eine Charakteristik Schillers, 
um die Zeichnung seiner Persönlichkeit durch seine 
eigenen Worte und das Urteil seiner Freunde. In neun 
Kapiteln versucht Jonas die Natur des Menschen und 
Dichters zu ergründen; als Grundzug seines Wesens 
bezeichnet er seine Willenskraft und seinen sprudelnden 
Freiheitsdrang, während er in den weiteren Abschnitten 
den Adel seiner Gesinnung und seines Empfindens unter 
den mannigfaltigsten Verhältnissen charakterisiert: in 
Not und Sorge, in Freundschaft und Liebe, in seiner 
Arbeitsweise und seiner Weltanschauung. Das Buch 
hat dem Forscher selbstverständlich nichts Neues zu 
sagen; aber es ist so interessant, mit soviel Feingefühl 
und so viel Verständnis mosaikartig zusammengetragen, 
daß es seine Freunde finden wird. Besonders der Jugend 
sei es empfohlen. Die Ausstattung ist recht hübsch; 
das kartonierte Exemplar trägt eine Deckelzeichnung, 
wie man sie zu Schillers Zeit bei den Almanachen und 
Taschenbüchern liebte. —bl— 


Seit Heinrich Steinhövel, ungefähr ein Jahr nach 
Erscheinen des Druckoriginals, zum ersten Male das 
Dekameron des Boccaccio verdeutscht hat, sind weit über 
fünfhundert Jahre verflossen, und in dieser langen Spanne 
Zeit haben sich zahlreiche neue Übersetzer gefünden. 
Aus meiner eigenen Bücherei erwähne ich eine Klein¬ 
oktavausgabe Frankfurt 1646, einen „Kern der lustigen 
Erzählungen des Boccaz“ o. O. 1762, eine Übersetzung 
von 1854, die von Dr. W. Soltau, Berlin 1860 und eine 
Volksausgabe von G. Körner, Leipzig 1881. Die Frank¬ 
furter Ausgabe „Zweyhundert Newe Historien“ fußt auf 
Steinhövels Übertragung und gibt noch andere Ge¬ 
schichten dazu, die von 1762 ist ziemlich schlüpfrig, die 
übrigen Verdeutschungen sind schlecht, mit Ausnahme 
derSoltauschen, die sich aber einer ängstlichen Prüderie 
befleißigt Für prüde Gemüter ist das Dekameron frei¬ 
lich nichts; das Tridentiner Konzil von 1557 nahm sich 
denn auch ihrer an und setzte das Buch auf den Index, 
und eine Anzahl moderner Staatsanwälte tat desgleichen. 
Aber Gott sei Dank sind wir doch heute so weit, daß einem 
Verbote des Dekameron binnen kurzem regelmäßig 
die Freigabe folgte und daß eine unserer ersten Verlags¬ 
firmen es versuchen kann, eine neue Ausgabe in statt¬ 
lichem Gewände und zu billigem Preise auf den Markt 
zu bringen. 


Das Dekameron des Insel-Verlags in Leipzig er¬ 
scheint in Kleinoktav zu drei Bänden, sauber gedruckt 
in Drugulins Offizin und mit hübschem Titelrahmen und 
einer Umschlagvignette von Walter Tiemann versehen. 
Der Preis für diese Ausgabe beträgt 10 M. broch., doch 
hat der Verlag auch noch eine entzückende Luxus¬ 
ausgabe (Mk. 30 gebd.) für Bibliophüen auf den Markt 
gebracht Als Übersetzung hat man die Schaumsche 
gewählt, die der Sprache des Originals wohl am besten 
gerecht wird und die Dr. K. Mehring einer sorgfältigen 
Durchsicht unterworfen hat —bl— 


Buchausstattung. 


Aus dem Verlage von Albert Langen in München 
gingen uns u. a. folgende Neuigkeiten zu: Von Werken 
deutscher Autoren Otto Erich Hartlebens Novellen¬ 
band „Liebe kleine Mama“ mit einem flott und modern 
getuschten eleganten Frauenkopf auf dem Titelblatt, 
und ein hübsch gebundener Breitoktavband des¬ 
selben Verfassers: „Von reifen Früchten t meiner Verse 
zweiter Teil“, von dem schon die zweite Auflage vor¬ 
liegt Der Einband ist in blauem Englischleinen aus¬ 
geführt; eine leichte Ährenvignette schließt den Titel 
ein; Schrift wie Zeichnung sind goldgepreßt; filziges 
englisches Vorsatzpapier leitet harmonisch zum Text 
hinüber. Von den Franzosen ist ein Bändchen der 
nachgrade unleidlich faden Skizzen Marcel Prdvosts — 
es führt den geschmackvollen Titel „Brautnachf* — 
mit flotter Umschlagzeichnung versehen. Aus dem 
Norden liegen ebenfalls zwei Bände bei der Sendung. 
Zu einem Drama von Kunt Hamsun „Königin Tamara“ 
hat Th. Th. Heine eine seiner preziös zierlichen Rah¬ 
mungen gezeichnet und das magere typographische 
Schwarz durch ein keckes Gelb belebt. Endlich muß 
ich noch die sorgsame Ausstattung von Bjömstjeme 
Bjömsons Epos „Amljot Gellind'* mit Buchschmuck von 
Olaf Gulbransson erwähnen. Letzterer ist dem nordi¬ 
schen Charakter des Heldenliedes angepaßt und besteht 
in Kapitelköpfen in Holzschnittmanier und in Culs-de- 
lampes und Initialen mit Drachenschnittmotiven. Die 
eigentlichen Buchstaben in den Initialen und die ge¬ 
wundene Seitenrahmung sind in rot ausgeführt Das 
bräunlich trübe, kleiderstoffmäßige Muster des Deckels 
will mir wenig gefallen und auch die zu zierlich gezeich¬ 
neten A. L.'s des mißfarbenen Vorsatzpapiers passen 
nicht sonderlich zu dem kräftigen Büttenton, den guten 
Typen und dem wuchtigen Inhalt 


Auch der Inselverlag in Leipzig bringt manches 
Neue. Drei Bände von Robert Browning: „Auf dem 
Balkon“ und „In einer Gondel“ sowie die „ Tragödie 
einer Seele“ in der Übertragung von F. C. Gerden, und 
„Pippa geht vorüber ", von H. Heiseier übersetzt Die 
Rahmung, die Umschlag- und Innentitelschmückung 
stammen von Walter Tiemann . Die kleine, nur 500 
Exemplare umfassende Ausgabe dürfte bald vergriffen 
sein, denn die Zahl der Verehrer Brownings in Deutsch¬ 
land nimmt täglich zu. Im gleichen Verlage erschienen 


Digitized by tjOOQle 



172 


Chronik. 



Umschlagzeichoung von AdolfMensel zu der dritten Auflage des 
•»Spanischen Liederbuchs" von E. Geibel und P. Heyse. 

ferner drei Bücher mit Buchschmuck von Heinrich 
Vogeler , dem unermüdlich Fleißigen. Oskar Wildes 
„Granatapfelhaus“ und ein Gedichtband von Irene 
Forbes-Mosse: „Peregrinas Sommerabende, Lieder für 
die Dämmerstunde sowie dreißig Übersetzungen aus dem 
Französischen, Englischen und Dänischen “ Vogelers 
Kunst liegt in dem sinnigen Verweben selbst geschauter 
Natur mit innerer Märchenstimmung. Seine Meer- 
ungeheuer sind zierlich gemustert, seine Bäume haben 
knorrige Gesichter, seine Menschen wachsen blüten¬ 
gleich und lÜienschlank auf dem weichen Grund. Es 
wäre Hohn, auch nur zu vermuten, daß diese Wesen 
ein ordentliches Mittagessen genießen: sie leben wohl 
von den wunderfeinen Blättchen und Knospen, mit denen 
der Künstler seine Bäume überrieselt und tragen Kleider 
aus den krausen Pflanzenarabesken, die beinahe alle 
Vollbilder Vogelers überspinnen, wie ein zarter Flor, 
der sich schmückend zwischen Natur und Auge senkt 

—m. 


Dem schönen Heierlischen Werke über Schweizer 
Trachten schließt sich nunmehr gleichwertig das präch¬ 
tige „ Westfälische Trachtenbuch“ an, das die jetzigen 
und damaligen westfalischen und schaumburgischen 
Gebiete umfaßt und im Velhagen & Klasingschen 
Verlage (Bielefeld, Leipzig und Berlin 1904; M. 30) 
erschienen ist Vierundzwanzig Tafeln in Farbendruck 
nach Originalzeichnungen von Jobs. Gehrts sowie zahl¬ 
reiche Textabbildungen sind dem erläuternden Worte 
Professors Dr. Franz Jöstes eingefügt worden. Um 
ihretwillen hat man wohl auch zu dem spiegelndem 


Kartonpapier greifen müssen, gegen das sowohl Buch¬ 
ästheten wie auch Augenärzte soviel einzuwenden haben. 
Doch muß hervorgehoben werden, daß die ungewöhn¬ 
lich großen, schwarz und scharf gedruckten Typen die 
angebliche Schädlichkeit sehr vermindern. Das „West¬ 
fälische Trachtenbuch“ ist aber mehr als ein bäuerliches 
Modejouraal und eine Vorlage für Bühnengarderobiers. 
Es ist eine prächtig gefaßte Quelle zum Volksstudium 
eines Teües des niederdeutschen Gebietes überhaupt. 
Neben dem bunten Flitterstaat finden wir charakte¬ 
ristische Landschaftsaufhahmen, hochgieblige, durch 
dunkles Balkennetzwerk belebte Bauernhöfe, Entenfallen 
im dichten Grün, Ackergerätschaften urväterischen Ge¬ 
präges. Dann wieder Hausrat aller Art, Truhen und 
Bettschränke, Spinnräder und Küchengerätschaften, 
Brotschragen und bunte Glasfenster. Endlich auch 
die besonderen Details des Frauenputzes: silberne 
Fingerringe, Filigrankreuze und zierlichste Anhänger, 
Gadderken genannt, die wohl aus den Fingern eines 
Hirzel oder Lallique stammen könnten; schwere 
Schließen und endlich in großer Zahl Stickmuster von 
Haubenböden. Bei der großen Rolle, die dieser mehr 
oder minder winzige Kopfputz gerade beim west¬ 
falischen Bauerakostüm spielt, ist das nicht zu ver¬ 
wundern. Alles, was die Ravensbergerin, das Mäd¬ 
chen aus dem Iburger Kreise, die stattliche Frau um 
Bückeburg an Phantasie besitzt, flüchtet in diese kleine 
runde Fläche, die mit goldener Cantille, mit Metall- 
flittera, Perlen, Chenille und Seide reich ausgestickt 
wird. Vielfach wiederholt sich diese erfinderische 
Sorgfalt noch bei den Rundkrägelchen, die in manchen 
Gegenden getragen werden. Bei den handbreiten 
brochierten Taffetbändem, den blumigen Tüchern und 
farbenfrohen Schürzen kann man wohl Geschmack im 
Auswählen haben, aber „schaffen“ läßt sich da nichts. 
Eine starke Bewegung macht sich in den oberen 
Ständen geltend, um dem Volke die charakteristischen 
Trachten seiner Provinz zu erhalten. Die Einen 
wollen das engere „Heimatsgefuhl“, das durch die 
Freizügigkeit sehr geschmälert ist, dadurch stärken; 
die Andern haben nur die rein künstlerische Seite im 
Auge. Ich glaube nicht, daß Überlebtes sich neu be¬ 
leben läßt. Bauerntracht ist von jeher etwas sehr kost¬ 
spieliges, eine „echte“ Bauernhochzeit sogar zuweilen 
direkt Ruinöses gewesen. Wer einmal Gelegenheit hat, 
die standesgemäße Ausstattung z.B. einer Rodenbergerin 
mit ihrem quantitativ sinnlosen und überdies unprak¬ 
tischen Prunk zu sehen, der kann, schon aus wirtschaft¬ 
lichen Gründen, der Neubelebung der „Tracht“ nicht 
ohne Bedenken das Wort reden. Deshalb ist es 
doppelt verdienstvoll, jetzt, gleichsam vor Toresschluß, 
in einem so sorgsam ausgefuhrten Werke, wie das 
„Westfälische Trachtenbuch“ es ist, noch einmal die 
ganze bunte Pracht abzuschildern, ehe sie in der Wirk¬ 
lichkeit verblaßt, und in Wort und Bild einen Volks¬ 
stamm zu kennzeichnen, dessen Kinder eine so große 
Rolle im geistigen und wirtschaftlichen Leben Deutsch¬ 
lands spielen. 

Daß die Ausstattung dieses Prachtwerks im besten 
Sinne eine glänzende ist, braucht kaum noch hervor¬ 
gehoben zu werden* Die ausgezeichnet ausgefuhrten 


Digitized by LjOOQle 



Chronik. 


173 


Farbendrucke stammen aus der Offizin von Angerer 
& Göschl (Wien), Brend’amour, Simhart & Co. (Mün¬ 
chen), Büxenstein & Co. (Berlin), Meisenbach, Riffarth 
& Co. (Schöneberg). Die Firma Büxenstein lieferte 
zugleich den Druck, J. W. Zanders in Berg.- Gladbach 
das Papier, H. Fikentscher in Leipzig den sehr ge¬ 
schmackvollen Einband. Für die Subskribenten des 
schönen Werkes fertigte W. Collin in Berlin den wunder¬ 
vollen schweinsledernen Einband im Grolinstil. — m. 


Verschiedenes. 


Die auf Seite 172 wiedergegebene reizende Titel - 
seichnung Adolph Menzels schmückte die erste Auflage 
des „ Spanischen Liederbuchs“ von Emanuel Geibel und 
Paul Heyse und ziert den Deckel der soeben erschie¬ 
nenen dritten (Stuttgart, Cotta; Mk. 3.—). Es mußten 
lange Jahre vergehen, ehe man an diese neue Auflage 
denken konnte — aber sie dürfte rascher vergriffen 
werden als die frühere. Der Inhalt des Bändchens 
gliedert sich in geistliche und weltliche Lieder; ein 
Anhang enthält noch 23 provengalische Lieder in der 
Übersetzung von Heyse. Man weiß, daß auch Geibel 
ein Meister der Übersetzung war. Befangene Nach- 
bÜdung war ihm fremd; gab er eine Übertragung, so 
war sie auch sein geistiges Eigentum. In dieser Be¬ 
ziehung ähnelt ihm Heyse, von dessen Verdeutschungen 
fremdsprachiger Dichtungen vieles getrost dem Schatze 
der deutschen Literatur einverleibt werden kann. 
Während die spanischen Lieder dem Volke ent¬ 
stammen und dies auch in ihrer äußeren Form nicht 
verleugnen, sind die Troubadour-Lieder fast ausnahms¬ 
los Produkte aristokratischer Kunst. Heyse hat sich 
getreu an das Metrum und den Versbau gehalten, und 
dadurch tritt das Fremdartige im Stil und in der 
Gedankenwelt noch stärker hervor und erhöht den Reiz 
dieser eigentümlichen Dichtungen, in denen sich die 
Blütezeit des französischen Ritterwesens wiederspiegelt 
Zu gleicher Zeit wurde bei Cotta die zweite Auflage 
der Gesammelten Dichtungen von Wilhelm Hertz ver¬ 
ausgabt (Mk. 6.—), einWiederabdruck der Ausgabe vom 
Jahre 1900, neben den lyrischen Gedichten, Balladen 
und Romanzen auch die größeren epischen Dichtungen 
„Lanzelot und Ginevra“, „Jungdietrich“, „Heinrich von 
Schwaben“ und „Bruder Rausch“ enthaltend, die uns 
die mittelalterliche Dichtung in ihrer ewigen Jugend 
gewissermaßen näher rücken. —g. 


Christian Hieronymus Esmarch und der Göttinger 
Dichterbund. Nach neuen Quellen aus Esmarchs hand¬ 
schriftlichem Nachlaß von Adolf Langguth. Mit sechzig 
Schattenrissen aus Esmarchs Nachlaß und mit seinem 
Büde. Hermann Paetel, Berlin (10 M., gebd. 11,50 M.) 

Der verdienstvolle Bibliothekar an der Königlichen 
Bibliothek Adolf Langguth, dem wir so manche aus¬ 
gezeichnete Goetheschrift zu verdanken haben, hat so¬ 
eben die Literatur- und Kulturgeschichte des XVI 11 . Jahr- 
hunderts um ein Werk von dauerndem Wert bereichert, 
Z. f. B. 1904/1905. 


indem er die in ihrer Art einzig dastehenden Tagebuch¬ 
aufzeichnungen Christian Hieronymus Esmarchs, eines 
Mitglieds des Göttinger Hainbunds, herausgegeben und 
sie mit einem lichtvollen, anregenden und lehrreichen 
biographisch-kritischen Kommentar begleitet Wir 
erhalten hier ein treues und unverfälschtes Büd der 
bisher noch nicht erschöpfend genug gewürdigten 
Episode unserer Literatur, die als die Zeit des Göt¬ 
tinger Dichterbundes, des „Hains“, bezeichnet wird. 
Der Verfasser bringt uns einen Mann geistig nahe, 
der mit vielen bedeutenden und namhaften Persön¬ 
lichkeiten in Berührung stand. Durch seinen neun¬ 
jährigen Aufenthalt im Hause des Finanzministers 
v. Stemann zu Kopenhagen war Christian Hieronymus 
Esmarch in der Lage, gar manche bedeutsame Vor¬ 
gänge im Hof- und Staatsleben Dänemarks, wo zu jener 
Zeit die hohen Ämter meist Deutschen anvertraut 
waren, die ihrerseits engste Fühlung mit der deutschen 
Literatur hielten und selber literarisch tätig waren, zu 
schildern und zu beobachten. Esmarch erscheint uns 
gleichsam als ein Vamhagen von Ense des XVIII. Jahr¬ 
hunderts, nur mit dem Unterschied, daß er viel objek¬ 
tiver, vorurteilsloser und charaktervoller war als der 
verärgerte und verbitterte Geheime Legationsrat vom 
Hofe Friedrich Wilhelms IV. Indem Langguth es 
unternommen hat, den Spuren Esmarchs im Leben 
und in der Literatur nachzugehen, hat er mehr geleistet 
als eine Biographie oder eine literargeschichtliche 
Abhandlung — vor unseren geistigen Augen tauchen 
zahlreiche, uns lieb gewordene geschichtliche und 
literarische Persönlichkeiten jener Zeit auf und wir 
lernen ihr Fühlen und Denken besser kennen als dies 
bisher der Fall war. Er hatte das Glück, daß ihm ein 
reiches handschriftliches Material, so z. B. von der 
greisen Enkelin Esmarchs Frau Maria von Wartenberg, 
der das treffliche Buch auch die sechzig höchst ori¬ 
ginellen Schattenrisse verdankt, sodann von deren 
Nichte Frau Elisabeth von Wartenberg geb. Esmarch, 
Tochter des Rechtslehrers Professor Karl Esmarch, 
und von dem Oberbibliothekar an der Königlichen 
Bibliothek zu Kopenhagen Justizrat Dr. Bruun zur 
Verfügung gestellt wurde. Mit großem Geschick und 
Geschmack hat er den eigenartigen Stoff behandelt 
und verarbeitet, und die volkstümliche Weise seiner 
Darstellung erhöht noch den Wert des prächtigen 
Werkes. Die einzelnen Kapitelabschnitte, wie z. B. 
„Dänemark in der deutschen Literatur“, „Christian 
Hieronymus Esmarch als Mitglied des Hains“, „Schick¬ 
sale und Bedeutung des Hains“, „Das Briesche Haus“, 
„die Beziehungen Christian Hieronymus Esmarchs zu 
dem berühmten Koptologen Georg Zoega“ u. a. m. 
wird niemand ohne Nutzen lesen und gewiß dem Ver¬ 
fasser dankbar sein, daß er uns auf ein Gebiet der 
Literatur- und Kulturforschung geführt hat, auf dem 
noch so manches zu erhellen ist und der Forschung 
voraussichtlich noch so mancher bedeutsamer Gewinn 
erwächst. 

Die Ausstattung des Werkes ist originell und vor¬ 
nehm. Der Titelaufdruck in Goldschrift und die Me¬ 
daillonsilhouette Esmarchs geben dem Buche ein 
geschmackvolles Aussehen und prägen ihm im Verein 

23 


Digitized by 


Google 




*74 


Chronik. 


mit dem Druck auf starkem Papier, sowie den sechzig 
Silhouettenbeigaben, den Stempel des Altmodischen 
auf, der Zeit entsprechend, die das Werk behandelt 

A. K. 


„Aus Adolf Stahrs Nachlaß “ teilt Ludwig Geiger 
eine stattliche Anzahl von Briefen mit (Oldenburg, 
Schulzesche Hofbuchhldg. A. Schwartz; 8° LXIX und 
356 S. M. 5). Als Einleitung gibt Professor Geiger ein 
kurz gefaßtes Lebensbild Stahrs, der „keiner der 
führenden Geister gewesen, aber tüchtiges auf den 
verschiedensten Gebieten geleistet hat, die er nach¬ 
einander betreten 14 . Das ist zweifellos richtig, und 
zweifellos ist es Unrecht, über ihn und Fanny Lewald, 
seine Gattin — das gemeinsame „zweiköpfige Tinten¬ 
tier 44 — mit wohlfeilem Spotte hinwegzugehen. Geiger 
versucht keine jener literarischen „Ehrenrettungen 44 , 
wie Stahr selbst sie geliebt hatte; aber zu einer ge¬ 
rechten Beurteüung des Menschen, Dichters und 
Politikers legt das Buch immerhin Grund. Es ist auch 
kulturgeschichtlich von nicht geringem Interesse. Unter 
den Briefschreibem begegnen wir Namen wie Gutzkow, 
Lasalle, Kinkel, Bettine von Arnim, Alexis, Macaulay, 
Quinet, Richard Wagner, Therese v. Bacheracht, 
Theodor Döring, Freytag, Spielhagen — und wie auf 
das Geistesleben der vierziger Jahre, so fallen auch auf 
die Zeiten politischer Erregung in der Reaktionsperiode 
mancherlei neue Streiflichter. Als Erläuterung zu den 
Briefen hat der Herausgeber, dem man für seine Arbeit 
dankbar sein muß, eine Anzahl Anmerkungen bei¬ 
gefügt. A 


„Glück und Unglück der berühmten Moll FlancUrs", 
ein dem größeren Publikum bisher so gut wie unbe¬ 
kannt gebliebener Roman De Foes , ist zum ersten Male 
in deutscher Sprache bei Albert Langen in München 
erschienen. „Moll Flanders“, die Geschichte einer 
Kurtisane und Hochstaplerin, ist gewissermaßen der 
Niederschlag jener Epoche, da De Foe an den beiden 
torystischen Skandalblättem „Mist’s Journal“ und 
„Applebee's Journal“ tätig war — Blättern, in denen 
ein Hauptgewicht auf Verbrechergeschichten gelegt 
wurde. Minto erzählt in seiner Lebensskizze De Foes, 
daß dieser ein besonders lebhaftes Interesse für den 
berüchtigten Straßenräuber Jack Sheppard gehabt 
habe, der ihm vor seiner Hinrichtung sogar seine an¬ 
gebliche Autobiographie übergeben ließ. So heißt es 
auch auf dem Tittelblatt von „Moll Flanders 44 : „nach 
ihren eigenhändig niedergeschriebenen Memoiren“. 
Der Roman steht literarisch auf ziemlich tiefem Niveau, 
ist aber sittengeschichtlich recht interessant Hedda 
und Arthur Moeller-Bruck haben ihn ausgezeichnet 
übersetzt, und der Verleger gab dem Buche im Titel¬ 
blatt, Druck und in den geschmacklosen Vignetten 
ganz die Ausstattung der Entstehungszeit —bl— 


Die Reisewerke des Verlags F. A. Brockhaus in 
Leipzig zeichnen sich immer durch eine Ausstattung 
aus, an der sich der Bibliophile von Herzen erfreuen kann. 
Das ist auch der Fall bei den neuesten uns vorliegenden 


Werken der Firma. Das eine führt uns in den Norden, 
das andere in das ferne Asien. Kapitän Otto Sverdrup 
schildert in „ Neues Land 4 (2 Bde., gebd. Mk. 20) seine 
Reise in jene Polargegenden, in denen einst Franklins 
Expedition ein so grauenhaftes Ende fand. Aber Sver¬ 
drup war glücklicher als seine Vorgänger; er hat seinem 
Könige auf friedlichem Wege, wenn auch unter man¬ 
cherlei Nöten und Entbehrungen, ein „neues Land 44 
von nahezu 300000 Quadratkilometern erobern können. 
Der wackere Kapitän ist auch ein ganz vortrefflicher 
Erzähler, sein Buch wird jung wie alt fesseln — ja, 
auch die Jungen, denen man diesen nordischen Robinson 
getrost auf den Geburtstagstisch legen kann. Für uns 
ist die Ausstattung von besonderem Interesse. Die 
beiden Bände sind sehr geschmackvoll in gelbbraunes 
Leinen gebunden und tragen auf dem Vorderdeckel 
in einer ornamentalen Umrahmung das Farbenbild 
eines Nordpolfahrers. Reich ist auch der illustrative 
Schmuck. Von den insgesamt 225 Abbildungen sind 
69 Separatbilder außerhalb des Textes fast ausnahmslos 
ausgezeichnete Reproduktionen nach photographischen 
Aufnahmen. Dazu kommen neun Karten der neuerwor¬ 
benen Gebiete. 

Ein ebenso glänzendes Reise werk ist Sven Hedins 
neue Publikation „Im Herzen von Asien. Zehntausend 
Kilometer auf unbekannten Pfaden“ (2 Bde., geb. Mk. 20). 
Ist Sverdrup dem Publikum noch neu als Erzähler, so 
ist Hedin schon ein guter Bekannter. Sein SchÜderungs- 
talent offenbart sich auch in diesem Werke von der 
besten Seite. Er ist immer interessant, ob er uns von 
seinen monatelangen Fahrten auf dem Tarim erzählt 
oder von der Durchquerung der tibetanischen Alpen 
oder von seinen Abenteuern im Reiche des Dalailamas. 
Lhassa zu erreichen war freilich auch ihm nicht ver¬ 
gönnt; aber es erging ihm besser als dem phantastischen 
Landor: man transportierte ihn einfach zurück. Die 
wissenschaftliche Ausbeute der letzten Reise Hedins 
bleibt einem besonderen Werke vorenthalten; hier ist 
er nur der Erzähler, doch einer, dem man mit Freuden 
lauscht Das Buch ist in ähnlicher Weise ausgestattet 
wie das Sverdrupsche. 407 photographisch getreue 
Abbildungen schmücken es, darunter 154 Separat- und 
Vollbilder und acht Dreifarbendrucke; dazu kommt 
auch hier eine Anzahl Karten. Beide Werke wurden 
in der Brockhausschen Offizin gedruckt und gebunden. 

L. 


Bibliographisches. 


Heinrich Stümcke hat' in seinem Buche „Hohen* 
zollemfürsten im Drama . Ein Beitrag zur vergleichen¬ 
den Literatur- und Theatergeschichte“ (Leipzig, Georg 
Wigand 1903; Gr. 8°, XV. und 305 S.; Mk. 5,50) zum 
ersten Male denVersuch unternommen, eine Zusammen¬ 
stellung aller derjenigen deutschen wie fremdsprach¬ 
lichen dramatischen Erzeugnisse zu geben, die sich mit 
den markantesten Persönlichkeiten aus der Vergangen¬ 
heit des Hohenzollemhauses beschäftigen: mit dem 
Großen Kurfürsten, Friedrich III. resp. I., Friedrich 


Digitized by LjOOQle 



Chronik. 


175 


Wilhelm I. und Friedrich II. Ich bedaure, daß der 
gegebene Raum zu karg bemessen ist, um das ausge¬ 
zeichnete Werk eingehender beurteilen zu können. 
Dr. Stümcke hat mit bibliographischer Gründlichkeit 
ein ungeheures Material durchstöbert, um annähernde 
Vollständigkeit erreichen zu können. Vorarbeiten waren 
nur wenig vorhanden: für Deutschland ein paar Schul¬ 
programme, für das Ausland so gut wie nichts. Es 
handelte sich zudem nicht allein um eine Aufzählung 
aller Hohenzollemdramen; Stümcke hat sich auch die 
Mühe gemacht, die meisten zu lesen und gibt nach stoff¬ 
geschichtlichen und dramaturgischen Gesichtspunkten 
eine kritische Würdigung jedes einzelnen Werkes, so 
weit es ihm zugänglich wurde. Auch die Einteüung 
des Buches in Stoffgruppen kann man nur loben; die 
Lektüre gewinnt dadurch, zumal der Verfasser sich des 
Vorzugs einer flüssigen, nie doctrinär werdenden Dar¬ 
stellung rühmen kann. Die erläuternden Anmerkungen 
sind am Beschluß des Bandes zusammengefaßt, eine 
neue Mode, über deren Zweckmäßigkeit sich streiten 
läßt; sicher ist es praktischer, die erklärenden Noten 
auf der Seite zu geben, zu der sie gehören. Die Biblio¬ 
graphie und Chronologie, die mit einem 1683 zu Königs¬ 
berg aufgeführten Lustspiel beginnt und mit Lauffs 
„Doeberitz“ 1903 abschließt, verzeichnet genau, welche 
Stücke nur als Manuskript gedruckt sind, ferner die 
Erstaufführungen, die kritischen Quellennachweise, die 
Verleger usw. 

In ähnlicher Weise hat Hermann Gaehtgens tu 
Ysentorff „Napoleon /. im deutschen Drama“ behandelt 
(Frankfurt a.M., Moritz Diesterweg; 8° VIII. und 149 S.; 
Mk. 3). Das Buch ist ein deutsches Gegenstück zu 
Lecomtes 1900 erschienenem „Napolöon et Tempire 
racontös par le thöätre,“ das nicht weniger als 596 fran¬ 
zösische Napoleonsdramen auffuhrt. Gaehtgens-Ysen¬ 
torff legt aber einen höheren Wert auf die literarische 
Beurteilung als der Franzose, der sein kritisches Urteü 
meist nur in wenige Worte kleidet. In bezug auf Ge¬ 
nauigkeit der Inhaltsangabe steht der Deutsche dem 
Franzosen nicht nach; ein Zusammenfassen der Hand¬ 
lung würde hie und da zweckmäßiger gewesen sein als 
die etwas eintönig werdende Wiedererzählung der Vor¬ 
gänge Akt für Akt Der Verfasser bespricht 52 Na¬ 
poleonsdramen, die er folgendermaßen ein teilt: Spott- 
undTendenzdramen, Liebesdramen, St Helena-Dramen, 
Dramatisierte Geschichte, Napoleon als Nebenfigur. 
Die Chronologie beginnt mit 1799 (dem satirischen 
Drama eines Anonymus) und endet mit 1903 („St. Helena“ 
von Arnold Ott). Sein kritisches Resumö schließt Gaeth- 
gens mit den Worten: „Eine befriedigende Lösung des 
Napoleons-Dramas wird sich nur innerhalb des Episoden¬ 
dramas finden lassen,“ d.h. im metaphysischen Problem, 
wenn eine starke dichterische Persönlichkeit es behan¬ 
delt AA 


Ein Neudruck nach einem einzigen überlebenden 
Exemplar hat mehr als Kuriositätswert; er hilft die 
fliehende und wechselnde Physiognomie der Zeit fest- 
halten. So dürften die hundert Exemplare des neu¬ 
gedruckten Katalogs der Huygenschen Bibliothek , un¬ 
längst bei W. P. van Stockum und Zoon im Haag er¬ 


schienen, kaum der Nachfrage genügen. Der genaue 
Titel des faksimilierten Kataloges lautet: Catalogus 
Variorum 6r* Insignium in omni Facultate 6t* Lingua 
Librorum, Bibliothecae Nob. Amplissimique Viri Con- 
stantini Hugenii Zulichemii, &* Toparchae &* dum 
viveret. Serenissimi Arausionensi Principis Concilii 
Praesidi . Quorum auctio habebitur Hagae- Comitis in 
Officina Abrahami Troyel, Bibliopolae op de groote 
Zael van't Hof. Ad diem Lunae zj. Martius 1688. 
Hagae-Comitis, Apud Abrahamum Troyel\ Bibliopo- 
lam, 1688. (M. 10 gebd.) 

Constantin Huygens, dem man als Dichter auch ein 
Denkmal in Haag gesetzt hat, der Vater des berühmten 
Mathematikers und Astronomen, war Sekretär und Ge¬ 
heimrat bei den Prinzen Friedrich Heinrich, Wilhelm II. 
und Wühelm III, von Oranien. Seine Bibliothek wurde 
1688 im Großen Saale im Haag versteigert. Erst vor 
einigen Jahren aber kam durch einen glücklichen Zufall 
das Original des Katalogs dieser Versteigerung im 
Museum Meermanno-Westreenianum an das Tages¬ 
licht und wurde als wertvoller Beitrag zur Kenntnis 
jener Zeit begrüßt. Denn mehr noch als der Satz 
„Sage mir, mit wem Du umgehst“, gÜt das Wort 
„Sage mir, was Du liest.“ Der Katalog Constantin 
Huygens gibt ein getreues BÜd von seiner Persön¬ 
lichkeit, die von einer Vielseitigkeit war, wie wir sie 
bei keinem seiner Zeitgenossen finden. So weist der 
Katalog eine seltene Auslese aus allen freien Künsten auf 
und gewährt wie kein zweiter Einblicke in das intime 
Leben eines schöngeistigen Holländers des XVII. Jahr¬ 
hunderts. Schon aus diesem Grunde hat ein Neu¬ 
druck nach dem einzigen Exemplar seine Berech¬ 
tigung. Er ist peinlich genau hergestellt und selbst die 
Druck- und sonstigen Fehler sind beibehalten worden. 
Darunter gibt es einige, die wohl der Untersuchung 
durch genaue Kenner der Zeit wert wären. Man 
muß es Herrn van Stockum junior lassen, daß er 
sich die allergrößte Mühe gegeben hat, seinen Neu¬ 
druck dem Originale nachzubilden. Das Material ist 
ein ins Graue spielendes, gerissenes Gandernpapier; 
die Typen, wenn auch keine Originale aus dem 
XVII. Jahrhundert, ähneln doch denen des Originals 
aufs Haar. Dr. S. G. de Vries, der Leiter der Uni¬ 
versitätsbibliothek zu Leyden, hat uns die Geschichte 
der Auktion dieser Sammlung erzählt. Das Vorwort 
Stockums entnimmt seiner Arbeit folgende Details: 
Das Testament Constantin Huygens vom 2. Oktober 1682 
bestimmte, daß durch Entscheid des Loses seine 
Bücher, seine Instrumente, Kunstblätter und dergleichen 
unter seine drei Söhne geteüt werden sollten, mit 
Ausnahme seiner musikalischen Kompositionen, die er 
seinem Sohn Christian vermachte, als von seiner Hand 
herrührend, mit der Weisung, sie in Ehren zu halten. 
Nach seinem 1687 erfolgten Tode wurde die Ver¬ 
teilung der Bücherei vorgenommen. Die Leydener 
Universitätsbibliothek besitzt den authentischen Be- 
sitzteilungsaktus. Darauf ließen die Söhne — ein 
Grund wird nicht ersichtlich — den größten Teil der 
Bücher durch Abraham Troyel, den Haager Antiquar, 
verkaufen. Einige Notizen darüber findet man in 
einem Briefwechsel zwischen den Brüdern Constantin 


Digitized by 


Google 



176 


Chronik. 


und Christian aus dem Oktober 1687, der in die „Oeuvres 
compl&tes de Chr. Huygens, tome IX“ aufgenommen 
wurde. 

Das Äußere des eleganten Quartbandes präsentiert 
sich, getreu den Bänden jener Zeit, mit einem Deckel 
und Innenvorsatz von blaurotem Kamm-Marmor 
ohne Kapitalband, unbeschnittenem Buchkörper und 
weißpergamentnem Rücken mit schwarzem Titel- 
aufdruck. 

Catalogue of early German and Flemish Woodcuts 
preserved in the department of Prints and Drawings 
in the British Museum by Campbell Dodgson , M. A. 
Vol. I. London 1903. 

Der über 500 Seiten starke Hochquartband in 
ernstem schwarzem Kaliko ist der erste Beginn einer 
Katalogisierungderreichen Holzschnittschätze deutscher 
wie flämischer Herkunft, auf die das British Museum 
mit Recht stolz ist und in deren Qualität und Quantität 
allein die Berliner Kgl. Bibliothek ihm vorangestellt 
werden kann. Auch die wertvolle Gabe Mr. Mitchells, 
der 1895 dem British Museum etwa 1200 der schönsten 
Blätter aus der Dürerzeit schenkte, ist diesem Katalog 
bereits einverleibt, doch soll die Sammlung im Anhang 
zum letzten Bande nochmals einzeln geführt werden. 
Die drei Bände des Katalogs werden die Periode von 
ca. 1460 bis Mitte des XVII. Jahrhunderts, also die 
Anfänge und die Blüte der Holzschneidekunst bis 
zu ihrem ersten Niedergange umfassen, unter Aus¬ 
schluß aller Schwesterkünste, wie der Zeichnung oder 
des Kupferstichs. Mr. Colvin, der dem Kataloge eine 
Einleitung mitgegeben hat, vertritt mit Recht den Stand¬ 
punkt, daß die Verschiedenheit des Technik Ursprungs 
hier eine strengere Teilung, als die üblich gewordene, 
fordert. Hat sich doch der Holzschnitt aus dem Zeug¬ 
druck, der Kupferstich aber aus dem Gewerbe des 
Goldschmieds entwickelt Auch schließt sich ersterer 
bedeutend inniger der Druckkunst und dem Buch über¬ 
haupt an. 

Im ersteren Teil sind die Primitiven der Xylo¬ 
graphie, deren Blätter fast nie einen Namen tragen, 
deshalb nach dem behandelten Subjekt geordnet 
Vom zweitenTeil, der dasXVI.Jahrhundertbehandelt, an 
ist nach den Meistern und ihren Schulen gruppiert 
worden, und zwar chronologisch bei dem Einzelnen, 
nicht nach Subjekten, wobei oft Anfänger- und Meister- 
Arbeiten nebeneinander zu stehen kommen. Grade 
bei Dürer, der naturgemäß den breitesten Raum in 
dem Bande einnimmt und der seine Blätter bald sorg¬ 
fältig, bald gar nicht datierte, ist eine solche zeitliche 
Anordnung sehr wünschenswert Von manchen andern 
Meistern der Zeit, wie Traut, Burgkmair u. a. existierte 
bisher überhaupt noch keinerlei Katalog, so daß hier 
Mr. Dodgsons Arbeit als grundlegend zu betrachten 
ist Neben allen diesen Original-Holzschnitten enthält 


die Sammlung auch noch eine Anzahl von Büchern 
mit eingefügten Holzschnitten und Wiedergaben von 
Blättern aus andern Sammlungen. Sie werden im 
Katalog an entsprechender Stelle kurz erwähnt 
Mr. Dodgson leitet den 1. Teil des I. Bandes durch 
eine historische Einführung in die Holzschnittkunst, 
ihre Tradition und Technik im allgemeinen ein und 
kommt hierauf auf die Sammlung des British Museum 
im besonderen zu sprechen. Dann folgen die Primi¬ 
tiven bis zum Ende des XVI.Jahrhunderts. Der 2. Teil 
wird wiederum durch einen kurzen historischen Essay 
eingeleitet und umfaßt in seinem Katalog die Nürn¬ 
berger Schule und ihr Haupt, Albrecht Dürer. Über 
letzteren ist noch ein Anhang beigefugt, der die Reihen¬ 
folge von Dürers Werken bei Bartsch, Heller, Passa- 
vant und Dodgson vergleichend aufstellt 

Fünfzehn Holzschnittreproduktionen, ganzseitigund 
auf Kartonpapier, sind als Charakteristika dem Texte 
beigegeben, so ein Farbschnitt des Christuskindes aus 
dem XV. Jahrhundert, anonym; eine ganz primitive 
Arabeske aus derselben Zeit; ein Probeabzug des 
Titelblatts von Dürers wunderbarer Kleiner Passion 
mit ihrer kraftvollen Type; Springinklees Heiliger 
Ambrosius; Erhard Schöns Katharine und Wenzeslaus 
und andere mehr. Die ziemlich genaue Beschreibung 
jedes einzelnen der erwähnten Blätter mit Maßangaben 
usw. gestaltet das Buch zum Handwerkszeug jedes 
Freundes der Holzschneidekunst vergangener Zeit 
_ — g- 

Den kulturhistorisch interessantesten, eine noch 
unausgeschöpfte Zeit behandelnden Arbeiten muß die 
Monographie des Herrn Dr. Ulrich Schmid zugerech¬ 
net werden: „Otto von Lonsdorf Bischof von Passau, 
1254—65“, (Würzburg, Göbel und Scherer 1903). Sie 
beschäftigt sich nicht nur mit der privaten und poli¬ 
tischen Geschichte des Kirchenfürsten, sondern eröffnet 
auch große allgemeine Durchblicke auf die kirchen¬ 
politischen Zustände während der „kaiserlosen, der 
schrecklichen Zeit“. Das Buch umfaßt Bischof Ottos 
Vorgeschichte bis zur Wahl, seine Stellung als Reichs¬ 
fürst wie als Kirchenfürst und zur Kurie und einiges 
aus seinem Privatleben bis zu seinem Tode. Das Sup¬ 
plement enthält die Stammtafel, eine kurze Bücherliste, 
Dokumente in Faksimile u. a, m. Der Sammelfleiß 
des Autors geht schon aus dem Verzeichnis der selbst¬ 
durchforschten Quellen und des herangezogenen vor¬ 
handenen literarischen Materials hervor. 

Eine Anzahl Städtebilder aus alten Topographien 
und Trachtenabbildungen sind dem Texte eingestreut. 
Zierleisten und Initialen im Sattlerschen Geschmack 
rühren von einem Freunde des Verfassers, Rudolf 
Schiestl, her, ebenso wie die hübsche, in schwarz, rot 
und gelb gehaltene Umschlagzeichnung, die sich als 
Innentitel wiederholt. E. G. 


Nachdruck verboten. — Alle Rechte Vorbehalten . 

Für die Redaktion verantwortlich: Fedor von Zobeltitz in Berlin W. 15. 

Alle Sendungen redaktioneller Natur an denen Adresse erbeten. 

Gedruckt von W. Drugulin in Leipzig für Velhagen & Klasing in Bielefeld und Leipzig auf Papier der Neuen Papier-Manufaktur 

in Straßburg i. E. 


Digitized by 


Google 


ZEITSCHRIFT 

FÜR 

BÜCHERFREUNDE 

Monatshefte für Bibliophilie und verwandte Interessen. 

Herausgegeben von Fedor von Zobeltitz. 

8. Jahrgang 1904/1905. - Heft 5: August 1904. 


Die französischen Exlibris von heute. 

Von 

Octave Uzanne in Paris. 


H §H| ch habe oft daran gedacht, eine ganze 
Reihe von kleinen Artikeln zu schreiben, 
§§|§ die sich mehr mit einer gewissen ober¬ 
flächlichen Büchemäscherei als mit ernsthafter 
Bibliophilie beschäftigen sollten. Ich wollte 
sie unter dem Sammeltitel „Die Fassade des 
Buches" herausgeben. Es 
hätte mir viel Spaß ge¬ 
macht, in dieser eigenar¬ 
tigen Sammlung die ver¬ 
schiedenen Elemente zu be¬ 
leuchten, aus denen jedem 
gedruckten und broschier¬ 
ten Werke seine eigene Phy¬ 
siognomie erwächst Ich 
meine, sein greifbares Äus¬ 
sere, sein Deckel und dessen 
typographische oder illu¬ 
strative Ausschmückung, 
seine Verlagskartonnierung 
mit origineller Handver¬ 
goldung, besonders sein 
Kunsteinband, trage er ein 
Sinnbild oder ein Wahr¬ 
zeichen. Zu den Beigaben 
des Buchäußeren hätte ich 
endlich auch das Exlibris 
gerechnet ein Eigentums¬ 
zeichen, das sich dem Titel- 
z. f. B. 1904/1905. 



Abb. x. Ges. L. Leb&que. 


blatt eng anschließt. Es gehört sicher zu den 
Aushängen der Fassade und zwar nicht zu den 
bedeutungslosen. 

Wieviele von den Bücherfreunden kennen 
von den Büchern, die sie mühsam erwerben 
und eifersüchtig bewachen, nicht mehr als 
die erwähnten Äußerlich¬ 
keiten. Ich halte es nicht für 
übertrieben, wenn ich sage, 
daß es sogar der Mehrzahl 
so geht von denen, die 
seltne und teure Scharteken 
schätzen, gerade wie die 
Antiquare ihre wertvollen 
Nippsachen lieben, ohne je 
daran zu denken, sie auch 
in Gebrauch zu nehmen. 
Leute, die sich vom Mark, 
dem geistigen Inhalt des 
Buches, nähren, denken erst 
in zweiter Linie an die äus¬ 
sere Schönheit einer Aus¬ 
gabe. Sie begehren Bände, 
die sich leicht öffnen und 
benutzen lassen, deren Ge¬ 
brauch keinerlei Vorsicht 
erheischt. Gleicht doch ein 
kostbares Buch einer wohl¬ 
geputzten Schönen, deren 
24 


Digitized by ^ ooQle 



Uzannc, Die französischen Exlibris von heute. 


178 

seidne und samtne Pracht man bei allzu stürmi¬ 
scher Zärtlichkeit zu zerknittern furchtet. Alles, 
was der Eitelkeit des Besitzers schmeichelt, ist 
ausschließlich repräsentativ und oberflächlich. 
Deshalb wäre es folgerichtig gewesen, eine 
Reihe von Werkchen über die „Fassade“, das 
„Gesicht“ des Buches, zu schreiben, die sich 
einzig und allein auf die Begutachtung des 
Äußeren beschränkt hätte, jenes Äußeren, das 
den Bibliophilen anlockt. 

Von diesem Plan bleibt mir für diesmal nur 
das Thema der Exlibris zurück, und zwar 
werde ich mich speziell mit den zeitgenössischen 
französichen Exlibris beschäftigen, die man von 
allen Enden der Welt zum Austausch begehrt 
Sind doch die deutschen, die englischen, die 
italienischen, vor allem die amerikanischen 
Exlibris-Sammler genau so unternehmungslustig 
und geschäftsklug und weitsichtig geworden, 
wie die Briefmarkensammler — und das will 
viel sagen . . . 


Hat sich die Vorliebe für Exlibris in 
Frankreich in den letzten Jahren ebenso stark 



Abb. 3. Exlibris Marie Moye. 
Ger. Henry Andr6. 



Abb. 2. Exlibris J. Kirman. 


entwickelt, wie sich dies an ihrer Wiederbelebung 
in England und den Vereinigten Staaten, in 
Deutschland und Skandinavien, ja selbst in 
Rußland beobachten läßt? Ich glaube kaum. 
Im Lande Dante Gabriel Rosettis, Rusldns 
und Morris’ nahm die Vorliebe für Buchkunst 
und Eignerzeichen einen großen Aufschwung. 
Es wurden Wettbewerbe veranstaltet, um die 
graphische Ausdrucksmöglichkeit der Book- 
plates zu erneuern und ihnen aus dem heral¬ 
dischen Stil herauszuhelfen, dessen vornehme 
Gotik seit den Zeiten des alten vortrefflichen 
Meisters Shembom sie allein beherrschte. 
Währenddessen verhielten sich unsere Lieb¬ 
haber und Künstler ziemlich gleichgültig und 
bemühten sich nicht einmal, die Kunst des 
Exlibris wieder auf die Höhe des XVIII. Jahr¬ 
hunderts zurückzufuhren. Das war die Zeit 
des höchsten Ruhmes der französischen Buch¬ 
eignerzeichen gewesen. Frangois Boucher, 
Moreau-le-Jeune, Eisen, Choffard, der Buch¬ 
künstler Lajoue, Gravelot, Cochin und andere 
Berühmtheiten schufen kleine Meisterwerke, die 
dazu ausersehen waren, die Bücher der großen 
Sammler wie Crozats, wie des Baron von Thiers 
und der Herzogin von Bouillon, de la Roche- 
foucault-Beyers, Poisson de Marignys, Boucherat 
du Feys, des Abb 6 Leblanc und Anderer mehr 
zu schmücken. Es handelte sich gewöhnlich 
um adlige Wappenschilde, untermischt mit 
Muschelrahmen, ohne Steifheit oder Trivialität: 
um einen allegorischen Vordergrund, auf dem 


Digitized by LjOOQle 



Uzanne, Die französischen Exlibris von heute. 


179 



Herkules den Ritterschild stützt, Minerva den 
Einklang des Wappens bewacht oder Putten 
sich zwischen der Helmzier und den massen¬ 
haften Kriegstrophäen haschen. Dazwischen 
Tiere und Blumen, Tauben und Rosenguirlanden, 
Adler, die eine Herzogskrone verteidigen, und 
Hunde, die als Sinnbild der Treue sich vor 
das Gebälk der Säulenordnung gestreckt 
haben. Man verfugte über eine außerordent¬ 
liche Abwechselung. Jeder Künstler folgte 
seiner Laune, und dabei schuf er diese ent¬ 
zückenden, zierlichen, geschmackvollen Vig¬ 
netten, vollkommen in bezug auf ihre Heraldik 
und von bester Wirkung durch ihre unvergleich¬ 
lich köstlichen Rokokorahmen. 

Auch waren die Bücherfreunde sehr geschickt 
im Auffinden geeigneter Motti, von denen mir 
einige im Gedächtnis haften geblieben sind. 
Zum Beispiel: „Vita sine letteris mors est“; 
„His me consolor“; „Fallitur hora legendo“; 
„Dulce desipere in loco cum libro“; „Mieux 
vaut m’avoir amy“; „Tel je suis qu’on m’envie“; 
„La meilleure Provision ä cet humain voyage: 
Ut quiescat!“; „E meco porto il sole“; „Eli- 
minat et illuminat.“ Endlich unter einem Stern 
im dunklen Himmel: „Les ombres me font 
l r 6 clat!“ — 

Ich bedürfte eines ganzen Bandes, um der 
liebenswürdigen Kunst, der epikuräischen Weis¬ 
heit, dem galanten Schöngeist der Exlibris vor 
der Revolution gerecht zu werden. Merk¬ 
würdigerweise findet man, daß ein biblio¬ 
graphischer Versuch niemals gemacht worden 


ist, obwohl das Material dazu reichlich vorhanden 
wäre. Die Nationalbibliothek zu Paris besitzt in 
ihrer Abteilung für Stiche eine Exlibris-Samm¬ 
lung aus älterer Zeit, deren Zahl vielleicht über 
zwanzigtausend beträgt. Diese Vorräte wären 
leicht durchforschbar. Stattdessen schlummern 
sie unter dem Staub der Vergessenheit, und 
niemand befaßt sich damit, aus so vielen 
Wundem der Stichelkunst die Stücke heraus¬ 
zusuchen, die es wohl verdienten, durch Neu¬ 
drucke belebt zu werden. Die Überzahl der 
Eignerzeichen schuf im XVIII. Jahrhundert eine 
Art Karneval der Heraldik, wie man scherzend 
gesagt hat. Obwohl die Künstler alle Ehrfurcht 
vor der ernsten Wappenkunst des XD. bis 
XVI. Jahrhunderts hatten, verringerten sie 
dennoch das Würdevolle und travestierten 
es sogar ein wenig, indem sie den Linien 
mehr Grazie abzugewinnen suchten. 

Heute steht die Exlibris-Kunst Frankreichs 
gewiß nicht mehr auf ihrer damaligen Höhe. 
Die großen Künstler haben es fälschlich ver¬ 
achtet, sich der Schöpfung neuer Bucheigner¬ 
zeichen zu widmen, und von Beginn des 
XIX. Jahrhunderts bis zum heutigen Tage 



• HENRY - ANDRE INV DEL SC 1893- 


Abb. 5. Exlibris A Geoffroy. 
Ge*. Henry Andr6 1893. 


Digitized by LjOOQle 




i8o 


Uranne, Die französischen Exlibris von heute. 



Abb. 6. Exlibris E. und J. de Goncourt 
Ges. Gavarni. 


kann man die Geschichte des Exlibris in 
scharfen Umrissen kurz zusammenfassen. 

Unter dem ersten Kaiserreiche treten die 
Vignetten seltener auf und sind interesselos; 
nur wenig Illustrationen sind darunter. Man 




Abb. 7. Exlibris Franc* Copp£e. 
Ges. A. Bouvenne. 


findet viel mehr Druckmarken in Buchstaben 
in einem mageren Rahmen von Doppellinien 
oder von wertlosen Ornamenten. Kommt 
einmal ein zeichnerischer Entwurf vor, so 
handelt es sich gewöhnlich um Steingravierung 
oder Kupferarbeit mit der Wiege und stellt 
meistens einen Troubadour unter dem Zucker¬ 
barett oder eine keusche griechisch drapierte 
Muse vor, mit hochgeschnürtem Busen, die 
sich an den Schaft einer gestürzten Säule 
lehnt Das alte Schildmotiv erscheint noch 
öfter, stets in einer unvermeidlichen Trümmer¬ 
landschaft. Später, so gegen 1820 oder 1830, 
rückt die Romantik den mittelalterlichen 
Geschmack noch mehr in den Vordergrund. 
Die Vignetten der Bücherfreunde zeigen dann 
Domportale, Rosetten, Klöster, schaurige 
Grüfte oder auch einfach Totenköpfe als 
Sinnbild der ewigen Weisheit. Beispielsweise 
einen Schädel auf einem alten Folianten und 
darüber: „Hodie mihi, cras tibi/* 

Ich will mich nicht lange bei den roman¬ 
tischen Exlibris aufhalten. Sie sind von 
bedauernswert kindlichem Ungeschmack in 
ihrem neuritterlichen oder altertümelnden 
Stil mit phantastischer Heraldik. Oder sie 
sind so schablonenmäßig gehalten, daß man 
sich nicht einmal über sie ärgern kann. Man 
müßte lange suchen, um zwischen 1825 und 
1850 hundert Stück zu finden, die einer 
Neuausgabe würdig wären. 

Während der zweiten Hälfte des zwei¬ 
ten Kaiserreichs bemerkt man schon einen 


Digitized by LjOOQle 






Digitized by 



Uzaime, Die französischen];Exlibris von heute. 


181 



Abb. io. Exlibris E. Olive. 

Ge*. J. C. 

Aufschwung in der Welt der Bücherfreunde. 
Während gewisse Liebhaber die kleine Maro¬ 
quinetikette mit Wappen oder einfach ihren 
Namen in Goldpressung in einem Oval erkoren, 
um ihre Erfindungsgabe nicht zu überanstrengen, 
wandten sich einzelne Literaten, Dichter, Künst¬ 
ler, Finanzgrößen und Rentiers an die Meister 
der Feder und des Stiftes, um wahrhaft feine 
und bewundernswerte Exlibris zu erhalten. 

Die Zeit von 1860 bis zum 1870 er Krieg 
war fruchtbar an hübschen und eigenartigen 
Zeichen. Poulet-Malassis, der Verleger, der 
gerade die „Fleurs du Mal“ von Baudelaire, 
die „Emaux et Cam6es“ von Th£ophile Gautier 
und die „Po^sies“ von Theodore de Banville 
veröffentlicht hatte und durch und durch fein? 
gebildet war, erbat sich vom Malerradierer 
Braquemond das eigenartige Zeichen, das er 
dem Deckel aller Bücher einfügen wollte, die 
er einst besessen. Da zeich¬ 
nete der Meister ihm ein 
offenes Buch, von seinen An¬ 
fangsbuchstaben P. M. flan¬ 
kiert und umrankt von dem 
triumphierenden Ausruf: „Je 
l’ai!“ (Abb. 19.) Das ist der 
wahre Wahlspruch des Be¬ 
sitzers, der Schrei des Herzens 
und des sieggekrönten Samm¬ 
lers, der endlich das heißbe¬ 
gehrte Zeichen den Fächern 
seiner Sammlung einreiht, 
dieses Wort „je Tai!“ 

Victor Hugo besaß zwar 
keine nennenswerte Bücher¬ 
sammlung, aber er nahm doch 
die Arbeit des Stechers Bou- 
venne an, auf der die Türme 
von Notre-Dame abgebildet 



Abb. xi. Exlibris Victor Hugo. 

Ge*. A. Bouvenae. 

waren mit seinem Monogramm, weiß auf dem 
dunklen Grunde des Portals, während die Worte 
„Exlibris Victor Hugo“ von gleißenden Blitz¬ 
strahlen quer über den Himmel geschrieben 
erschienen (Abb. 11). Th^ophile Gautier, der 
vornehme Bewunderer verschwundener Zivili¬ 
sationen, verlangte einen priesterlich eigenartigen 
Entwurf. Er wählte die Fassade eines Isistempels 
mit seinem Monogramm und dem Wahrzeichen 
der alten Egypter am Giebel (Abb. 22). Besseres 
ließe sich wohl kaum für den Verfasser des 
„Romans einer Mumie“ finden. 

Das Bucheignerzeichen der Brüder Edmond 
und Jules de Goncourt stammt von Meister 
Gavarni, dem großen Lorettenzeichner; es ist 


'4t 1 SI L’AMOUR NE VIENT QUI LE TIJRLUPINE 


LART RAMPE IC 1 BAS.SE 


kl JRA1NE ET CL0P1NE 


1 





ZÄNNE, Bibliophi Io* ophe 


■ft' 


Abb. 12. Exlibris Octave Uzanne. Rad. Mass6 nach Guerin. 


Digitized by ^ooQle 





182 


Uzanne, Die französischen Exlibris von heute. 


einfach und doch beredt Zwei Finger einer 
Hand weisen auf ein Blatt, das den Namens¬ 
zug der Unzertrennlichen, nur durch den Tod 
Geschiedenen trägt (Abb. 6). Jules de Goncourt 
unternahm es, dieses originelle Zeichen sorgsam 
zu gravieren und er war ein ausgezeichneter 
Stecher. Die Abzüge zierten alle Bände, die 
leider nach dem Tode Edmond de Goncourts 
vor sieben oder acht Jahren verauktioniert und 
in alle Winde zerstreut wurden. 

Man wird sich wundem, hier den Namen 
L6on Gambettas ab Bibliophilen genannt zu 
lesen, denn dieser unstäte Mann konnte keine 
richtige feste Bibliothek besitzen. Dennoch 
besaß er eine Vignette, die sein Freund, der 
Maler Le Gros, für ihn erfand: Zwei Hände 
zerbrechen einen symbolischen Stock, während 
der gallische Hahn kräht und auf den Strahlen 
einer unsichtbaren Sonne die Devise zu lesen 
ist: „Wollen heißt Können !*• (Abb. 34.) 

Für den braven Dichter Frangois Copp6e 
gibt es nichts geeigneteres als die strahlende 
Leyer mit seinem Namenszug als Mittelpunkt, 
die Bouvenne ihm als Exlibris verehrte (Abb. 7). 
Armand Baschet, der schriftstellernde Diplomat, 



Abb. 13. Exlibris E. Castilion. 
Gez. A. Bouvenne 188*. 


der sein Leben den Archiven Venedigs widmete 
und Venetianer in tiefster Seele war, der Casa¬ 
novas Memoiren durchsah und ihre Herkunft 
bestätigte, fand den Ausdruck seines persön¬ 
lichen Besitzempfindens im Löwen von St Mar¬ 
kus, der in der Mitte eines heraldischen 
Gürtels steht mit der Devise: „Custos vel 
ultor!“ 

Hunderter von Seiten bedürfte ich, wollte 
ich alle merkwürdigen Exlibris der berühm¬ 
ten oder berüchtigten Männer Frankreichs 
vor und nach dem Kriege von 1870/71 hier 
vorführen. Ich erwähne nur die Vignetten 
des Malers Bida für den großen Finanzmann 
Felix Solar und die der Brüder Tissandier, 
alle beide Luftschiffer, welche Ballons, hoch 
über den irdischen Nichtigkeiten schwebend, 
darstellten. Ferner das Exlibris des Dichters 
Deschamps: ein ruhender Esel, vom Kupfer¬ 
stecher Flameng geschaffen. So gab es 
noch viele, deren Originalität in Zeichnung, 
Spruch oder Text bestand. 

Tatsächlich versuchte nahezu Jeder wäh¬ 
rend dieser fruchtbaren Zeit von 1860 bis 
1880 seine Erfindungsgabe anzuspomen, um 
im engbegrenzten Raum der gestochenen 
Platte alles das auszudrücken, was der Beruf, 
die Geistesrichtung, das Eigenartige des 
Namens hergaben. Es entstanden sogar 
häufig daraus Wortspiele und Wortwitze; so 
schrieb ein gewisser Charles Monselet auf 



Digitized by 


Google 










Uzanne, Die französischen Exlibris von heute. 


183 



Abb. 15. Exlibris Fr. Sarcey. 
Ges. C. DemengroU 


den Vorhang, der seine Bücherei halb verhüllte: 
„Livres amonceles“ anstelle von „Livres ä 
Monselet“. Pelerin de la Touche ließ sich 
als Pilger darstellen; Jules Cousin, der Direktor 
der Biblioth£que Camavalet, erwählte sich als 
Sinnbild die langbeinige Schneckensorte, die 
die Franzosen cousins“ nennen. Zahlreiche 
Beispiele strömen mir von allen Seiten zu, 
komische und anmutige und amüsante, von der 
leicht beschwingten Satire bis zur groben Über¬ 
treibung. So symbolisierte sich die Gräfin No 6 
durch eine Arche Noah und Mr. Basket durch 
einen Weidenkorb, auf den er schrieb: „Ich 
gehe zu Markte“. Rechtsanwalt Jacob hatte 
eine Leiter, auf der Engel Bücher emportrugen: 
„Echelle de Jacob“; H. J. Ashbee, eingedenk 
seiner englischen Abkunft, eine Esche und eine 
Biene (Abb. 26). 

Ein Elsässer, namens Wolf, wählte einen 
hungrigen Wolf mitten unter alten Scharteken, 
zum Zuschnappen bereit, mit dem Ausruf: 
„Quaerens quem devoret“ (Abb. 30). In einigen 
Exlibris drückte sich eine gewisse Philosophie 
und der unerbittliche Egoismus des vornehmen 
Sammlers aus. Der leidenschaftliche, jetzt schon 
lange verstorbene Bibliophile Paul Arnaudet 
heftete in alle seine Bücher die offnen, aber 
wenig entgegenkommenden Worte: „Nunquam 
amicorum“. 

Auch der Advokat Fr6d6ric Raisin hatte 
zur Versinnbildlichung seines Namens gegriffen, 


als er seine beiden netten und geistvollen Buch¬ 
eignerzeichen stechen ließ. Das eine ist ganz 
dekorativ gehalten und trägt seinen Namen 
auf einem Untergrund von Weinreben mit dem 
Wahlspruch: „Inter Folia Fructus“ (Abb. 14). 
Das andere entwarf der berühmte Tiermaler 
und Radierer Evert van Muyden; es zeigt den 
Fuchs aus der guten alten Lafontaineschen 
Fabel, wie er sich auf ein geöffnetes Buch 
mit der Rebe der Weisheit stützt und die ihm 
unerreichbaren Trauben mit seinem verächt¬ 
lichen „Hs sont trop verts“ abtut (Abb. 24). 

In dieser zweiten Hälfte des XIX. Jahr¬ 
hunderts legen die Bucheignerzeichen Zeugnis 
von unbegrenzter Erfindungsgabe ab. Nach 
der Heraldik kamen die bibliophilen Porträts 
auf. Da gibt es zahlreiche Bildnisse, die außer 
dem Kopfe nur noch den nachgebildeten 
Namenszug ihres Besitzers tragen. Übrigens 
war dies nicht einmal ganz neu, denn schon 
hundert Jahre vorher hatte der Abbö Perrault 
und mit ihm eine Anzahl andrer französischen 
Gelehrten diese Idee praktisch ausgeführt und 



Abb. 16. Exlibris Alb. Hallier. 


Digitized by LjOOQle 



184 


Uzanne, Die französischen Exlibris von heute. 



Abb. 17. Exlibris Rene Pincebourde. 
Gei. L. Lebeque. 


zwischen 1760 und 1789 findet man verhältnis¬ 
mäßig viele Exlibris mit Bildnissen der Besitzer. 
Eines der merkwürdigsten aus den späteren 
Sammlungen ist das des Graveurs und Zeich¬ 
ners Henry Liviöre. Der Künstler wurde durch 
Charles Courtry auf einer hübschen Radierung 
dargestellt, das Barett auf dem Schädel und 
die Pfeife im Munde, während der gefällige 
Hintergrund einzig durch Rauchkringel aus¬ 
gefüllt wird. Im Vordergrund sagt ein Distel¬ 
blatt schlicht: „Ex libris meis“ (Abb. 20). 

Viele Bibliophilen verdammen solche Bild¬ 
nisse, solche sorgfältig gewählten Kunstwerk- 
chen, solche Wortspiele, solche originellen 
Legenden und sinnbildlichen Darstellungen. 
Diese Sammler strengster Richtung wollen nur 
das Bucheignerzeichen in seiner absoluten ernsten 
Einfachheit gelten lassen. Sie begnügen sich, 
den Namen mittels eines erhabenen Eisens in 
das Leder pressen zu lassen, so wie es die Alten 
taten. Ich muß sagen, daß diejenigen, die so 
sprechen, keine Künstler sind, sondern viel¬ 
mehr die Geldprotzen der kostbaren Einbände 
und der Bücher „berühmter Herkifnft“; oder 
auch Feinde jeglicher Erneuerung in der 
Kunst. 


„Es ist bemerkenswert“, 
schreibt einer der letzteren, 

Mr. Henri Böraldi, der schon 
mehrere Arbeiten über den 
Einband und den Kupferstich 
veröffentlicht hat, „daß heut¬ 
zutage die wahren Bibliophilen 
sich bemühen, ihre Bücher so 
wenig als möglich durch die 
Einfügung ihres Exlibris zu ver¬ 
unzieren. Ihre Exlibris sind 
so klein als irgend möglich. 

Gewöhnlich laufen einfache 
Rahmungslinien um den Namen; 
der Buchbinder fertigt sie an“; 

— und er fährt fort: „Die 
Nicht-Bibliophilen aber haben 
riesige Exlibris, auf denen sich 
Wappen, Namenszüge, Em¬ 
bleme , Wahlsprüche, Rätsel¬ 
worte, Kriegsbilder breit ma¬ 
chen; sie beschweren den 
ganzen Innendeckel wie rich¬ 
tige Plakate. Man müßte sich 
hüten, solches Zeug in kost¬ 
bare Bücher zu verteilen.“ Die 
Schlußworte lauten: „Wenn 
man das Exlibris zum Wertmesser für die 
bibliophile Stärke seines Besitzers machen 
könnte, so käme wohl, um in Balzacscher Art 
zu formulieren, der Ausspruch zu Tage: ,Der 
Wert eines Bibliophilen verhält sich im um¬ 
gekehrten Verhältnis zur Größe seines Exlibris/“ 
Dieses Paradoxon kann augenscheinlich nur 
mühsam von etwelchen kaltherzigen zeitge¬ 
nössischen Sammlern aufrecht erhalten werden, 



L £ S 
CHATS 
NOIRS 

Abb. 18. 

Anonymes Exlibris 
„Les Chats Noirs*'. 



Abb. 19. Exlibris Poulet Malassis. 
Gei. Braquemond 


Digitized by LrOOQle 






Zeitschrift für Bücherfreunde VI11. 


Zn Uzanne : Die französischen Exlibris von heute . 

Digitized by ^ LiOOQle 





• • » « . 


Digitized by LjOOQle 



Uzarine, Die französischen Exlibris von heute. 


185 



Abb. 21. Exlibris Dr. Escoube. 
Gez. Filicien Rops. 


die einen gewissen strengen Jansenis¬ 
mus im Einband lieben, die nur 
schwer zu öffnende Bücher vornehm 
nennen und endlich bis zu dem 
Schlüsse kommen, daß Bücher über¬ 
haupt nicht dazu da sind, um gelesen 
zu werden. Ich bin genau der ent¬ 
gegengesetzten Ansicht Man kann 
dem Exlibris gar nicht Freiheit genug 
lassen; Grenzen gibt es da nicht 
festzustellen. Jeder Bibliophile soll 
sich bemühen, Besseres zu finden 
als seine Vorgänger und soll sich 
der großartigen Reproduktionstech¬ 
niken des Tages bedienen, des Farb¬ 
stiches, der Phototypie, des Licht¬ 
drucks, der farbigen Steinzeichnung, 
um seine Bücher mit einem Exlibris 
zu schmücken. 

Wahrhafte Bücherfreunde, deren 
Namen genannt zu werden verdient, 
gehören nicht zu den bibliophilen 
Mumien, die ihre Bücher nicht anzu¬ 
rühren wagen, aus Furcht, sie zu 
beschmutzen. Wahrhafte Bücher¬ 
freunde sind die wahrhaft Gebildeten, 
sind die Kunstfreunde, die Liebhaber 
neuer Stile und unverbrauchter Aus¬ 
schmückung und für diese wird das 
rechteckige Blättchen des Exlibris noch lange 
eine der Lieblingsformen sein, in die sie ihre Per¬ 
sönlichkeit und ihren Geschmack für kommende 
Zeiten gießen können. Diese gräßlichen Leder¬ 
brocken mit ihrem Namen in Goldpressung, 
deren Einfachheit uns gerühmt wird, sind so 



4GU«S 

Abb. aa. Exlibris Th. Gautier. 
Gez. A. Bouvenne. 


Z. f. B. 1904/1905. 


häßlich, aufdringlich und gewöhnlich wie die 
Aufschriften in einer Apotheke oder Konditorei. 
Man muß jedes ästhetische Gefühl eingebüßt 
haben, um sie an der Schwelle, eines schönen 
Werkes zu dulden; sie zu loben und zu em¬ 
pfehlen, nenne ich kurzweg eine Barbarei. 

Gibt es heutzutage einen Sammler, dem 
sein Exlibris völlig genügt? Das ist zweifel¬ 
haft, denn viele haben sich verschiedene Exem¬ 
plare kurz hintereinander anfertigen lassen. Die 
graphischen Künste sind so verschiedenartig 
in Ausführung und Ausdrucksmitteln und in 
ihrer Richtung, sie besitzen so viele Verehrer 
aller Farben, daß selbst die bestberatensten 
Sammler nicht mehr wissen, an wen sie sich 
wenden sollen und morgen dessen überdrüssig 
sind, was sie heute bestellten. Augenblicklich 
verursacht in Frankreich tatsächlich die Wahl 
die Qual. Man kann keine bestimmte Strömung 

25 


Digitized by LjOOQle 








186 


Uzanne, Die französischen Exlibris von heute. 




Abb. 2y Exlibris Pr. R. Bonaparte. 


nennen, denn es gibt mehr Einzelindividuen als 
Schulen. 

Leider fehlt es an Initiative. Überdies ver¬ 
kennen die Illustratoren zum Teil die Stärke 
der Bewegung, die sie schaffen könnten, und 
der Kundschaft, die damit zu gewinnen wäre. 
Sie verschmähen es, sich völlig einer Klein¬ 
kunst zu ergeben, die doch so viel große Kunst 
umschließt und zu der keineswegs Jeder be¬ 
rufen ist. 

Berufsmäßige Exlibris - Künstler sind nur 
Ausnahmen. Der Mann, der in den Jahren 
von 1872 bis 1880 am meisten fiir das Buch¬ 
eignerzeichen in Frankreich tat, war ein be¬ 
scheidener Künstler, Bücherfreund und Ikono- 
graph. Er hieß Aglaüs Bouvenne und starb 
1903 im Alter von 76 Jahren. Bouvenne war 
ein eifriger Sammler. Er hatte damit begonnen, 



Abb. 24. Exlibris F. Raisin. 
Gez. E. van Muyden. 


gute Stiche und seltne Bücher zu sammeln 
und hat mit allen Malern und Schriftstellern 
des zweiten Kaiserreichs in Verbindung ge¬ 
standen. Er war ein Freund Victor Hugos 
geworden, nachdem er ein interessantes Buch 
über dessen Porträts und Karikaturen verfaßt 
hatte. Um seinen Unterhalt zu verdienen, hatte 
Bouvenne eine Anstellung in der großen Stein¬ 
druckerei von Lemercier inne, aus der so viele 
Meisterwerke der Steinzeichnerei hervorgingen. 
Mit etwa dreißig Jahren hatte er sich 
dem Exlibris gewidmet und mit wahrer 
Leidenschaft hunderte von Mono¬ 
grammen, von Zeichnungen mit Wahl¬ 
sprüchen für die bekannteren seiner 
Zeitgenossen entworfen. Seine Arbeiten 
würden allein einen ganzen Band füllen. 
Er erfand und gravierte Exlibris für 
Victor Hugo (Abb. 11), Theophile Gautier 
(Abb. 22), Jules Cousin, Mme. de Noe, 
Champfleury, Frangois Copp£e (Abb. 7), 
Ch. Benoit, Edouard Castillon (Abb. 13), 
Charles Asselineau, Philippe Barty und 
für mich. Eine Monographie seiner 
Arbeiten wäre sehr interessant, denn 
dieser Künstler war ein Original, das 
den Nachruhm wohl verdiente. Fünf¬ 
zehn Jahre arbeitete Bouvenne liebevoll 
an seinen Büchermarken. Er wartete 
nicht einmal auf Bestellung, sondern 
kam schon dem Wunsche entgegen und 
bot kleine Marken allen denen an, die 
ihm eifrige Sammler zu sein schienen. 
Sein guter Willen war grenzenlos und 



Abb. 25. Exlibris des Vicomte Henry de M6rona. 
Ges. Henry Andr6. 


Digitized by LjOOQle 



Uzanne, Die französischen Exlibris von heute. 


187 



Abb. 26. Exlibris Ashbe e. 


er half unter den Sammlern die Vorliebe für 
die persönlichen Bucheignerzeichen verbreiten. 
Darum sollte sein Name von denen allen geehrt 
bleiben, die jetzt Proben dieser Einzelkunst 
sammeln. 

Aber ich muß wiederholen: solche unter¬ 
nehmenden, uneigennützigen, geschmackvollen 
Künstler wie Bouvenne sind große Ausnahmen. 
Das ist sehr bedauerlich, denn wenn jede Zeit 
und jedes Land auch nur zehn solcher Leute 
hätte, so stände die Exlibris-Kunst heute auf 
einer ganz anderen Stufe der Entwicklung. 

Es fehlt gewiß nicht an Exlibris-Zeichnern 
von Talent bei uns; aber es ist schwer, beinahe 
unmöglich, sie zu gruppieren, einzureihen, ihre 
Manier zu umgrenzen. Zu den der Moderne 
zuneigenden Dekorateuren, die sich ein wenig 
den letzten Kunstäußerungen der englischen 
Synthetiker nähern, kann manL.OUvierMerson, 
Adolphe Giraldon, L6on Rudnicld, Vemeuil, 
de Feure, Belville, Eugen Courboin rechnen, 
sowie den größten Teil der Reklamekünstler 
und der Zeichner von Buchumschlägen. Zu 
denen, die an der alten leichten, gefälligen 
pariserischen Art festhalten, zählen wir Henri 
Boutet, GiacomelU (Bücher und Vögel), Bac, 
M&iret, Henri Pille, Gerbault, L6on Leb&que 
(Abb. 1 und 17), Andr6 des Gachons u. a. m. 

Die großen Künstler und Radierer schufen 
nur gelegentlich Eignerzeichen. Unter diesen 
gehört F&icien Rops noch zu den Fleißigsten. 
Es gibt von seiner Hand Marken für Frau 
Clapisson, für Dr. Filleau, für Armand Sylvestre, 



Abb. 27. Exlibris Madame A. France. 
Gez. F. Calmette. 


zwei für mich selbst und eine für Dr. Escoube. 
Letztere stellt Minerva dar, die das Haupt 
Prud'hommes als Sinnbild des Spießertums 
hochhält, während eine Putte die Worte „Ecce 
Homais" souffliert (Abb. 21). Es ist dies ein 
Wortspiel, in dem an Stelle von „Ecco Homo" 
„Homais" gesetzt ist, der Name des gewöhn¬ 
lichen und prosaischen Apothekers, mit dem 
Flaubert in seiner „Madame Bovary" allem 
Platten, Banalen und Schwunglosen ein ewiges 
Denkmal gesetzt hat 

Fernand Calmette entwarf für die Bibliothek 
von Frau Anatole France eine hübsche deko¬ 
rative Kartusche (Abb. 27), und Henri Chapront 



Abb. 28. Exlibris Coureau. 
Gez. H. Andre 1894. 


Digitized by tjOOQle 




i88 


Uzarme, Die französischen Exlibris von heute. 



Abb. *9. Exlibris Abel Picard. 
Ges. Henry Andre. 


zeichnete für die Stadtbibliothek von Rochefort 
einen Buchschmuck in neuenglischem Stil, der 
erwähnt zu werden verdient (Abb. 32). Nennens¬ 
wert ist ferner das Exlibris mit dem kaiser¬ 
lichen Adler des Prinzen Roland Bonaparte 
(Abb. 23) und das „Les Chats Noirs“ genannte, 
das anonym erschienen ist (Abb. 18), sowie die 
Bucheignerzeichen für Emil Olive von J. C. 
(Abb. 10) und für Luden Dorbon von Apoux 
(Abb. 33), die alle modern und recht hübsch 
sind. Da ist ein anderes von J. Kirman, das sehr 
drollig einen Faun in einer Punschterrine zeigt 
(Abb. 2) und endlich die Marke von Albert 



Abb. 30. Exlibris Wolf. 
Gcz. E. van Muyden. 


Hallier, dem sogenannten „Oedipus von Le 
Mans“, der für Frankreich den Herrscher der 
Rätsel auf der letzten Seite der Zeitungen 
bedeutet, denn in seiner Hand ruhen alle 
Auflösungen (Abb. 16). Eine eigenartige 
Berühmtheit, die da durch ein Exlibris ge¬ 
feiert wird. 

Ich will aber nicht länger zögern, von 
einem Künstler zu reden, der seit etwa zehn 
oder zwölf Jahren sich eingehender mit der 
Schöpfung von zahlreichen gedankenvollen, 
satyrischen, sinnbildlichen, berufsmäßigen und 
freien Exlibris befaßt hat. 

Es ist Mr. Henry Andre . 

Mehrere Abbildungen aus seinen Werken 
sind diesem Artikel beigegeben. Der verliebte 
Hahn unter einer Sonnenfinsternis erklärt 
die erotische Bibliothek des Herrn Coureau 
(Abb. 28). Der hübsche Entwurf „A tous les 
vents je s&me“ zeigt auf schwarzem Grund 
das Zerstäuben der zarten Rispen eines vollen 
Grashalms; er gehört Herrn A. Geoffroy, 
der Kunstkritiker und Kupferstichhändler ist 
(Abb. 5). Dr. Albert Lepage ziert seine Bücher 
durch den Tod, dem ein Arzt als Diener folgt 
(Abb. 8). Eine ästhetisch und literarisch veran¬ 
lagte Dame, Frl. Marie Moye, hat eine hübsche 
Frau, die mit einer Feder tändelt und sich 
mit den Worten „Sainte Litterature“ umkränzt 
(Abb. 3). Endlich hat Herr Charles Guinot 



Abb. 31. Exlibris A. Bovet. 
Gez. E. van Muyden. 


Digitized by UjOOQie 




Uzanne, Die französischen Exlibris von heute. 


I89 


einen Totenschädel mit dem Wahrspruche 
„Baste!“ (Abb. 9) und Herr Abel Picard eine 
Vignette von Büchern, Raben und den be¬ 
rühmten pariser Bouquinisten-Quais am Seine- 
Ufer (Abb. 29). Eigentlich müßte man bei 
jedem dieser Entwürfe die Absichten des 
Künstlers erklären, die Gedankenverbindung 
aufdecken und die Übereinstimmung des Berufs 
des Sammlers mit den Sinnbildern der Vignetten 
feststellen. Das würde aber recht weit fuhren 
und viel Zweck hätte es auch nicht. 

Henry Andr6 heißt eigentlich Schultz und 
ist deutscher Abkunft. Er war eine der Stützen 
der Wiedergeburt des Exlibris in Frankreich. 
Er nahm diesen Kunstzweig gegen 1890 auf 
und warf sich leidenschaftlich in die Bresche, 
in der Hoffnung, die Pfade zu ebnen und zahl¬ 
reiche Bücherfreunde zu werben. Gegen hun¬ 
dert Entwürfe fertigte er für alle mehr oder 
minder berühmten Sammlungen und bemerkte 
bald mit Trauer, daß das Absatzgebiet recht 
beschränkt war und daß sich unter den Samm¬ 
lern wertvoller Bücher nicht so viele Kunst¬ 
freunde befanden, als er angenommen hatte. 
Henry Andr6 verdient trotzdem Lob und Er¬ 
mutigung. Sein Talent ist abwechslungreich, 



Cf LlVM MT A 

lüCiEN DoRßoN 

Abb. 33. Exlibris L. Dorbon. 

Ge*. Apout. 



Abb. 32. 

Exlibris der städtischen Bibliothek zu Rochefort 
Ge*. H. Chapront. 


angenehm, sowohl rein zierend als auch anek¬ 
dotisch. Er hat Geschmack und Liebe zu 
seiner Kunst: das sind Eigenschaften, die man 
achten muß. 

Am Schluß dieser nur zu knappen und natur¬ 
gemäß unvollständigen Mitteilungen können leider 
keine optimistischen Betrachtungen angefügt 



Abb. 34. Exlibris L6on Gambetta. 
Ge*. De Gros. 


Digitized by LjOOQle 



igo 


Uzanne, Die französischen Exlibris von heute. 



Abb. 55. Exlibris E. Audeoud. 
Gez. E. van Muyden 1894. 


werden über den augenblicklichen Stand der 
Exlibris-Kunst in einem Lande, das doch 
so viele erstklassigen Künstler besitzt. Gewiß, 
wir haben ein paar amüsante, frei und zwanglos 
geschaffene Exlibris-Exemplare, ironisch und 
witzig zugleich. Aber die Meisterkünstler haben 
sich leider Gottes fern gehalten. Wir suchen 
umsonst nach Blättern, unter denen die Unter¬ 
schrift Mersons, Besnards, Lawens, Detailles, 
Steinlens, Wilettes oder Ch^rets stände. Ich bin 
überzeugt, daß es nicht an diesen Künstlern 
liegt, sondern daß einfach kein Bibliophile daran 
gedacht hat, sich an sie zu wenden. Sicher¬ 





Abb. 36. Gez. M. Dumont 

lieh hätte keiner von ihnen gezögert, sein 
Talent in den Dienst solcher Arbeit zu stellen, 
wenn sie ihm nur vorgeschlagen worden wäre. 
Man muß also die Sammler selbst anklagen. 
Frankreich könnte in der ersten Reihe der 
Exlibris-Kunst stehen und bleibt weit hinter 
England und Amerika zurück, und wenn die 
Bildchen, die Frankreichs Bücher zieren, immer 
noch gesucht sind, so verdanken sie dies we¬ 
niger ihrem hohen Kunstwert als ihren feinen, 
leichten, witzigen, liebenswürdigen und meist 
anspruchslosen Eigenschaften. 

[Nach dem Manuskript in das Deutsche übertragen.] 



Exlibris E. Martin. Gez. L. Robin. 


Digitized by LjOOQle 





Zur Geschichte der Eskorial-Bibliothek. 


Von 

Dr. Rudolf Beer in Wien. 


er eigenartige Reiz, der in der Er¬ 
schließung, der wissenschaftliche Wert, 
der in der richtigen Erläuterung älterer 
Handschriftenkataloge liegt, haben seit einiger 
Zeit allmählich größere Anerkennung gefunden. 
Allerdings mehr theoretisch als praktisch. 
Immerhin dürfte der Kreis jener zünftigen 
Literarhistoriker, welche die Bearbeitung solcher 
Verzeichnisse „von Büchertiteln“ als eine rein 
bibliographische oder bibliothekarische Tätig¬ 
keit auffassen, sich immer mehr verengen. 
Ist ja doch ein derartiges Urteil gleichbedeutend 
mit dem Geständnis des Unvermögens, die 
Bedeutung jener Erzeugnisse in ihrem vollen 
Umfange, das heißt nach der kultur- und kunst¬ 
historischen, insbesondere aber nach der literar¬ 
historischen Richtung, mit einem Worte, als 
Zivilisationsspiegel zu schätzen. 

Wesentlich zur entsprechenden Würdigung 
alter Handschriftenkataloge haben Muster¬ 
leistungen beigetragen, die aus ihrer Inter¬ 
pretation entstanden. An erster Stelle ist hier 
Leopold Delisles klassisches Werk über die 
reichste Handschriftensammlung der Welt: 
„Le Cabinet des Manuscrits de la Biblioth£que 
Imperiale“ (1866 ff. in vier Bänden) zu nennen. 
Der französische Altmeister der Handschriften¬ 
kunde hat es verstanden, die Geschichte der 
Handschriftenfonds der Pariser National¬ 
bibliothek unter Zuhilfenahme der alten Kata¬ 
loge in glänzender Weise darzustellen, die ur¬ 
kundlichen Nachrichten in das richtige Licht 
zu setzen, ihren Zusammenhang mit dem 
geistigen Leben nachzuweisen und für die 
Geistesgeschichte des Mittelalters sowie der 
Renaissance ein hervorragendes Quellenwerk 
zu schaffen. Gleichfalls verdienstlich und auf¬ 
schlußreich reiht sich die Arbeit Pierre de 
Nolhacs über die Geschichte eines Bestandes 
der Vaticana dem eben genannten Standard- 
work an. Speziell mit dem griechischen Hand¬ 
schriftenbestand einer großen westeuropäischen 
Bibliothek befaßt sich das treffliche Werk von 


L 

Charles Graux „Essai sur les origines du fonds 
grec de TEscurial, Episode de l’histoire de la 
renaissance des lettres en Espagne“ (Paris 1880). 
Alten Bücherlisten und Nachrichten über Hand¬ 
schriftenerwerb ist hier mit feinem Verständ¬ 
nis für die geistigen Strömungen Leben ein¬ 
gehaucht worden, so daß der Essai wirklich 
als eine Darstellung eines Teils der spanischen 
Renaissance hingestellt werden kann. Ein be- 
besonderer Vorzug des Werkes, das als reifste 
Leistung des früh der Wissenschaft entrissenen 
französischen Forschers betrachtet wird, liegt 
darin, daß die nach strengen genetischen und 
chronologischen Gesichtspunkten geführteUnter- 
suchung die Urkunden und Nachrichten über 
die Geschichte der griechischen Handschriften 
des Eskorial in fast lückenloser Folge heran¬ 
zieht und erläutert „Fast lückenlos“ natürlich 
mit Rücksicht auf jene Quellen, die bei Ab¬ 
fassung der Arbeit erreichbar und zu verwerten 
waren. Graux hat im Verlaufe seiner Dar¬ 
stellung wiederholt darüber geklagt, daß ihm 
eines der wichtigsten Hilfsmittel zur Erkenntnis 
des primären Bestandes der Eskorialhand- 
schriften, das Original - Verzeichnis der von 
Philipp II. gesammelten und dann zum großen 
Teil dem Kloster überwiesenen Bücher , nicht 
mehr zur Verfügung stehe. Dieses in mehr¬ 
facher Beziehung merkwürdige Manuskript, ein 
Handexemplar des Königs, in das dieser selbst 
Bemerkungen eingezeichnet hatte, war Jahr¬ 
hunderte hindurch in der Bibliothek des Eskorial 
aufbewahrt und noch vor etwa zwei Menschen¬ 
altem von dem bekannten belgischen Forscher 
Louis Prosper Gachard eingesehen worden. 
Seither ist dieser Katalog verschollen, und alle 
Bemühungen, ihn wieder aufzufinden, blieben 
erfolglos. 

Nicht dieses Verzeichnis, wohl aber ein für 
die Geschichte der Gründung der Eskorial- 
Bibliothek gleichfalls sehr aufschlußreiches In¬ 
ventar ist vor Jahren in den Eskorialakten, die 
im Madrider Palast-Archiv aufbewahrt werden, 



Digitized by LjOOQle 



192 


Beer, Zur Geschichte der Eskorial-Bibliothek. 


von mir aufgefunden und soeben vollinhaltlich 
veröffentlicht worden. 1 Aus den dem eigent¬ 
lichen Inventar vorangehenden Urkunden er¬ 
hellt, daß über die Schenkung ein förmlicher 
Notariatsakt ausgestellt wurde, als dessen inte¬ 
grierender Bestandteil das Handschrifteninventar 
erscheint Die Übergabe der Manuskripte er¬ 
folgte am 2. Mai d. J. 1576. Hierbei inter¬ 
venierte der königliche Schatzmeister Hemando 
de Briviesca als Bevollmächtigter Philipp II., 
in dessen Auftrag die Büchersammlung dem 
Prior und den Abgeordneten des Klosters San 
Lorenzo überwiesen wurde. Schon aus dem 
Datum ergibt sich, daß in dem Inventar, 
welches als Übergabsinstrument diente, keines¬ 
wegs sämtliche Handschriften verzeichnet sein 
können, die Phüipp II. dem Kloster gewidmet 
hat Der König ließ es sich bis in seine 
letzten Lebensjahre angelegen sein, die Kloster¬ 
bibliothek durch ebenso stattliche wie kost¬ 
bare Handschriftenwidmungen zu vergrößern, 
und insbesondere können die reichen Samm¬ 
lungen Diego Hurtado de Mendozas und 
Isabellas der Katholischen, deren Einverleibung 
erst nach dem erwähnten Zeitpunkte erfolgte, 
in unserem Inventare nicht verzeichnet sein. 
Gleichwohl enthält dieses schon die ansehn¬ 
liche Zahl von mehr als 1800 Manuskripten, 
die insgesamt mindestens 4000 Einzelschriften 
(in lateinischer, griechischer, hebräischer, kasti- 
lianischer, portugiesischer, katalanischer, ita¬ 
lienischer, französischer, deutscher, arabischer, 
chinesischer, türkischer und persischer Sprache) 
bergen. Über die Schwierigkeiten, welche die 
Erläuterung dieses Verzeichnisses bot, zu 
sprechen, ist hier nicht der Ort Nur soviel 
sei bemerkt, daß der ungemein ausgedehnte 
und weitverzweigte Stoff, der Gelegenheit 
bietet, sich de rebus omnibus et quibusdam 
aliis zu verbreiten, besonnenes Maßhalten em¬ 
pfahl. Feststellung der Schriften unter Hinweis 

1 „Die Handschriftenschenkung Philipp II. an den 
Eskorial vom Jahre 1576. Nach einem bisher unveröffent¬ 
lichten Inventar des Madrider-Palastarchivs“. Jahrbuch der 
kunsthistorischen Sammlungen des Allerhöchsten Kaiser¬ 
hauses, Band XXIII, Heft 6 (Urkunden), Wien 1903. — Dem 
gegenwärtigen Redakteur des Jahrbuches, Kustos Dr. Heinrich 
Zimmermann , spreche ich für vielfältiges Entgegenkommen 
und werktätige Unterstützung bei dieser Arbeit auch hier 
meinen besten Dank aus. — * Vgl. Spanische Literatur¬ 
geschichte (Sammlung Goeschen) I, 38 ff. und die‘Literatur¬ 
angaben S. 41, Anm. I. 


auf die zugänglichsten Hüfsbücher, eventuell 
Identifizierung mit den noch vorhandenen 
Manuskripten, mußte auch dort als ausreichend 
erscheinen, wo sich die Versuchung zu längeren 
Exkursen verlockend einstellte. Auch die ein¬ 
leitenden Bemerkungen konnten nicht alle 
Fragen berühren, die sich an eine eingehende 
Würdigung eines so reichen und zum Teil 
noch sehr wenig durchforschten Handschriften¬ 
bestandes schließen, zumal, dem Charakter der 
Publikationsstelle gemäß, den kunstgeschicht¬ 
lichen, die Bilderhandschriften betreffenden 
Nachforschungen breiter Raum zugewiesen 
werden mußte. 

Es scheint darum sehr angezeigt, die Be¬ 
deutung des nunmehr den Fachkreisen durch 
den Druck zugänglich gemachten Inventares vor 
einem größeren Forum in den wichtigsten 
Zügen zu skizzieren und an diesem neu ge¬ 
wonnenen Exempel die Probe auf die Be¬ 
hauptung zu machen, daß solche alte Bücher¬ 
verzeichnisse wirklich Bilder zeitgenössischer 
Kultur darstellen. Eine solche Skizze, die Lichter 
auf den Stand und die Pflege der Geisteswissen¬ 
schaften in Spanien während des XVI. Jahr¬ 
hunderts wirft, kann als eine Art Gegenstück 
zu Untersuchungen über die Leistungen der 
Spanier auf dem Gebiete der exakten Wissen¬ 
schaften gelten, Untersuchungen, deren Haupt¬ 
ergebnisse von mir an anderer Stelle zusammen¬ 
gefaßt wurden.* 

Was zunächst bei der Durchsicht unseres 
Inventares aufiallt, ist einerseits die Marke 
der Universalität, die der Handschriftensamm¬ 
lung aufgeprägt ist, andrerseits die umsichtige 
Auswahl, durch welche die hervorragendsten 
damals erreichbaren Denkmäler der Litera¬ 
turen und Wissenschaften vereinigt erscheinen. 
Schon aus der oben gegebenen Aufzählung 



Namenszug König Philipps II. von Spanten. 


Digitized by LjOOQle 


Philipp II. König von Spanien. 

Nach dem Gemälde von Coello im Berliner Museum. 


Zeitschrift für Bücherfreunde VIll 


Zu Beer. Zur Geschichte der Eskorial - Bibliothek. 


Digitized by 


Google 




Digitized by LjOOQle 



Beer, Zur Geschichte der Eskorial-Bibliothek. 


193 


der Sprachen sieht man, daß die wichtigsten 
Literaturen des Abend- und Morgenlandes 
vertreten waren — freilich in sehr verschie¬ 
denem Umfange. Es mag überraschen, daß 
bei den bekannten Beziehungen Philipp H. mit 
England die englische Literatur fast völlig 
leer ausgeht. John Gowers „Confessio amantis“ 
ist das einzige Werk, das hier in Betracht 
kommt und dieses, bezeichnend genug, in einer 
spanischen Übersetzung; nicht einmal diese ist 
direkt nach dem Originale angefertigt, sondern, 
wie unser Inventar bestätigt, durch ein portu¬ 
giesisches Mittelglied gegangen. Sehr dürftig 
ist auch, was von der deutschen Literatur in 
dem Inventar vorkommt Eine einzige Schrift 
ließ sich mit Sicherheit identifizieren, die 
„Nachfolge Christi“ von Thomas a Kempis; 
ein anderes Stück unter den „tudescos de 
mano“ darf man für einen „Theuerdank“ 
halten.* Stattlich vertreten sind die romanischen 
Literaturen, am besten natürlich die spanische; 
in merkwürdigem Reichtum präsentieren sich 
auch die orientalischen Sprachen; am aller¬ 
reichsten ist der Bestand der griechischen 
Manuskripte (über 500, darunter viele Misch¬ 
handschriften, zusammen etwa 2000 Einzel¬ 
schriften enthaltend). Berücksichtigt man die 
Fächer der Wissenschaften und die Haupt¬ 
gattungen der Literatur, so überrascht in ein¬ 
zelnen Abteilungen der Reichtum des ge¬ 
sammelten handschriftlichen Materials: in der 
Theologie eine ziemlich geschlossene Reihe 
der wichtigsten Werke, angefangen von der 
Bibel und den ältesten Vätern bis herauf zu 
zeitgenössischen Erbauungsschriften (Teresa de 
Jesus) und den Akten des Tridentiner Konzils; 
in der Literatur von Homer angefangen bis zu 
den Werken der Schriftsteller, die sich um 
Philipp IL scharten (Päez, Diego Gracian, 
Juan de Malara u. a.); in der Architektur von 
Vitruv bis Juan Bautista de Toledo, der be¬ 
kanntlich an den Plänen des Eskorial mit¬ 
arbeitete, usw. usw. 

Angesichts eines so reichen Handschriften¬ 
schatzes, der durch Philipp II. dem Eskorial 
zugewendet wurde, drängt sich die Frage auf: 
hat der König bereits überkommenes Gut vor¬ 
gefunden, das er nur nach einzelnen Richtun¬ 
gen hin vervollständigte, oder hat er aus 


eigenem Antriebe neu gesammelt? Kurz — 
stehen wir vor Ausbau oder Aufbau? 

Die Beantwortung der Frage ist wichtig. 
Pflege der Wissenschaft und Literatur geht ja 
Hand in Hand mit der Sammlung der Hilfs¬ 
mittel für diese, und ein Rückblick auf die Hand¬ 
schriftensammlung des königlichen Hauses in 
Spanien gestattet gewiß einen Schluß auf die 
Hauptströmungen, wenn man will, auf die 
Hauptpflegestätten der spanischen Literatur 
im Mittelalter. 

Der Zeitraum, in dem die Pflege des 
Schrifttumes von den alten spanischen Klöstern 
und Kirchen auf das Königshaus überging, 
läßt sich ziemlich genau feststellen. Er fällt 
zusammen mit der Regierung Alfons X., des 
Gelehrten (geb. 1220, regierte von 1252 an, 
gest. 1284). Die außerordentlich mächtige litera¬ 
rische Wirksamkeit dieses Königs hat im ge¬ 
samten Schrifttume der Spanier tiefgehende 
Spuren hinterlassen, und redende Denkmäler 
seiner Tätigkeit sind in großer Zahl heute 
noch erhalten. Ihm folgen sein Sohn Sancho IV. 
(1284—1295), sowie Alfons XL (1312—1350), 
und auch von diesen finden sich verschiedene 
Werke in zum Teil sehr kostbaren, heute noch 
erhaltenen Manuskripten im Inventare ver¬ 
zeichnet. Nichts liegt näher als die Annahme, 
daß sich diese wertvollen Denkmäler im Be¬ 
sitze des Königshauses vererbt haben, und 
doch wäre diese Annahme falsch. Nicht 
weniger als acht prächtige Handschriften der 
berühmten Gesetzsammlung Alfons X., der 
Partidas, wurden dem Könige von einem 
Rechtsgelehrten, dem Dr. Burgos de Paz, erst im 
Jahre 1574, und zwar zweifellos zu dem Zwecke 
dargebracht, eine Lücke in der bereits in An¬ 
griff genommenen, für den Eskorial bestimmten 
Handschriftenbibliothek zu ergänzen. Die mit 
verschwenderischer Pracht ausgestatteten Ge¬ 
sänge Alfons X. zu Ehren der Jungfrau Maria 
mußten von Philipp II. aus der Kathedrale 
von Sevilla, der sie der Autor testamentarisch 
vermacht hatte, beschafft werden. Andere 
Werke des gelehrten Königs waren zur Zeit, 
in der die erste große Schenkung an den 
Eskorial erfolgte, überhaupt nicht zu erwerben; 
ihre Zuwendung erfolgte zum Teil erst später, 
ja rücksichtlich einiger Schriften mußte man 


1 Auf den Umstand, daß es sich natürlich nicht um eine Handschrift (de mano), sondern um einen Pergamentdruck 
der Karl V. dedizierten Erstausgabe handelt, komme ich noch zurück. 

Z. f. B. 1904/1905. 26 


Digitized by LjOoq le 



194 


Beer, Zur Geschichte der Eskorial-Bibliothek. 


sich mit Kopien behelfen, da die Originale 
nicht zu gewinnen waren. Daraus erhellt, daß 
von einer fortlaufenden Büchervererbung im 
königlichen Hause, von einer Art Patrimonial- 
Bibliothek der spanischen Krone im Mittelalter 
nicht gesprochen werden kann. Auch was die 
Schriften anlangt, die auf direkte oder indirekte 
Anregung Juan II. (1407—1454) angefertigt 
wurden, läßt sich eine bestimmte Forterbung 
im Besitze des Königshauses vorläufig noch 
nicht feststellen. Andererseits ist gerade unser 
Inventar das erste Zeugnis, auf Grund dessen 
die Bibliothek Juan D. in gewissen Teilen er¬ 
kannt werden kann. Doch liegen bisher keiner¬ 
lei Nachrichten vor, welche diese heute im 
Eskorial aufbewahrten Handschriften als stän¬ 
digen Kronbesitz — etwa durch Vermittlung 
Isabellas der Katholischen — dartun würden. 

Etwas deutlicher tritt das Schicksal der 
Bücher hervor, welche Karl V. nach Spanien 
mitgenommen hat. Von einem Teile derselben 
wissen wir bestimmt, daß sie in den Besitz 
Philipp II. und durch die Schenkung dieses 
Königs an den Eskorial gelangten. Wir kommen 
auf diesen Punkt noch zurück. Jedenfalls muß 
festgehalten werden, daß man in dem Augen¬ 
blicke, da die Gründung einer Biblioteca Real, 
einer königlichen Hausbibliothek, geplant wurde, 
die in dem oben skizzierten Umfange alle wich¬ 
tigen Literaturen und sämtliche Hauptfächer der 
Wissenschaft umspannen sollte, vor einer ganz 
neu zu lösenden Aufgabe stand. Vollständig klar 
wird diese Tatsache, wenn man die zahlreichen 
Aktionen verfolgt, die auf die Beschaffung eines 
so umfassenden Bücherapparates abzielten. 

In erster Linie ist zu beachten, daß man 
zunächst an eine königliche Hausbibliothek 
schlechthin, keineswegs an eine Klosterbücherei 
dachte. Gleich zu Beginn der Regierung 
Philipp II., lange vor Inangriffnahme des Es- 
korialbaues, war der königliche Kaplan und 
Chronist Juan Päez de Castro offiziell zur Er¬ 
stattung eines Gutachtens über die Gründung 
dieser Bibliothek eingeladen worden, und dieser 


Bericht hat sich heute noch erhalten. Päez 
verweist auf die Wichtigkeit der Büchersamm¬ 
lungen im allgemeinen, und aus seinen Dar¬ 
legungen geht klar hervor, daß der zu grün¬ 
denden Bibliothek der Charakter einer öffent¬ 
lichen, der Forschung zugänglichen Sammlung 
innewohnen sollte: „Große Bedeutung besitzen 
die königlichen Bibliotheken. Die Bücher 
werden von gelehrten Männern aufgesucht, 
diese wieder von jenen, die ihre Schüler sein 
wollen, diese wieder brauchen Schreiber und 
Druckereien und die letzteren ihrerseits das 
nötige Material: Papier, Pergament usw. Im 
Dienste der mit den Bibliotheken zusammen¬ 
hängenden Aufgaben steht eine Reihe von 
Handwerkern. Auch Schreiber, die aller 
Sprachen mächtig sind, werden benötigt, so 
daß viele Leute ihr Brot finden". Man sieht, 
daß die Bedeutung der Bibliotheken als 
Kulturträger richtig erfaßt und der Wunsch 
ausgesprochen wird, die geplante Neugründung 
allgemeiner Benützung zugänglich zu machen. 
Hiermit hängt zusammen, daßV alladolid alsStätte 
für die königliche Bibliothek empfohlen wird. 
„Dort nehmen Eure Majestät zu wiederholten 
Malen Aufenthalt, dort befinden sich der könig¬ 
liche Gerichtshof, die Universität, eine Reihe 
von Schulen und Klöstern, dort beobachtet man 
den Zusammenfluß von Angehörigen aller Na¬ 
tionen". Auch auf die Einrichtung des künftigen 
Bibliothekbaues, auf Sicherung vor Feuersgefahr, 
nimmt Päez in seinem Berichte Bedacht. Es sind 
vortreffliche, durchwegs zweckentsprechende 
Gedanken, die in diesem Memorial niedergelegt 
werden, und namentlich das, was Päez vor 
dritthalb hundert Jahren über die wirtschaftliche 
Bedeutung der Bibliotheken schreibt, wendet 
sich heute noch an alle diejenigen, die über 
Aufwand flir öffentliche Bibliotheken innerhalb 
des Staatshaushaltes zu bestimmen haben. 

Philipp hat denn in der Tat die Vorschläge 
seines Ratgebers, die auch Hinweise auf Bücher¬ 
beschaffung (in Rom, Venedig und Florenz) ent¬ 
halten, praktisch durchgeführt 1 und ist nur in 


1 Etwa anderthalb Jahrhunderte später hat wieder ein Herrscher aus dem Hause Habsburg (und gleichfalls in 
spanischer Sprache) sich sehr entschieden über die Bedeutung der Bibliotheken für das allgemeine Wohl ausgesprochen. 
„Atendiendo ä lo muy necessario“ schreibt Karl VI. an den Staatsrat von Spanien und der Niederlande am 25. Sept 1723, 
„que es al bien de mis pueblos y al buen goviemo de todos mis reynos una biblioteca publica para el uso y servicio 
de mis vasallos y ministros . . para cuyo efecto he mandado construir en mi ciudad de Viena el famoso edifizio que 
se estä perficionando y comprar los libros que . . . faltan, he destinado para la manutenzion y conservazion de ella 
una nueva renta . . , u Näheres bei L. P. Gachard, Notice des manuscrits, concemant Phistoire de la Belgique qui 
existent ä la Biblioth&que Imperiale de Vienne, Bruxelles, 1864 S. II f. 


Digitized by 


Google 



Beer, Zur Geschichte der Eskorial-Bibliothek. 


195 


einem Punkte von ihnen abgewichen — in der 
Wahl des Ortes. 

Etwa ein Lustrum nach Erstattung des 
eben erwähnten Gutachtens hatte das Eskorial- 
bau-Projekt greifbare Gestalt angenommen. 
Über die Gründe, welche den König veran¬ 
lagten, dort auch die königliche Bibliothek 
unterzubringen, liegen keine urkundlich be¬ 
glaubigten Nachrichten vor. Wahrscheinlich 
wollte der König einen Ort wählen, der von 
der Residenzstadt Madrid nicht so weit ent¬ 
fernt lag wie Valladolid. Daß er kein lebhaft 
bewegtes Verkehrszentrum, sondern vielmehr 
ein Örtchen in abgeschiedener Einöde zu dem 
gedachten Zwecke ausersah, hierzu mögen 
wohl ähnliche Erwägungen veranlaßt haben, 
wie jene waren, die das General-Reichsarchiv 
in einer abgeschiedenen Festung (zu Simancas) 
aufstapeln ließen. Man weiß, daß die unab¬ 
sehbaren Massen höchst wichtiger Urkunden 
des Generalarchivs zu Simancas — heute be¬ 
rechnet man sie auf 30 Millionen Stücke — 
sich während aller Stürme, welche die ge¬ 
prüften spanischen Lande durchbrausten, un¬ 
versehrt erhalten haben. 

Mit der Feststellung der Aufbewahrungs¬ 
stätte hängen konkrete Vorschläge zusammen, 
welche der königliche Chronist Ambrosio de 
Morales — ein um die spanische Geschicht¬ 
schreibung hochverdienter Gelehrter — um 
die Mitte der 60er Jahre bezüglich Anlage der 
Bibliothek und der Büchererwerbungen er¬ 
stattete. Das Gutachten gipfelt in dem Satze, 
daß in San Lorenzo „Universidad y hombres 
de letras y exercicio de ellas“ eine Stätte 
finden müßten. Dieses Studium Universale, 
das die Neugründung aufnehmen sollte, bildet 
tatsächlich den Angelpunkt aller Aktionen, die 
auf Büchererwerb abzielten; inwieweit sie von 
Erfolg gekrönt waren, ist ja bereits in allge¬ 
meinen Zügen angedeutet worden. Morales 
beschränkt sich keineswegs auf theoretische 
Erörterungen oder auf die Hinweise geeigneter 
Vorbilder (die Vaticana in Rom, die Bibliothek 
Franz L, die Marciana in Venedig, die Lau- 
rentiana in Florenz). Man habe in Spanien 
vielfältig Gelegenheit, reiche Beute bei der 
„Bücheijagd“ zu gewinnen. Speziell wäre die 
Sammlung des kurz vorher verstorbenen 
Gonzalo P£rez (des Vaters des unglücklichen 
Antonio) ins Auge zu fassen. Da gäbe es 


Handschriften von allergrößtem Werte, die der 
Berichterstatter zum Teile auch namentlich 
anfuhrt. Diese Manuskripte — griechische 
und lateinische — finden sich nun sämtlich in 
unserem Inventare wieder; noch aufschlußreicher 
wird eine andere Andeutung, die sich in dem 
Gutachten des Morales findet „Viele alte 
Originale der Bibliothek P6rez“ — bemerkt er 
— „stammen aus der Sammlung der Könige 
von Neapel“. In der Tat hatte Gonzalo, wie 
wir aus einer anderen Quelle wissen, von dem 
in Valencia verstorbenen Herzog von Kalabrien 
einen Teil der herrlichen aragonesischen Biblio¬ 
thek, einer der kostbarsten, die im ausgehen¬ 
den Mittelalter vorhanden war, testamentarisch 
zugewiesen erhalten. War von den Überresten 
dieser namentlich an miniierten Prachtkodices 
reichen Sammlung und ihren gegenwärtigen 
Aufbewahrungsstätten die Rede, so nannte 
man bisher Paris und Valencia, wohl auch 
Wien. Nur von einer einzigen Handschrift 
wußte man nach einem ziemlich veralteten 
Zeugnis, daß sie sich im Eskorial befinde. 
Das nunmehr erschlossene Inventar belehrt 
uns aber eines Besseren. Den ausdrücklichen, 
hier gebotenen Hinweisen gemäß, kam eine 
sehr stattliche Zahl von Manuskripten der 
neapolitanischen Bibliothek — wohl zum größten 
Teile durch die Sammlung Gonzalo P6rez — 
in den Eskorial, und wir erhalten hiermit einen 
wichtigen Fingerzeig, von welchem Gesichts¬ 
punkte aus Bilderhandschriften des Eskorial 
aus dem Quatrocento zu prüfen seien. Dieser 
Hinweis ist gewiß nicht überflüssig; unter 
sämtlichen Kunstobjekten, welche Museen und 
Bibliotheken Spaniens bergen, sind die Bilder¬ 
handschriften wohl am meisten vernachlässigt 
worden. 

Sieht man schon aus diesen kurzen Bemer¬ 
kungen über die Geschichte eines Teiles der 
aragonesischen Bibliothek, wie Bücherschicksale 
Menschengeschicke begleiten, so ist das noch 
in viel höherem Maße bei der Einverleibung 
der Bücher des unglücklichen Prinzen Don 
Carlos der Fall. Die Katastrophe im Königs¬ 
hause läßt auch in der Geschichte der Privat¬ 
bibliothek Philipps ihre Spuren zurück. Don 
Carlos hatte — vornehmlich unter der Leitung 
eines trefflichen spanischen Humanisten, Hono- 
rato Juan, — historische und linguistische 
Studien betrieben, deren Anfänge Gutes erhoffen 


Digitized by LjOOQle 



196 


Beer, Zur Geschichte der Eskorial-Bibliothek. 


ließen. Juan hatte mit dem Prinzen katala¬ 
nische und valencianische Dichter gelesen, etwas 
Latein mit ihm getrieben, ja aus einer noch 
erhaltenen Dedikation in einer griechischen 
Handschrift könnte geschlossen werden, daß 
der Prinz auch mit den Elementen des Grie¬ 
chischen bekannt war; unter Juans Leitung 
und offenbar zum Unterrichte des Prinzen war 
der in Alcalä aufbewahrte Prachtkodex mit 
den in Alfons X. Aufträge zusammengestellten 
astronomischen Tafeln von Meistern der Kalli¬ 
graphie und Miniaturkunst abkonterfeit worden. 
Der jugendliche Prinz besaß selbst eine 
Bücherei mit ansehnlichem Handschriftenbe- 
stande (vorzüglich historische Schriften, Chro¬ 
niken u. dgl.); die von Morales verfaßten Akten 
der Kanonisation des heiligen Diego, bei 
welcher Carlos intervenierte, in einer bilderge¬ 
schmückten Handschrift niedergelegt, verleihen 
der prinzlichen Sammlung auch eine persön¬ 
liche Note. Nach dem tragischen Tode des 
Prinzen wurde dessen Besitz in einer Ver¬ 
steigerung veräußert; Philipp sicherte sich bei 
einzelnen Objekten — wie wir durch ein noch 
erhaltenes Inventar wissen — das Vorkaufs¬ 
recht. Die Handschriften des Don Carlos er¬ 
scheinen nun der Mehrzahl nach in unserem 
Inventare, das hierdurch, wie bemerkt, ein 
Stück Hausgeschichte wiederspiegelt. 

Weitere Handschriftenerwerbungen für den 
Eskorial, von deren Ergebnissen unser Inventar 
gleichfalls Kunde gibt, stehen im Zusammen¬ 
hänge mit wissenschaftlichen Missionen, die 
im Aufträge Philipp II. ausgeführt wurden. 
Ziemlich mannigfaltig waren die Aufträge, die 
der Herausgeber der berühmten Antwerpener 
Polyglotte, Arias Montano, anläßlich seiner 
Reise nach Antwerpen im Jahre 1568 erhielt; 
in einer am 25. März des genannten Jahres er¬ 
lassenen Instruktion trifft der König bezüglich 
der Tätigkeit des Gelehrten bei der Heraus¬ 
gabe der Bibel einige Bestimmungen und ver¬ 
fügt ferner, daß eine gewisse Summe zum An¬ 
käufe von Handschriften und Druckwerken 
verwendet werden soll, deren Acquisition der 
König von Montanos Sammeleifer erhofft. 
Diese Bücher waren für San Lorenzo bestimmt 
und es heißt in der königlichen Instruktion 
ausdrücklich: „Diese bilden einen der wert¬ 
vollsten Schätze, die ich den Klosterbrüdern 
zu schenken wünsche.“ 


Die Mission Montanos war in mehrfacher 
Beziehung von Erfolg begleitet Selbst Graux 
war der Umstand entgangen, daß Montano, 
wie aus zeitgenössischen Berichten hervorgeht 
in Antwerpen eine sehr wertvolle Sammlung 
von griechischen Handschriften für den Eskorial 
erwerben konnte. Er wußte, daß er bei dieser 
Aquisition einem speziellen Wunsche seines 
königlichen Herrn entsprach. Philipp hatte 
noch als Prinz Vorliebe für griechische Hand¬ 
schriften gezeigt und einen gewissen Jacobus 
Diassorinus, einen geschickten griechischen 
Kopisten, mit der Herstellung verschiedener 
Manuskripte betraut die, mit Miniaturen zier¬ 
lich ausgeschmückt, heute noch im Eskorial 
vorhanden sind. Ebenso wertvoll waren einige 
Erwerbungen, die Montano in zwei nieder¬ 
ländischen Örtchen, in Breda und Hoogstraeten, 
machte. Die Listen der äußerst kostbaren 
zum Teile mit prächtigen Illustrationen ge¬ 
schmückten Handschriften, die Montano — 
wie aus seiner Korrespondenz hervorgeht — 
nach Spanien zu senden versprach, waren 
seit geraumer Zeit bekannt. Aber auch Gachard, 
der das Urkundenmaterial genau kannte und 
im Eskorial selbst die einschlägigen Unter¬ 
suchungen pflog, vermochte nicht zu sagen, 
ob die versprochene Sendung wirklich erfolgte. 
Unser Inventar gibt nun die entscheidende, 
bejahende Antwort Die in Montanos Liste 
erwähnten Handschriften finden sich hier fast 
sämtlich verzeichnet Bemerkenswert ist aller¬ 
dings, daß sich keines dieser Manuskripte heute 
mehr im Eskorial befindet, ein Umstand, auf 
den wir noch zu sprechen kommen werden. 

Einen weiteren bedeutenden Zuwachs erfuhr 
die Bibliothek im Jahre 1570. Zwei Namen, 
die uns bereits bekannt sind, treten hier auf 
den Plan. Juan Päez, dessen erster Entwurf 
betreffs der Bibliotheksgründung skizziert wurde, 
war gestorben und Philipp D. verfügte sofort, 
daß dessen Büchersammlung, deren Reichtum 
und Wert bekannt war, von zuständiger Seite 
in Augenschein genommen und inventarisiert 
werde. Auf Grund dieses Inventares hätte 
man die Werke auszuwählen, deren Erwerb 
für den Eskorial wünschenswert wäre. Zur Aus¬ 
führung einer solchenMission erschien demKönige 
niemand geeigneter als Ambrosio de Morales. 
In der Tat hatte sich der König nicht ge¬ 
täuscht. Der Gelehrte hebt in dem Berichte 


Digitized by 


Google 



Beer, Zur Geschichte der Eskorial-Bibliothek. 


197 


über seine Mission zunächst hervor, daß die 
Bücher des verstorbenen Dr. Päez sehr wert¬ 
volle Handschriften, nicht bloß lateinischer, 
sondern auch griechischer und arabischer 
Werke enthalten. Er würde den Erwerb der¬ 
selben für den Eskorial mit Freude begrüßen. 
„Ich höre allerdings manchmal die Behaup¬ 
tung, daß solche Handschriften in Kloster¬ 
bibliotheken nichts anderes seien als Kuriosi¬ 
täten. Das ist aber nicht richtig. Es ist 
meine Überzeugung, daß solche Bücher auch 
in der Klosterbibliothek des Eskorial ihren 
rechtmäßigen Platz haben, denn die Bücherei 
des Real Monasterio muß auf der gleichen 
Höhe stehen wie alle anderen Einrichtungen, 
die sich in ihr finden. Daher haben die 
Bücher, die Se. Majestät ihr zuwenden will, in 
ihr auch eine würdige Stätte." Dieses Gut¬ 
achten, das bezeichnend ist für die Intentionen, 
welche bei der Zusammenstellung der Biblio¬ 
thek als maßgebend angesehen wurden, fand 
volle Berücksichtigung; in der Tat finden wir 
die Bücher der Bibliothek Päez — soweit sie 
uns bekannt geworden — in unserem Eskorial- 
inventare wieder. 

Ambrosio de Morales hatte, wie wir sehen, 
wiederholt Gelegenheit gehabt, seine ausge¬ 
breiteten Kenntnisse bei der Bibliotheksschöp¬ 
fung zu betätigen und hierbei besonderes Ver¬ 
ständnis bewiesen. Dieser Umstand ließ ihn 
auch als die geeignetste Person erscheinen, 
eine systematisch angelegte Erwerbungsmission, 
die sich auf Klöster und Kirchen Nordspaniens 
erstrecken sollte, zu übernehmen. Die Ergeb¬ 
nisse seiner Reise sollten die Lücken ergänzen, 
welche die früheren Erwerbungen — fast aus¬ 
schließlich Gelegenheitskäufe — offengelassen 
hatten. Im Mai des Jahres 1572 trat Ambrosio 
de Morales seine Reise an, bei der er eine 
eingehende, in einem königlichen Handschreiben 
niedergelegte Instruktion im Auge behalten 
sollte. Das Forschungsgebiet hatten Leön, 
Galizien und Asturien zu bilden. Sowohl 
Handschriften wie auch alte Druckwerke „be¬ 
sonders die seltenen und kostbaren, die sich 
in den Kirchen und Klöstern jener Gebiete 
finden", seien eingehend zu untersuchen und 
hierüber sei dem Könige ein detaillierter Be¬ 
richt zu erstatten. Der Reisebericht des ge¬ 
lehrten Morales ist im Druck veröffentlicht 
worden; auch die Ergebnisse der Mission, das 


heißt, die auf Grund des Berichtes von Philipp 
für den Eskorial erworbenen Handschriften 
der von Morales besuchten Klöster, lassen 
sich mit urkundlicher Treue in dem Schenkungs¬ 
verzeichnisse wenigstens zum Teile feststellen. 
Unmittelbar an diese umfassende Erwerbungs¬ 
mission schließt sich noch ein spezieller Auf¬ 
trag, welcher die Bibliothek des im Jahre 1573 
verstorbenen Bischofs von Plasencia, des 
Generalinquisitors Pedro Ponce de Leon be¬ 
traf. Auch von dieser an Werken Isidors v. 
Sevilla, Konzilienhandschriften und historischen 
Manuskripten reichen Bibliothek lassen sich 
eine Reihe von Stücken im Inventare erkennen. 
Allerdings sind die bezüglichen Forschungen 
noch nicht abgeschlossen, da das handschrift¬ 
liche Verzeichnis der Bücher Ponces noch 
nicht allgemein zugänglich gemacht worden ist 

Der Einverleibung anderer, namentlich an 
griechischen Handschriften reicher Bücher¬ 
sammlungen, so der von Matteo und Marco 
Dandolo, Francesco Patrizzi u. a., sei hier nur 
kurz mit der Bemerkung gedacht, daß auch 
diese Erwerbungen für den Eskorial im Inven¬ 
tare von 1576 genau verzeichnet zu finden 
sind. 

Prüft man die zur Gründung der Eskorial- 
bibliothek getroffenen Maßnahmen, Ankäufe, 
Forschungsreisen und hält man das zum ersten 
Male zugänglich gemachte Inventar der Hand¬ 
schriftenschenkung daneben, so sind die wich¬ 
tigsten Hilfsmittel geboten, um die Bibliotheks¬ 
schöpfung auf zuverlässiger Grundlage zu be¬ 
urteilen. 

Wir sahen bereits, daß von einer spanischen 
Kronbibliothek im Mittelalter nicht gesprochen 
werden kann. Der mächtige Bücherapparat, 
mit dem Alfons X. gearbeitet hatte, und über 
den auch manche seiner Nachfolger verfügten, 
war in späterer Zeit zerstreut worden. Die 
erste königliche Bibliothek, über die wir ganz 
bestimmte, urkundliche Nachrichten besitzen, 
ist die Isabellas der Katholischen. Doch diese 
kommt im vorliegenden Falle deswegen nicht 
in Betracht, weil sie geraume Zeit (bis gegen 
Ende des XVI. Jahrhunderts) in dem ADcazar 
de Segovia unbeachtet und unbenützt aufbe¬ 
wahrt worden war. Was nun die Bücherei 
Karl V. anlangt, so wissen wir ganz bestimmt, 
daß er prächtige Bücherschätze nach Spanien 
brachte, die zum Teile in Simancas, zum 


Digitized by 


Google 



Beer, Zur Geschichte der Eskorial-Bibliothek. 


I98 

Teile in Yuste aufbewahrt wurden. Genaue zutraute, diese Beobachtungen richtig verwerten 
Inventare über diesen Besitz sind vorhanden, zu können. In demselben Jahre noch (1543) 
harren jedoch noch der vollständigen Ver- ging Prinz Philipp seine erste Ehe ein und 
öffentlichung. Karl V. ließ es beim bloßen war nach zwei Jahren schon Witwer; die 
Besitz von Büchern nicht bewenden; es ist wichtigsten Fragen, die sein Haus und die 
eine urkundlich bezeugte Tatsache, daß er Weltpolitik betrafen, mußten ihn so sehr be- 
emste Studien betrieb, so namentlich auf schäftigen, daß von einem wissenschaftlichen 
astronomischem Gebiete — ja er entschloß sich Studium kaum die Rede sein konnte. Von 
in seinen letzten Lebensjahren zu ernster lite- diesem Gesichtspunkte aus, mein* ich, muß 
rarischer Tätigkeit, von der noch die Rede auch die Bibliotheksgründung betrachtet werden, 
sein wird. Zweifelhaft ist, ob er je den Ge- Sie stellt sich etwa der durch Philipp voll¬ 
danken faßte, die weitverstreuten Bestandteile zogenen Ausgestaltung des Reichsarchivs zu 
seines Bücherbesitzes zu sammeln und eine Simancas und anderen im Dienste des wissen- 
Kronbibliothek zu gründen. schaftlichen Großbetriebes ausgefiihrten Unter- 

Ein solches Projekt blieb seinem Sohne nehmungen zur Seite: sie war eine Einrichtung, 
Vorbehalten. Daß dieser persönlich wissen- die allgemeinen geistigen Interessen diente, 
schädliche oder literarische Studien betrieben Nur so erklärt sich die universelle Bedeutung, 
hätte, läßt sich nicht erweisen. Es ist dies welche die Bibliothek ihrer Zusammensetzung 
ein Punkt, der bei Beurteilung der von Philipp nach besitzt. Es war keine Konvents-Biblio- 
vorgenommenen Bibliotheksgründung erwogen thek, nicht im Sinne des Mittelalters, nicht im 
werden muß. Wir wissen, daß Philipp in Sinne der Renaissance, und es mochte auch 
seiner Jugendzeit das Lateinische ziemlich be- in der zweiten Hälfte des XVI. Jahrhunderts 
herrschte, dagegen waren seine Kenntnisse im noch als etwas Groteskes angesehen werden, 
Italienischen und Französischen mangelhaft. Klosterbrüdern eine wohlgeordnete Reihe von 
Die Studienbibliothek des Prinzen ist genau arabischen, persischen und — chinesischen 
bekannt; sie bestand vorzüglich aus Druck- Büchern zu schenken. Was Philipp im Sinne 
werken — ein Zurückgehen auf die Text- hatte, war die Gründung einer Reichsbibliothek, 
quellen, Anfänge zur Sammlung von Hand- und zwar — das ist ja in dem Gutachten des Am¬ 
schriften, lassen sich auf Grund des erhaltenen brosio de Morales ausdrücklich hervorgehoben 
Verzeichnisses noch nicht feststellen. Dieser — zu Nutz und Frommen der Wissenschaft im 
Umstand einerseits, andrerseits die Erziehung weitesten Sinne, den dieser Begriff umspannt 
und Ausbildung Philipps, über die wir ziemlich Die Bibliothek ist die Schöpfung eines Staats¬ 
gut unterrichtet sind, lassen die Intentionen, die mannes, nicht eines direkt an der Wissenschaft 
ihn später bei der Gründung der königlichen Interessierten. Man könnte nun annehmen, 
Bibliothek leiteten, ziemlich klar erkennen. daß der König sich begnügte, diese oder jene 

Als sechszehnjähriger Jüngling, also in einem Erwerbung zu ratifizieren, unter den einen oder 
Alter, das gemeiniglich dem Studium gewidmet den anderen Ankaufsakt seine Unterschrift zu 
ist, war er bereits Reichsverweser in den spa- setzen, die Gesamtanlage der Bibliothek jedoch 
nischen Landen. Mit Rücksicht auf eine In- seinen Ratgebern und Helfern zu überlassen, 
struktion, welche sein in politischen Dingen Diese Annahme entspräche aber nicht den 
so weit blickender Vater dem jugendlichen Tatsachen. Wenn zu irgend einer Zeit und in 
Prinzen zurückließ, bemerkt Maurenbrecher irgend einem Staate alle Fäden in der Hand 
sehr zutreffend: es sei für des Sechszehn- des Monarchen vereinigt waren, so war dies 
jährigen geistige und politische Fähigkeiten in Spanien unter Philipp II. der Fall, 
ein schwer wiegendes Zeugnis, daß Karl ihm [Ein «weiter Artikel folgt-] 



Digitized by t^ooQie 



Die Bibliothek der Marquise von Pompadour. 

Von 

Max Harrwitz in Berlin. 


HTMls vor einigen Wochen eine Notiz des 
Pariser Blattes „Gil Blas“ durch einige 
HESkn deutsche Zeitungen ging, daß ein Ka- 
wMBkM talog der Bibliothek der Marquise 
de Pompadour vor kurzem in Paris „unter 
einem Haufen verstaubter Bücher“ aufgefunden 
wurde und wegen seiner Seltenheit und hohen 
Interesses dem historischen Museum der Stadt Paris, 
dem Mus£e Camavalet, geschenkt worden sei, 
wobei besonders die in dem Exemplar vorhan¬ 
denen handschriftlichen Preisnotierungen hervor¬ 
gehoben wurden, da griff ich zu dem in meinem 
Besitz befindlichen Exemplar dieses Kataloges 
aus dem Jahre 1765, um die Preisangaben zu ver¬ 
gleichen. Denn auch mein Exemplar besitzt den 
Vorzug der mit Tinte am Rande beigefügten Er¬ 
stehungspreise. Ich stellte nur unwesentliche Diffe¬ 
renzen fest, die beweisen, daß es sich um Preis¬ 
notierungen seitens verschiedener Katalogbesitzer 
und nicht etwa der Auktionsfirma handelt 

Bei dieser Gelegenheit machte ich die erneute 
Beobachtung, daß der für seine Zeit vorzüglich 
durchgearbeitete Auktionskatalog in mehrfacher 
Beziehung unsere Aufmerksamkeit verdient 

Wer hätte der einstigen Fleischerstochter und 
späteren berüchtigten Maitresse Ludwigs XV. ein 
so vielseitiges literarisches Interesse zugetraut? 
Dieser „ Catalogue des livres de la bibliotheque de 
feite Madame la Marquise de Pompadour, Dame 
du Palais de la Peine“, welcher „chez Jean 
Th. Herissant, Imprimeur du Cabinet du Roi, Maison 
et Bätimens de Sa Majest£ et Jean Thomas Heris¬ 
sant fils, Libraire, meme maison“, im Jahre 1765, 
also in dem Jahre nach dem Tode der Besitzerin, die 
am 15. April 1764 starb, erschienen ist, verzeichnet 
auf 403 Seiten 3525 Bücher, 235 Musikalien und 
36 Kupferstichwerke. Dieselben sind in 7 Haupt- 
abteüungen eingeteüt, nämlich in: Theologie, Juris- 
prudence, Sciences et Arts, Belles-Lettres, Histoire, 
Musique und Estampes. Diese Hauptteüe zerfallen 
ihrerseits in zahlreiche Unterabteüungen, z. B. 
Theologie in 8, die im ganzen 84 Nummern auf- 
fiihren, Sciences et Arts in 4 und zwar: Phüosophie, 
Medecine, Math£matique und Arts, die jedoch 
jede wiederum unter sich in Abteilungen syste¬ 
matisch eingeteilt sind, z. B. Medecine in: Medecins 
anciens, Medecins modernes und Anatomie et 
Chirurgie. Mathematiques ist in 6 Teile zergliedert, 
wobei neben Mechanique et Optique auch die 
Musique (nur Bücher über Musik) erwähnt seien. 
Unter Arts ist auch „Art militaire etc.“ registriert 
Der Schwerpunkt der Sammlung sind natürlich die 
,,Beiles Lettres“ einerseits und die „Histoire“, welche 
darauf folgt Erstere teilt sich in Grammaires, 
Rh£torique, Po£tique, Mythologie, Romans usw., 


die wiederum in vielerlei Rubriken nach Sprachen 
usw. eingeteüt sind. Da fehlt es nicht an Portes 
grecs sowie latins, italiens, espagnols, anglais und 
anderen. Die „Portes Allemands etc.“, welche uns 
besonders interessieren könnten, umfassen aller¬ 
dings nur die No. 1440 bis 45 und bestehen aus 
Haller (2 mal), Fables et Contes, avec un discours 
sur la Litterature Allemande, ferner Lichtwehrs 
Fabeln, Gessners Le premier Matin und Holberg, 
und alle diese sind obendrein nur in französischer 
Übersetzung vertreten. Desto großartiger sind die 
französischen Poeten vorhanden, die von No. 611 
bis 1280 reichen und, nach Regierungszeiten 
geordnet, obendrein zahlreiche sehr umfangreiche 
Sammelbände unter einer Nummer vereinigt ent¬ 
halten. Bei näherer Durchsicht entdeckt man 
namentlich hier große Seltenheiten, viele Früh¬ 
drucke, die kaum heutzutage noch Vorkommen; sie 
gingen damals bündelweise für einige Sols weg. 
Auf die Preise werde ich später noch zu sprechen 
kommen. 

Eigenartig ist die Einteüung der Romane, 
nämlich: Anciens Romans grecs et latins; Romans 
d'amour, de chevalerie, h£roTques, moraux et poli- 
tiques, satyriques, comiques (fac£ties); Contes des 
fees et merveilleux; voyages imaginaires etc. In 
der Geschichtsabteilung ist die Geographie, Heral¬ 
dik, „Antiquit£s (Medailles, Descriptions d'anciens 
Monuments etc.)“ einbegriffen. 

Die „Histoire sacr£e“ geht von No. 2455 bis 
2511 und verzeichnet fast nur umfangreiche, zum 
Teü vielbändige Werke. Die „Histoire profane“ 
teüt sich in Histoire ancienne und moderne, welche 
ihrerseits sich gliedern in 7 resp. 3 Unterabtei¬ 
lungen. Die Histoire de France, die in eine 
ganze Reihe von Kapiteln zerfällt, umfaßt allein 
449 Nummern und die Histoire etrang£re 262 
Nummern. Unter letzteren findet sich Allemagne 
mit No. 3084 bis 3108 vertreten, alle in französischer, 
italienischer und lateinischer Sprache; über Italien 
und über England enthielt die Bibliothek mehr. 
Jedoch findet man 4 Bücher über Preußen, weiter¬ 
hin unter „Histoire des pays du nord“ apart ver¬ 
zeichnet neben Schweden, Dänemark, Polen, Ungarn 
und Rußland. 

Sehr wertvolle Werke sind unter der Über¬ 
schrift „Histoire litteraire, academique et biblio- 
graphique“ vereinigt. Hier ist z. B. unter No. 3386 
die Histoire et Memoires de PAcademie Royale 
des Sciences von Beginn an (1666) bis 1740 ge¬ 
nannt, welche laut Beischrift mit 900 Livres 2 Sols 
bezahlt wurde; hier ist ferner unter No. 3404 
die „Collection complette du Mercure Galant 
et de France“, von 1672 bis 1764, die 600 
Livres brachte, ferner zahlreiche Zeitschriftenreihen, 


Digitized by t^ooQie 


200 


Harrwitz, Die Bibliothek der Marquise von Pompadour. 


bibliographische Werke, Bibliothekskataloge usw. 
Es folgen Biographien und Extraits historiques, 
darunter Bayles Dictionnaire historique et critique, 
4 Folianten von 1720, ein Werk, das bekanntlich 
der Schrecken unserer heutigen Antiquare darstellt, 
da seine Geringwertigkeit nicht im rechten Ver¬ 
hältnis zu seiner unbescheidenen Raumforderung 
steht; damals brachte es 180 Livres! Den Schluß 
bilden, wie oben erwähnt, zahlreiche Musikalien, 
dabei viele Opern, und als letzte Abteilung die 
„Estampes**, die mit dem „Cabinet du Roi“ be¬ 
ginnen, einem Werke, das aus 24 Folianten besteht 
und nach den näheren Angaben ein Sammelwerk 
aus Katalogen, Plänen, Ansichten usw. gewesen 
zu sein scheint, wofür 912 Livres 2 Sols bezahlt 
wurde. Die „Estampes* 4 verzeichnen viele wertvolle 
Gallerie- und Kupferstichwerke. 

Dem interessanten Katalog ist eine ausführ¬ 
liche Table des Auteurs beigegeben, die sich in¬ 
sofern als praktisch erweist, als hinter jedem Schrift- 
stellemamen die einzelnen Büchertitel mit Angabe 
der Katalognummer verzeichnet sind. Außerdem 
erleichtern zahlreiche Hinweise, und zwar oft recht 
notwendige, den Gebrauch dieses Registers. Bei¬ 
spielsweise wird von de Moli&re auf Pocquelin, 
von de Mirabeau auf Riquetti verwiesen, von Sans- 
Soucy auf Fr£deric, von de la Serre auf Puge usw. 
fort, unentbehrliche Verweisungen also. Zu diesem 
Autorenregister tritt noch ein zweites recht umfang¬ 
reiches, das diejenigen Schriften alphabetisch ver¬ 
zeichnet, die anonym erschienen sind. 

Was nun die bibliographische Beschreibung der 
Werke betrifft, so ist sie natürlich eine höchst 
primitive. Lediglich der abgekürzte Titel mit 
Angabe des Autors, des Übersetzers, Ort und Jahr, 
Anzahl der Bände und Format finden sich überall 
notiert. Hierzu kommen noch fast immer der 
Namen des Verlegers oder Druckers, Einbände, 
Hervorhebung bei Ausgaben auf großem Papier 
und bei einzelnen Exemplaren noch die Angabe 
„lave“, „regle**, welche durch die Buchstaben 
/ resp. r gegeben wird. Neben diesen Abkürzungen 
werden laut Erklärung am Schluß auch „gr. pap.** 
(=* grand papier), pap. imp. (= papier imperial), 
p. £ (= petit format), mar. r. (= maroquin rouge), 
mar. bl. («*= maroquin bleu), mar. cit (= maroquin 
citron), v. (= veau), v. f. («= veau fauve), v. 6 c. 
(= veau 6caille), d. s. tr. («= dore sur tranche), 
T. (= Tragödie), C. (=» Comödie), O. (= Opera), 
B. (= Ballet), P. (= Pastorale), I. (■= Italienne), 
H. (= HeroYque) benutzt Seitenzahlen, Andeu¬ 
tungen über Seltenheit usw. fehlen vollständig, von 
sonstigen Erklärungen ganz zu schweigen. Im 
Gegenteil finden sich Zusätze wie „et autres piöces**. 
Nur über Mängel findet sich bei hervorragenden 
Stücken hin und wieder vermerkt: „Le frontispiöce 
manque** oder „Le premier feuillet rötabli ä la 
main“ und ähnliche vereinzelte Notizen. 

Recht interessant ist, wie bereits angedeutet, 
ein Vergleich der damals erzielten Preise mit den 
heutigen Preisnotierungen, wozu ein derartiges 


Exemplar eines so seltenen und interessanten 
Auktionskataloges geradezu anreizt Es werden nicht 
viele Verzeichnisse von Bücherversteigerungen mit 
gewissenhaft geführter Preisliste aus so früher Zeit 
erhalten sein; im Handel kommen sie wenigstens 
nicht häufig vor. 

Bei Preisvergleichen darf man natürlich das 
stete Sinken des Geldwertes nicht außer acht 
lassen. Immerhin imponieren Preisdifferenzen, wie 
beispielsweise die frühen Moliöre-Drucke von 
1661—76 (Paris bei Barbin, Ribou, Quinet und 
Trabouillet), die damals in einer Kollektion von 
24 Stück nur 6 Livres 19 Sols, also ca. 7 Francs 
(1 Livre ä 20 Sols entspricht ungefähr 1 Franc) 
brachten, aber heut wohl mit ca. eintausend Francs 
bewertet würden. Das Exemplar des unlängst auf¬ 
gefundenen Auktionskataloges gibt 6 Livres 20 Sols 
als Zuschlagspreis an. Vergleichshalber sei erwähnt, 
daß bald nach Molares Frühausgaben das „Thö- 
ätre de Dorimond**, Paris bei Ribou 1661, 2 Duo¬ 
dezbände, mit 12 Livres, also fast dem doppelten 
Preis bezahlt wurden. Das Pariser Auktionsver¬ 
zeichnis gibt 10 Livres an. Hingegen brachte eine 
neuere Moliöre-Ausgabe (Paris, Prault, 1734, in 
6 Quartbänden auf großem Papier, die Summe von 
79 Livres und andere Duodezausgaben (Paris 1739* 
8 Bände) 20 Livres und (Amsterdam 1744,4 Bände) 
16 Livres 19 Sols, woraus genugsam hervorgeht, 
daß frühe Drucke Molares nicht geschätzt waren; 
sie brachten nicht soviel als andere Dramatiker 
derselben Zeit und derselben Verleger. 

Unter No. 1014 findet sich eine Ausgabe des 
Racine auf großem Papier, 3 Quartbände, Paris 
bei David 1763. Dieselbe ist mit folgender Note 
versehen: „H n’y a qu’un pareil Exemplaire sur 
papier de Hollande, lequel est dans la Bibliothöque 
de M. le Duc de Choiseul.“ Diese Ausgabe wurde 
mit 75 Livres bezahlt, während die seltenen Pariser 
ersten Drucke von 1664—91 in Duodez und Quart 
als Kollektion von 14 Stück nur 6 Livres 2 Sols 
und die Elze vier-Ausgabe von 1678 in 2 Bänden 
nur 9 Livres 1 Sol ergaben. Unter No. 645 
wurde „L’Eperon de Discipline“ von Ant du Saix, 
1532, 4 t0 mit 5 Livres 1 Sol bezahlt; eben dieses 
Exemplar, mit dem Wappen der Marquise de Pom¬ 
padour geschmückt, erzielte im H6tel Drouöt vor 
einiger Zeit 890 Francs. 

Überhaupt brachten die wenigen Werke des 
XVL Jahrhunderts verhältnismäßig geringe Preise, 
so z. B. No. 637 Octavien de S. Gelais et Blaise 
d’Avriol, La chasse et le döpart d’amours, Paris 1509, 
fol, nur 9 Livres, No. 638—41 Werke von Jehan 
Bouchet aus den Jahren 1531, 1533 und 1536 
nur 4 Livres 1 Sol; 9 Livres 1 Sol; 13 Livres 
und 6 Livres 5 Sols: Kostbarkeiten, die heute in 
Paris einen heißen Kampf im Hotel Drouöt er¬ 
regen würden. Die Oeuvres de Marot (No. 649), 
La Haye 1731, brachten hingegen (auf großem 
Papier) 60 Livres 19 Sols. Was würde wohl heut 
die No. 622 erzielen, die „Le Roman de la Rose, 
en vers, commence par Guill. de Lorris et achevö 


Digitized by LjOOQle 



Harrwitz, Die Bibliothek der Marquise von Pompadour. 


201 


par Clopinet dit de Meun“ verzeichnet als Manu¬ 
skript auf Pergament, 163 Blatt, „avec figures en 
miniatures et cadres historiques et allegoriques 
(gr. in-4 0 . Maroquin citron)? Damals fand es für 
84 Livres einen neuen Besitzer, während die wert¬ 
volle gedruckte Ausgabe von 1538, 2 Bände 8°. 
mit handschriftlichen Notizen ganze 5 Livres 
19 Sols ergab. 

Überblicken wir die Preisnotierungen, nach 
höheren Resultaten suchend, so finden wir im all¬ 
gemeinen alte Bekannte. Da ist Buflfon et d'Auben- 
tons Histoire naturelle, Paris 1749, 9 Quartbände 
und Supplement, Höchstpreis 128 Livres 19 Sols; 
Catesbue, Histoire naturelle de la Caroline, de la 
Floride et des isles de Bahama, vom Jahre 1731—54, 
2 Bände in folio: 391 Livres 12 Sols; andere 
Naturgeschichten wie Albin-Derthams Oiseaux 1750: 
154 Livres, und Merians Insectes 270 Livres, aller¬ 
dings alle in hervorragenden, kolorierten Exem¬ 
plaren. Diderot und d’Alemberts Encyclopaedie 
brachte es sogar auf 560 Livres 3 Sols; sie war 
noch im Erscheinen und der Ersteher erhielt die 
Fortsetzung nach Erscheinen geliefert. Auch das 
bekannte Blondelsche Architekturwerk 
erreichte 178 Livres 19 Sols. 

Fernerhin finden sich notiert: unter 
No. 583 ein Ovid, traduit par Banier, 
figures par Picart, Amsterdam, Wetstein, 

1732, 2 volumes in-fol., grand pap., 
mar. v. mit 151 Livres; No. 1313 
Tasso, Florenz 1724, 6 Folianten: 90 
Livres 19 Sols, und No. 1314 derselbe 
mit den Bildern von Gian B. Piazetta, 

Venedig 1745, in-fol. gr. pap. mar. d 
compartim. avec fig. color. en minia¬ 
tures: 480 Livres, anscheinend ein 
Hauptstück der Sammlung nach da¬ 
maliger Anschauung. Ein Amadis de 
Gaule (No. 1628), Paris 1560 et suiv., 

24 volumes, dont douzeprem. in-8°, 
les 13 —21 in-16 0 et les 21 — 24 in-8°, 
kostete dagegen nur 120 Livres, und Le 
Roman des Romans von du Verdier, 

Paris 1626 et suiv., 7 Bände in 14 
gebunden (No. 1635) mit der voran¬ 
gehenden Nummer, die keinen Inter¬ 
essenten fand, (Histoire de Don Belianis 
de Grece, traduit... 1625) zusammen 
144 Livres. 

Sodann wurde die französische Aus¬ 
gabe des Dekameron von Boccaccio, 
vom Jahre 1757, 5 Bände in Oktav, mit 
den Gravelotschen Kupfern (No. 2021 
des Kataloges): gr. pap., mar. verd, 
lav. regl., prem. 6preuves, bis auf 
160 Livres gesteigert Die bekannte 
Genfer Ausgabe des Voltaire in 20 
Oktavbänden vom Jahre 175 7 erzielte 72 
Livres (No. 2282), während an anderer 
Stelle des Kataloges, nämlich unter 
No. 1122 eine Sammlung von sehr 
Z. f. B. 1904/1905* 


frühen Einzeldrucken dieses Autors, beginnend 
mit Oedipe 1719, und Schriften über Voltaire aus 
dieser Zeit, zusammengefaßt als Theätre de M. 
Arrouet de Voltaire, im ganzen 40 Piecen, dar¬ 
unter viele Seltenheiten, nur 42 Livres erreichten. 
Umfangreiche Werke brachten höhere Beträge, so 
das Dictionnaire geographique von Bruzen de la 
Martini£re 1726, n Folianten: 100 Livres 10 
Sols; der große Atlas, Amsterdam, Blaeu, 1663, in 
13 Foliobänden, obwohl Band 1 fehlte: 148 Livres 
19 Sols; die Gallerie agreable du monde, ein 
Kartenwerk von 66 Teilen in 35 Folios gebunden, 
452 Livres 19 Sols. Auch Zeitungsreihen, wie die 
No. 2452: Gazette de France, beginnend mit 
Dezember 1631, 122 Quartbände, und No. 2453: 
Gazettes de Hollande, 1691—1762, 72 Quartbände, 
wurden schon damals als wertvoll erkannt und 
mit 300 resp. 100 Livres bezahlt 

Bei No. 2468: Cereraonies et coutumes religieuses 
des Peuples du monde, avec figures par Picart, 
9 Foliobände, hat der Druckfehlerteufel sein Spiel 
getrieben, indem die Ausgaben als in Amsterdam, 
Bemard, 1769 gedruckt aufgeführt wird. Hier ist 



Digitized by 


Google 













202 


Hamvitz, Die Bibliothek der Marquise von Pompadour. 


natürlich die weniger gute Ausgabe vom Jahre 1739 
gemeint; sie brachte zusammen mit den unter 
2469 verzeichneten und dazugehörigen Superstitions 
679 Livres 19 Sols, vermutlich, weil es sich um 
ein Exemplar auf grobem Papier handelte. Das¬ 
selbe gibt von der Histoire de France par P£re 
Daniel, nouvelle Edition augmentee, Paris 1755, 
17 Quartbände, ebenfalls grand papier, die 
256 Livres erreichte, und den Memoires de Conde, 
6 Quartbände vom Jahre 1743.» die auf grobem 
Papier 149 Livres 19 Sols ergaben. Diese Wert¬ 
schätzung der Ausgaben „grand papier“ kommt 
natürlich bei den Kupferstichwerken besonders zur 
Geltung und so hat der Preis von 440 Livres 
3 Sols für die Trofei di Octaviano Augusto 1753 
zusammen mit den Vedute di Roma nichts Auf¬ 
fälliges, ebenso wie derjenige von 300 Livres für 
die Gallerie de Versailles 1752. 

Viel interessanter sind natürlich wirkliche Selten¬ 
heiten und Unica. So findet sich unter No. 2266 
Folgendes verzeichnet: „Recueil de differentes 
choses, Ouvrage plus connu sous le nom de Me¬ 
moires du Marquis de Lassay, commen^ant vers 
l’an 1663 et finissant au mois d’Octobre 1726 
(Imprime au Chateau de Lassay le 15. Juin 1727)“ 
in -4 0 mar. r. Es brachte nur 40 Francs, obwohl 
diese Ausgabe in wenigen Exemplaren hergestellt 
und sehr selten ist. Die No. 2907 führt Mem. 
du Marquis de Dangeau ou Journal de la Cour 
de Louis XIV. auf, commen9. en 1684 et finissant 
en 1720, ein Manuskript, bestehend aus 58 Quart¬ 
bänden; hierfür wurde der Höchstpreis von 
800 Francs gegeben. Es fehlte jedoch auch nicht 
an Nummern, die nichts oder fast nichts ergaben, 
also keinen Liebhaber fanden. Das Theätre de 
Bandeau de Somaise: 3 Duodezbändchen von 1660, 
brachten zusammen 1 Sol, also 5 Centimes; ganze 
Pakete von derartigen kleinen Theaterstücken aus 
dem XVII. Jahrhundert gingen gemeinsam fiir 
3—5 Livres fort; sie waren einfach nach dem 
Anfangsbuchstaben des Titels zusammengeordnet. 
Zahllose Seltenheiten fanden hierbei keine Beach¬ 
tung. Aber auch das „rien“ oder „sans prix“ 
findet sich hin und wieder notiert, so z. B. bei 
No. 1945 fiir „Les quinze Joies de mariage, par 
Fran9. de Rosset, Paris 1620 in-12 0 “, und sogar 
die Nummern i960—63 zusammengefabt, darunter 
Werke von Crebillon le fils und d’Argens’ Nonnes 
galantes, erhielten kein Gebot. 

Diese Zusammenfassung von Nummern, wie sie 
auch heut bei Bücherversteigerungen üblich ist, 
findet sich an verschiedenen Stellen des Kataloges. 
Doch auch die Versteigerung ausser der Reihenfolge, 
die auf Wunsch eines Reflektanten häufig erfolgt 
und einem anderen, nach der Nummernfolge des 
Kataloges rechtzeitig und dennoch zu spät ein¬ 
treffenden Reflektanten dadurch entgeht, war be¬ 
reits damals Unsitte. So ist z. B. vermerkt, dab 
No. 2512 mit No. 461 zusammen verkauft wurden. 

Die Handhabung der Versteigerung befindet 
sich übrigens noch in den Anfängen. Zwar geht 


aus der Einleitung hervor, dab die Auktion durch 
Plakate angezeigt werden wird, sowie „POrdre des 
Vacations, par les Listes que Pon distribuera chaque 
Semaine“, aber es ist doch praktischer, wie jetzt 
üblich, wenn die Angabe der Nummern mit Nennung 
des Tages im Katalog enthalten ist In diesem 
Vorwort wird bereits auf die Bedeutung der Samm¬ 
lung und auf einzelne Fächer besonders hinge¬ 
wiesen. „La collection des Romans est encore 
tr£s-considerable; et ceux qui ont dans ce genre 
le goüt des Exemplaires rares et curieux, trouveront 
ä le satisfaire. L'Histoire foumit aussi plusieurs 
divisions assez abondantes, telles que celles de 
l’Histoire de France et de PHistoire Litt£raire. 
Dans celle-ci, le Recueü des Mercures est un des 
plus complets et des plus riches en extraordinaire 
qu'ü y ait peut-etre en Europe ....“ usw. Es wird 
dann noch einiges über andere Gebiete gesagt, 
die Erhaltung und Einbände gerühmt und auf die 
Register gebührend aufmerksam gemacht Über 
die Besitzerin wird mit Stillschweigen hinweg¬ 
gegangen; nur die Beifügung „Dame du Palais 
de la Reine“ auf dem Titel macht auf den Namen 
der früheren Besitzerin aufmerksam. Aus der Ein¬ 
leitung ist noch erwähnenswert, dab den Grundstock 
der Sammlung das Cabinet des verstorbenen Herrn 
von Beauchamps, Auteur des Recherches sur le 
Theätre de France, bildet, wodurch sich die Reich¬ 
haltigkeit der Abteilung Theater erklärt 

Zum Schlub noch eine Beobachtung eigener 
Art Die Erfindung der „extra illustrierten“ Werke, 
die sich neuerdings bekanntlich in Amerika zu 
einem wahren Sport ausgebildet hat, war bereits in 
den Tagen der Pompadour nichts neues. Unter 
No. 2848 steht verzeichnet: Les glorieuses Con- 
quetes de Louis le Grand, avec des Plans .. par 
Seb. de Pontault, Seigneur de Beaulieu, Paris 
1680, 4 Foliobände „On y a joint une grande 
quantite de Portraits de Nanteuil“, also eine Extra- 
Illustrierung par excellence. Das Werk brachte 
230 Livres 2 Sols, wurde demnach extra hoch 
bezahlt. 

Leider findet sich bei allen Preisnotierungen 
nirgends der Name des Erstehers genannt Nur 
einmal fand ich bei der No. 404, die mit 27 Livres 
bezahlt wurde, die Andeutung M. d. La. dabei 
geschrieben. Sollte dies vielleicht zugleich der 
Bibliophile gewesen sein, dem der Katalog gehörte 
und der die sorgfältige Notierung der Preise durch¬ 
geführt hat. Ein unermüdlicher Bücherfreund ist 
er jedenfalls gewesen, da er vom ersten bis zum 
letzten Tage aushielt Nur die Addition der 
Auktionspreise war ihm doch eine zu langweilige 
Tätigkeit, obwohl es ihn lebhaft interessierte, zu 
wissen, was die Bibliothek einbrachte. Die ersten 
Seiten sind von ihm sorgfältig addiert; es hatten 
die ersten unbedeutenden 120 Nummern bereits 
2032 Livres 14 Sols nach seiner Rechnung ergeben. 
Auch mir würde es Spab machen, zu erfahren, 
welche Gesamtsumme einkam; ich kann ihm sein 
Interesse nachempfinden. Begnügen wir uns mit der 


Digitized by 


Google 



von Schleinitz, Ein neu veröffentlichter Gesang zu Byrons „Don Juan“. 


203 


Gewißheit, daß der Erlös ein beträchtlicher gewesen 
ist für eine Bibliothek, für die heute freilich viele 
Hunderttausend Francs zu erzielen wären. Nach 
dem „Releve des d£penses de Mad. de Pompadour“, 
veröffentlicht durch Le Roi, hat die Besitzerin selbst 
dafür nur 12,500 Francs ausgegeben, während sie für 
Flitterkram 1,300,000 Francs, für Küche und Keller 
3,504,800 Francs, für Komödien und Feste 
4,000,000, für Wagen und Pferde 3,000,000 Francs 
usw. verbraucht hat Im ganzen soll sie der fran¬ 
zösischen Nation rund 40 Millionen gekostet haben, 


aber nach ihrem eigenen Geständnis hat sie „pen- 
dant tout mon regne“ nur 150,000 Francs den 
Armen gegeben. Ihr Universalerbe, der Marquis 
de Marigny, ihr leiblicher Bruder, hatte sich sehr 
beeilt, die Bibliothek zu Geld zu machen, obwohl 
er sicherlich als General-Intendant der königlichen 
Gebäude und Gärten sein gutes Einkommen 
gehabt haben wird. Es ist vielleicht sein einziges 
Verdienst, daß er der Wissenschaft und der gebil¬ 
deten Welt diese aufgespeicherten Bücherschätze 
wieder zurückgab. 


4P 


Ein neu veröffentlichter Gesang zu Byrons „Don Juan“. 

Von 

Otto von Schleinitz in London. 


er sechste Band von Mr. Emest Hartley 
Coleridges Ausgabe von Byrons poeti¬ 
schen Werken (John Murray. London. 
6 Schilling) befaßt sich ausschließlich 
mit dem „Don Juan“. In der Einleitung bespricht 
der Herausgeber die beim Erscheinen des Ge¬ 
dichtes bekanntlich so außerordentlich verschieden¬ 
artig gefällten Urteile über das Poem. Das Werk 
wurde in folgenden Abschnitten anonym in London 
publiziert: 

Gesang I und II i. J. 1819 (T. Davison). 

„ III, IV und V i. J. 1821 (T. Davison). 

„ VI, VH und VIII i. J. 18 2 3 (Hunt & Clarke). 

„ IX, X und XI i.J. 1823 (John Hunt). 

„ XU, XIII und XIV später i. J. 1823 (J. Hunt). 

„ XV und XVI i. J. 1824 (John & H. L. Hunt). 
Ein untergeschobener, unechter XVII. Canto kam 
1829 und 1838 ein Gesang von 20, nicht von 
Byron herrührenden Stanzen, heraus. Das Wichtigste, 
was uns die neue Ausgabe bringt, besteht in einem 
bisher nicht veröffentlichten und nun zum ersten 
Male gedruckten echten XVII. Canto des „Don Juan“. 

Der Einfluß Byrons auf die moderne Dichtung 
war von welthistorischer Bedeutung. Zu einer Zeit, 
da in Europa die Literatur sich überwiegend der 
Romantik des Mittelalters zuneigte, trat Lord 
Byron als Dichter der Revolution auf, als der 
Vertreter der Unzufriedenheit mit dem Bestehen¬ 
den, und gab allen Klängen des Hohns und 
des Hasses, des Zweifels und der Verzweiflung, 
allen Disharmonien des Lebens und der Natur 
einen so erschütternden und beredten Ausdruck 
wie kein anderer Dichter vor ihm. Hinsichtlich 
der zeitgenössischen Kritik sind wohl jedenfalls 
die Lobspenden Goethes und Walter Scotts die 
bedeutendsten und interessantesten für uns. Die 
dem Genie Byrons gezollte Bewunderung steigerte 
sich durch das Interesse an seiner Persönlichkeit, 
in der die Charaktere des „Faust“ und des „Don 


Juan“ sich in seltener Weise durchdrangen und 
deren Spiegelbild man in beiden Dichtungen 
wiederfand. 

Das Manuskript des neu veröffentlichten XVIL 
Don Juan-Gesanges wurde seinerzeit bei Trelawny, 
in Byrons Gemach in Missolunghi, aufgefunden und 
alsdann mit andern Papieren des Dichters dessen 
Freunde Hobhouse übergeben. Von diesem gelangte 
es an seine Tochter, Lady Dorchester. Byron ver¬ 
ließ 1809 als weltschmerzlicher Misanthrop London 
in Begleitung von Hobhouse, um seine große Reise 
nach Portugal, Spanien, Malta, Griechenland und 
Kleinasien anzutreten. Er durchschwamm den 
Hellespont von Sestos nach Abydos, besuchte Kon¬ 
stantinopel und Athen und kehrte nach den mannig¬ 
fachsten Abenteuern 1811 nach England zurück. 

Der eigentliche Ursprung und das Fundament 
des „Don Juan“ reicht bis zum Jahre 1799 zu¬ 
rück, d. h. in eine Zeit, als Byron noch in Dalwich 
auf der Schule war und dort einen Aufsatz vorlas 
über den 1795 stattgehabten Schiffbruch der „Juno“. 
Diese Arbeit gestaltete sich nach und nach zu 
der berühmten Dichtung aus. 

Im XVI. Canto spielt die Geistergeschichte 
und die Vision des Dichters, dem der Mönch und 
und die Herzogin Fitz-Fulke erscheint. Moore, 
Byrons Freund, erzählt uns, daß während eines 
Besuches in Newstead im Jahre 1814 Byron 
tatsächlich glaubte, den Geist eines Mönches in 
der Abtei gesehen zu haben, der dort seit Auf¬ 
hebung der Klöster umgehen sollte. Byron äußerte 
zu dem ungläubigen Thomas Moore: „Manche, die 
mit ihren Lippen leugnen, daß Tote wieder auf¬ 
erstehen können, bekennen es dennoch durch ihre 
Furcht . . .“ und läßt die schöne Adeline in Be¬ 
ziehung auf den Geist des Mönches singen: 

„And expell’d the friars, one friar still“ 

„Would not be driven away“ 

„Though he is not seen by day“ 

„He stül retains his sway“ 



Digitized by G.OOQle 






204 


von Schleinitz, Ein neu veröffentlichter Gesang zu Byrons „Don Juan“. 


Die beiden achtzeiligen Stanzen des XVI. Canto, 
an den sich dann der XVIL anreiht und jenen 
weiter ausspinnt, aber die Situation noch immer 
nicht zum Austrag bringt, lauten: 

„And Juan, puzzled, but still curious, thrust 
His other arm forth — Wonder upon wonder! 

It press’d upon a hard but glowing bust, 

Which beat as if there was a warm heart under. 

He found, as people on most trials must, 

That he had made at first a silly blunder, 

And that in his confusion he had caught 
Only the wall instead of what he sought“ 

♦ 

„The ghost, if ghost it were, seem’d a sweet soul 
As ever lurk’d beneath a holy hood: 

A dimpled chin, a neck of ivory, stole 

Forth into something much like flesh and blood; 

Back feil the säble frock and dreary cowl 
And the reveal’d — alas that e’er they should, 

In full, voluptuous but not o’ergrown bulk, 

The phantom of her frolic Grace — Fitz Fulke.“ 

* 

Als Byron über die hier waltende laxe Moral zur 
Rede gestellt wurde, zitierte er Voltaires Worte: 
„La pudeur s’est enfuite des coeurs et s’est refugi^e 
sur les lfcvres. Plus les moeurs sont depraves, plus 
les expressions deviennent mesurees; on croit 
regagner en langage ce qu’on a perdu en vertu.. .“ 

Der XVÜ. Gesang (den Sigmar Mehring kürz¬ 
lich recht gut verdeutscht hat) beginnt moralisierend 
und endet mit drei Stanzen, die das Verhältnis 
Don Juans zur Herzogin behandeln. Über dem 
Wohlgefallen erweckt der Dichter ein Gefühl des 
Grauen in uns: er ist eben heimisch in allen Ab¬ 
gründen und Höhen. Wenngleich die Meister¬ 
schaft in Behandlung des Versbaues im XVL 
Canto mehr zutage tritt, so weist doch auch das 
neu hinzugefügte Gedicht ebenbürtige Stellen auf. 
Die besten hierunter enthält der Vers 9, 10 und 
11. Sie lauten folgendermaßen: 

„Pythagoras, Locke, Socrates — but pages 
Might be filled up, as vainly as before, 

With the sad usage of all sorts of sages, 

Who in his life time, each, was deemed a Bore! 

The loftiest minds outrun their tardy ages: 

This they must bear with and, perhaps much more; 
The wise man’s sure when he no more can share it, he 
Will have a firm Obit on posterity.“ 

♦ 

„If such doom waits each intellectual Giant, 

We little people in our lesser way; 

In Life’s small rubs should surely be more pliant 
And so for one will I — as well I may — 

Would that I were less bilious — but, oh, fie on’t! 
Just as I make my mind up every day, 

To be a „totus, teres", Stoic, Sage, 

The wind shifts and I fly into a rage.“ 

* 

„Temperate I am — yet never had a temper; 
Modest I am — yet with some slight assurance; 
Changeable too — yet somehow ,Idem semper 4 : 
Patient — but not enamoured of endurance; 

Cheerful — but some times rather apt tho whimper: 
Mild — but at times a sort of »Herculus furens 4 : 

So that I almost think that the same skin 
For one without — has two or three within.“ 

* 


Gerade darin liegt die Macht der Byronschen 
Poesie, daß man allenthalben, so auch wieder 
in diesen Stanzen, den unmittelbaren Eindruck 
seines eigenen Seelenzustandes empfindet, daß sein 
innerstes Wesen deutlich vorherrscht Byron war 
so sehr ein ursprünglicher, subjektiver Dichter, 
daß selbst seine große Kunstfertigkeit nur als an¬ 
geborenes Talent erscheint Im „Don Juan“ treibt 
er gewissermaßen Übermut mit diesem. Leider 
bieten seine Heidinnen meistens nur ein schwaches 
und schwankendes Bild, während er selbst mit 
gigantischem Trotz auf Menschenkraft baut Der 
anziehendste Frauencharakter ist jedenfalls Aurora 
Raby, hinter der sich Lady Melbourne, die Tante 
von Byrons Gattin, verbirgt. 

Edward John Trelawny (1792—1881), der in 
Missolunghi das verschollene Manuskript fand, 
übergab es John Cam Hobhouse, den Testaments¬ 
exekutor des Dichters. Trelawny war der gemein¬ 
same Freund von Byron und Shelley, neben denen 
er in Rom ruht, nachdem er sich zuvor durch letzt¬ 
willige Verfügung in Gotha hatte verbrennen lassen. 
Durch sein vortreffliches Buch „Records of Shelley, 
Byron and the Author“ bleibt er für immer mit 
seinen Freunden verbunden. Die besten englischen 
Biographien über Trelawny haben W. M. Rossetti, 
Mathilde Blind und Swinebume geschrieben. Der 
jetzt erschienene Band ist dem letzteren, der zum 
zweiten Triumvirat der Praeraphaeliten gehört, ge¬ 
widmet Bume-Jones, Morris und Swinebume sind 
diese drei. Millais, der mit Rossetti und Holman 
Hunt dem ursprünglichen Dreibund der Prae¬ 
raphaeliten angehörte, hat das Andenken Tre- 
lawnys in seinem berühmten, in der Tate Gallery be¬ 
findlichen Bilde „Die Nordwest Passage“ verewigt 

Hobhouse, der Freund Byrons, der als Parla¬ 
mentarier, Schriftsteller und Staatsmann eine her¬ 
vorragende Rolle in England spielte (1786—1869) 
sah den Poeten 1822 zum letzten Male. Als er 
in Pisa Abschied von ihm nahm, sagte Byron zu 
ihm: „Wenn du gehen wülst, hättest du nicht 
kommen sollen!“ Hobhouse schrieb zum Teil für 
Byron die Notizen zu „Chüde Harold“; das Werk 
wurde ihm dafür auch vom Dichter gewidmet Auf 
Veranlassung Hobhouses wurde die Autobiographie 
Byrons vernichtet, während er dagegen ein, seinen 
Freund rechtfertigendes Manuskript verfaßte, das 
sich noch im Besitz der Lady Dorchester befindet 
Hauptsächlich behandelt die erwähnte Handschrift 
die Trennung Lady Byrons von ihrem Gemahl 
Byrons heroischer Tod in Griechenland hatte die 
allgemeine Sympathie für ihn bereits verstärkt 
Durch Moores Darstellung seiner Lebensgeschichte 
wurde das Urteil dauernd zu seinen Gunsten und 
gegen Mrs. Beecher-Stowe umgewandelt. 

Alles in allem bleibt „Don Juan“ das gro߬ 
artigste epische Gedicht Byrons und sein Meister¬ 
werk. Hier entfaltet sich des Dichters reich be¬ 
gabte Natur in glänzender Mannigfaltigkeit und 
Freiheit, zugleich aber gibt es uns den voll¬ 
ständigsten Eindruck seiner Persönlichkeit 


Digitized by tjOOQle 




Aus einem alten Buchladen* 


lirzlich ist in Edinburg ein reizendes 
kleines Buch von E. M. Williamson: 
„Bits from an old Book Shop“ erschienen, 
das der Verfasser allen Bücherliebhabern 
widmet und das diesen hiermit bestens empfohlen 
werden soll. Sie werden mit der Lektüre des 
Werkchens sicher einige Stunden angenehm und 
nützlich verbringen, denn der Verfasser schreibt 
außerordentlich unterhaltend und beherrscht seinen 
Stoff. Er teilt ihn in folgende Kapitel ein: i. Die 
Freuden des Bücherverkaufens. 2. Wie ich Buch¬ 
händler wurde. 3. Die kleine rote Flagge. 4. 
Bücherliebhaber. 5. Annehmlichkeiten beim Bücher¬ 
kauf. 6. Der Wert alter Bücher. 7. Die edle 
Kunst der Bücheijagd. 8. Unter dem Hammer. 
9. Der ideale Buchhändler. 10. Schatten alter 
Buchhändler. 11. Jedes Buch zwanzig Pfennige. 
12. Exzentrische Kunden. 13. Erfolgreiche Bücher. 
14. Zehn Pfennig Leihgebühr täglich. 15. Leiden 
und Freuden eines Verfassers. Die Abschnitte 
über den englischen Buchhandel, seine Vertreter 
und „Customers" werden dem Leser viel Neues 
und Interessantes bieten; hier sei nur Einiges 
herausgehoben, was besonders für alle „Lover of 
books“ bestimmt ist 

Von allen menschlichen Schwächen ist die 
Sucht, alte Bücher zu sammeln, am meisten ver¬ 
zeihlich. Im ersten Stadium dieser Passion be¬ 
gnügt sich der Bücherliebhaber damit, nur die¬ 
jenigen Bücher zu kaufen, die er wirklich liest. 
Dann kauft er Bücher, die er zu lesen beabsichtigt, 
und wenn sich seine Schätze ansammeln, hofft er 
sie zu lesen; allmählich bringt er aber Bücher in 
schönen Einbänden und von hohem Alter, wo 
möglich in unbekannten Sprachen heim, die er 
nicht lesen kann. Das Vergnügen, das man im 
Sammeln alter Bücher findet, wird niemals schaL 
Ist man einmal ein Bücherliebhaber, so wird man 
es wahrscheinlich immer bleiben. Bei heran¬ 
nahendem Alter wird der Mann, der sein Ver¬ 
gnügen in athletischen Leibesübungen gefunden 
hat, nicht mehr imstande sein, seiner Neigung 


nachzugeben; aber der Bücherliebhaber wird Er¬ 
quickung und Freude in der Gesellschaft seiner 
stillen Freunde finden, die sich im Laufe der 
Jahre auf seinen Büchergestellen vereinigten. Das 
geistige Leben mancher Menschen ist am tiefsten 
und reichsten, wenn die physischen Kräfte bereits 
ihren Höhepunkt überschritten haben. Welch ein 
Genuß muß es dann sein, auf einen unerschöpf¬ 
lichen Schatz der besten und höchsten Lebens¬ 
kraft aller Zeitalter zurückgreifen zu können und 
Freuden zu genießen, die selbst dann empfunden 
werden, wenn der Sand der irdischen Lebensuhr 
langsamer rinnt! Es ist eine der angenehmsten 
Lebenserfahrungen eines glücklichen alten Mannes; 
ich habe mehrere solche gekannt, die Bücher¬ 
sammler gewesen sind . . . 

Es ist eine wohlbekannte Tatsache, daß in 
vielen Fällen, wenn ein sein ganzes Leben hin¬ 
durch in Amt oder Geschäft stehender Mann 
plötzlich seine Tätigkeit aufgibt, um seine alten 
Tage zu genießen, diese Veränderung ihm ernst¬ 
lich schadet oder ihn sogar tötet. Aber der 
Mann, dessen Geist mit Kenntnissen bereichert 
ist und der Bücher liebt, der eine Freude daran 
findet, seltene Ausgaben oder ausgewählte Stiche 
zu sammeln, braucht ein solches Schicksal nicht 
zu fürchten; er kann sich zu jeder Zeit von seiner 
Tätigkeit zurückziehen und dann noch glücklich 
sein und weiter sammeln. 

Man kann nicht viel Sympathie für einen 
Mann haben, der Bücher lediglich wegen ihres 
Geldwertes sammelt. Er mag keine Ahnung von 
dem schönen Inhalt seiner Bücher haben, sie 
niemals gelesen oder nie daran gedacht haben, 
sie zu lesen, mag keinen der eigentlichen Gründe 
kennen, weshalb gewisse Werke wertvoll sind, und 
doch kann er auf den Pfennig genau taxieren, 
wieviel ihm diese Ausgabe oder jenes Exemplar 
auf einer Auktion bringen dürfte. Der wirkliche 
Bücherliebhaber aber hält wenig von dem Geld¬ 
werte; er schätzt ein Werk nach seinem Inhalte 
oder weil er es mit einer auf den Verfasser 



* Bits from an old Book Shop by R. M. Williamson . 12°. (119 p.). Edinburgh and Glasgow 1904, John Menzies 

& Co. London, Simpkin, Marshall, Hamilton, Kent & Co. Ltd. 6 d net 


Digitized by LjOOQle 






206 


Kleemeier, Aus einem alten Buchladen. 


bezüglichen Gedankenreihe oder mit seinem An¬ 
denken in Verbindung bringt 

Das Vergnügen, in einem alten Buchladen 
herurazustöbern, gleicht dem Trinken aus einem 
Quell, dessen Wasser klar und kühl hervorsprudelt 
Jedesmal, wenn man die alte Bude besucht, ist 
ein neues Werk dazugekommen, kann man einen 
neuen Schatz durchsehen, hat man etwas gefunden, 
worüber man mit dem Verkäufer sprechen kann. 
Selbst wenn es nicht neue Bücher sind: sind die 
alten nicht wie liebe Freunde, die nur darauf 
warten, daß man sie anschaut? Man befindet 
sich in guter Gesellschaft mit einem guten Buche 
und man freut sich, wenn man es erwerben und 
sich daran ergötzen kann. 

Der absolute Handelswert eines Buches ist 
eine Frage, die niemand richtig beantworten 
kann. Es gibt Bücher über Bücher, aber es gibt 
kein Werk und kann auch keines geben, das den 
wahren Wert eines alten Buches festsetzen kann. 
Kein Mensch, und möge seine Erfahrung noch 
so grob sein, kennt mehr als den annähernden 
Wert einer beschränkten Anzahl von Werken. 
Die Preise seltener Werke ändern sich auf den 
Auktionen fortwährend; die Moden und Launen 
der Sammler ändern sich, und die Verzeichnisse 
der Antiquare sind zuweilen irreführend. Der 
Wert wohlbekannter, aber seltener literarischer 
Schätze steigt jedes Jahr. Diese Wertsteigerung 
verdanken wir vielfach den amerikanischen Mil¬ 
lionären. Geld, folgert der Millionär, kann ihm 
alles verschaffen, was sein Herz begehrt Wenn 
er also den Ehrgeiz faßt, sich eine Bibliothek zu- 
fculegen, so beauftragt er seine Agenten in London, 
Edinburg, Paris, Leipzig, München usw. und läßt 
zu jedem Preise einkaufen. Wenn nun zwei oder 
drei Millionäre auf der Jagd nach denselben 
Seltenheiten sind, so ist leicht zu verstehen, daß 
ein Buch, das vor fünfzig Jahren noch zehn 
Pfund kostete, bald mit hundert bezahlt wird. 

Das Alter allein ist kein Maßstab für den 
Wert eines Buches. Ein Exemplar von „Waver- 
ley M von Walter Scott, 3 Bände 1814, wurde 1892 
in London für 162 JE verkauft. Beim Verkauf 
der Gibson Craig Library 1888 kostete ein un¬ 
beschnittenes Exemplar desselben Werkes nur zehn 
Guineen. Ein kleines Buch von Charles Lamb 
„Prince Dorus“, eine Kindergeschichte mit neun 
kolorierten Tafeln, die 1811 zum Preise von 1 sh 
6 d erschien, brachte beim Verkauf der Northamp- 
ton Library 62 £. Ein Exemplar von Fitzgeralds 
Übersetzung von Omar Chajjam 1859, das einst 
aus Quaritchs Zweipence-Box herausgefischt wurde, 
wurde 1902 von Quaritch selbst für 58 JE verkauft. 

Von den vielen ersten Ausgaben des XIX. Jahr¬ 
hunderts werden nur wenige von Sammlern ge¬ 
schätzt und bezahlt. Zu den am meisten ver¬ 
langten ersten Ausgaben moderner englischer 
Schriftsteller gehören die von Shelley, Keats, 
Scott, Lamb, Meredith, Byron, Wordsworth, Tenny- 
son, Stevenson, Dickens und Thackeray. Sogar 


ein so neues Werk wie „Loma Doone“ von 
R. D. Blackmore, 3 Bände 1869, wurde 1900 für 
37 £ verkauft. 

Von wertvollen ersten Ausgaben früherer lite¬ 
rarischer Meisterwerke muß es noch viele Exem¬ 
plare geben. Für Fust und Schoeffers Psalterium 
auf Pergament 1459 wurden 4950 £ gezahlt. Die 
berühmte Mazarinbibel auf Pergament brachte 
4000 £, ein Exemplar desselben Werkes auf 
Papier 3900 £. Auf der Roxburghe-Auktion 1812 
kam der berühmte Dekameron von Valdorfer auf 
2260 £; 1902 wurde ein Caxton „The Ryal 
Book usw.“ für 2225 £ losgeschlagen. Diese 
Preise gehören freilich zu den höchsten jemals 
auf Auktionen gezahlten. 

Die erste Folioausgabe von Shakespeares 
Werken erschien 1623. Im Jahre 1901 kostete ein 
Exemplar 1720 £. Dieses Exemplar, von Bedford 
in Maroquin gebunden, befindet sich jetzt in der 
Scribner Library in New-York. Von der ersten 
Folioausgabe wurden etwa 600 Exemplare zum 
Preise von 1 £ gedruckt. Im Jahre 1756 kostete 
ein Exemplar 3 Guineen, 1787 10 £, 1807 34 
Guineen; dasselbe Exemplar kostete auf der Rox- 
burghe-Auktion 100 £. 

Das erste in gaelischer Sprache gedruckte 
Buch war „The Book of Common Order“ von 
John Knox, ins Gaelische übertragen von J. Cars¬ 
well, gedruckt von R. Lekpruik, Edinburg 1567. 
Ein unbedeutend defektes Exemplar dieses sehr 
seltenen Werkes kostete in alten schottischen 
Marokko gebunden 1902 500 £. 

Diese kostbaren Frühdrucke, die die Wogen 
der Zeit uns noch übrig gelassen haben, sind sehr 
begehrt und verdienen wohl, der Nachwelt er¬ 
halten zu bleiben; aber äußerst selten kommen 
solche zum Vorschein. Der gewöhnliche Mensch 
muß sich mit Faksimile-Reproduktionen begnügen. 
Nur die „upper ten“ der Buchhändlerwelt können 
hoffen, solche Schätze zu kaufen und zu ver¬ 
kaufen, die oft das Vielfache ihres Gewichtes in 
Goldwert sind. Es macht jedoch viel Vergnügen, 
etwas von diesen kostbaren Bänden zu wissen, 
darüber zu schreiben oder zu sprechen. Der 
Zauber des Alters, der Reiz der Seltenheit, das 
Gewicht des Goldwertes, die geheimnisvolle An¬ 
ziehungskraft, welche die Literatur ausübt: alles 
vereint sich, um dem Verehrer bibliographischer 
Kenntnis Freude und Genugtuung zu gewähren. 

Wenige Bücher haben soviel Vergnügen be¬ 
reitet und soviele Ausgaben erlebt als „The Com- 
pleat Angler“ von Isaac Walton. Die erste Aus¬ 
gabe in 12° 1653 kostete 1 sh 6 d und erzielte 
1896 415 £. 

Eine Dame fragte einmal in einem Laden 
nach einem Exemplar von Robinson Crusoe. 
Ohne Zweifel kaufte sie es für einen Schilling, 
aber sie würde den Buchhändler für verrückt ge¬ 
halten haben, wenn er ihr ein Exemplar der 
ersten Ausgabe von 1719—20 in drei Bänden 
vorgelegt und 206 £ dafür verlangt hätte, welcher 


Digitized by ^ooQle 



Kleemeier, Aus einem alten Buchladen. 


207 


Betrag auf einer Auktion tatsächlich einmal dafür 
gezahlt wurde. 

Im Jahre 1786 gab ein Ayrshirer Ackersmann 
in Kilmamock auf Subskription eine Sammlung 
seiner Gedichte zu dem bescheidenen Preise von 
drei Schillingen für das Exemplar heraus. Das Buch 
war in Oktav (9:6 Zoll) in unansehnlichem 
mit Papier überzogenen Pappband. Ich werde 
niemals den Tag des Jahres 1898 vergessen, an 
dem in einem mit hervorragenden Buchhändlern 
und Burns-Enthusiasten fast überfüllten Auktions¬ 
lokal der ehrwürdige Edinburger Auktionator Mr. 
Dowell ein absolut vollständiges unbeschnittenes 
Exemplar der „Poems, chiefly in the Scottish 
Dialect“ von Robert Bums, Kilmamock 1786, 
unter den Hammer brachte. Die Gebote stiegen 
rasch von 50 £ ab auf 500 £, bis zuletzt nur 
zwei Bieter übrig waren. Schließlich wurde das 
Exemplar mit lautem Beifall dem Mr. Sabine, 
einem Londoner Buchhändler, für 545 Guineen 
zugeschlagen. Dieses selbe Exemplar befand sich in 
verschiedenen Händen und kostete 1870 8 £ 10 Sh., 
1880 60 £. Von dem Kümamock-Burns soll 
es nur noch zwei vollständige Exemplare geben. 
Das zweite Exemplar befindet sich jetzt in Bums’ 
Cottage Museum, Ayr. Es wurde im Juli 1903 von 
G. S. Veitch für, sage und schreibe, 1000 £ gekauft. 

Zuweüen erlangen Bücher einen übertriebenen 
Wert durch Beigaben, die nicht ursprünglich dazu 
gehörten, z. B. Autographen, handschriftliche Zu¬ 
sätze, Exlibris, Bilder usw. Auch Bücher, die sich 
früher im Besitze literarischer und anderer Be¬ 
rühmtheiten befunden haben, werden deshalb 
höher bewertet Es gibt Kenner, die ihre Auf¬ 
merksamkeit besonders auf die Sammlung illu¬ 
strierter Bücher mit Holzschnitten von Bewick 
oder mit Stichen von Cruickshank, Rowlandson usw. 
richten. „The Sporting Magazine“ mit Tafeln, in 
über 155 Bänden, wird mit 2 £ per Band bezahlt 

William Blakes „Songs of Innocence and of 
Experience“ 8° 1789—94 mit 54 Illustrationen 
wurde 1902 für 216 £ verkauft Die Schönheit 
und das Alter des Einbandes eines Buches erhöhen 
seinen Wert bedeutend. Es erfordert aber ein 
besonderes Studium, um die Arbeit eines alten 
Einbandes richtig zu würdigen und zu schätzen. 

Zu allen Zeiten sind die größten, besten und 
liebenswertesten Männer Bücherliebhaber gewesen. 
Alle, die sich der edlen Knechtschaft des Ein¬ 
flusses alter Bücher unterworfen haben, können 
Anspruch auf die Verwandtschaft mit großen 
Geistern der Vergangenheit und Gegenwart machen. 
Jeder wirkliche Bücherliebhaber will die Bücher, 
welche er liebt, auch besitzen. Jahr für Jahr fügt 
er seiner Sammlung neue Lieblinge hinzu, und 
jedes weitere Buch ist ihm eine neue Quelle der 
Freude. Das Vergnügen, eine Bibliothek für sich 
selbst zu besitzen, gleichviel wie klein sie ist, ist 
ein reiner und unverfälschter Genuß. 

Der Blumenliebhaber findet ein großes Ver¬ 
gnügen daran, seine Blumenbeete herzurichten, 


den Samen zu säen und die jungen Pflanzen zu 
pflegen, lange bevor seine Mühen durch die lieb¬ 
lichen Farben der Rose oder Hyazinthe belohnt 
werden. Der Bücherliebhaber hat eine besondere 
Freude daran, in den alten Buchläden herum- 
zustöbem und auf gewünschte Bücher zu fahnden, 
und muß gewöhnlich lange warten, bis seine 
Arbeit durch den Kauf und das Studium der er¬ 
sehnten Werke gekrönt wird. Man möchte sich 
z. B. eine Moxow-Ausgabe von Keats oder einen 
ausgewählten Pickering für seine Bibliothek ver¬ 
schaffen und kann viele frohe Tage in manchem 
Winkel und mancher Ecke verbringen, bevor man 
den gesuchten Band im Triumph nach Hause trägt. 

Das halbe Vergnügen ginge bei der edlen 
Kunst der Bücherjagd verloren, wenn man weiter 
nichts zu tun hätte, als einfach einem Händler den 
Auftrag zu geben, dieses Werk oder jene Aus¬ 
gabe zu besorgen. Das große Vergnügen besteht 
in der Ungewißheit, ob man auch wirklich erlangt, 
was man wünscht: die zu überwindenden Schwierig¬ 
keiten verleihen den Bemühungen erhöhte Würze. 

Die Leute, die das Sammeln und Aufbewahren 
von merkwürdigen und interessanten Dingen zu 
ihrem Steckenpferde gemacht haben, verdienen 
Lob. Der Sammeltrieb beginnt, wenn wir als 
Kinder Knöpfe, Glasperlen, Marbeln und als 
größere Kinder Bilder, Ansichtspostkarten oder 
Briefmarken sammeln. Wir haben Sammler von 
Exlibris, China, Schmucksachen, Stichen, Antiqui¬ 
täten, Gemälden, Uhren, Waffen, antikem Silber, 
alten Schlüsseln, Miniaturen, Porträts, Violinen 
und Merkwürdigkeiten aller Art. Aber der Bücher¬ 
sammler ist, glaube ich, der vornehmste aller 
Sammler. Sein Werk kann nie vollendet, seine 
Sammlung nie vollständig werden, und das Ver¬ 
gnügen des Büchersammelns kann sich fast jeder¬ 
mann gestatten. 

Gewisse Bücherjäger widmen ihre Energie der 
Sammlung von Büchern einer bestimmten Gattung. 
Der Enthusiast für erste Ausgaben ist wohlbekannt. 
Keine andere Ausgabe der Werke eines Autors 
wird eines Platzes in der Bibliothek eines solchen 
Steckenpferdreiters würdig befunden. Er kennt 
jede Einzelheit bezüglich Erscheinungsjahr, Illu¬ 
strationen, Umfang, Format usw. einer editio 
princeps. Seine stolzeste Freude ist es, auf ab¬ 
gelegenen Pfaden und an den unwahrscheinlich¬ 
sten Orten zu jagen und für einige Pence die 
Werke aufzutreiben, die ebenso viele Pfund wert 
sind. Von anderen werden wieder Privatdrucke 
gesammelt Wenn der Verfasser seinen Namen 
eigenhändig auf das Buch geschrieben, hat der 
Eigentümer doppelten Grund, sich zu freuen. 

Ein Liebhaber hatte es fertig gebracht, über 
fünfhundert Werke über das Angeln zu sammeln. 
Er müßte vielleicht die dreifache Anzahl eijagen, 
bevor er der glückliche Besitzer aller Werke über 
diesen Gegenstand sein könnte. Man sollte 
meinen, daß Bücher über Arithmetik keine große 
Anziehungskraft auf den Ehrgeiz eines Sammlers 


Digitized by 


Google 



208 


Kleemeier, Aus einem alten Buchladen. 


ausüben würden; aber ich kannte einen alten 
Herrn, der jedesmal, wenn er in den Laden kam, 
fragte, ob ich etwas in dieser Beziehung hätte; sein 
Fach war eben immer Arithmetik. Ein Mann mag 
Dundee, ein anderer Birmingham, York oder Kirk- 
caldy im Kopfe haben und stets Jagd auf Bücher 
machen, die in seiner Lieblingsstadt gedruckt 
und herausgekommen sind oder darüber handeln. 

Ich kannte einen andern Herrn, der nur nach 
Dichtern suchte. Solche gewöhnliche Dichter wie 
Longfellow, Wordsworth, Tennyson oder Byron 
wollte er aber nicht haben. Bücher, die „in der 
Bibliothek jedes Gentlemans gefunden werden“, 
glänzten auf den Büchergestellen meines Dichter¬ 
jägers durch Abwesenheit Dafür gab es aber 
keinen unbedeutenden Dichter, der nicht in seiner 
Sammlung einen Ruheplatz gefunden hätte. Man 
würde in englischen Literaturgeschichten vergebens 
die Namen der Poeten suchen, deren Erzeugnisse 
er schätzte. Die Tatsache, daß sie vergessen und 
von den volkstümlichen Verfassern in Schatten 
gestellt waren, gab ihnen in seinen Augen einzig 
Wert und Bedeutung. 

Ein wohlbekannter Edinburger Buchhändler 
hatte seit vielen Jahren Werke über Hymnologie 
gesammelt Er wird nun als Autorität auf diesem 
interessanten und wichtigen Gebiete angesehen. 

Ein Buchhändler in Peterhead hatte eine 
reiche Sammlung alter Balladen und eine einzige 
und wertvolle Sammlung von Ausgaben der 
Psalmen zusammengebracht 

Der Duodezimosammler kauft nur die kleinsten 
Ausgaben. Viele griechische und lateinische 
Klassiker wurden in den auserlesensten und zier¬ 
lichsten Pergamentbändchen herausgegeben. Alte 
französische und italienische Werke mit schmucken 
Illustrationen und reizenden Einbänden findet man 
in den winzigsten Ausgaben. Im Englischen 
haben wir Pickerings Diamantklassiker und die 
Neudrucke von Dove, Constable und anderen. 
Die Vorliebe für winzige Bücher hat einen Antrieb 
gewonnen durch die Herausgabe auf Indiapapier 
gedruckter populärer Werke, während Ausgaben 
wie The World's Classics, The Century Library, 
The Temple Classics dem Geschmacke für Miniatur¬ 
bibliotheken dienen wollen. 

Der übliche Oktavband bleibt jedoch das be¬ 
vorzugte Format; der große schwerfällige Folio¬ 
band der Elisabetheischen und späteren Perioden 
ist fast ganz verschwunden. Bücher in Folio 


werden nur selten und nur dann herausgegeben, 
wenn die dazu gehörigen Illustrationen dies er¬ 
fordern. Die alten, in unverwüstliches Leder ge¬ 
bundenen Predigtbände in Folio sind sowohl in 
Bibliotheken als in den Buchläden seltener ge¬ 
worden, aber ihre Seltenheit steigert gewöhnlich 
nicht ihren Wert 

Das mit Büchern verknüpfte Interesse ist so 
vielseitig, daß es sich fast an jede Klasse von 
Menschen wendet Es gibt soviele verschiedene 
Arten von Sammlern als es Typen von Menschen 
gibt Schach und Golf haben ihre Anhänger, die 
jedes aufzutreibende Buch über ihren Lieblings¬ 
zeitvertreib sammeln. Golf hat seine Meister¬ 
spieler, aber auch seine Dichter; über Schach und 
Damespiel gibt es eine ganze Bibliothek. 

Die Literatur erhebt ihre Freunde über das 
gemeine Einerlei des täglichen Lebens; die Klein¬ 
lichkeiten, Eifersüchteleien und niedrigen Schwächen 
der Menschheit scheinen in Gegenwart der Bücher 
zu verschwinden. Die Seelen der Alten, die 
Geister der Weisen, Guten und Großen jedes 
Zeitalters und Landes sind in ihrer ruhmwürdigen Un¬ 
sterblichkeit immer in der Hülle der Werke gegen¬ 
wärtig, welche die Gestelle einer Bibliothek füllen. 

In geringerem Grade stellt ein alter Buchladen 
eine große Bibliothek dar. Der Laden ist nur 
das Mittel zur weiteren Verteilung der Schätze 
der Literatur, aber sein Inhalt wechselt fort¬ 
während. Die Regale werden täglich durch frische 
Bände belebt, und der alte Laden wird durch 
Leben und Mannigfaltigkeit verherrlicht Die 
Leute, die durch ihre Lernlust dazu getrieben 
werden, einem Buchladen ihre Kundschaft zu 
schenken, sind solche von höherem Typus. Es ist 
nicht nötig, daß sie reich oder arm, berühmt oder 
unbekannt sind, denn im Bereiche eines alten 
Buchladens herrscht eine erfreuliche Gesinnung 
sozialer Gleichheit, wie man sie sonst nirgends 
findet. Die niedrigen Schranken von Klasse und 
Glauben verschwinden angesichts der Unsterblich¬ 
keit Ruhig und still, aber unwiderstehlich üben 
die Bücher ihren Einfluß auf den menschlichen 
Geist aus. — 

Diese knapp gefaßten Auszüge aus dem reichen 
Inhalte des Buchs mögen genügen. Wer einen Six- 
pence für die Bits from an old Book Shop aus¬ 
gibt — der Preis ist erstaunlich billig — wird es 
nicht bereuen. 

Leipzig. F. J. Kleemeier . 



Digitized by tjOOQle 




Der „Almanach du Bibliophile“ fiir 1901. 

Mit der gewohnten Verspätung — diesmal sogar 
von i x / 2 Jahren — ist der vierte Jahrgang des von 
Edouard Pelletan in Paris seit 1898 herausgegebenen 
Almanach du Bibliophile “ erschienen, dessen künst¬ 
lerische Ausschmückung Eugen Grasset übertragen 
worden war. Laut Absicht des Herausgebers soll 
dieser Almanach für das Jahr 1901 die Intelligenz, — 
natürlich speziell die französische — des verflossenen 
Jahrhunderts verherrlichen, ähnlich wie der vorher¬ 
gehende, von Steinlen dekorierte Almanach für 1900 
dies in Bezug auf die mechanische Arbeit, mit be¬ 
sonderer Berücksichtigung der letzten Pariser Welt¬ 
ausstellung, getan hatte. Und in einer Reihe von 
Essays über die französische Poesie (Coulangheon), 
Kunst (G. Geoffroy), Kritik (Hamei), Geschichte (Ana- 
tole France), Wissenschaft (Berthelot), Philosophie (G. 
Seattles) im XIX. Jahrhundert, sowie über das Werk 
Auguste Comtes (E. Corra), ist diese Idee in sehr ent¬ 
sprechender Weise zur Ausführung gelangt Etwas 
aus diesem Rahmen fallen die restlichen fünf Aufsätze, 
die mehr dem eigentlichen Charakter des Almanach 
entsprechen und von lebhaftem bibliophilem Interesse 
sind. Allerdings handelt es sich hierbei weniger um 
streng wissenschaftliche Untersuchungen als um knappe, 
unterhaltende, trotzdem aber ernste Causerieen. So 
weist Gustave Larroumet unter dem Titel „Une super- 
cherie litöraire" daraufhin, daß das bekannte „Para¬ 
doxe sur le Comödien“ Diderots gar nicht den be¬ 
rühmten Encyklopedisten zum Verfasser hatte, sondern 
das Machwerk eines gewissen Naigeon sei, welcher 
dazu einen ganz kurzen Aufsatz Diderots „Observations 
sur l’art du Comddien“ benutzt hat; Pierre Dauze be¬ 
spricht die öffentlichen Bücherauktionen während des 
vorigen Jahrhunderts und versucht daraus einige 
Folgerungen für die Zukunft zu ziehen; d'Eylac und 
M. Bröal widmen dem verstorbenen Bibliophilen 
Eugene Paillet sowie dem Kunstschriftsteller und 
Maler Ary Renan warme Nachworte; E. de Crauzat 
plaudert über die französischen Exlibris, und last not 
least unterzieht Clement-Janin die 1891 erschienenen 
französischen Publikationen für Bibliophilen einer 
strengen und wohlverdienten Kritik. Diesen letztem 
Ausführungen über die zahlreichen, mit solcher ver¬ 
schwenderischer Pracht und so zweifelhaftem, künst¬ 
lerischem Geschmack ausgestatteten dditions de luxe 
des französischen Buchmarkts, sowie der diesbe¬ 
züglichen Polemik des Verfassers mit Louis Morin 
Z. f. B. 1904/1905. 


dürfte wohl jeder modemeBibliophile mit Vergnügen bei¬ 
stimmen, um so mehr als derartige unpartensche und 
durchaus gediegene Rezensionen übermoderne Buch¬ 
kunst aus französischem Munde nicht allzu häufig sind. 

Das äußere Gewand des Almanachs — gedruckt 
in der Imprimerie Nationale, Paris — steht auf der 
Höhe der rühmlichen Tradition des Pelletanschen Ver¬ 
lags, dessen Veröffentlichungen sicherlich zum Besten 
gehören, was auf diesem Gebiet jetzt in Frankreich 
erscheint. Gutes Papier, klarer, schöner Druck, wenn 
auch größtenteils mit traditionellen Typen, geschickte 
Verteilung der Druckmassen und eine sehr geschmack¬ 
volle Verwendung des Buchschmucks ist ihnen allen 
gemein. In der Wahl des letztem bleibt E. Pelletan 
stets Franzose und zieht, im Gegensätze zu der kräfti¬ 
geren, rein ornamentalen Dekoration englischer und 
deutscher Bücher, die illustrative Richtung vor. Die 
echt französische Vorliebe für die geistreiche Illustra¬ 
tion, für die elegante, flotte Zeichnung manifestiert sich 
überall deutlich, doch wird sie niemals zum Selbst¬ 
zweck, sondern bleibt stets maßvoll dem Text als 
Zierstück untergeordnet. Und indem Pelletan auf 
diese Weise der nationalen Eigenart treu bleibt, be¬ 
weist er wieder die alte Wahrheit, daß in der Kunst, 
und hier speziell in der Buchkunst, jeder nach seiner 
Manier selig werden kann, besonders wenn man 
sich Zeichner wie Dunki, Bellenger, Bellery-Desfon- 
taines, Steinlen u. a. zu Hilfe nimmt. 

Im Großen und Ganzen gilt das Ebengesagte 
auch für unsem Almanach. Die 30 Zeichnungen 
Eugene Grassets, die ihn schmücken, sind von 
E. Froment Fils in gradezu wunderbarer Weise zwei- 
und vierfarbig in Holz geschnitten. Sie bestehen aus 
vier, die Poesie, Wissenschaft, Geschichte und Philo¬ 
sophie repräsentierenden Hors-textes, 12 Kopfleisten 
und Culs-de-lampe zu den erwähnten zwölf Aufsätzen, 
einem Kalenderblatt für jedes Vierteljahr und dem 
Umschlag. Das bedeutende dekorative Talent Grassets 
ist zur Genüge bekannt, um hier besonders hervorge¬ 
hoben zu werden. Wie in seinen Plakaten, Panneaux 
d^coratifs, Buchumschlägen etc., erscheint auch hier 
seine Hauptstärke in der originellen Komposition und 
in der Farbe zu liegen, während die Zeichnung selbst 
nicht immer einwandsffei ist, besonders in den weib¬ 
lichen allegorischen Figuren der Hors-textes. Aber die 
feine harmonische Farbenzusammenstellung ist durch¬ 
weg von größtem Reiz, die Komposition der einzelnen 
Entwürfe äußerst sinn- und phantasiereich und die 

28 


Digitized by LjOOQle 


210 Chronik. 


dekorative Behandlung selbst der kleinen Culsdelampe 
bei aller Diskretion sehr wirkungsvoll. Die schöne 
allegorische Umschlagszeichnung — schwarz und matt¬ 
rot auf grauem Papier — spricht die dem Almanach 
zugrundeliegende Idee des Sieges der Intelligenz über 
das rein Materielle deudich und künstlerisch aus, 
während die Kopfleisten — graugelb und blaugrün — 
die sechs verschiedenen Regierungsformen Frankreichs 
im XIX. Jahrhundert und seine vier bedeutendsten 
Kunstepochen: Neoklassicismus, Romantik, Schule der 
Pamassiens und des Symbolisten-Realismus prächtig 
symbolisieren. Mit wieviel Geist und Witz ist z. B. die 
Restauration und die bourgeoise Julimonarchie illu¬ 
striert, wie entzückend stimmungsvoll die romantische 
Poesie dargestellt 1 In einigen dieser kleinen dekora¬ 
tiven Bildchen steckt mehr schöpferisches Talent als 
in mancher großen bemalten Leinwand. Natürlich 
konnte nur ein solcher meisterhafter Holzschnitt wie der 
Fromentsche allen Feinheiten der Grassetschen Kom¬ 
positionen gerecht werden und sie unverstümmelt 
wiedergeben. 

Mit der bleibenden Erinnerung an ein wahrhaft 
schönes und lesenswertes Buch legt man den Almanach 
aus der Hand. 

Der nächste Jahrgang, also für 1902, soll in Kurzem 
mit Holzschnitten von Paul Collin erscheinen. 

Moskau. P. Ettinger. 


Weltgeschichte. 

Cotta in Stuttgart verausgabte von Theodor Undners 
Weltgeschichte kürzlich den dritten Band (broschiert 
5,50 Mk.), der bis 1450 reicht. Die Kultur des Orients 
beginnt zu stagnieren, teilweise auch zurückzugehen; 
Westeuropa hat die Kultur, die es als Erbschaft über¬ 
nommen, gänzlich der Kirche überlassen: das Papst¬ 
tum gibt der Darstellung die Einheit. Das XIII. Jahr¬ 
hundert bereitet die Wendung vor; das bare Geld 
kommt zur Herrschaft, die Ausbildung des Bürger¬ 
tums beginnt; der Versuch, sich aus der Bevormundung 
der Kirche herauszuarbeiten, ändert die allgemeine 
Weltanschauung, geistiges und staatliches Leben bilden 
zwei nebeneinander herlaufende Grundströme der Ent¬ 
wicklung. 

Der Band gliedert sich in drei Bücher. Das erste 
Buch schildert den Kampf der letzten Staufer mit dem 
Papsttum bis zum Tode Konradins. Das zweite gibt 
ein umfassendes Bild der abendländischen Kultur im 
XIII. Jahrhundert; die Allmacht der Kirche, der 
Widerstand gegen sie und ihr Sieg, die Ausbreitung 
von Kunst und Wissenschaft, Rittertum und Minnesang 
und ihr Einfluß auf das Laientum, die Wirkung der 
Kreuzzüge und die Entwicklung des Handels, Städte 
und Bürgertum, die Besiedelungsversuche im Osten 
und die Anfänge der Hansa. Einen noch gewaltigeren 
Kulturabschnitt umspannt das dritte Buch, das den 
Niedergang der politischen Macht des Papsttums und 
die Eigenentwicklung der europäischen Staaten dar¬ 
stellt Der Band schließt mit dem Ende der Konzile 
im April 1449. Anscheinend triumphiert das Papst¬ 


tum auf der ganzen Linie, und doch haben sich unter 
der gleich gebliebenen Oberfläche mächtige Wand¬ 
lungen vollzogen: die kirchliche Idee hat einen schweren 
Schlag erlitten, der Zwiespalt zwischen Welt und Kirche 
klafft weiter denn je. Und während das Baseler Kon¬ 
zil im Todeskampf liegt, wird zu Mainz die neue Kunst 
geboren, die auch das Laientum zu vollem Anteil an 
dem Geistesleben befähigt: der Buchdruck. 

Die Literaturangaben sind auch in diesem Bande 
wieder so zahlreich (sie umfassen 10 Druckseiten), daß 
man sie w ohl als eine Bibliographie zur Geschichte der 
Zeit von 1200—1450 bezeichnen kann. 


Auch von der Helmoltschen Weltgeschichte (Biblio¬ 
graphisches Institut, Leipzig) liegt ein neuer Band vor: 
der achte (in Halbleder gebunden 10 Mk.). Er bildet 
zum großen Teil die rein zeitliche Fortsetzung des 
siebenten Bandes, anderenteils aber auch dessen in¬ 
haltliche Ergänzung. Diese beiden Bände bilden also 
ein Ganzes. Zunächst wird die politische und Kultur¬ 
geschichte Westeuropas von der Entstehung der Gro߬ 
mächte bis zur Gegenwart in vier Abteilungen fort¬ 
geführt: Professor Dr. Arthur Kleinschmidt gibt eine 
gedrängte Übersicht über das Zeitalter der Revolution, 
des ersten Napoleon und der Reaktion; Professor 
Dr. Hans v. Zwiedineck Südenhorst schildert die Neu¬ 
gestaltung in Europa in staatlicher und gesellschaft¬ 
licher Hinsicht zwischen 1830 und 1859; dann folgt die 
Erzählung der Ereignisse, die in der Einigung Italiens 
und Deutschlands gipfeln (1859— 1866) und die Dr . Heinr . 
Friedjung bearbeitet hat, und schließlich unterrichtet 
Dr. Gottl. Egelhaaf in knapper Fassung über die Zeit¬ 
läufte von 1866 bis 1903. Den Abschluß des Bandes 
bildet ein Essai des Professors Dr. Rieh . Mayr , in dem 
die Entfaltung von Kunst, Wissenschaft und Bildungs¬ 
wesen von den Tagen der Scholastik an bis zur Wende 
des letzten Jahrhunderts eine glänzende Darstellung 
findet. Der Anhang bringt eine Würdigung der ge¬ 
schichtlichen Bedeutung des Atlantischen Ozeans aus 
der Feder des Professors Dr. Karl Weule. 

Dem Bande sind wieder zahlreiche Beilagen bei¬ 
gegeben, so u. a. an Kunsttafeln: Reproduktionen der 
Dondorfschen Lithographie des Gemäldes von Isabey 
„Der Wiener Kongreß“, der Adamschen Lithographie 
„Radetzkys Begegnung mit Victor Emanuel nach der 
Schlacht bei Novara“, aquarelliert von Fr. Kulnigg, 
und des Blanchardschen Kupferstichs nach Dubufes 
Gemälde „Der Pariser Kongreß 1856“. Dazu kommen 
7 farbige Karten und eine Anzahl Porträttafeln, poli¬ 
tische Karikaturen, Faksimiles von Bruchstücken be¬ 
rühmter Dokumente u. a. m. H. 


Der Buchdrucker und Sprachmeister Johann 
Friedrich Schiller. 

Zu dem trefflichen Aufsatz von Alfred Börckel über 
die interessante Persönlichkeit des Buchdruckers und 
Sprachmeisters Johann Friedrich Schiller kann ich zu 
dem Absatz S. 62 (Zeitschrift für Bücherfreunde, Mai 


Digitized by LjOOQle 



Chronik. 


211 


1904) einen Nachtrag geben, der Börckels hier aus¬ 
gesprochenes Urteil etwas modifiziert Er sagt: 

„Etwas Konkurrenzneid hat hier zweifellos das ab¬ 
fällige Urteil (über Schillers Vetter als Übersetzer) be¬ 
einflußt; auch die Verleger— es waren die ersten Firmen 
Deutschlands —, für die Schiller übersetzte, teilten 
es nicht“ 

Nun, die Verleger ließen Schillers Übersetzungs¬ 
deutsch durch die ersten deutschen Stilisten korrigieren. 
Am 19. Februar 1779 schreibt Georg Joachim Zollikofer, 
der berühmte Kanzelredner, an den Phüosophen und 
Schriftsteller Christian Garve aus Leipzig (Briefwechsel 
zwischen Garve und Zollikofer, herausgegeben von M. 
und S., Breslau 1804, S. 252 fr.): „Müßiggehen kann ich 
nicht; gesellschaftliche Vergnügungen genieße ich mit 
vieler Mäßigung, weit seltener als viele andere meines 
Standes und vielleicht seltener als ich es tun sollte; und 
oft gehen doch ganze Wochen und mehrere Wochen 
nacheinander hin, ehe ich nur ein Buch zur Hand 
nehmen oder etwa eine halbe Stunde lesen kann. Und 
nun, da ich kaum angefangen habe, kommt schon 
wieder eine Korrektur von Robertsons Geschichte von 
Alt-Griechenland. Schiller in London hat sie gemacht 
und seine Sprache ist öfters undeutsch . Diese Fehler 
soll ich ihr benehmen, so wie wir es mit seiner Geschichte 
von Amerika gemacht haben-, —eine mühsame,undank¬ 
bare Arbeit, die ich aber doch nicht wohl von mir ab¬ 
lehnen konnte . Das Buch selbst läßt sich im Englischen 
sehr gut lesen, zeichnet sich aber doch weder durch 
die Stellung und Verbindung der Begebenheiten, noch 
durch die philosophische Behandlung und Benutzung 
derselben besonders aus. Übrigens ist die Orthographie 
der griechischen Namen so fehlerhaft, wie man sie 
eigentlich nur von einem Franzosen erwarten könnte, 
und daraus muß ich fast schließen, daß der Verfasser 
seine Geschichte nicht aus den Quellen geschöpft hat.“ 
Aus diesem Briefe geht sicher hervor, daß Zollikofer 
und Garve die Schillersche Übersetzung von Robert¬ 
sons Geschichte von Amerika auf gutes Deutsch hin 
korrigiert haben, wie es jetzt Zollikofer im Aufträge des 
Verlages mit Robertsons Geschichte von Alt-Griechen¬ 
land tut. Wir sehen dabei, daß Zollikofer das englische 
Original zur Hand hat und auch dem englischen Text 
ganz gewachsen ist Daß diese Männer, von denen die 
anonymen Herausgeber des Briefwechsels sagen, „daß 
ihre Briefe als ein Denkmal der Empfindungs- und 
Denkungsart zweier der edelsten Männer Deutschlands 
zu betrachten sind,“ maßgebende Beurteiler der Über¬ 
setzungskunst von Schillers Vetter waren, sagt uns 
schon das Konversationslexikon oder dem, der sich 
genauer über sie orientieren will, die Allgemeine 
Deutsche Biographie. Im Übrigen scheint es mir auch 
ganz zweifellos zu sein (Zeitschrift für Bücherfreunde, 
Mai, S. 59), daß Johann Friedrich Schiller dem Verkauf 
von Württembergischen Landeskindern an fremde 
Mächte nicht fern stand. In den amerikanischen Zeit¬ 
schriften, welche die geistigen Beziehungen der Union zu 
Deutschland pflegen, als Americana Germanica, Modem 
Language notes, in den Büchern von Kapp und Lowell 
über den Soldatenhandel deutscher Fürsten ist darüber 
authentisches Material zu finden. Wenn ich mich recht 


erinnere, hat ein Aufsatz von James Taft Hatfield und 
Elfrieda Hochbaum „The influence of German Revo¬ 
lution upon German Literature“ in Americana Germa¬ 
nica (1899 und 1900) auch Johann Friedrich Schiller 
als Unterhändler beim Soldatenverkauf erwähnt 

M. M. 


Zur Herstellung der mittelalterlichen 
Miniaturen. 

Henri Martin, der gelehrte Bibliothekar der Biblio-^ 
th£que de f Arsenal in Paris, hat eine interessante Ent¬ 
deckung in Beziehung auf die illuminierten Manuskripte 
des Mittelalters verzeichnet. Martin hat sich seit 20 
Jahren das Studiu